70 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

die dann auch in die von römischer Kultur nicht berührten
Gebiete Europas deren Errungenschaften verbreiteten. Ins—
besondere ist es die Oikenwirtschaft, die in zum Teil ver—
änderter Form in das germanisch-romanische Mittelalter
hinüber gerettet wird. Sie erscheint hier als sogenannte
Fronhofwirtschaft, d. h. als hoch entwickelte Eigenwirt—
schaft der weltlichen und geistlichen Großen des Reichs, der
Klöster, Stifter usp. Was sich gegenüber dem Altertum
geändert hatte, war die rechtliche Lage der in diesen Wirt—
schaften tätigen, abhängigen Leute. Diese waren, wie man
weiß, aus Sklaven Hörige geworden. Des weiteren unter—
schied sich die mittelalterliche Fronhofwirtschaft dadurch von
der antiken Oikenwirtschaft, daß die Bewirtschaftung des
Bodens vielfach von Bauern ausgeführt wurde, die auf
ihrer Scholle verblieben und lediglich zu Diensten bezw.
Abgaben an den Fronherrn verpflichtet waren. Was die
gewerbliche Produktion anbetrifft, so wurde diese ganz ähn—
lich wie in den alten Oikenwirtschaften vollzogen. Es gab
auf den großen Fronhöfen Frauenstile, wo die aus dem
eigenen Boden, bezw. von den eigenen Tieren gewonnenen
Rohstoffe versponnen und verwebt wurden; es gab auf
den Höfen herrschaftliche Anstalten zur Vermahlung des
Getreides, zur Bereitung des Brotes, zum Brauen, zur
Verrichtung der Schmiedearbeit, der Stellmacherarbeit usw.
Einen wie hohen Grad die Entwickelung der gewerb—
lichen Produktion in diesen mittelalterlichen Fronhöfen er—
reichte, lehrt uns die Darstellung, die wir von dem Königs—
hofe Karls des Großen im capitulare de villis finden:
Hier wird ausgesprochen, daß an jedem Königshofe vor—
handen sein sollen Eisen-, Gold- und Silberschmiede,
Schuster, Schneider, Sattler, Schreiner, Dreher, Zimmer—
leute, Schild- und Harnischmacher, Fischer, Vögelfänger,
Seifensieder, Bereiter von Bier oder Apfel- und Birnen—