74 Uberblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.
ein wachsender Überschuß an Bodenerzeugnissen zum Aus—
tausch gegen gewerbliche Produkte zur Verfügung gestellt
wurde. Auf der anderen Seite wird die ganze Zeit
charakterisiert durch einen ausgesprochenen Mangel an ge—
werblichen Produzenten. Wir wissen aus unserer theore—
tischen Erörterung, daß dieser Mangel durch zwei Umstände
bedingt ist, durch bestimmte Gestaltung der Bevölkerungs—
verhältnisse und durch einen bestimmten Grad der gewerb—
lichen Technik. Was die Bevölkerungsverhältnisse
anlangt, so waren diese während des europäischen Mittel—
alters insofern der Entwickelung handwerksmäßiger Pro—
duktion günstig, als zunächst die allgemeine Zuwachsrate
der Bevölkerung eine geringe war und bis in das 18. Jahr—
hundert hinein blieb. Von Deutschland wissen wir, daß
von einer allgemeinen Zunahme der Bevölkerung zwischen
1250 und 1450 kaum die Rede sein kann, von England
erfahren wir von einer Zunahme zwischen Domesday-Book
und Hundred Rolls, dann folgt ein Stillstand bis zum
15. Jahrhundert, in Frankreich beobachten wir ein An—
wachsen bis ins 14. Jahrhundert, in Belgien starke Bevölke—
rungszunahme im 12. und 13. Jahrhundert, die offenbar
im 14. Jahrhundert nachläßt. Die Gründe für diesen
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Mangel an aller Hygiene in Stadt und Land, Häufigkeit
und Blutigkeit der Kriege, vor allem aber die beiden
Geiseln des Mittelalters, Hungersnot und Seuchen, die
gern in Gemeinschaft sich einstellten. Dann aber war
während langer Jahrhunderte insbesondere auch die land—
wirtschaftliche Uberschußbevölkerung, also derjenige Bevölke—
rungsteil, für den in der Sphäre der landwirtschaftlichen
Tätigkeit kein Spielraum ist, gering. Eine geringe land—
wirtschaftliche Uberschußbevölkerung ist aber dann vorhanden,
wenn für die ländliche Zuwachsbevölkerung die Möglichkeit