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        <title>Gewerbewesen</title>
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            <forname>Werner</forname>
            <surname>Sombart</surname>
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        EIGENMTUVM
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2131410 785 *

28074
        <pb n="2" />
        Sammlung Göschen

Gewerbewesen

Erster Teil

il

Werner Sombart
Brofessor an der niversität Breslau

Leipzig
G. J. Göschen'sche Verlagshandlung
1904
        <pb n="3" />
        Alle Rechte, insbesondere das übersetzungsrecht,
von der Verlgagsßhbandq vorbehalten.

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72

Spamersche Buchdruckerei, Leipzig.
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        Inhaltsverzeichnis.

J. Abschnitt.
Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation.
Erstes Kapitel. Die gewerbliche Arbeit in den
Grundzügen ihrer Entwickelung.
J. Allgemeines .. F
II. Die Entwickelungsphasen der gewerblichen Technik im
allgemeinen . .. —W 6
III. Die Prinzidien der modernen Technik im besonderen 18

Zeite

Zweites Kapitel. Die Organisation der gewerblichen
Arbeit in den Betrieben.
J. Allgemeines..
II. Die Individualbetriebe
III. Die gesellschaftlichen Großbetriebe
Drittes Kapitel. Die wirtschaftliche Organisation
der gewerblichen Arbeit.
J. Die Wirtschaftsform der gewerblichen Produktion im
allgemeinen
II. Die hausgewerbliche Eigenproduktion.
III. Die handwerksmäßige Orgauisation
1. Die Bedeutung des Wortes Handwerk
2. Begriff und Wesen des Handwerks
3. Die Arten des Handwerrßsß.
4. Die Existenzbedingungen des Handwerks
IV. Die kapitalistische Organisation des Gewerbes
1. Begriff und Wesen der kapitalistischen Unter—
nehmung... —W
Die Arten der kapitalistischen Unternehmung .
Voraussetzungen und Bedingungen des gewerb⸗
lichen Kapitalismus

29
35
36—

z
40
42
42
53
48
z
52

52
57

30
        <pb n="5" />
        Inhaltsverzeichnis

II. Abschnitt.

Seite

überblick über die geschichtliche Entwickelung
des Gewerbewesens.
Erstes Kapitel. Das Altertum.“
Zweites Kapitel. Das Mittelalter.
IJ. überblick ...
II. Bäuerliches Gewerbe
III. Die gewerbliche Produktion in den Frouhofwirtschaften
1V. Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation..
. Ihre Verbreitung, ihre Wesenheit und die Gründe
ihrer langen Dauer. .. *73 *
Die Ordnung des mittelalterlichen Gewerbewesens
in der sogenannten Zunftverfassung
Drittes Kapitel. Die neuere Zeit.
J. Einleitung. . ..
II. Die Erfüllung der subjektiven Voraussetzungen kapi⸗
talistischer Wirtschaft.. .*
III. Die Schaffung der objektiven Bedingungen kapitalistischer
Wirtschaft . .. . 3
1. Die Entstehung des großen Marktes für die
aufkommende Industrie .. .
2. Die Entstehung des Proletariats.
3. Die Entwickelung der modernen Technik..
4. Die Neugestaltung des Wirtschaftsrechtes.

67
67
69
72

72

76

89

83

88

88
94
96
97

Übersicht über die grundlegenden Gewerbegesetze
in den wichtigsten Kulturstaaten.
A. Die deutschen Stagaten vor Einigung des Reiches 104
3. Der Norddeutsche Bund bezw. daͤs deutsche Reich 105
C. Die übrigen europäischen Staaten.. .1606
IV. Überblick über den Gang der gewerblichen Entwickelung
bis ins 19. Jahrhundert .. 25
Register.

106
109
        <pb n="6" />
        J. Abschnitt.

Die gewerbliche Arbeit und ihre
Organisation.

J. Kapitel.

Die gewerbliche Arbeit in den Grundzügen ihrer
Entwickelung.

4. Allgemeines. Die natürliche Grundlage aller ge—
werblichen Produktion bildet die gewerbliche Arbeit. Von
ihrer Gestaltung und Leistungsfähigkeit hängt der produktive
Erfolg im wesentlichen ab. Wenn wir die gewerbliche
Arbeit unter dem Gesichtspunkte der Eigenart betrachten,
wie die Menschen Dinge der äußeren Natur ihrem Bedarf
dienstbar machen, sprechen wir von gewerblicher Technik. Die
zewerbliche Technik hat im Laufe der Zeiten beträchtliche
Wandlungen erlebt, insbesondere auch was den produktiven
Erfolg eines bestimmten Arbeitsaufwandes betrifft. Im
allgemeinen können wir eine Vervollkommnung der gewerb⸗
lichen Technik im Verlauf der meunschlichen Entwicklung in—
sofern konstatieren, als es gelungen ist, mit einem geringeren
Arbeitsaufwande eine bestimmte Menge von Gütern her—
zustellen. Im folgenden soll eine kurze Skizze gezeichnet
werden von der Entwicklung der Technik, soweit sie für
den eben genannten Gesichtspunkt — Steigerung der
Produktivität der Arbeit — von Belang ist. Ich lehne
mich dabei engstens an die ausführlichen Darstellungen
        <pb n="7" />
        Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
an, die ich von dem Gegenstande in meinen eingangs zi⸗
tierten Werken zu geben versucht habe.

IIJ. Die Entwickelungsphasen der gewerblichen Technik im
allgemeinen.

Nach zwei Seiten hin entfaltet sich gleichzeitig die
menschliche Fähigkeit zum Produzieren: es mehren sich die
Kenntnisse von den Eigenschaften der uns umgebenden
Natur, mit der wir uns zur Erreichung unserer Zwecke
notgedrungen auseinandersetzen müssen; und es erweitert
sich das Maß des eigenen Könnens, die Dinge der äußeren
Natur unseren Wünschen entsprechend umzuformen: unsere
Arbeitsfähigkeit wird in ihrer quantitativen Ergiebigkeit
und qualitativen Anpassungskunst auf eine immer höhere
Stufe der Vollendung gehoben. Beide Seiten ergänzen
sich notwendig und geben zusammen erst das vollendete
Bild je von der Stufe technischer Leistungsfähigkeit, auf die
die Menschheit sich erhoben hat.
Auf dreierlei hat sich das Augenmerk des Menschen zu
richten, um der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, damit
sie aus einer spröden Feindin eine willige und hingebende
Befährtin werde: auf die Stoffe und ihre Geeigenschaftung,
menschlichem Bedarf zu dienen, auf die Kräfte, die in der
Natur verborgen schlummern und gezähmt werden und in
unseren Dienst treten können, auf die Umbildungsprozesse
jelbst endlich, in denen die Allmutter ewig Neues zeugt und
don denen wir Nutzen ziehen können, wenn wir sie zur
rechten Zeit und am rechten Ort selbst ins Leben rufen
oder uns ihrer bedienen, wo und wann wir sie sich abspielen
sehen. Täglich vermehrt sich noch heute die Anzahl der
Stoffe, die wir, sei es zur Nahrung, zur Kleidung, als
Hilfsstoffe oder wie sonst immer als geeignet erachten.
        <pb n="8" />
        Die Entwickelungsphasen d. gewerbl. Toc

unserem Bedarf zu dienen. Von den
an bis zu den modernen Farbmitte
furrogaten zieht sich die unabsehbare
und unseren Zwecken mutzbar gemachte
iußeren Natur. Und sogar die Kräfte ir
wir in unseren Dienst zwingen, mehren sich nuch imnmer.
Zu Wind und Wasser und Dampf ist nun in unserer Zeit
die Elektrizität getreten. Vorgänge in der Nalur selbst
aber haben wir uns zu nutze gemacht, seit wir mit dem
Feuer kochen und schmelzen, seit wir waschen und färben
lernten, bis zu den sich heute überstürzenden chemischen
Verfahrungsweisen, deren sich unsere Industrie in ewig
wechselndem Zusammenhange zu bedienen versteht.
Und auch das wird sich feststellen lassen: daß die Be—
herrschung der Kräfte und Prozesse in der Natur eine immer
sicherere wird. Anfangs müfsen wir uns begnügen, wenn wir
mit benutzen können, was sich ohne unser Zutun in der Na⸗
tur abspielt: wir segeln mit dem Winde, wie er sich erhebt,
und lassen von dem Bache unsere Mühlen treiben, wie stark
oder schwach er fließt. Später lernen wir die natürlichen
Vorgänge lenken, beeinflussen, daß sie rascher oder lang—
samer, stärker oder schwächer in ihren Wirkungen sich ab—
spielen. Endlich vermögen wir den Prozeß, die Kraft
jelbsttätig zu erzeugen, die uns dienen sollen.
Zu dem Kennen muß sich das Können gesellen; neben
die Nutzung der Naturkräfte muß die Betätigung der eigenen
Kräfte treten. In dem Maße, wie wir den Geheimnissen
der Natur nachgehen, „in ihre tiefe Brust, wie in den Busen
eines Freundes schauen“ lernen, muß sich unsere Fähigkeit
entwickeln, gestaltend auf sie einzuwirken mit unserer eigenen
Hände Arbeit: muß sich das zu höheren Formen entfalten,
was man etwa die Arbeitskunst zu nennen versucht
wäre.

ngs⸗
AAIdecktex
dteile
        <pb n="9" />
        Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

Verfolgen wir die Menschheit auch auf diesem Ent—
wicklungsgange und suchen wir die einzelnen Stationen
dieser via crucis uns zu vergegenwärtigen, so wird unser
Augenmerk zunächst auf einen Vorgang gerichtet sein müssen,
in dem sich die Methoden des Arbeüens selbst vervoll—
kommnen. Ich meine die Art und Weise, wie sich die
bloße Fähigkeit entwickelt, die Gliedmaßen, also so gut wie
ausschließlich die Hände für die Bearbeitung der Sachen
durch allerhand ingeniöse Hilfsmittel geeigneter zu machen.
Daß auch dabei die Finger nur die willig gehorchenden
Organe des erfinderischen Hirnes sind, braͤucht nicht be⸗
sonders betont zu werden.
Da ist es nun vor allem ein Differenzierungsprozeß
der Arbeitsaufgaben und damit der Arbeitsleistungen, in
denen sich die menschliche Arbeitskunst verfeinert und läutert.
Mit fortschreitender Kultur mehren sich einmal die von der
menschlichen Arbeit zu bewältigenden Probleme: es werden
immer neue Güter in den Bereich unserer Bedarfsbefrie⸗
digung gezogen und schon dadurch bereichert sich die Skala
unseret Arbeitsverrichtungen. Von der ursprünglich einzigen
und einheitlichen Arbeitsleistung: dem Aufkratzen der Erde
zu einer Höhlung bis zu der tausendfach differenzierten ge—
werblichen Tätigkeit unserer Tage ist ein weiter Gang, den
die menschliche Arbeitskunst zurückgelegt hat. In diesem
Entwicklungsgange ist nun aber zwischen zweierlei zu unter—
scheiden: zwischen der Differenzierung der Arbeitsver—
richtungen, die durch eine Vermehrung der Produkte hervor⸗
gerufen ist und derjenigen Differenzierung, die gleichsam
von innen heraus durch eine bewußte Zerlegung der Arbeit
in ihre einzelnen Teilverrichtungen entstanden ift.
Es handelt sich zunächst nur um die Tatsache, daß die
Kunst des Arbeitens dahin fortgeschritten ist, eine Summe
von Teilarbeiten aufzulösen, so daß' nun jede Teilarbeit als
        <pb n="10" />
        Die Entwickelungsphasen d. gewerbl. Technik im allgem. 9

gesonderte Arbeitsaufgabe betrachtet werden kann. Ganz
nach dem Rezept jenes sehr zu Unrecht verspotteten Philo—
sophen, von dem wir lernen sollen:

„Daß, was wir sonst auf einen Schlag
Getrieben, wie Essen und Trinken frei
Eins! Zwei! Drei! dazu nötig sein“

Dieses damit gekennzeichnete, durchaus nicht unvernünftige,
sondern verwünscht gescheute Arbeitsverfahren wollen wir
in Anlehnung an einzelne vorhandene Ansätze zur Erkennt—
nis Arbeitszerlegung nennen. Dabei braucht der Pro—
duktiousprozeß zunächst gar nicht verändert zu sein und es
kann doch das Arbeitsverfahren ein neues sein, weil die—
selben Verrichtungen wie früher nun in ihrer Selbständig—
keit erkannt werden. Beispiel: Eine Bäuerin spinnt ihren
Flachs zu Garn, ohne zu wissen und sich darum zu kümmern,
woraus sich diese ihre durchaus einheitliche Arbeitsleistung
zusammensetzt. Ein arbeitszerlegendes Verfahren löst das
Spinnen eines Fadens mindestens auf: 1. Kardieren:
2. Strecken; 3. Vorspinnen; 4. Feinspinnen.
Die grundlegende Bedeutung dieses Verfahrens liegt
nun aber in der dadurch erst geschaffenen Möglichmachung
anderer Kunstgriffe des erfindungsreichen Menfschen zud
besseren Bewältigung seiner Aufgaben. Die Arbeitszerlegung
bereitet die Arbeitsspezialisierung vor: jene Einrichtung, bei
der ein und dieselbe Arbeitsverrichtung jederzeit von dem—
selben Arbeiter ausgeführt wird. Das mag ein isolierter
Arbeiter oder ein Arbeiler in einem großen Betriebe sein.
Daß aber die Spezialisierung der Arbeitsverrichtung die
Arbeitsfertigkeit quantitativ und qualitativ zu steigern ver—
mag, wußte schon Adam Smith bekanntlich.
Die Arbeitszerlegung schafft aber weiter erst die Mög—
lichkeit, qualitativ und quantitatip abgestufte Arbeitsleistungen
        <pb n="11" />
        10 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

an Stelle vollwertiger Totalleistungen zu nutzen: durch die
Zerlegung des Gesamtproduktionsprozesses in einzelne
Teile entstehen viele Teilarten, zu deren Ausführung Kinder,
Weiber, Greise, Krüppel und geistig Arme gleichermaßen
sich eignen wie vollwertige Arbeitskräfte mit Kraft und
Geschick; entstehen aber auch so vielerlei Teilarbeiten, daß
die qualitativ unterschiedliche Begabung der Menschen zu
voller Berücksichtigung zu gelangen vermag. Die Abbeits—
zerlegung verselbständigt gleichsam die Teilprozesse; sie ge—
stattet dadurch das, was früher nur nacheinander denkbar
war, nebeneinander zu legen: die gleichzeitige Inangriff—
nahme sämtlicher Arbeitsverrichtungen eines Gesamtprozesses
wird möglich. So lange es nur ein „Spinnen“ gibt, kann
dieser Gesamtprozeß immer nur als Ganzes zu gleicher Zeit
begonnen werden. Nun das „Spinnen“ in seine Bestand—
teile aufgelöst ist, kann à tewpo nebeneinander kardiert,
gestreckt, vor- und feingesponnen werden: eins der wesent⸗
lichsten Momente für die Beschleunigung des Produktions—
prozesses.
So wichtig ist dieses Verfahren der Arbeitszerlegung
dank der daran sich knüpfenden Moöglichkeiten zweckmäßiger
Arbeitsorganisationen, daß es uns nicht in Erstaunen setzt,
wenn wir die Okonomen, die das Prinzip der Arbeits—
zerlegung freilich in etwas gebrochenem Zustande als so⸗
genannte „Arbeitsteilung“ erspäht hatten, durch den Glanz
dieser folgenreichen Methode so sehr geblendet sehen, daß
sie lange Zeit für andere analoge Verfahrungsweisen zur
Ausgestaltung der Arbeitskunst gar keinen Blick hatten.
Und doch gibt es deren noch manche. Bestimmte Methoden,
das zu ver⸗ oder bearbeitende Material in einer vorbedachten
Weise zurechtzulegen, damit, wenn dann die Arbeit vor—
genommen wird, ein Maximum von Effekt herausspringt.
Diese vier Arten, sagen wir der Materialanordnung, sind:
        <pb n="12" />
        Die Entwickelungsphasen d. gewerbl. Technik im allgem. 11

l. Zusammenlegung des Materials zu Bündeln, die eine
gleichzeitige Behandlung von vielen Einzelgegenständen er—
möglicht: Beispiele das Drahtbündel, an dem gleichzeitig
on masse Stecknadelköpfe gefeilt werden; das Streichholz—
bündel, das zum Eintauchen in die Zündmasse zusammengefaßt
 wird; 2. Verteilnng großer Materialmaffen zwecks
besserer Bearbeitung: Stearin, das man in 200 Kerzen⸗
Gußformen laufen läßt; 3. ein zweckmäßiges Nacheinander—
ordnen des Materials, damit dieses in richtiger Reihenfolge
die verschiedenen Stadien des Arbeitsprozesses passieren
kann: Papier; 4. Sortieren des Materials, um es seiner
Verschiedenheit entsprechend verschieden behandeln zu können:
Hadern!
Nun aber vermögen wir allen jenen Verfahrungs—
weisen nur dann volles Verständnis abzugewinnen, wenn
wir sie noch in einer weiteren, bisher absichtlich nicht be—
rührten Wirkung zu begreifen versuchen: Jene bestimmten
Arbeitsweisen sind in großem Umfange Voraussetzung,
häufig Veranlassung, um beispielsweise neu gewounnene
Kenntnisse etwa von chemischen Prozessen zur Anwendung
zu bringen. Sie bilden vor allem aber auch oft die Basis
für die Entwicklung desjenigen Faktors der schöpferischen
Menschenarbeit, dem man vielleicht mit Recht die vornehmste
Stellung unter allen Elementen des Arbeitsprozesses an—
weisen darf: für die Entwicklung und Vervollkommnung
des Arbeitsmittels. Ein Ding oder einen Komplex von
Dingen, die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeits—
gegenstand schiebt, um sie als Machtmittel auf andere Dinge
seinen Zwecken gemäß wirken zu lassen.
Damals, als der Urmensch zum ersten Male bewußt
jenen spitzen Stein wieder aufgriff, der ihm schon einmal
gedient hatte, um mit ihm abermals seine kratzende Tätig—
keit zu unterstützen — das zufällige Ergreifen und Wiedet—
        <pb n="13" />
        12 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

wegwerfen eines Steines als Hilfsmittel für schlagende
oder kratzende Bewegung finden wir auch bei höheren Tieren
— als somit die Vermittlungsrolle jenes äußeren Dinges
der Natur bei der eigenen prodnktiven Tätigkeit vom
Menschen kausal teleologisch erfaßt und zum ständigen Besitz—
tum seiner Vorstellungswelt gemacht war: da war das erste
Werkzeug auf Erden erschienen, jene Schöpfung, an die im
Verein mit Sprache und Religion die Menschwerdung an—
zuknüpfen man sich mit Recht gewöhnt hat, da in ded Tat
alle Entwicklung zur höheren Intelligenz sich gleichsam an
dem Werkzeuge emporrankt, seit dessen Nutzung der Mensch
im Kampfe ums Dasein aufhört, seinen Körper und seine
Gliedmaßen umzuformen, um bloß noch seine geistigen
Fähigkeiten weiter zu entwickeln.
Überblicken wir den Entwicklungsgang, den das Werk—
zeug im Laufe der Jahrtausende genommen hat, so finden
wir ihn parallel verlaufen demjenigen der Arbeitsver—
richtungen und Arbeitsleistungen, die wir kennen. Aus
einem oder wenigen höchst einfachen und unvollkommenen
Werkzeugen, die in unbestimmter Allgemeinheit gleichsam
alles in allem waren, lösen sich immer neue und neue
Formen los, differenzieren sich die Funktionen der einzelnen
Werkzeuge zu immer größerer Mamnigfaltigkeit. Es ist
dieselbe Erscheinung, die wir auch bei der Entwicklung der
Tiergestalten und der Sprache beobachten: die Vermannig—
faltung des Gebrauchs schafft immer neue Formen, die sich
immer vollkommener den einzelnen Gebrauchsakten anpassen.
Aus der primitiven Spitzhacke oder der mit einer breiten
Schärfe versehenen Hacke entwickeln sich langsam die Axt,
der Hammer, das Messer, der Meißel, die Säge, der Bohrer
und was sonst an Prototypen späterer Werkzeugskategorien
zu nennen wäre. Und in dem Maße, wie sich das Prinzip
der Arbeitszerlegung durchsetzt, verfeinert sich innerhalb
        <pb n="14" />
        Die Entwickelungsphasen d. gewerbl. Technik im allgem. 13

jeder Kategorie dann wiederum das einzelne Werkzeug, bis
zu jener delikaten Nuancierung, wie wir sie heute etwa in
der Uhrenindustrie zu betrachten Gelegenheit haben. Die
leiseste Unterscheidung der Arbeitsverrichtung wird begleitet,
unterstützt, ermöglicht durch das entsprechend ihr angepaßte
Werkzeug. Und es liegt auf der Hand, wie sehr die fort—
schreitende Zerlegung der Arbeit die Ausbildung der Werk—
zeugtechnik fördern muß, um wie viel besser bei jeder neuen
Vereinfachung der Teilverrichtung — denn auf Vereinfachung
läuft doch alle Zerlegung hinaus — das entsprechende
Werkzeug der menschlichen Hand angepaßt werden kann und
wie auf der anderen Seite jedes neue verfeinerte Werkzeug
die Arbeitsleistung wiederum steigern muß.
Mit dieser fortschreitenden Differenzierung des Hand—
werkszeuges und seiner Funktionen im engen Zusammen—
hange steht nun aber die zunehmende Vervollkommnung in
der Benutzung des Werkzeugs. Schon in eine frühere
Periode der Entwicklung fällt, wie wir aus immer zahl—⸗
reicheren Werkzeugfunden schließen dürfen, die Verwendung
der Schwungkraft zur Handhabung des Werkzeugs. Wie
wir schon hervorzuheben Gelegenheit hatten, muß diesem
Fortschritt in der Nutzung ehedem nur durch Druck oder
Stoß bewegter Werkzeuge eine ganz besondere Bedeutung
für die Kulturentwicklung beigelegt werden. Nun erst treten
die Axt und der Hammer in den Dienst des Menschen, die,
wie wir wissen, geradezu als Symbole seines schöpferischen
Wirkens auf Erden dienen können und übrigens unseren
Vorfahren auch gedient haben. An die Stelle des Schabens,
Stechens, Schneidens, Kratzens tritt das Hauen. Und
unsere Kultur ist nicht erschabt, erstochen, erschnitten oder
erkratzt: sie ist herausgehauen aus Erde und Stein, aus
Wald und Dickicht! Wie aber an der Pforte aller Kultur
die Nutzung der Schwungkraft, so steht an der unsrigen ein
        <pb n="15" />
        14 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
anderes Prinzip der Werkzeugnutzung, von vielleicht noch
größerer, noch schöpferischerer Bedeutung. Man hat es
das Walzen- oder Rotationsprinzip genannt und es be—
steht in der Einführung der kontinuierlichen Drehbewegung
in die Technik.
In allen unseren Werkzeugen usw. lassen sich zwei For—
mations⸗Hauptperioden unterscheiden: die Periode, in welcher
das Werkzeug hin und her oder auf und ab bewegt wird,
also immer einen toten Rückgang machen muß, um einen
lebendig wirkenden Vor⸗ und Abwärtsgang auszuführen, und
die Periode der kontinuierlichen Bewegung nach vor— oder
abwärts. So unscheinbar der Fortschritt von der Periode
des toten Rückganges zur Periode der kontinuierlichen leben⸗
digen Bewegung zu sein scheint, so bedeutel er doch in wirt⸗
schaftlicher Beziehung gerade so viel, als der Fortschritt der
Pflanzen- und Tierformen der Grauwackenperiode zu jenen
der Kreideperiode. Und doch ist das Prinzip der kontinuier⸗
lichen Bewegung nach vor- und rückwärts erst der Anfang
des Rotationsprinzips: ehe die Bandsäge auftrat, hatte ein
Fortschritt darin bestanden, die Säge beim Auf- und Ab—
wärtsgehen in je einem Stamme oder in denselben Stamm
zweimal einschneiden zu lassen; und ehe der Kreisbohrer
in Aufnahme kam, hatte man das Hin- und Herbohren im
Halbkreise ebenfalls schon gekannt. Die erste bedeutsame
Anwendung des Rotationsprinzips in der Technik dürfte der
auf Rädern bewegte Wagen gewesen sein. Heute ist das
Prinzip in jeder Sphäre der Technik so sehr verbreitet, daß
es 1842 schon Jobard „das Kriterium der modernen Ge—
werbstätigkeit“ nannte, „weil jedes mechanische Verfahren,
jede Fabrikation, die nicht die fortwährende, ununterbrochene
Tätigkeit besitzt, noch im Zustande des embryonalen Werdens“
sei. Und Reuleaux kennzeichnet die Bedeutung dieses selben
Prinzips mit den Worten: „So wie der alte Philosoph die
        <pb n="16" />
        Die Entwickelungsphasen d. gewerbl. Technik im allgem. 15

stetig steigende Veränderung der Dinge einem Fließen ver—
zlich und sie in den Spruch zusammendrängte Alles fließt',
so können wir die zahllosen Bewegungserscheinungen in dem
wunderbaren Erzeugnisse des Menschenverstandes, welches
wir Maschine nennen, zusammenfassen in das eine Wort:
Alles rollte“. Aber diese Worte Reuleaux' eröffnen in einer
anderen Richtung unserer Betrachtung eine neue Perspektive:
in ihnen wird das Rotationsprinzip — und mit Recht —
vor allem für ein Gebilde, eine Form des Arbeitsmittels
in Anspruch genommen, „welches wir Maschine nennen“.
Unser Interesse wird nunmehr durch die Frage in Anspruch
genommen: welches ist das in der Maschine überhaupt zum
Ausdruck kommende Prinzip? ist die Maschine etwas Wesens⸗
auderes als das Werkzeug? bezugsweise worin unterscheidet
sich eine Maschine von einem Werkzeug? Eine Maschine
ist ein Arbeitsmittel oder ein Komplex von solchen, welches
derart eingerichtet ist, daß es eine Arbeit, die sonst der
Mensch verrichten müßte, an Stelle des Menschen ausführt,
ein Arbeitsmittel also, welches nicht — womit wir die
Maschine scharf gegen das Werkzeug abgrenzen — mensch—
liche Arbeit unterstützt, sondern menschliche Arbeit ersetzt.
Man hat häufig unsere Zeit als Maschinenzeitalter „so
geschmeichelt, wie verflucht“. Dachte man dabei daran, eine
besonders rasche Entwicklung der Maschinerie als unserer
Zeit charakteristisch hinzustellen, so läßt sich dagegen nichts
einwenden. Zuweilen begegnet man aber sogar in wissen—
schaftlichen Auslassungen auch heute noch der Vorstellung:
als ob um die Wende des XVIII. Jahrhunderts die Ma—
schine überhaupt erst in die Erscheinung getreten und die
Jahrhunderte vorher eine maschinenlose Zeit gewesen seien.
Diese Annahme ist ganz und gar verkehrt. Die Maschine
ist fast so alt, möchte man sagen, wie das Werkzeug; sie be—
gleitet den Menschen auf allen Etappen der Kultur und
        <pb n="17" />
        16 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

wächst in langsamer, schrittweiser Entwicklung zu der heute
erreichten Vollkommenheit heran.
Wir haben uns nach dem Vorgang Reuleaux' jetzt daran
gewöhnt, als erste Maschine, also als den „ersten schüchter⸗
nen Versuch des Menschen, zwei außer ihm stehende Körper
zu einer bestimmten gegenseitigen Bewegung zu zwingen“,
den Feuerquirl zu betrachten. Dann fällt aber der Aunfang
der Maschinenentwicklung in eine Zeit, in der die Menschen
das Feuer bloß erst zu religiösen, noch nicht zu gewerblichen
Zwecken nutzten, also in eine außerordentlich frühe Periode
der Kultur. Aber auch andere, ohne allen Zweifel machi⸗
nale Vorrichtungen reichen in die Dämmerung entlegenster
Zeiten zurück: Pfeil und Bogen, Spindel, Töpferscheibe, von
der die Drehbank sich ableitet, unterschlächtige Wasserräder,
Wagen und Wagenräder, der Pflug sind Maschinenvorrich—
tungen, die wir schon frühzeitig im Besitze der Menschen
finden. Und aus den ersten Anfängen sehen wir die Ma—
schine sich langsam zu höheren Formen entwickeln. Ein
vortreffliches Schulbeispiel für diesen organischen Entwick—
lungsgang der Maschinerie bietet die Geschichte der Mehl—
bereitungsverfahren, also der Müllereitechnik.
Wir wissen, daß schon außerordentlich früh machinale
Vorrichtungen zur Zerkleinerung der Getreidekörner be—
standen haben. So muß es bei den Chinesen früh üblich
geworden sein, an der Keule, mit der in dem steinernen
Mörser die Körner gestampft wurden, einen horizontalen
Hebelarm anzubringen, der mittels Zapfen ungefähr in der
Mitte seiner Länge zwischen zwei mit Löchern versehenen
Steinen beweglich eingelagert war. Eine andere, auch noch
primitive, aber schon entwickeltere Mahlmaschine bietet uns
das Bild einer alten ostindischen Mühle dar. Dort ist der
Mörfer bereits ein breiter Kessel aus Stein, welcher auf
einem steinernen Postament ruht. Die Keule besteht aus
        <pb n="18" />
        Die Entwickelungsphasen d. gewerbl. Technik im allgem. 17

einem schweren Baumstrunke, welcher mittels eines daran
befestigten horizontalen Balkens von einem Ochsenpaar im
Kreise gedreht wird. Von diesen Urtypen der Mahlmaschine
gehen dann die zahllosen Verbesserungen und Verfeinerungen
Schritt für Schritt weiter: die Mahlsteine vervollkommnen
sich und ihre Bewegungen, Sieb- und Reinigungsvorrich—
lungen werden dem Mechanismus eingeordnet, die Zu—
führung und Abführung des Materials wird automatisch
bewirki. Und mit der Vervollkommnung der Mahlvorrichtung
parallel geht die Nutzbarmachung immer stärkerer und freierer
Kraftquellen: zu Ciceros Zeit wurden Wasserräder als Mo⸗
toren an Stelle der Sklavinnen eingeführt, seit dem 12. Jahr—
hundert datieren die Windmühlen. Heute haben wir die
Dampfmühle, in der der steinerne Mühlstein durch die
eiserne Walze ersetzt ist, und in der das Prinzip der Ma—
schinerie in höchster Vollendung zur Anwendung gebracht ist.
Immerhin werden die gewaltigen Fortschritte der Ma—
schinentechnik seit dem Ende des XVIII. Jahrhunderts nicht
nuͤr als gleichmäßige Weiterführung des bisherigen Ent—
wicklungsganges angesehen werden dürfen, man wird viel—
mehr, um sie in ihrer prinzipiellen Bedeutung zu verstehen,
betonen muüßen, daß in die zweite Hälfte des XVIII. Jahrhunderts
 eine Reihe von Ereignissen auf dem Gebiete der
Technik fällt, die tatsächlich berufen waren, den Beginn einer
neuen Ära des Maschinenwesens zu datieren. Sie beziehen
sich einnal auf die Entwicklung der Arbeitsmaschinerie.
Diese erreicht gerade in jener Zeit zwei bedeutungsvolle
Etappen: sie wird vollendet für einige der wichtigsten Pro—
duktionszweige (Textilindustrie, Papierfabrikation) und sie
erobert dasjenige Gebiet, das den eigentlichen Stützpunkt
für ihre weitere Vervollkommnung erst abgab: die Her—
stellung wiederum von Maschinen. Erst von dem Augen—
blick an, wo dieser Punkt erreicht war, konnte ein rascheres
Sombart, Gewerbewesen J.
        <pb n="19" />
        18 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
Tempo der Maschinenentwicklung einsetzen: die Verfeinerung,
wie namentlich die Ausweitung der Dimensionen ist erst
möglich bei maschinellem Maschinenbau. Das entscheidende
Moment aber war, daß parallel mit diesen bedeutsamen
Fortschritten der Arbeitsmaschinerie die Nutzbarmachung der⸗
jenigen Naturkraft sich vollzog, die an Mächtigkeit und Be—
weglichkeit alle früher genutzten Kräfte um ein Vielfaches
übertraf: des Dampfes. Auch dem „König Dampf“ muß
eine gerechte, kritische Wirdigung der technischen Errungen—
schaften unserer Zeit wieder zu seiner alten Würde verhelfen,
die ihm eine Reihe von Historikern, in berechtigter Reaktion
gegen die ursprünglich kritiklose Alleinbetonung der Bedeu—
tung der Dampfmaschine und in ebenso berechtigter Hervor—
kehrung des Einflusses der Arbeitsmaschine auf den Eut—
wicklungsgang der modernen Industrie, streitig zu machen
bemüht gewesen sind. Beide Seiten in der Entwicklung der
Maschinerie — Arbeits- und Kraftmaschine — müssen eben
stets als sich gegenseitig bedingend angesehen werden. Ge—
wiß hätte die gezügelte Dampfkraft gar keine vernünftige
Verwendung gefunden, wäre nicht eine entsprechende Ent—
wicklung der Arbeitsmaschinerie vorausgegangen. Anderer—
seits aber muß man sagen, würde die Weiterentwicklung
der letzteren außerordentlich viel langsamer von statten ge—
gangen sein, ohne die in der Erfindung der Dampfmaschine
erschlossene neue Kraftquelle.

III. Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen.

Das erste Prinzip, auf welchem die moderne Technik
aufgebaut ist, ist formaler Natur: es beruht in der An—
wendung der Naturwissenschaften auf die Technik und die
dadurch bewirkte Umwandlung des empirischen in das wissen—
schaftliche oder rationelle Verfahren. Alle frühere Technik,
        <pb n="20" />
        Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 19

so wunderbares sie auch geleistet hatte, war empirisch ge—
wesen, d. h. hatte auf der persönlichen Erfahrung beruht,
die von Meister zu Meister, von Geschlecht zu Geschlecht
durch die ebenso perfönliche Lehre übertragen worden war—
Von den Göttern, so glaubte man, war die als ein wunder—
bares Geheimnis erscheinende Kunst den ersten Menschen
überliefert worden, die sie nun als kostbares Vermächtnis
ihren Söhnen weitergaben. Dankbar nahm man hin, was
die Natur in unerforschlichem Wirken den arbeitenden Men—
schen darbot; in ihre Mysterien einzudringen, lag allen
früheren Kulturen fern. Man wußte, welche Handgriffe
man anzuwenden hatte, um die Wolle zu verspinnen, die
Brücken zu bauen, das Eisenerz zu schmelzen; damit begnügte
man sich. Als besonders glückliche Fügung, als Segnung des
Himmels pries man es, wenn jemandem der Zufall ein
Verfahren wies, das rascher und vollkommener zum Ziele
führte. Man nahm es hin und hütete es und gab es den
Nachkommen weiter, wie man einen Schatz vererbi, den man
bei Lebzeiten geschenkt erhalten hat. Danach konnte auch
alle Lehre nur eine Regellehre sein: Nachweis der Hand,
griffe, die anzuwenden seien, um einen bestimmten Erfolg
zu erzielen, einen bestimmten technischen Zweck zu erreichen.
In dieses Halbdunkel frommen Wirkens fällt nun der
grelle Schein naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Das kühn
——
scheiden-stolzen „Ich kann“. Ich weiß, warum die hölzernen
Brückenpfeiler nicht faulen, wenn sie im Wasser stehen; ich
weiß, warum das Wasser dem Kolben einer Pumpe folgt;
ich weiß, weshalb das Eisen schmilzt, wenn ich ihm Luft
zuführe; ich weiß, warum die Pflanze besser wächst, wenn
ich den Acker dünge; ich weiß, ich weiß, ich weiß: das ist
die Devise der neuen Zeit, mit der sie das technische Ver—
fahren von Grund aus ändert. Nun wird nichts mehr
2*
        <pb n="21" />
        20 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
vollbracht, weil ein Meister sich im Besitz eines persönlichen
Könnens befindet, sondern weil jedermann, der sich mit dem
Gegenstande beschäftigt, die Gesetze kennt, die dem technischen
Vorgang zugrunde liegen und deren korrekte Befolgung auch
jedermann den Erfolg verbürgt. War früher gearbeitet
worden nach Regeln, so vollzieht sich jetzt die Tätigkeit nach
Gesetzen, deren Ergründung und Anwendung als die eigent—
liche Aufgabe des rationellen Verfahrens erscheint. Die
Technik tritt damit in eine bedingungslose Abhängigkeit von
den theoretischen Naturwissenschaften, deren Fortschritte allein
noch über das Ausmaß ihrer eigenen Leistungsfähigkeit
entscheiden. Man kann deshalb auch deutlich wahrnehmen,
wie die Etappen der modernen Technik bestimmt werden
durch die großen, epochemachenden Ereignisse im Gebiete
der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Die erste Station
bilden die Gesetze der Mechanik, die durch Newton ihre
vorläufig definitive Feststellung erfahren; dann möchte ich
einen zweiten Markstein setzen in die 1780er Jahre, in
welchen Lavoisier die Theorie der Verbrennung begründet;
das dritte große Ereignis, das für die Entwicklung der
Technik bestimmend wird, fällt in das Jahr 1828 (Synthese
des Harnstoffes durch Wöhler); während endlich die letzte
besonders fruchtbare Epoche der modernen Technik eingeleitet
wird durch die Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung
der Energie durch Robert Mayer im Jahre 1841. Weshalb
gerade diese Entdeckungen epochemachend für die Technik
geworden sind, werden erst die folgenden Auseinandersetzungen
deutlich erkennen lassen. Das materiale Prinzip der modernen
Technik aber ist:
Emanzipation von den Schranken des Organischen: das
bedeutet in etwas anderer Fassung soviel, wie Ersatz der
Natur durch die Kunst, der lebendigen durch die tote Natur,
des Persönlichen durch das Sachliche, der Qualität durch
        <pb n="22" />
        Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 21

die Quantität. Und zwar läßt sich diese Wandlung ver—
folgen in allen Elementen der Technik: Kräfte, Stoffe, Ver—
fahrungsweisen sind ihr gleichermaßen anheimgefallen.
Zwar nutzte die Menschheit vor dem neunzehnten Jahr—
hundert auch schon Wasser und Wind neben den tierischen
und menschlichen Organismen als treibende Kräfte. Aber
ganz abgesehen davon, daß sie weit zurücktraten an Be—
deutung hinter den organisierten Kraftspendern: was sie
diesen ähnlich erscheinen ließ, war ihre Gebundenheit an
Ort und Zeit. Die Launen der Nixlein und des Wind—
gottes entschieden allein, ob und in welcher Richtung und
wann die Menschen des Wassers und des Windes Kraft
nutzen sollten. Erst seit die Spannung des Wasserdampfes
und des elektrischen Stromes in ihrer Verwendbarkeit für
die Technik erkannt war, erschloß sich der Menschheit in
der toten Natur eine Kräftequelle, über die sie nach Quan⸗
tität und Qualität beliebig verfügen konnte. Der Über—
gang zu Dampf und Elektrizität als treibenden Kräften ist
also recht eigentlich ein Akt der Emanzipation, der ganz
besonders deutlich auf die Eigenarten modern-naturwissen—
schaftlicher Betrachtung sich zurückführen läßt.
Und wie die mechanische Kraft, so beherrscht der anorga—
nische Stoff die neue Zeit: das Eisen, der künstliche Dünger,
die Anilinfarbe usw.
Aber was nun das Wichtigste ist: auch die modernen
Verfahrungsweisen, die Arbeitsmethoden atmen denselben
Geist. Auch sie drängen nach Befreiung von den Schranken
der organischen Welt. Deutlich tritt diese Tendenz zu Tage
in allen chemischen Industrien, die ja doch recht eigentlich
auf dem Gedanken einer künstlichen Synthese nützlicher
Stoffe aufgebaut sind. Was ehedem das geheimnisvolle
Weben des Waldes, die Blüte der Pflanze, der Organis—
mus des Tieres zu Tage förderten, das entsteht jeßt auf
        <pb n="23" />
        22 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

Kommando in der Retorte oder der Muffel des Chemikers:
Wohlgerüche und Wohl geschmäcke, Farben und Faserstoffe,
Düngemittel und Beleuchtungsmaterial.
Ist das chemische Verfahren vornehmlich dazu bestimmt,
tierische und pflanzliche Organismen bei der Erzeugung von
Gebrauchsgütern entbehrlich zu machen, so läuft das maschi—
nelle Verfahren in seiner Grundidee darauf hinaus, die
Güterherstellung von der Mitwirkung des lebendigen Men—
schen zu befreien. Das ökonomische Prinzip beruht in der
Arbeitsersetzung. Die Maschine ist eine Vorrichtung zum
Zweck, irgend eine Arbeit auszuführen, die ohne sie der
Mensch ausführen müßte. Das Ideal einer vollkommenen
Maschinerie ist der automatisch wirkende Mechanismus, den
der Mensch nur noch zu bedienen hat.
Um die praktische Tragweite dieser neuen Technik richtig
zu ermessen, wird man unterscheiden müssen die Bedeutung,
die die Anwendung der wissenschaftlichen Methode als solche
besitzt von den Wirkungen, die der Übergang von der orga—
nischen zur anorganischen Natur bei den technischen Vor—
nahmen im Gefolge hat. Über die Zusammenhänge zwischen
dem wissenschaftlichen Verfahren und den großen Leistungen
der modernen Technik wird folgendes auszusagen sein. Zu—
nächst erfährt eine gänzliche Umgestaltung dasjenige, was
ich die Art des Besitzes des technischen Könnens nennen
möchte. Dieses wird durch die Einbürgerung des ratio—
nellen Verfahrens gleichsam objektiviert. Wir sahen früher:
jedes Kunstverfahren ruht in der Persönlichkeit des Meisters“
eingeschlossen; es lebt mit ihm, es stirbt mit ihm. Nur was
der Lernende ihm abgelauscht und abgeschaut hat, das
dauert über seinen Tod hinaus, schlägt Wurzel abermals
in einer Persönlichkeit, um mit dieser wiederum zu Grunde
zu gehen. Das rationelle Verfahren steht demgegenüber
verselbständigt, objektiviert, als ein für jedermann beliebig
        <pb n="24" />
        Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 23

faßbares und erreichbares Wissen außerhalb jeder aus—
führeuden Persönlichkeit. Einmal durch Wort und Schrift
festgelegt, ist es ein unvergängliches Eigentum aller künf—
tigen Geschlechter. Damit ist es aber in doppelter Hinsicht
von der Zufälligkeit des rein Persönlichen befreit: sofern
seinem gänzlichen Verlust vorgebeugt ist, sodann aber es
nicht notwendig eines bestimmten, an Ort und Zeit ge—
bundenen Individiums bedarf, um das betreffende Ver—
fahren anzuwenden: solange die gewerbliche Tätigkeit, auch
schon die moderne kapitalistische Industrie, noch im Stadium
der Empirie sich befand, konnten neue Industriezweige in
einem Lande nur begonnen werden, wenn man Menschen
dahin verpflanzte, die das Geheimnis mit sich trugen: die
Berufung der Humiliaten-Mönche durch zahlreiche Städte
im Mittelalter, die Hereinziehung brabantischer Tuchmacher
nach England, italienischer Seidenspinner und-Weber nach
Frankreich, die ganze Emigrantenpolitik der Hohenzollern
reden eine deutliche Sprache dafür, daß in damaliger Zeit
die technische Kunst noch an den Künstler gebunden war.
Dann bleibt sie eine Zeit lang an die Produkte gebunden:
dann sorgt ein Land etwa dafür, daß bestimmte Maschinen
nicht ins Ausland kommen: England im Anfang des
XVIII. Jahrhunderts. Und heute braucht eine Nation
ihre jungen Ingenieure und Techniker nur an die deutschen
Hochschulen zu senden, um alle Weisheit im Kern sich zu
beliebiger Verwendung im eigenen Lande zu verschaffen.
Und wie die Ausübung und Erhaltung der technischen Kunst
durch das rationelle Verfahren von der Zufälligkeit des
Individuellen befreit werden, so in noch viel höherem Maße
auch die Vermehrung des technischen Könnens. An Stelle
des versuchsweisen Tastens, das, wie wir sahen, aller Em—
pirie eigentümlich ist, tritt beim rationellen Verfahren das
blanmäßige und methodische Suchen auf Grund der Kennt—
        <pb n="25" />
        24 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
nis von den Zusammenhängen der bisherigen Verfahrungs⸗
weisen; an Stelle des Probierens tritt das Experiment,
aus dem Finder wird der Erfinder und das Erfinden selbst
aus einer gelegentlich geübten dilettantischen Beschäftigung
geistvoller Pfarrer und ingeniöser Barbiere zu der berufs⸗
mäßigen Tätigkeit gelehrter Fachmänner. Man ermesse, wie
sie das Tempo der Neuerungen in einem aller Empirie
unbekannten und unerreichbaren Maße zu steigern imstande
sein mußte.
Aber nicht nur werden die Zufälligkeiten des Bestandes
und der Vermehrung technischen Könnens durch die Nutz⸗
barmachung der Wissenschaft beseitigt: es verschwinden auch
die Zufälligkeiten der Ausführung mehr und mehr. Das
technische Können wird sicherer, kontrollierbarer, exakter.
Begreiflicherweise. Denn nun, da alle Zusammenhänge des
Produktionsprozesses begriffen werden, ist es erst moͤglich,
Schädlichkeiten planmäßig zu vermeiden oder auszumerzen,
Lücken dort auszufüllen, wo das Verfahren solche aufweist.
Ganze Industriezweige sind erst zu rechter Blüte gelangt,
nachdem die Chemie und neuerdings die Bakteriologie Mittel
an die Hand gaben, mit Stetigkeit unter Meidung aller
vorher unkontrollierbaren Störungen die Produktion zu
bollziehen. Man denke an die Brauerei. Zahlreiche Meß—
werkzeuge spezieller Art und Dimensionierung, eigentüm—
liche Kontrollvorgänge, präzise Indikatoren, Registrierappa—
rate, chemische Proben, physikalische Hilfsvorrichtungen, wie
z. B. Polarisationsinstrumente, Spektroskope, Manometer,
Bremsdynamometer usw. stehen der modernen Technik gegen—
wärtig zur Verfügung, um jene Sicherheit in der Ausführung
der Produktion zu erreichen.
Die letzte Bemerkung führt uns schon hinüber zu der
andern Frage: der Bedeulung, welche das materiale Prinzip
der modernen Technik für die Praxis hat. Denn offelbar
        <pb n="26" />
        Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 25

iußert sich in der eben besprochenen Vervollkommnung der
Maß- und Wägemethoden bereils jene Tendenz, die wir als
eine der Technik unserer Tage eigentümliche erkannten: der
Tendenz, sich von allem Organischen zu emanzipieren, das
in diesem Falle der Mensch ist. Alle frühere Zeit war zur
Beurteilung bestimmter Aggregat- oder Wärmezustände, zur
Messung und Wägung im wesentlichen auf die menschlichen
Fähigkeiten, zu fühlen, zu schmecken, zu riechen, zu sehen, ange—
wiesen. Jetzt tritt an Stelle dieser subjektiv zufälligen, die
objektiv exakte Ermittelung der Schwere, Länge, Wärme, Dicke,
Dauer durch wissenschaftlich genau konstruserte Maß- und
Wiegeapparate. Das Emanzipatorische äußert sich hier in
doppelter Hinsicht: die Technik wird frei von der zufälligen
Veranlagung beftimmter Persönlichkeiten mit besonders feiner
Zunge, empfindsamen Nerven, klaren Augen und offenen
Ohren und ebenso von der naturveranlagten Zufälligkeit
der Ausführung, die solange bestehen bleibt, als lebendige
Menschen, durch deren Adern warmes Blut fließt, die Funk—
tionen ausüben.
Damit haben wir auch schon den Punkt getroffen, in
dem sich die prinzipielle Bedeutung aller vervollkommneten
Maschinerie äußert: sie vermag den Vollzug irgend einer
Vornahme zu einer Exaktheit zu entwickeln, deren der
der Mensch niemals fähig ift. Auch das feinste Werkzeug,
der delikateste Griffel oder Meißel in der Hand des Ar—
beiters kann doch nie etwas anderes leisten, als manuelle
Fähigkeiten unterstützen: die Arbeitsmaschine dagegen kennt
diese Schranken nicht. Sie braucht nicht mehr den Kon—
takt zwischen Auge und Hand, auf dem alle Verfeinerung
manueller Geschicklichkeit beruht: sie kann so fein schneiden,
o sicher und regelmäßig eine Verrichtung wiederholen, wie
niemals die menschliche Hand es vermöchte: sie ersetzt eben
in vollkommener Form die Arbeit des Arbeiiers.
        <pb n="27" />
        26 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

Kann man in diesem Falle sagen, daß die mechanische
Technik den Arbeitsprozeß von der qualitativen Beschränkt—
heit alles Organischen emanzipiert, so beobachten wir in
andern Fällen, wie es die von der organischen Natur in
dem körperlichen Ausmaß ihrer Individualitäten gezogenen
Schranken der quantitativen Leistung sind, die die moderne
Technik durchbricht. TDarin liegt doch wohl die prinzipielle
Bedeutung der Verwendung mechanischer Kräfte, daß sie
eine beliebige Häufung von Energie und deren unbehinderte
Konzentration auf einen Punkt zulassen, während der mensch—
liche und tierische Organismus nur immer über eine be—
schränkte Menge von Kraft verfügt, die sich auch schwer
durch ein Zusammenwirken mehrerer Organismen vergrößern
läßt. Es ist selbstverständlich, daß erst die Arbeitsver—
richtung selbst einer (Arbeits-) Maschine übertragen sein muß,
ehe eine so hohe Kraftentfaltung, wie sie beispielsweise in
der Spannung des Wasserdampfes erzielt werden kann,
eine praktische Wirkung finden kann: erst mußte die Spinn—
maschine den Spinnprozeß von den menschlichen Organen
auf ein System toter Körper übertragen haben, ehe eine
Kraft Nutzen bringen konnte, die dreitausend Spindeln an—
zutreiben vermag. Worin die spezifisch befreiende Wirkung
des Dampfes als treibender Kraft — verglichen mit Wind
und Wasser — sich äußert, wurde bereits ausgeführt.
Des weiteren aber ist es eine großartige Emanzipation
von Raum und Zeit, die ein Verzicht auf die Mitwirkung or—
ganisierter Materie im Gefolge hat. Vom Raum, den aller
Pflanzenwuchs beansprucht und der nun entbehrlich wird,
wenn aus mineralischen oder sonstigen anorganischen Stoffen
Gebrauchsgüter hergestellt werden, die denselben Dienst
verrichten wie ehedem das Holz, das im Walde sich aus—
breitete, oder das Tier, das zu seiner Fütterung ein Stück
Erdoberfläche bedurfte. Man kann etwa folgende Rechnung
        <pb n="28" />
        Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 27

aufstellen: Im Königreich Preußen wurden am 1. Dezember
1900 2913003 Pferde gezählt. Von der Ackerfläche in
Preußen waren 1900 2697572,8 ha mit Hafer bestanden,
das ist annähernd ein Sechstel. Die Lokomotiven, die in
Deutschland fahren, repräsentieren mehr als 8 Millionen
lebendige Pferdekräfte; rechnen wir davon 5 Millionen auf
Preußen, so müßte (um sie zu ernähren) das Haferland
fast verdoppelt werden (wenn wir einmal von der Heu—
fütterung ganz absehen) d. h. mindestens ein Viertel der ge—
samten Ackerfläche, die jetzt anders genutzt werden kann,
müßte zur Erhaltung des Pferdebestandes hergegeben werden.
Wo aber sollte alles das Holz wachsen, das etwa das heute
verbrauchte Eisen zu ersetzen hätte? Alle Wälder der Erde
müßten abgeholzt werden und würden dennoch nicht hin—
reichen, den Bedarf zu decken. Ganz abgesehen davon, daß
ökonomisch eine enorme Verteuerung des Materials ein—
treten müßte, die schon längst vor der physischen Erschöpfung
der Verwendung Einhalt tun würde. Im Rahmen unserer
—
Höhe erreichen, wenn die Technik nicht bis zu einem ge—
wissen Grade emanzipierte, daß eine wirlschaftliche Ent—
wicklung, wie sie das 19. Jahrhundert erlebt hat, ganz
undenkbar wäre. In Rücksicht auf die Zeit wirkt die mo—
derne Technik emanzipatorisch, insofern sie zunächst, was
wir schon feststellen konnten, die organischen Schranken des
tierischen oder menschlichen Organismus durch Erzielung
größerer Geschwindigkeiten bei der Gütererzeugung oder im
Transport durchbricht. Aber auch überall dort aͤußert sich die
nämliche zeitersparende Wirkung, wo das natürliche Wachs—
tum der Pflanze oder des Tieres entbehrlich gemacht wird,
also wiederum ein Ersatz pflanzlicher oder tierischer Orga⸗
nismen durch anorganische Gebilde. Um aberinals das
wichtige Beispiel des Eisens heranzuziehen: der Tragbalken
        <pb n="29" />
        28 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

oder der Schiffsmast aus Eisen oder Stahl werden in
wenigen Wochen hergestellt, während der Holzstamm Jahr⸗
zehnte gebraucht hätte, um die erforderliche Dicke zu er⸗
reichen. Die Pferde, die zur Bespannung der Straßen⸗
bahnwagen Verwendung finden sollen, bedürfen mindestens
drei⸗ bis vierjähriger Pflege, während der elektrische Motor—
wagen in ebensoviel Monaten fertiggestellt wird.
Endlich aber — und das ist vielleicht die wichtigste
praktische Konsequenz des modernen, naturwissenschaftlich
begründeten Verfahrens — wird durch seine Anwendung
die Basis für das gesamte technische Können in einer un—
geahnten Weise verbreitert. Wie wir wissen, betrachtet die
moderne Technologie den Produktionsprozeß gleichsam los⸗
gelöst von dem ausführenden Organe, dem Menschen. Da—
durch vermag sie ihn derart in seine Elemente aufzulösen,
daß nicht die Rücksicht auf die schaffende Hand, sondern
lediglich auf eine zweckmäßige Kausalfolge der einzelnen
Vorgänge dabei den Ausschlag gibt. Das arbeitszerlegende
Verfahren wird damit erst methodisch anwendbar. Und die
Wissenschaft sorgt dann weiter dafür, indem sie kunstvolle,
maschinale Vorrichtungen ersinnt, daß die betreffende Teil—
verrichtung im Produktionsprozeß, die sich bei der rationalen
Auflösung ergeben hat, nun auch exakt ausführbar wird,
trotzdem sie gar nicht mehr der natürlichen Betätigung der
menschlichen Organe entspricht. An die Stelle der durch die
lebendige Persönlichkeit notwendig gebundenen organischen
Gliederung der Produktiosprozesse tritt die nur im Hinblick
auf den gewollten Erfolg zweckmäßig mechanisch eingerichtete
Gliedbildung, wie es Reuleaux ausgedrückt hat. Jetzt be—
greifen wir auch erst, warum die Entwicklung der Maschi⸗
nerie in unserem Jahrhundert eine so rapide sein konnte.
Sie ist einer eigentümlichen und richtigen Wendung in der
Auffassung des Maschinenerfinders zuzuschreiben, welche
        <pb n="30" />
        Die Organisation der gewerbl. Arbeit in den Betrieben. 29

darin besteht, daß nicht mehr die Maschine die Handarbeit
oder gar die Natur nachzuahmen sucht, sondern bestrebt ist,
die Aufgabe mit ihren eigenen, von den natürlichen oft völlig
verschiedenen Mitteln zu lösen. Ist aber einmal, erst die
Schranke des Gebundenseins an die Naturbeschaffenheit der
menschlichen Organe gefallen, so eröffnen sich dem technischen
Können unermeßliche Weiten. Und darin liegt vor allem
die epochale Bedeutung, die wir dem Eintritt der Wissen—
schaft in den Dienst der Technik zuschreiben müssen. Tie
Produktion wird jetzt eine Synthese beliebiger Stoffe und
Kräfte, wie sie für menschliche Zwecke geeignet sich darbieten.
Die Neuerschaffung der Erde nimmt damit ihren Anfang;
und dieselbe Wissenschaft, die uns von dem lange innege—
habten Herrscherthrone herabgestoßen und in unserer ganzen
Nichtigkeit geoffenbart hat, sie hat uns gleichzeitig die Wege
gewiesen, wie wir von neuem die Welt (freilich immer nur
die Welt des äußeren Scheins) erobern, wie wir die einge—
bildete und verlorene Herrenschaft verschmerzen können da—
durch, daß wir uns eine wirkliche Herrschaft (freilich immer
nur über die Welt des äußeren Scheines) neu erringen.

II. Kapitel.

Die Organisation der gewerblichen Arbeit in
den Betrieben.

J. Allgemeines.

Damit die gewerbliche Arbeit ihrem Zweck entsprechen
kann, d. h. zur Hervorbringung nützlicher Güter zu dienen
vermag, muß sie, wie alle wirtschaftliche Arbeit, einer be—
stimmten Ordnung unterworfen werden. Dies erfolgt in
den Betrieben. Unter Betrieb können wir eine Veranstal⸗
tung zum Zwecke fortgesetzter Werkverrichtungen verstehen.
        <pb n="31" />
        30 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
Wenn wir die einzelnen Betriebe nach ihrer Verschiedenheit
sondern wollen, so ergibt sich als nächstliegendes Unter—
scheidungsmerkmal die Größe, insbesondere die in einem
Betrieb, zusammengefaßte Anzahl tätiger Personen. Das
Kriterium der Größe, bezw. der Personenzahl ist das be—
quemste und für die gröberen Zwecke der Erkenntnis auch
ein hinreichend klares Merkmal. Naturgemäß bedient sich
seiner vor allem die Statistik; nach ihr haben wir uns ge⸗
wöhnt, sogenannte Klein-, Mittel- und Großbetriebe zu
unterscheiden. Die deutsche Gewerbestatistik insbesondere
nennt Kleinbetriebe alle diejenigen, welche weniger als fünf,
Mittelbetriebe diejenigen, welche zwischen sechs bis zehn
Personen, Großbetriebe diejenigen, welche über zehn Per—
sonen beschäftigen.
Für eine tiefere wissenschaftliche Analyse genügt jedoch
das Merkmal der Größe, bezw. der Personenzahl für die
Bestimmung der verschiedenen Betriebsformen nicht. Zu
diesem Behufe empfiehlt es sich vielmehr, als Einteilungs—
prinzip ein solches zu wählen, welches das innerste Wesen
der Betriebsgestaltung am besten zum Ausdruck zu bringen
vermag. Als solches erscheint die Art und Weife, wie die
Produktionsfaktoren in einem Betriebe angeordnet sind.
Die Produktionsfaktoren, die Objekte der Anordnung
in einem Betriebe werden können, sind die menschliche Ar—
—DOD—
persönlichen, diese als den sachlichen Produktionsfäktor be—
zeichnen. Die „äußere Natur“ ist aber eine zu weite Um—
schreibung, als daß wir nicht das Bedürfnis fühlten, etwas
genauer zu sagen, was darunter zu verstehen sei. Die Natur
erscheint in jedem Produktionsvorgange 1. als Arbeits—
bedingung, 2. als Arbeitsgegenstand, 3. als Arbeitsmittel.
In ihrer ersteren Funktion schafft sie die sachlichen Be—
dingungen produktiver Arbeit, ohne die überhaupt keine
        <pb n="32" />
        Die Organisation der gewerbl. Arbeit in den Betrieben. 31

Arbeit stattfinden kann, mögen nun diese Bedingungen von
Natur gegeben sein, wie die Erde als Standort, die Luft
als Atmosphäre, die Kräfte; oder erst vom Menschen in der
ihm dienlichen Form hergestellt werden, wie Arbeitsgebäude,
Wege, Kanäle. Der Arbeitsgegenstand ist dasjenige Ding,
an dem sich die menschliche Arbeit betätigt. Auch er wird
entweder in der Natur fertig vorgefunden wie das Erz
oder die Kohle oder der Feuerstein, den der Mensch zuerst
ergriff, um sich ein Werkzeug daraus zu fertigen; oder aber
er ist selbst schon und das der Regel nach Arbeitsprodukt.
In diesem Falle nennen wir den Arbeitsgegenstand Roh—
material. Das Rohmaterial kann ein genußreifes Gebrauchs—
gut sein, wie die Traube als Rohmaterial der Weinbereitung,
die Kohle, das Salz, das Ol und dgl. als sogenannte Hilfs—
stoffe der Produktion. Oder aber sich in einer Form befinden,
in der es nur als Rohmaterial weiterer Verarbeitung dienen
kann, in diesem Falle heißt es Halb- oder (nach Marx)
Stufenfabrikat, wie Roheisen, Holzfaser, Baumwollgarn.
Das Arbeitsmittel kennen wir schon. Wir definierten es
als ein Ding oder einen Komplex von Dingen, die der
Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegenstand schiebt,
um sie als Machtmittel auf andere Dinge seinem Zwecke
gemäß wirken zu lassen. Genauer können wir dann aktive
und passive Arbeitsmittel unterscheiden. Marx bezeichnet
die ersteren als „die mechanischen Arbeitsmittel, deren Ge—
samtheit man das Knochen- und Muskelsystem der Produk—
tion nennen kann“; es sind Werkzeuge und Maschinen, die
tätig unter der Leitung des Menschen in die neu zu formende
Materie eingreifen, während die andere Kategorie der Ar—
beitsmittel die mehr passive Rolle in der Produktion spielt,
als Behälter für Stoffe und Kräfte zu dienen, es sind dies
die Kessel, Röhren, Bottiche, Fässer, Körbe, Krüge usw., jene
Arbeitsmittel, „deren Gesamtheit ganz allgemein als das
        <pb n="33" />
        32 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

Gefäßsystem der Produktion bezeichnet werden kann“. Sämt—
liche Bestandteile des sachlichen Produktionsfaktors können
wir auch Produktionsmittel im weiteren Sinne nennen und
unter ihnen diejenigen als Produktionsmittel im engeren
Sinne unterscheiden, die bereits Arbeitsprodukte sind. Wir
werden im folgenden, wo nichts besonderes gesagt ist, von
Produktionsmitteln in jenem weiteren Verstande als dem
Inbegriff sämtlicher sachlicher Produktionsfaktoren sprechen
und also alle Betriebsanordnung in der Ausstattung der
menschlichen Arbeitskraft mit den für die Zwecke der Pro—
duktion geeigneten Produktionsmitteln sich erschöpfen lassen.
Alle Organisation menschlicher Arbeit beruht, seitdem
die allerersten Anfänge planmäßigen Produzierens über—
wunden sind, auf nur zwei verschiedenen Prinzipien: auf
der Spezialisation und der Kooperation. Nichts anderes
vermag der Mensch zu ersinnen, als diese beiden Organisa—
tionsprinzipien, die auch der vollendetsten Betriebsanord—
nung, freilich in mannigfacher Kombination, allein zugrunde
liegen.
Unter Spezialisation verstehe ich diejenige Art der An—
ordnung, welche einem und demselben Arbeiter gleiche,
wiederkehrende Verrichtungen dauernd zuweist. Sie ist also
diejenige Form der Organisation, in der das arbeitszerlegende
Verfahren recht eigentlich erst nutzbar gemacht wird. So
lange dieses Verfahren von einem Arbeiter angewandt
wird, so lange bleiben seine produktivitätssteigernden Vor—
züge noch wesentlich latent. Erst wenn der eine immer
dasselbe tut, brechen sie mächtig hervor. Nun müssen wir
uns aber darüber klar sein, daß der Grad der Spezialisation
ein außerordentlich verschiedener sein kann. Es war eine
Anwendung des Prinzips der Spezialisation, als zuerst die
Schmiedearbeit oder die Töpferei dauernd von demselben
Arbeiter ausgeübt wurden, und es ist nur ein Gradunter—
        <pb n="34" />
        Die Organisation der gewerbl. Arbeit in den Betrieben. 33

schied in der Anwendung desselben Prinzips, wenn in der
modernen Konfektion eine Arbeiterin ihr ganzes Leben nur
Hornknöpfe an Männerwesten annäht. Es bleibt sich ebenso
gleich, ob die Teilverrichtung, die ein Arbeiter dauernd vor—
nimmt, durch horizontale oder vertikale Spaltung des vorher
vereinigt gedachten Gesamtarbeitsprozesses entsteht: ob zwischen
Schlosserei und Schmiederei oder zwischen Gerberei und
Schuhmacherei die Trennung sich vollzieht. Es ist aber
endlich für den Begriff der Spezialisation, die, worauf noch—
mals nachdrücklich hingewiesen werden mag, kein Arbeits—
verfahren, sondern ein Organisationsprinzip ist, d. h. erst
entsteht auf der Basis einer bestimmten Betriebsanordnung,
gleichgültig, ob die Spezialisation zwischen Betrieben oder
innerhalb eines Betriebes erfolgt. Im ersteren Falle ent—
steht das, was wir Spezialbetriebe nennen, unter denen es
nun abermals eine außerordentlich mannigfache Gradabstu—
fung gibt, innerhalb deren aber keinerlei fesie Grenze für
eine spezifische Unterscheidung gezogen werden kann. Die
Schmiederei als Ganzes ist ein Spezialbetrieb, verglichen
mit der ehemals sie mit umfassenden hausgewerblichen Pro—
duktion; die Schmiederei ist ein spezialisierter Betrieb, nach—
dem sich die Schlosserei von ihr geschieden hat; die Werk—
zeugschmiederei ist innerhalb der so spezialisierten Schmiederei
wiederum ein Spezialbetrieb, die Sensenschmiederei inner—
halb der Werkzeugschmiederei usf.
Damit das Prinzip der Spezialisation innerhalb eines
Betriebes zur Anwendung gelangen könne, d. h. damit in
einem und demselben Betriebe der eine immer dies, der
andere immer jenes zu tun imstande sei, muß nun aber
offenbar eine bestimmte Bedingung in der betreffenden Be—
triebsanordnung erfüllt sein, diejenige nämlich, daß mehrere
Arbeiter zu gemeinsamem Wirken zusammengegliedert feien,
d. h. es muß das zweite Prinzip der Arbeitsorganisation,
Sombart, Gewerbewesen J.
        <pb n="35" />
        34 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

von dem wir schon Kenntnis haben, zur Anwendung ge—
bracht werden: die Kooperation. Diese besteht zunüchst in
nichts anderem als in einer Summierung individueller Ar—
beitskräfte, die erst später eine bestimmte Gliederung zu
einem organischen Ganzen erfahren. In ihrer primitiven
Form nennen wir sie einfache Kooperation, in ihrer Kom—
bination mit der Spezialisation arbeitsteilige Kooperation.
So erhalten wir folgendes Schema für die Anwendung der
Organisationsprinzipien:
1. Robinson deckt seinen Gesamtbedarf allein; er kann
zwar das arbeitszerlegende, das materialvereinigende Ver—
fahren anwenden, aber weder sich spezialisieren, noch koppe—
rieren.
2. Robinson und Freitag verteilen ihre Gesamtarbeit
so, daß jener auf die Jagd geht und Fische fängt, dieser die
Hausarbeit verrichtet: einfache Spezialisation.
3. Robinson und Freitag vereinigen ihre Arbeit, um
den Baumstamm, aus dem ihr Boot angefertigt werden
soll, zum Strande zu rollen: einfache Kooperation.
4. Robinson und Freitag gehen zusammen auf die Jagd;
Freitag treibt das Wild zu, Robinson schießt es ab: Ver—
einigung von Kooperation und Spezialisation — arbeitsteilige
Kooperation.
Alle weiteren Unterschiede der Betriebsgestaltung sind
nun entweder nur quantitativer Art, d. h. eine Folge stärkerer
Spezialisation oder vermehrter Kooperation, oder aber sie
werden begründet durch die verschiedenartige Gestaltung des
sachlichen Produktionsfaktors: durch die verschiedene Be—
schaffenheit oder verschiedene Anordnung der dem Arbeiter
zur Verfügung stehenden Produktionsmittel.
Jedenfalls ergibt sich, wie aus dem oben Gesagten er—
—D—
wiederum nach der Verschiedenheit der Anordnung der Pro—
        <pb n="36" />
        Die Individualbetriebe. 35

duktionsfaktoren zu einem Betriebe. Deshalb wird es
wünschenswert sein, einen einheitlichen Gesichtspunkt für die
sachgemäße Gruppierung dieser verschiedenen Anordnungs—
modalitäten zu wählen. Als solcher bietet sich nun aber
am besten dar: das Verhältnis des einzelnen Ärbeiters zu
dem Gesamtprozeß und dem Gesamtprodukt, als dem Ge—
samtbetriebe im Zustand des Wirkens und des Gewirkten,
der Vollbringung und des Vollbrachten, der Bewegung und
der Ruhe. Dieses Verhältnis kann ein prinzipiell zwei—
faches sein: entweder Wirken und Werk gehören einem
Individuum eigentümlich an, sind der erkennbare Ausfluß
seiner und nur seiner höchstpersönlichen Tätigkeit, sind somit
selbst individuell und persönlich; oder Wirken und Werk
sind das gemeinsame, nicht in seinen Einzelteilen als in—
dividuelle Arbeit unterscheidbare Ergebnis der Tätigkeit
vieler, existieren nur als Gesamtwirken und Gesamtwerk,
sind also nicht persönlich, sondern kollektiv, nicht individuell,
sondern gesellschaftlich. Danach lassen sich alle Betriebe in
zwei große Gruppen einteilen: in solche, in denen die An—
ordnung der Produktionsfaktoren derari ist, daß das Produkt
als Produkt eines einzelnen Arbeiters erscheint, und solche,
in denen die Anordnung der Produktionsfaktoren derart ist,
daß das Produkt als Produkt eines Gesamtarbeiters erscheint.
ee sollen individuelle, letztere gesellschaftliche Betriebe
seißen.

II. Die Individualbetriebe.

Sie erscheinen naturgemäß nur selten in ihrer reinsten
Form, dem Alleinbetrieb, d. h. demjenigen, wo nur ein
einziger Arbeiter in einem Betrieb tätig ist. Immerhin ist
auch die Form des Alleinbetriebes keineswegs eine Selten—
heit, sie ist häufig in den Anfängen gewerblicher Tätigkeit,
d. h. in primitiven Handwerksverfassungen, aber auch in der
        <pb n="37" />
        36 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
hochentwickelten Volkswirtschaft der Gegenwart treffen wir
häufig auf sfolche Alleinbetriebe. Hier sind es insbesondere
die Großstädte, wo sie in der Sphäre der Hausindustrie oft
genug auftreten.
Die übrigen Formen des Individualbetriebes sind da—
durch gekennzeichnet, daß um den einen hauptsächlichen Ar—
beiter eine Anzahl helfender Personen gruppiert sind; das
können entweder Familienmitglieder sein, dann sprechen wir
von einem Familienbetrieb, wie er in den älteren länd—
lichen Hausindustrien häufig vorkommt, oder aber fremde
Hilfspersonen, die dann zusammen mit dem Hauptarbeiter
dasjenige bilden, was ich einen Gehilfenbetrieb nenne.
Es ist selbstverständlich, daß in der Wirklichkeit sich die
Grenzen zwischen Individual- und Gesellschaftsbetrieb nach
dem von uns für die Unterscheidung gewählten Kriterium
nicht immer scharf ziehen lassen. Will man daher die Fülle
der Erscheinungen in einer Betriebssystematik möglichst zu
fassen versuchen, so wird man zwischen dem Individual—
betrieb und dem Gesellschaftsbetrieb eine Gruppe sogenannter
Ubergangsbetriebe einfügen müssen, in denen sich die
Kriterien des Individualbetriebes und des gesellschaftlichen
Betriebes vermischen, die also mehr dem einen oder dem
anderen Typus zugehören, ohne vollständig ihn darzustellen.
Ich will hier diesen Typus der Übergangsbetriebe nicht
des näheren erörtern, sondern nur feststellen, daß zu ihm
gehören die erweiterten Gehilfenbetriebe, der In—
dividnalbetrieb im großen und der gesellschaftliche
Betrieb im kleinen.

III. Die gesellschaftlichen Großbetriebe.
Die gesellschaftlichen Betriebe, wo sie rein auftreten,
tragen auch immer, wie es ihrer Natur entspricht, das Merk—
mal der Größe an sich. Solcher gesellschaftlicher Großbetriebe,
        <pb n="38" />
        Die gesellschaftlichen Großbetriebe. 37
wie wir sie also auch nennen können, unterscheiden wir nun
zwei verschiedene Arten: die Mannfaktur und die Fabrik.
Unter einer Manufaktur verstehe ich denjenigen ge—
sellschaftlichen Großbetrieb, in dem wesentliche Teile des
Produktionsprozesses durch Handarbeit ausgeführt werden.
Es gehört also zum Wesen der Manufaktur das Moment
der Größe, das Moment der Gesellschaftlichkeit des Be—
triebes und das Moment des handarbeitenden Verfahrens
in entscheidenden Partien des Produktionsprozesses. Die
Manufaktur ist entweder eine übergangsform zu demjenigen
gesellschaftlichen Großbetrieb, den ich als Fabrik bezeichne
und hat als solche in sehr vielen wichtigen Industrien
funktioniert, die dann später zur Fabrik übergegangen sind.
Hierher gehören bedeutsame Zweige der Textilinduftrie und
aus der neueren Zeit etwa der Schuhwareuindustrie, der
Konfektion und andere. Falsch wäre es jedoch aus dieser
Tatsache den Schluß zu ziehen, daß es eine notwendige
Entwicklung sei, die die gewerblichen Betriebe nacheinander
die Stufe der Manufaktur und später der Fabrik durchlaufen
ließe. Das wäre eine doppelt falsche Annahme. Erstens
braucht nämlich ein fabriksmäßiger Betrieb keineswegs
immer vorher eine manufakturmäßige Organisation gehabt
zu haben, sehr viele mechanische und die meisten chemischen
Fabriken find hierfür als Belege anzuführen. Zweitens
aber ist es nicht richtig, daß die Mannfaktur gegenüber der
Fabrik stets eine unvollkommene Entwicklungsstufe dar—
stelle. Beide Betriebsformen können vielmehr durchaus
gleichwertig nebeneinander bestehen, so daß also die Ent—
wicklung zwei Höhenpunkte haben kann: Fabrik und
Manufaktur, denn als Endpuukt einer Entwicklung der
Betriebsgestaltung erscheint die Manufaktur dort, wo in den
Formen eines gesellschaftlichen Betriebes Raum für die
schöpferische Individualität des einzelnen Arbeiters bleiben
        <pb n="39" />
        38 Die gewerbliche Arbeit n. ihre Organisation.

soll; wo also mit den Vorzügen der großbetrieblichen Or—
ganisation diejenige der künstlerischen oder sonstwie quali—
fizierten Handarbeit verbunden werden soll. Beispiele für
diese Form der Manufaktur sind noch heute die Porzellan—
Manufaktur und die Kunstmöbel-Manufaktur.
Unter einer Fabrik verstehe ich diejenige Form des
gesellschaftlichen Großbetriebes, in welchem die entscheidend
wichtigen Teile des Produktionsprozesses von der formellen
Mitwirkung der Arbeiter unabhängig gemacht, einem selbst—
tätig wirkenden System lebloser Körper übertragen worden
sind. Das charakteristische Merkmal der Fabrik ist also
nicht, wie man häufig annimmt, die Einförmigkeit, Massen—
haftigkeit oder sogar Minderwertigkeit der Erzeugnisse, es
ist aber auch nicht die Maschinentechnik, da durch dieses
Merkmal beispielsweise die chemische Fabrik überhaupt nicht
betroffen würde, es ist vielmehr das des automatischen
Produktionsprozesses.
Objektivierung des Produktionsprozesses, seine völlige
Loslösung von dem lebendigen Menschen, seine Übertragung
auf ein System lebloser Körper, die durch Mitteilung einer
künstlich erzeugten Kraft gleichsam mit Leben erfüllt werden.
Schöpfung eines selbsttätig wirkenden, an die Stelle des
Menschen tretenden Mechanismus, das ist es offenbar, was
uns vorschwebt, wenn wir von einer Fabrik sprechen oder
was wir doch wenigstens uns gewöhnen sollten in den Be—
griff hineinzulegen, da dieser dann erst seine spezifisch klare
und wertvolle Bedeutung für das System der Betriebsformen
erhält.
        <pb n="40" />
        Die Wirtschaftssorm der gewerbl. Produktion im allgem. 39

III. Kapitel.

Die wirtschaftliche Organisation der gewerblichen
Arbeit.

J. Die Wirtschaftsform der gewerblichen Produktion
im allgemeinen.

Da die gewerbliche Produktion einen unzertrennbaren
Bestandteil des gesamten Wirtschaftslebens bildet, so lassen
sich die wirtschaftlichen Formen, die in jenem Sinne er—
scheinen naturgemäß nicht charakterisieren ohne das gesamte
Wirtschaftsleben, von dem sie einen Teil ausmachen in
seiner Eigenart zu kennzeichnen.
Was die gewerbliche Produktion, wie alle wirtschaftliche
Tätigkeit zunächst in ihrer Eigenart bestimmt, ist der Zweck,
der dem Wirtschaften zu Grunde liegt, sind die Ideen, von
denen vorwiegend die Wirtschaftssubjekte geleitet werden,
sind die Motivreihen, denen die wirtschaftlichen Handlungen
letzlich ihr Dasein verdanken. Es ist hier nicht der Ort, die
verschiedenen Zwecke, die der wirtschaftlichen Tätigteit zu
Grunde liegen, Beschaffen- und Verschiedenheit des wirt—
schaftlichen Lebens im einzelnen zu erörtern. Im weiteren
Verlauf dieser Darstellung wird sich noch Gelegenheit bieten,
dasjenige hervorzuheben, was in dieser Beziehung als be—
sonders wichtig erscheint.
Und wie es der verschiedene Geist ist, der die gewerb—
liche Produktionsweise ebenso wie alles übrige Wirtschaften
jeweils bestimmt, so ist es ebenso die Verschiedenartigkeit
des Körpers, in dem dieser wirtschaftliche Geist sich ent—
faltet, will sagen, daß auch die gewerbliche Produktion wie
alle Wirtschaft durch die Gesamtheit der Rechts- und Sitten—
normen, denen die Produktion untersteht, in ihrer Eigenart
gekennzeichnet wird. Was jedoch für die Charakterisierung
        <pb n="41" />
        409 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

der Wirtschaftsform in der gewerblichen Produktionssphäre
von besonderer Bedentung wird, ist der Grad, den die ge—
sellschaftliche Differenzierung zu einer destimmten Zeit erreicht
hat, ist insbesondere der Umstand, ob die gesellschaftliche
Differenzierung der einzelnen Wirtschaften untereinander
schon soweit fortgeschritten ist, daß die gewerbliche Pro—
duktion den dauernden Inhalt besonderer Wirtschaften bildet.
Da es sich in diesem Zusammenhange nicht darum handelt,
eine ausführliche Systematik der Wirtschaftsformen gewerb—
licher Arbeit zu geben, wie ich sie in meinen größeren
Werken versucht habe, sondern uur um die Heraushebung
des Wesentlichen, so erscheint es zweckmäßig, in der folgenden
Darstellung nur auf die historisch hauptsächlich in Betracht
kommenden Typen gewerblicher Produktionswirtschaften
näher einzugehen.
Ich berücksichtige deshalb im folgenden nur:
diejenigen wirtschaftlichen Organisationen, in denen die
gewerbliche Produktion noch nicht verselbständigt
ist (11);
die handwerksmäßiae Oraanisation des Ge—
werbes (III);
die kapitalistischeOrganisation des Gewerbes (IV).

II. Die hausgewerbliche Eigenproduktion.
Als hausgewerbliche Eigenproduktion erscheint die ge—
werbliche Arbeit überall dort, wo sie noch nicht in besonderen
Wirtschaften verselbständigt ist, also nur einen Teil einer
größeren Wirtschaft bildet, in der die Gesamtheit des wirt—
schaftlichen Bedarfes gedeckt wird, insbesondere also auch die
Erzeugung von Rohstoffen und Nahrungsmitteln stattfindet.
Das Gemeinsame dieser Wirtschaftsorganisation ist dieses, daß
für das Ausmaß der Produktion sowohl nach Quantität wie nach
Qualität ausschließlich der Bedarf der Wirtschaftssubjekte und
        <pb n="42" />
        Die hausgewerbliche Eigenproduktion. 41

ihrer Angehörigen, bezw. der von ihnen abhängigen Personen
bestimmend ist. Daß ebenso über das Maß der Entfaltung
produktiver Kräfte, d. h. die Entwicklung technischen Könnens,
die Größe und Zusammensetzung des Kreises einer Wirtschaft
entscheidet. Daß endlich das Produkt alle Stadien seiner
Entwicklung im Rahmen einer Wirtschaft durchläuft, so daß
also ein Güteraustausch überhaupt nicht stattfindet.
Innerhalb dieser Eigenwirtschaften lassen sich dann zwei
verschiedene Arten deutlich unterscheiden, die ich als ur—
wüchsige oder bäuerliche Eigenwirtschaft und als erweiterte
Eigenwirtschaft bezeichne.
1. Die urwüchsige oder bäuerliche Eigenwirt—
schaft ist diejenige, bei der die Wirtschaftseinheit durch
stammesverwandte oder blutsverwandte, sozial gleichgestellte
Personen gebildet wird. Sie wird dadurch charakterisiert,
daß die Bedarfsgestaltung eine gleichsam naturale ist, ohne
wesentlich andere Differenzierung als sie die natürlichen
Unterschiede des Alters und Geschlechts mit sich bringen.
2. Die erweiterte Eigenwirtschaft wird dadurch
charaktexisiert, daß in ihr eine Anzahl von nicht blutsver—
wandten bezw. stammverwandten Personen, also fremde
Leute, dem Wirtschaftsorganismus eingegliedert sind, zu dem
Zwecke, dem Vorstande der Wirtschaft, ihrem Herrn, mit
ihrer Arbeit zu dienen. Der Bedarf ist hier bereits ein
kulturell bestimmter, insofern differenzierterer, als in erster
Linie die Bedürfnisse des Herrn und der Seinigen für die
gesamte Einrichtung der Wirtschaft ausschlaggebend sind.
Die Ausübung der wirtschaftlichen Tätigkeit erfolgt nicht
mehr von sämtlichen Angehörigen der Wirtschaftseinheit,
sondern von den fremden Leuten für die Herrschaft.
Während die Existenz der urwüchsigen Eigenwirsschaft,
wie schon durch die Begriffsbestimmung selber gegeben ist,
an keinerlei andere Bedingungen geknüpft ist, als das Wirt—
        <pb n="43" />
        12 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

schaften des Ganzen überhaupt, hat die erweiterte Eigen—
wirtschaft zur Voraussetzung bereits eine weitgehende Differen—
zierung der Macht- und Reichtumsverhältnisse, insbesondere
eine starke Akkumulation von Grundbesitz in der Hand eines
Herrn einerseits, einen entsprechend hohen Entwicklungsgrad
der Produktivität der Arbeit anderseits. Die Akkumulation
bon Grundbesitz ist deshalb die notwendige Voraussetzung,
weil sie allein die natürliche Basis einer Wirtschaft bildet,
die den Bedarf einer größeren Anzahl von Personen an
Nahrungsmitteln und Rohstoffen in ihrem Kreise decken will.
Die Differenzierung der Machtverhältnisse ist deshalb un—
entbehrlich, weil die erweiterte Eigenwirtschaft zur Voraus—
setzung die Abhängigwerdung zahlreicher Personen von
einem Wirtschaftssubiekte hat, während endlich ein ent—
sprechend hoher Grad der Produktivität der Arbeit erreicht
sein muß, damit die Herrschaft, ohne selber Hand anzulegen,
von den Erträgnissen ihrer abhängigen Leute zu existieren
vermag.

III. Die handwerksmäßige Organisation.
.Die Bedeutung des Wortes Handwerk.
Tas Wort Handwerk wird in verschiedener Bedeutung
gebraucht. Grimms Wörterbuch zählt deren drei auf; es
lassen sich jedoch leicht noch mehr Bedeutungen entdecken.
Handwerk bedeutet:
a) das mit der Hand vollbrachte Werk opus manu
A

b) im engeren Sinne „ein dauernd betriebenes Ge—
werbe, zu dessen Ausführung vorzüglich manuelle Geschicklich—
keit erforderlich ist, ars mechanica, unterschieden von der
Kunst und von der niedrigen Handarbeit“;
6) Technik, Inbegriff derjenigen Fertigkeiten, die zur
Vollbringung eines Handwerks erfordert werden;
        <pb n="44" />
        Die handwerssmäßige Organisation. 43

d) Handwerk im Sinne einer bestimmten historischen
Organisation eines dauernd betriebenen Gewerbes, im Sinne
also einer bestimmten Wirtschaftsform. Alsdann ist es die—
jenige Wirtschaftsform, die hervorwächst aus dem Streben
eines gewerblichen Arbeiters, seine zwischen Kunst und ge—
wöhnlicher Handarbeit die Mitte haltenden Fertigkeit zur
Herrichtung oder Bearbeitung gewerblicher Gebrauchsgegen—
stände in der Weise zu verwerten, daß er sich durch Austausch
seiner Leistungen oder Erzeugnisse gegen entsprechende Aqui—
valente seinen Lebensunterhalt verschafft. In diesem spezifisch
ökonomischen Sinne wird das Handwerk an dieser Stelle
allein aufgefaßt werden.
Die weiteren Bedeutungen des Wortes sind:.
e) die geschlossene Gesamtheit der ein bestimmtes Ge—
werbe betreibenden Gilde, Zunft, Innung;
k) der Inbegriff aller die handwerksmäßige Organisation
einer Zeit betreffenden Erscheinungen. Endlich kann es
8) noch in einem weiteren Sinne unter Ausdehnung
auf andere, nicht gewerbliche wirtschaftliche Tätigkeiten, die
nach Art des gewerblichen Handwerks oder Handwerks im
engeren Sinne gebraucht werden.

2. Begriff und Wesen des Handwerks.

Nach der im Vorstehenden unter der gegebenen Defini—
tion des Handwerks als einer eigentümlichen Wirtschaftsform
ergibt sich zunächst sein Unterschied gegenüber der in dem
vorigen Abschnitt behandelten Eigenwirtschaft. Ist in dieser
gewerbliche und andere wirischaftliche Tätigkeit noch un—
differenziert in einer Wirtschaft zusammengeschlossen, so wird
die handwerksmäßige Organisation dadurch wesentlich be—
stimmt, daß die gewerbliche Tätigkeit jetzt Inhalt einer
eigenen Produktionswirtschaft bildet, daß es also in ihr
Wirtschaften gibt, die nur gewerbliche Tätigkeit ausüben.
        <pb n="45" />
        44 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
Daraus ergibt sich, daß zum Wesen der handwerksmäßigen
Organisation der Austausch der Produkte zwischen den ver—
schiedenen Wirtschaften notwendig gehört. Trotzdem jedoch
die einzelnen Wirtschaften ihre Produkte untereinander aus—
tauschen, erfolgt die Produktion selber noch unter dem Ge—
sichtspunkte der Bedarfsdeckung, oder wie man es auch aus—
drücken kann: die produktive Tätigkeit ist noch auf die
Hervorbringung von Gebrauchsgütern gerichtet und erhält
damit ihre qualitative Färbung. Richtung gebend für die
Produktion bleibt nämlich der quantitativ wie qualitativ
umschlossene Bedarf sowohl des Käufers gewerblicher Er—
zeugnisse, wie auch des Verkäufers, also des Produzenten
Bedarf an Aquivalent-Gütern. Im einzelnen läßt sich die
Eigenart der handwerksmäßigen Organisation wie folgt am
besten bestimmen, wenn wir unseren Ausgangspunkt nehmen
von dem Handwerker und seiner Persönlichkeit und danach
fragen, was für ein Wesen er sei und was für Motivreihen
ihn beherrschen und schließlich zur handwerksmäßigen Or—
ganisfation führen. Was seiner innersten Natur nach „ein
Handwerker“ sei, werden wir, scheint mir, am sichersten zum
Ausdruck bringen können, wenn wir zunächst unsere Ausfage
negativ dahin zusammenfassen, daß wir einen „Handwerker“
denjenigen gewerblichen Arbeiter nennen, dem keine für die
Gütererzeugung und den Güterabsatz erforderliche Bedingung
fehlt, sei sie persönlicher, sei sie sachlicher Natur, in dessen
Persönlichkeit somit alle Eigenschaften eines gewerblichen
Produzenten oder, wie wir zusammenfassend sagen können,
die Produktionsqualifikation noch ohne irgendwelche Differen—
zierung eingeschlossen sind. Da nun zur Produktion stets
eine Vereinigung von Sachvermögen und persönlichen Fähig—
keiten erfolgen muß, so ergibt sich aus dem Gesagten zu—
nächst, daß der Handwerker außer den persönlichen Quäali—
täten die Verfügungsgewalt über alle zur Produktion
        <pb n="46" />
        Die handwerksmäßige Organisation. 45
erforderlichen Sachgüter, d. h. über die Produktiousmittel
besitzt, was wir auch so ausdrücken können: im Handwerker
hat noch keine Differenzierung von Personal- und Sachver—
mögen stattgefunden; oder in anderer Wendung mit gleichem
Sinne: das Sachvermögen des Handwerkers hat noch nicht
die Eigenschaft des Kapitals angenommen. Aber wovon
wir ausgingen: der Handwerker besitzt nicht nur das für
die Ausübung seines Gewerbes notwendige Sachvermögen,
er besitzt auch alle dazu erforderlichen Eigenschaften: er ist
eine Art von gewerblichem „Herrn Mikrokosmos“.
Was später sich in zahlreichen Individuen zu besonderen
Veranlagungen auswächst: das alles vereinigt der Hand—
werker auf seinem „Ehrenscheitel“. Selbstverständlich alles
in einem en miniature Ausmaße. Seiner Univer—
salität entspricht mit Notwendigkeit seine Mittelmäßigkeit.
Man kann eine handwerksmäßige Organisation auch als
eine solche bezeichnen, in der die Mittelmäßigkeit das die
Produktion regelnde Prinzip ist. Der Kern des Hand—
werkertums ist seine Qualifikation als gewerblicher Arbeiter,
in dem Sinne, daß er die technischen Fähigkeiten besitzt, die
zur Herstellung eines Gebrauchsgegenstandes an einem Roh—
stoff vorzunehmenden Handgriffe auszuführen. Aber mit
dieser, sagen wir technischen Veranlagung vereinigt er: die
etwa erforderliche künstlerische Konzeption, das künstlerische
Empfinden, die für die Produktion, insbesondere auch für
die Tradition des produktiven Könnens erforderlichen Kennt—
nisse, um nicht den irreführenden Ausdruck zu gebrauchen:
wissenschaftliche Qualifikation.
Daneben funktioniert er als Organisator ebensowohl
wie als Leiter der Produktion. Er ist Generaldirektor,
Werkmeister und Handlanger in einer Person. Er ist
aber auch Kaufmann. Alle Einkaufs- und Verkaufstätig—
keit, alle Absatzorganisationen, kurz alles, was später
        <pb n="47" />
        als spekulative Begabung sich in einigen überdurch—
schnittlichen Persönlichkeiten absonderl, umfaäßt sein persön—
liches Vermögen.
Mir scheint, als ob es zwei Punkte vor allem seien, auf
die das Streben des Handwerkers hauptsächlich gerichtet ist:
ein standesgemäßes Auskommen und Selbständigkeit. Ein
standesgemäßes Auskommen strebt er an, nicht weniger,
aber vor allem auch nicht mehr. Seine gewerbliche Arbeit
soll ihm gerade wie dem Bauern die materielle Basis für
seine Existenz: seine „Nahrung“ verschaffen, das Handwerk
soll seinen Mann „nähren“. Das ist der Grundton, der
durch alle Außerungen des Handwerks seit seinem Bestehen
hindurchklingt. Ursprünglich ist dieses Streben der Ausfluß
naiven Menschentums, erst allmählich wird man sich seiner
bewußt, formuliert es theoretisch und macht es zur Basis
des Handwerks, wo man dessen Wesen ausdrücken will.
Dort vor allem wird es mit Entschiedenheit betont, wo
feindliche Mächte diesen Grundpfeiler handwerksmäßiger
Existenz, die „‚Nahrung“ zu erschüttern drohen, also in den
Klagen der Handwerker oder dort, wo die feindlichen Mächte,
die auf anderem Grunde fußen wollen, von den Ver—
teidigern der guten alten Zeit ihres verderblichen Irrtums
überzeugt werden sollen.
Aber der Handwerker will sein Auskommen haben und
dabei ein freier Mann sein, d. h. als selbständiger Produzent
bestehen können. Diese Selbständigkeit ist es erst, die den
Handwerker im eigentlichen Sinne, von ebenfalls gewerb—
lichen Arbeitern anderen ökonomischen Charakters unter—
scheidet.
Um jene Zwecke zu erreichen, die dem Streben des
Handwerkers zugrunde liegen, setzt er nun sein ganzes
Können ein. Dieses aber ist, wie wir wissen, doch immer
vorwiegend eine technische Fähigkeit: durch eigenhändige

46 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
        <pb n="48" />
        Die handwerksmäßige Organisation. 47

Arbeit also muß er seinen Zielen zuzustreben suchen. Was
seiner Hände Geschicklichkeit zu leisten, was seiner Arme
Spannweite zu umschließen vermag, das ist die Sphäre
seines Wirkens, das also als ein unmittelbarer Ausfluß seiner
Persönlichkeit erscheint. In diesem Sinne hat man das
„Handwerk“ sehr treffend bezeichnet als den Ausdruck einer
zum Lebensberuf ausgeprägten bestimmten Tätigkeit des
Individuums, die sich sozusagen soweit ausdehnt, als die
Kraft der einzelnen Hand zu herrschen und zu schaffen ver—
mag. Dieser Idee der Arbeit als einer Betätigung der
Gesamtpersönlichkeit entspricht die dem Haudwerk eigen—
tümliche Berufsgliederung. Diese ist nämlich eine solche,
daß die Individualität eines Menschen seine Kräfte über
einen gewissen Kreis von Tätigkeiten erstrecken kann und
soll, die durch ein geistiges Band, durch die Idee eines
Ganzen zusammengehalten werden; daß eine Ausweitung
dieses Kreises seine Kräfte zersplittern muß, während an—
derseits, wenn diese Kräfte in zu engem Kreise oder wohl
gar nur in einer Richtung hin betätigt werden, der Arbeiter
in die Stumpfheit des rein mechanischen Betriebes versinkt.
Was gleichsam die qualitative Abgrenzung der einzelnen
Handwerke charakterisiert, während die quantitative Zuteilung
des Wirkungskreises deutlichst unten dem Einfluß des Leit—
satzes von der „Nahrung“ stets gestanden hat. Nach beiden
Richtungen hin — das wollen wir festhalten — sind also
für die Abgrenzung der einzelnen Handwerke subjektive, in
der Persönlichkeit des Handwerkers begründete Momente
maßgebend gewesen.
Die der handwerksmäßigen Organisation der Produktion
am innerlichsten entsprechende Form der Betriebsgestaltung
ist der Individualbetrieb in allen seinen Modalitäten; als
Alleinbetrieb, Familienbetrieb, Gehilfenbetrieb, also der so—
genannte Kleinbetrieb. Jedoch ist eine handwerksmäßige
        <pb n="49" />
        8 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

Organisation auch in der Form des Großbetriebs gelegent⸗
lich vorgekommen.
Was wiederum ein dem Handwerk spezifischer Zug ist,
ist die Art und Weise, wie die in den verschiedenen Betriebs—
formen zu einheitlichem Wirken zusammengefaßten Personen
rechtlich und ökonomisch zueinander in ein Verhältnis ge—
bracht werden, ist dasjenige, was man die innere Gliederung
des Handwerks nennen kann. Denn ihre Eigenart folgt
aus dem obersten Prinzipe handwerksmäßiger Organisation,
wie es in der Zwecksetzung ihrer Träger zum Ausdruck ge⸗
langt.
Das Verhältnis des Leiters handwerksmäßiger Pro—
duktion — des „Meisters“ — zu seinen Hilfspersonen —
den Gesellen, Knechten, Knappen, Knaben, Dienern, Helfern,
Gehilfen, und wie die Bezeichnungen sonst noch lauten mögen,
sowie den Lehrlingen — und dieser zu ihm, wird man nur
dann richtig verstehen, wenn man sich den familienhaften
Charakter vergegenwärtigt, den alles Handwerk ursprünglich
trägt: die Familiengemeinschaft ist der älteste Träger dieser
Wirtschaftsform, und sie bleibt es auch dann noch, als schon
fremde Personen zur Mitwirkung herangezogen werden.
Geselle und Lehrling treten in den Familienverband ein mit
ihrer ganzen Persönlichkeit und werden von ihm umschlossen,
zunächst in der gesamten Betätigung ihres Daseins. Die
Familie samt Gesellen und Lehrlingen ist Produktions- und
Haushaltungseinheit. Alle ihre Glieder sind Schutzangehörige
des Meisters, sie bilden mit ihm ein organisches Ganze,
ebenso wie es die Kinder mit ihren Eltern tun. Wie nun
aber gar nie die Vorstellung aufkommen kann, daß die
Eltern der Kinder, oder die Kinder der Eltern wegen da
seien, ebenso wie es töricht wäre, zu denken, daß das Herz
um des Kopfes oder dieser um jenes willen da sei, so folgt
auch für das Verhältnis von Meister zu Gesellen und Lehr—
        <pb n="50" />
        Die handwerksmäßige Organisation. 49

lingen, daß keiner der Mitwirkenden als um des andern
willen wirkend gedacht werden darf, sondern daß sämtliche
Personenkategorien, also auch die Hilfspersonen — Geselle
und Lehrling — als Selbstzweck erscheinen, oder was das—
selbe ist, als Organ im Dienste eines gemeinsamen Ganzen.
Der Lehrling ist angehender Geselle, der Geselle zukünftiger
Meister, der Meister ehemaliger Geselle, der Geselle ehe—
maliger Lehrling.

3. Die Arten des Handwerks.

Wir können folgende Arten des Handwerks unterscheiden:
a) Lohnhandwerker und Preis- oder Kaufhand—
werker. Der Unterschied dieser beiden Formen des Hand—
werks besteht darin, daß im ersten Falle der Konsument, im
andern der Produzent den Rohstoff liefert.
b) Wanderhandwerker und seßhafter Hand—
werker, je nachdem das Handwerk im Umherziehen oder
dauernd an einer und derselben Stelle betrieben wird. Die
Wanderhandwerker, wenn sie gleichzeitig Lohnhandwerker
sind, werden auch Störer genannt.
) Handwerker, die auf Bestellung, und solche, die
auf Vorrat arbeiten.
d) Handwerker, die für den Lokalbedarf ihres Dorfes
oder ihrer Stadt und solche, die für den großen Maurkt
produzieren. Mit dieser zuletzt gemachten Unterscheidung
trete ich mit der herrschenden Auffassung in Widerspruch,
wonach es zum Begriff des Handwerks gehört, daß die Pro—
duktion für den lokalen Markt erfolge, sogenannte Kunden—
produktion sei. Ich habe in meinem „Kapitalismus“
quellenmäßig nachgewiesen, daß Handwerk fehr wohl
auch in reiner Form möglich sei, ohne daß eine Kunden—
produktion vorliegt, während andrerseits eine Kundenproduk—
Sombart, Gewerbewesen J.
        <pb n="51" />
        50 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
tion keineswegs notwendig eine handwerksmäßige Organi—
sation des Gewerbes involviert. Freilich, damit Handwerk
bestehen könne, trotzdem die Produktion für den großen
Markt erfolgt, sind bestimmte objektive Bedingungen erforder—
lich, die aber überhaupt erfüllt sein müssen, damit Handwerk
möglich sei. Ich gebe sie im folgenden an:
4. Die Existenzbedingungen des Handwerks.

Das Wesen der handwerksmäßigen Organisation beruht
auf der Voraussetzung, daß der Handwerker als technischer
Arbeiter jahraus jahrein in Frieden seine Stiefel machen kann
und sicher ist, bei dieser beschaulichen Tätigkeit seinen Lebeus—
unterhalt zu erwerben, d. h. in die nationalökonomische
Terminologie übersetzt: Voraussetzung handwerksmäßiger
Organisation ist die Sicherheit und Ständigkeit des Produkten—
absatzes: mit andern Worten: es muß, damit Handwerk
möglich sei, Angebot und Nachfrage nach gewerblichen Er—
zeugnissen sich stets im Gleichgewicht befinden, oder aber es
muß ein Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage in
der Weise bestehen, daß die Nachfrage stets dem Angebot
um eine Nasenlänge voraufeilt. In diesem Falle kann der
Handwerker sicher sein, daß er seine Erzeugnisse nicht nur
an den Mann bezw. an die Frau bringt, sondern daß er
auch den üblichen, für ihn lohnenden Preis als Entgelt dafür
erhält. Damit aber ein solcher, dem Handwerker günstiger
Zustand des Marktes existiert, müssen folgende Voraus—
setzungen zutreffen:
a) Es müssen verhältnismäßig wenig gewerbliche
Produzenten vorhanden sein, d. h. es muß gleichsam ein
Mangel an Handwerkern herrschen. Das ist aber der Fall,
wenn 9) die Zuwachsrate der Bevölkerung überhaupt niedrig
ist, d. h. also die Bevölkerung sich langsam oder gar nicht
vermehrt; 8) wenn insbesondere die Rate der agrarischen
        <pb n="52" />
        Die handwerksmäßige Organisation. 51

Überschußbevölkerung den gesamten Zuwachs, der in ihren
Reihen entsteht, auch in der Sphäre der landwirtschaftlichen
Produktion absorbieren kann; 7) wenn die wenigen Rekruten,
die sich dem Handwerk infolge jener geringen Bevölkerungs—
zuflüsse von neuem immer wieder stellen, eine besonders
lange Zeit zur Heranbildung erheischen, d. h. wenn der
Stufengang der gewerblichen Ausbildung ein besonders
komplizierter ist.
b) Wird ein Mangel an gewerblichen Produkten dadurch
herbeigeführt, daß die Produktivität der gewerblichen
Arbeit gering entwickelt ist, so daß also die wenigen
Handwerker, die zur Verfügung stehen, außerdem noch wenig
produzieren. Demgegenüber muß alsdann eine kaufkräftige
bezw. zahlungsfähige Nachfrage stehen, die mit den Über—
schüssen des Bodens reichliche Mengen an gewerblichen Er—
zeugnissen zu erwerben in der Lage und gewillt ist. Auf
diese Weise erfüllen sich diejenigen Bedingungen, die dem
Handwerk gleichsam in quantitativer Hinsicht die für
seine Existenz notwendige Sicherheit und Stabilität gewähr—
leiste. Es muß noch dazu kommen, daß durch ganz be—
stimmte Umstände auch, wenn der Ausdruck gestattet ist, in
qualitativer Beziehuug jene notwendige Stabilität ge—
währleistet werde, d. h. der Handwerker vermag nur dann
zu bestehen, wenn die Tech nik einer Zeit nicht unausgesetzt
Veränderungen der Verfahrungsweisen im Gefolge hat.
Der Handwerker, der auf eine bestimmte Fertigkeit eingelernt
ist, ist ganz außerstande technischen Veränderungen, die
während seines Lebens sich einstellen, jederzeit gerecht zu
werden. Man wird deshalb sagen dürfen, daß das Hand—
werk zu seiner Existenz notwendig das empirische Verfahren
als Voraussetzung hat, weil nur unter der Herrschaft dieses
Verfahrens, wie wir in dem ersten Abschnitte gesehen haben,
eine solche Langsamkeit in der Umbildung der gewerblichen
        <pb n="53" />
        52 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

Technik herrscht, wie sie dem Vermögen des Handwerkes
allein entspricht,

IV. Die kapitalistische Orgauisation des Gewerbes.
1. Begriff und Wesen der kapitalistischen
Unternehmung.

Wir sprechen in diesem Falle auch von gewerblichen
Kapitalismus und im Munde des gewöhnlichen Menschen
lautet die Bezeichnung für diese spezifische Form der gewerb—
lichen Organisation: Industrie. Hier ist die Form, in der
sich die wirtschaftliche Tätigkeit abspielt, die kapitalistische
Uuternehmung, in unserem Falle also die kapitalistisch-ge—
werbliche Unternehmung. Damit wir die Eigenart kapila—
listischer Organisation erkennen, müssen wir demnach uns
von dem Wesen der kapitalistischen Unternehmung eine Vor—
stellung zu machen suchen.
Kapitalistische Unternehmung nenne ich diejenige
Wirtschaftsform, deren Zweck es ist, durch eine Summe von
Vertragsabschlüssen über geldwerte Leistungen und Gegen—
leistungen ein Sachvermögen zu verwerten, d. h. mit einem
Aufschlag (Profit) dem Eigentümer zu reproduzieren. Ein
Sachvermögen, das solcher Art genutzt wird, heißt Kapital.
Die konstitutiven Merkmale des Begriffes unserer Wirtschafts—
form finden wir zunächst in der Eigenart der Zwecksetzung.
Es fällt auf, daß der gesetzte Zweck nicht durch irgend welche
Beziehung auf eine lebendige Persönlichkeit bestimmt wird.
Vielmehr rückt ein Abstraktum: das Sachvermögen, von
vornherein in den Mittelpunkt der Betrachtung. Diese Los—
lösung der Zwecke unserer Wirtschaftsform von der leiblich—
individuellen Persönlichkeit des Wirtschaftssubjektes ist wohl—
bedacht. In ihr soll die Abstraktheit des Zweckes selbst uud
        <pb n="54" />
        Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. 53

damit seine Unbegrenztheit sofort als das entscheidende
Merkmal der kapitalistischen Unternehmung zum Ausdruck
zebracht werden.
Es ist vor allem wichtig, zu erkennen, daß für jegliche
in ihr entfaltete Tätigkeit nicht mehr der quantitativ und
qualitativ fest umschriebene Bedarf einer Person oder einer
Mehrheit von Menschen richtunggebend wirkt, sondern daß
Quantum und Quale der Leistungen einer kapitalistischen
Unternehmung nur noch unter dem unpersönlichen Gesichts—
punkt einer Verwertung des Kapitales betrachtet werden
dürfen. In der Überwindung der Konkretheit der Zwecke
liegt die Überwindung ihrer Beschränktheit eingeschlossen.
Die Zwecke der kapitalistischen Unternehmung sind abstrakt
und darum unbegrenzt. An diese elementare Einsicht ist
jedes Verständnis für kapitalistische Organisation gebunden.
Indem wir diese fundamentale Eigenart der kapitalistischen
Unternehmung feststellen, wird ersichtlich, daß wir sie als
den vollendesten Typus der Erwerbswirtschaft charakterisieren.
Wie entscheidend wichtig aber die in der Zwechsetzung
der kapitalistischen Unternehmung vorgenommene Verselb⸗
stäudigung des Sachvermögens ift, geht von vornherein aus
der damit bezeichneten Tatsache hervor, daß in ihr die Möglich—
keit einer Emanzipation auch von den Schranken des indi—
vidnellen und damit zufälligen Könnens und Wollens über—
haupt eingeschlossen liegt.
Dafern das Wirtschaftssubjekt — der kapitalistische Unter—
nehmer — gleichsam nur der Repräsentant seines Sach—
bermögens ist, so ist es auch vertretbar. Nicht sein indi—
vidnelles Können entscheidet notwendig über die im Rahmen
der kapitalistischen Unternehmung vollzogene Tätigkeit (wie
etwa im Handwerk) sondern die durch Nutzung des Sach—
dermögens ausgelösten Kräfte und Fähigkeiten beliebiger
anderer Personen. In diesem Umstande liegt die Erklärung
        <pb n="55" />
        54 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.

für die ungeheure Energie, die alle kapitalistische Wirtschaft
zu entfalten vermag.
Und wie das Ausmaß des Vollbringens im Rahmen
der kapitalistischen Unternehmung ins schrankenlose geweitet
wird, so wird auch in ihr die Energie der Zwechksetzung
gleichsam objektiviert, d. h. abermals von den Zufälligkeiten
der Individuen unabhängig gemacht. Durch einen kompli—
zierten psychologischen Prozeß erscheint die Verwertung des
Kapitals — das ist also der Zweck jeder kapitalistischen
Unternehmung — schließlich dem Eigentümer eines Sach—
vermögens, das das dingliche Substrat einer solchen bildet,
als eine sich ihm in ihrer zwingenden Gewalt aufdrängende
objektive Notwendigkeit. Das Gewinnstreben oder der Er—
werbstrieb, die gewiß ursprünglich höchst persönliche Seelen
stimmungen waren, werden damit objektiviert.
Der Eigenart des Zwecks entspricht die Eigenart der
—DD———
Der mannigfachen Arten, wie sich ein Sachvermögen in
der von der Zwecksetzung kapitalistischer Organisation ge—
wiesenen Richtung verwerten läßt, wird dort gedacht werden,
wo wir die Modalitäten der kapitalistischen Unternehmung
besprechen. Hier muß darauf hingewiesen werden, daß stets
und überall die in ihr entfaltete Tätigkeit sich zurückführen
läßt auf eine Summe von Vertragsabschlüssen über geldwerte
Leistung und Gegenleistung, auf deren geschickte Bewerk—
stelligung am letzten Ende die Kunst des Wirtschaftsleiters
hinausläuft und deren Inhalt entscheidend ist für die Frage,
ob die Zwecke der Unternehmung erreicht sind. Mögen
Arbeitsleistungen gegen Sachgüter oder Sachgüter gegen
Sachgüter eingetauscht werden: immer kommt es darauf
allein an, daß dabei am letzten Ende jenes Plus an Sach—
bermögen in den Händen des kapitalistischen Unternehmers
zurückbleibt, um dessen Erlangung sich seine ganze Tätigkeit
        <pb n="56" />
        Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. 55

dreht. In der Beziehung auf das allgemeine Warenäquivalent,
auf die Verkörperung des Tauschwertes im Gelde wird aller
Inhalt der Verträge über Lieferung von Waren oder Arbeits—
leistungen aller qualitativen Unterschiedlichkeit beraubt und
nur noch quautitativ vorgestellt, so daß nun eine Aufrechnung
in dem zahlenmäßigen Debet und Kredit möglich ist. Daß
das Soll und Haben des Hauptbuchs mit einem Saldo zu
Gunsten des kapitalistischen Unternehmens abschließe: in
diesem Effekte liegen alle Erfolge, wie alle Inhalte der in
der kapitalistischen Organisation unternommenen Handlungen
eingeschlossen.
Daraus ergeben sich min aber im einzelnen Wesen und
Art der Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers (oder seines
Remplacçant). Diese ist nämlich stets erstens eine disponierend—
organisierende. Tamit ist gemeint, daß sie im wesentlichen
gerichtet ist auf die Inbeziehungsetzung anderer Personen.
Tem Wesen kapitalistischer Organisation völlig fremd ist
die höchst persönliche, individuell-isolierte Werkschöpfung
des einsamen Arbeiters. Es ist die Eigenart künst—
lerischen oder wissenschaftlichen Vollbringens, daß es die
Menschen flieht.
Und von diesem Hang alles Schöpferischen zur Einsam—
keit hat sich der Handwerker noch ein gut Teil bewahrt:
am letzten Ende beruht sein bestes Vollbringen in der Mit—
teilung seiner Persönlichkeit an den toten Stoff. Während
hingegen der kapitalistische Unternehmer in der Einsamkeit
notwendig verkümmern müßte, weil er vom Kommerzium
lebt. In diesem Angewiesensein auf die unausgesetzte Ver—
knüpfung von Menschen untereinander liegt die spezifisch
gesellschaftbildende Kraft der kapitalistischen Unternehmung.
Man kann sie daher auch als Verkehrsunternehmung, die
von ihr beherrschte Wirtschaftsweise füglich als Verkehrs—
wirtschaft bezeichnen.
        <pb n="57" />
        — 36 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
Die Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers ist aber
eine kalkulatorisch-pekulative. Das Symbol dieser Wirtschafts⸗
form ist das Hauptbuch: ihr Lebensnerv liegt in dem Gewinn⸗
und Verlustkonto. Im Konto: im Rechnen. In der Über—
setzung jedes Phänomens in das Ziffermäßige, im Aufrechnen
und Gegenrechnen, in der nackten Geldwertung jeder Leistung.
Diese Eigenart der kapitalistischen Denkweise, die in dem
Wesen kapitalistischer Organisation eingeschlossen liegt, wird
dann die mächtigste Förderin einer rationalistischen, insonder—
heit kausalen Betrachtung der Welt: die spezifisch moderne
Weltauffassung, die auf dem Postulat strikter Kausalität
aufgebaut ist, ist aus innerst kapitalistischem Geiste ge—
boren. Es wird zu zeigen sein, daß die ersten, in dem
bezeichneten Sinne modernen Geister dies nur waren und
sein konnten, weil sie Kaufleute waren. Die moderne
Naturwissenschaft selbst ist aus dem Hauptbuche geboren
worden.

Die Idee einer notwendigen Kongruenz zwischen Leistung
und Gegenleistung ist damit in die Welt gekommen. Wir
können diese Seelenveranlagung, die solchem Verhalten zu
grunde liegt, die Rechenhaftigkeit nennen. Aber das Rechnen
des kapitalistischen Unternehmers ist bei der Mannigfaltig—
keit der Beziehungen, die er in seinem Geschäftsinteresse
knüpfen muß, oft genug ein Rechnen mit unbekannten
Größen. Das macht seine kalkulatorische Tätigkeit zu einer
spekulativen. Es ist eine ganz eigenartige psychologische
Mischung, die durch das Nebeneinander von Kalkulation
und Spekulation, von Verstandesschärfe und Phantasiefülle
oft genug in einem und demselben Individium entsteht.
Der schöpferische Unternehmer ist der spekulative Kopf: der
Synthetiker, der sich zum Durchschnittsunternehmer, dem
bloßen Kalkulator, wie der geniale Denker zum gelehrten
Routinier verhält.
        <pb n="58" />
        Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. 57

Endlich ist die Tätigkeit kapitalistischer Wirtschaftssubjekte
stets eine rationalistische. Will sagen, daß ihr Handeln zu
allen Zeiten ein bewußtes Handeln nach Gründen ist. Zur
Begründung ihrer Handlungsweise bedürfen sie aber einer
Aufdeckung der kausalen Beziehungen, einer Ordnung der
Dinge nach der Kategorie von Ursache und Wirkung.

2. Die Arten der kapitalistischen Unternehmung.
a) Wir unterscheiden nach dem Umfange der kapita—
listischen Unternehmung folgende Arten:
a) Die Vollunternehmung. Es ist diejenige, bei der
der Kapitalist nur Organisator und Leiter und nur der
Kapitalist Organisator und Leiter ist.
6) Die Großunternehmung. Das ist diejenige, bei
welcher der Kapitalist ebenfalls immer nur Organisator und
Leiter, aber Organisator und Leiter nicht nur der Kapitalist
ist, vielmehr in seinem Dienst bezahlte andere Leiter neben
ihm oder an seiner statt die organisatorischen Funktionen
ausüben.

y) Die kleinkapitalistische Unternehmung. Diese
wird dadurch charakterisiert, daß bei ihr die Funktion der
Organisation und Leitung zwar nur von Kapitalisten aus—
geübt wird, dieser aber nicht nur als Organisator und Leiter,
sondern daneben auch als technischer Arbeiter funktioniert.
b) Bedeutsam unterscheidet sich die kapitalistische Unter—
nehmung nach den Betriebsformen, deren sie sich be—
dient. Danach ergibt sich für die Sphäre des gewerblichen
Kapitalismus die grundlegende Unterscheidung zwischen Haus—
industrie und kapitalistischer Großindustrie.
) Als Hausindustrie oder Verlagssystem wird
diejenige Betriebsform der kapitalistischen Unternehmung
bezeichnet, bei welcher die Arbeiter in ihren eigenen Woh—
nungen oder kleineron Werkstätten beschäftigt werden.
        <pb n="59" />
        58 Die gewerbliche Arbeit n. ihre Organisation.

65) Als Großindustrie ist demgegenüber diejenige
Sphäre des gewerblichen Kapitalismus zu bezeichnen, in
welcher die Betriebsformen Manufaktur oder Fabrik sind.
Die Unterscheidung der verschiedenen Formen der Industrie
wird also hier durch das Merkmal der Zentralisation bezw.
Dezentralisation der Arbeiter bestimmt.
3. Voraussetzungen und Bedingungen des gewerb—
lichen Kapitalismus.

Ich unterscheide subjektive Voraussetzungen und objektive
Bedingungen der kapitalistischen Produktion. Subjektive
Vorausfetzungen nenne ich diejenigen Qualitäten, die ein
Wirtschaftssubjekt besitzen muß, von dem die Bildung einer
kapitalistischen Unternehmung ausgehen soll. Objektive
Bedingungen diejenigen Umstände, die in der Umwelt
des Wirtschaftssubjektes realisiert sein müssen, damit dieses
seine Zwecke durchführen könne.
a) Die subjektiven Voraussetzungen einer kapita—
listischen Unternehmung können auf Grund der Darstellung,
die ich von deren Wesen gegeben habe, ohne weiteres nam—
haft gemacht werden. Weil es sich nämlich bei jeder kapita—
listischen Unternehmung um die Verwerlung eines Sach—
vermögens handelt, so ist offenbar die erste Bedingung, daß
dieses Sachvermögen in entsprechender Höhe sich in der
Verfügungsgewalt eines Wirtschaftssubjektes angehäuft habe,
ehe auch nur der erste Schritt auf dem Wege der kapita—
listichen Unternehmung getan werden kann. Die erste sub—
jektive Voraussetzung ist also eine entsprechende Vermögens—
oder wie wir genauer umschreibend sagen können, Geld—
akkumnlation in den Händen einzelner Wirtschaftssubjekte.
Diese Geldakkumulation ist nun aber, wie ersichtlich,
noch nicht für sich allein schon hinreichende Voraussetzung
auch nur für den Plan einer kapitalistischen Unternehmung.
        <pb n="60" />
        Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. 59

Es ist vielmehr möglich, daß der Geldbesitzer ganz und gar
nicht die Absicht hegt, sein Vermögen in einer kapitalistischen
Unternehmung zu verwerten. Was also zu der Geldakku—
mulation als subjektive Voraussetzung hinzutreten muß, um
die kumulierten Geldbeträge in Kapital zu verwandeln, ist
der spezifisch kapitalistische Geist ihres Besitzers.
Darunter wird also jene Seelenstimmung zu verstehen sein,
die wir als dem kapitalistischen Unternehmer eigentümliche
kennen gelernt haben: das Gewinnstreben der kalkulatorisch—
spekulative Sinn, der ökonomische Rationalismus.
bp) Die objektiven Bedingungen, an deren Erfüllung
die Existenzmöglichkeit kapitalistischer Organisation geknüpft
ist, kunnen wir zunächst zusammenfassend dahin bestimmen,
daß wir sagen: es müssen diejenigen Bedingungen exfüllt
sein, die dem kapitalistischen Unternehmer eine seinen Be—
dürfnissen entsprechende Vertragsschließung mit dritten Per—
sonen ermöglicht. Diese Bedingungen sind entweder for—
meller oder materieller Natur.
Fragen wir zunächst: wie ist Vertragsschließung im
kapitalistischen Sinne formell möglich, so ergibt sich die
Antwort von selbst dahin, es müsse die Rechtsordnung
derart beschaffen sein, daß sie die vom Wesen der kapita—
listischen Unternehmung erheischten Rechtsverhältnisse und
Verträgegestaltung zulasse. Dies ist aber vor allem das
Privateigentum auch an Produktionsmitteln. Dies sind so—
dann folgende Arten von Verträgen: Kauf, Pacht, Leihe,
Dienstmiete. Immer muß der kapitalistische Unternehmer
Verkäufer oder Käufer, Vermieter oder Mieter, Verpachter
oder Pachter von Sachgütern ebenso wie Käufer und in—
sonderheit Verkäufer von Leistungen (Diensten) finden, mit
denen er kontrahieren kann. Und alle diese Vertragsschlie—
zung ruht, wie ebenfalls ersichtlich ist, nur dann auf einem
sicheren Fundament, wenn dem kapitalistischen Unternehmer
        <pb n="61" />
        60 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation.
die freie Verfügung über die zur Weiterverbreitung oder
Bearbeitung erworbenen Sachgüter zusteht, d. h. also, wenn
Privateigentum an allen Kalegorien von Sachgütern, in—
sonderheit auch an den sachlichen Produktionsfaktor besteht.
Ausdrücklich muß jedoch hervorgehoben werden, daß die
erwähnten rechtlichen Beziehungen keineswegs notwendig
von der Rechtsordnung als statthaft anerkannt zu sein
brauchen. Es genügt, um die Existenz des Kapitalismus
formell zu ermöglichen, daß jene Beziehungen auf irgend
eine Weise, sei es praeter legem, sei es contra legem tat—
sächlich zustande kommen können. Damit nun aber Kapi⸗
talismus möglich sei, ist nicht nur erforderlich, daß die im
Wesen kapitalistischer Organisation gegründeten Vertrags—
schließungen überhaupt stattfinden können, sie müssen viel—
mehr auch in einem dem Unternehmer günstigen Sinne sich
abwickeln, d. h. also im Endergebnis die Reproduktion eines
Sachvermögens nebst einem Aufschlag — dem Profit —
herbeiführen. Die Bedingungen, an deren Erfüllung solcher—
art die Verwertung eines Kapitals gebunden ist, sind die
objektiven Bedingungen materieller Natur, von
denen oben die Rede war. Wir können ihrer hauptsächlich
zwei verschiedene Kategorien unterscheiden.
Erstens muß sich Gelegenheit bieten, daß der kapita—
listische Unternehmer die von ihm produzierten Waren in
hinreichender Menge gewinnbringend verkaufen kann. In
der Eigenart der kapitalistischen Produktionsweise ist es be—
gründet, daß die Warenerzeugung unter einem bestimmten
Minimum von Produkten nicht erfolgen kann, daß sie aber
von einer Tendenz zur unausgesetzten Ausweitung des Pro⸗
duktionsrahmens beherrscht wird. Daraus ergibt sich, daß
eine der vornehmsten Bedingungen für die Existenz kapita—
listischer Produktion das Vorhandensein einer großen Anzahl
von Käufern ist. Wir können das auch so ausdrücken, daß
        <pb n="62" />
        Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. 61

—
das Vorhandensein eines großen Absatzmarktes.
Zweitens: Da die kapitalistische Produktionsweise nur
bestehen kann, wenn der kapitalistische Unternehmer fremde
technische Arbeiter in seinen Dienst nimmt, so ist die zweite
objektive Bedingung materieller Natur, an deren Erfüllung
kapitalistische Unternehmung geknüpft ist, das Vorhanden—
sein einer entsprechenden Anzahl von Arbeits—
kräften, die dem Unternehmer als Material dienen können,
d. h. also, es müssen Personen vorhanden sein, die, weil sie
auf andere Weise ihren Unterhalt nicht finden, freiwillig sich
zur Verrichtung von Lohnarbeit im Solde eines kapita—
listischen Unternehmers verdingen. Wir nennen diese Per—
sonen Proletariat.
Das Proletariat wird gebildet:
A. Aus der Zuschußbevölkerung, d. h. denjenigen
Elementen, die schon selbständige Produzenten waren, in
ihrer Stellung aber nicht bleiben können, sei es, daß man
sie gewaltsam daraus vertrieben habe, wie z. B. gelegte
Bauern, sei es, daß ihre Existenz allmählich durch widrige
Umstände untergraben wurde.
B. Aus der Überschußbevölkerung, d. h. denjenigen
Personen, die selbständige Produzenten oder, was dem
gleichkommt, nicht werden können; hier handelt es sich also
um eine Bevölkerungsschicht, die noch nicht selbständig war,
aber von der ökonomisch selbständigen Bevölkerung nicht
absorbiert wird. Es ist ersichtlich, daß sich diese Elemente
rekrutieren aus dem Nachwuchs, somit in ihrer Expansions—
fähigkeit an die Schranken organischen Wachstums gebunden
sind. Eine Überschußbevölkerung bildet sich überall dort,
wo die Anzahl der Stellen selbständiger Produzenten aus
irgend welchem Grunde eine der Zuwachsrate der Bevölke—
rung nicht mehr entsprechende Vermehrung erfährt.
        <pb n="63" />
        62 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

II. Abschnitt.

Überblick über die geschichtliche Entwickelung
des Gewerbewesens.

J. Kapitel.

Das Altertum.

Es kann nicht die Aufgabe der folgenden Darstellung
sein, eine Schilderung der gewerblichen Zustände auf der
Erde, d. h. bei den verschiedenen Völkern und in den ver—
schiedenen Zeiten zu geben. Wir müssen uns vielmehr damit
begnügen, einen Überblick zu gewinnen über diejenigen Ent—
wicklungsreihen im Gewerbewesen, die wir in einem Zu—
sammenhang mit, unserer Gegenwart nachweisen könuen,
d. h. also einen Überblick über dis Gestaltung der gewerb—
lichen Verhältnisse in dem Rahmen der west⸗ bzw. süd—
europäischen Kultur. Auch dieser Überblick kann naturgemäß
nur in ganz flüchtigen Umrissen gegeben werden.
Welchen Charakter das Gewerbewesen derjenigen Zeit—
spanne getragen, die wir uns gewöhnt haben, als Altertum
zu bezeichnen, insbesondere welches die wirtschaftliche Form
der gewerblichen Produktion jener Jahrhunderte gewesen
sei, ist heute strittiger, als es vor einem Menschenalter war.
Von Karl Rodbertus und Karl Bücher ist mit aller
Entschiedenheit und auf Grund einer weitgehenden Sach—
kenntnis die Auffassung vertreten worden: das Altertum
sei in der Organisation seines Gewerbes über die eigen—
wirtschaftliche Form, die in der von uns als erweiterte
Eigenwirtschaft bezeichneten Gestalt einen besonderen Höhe—
punkt erreichte, im wesentlichen nicht hinausgekommen. Es
habe also dem Altertum ein freies Handwerkertum ebenso
        <pb n="64" />
        63
wie der gewerbliche Kapitalismus im modernen Sinne in
größerem Umfange gefehlt. Gegen diese Auffassung ist aus
dem Kreise der Fachhistoriker lebhafter Widerspruch laut
geworden, ohne daß dadurch die bekämpfte Ansicht von ihren
Vertretern aufgegeben worden wäre. Augenblicklich tobt der
Kampf noch unentschieden und man wird es den einzelnen
Untersuchungen der nächsten Jahre überlassen müssen, die
Sachlage weiter zu klären.
Soviel sich jetzt mit einiger Sicherheit über die gewerb—
lichen Zustände des Altertums aussagen läßt, dürfte etwa
folgendes sein: Zweifellos hat sich in den Staaten des
Altertums im Laufe der Jahrhunderte, wie später im Mittel—
alter, aus dem bäuerlichen Eigengewerbe ein selbständiges
Handwerk auch mit freien Leuten heraus entwickelt. Ebenso
sicher dürfen wir annehmen, daß dieses Handwerk in den
europäischen Staaten des Altertums, im geringsten Umfang
vielleicht in Griechenland, in größerem Umfange im kaiser—
lichen Rom und vielleicht im stärksten Maße in den orien—
talischen Kulturstaaten von einer Epoche des gewerblichen
Kapitalismus auch im modernen Sinne gefolgt gewesen ist.
Ganz unzweifelhaft aber ist es, daß sowohl das freie Hand—
werk wie der gewerbliche Kapitalismus nicht annähernd
eine so mächtige Entfaltung erfahren haben, wie etwa im
germanisch-romanischen Kulturgebiet während des Mittel—
alters und der Neuzeit. Man wird vielmehr soviel von der
Rodbertus-Bücherschen Auffassung mit aller Wahrscheinlich—
keit als unumstößliche Erkenntnis retten, daß in der Tat
die Wirtschaft des Altertums, insbesondere also auch die
gewerbliche Produktion, in viel weiterem Umfang als die
spätere Wirtschaft in den Formen der Eigenproduktion stecken
geblieben ist. Der Eigenproduktion, die allerdings in der
Form der erweiterten Eigenwirtschaft zu kunstvoller Ent—
wicklung gelangt ist. Als Grund dieser, dem Altertum eigen—

Das Altertum.
        <pb n="65" />
        64 überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

tümlichen Wendung der Dinge wird man das Vorhandensein
der Sklaverei ansprechen dürfen. Will man also ein Spe—
zifikum suchen, das die Wirtschaft des Altertums
besonders charakterisiert, so wird man, das scheint
jetzt schon unzweifelhaft, die besonders hoch entwickelte Form
der häuslichen Eigenproduktion als solches annehmen müssen.
Die Bezeichnung für diese ausgebildete erweiterte Eigen—
wirtschaft ist die der Oiken-Wirtschaft (von Oikos — das
Haus). Von ihr finden wir Schilderungen sowohl in der
asiatisch-afrikanischen Kulturwelt, wie namentlich auch in
Griechenland und Rom. So erfahren wir beispielsweise
von großartiger eigenwirtschaftlicher Organisation mit dem—
entsprechend handwerksartigen gewerblichen Arbeitern unter
der XIII. Dynastie aus Agypten:
„Wie die Großen von Memphis, so besaßen auch die
Vorsteher des Nomos Mah Hörige, die sich auf jedes Hand—
werk verstanden. Zimmerleute und Schiffsbaumeister fällen
Bäume und behauen sie, Tischler und Stellmacher sehen wir
bei feinerer Arbeit, Steinmetzen, Bildhauer und Anstreicher
rühren die Hände, und Ziegelstreicher beim Kneten des Tons
auch die Füße. Töpfer sorgen für die Gefäße des Hauses,
die sie schön zu drehen und zu brennen verstehen, und Glas—
bläser für Flaschen zu feinerem Bedarf. Gerber und Schuster
üben ihr Handwerk und an den im Frauengemach auf—
gestellten Webstühlen sind dienende Weiber tätig, welche von
feisten Männern bewacht werden.“
Eine solche erweiterte Eigenwirtschaft großen Stiles scheint
auch im jüdischen Tempel zu Jerusalem zu Jesus von
Nazareths Zeiten geherrscht zu haben. Wir hören wenig—
stens, daß an Ort und Stelle die Schaubrote hergestellt und
die Opfertiere geschlachtet wurden, daß es im Tempel Spe—
zialärzte und Brunnenmeister, Garderobemeister, Lampen—
dochtbesorger, Kunstweber sowie Meister und Gehilfen der
        <pb n="66" />
        Das Altertum.

65

verschiedensten Gewerbe gab, die hier arbeiteten und aus
der Tempelkasse bezahlt wurden.
Von der Organisation einer römischen Oiken—
wirtschaft entwirft Bücher folgendes Bild: „Die ganze un—
freie Arbeiterschaft eines reichen römischen Hauses zerfiel in
zwei Hauptgruppen: die familia rustica und die fawilia
urbana. Die familia rustica dient produktiven Zwecken.
Auf jedem größeren Landgut ist ein Verwalter und ein
Unterverwalter mit einem Stab von Aufsehern und Werk—
meistern, welche über eine ansehnliche Schar von Feld- und
Weinbergsarbeitern, Hirten und Viehwärtern, Küchen- und
Hausgesinde, Spinnerinnen, Webern und Weberinnen, Wal—
kern, Schneidern, Zimmerleuten, Schreinern, Metallarbeitern,
Arbeitern zum Betrieb der landwirtschaftlichen Nebenbetriebe
gebieten. Auf den größeren Gütern ist jede Arbeitergruppe
wieder in Abteilungen von je zehn (decuriae) geteilt, die
einem Führer (decurio, monitor) unterstellt sind. Die
familia urbana läßt sich in das Verwaltungspersonal, das
Personal zum inneren und äußeren Dienst des Hausherrn
und der Herrin teilen. Da ist zunächst der Vermögens—
verwalter mit dem Kassierer, den Buchhaltern, Miethäuser—
verwaltern, Einkäufern u. dgl. Übernimmt der Herr
Staatspachtungen oder treibt er Rhedereigeschäfte, so hält
er dafür ein besonderes, unfreies Beamten- und Arbeiter—
personal. Dem inneren Dienst des Hauses dienen der
Hausverwalter, die Türsteher, Zimmer- und Saalwärter,
Möbelbewahrer, Garderobiers; über der Verpflegung walten:
der Haushofmeister, der Kellermeister, der Aufseher der
Vorratskammer; in der Küche drängt sich eine große Schar
don Köchen, Heizern, Brot-, Kuchen- und Pastetenbäckern;
besondere Tafeldecker, Vorschneider, Vorkoster, Weinschenken
bedienen die Tafel, bei der eine Schar schöner Knaben,
Tänzerinnen, Zwerge und Possenreißer die Gäste amüsieren.

A
        <pb n="67" />
        66 überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

Für den persönlichen Dienst des Herrn sind angestellt: ein
Zeremonienmeister, der die Besucher einführt, verschiedene
Kammerdiener, Badewärter, Salber, Abreiber, Leibchirurgen,
Arzte fast für jedes Körperglied, Bartscherer, Vorleser, Privat—
sekretäre u. dgl. Man hält sich einen Gelehrten oder Philo—
sophen zum Hausgebrauch, Architekten, Maler, Bildhauer,
eine Musikkapelle; in der Bibliothek sind Kopisten, Perga—
mentglätter, Buchbinder beschäftigt, durch welche der Biblio—
thekar die Bücher in eigener Regie des Hauses herstellen
läßt. Selbst unfreie Zeitungsschreiber und Stenographen
dürfen in einem vornehmen Hause nicht fehlen. Zeigt sich
der Herr in der Offentlichkeit, so schreitet ihm eine große
Schar Sklaven voraus (anteambulones) eine andere folgt
ihm (pedisequi), der Nomenclator nennt ihm die Namen
der Begegnenden, die begrüßt sein wollen; eigene distributores
 und tesserarii teilen Bestechungen unter das Volk aus
und geben die Wahlparole ab. Es sind die Camelots des
alten Rom, und was sie am schätzbarsten macht, sie sind das
Eigentum des vornehmen Strebers, der sie benutzt. Dieses
politische Beeinflußungssystem wird ergänzt durch die Ver—
anstaltung von Schauspielen, Wagenrennen, Tierkämpfen und
Gladiatorenspielen, für welche besondere Sklaventruppen
abgerichtet werden. Geht der Herr als Statthalter in eine
Provinz oder weilt er auf einem seiner Landgüter, so unter—
halten unfreie Kuriere und Briefboten den täglichen Verkehr
init der Hauptstadt. Und was sollen wir erst von dem
Sklaven-Hofstaat der Herrin sagen, über den Böttiger ein
eigenes Buch („Sabina“) geschrieben hat, von dem unend—
lich spezialisiertem Wart- und Erziehungspersonal der Kinder!
Es war eine unglaubliche Menschenverschwendung, die hier
getrieben wurde; schließlich aber wurde mittels dieses viel—
armigen, durch ein großgrtiges Zischtungs- und Erziehungs—
system erhaltenen Organismus der geschlossenen Hauswirt—
        <pb n="68" />
        Das Mittelalter. — Bäuerliches Gewerbe. 67

schaft die persönliche Kraft des Sklavenherrn vertausendfacht,
und dieser Umstand trug wesentlich dazu bei, die Herrfchaft
einer handvoll Aristokraten über eine halbe Welt zu er—
möglichen.

II. Kapitel.

Das Mittelalter.

J. überblick.

Wenn wir den Entwickelungsgang verstehen wollen,
den das wirischaftliche Leben der germanisch⸗romanischen
Kulturwelt während des Mittelalters genommen hat, so
werden wir uns stets gegenwärtig halten müssen, daß es
zwei Ströme sind, die in dem Bett der Wirsschaft jener
Zeit zusammenfließen. Auf der einen Seite ist es die
primitive wirtschaftliche Kultur, wie sie die wandernden
Kelten, Germanen und Slaven bei ihrem Eintritt in Europa
mitbringen, die auf Jahrhunderte hinaus die Eigenart
ihres Wirtschaftslebens bestimmt. Zu ihr tritt dann aber
in einem mehr oder weniger starken Maße die Überlieferung
—
römische Kaiserreich entwickelt hatte. In der Vereinigung
dieser beiden Ströme liegt eine der hervorstechenden Eigen⸗
arten mittelalterlichen Wirtschaftslebens und insbesondere
ist auch das Gewerbewesen jener Zeit gar nicht anders zu
verstehen, als aus einer Vereinigung jener beiden disbaraten
Elemente.

II. Bäuerliches Gewerbe.

Diejenige Stufe gewerblicher Entwickelung, die die nach
West⸗ Mittel- und Südeuropa einwandernden indo⸗germa⸗
nischen Stämme erreicht hatten, war die eines primitiven
        <pb n="69" />
        68 überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

bäuerlichen Eigengewerbes. Der Bedarf an gewerb—
lichen Erzeugnissen wurde im Rahmen ursprünglich der
größeren Stammeswirtschaften und später der kleineren
bäuerlichen Einzelwirtschaften gedeckt.
Gleichsam als gewerbliche Hilfskräfte, die den eigen—
produzierenden Bauern zur Seite standen, müssen wir uns
den Stab von Dorfhandwerkern denken, deren Spuren
sich noch heute in entlegenen Gebieten, etwa Ostdeutschlands,
nachweisen lassen. Es sind gewerbliche Arbeiter, die gleich⸗
sam im Dienste einer Dorfgemeinde stehen, die man des⸗
halb auch treffend als Demiurgen dieser Dorfgemeinde
bezeichnet hat. Wir finden sie schon bei Homer, wir finden
sie in den indischen Bauerngemeinden, wo sie den soge—
nannten „Artizan Staff“ ausmachen, und wir müssen uns,
wie gesagt, sie auch in die Dorfgemeinden der Germanen
—ED Diesen
Dorfhandwerkern liegen insbesondere diejenigen gewerb⸗
lichen Tätigkeiten ob, die ihrer schwierigeren Technik wegen
im Hause des Bauern nicht so leicht verrichtet werden konnten,
namentlich wohl die Schmiederei und Töpferei. Die wirt⸗
schaftliche Stellung eines solchen Dorfhandwerkes trägt,
wie gesagt, einen beamtenhaften Charakter. Er erhält von
der Gemeinde den nötigen Unterhalt geliefert und ist ohne
oder gegen geringes Einzelentgelt verpflichtet, die in den
Bauernwirtschaften notwendig werdenden Arbeiten zu ver—
richten. Ich sagte vorhin, daß die Spuren dieses uralten
Dorfhandwerkertyps noch in der Gegenwart sich nachweisen
lassen und will hier einen Bericht aus Nakel im Netze⸗
diftrikt wiedergeben, der uns die Stellung eines solchen
Gemeindeschmiedes deutlich machen kann. Es heißt dort:
Die Einnahmen des Gemeindeschmiedes sind folgende:
Bar 90 Mark, 20 Zentner Roggen, 8 Zentner Gerste,
10000 Stück Torf, Brennholz, Weide, Wohnung, einen
        <pb n="70" />
        Die gewerbliche Produktion in den Fronhofwirtschaften. 69

Morgen Gartenland. Zu diesen Einkünften, für welche der
Hufbeschlag und alle zu leistenden Reparaturen am Acker—
gerät der Gemeindemitglieder ausgeführt werden müssen,
treten noch etwa 200 Mark für die besonders zu zahlenden
Arbeiten. Die Verpflichtung zur Leistung des Deputats
ruht auf der Gemeinde, da diese als solche den Kontrakt
schließt. Die Gemeindeschmiede aber müssen ihr Deputat
bei den einzelnen Besitzern in der geringsten Quote, bis
zu einem Viertel Metzen herab, einsammeln. Dies geschieht
vierteljährlich; die von den einzelnen zu gewährenden
Mengen sind nach Maßgabe des Grundbesitzes bezw. der
Pferdeanzahl ein für allemal festgesetzt. Jedoch ist eine
—
vielmehr wird diese mehr schätzungsweise bemessen.
Durch die Ausbildung solcher, von Gemeinde wegen
angestellter berufsmäßiger gewerblicher Produzenten wurde
der eigenwirtschaftliche Charakter der alten Bauerngemeinde
auch in den Zeiten aufrecht erhalten, in denen die gewerb—
liche Technik bereits über die ersten Anfänge ihrer Ent—
wickelung hinaus gekommen war.
III. Die gewerbliche Produktion in den Fronhof—
wirtschaften.

Wenn wir mit den eben geschilderten Zuständen den
Entwickelungsgrad vergleichen, den die gewerbliche Pro—
duktion an gewissen Punkten Europas schon zur Mero—
winger⸗HZeit erreicht hatte, so läßt sich dafür das Verständnis
nur gewinnen, wenn wir uns, wie gesagt, erinnern, daß
die jungen Völker Europas doch als Erben der hohen
Kultur des Römerreiches angesehen werden müssen. Ins—
besondere gilt dies für die Großen des Reiches, die wir
uns an Stelle der verschwindenden römischen Großen zu—
nächst in Gallien und Italien gesetzt denken müssen, und
        <pb n="71" />
        70 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

die dann auch in die von römischer Kultur nicht berührten
Gebiete Europas deren Errungenschaften verbreiteten. Ins—
besondere ist es die Oikenwirtschaft, die in zum Teil ver—
änderter Form in das germanisch-romanische Mittelalter
hinüber gerettet wird. Sie erscheint hier als sogenannte
Fronhofwirtschaft, d. h. als hoch entwickelte Eigenwirt—
schaft der weltlichen und geistlichen Großen des Reichs, der
Klöster, Stifter usp. Was sich gegenüber dem Altertum
geändert hatte, war die rechtliche Lage der in diesen Wirt—
schaften tätigen, abhängigen Leute. Diese waren, wie man
weiß, aus Sklaven Hörige geworden. Des weiteren unter—
schied sich die mittelalterliche Fronhofwirtschaft dadurch von
der antiken Oikenwirtschaft, daß die Bewirtschaftung des
Bodens vielfach von Bauern ausgeführt wurde, die auf
ihrer Scholle verblieben und lediglich zu Diensten bezw.
Abgaben an den Fronherrn verpflichtet waren. Was die
gewerbliche Produktion anbetrifft, so wurde diese ganz ähn—
lich wie in den alten Oikenwirtschaften vollzogen. Es gab
auf den großen Fronhöfen Frauenstile, wo die aus dem
eigenen Boden, bezw. von den eigenen Tieren gewonnenen
Rohstoffe versponnen und verwebt wurden; es gab auf
den Höfen herrschaftliche Anstalten zur Vermahlung des
Getreides, zur Bereitung des Brotes, zum Brauen, zur
Verrichtung der Schmiedearbeit, der Stellmacherarbeit usw.
Einen wie hohen Grad die Entwickelung der gewerb—
lichen Produktion in diesen mittelalterlichen Fronhöfen er—
reichte, lehrt uns die Darstellung, die wir von dem Königs—
hofe Karls des Großen im capitulare de villis finden:
Hier wird ausgesprochen, daß an jedem Königshofe vor—
handen sein sollen Eisen-, Gold- und Silberschmiede,
Schuster, Schneider, Sattler, Schreiner, Dreher, Zimmer—
leute, Schild- und Harnischmacher, Fischer, Vögelfänger,
Seifensieder, Bereiter von Bier oder Apfel- und Birnen—
        <pb n="72" />
        Die gewerbliche Produktion in den Fronhofwirtschaften. 71

most oder von anderen Getränken, Bäcker, welche Semmeln
zu bereiten verstanden, sodann Verfertiger von Sachen zur
Jagd, ebensowohl wie zum Fisch- und Vogelfang u. a. m.
Für seine größeren Bauten, z. B. in Aachen, ließ Karl der
Große Künstler und Meister aus der weitesten Ferne be—
rufen, daher findet man seit dieser Zeit auch Hofbaumeister
und Hofmaler. Alle diese Künstler und Handwerker nebst
ihren Meistern und den sonstigen Vorstehern sind den herr⸗
schaftlichen Richtern untergeordnet gewesen. Die Künstler
und Handwerker waren daher selbst Hofbeamte, und wie
die Frauen in eigenen Arbeitshäusern zusammen gearbeitet
haben, so waren offenbar auch die Handwerker und Künstler
in diesen Arbeitshäusern, Kammern und Schreinen unter
eigenen Vorstehern vereinigt. Für ihren Unterhalt erhielten
die höheren und angeseheneren Hofbeamten Benefizien, die
niederen Hofdiener und Kolonen aber gegen Zins und
andere Leistungen Bauerngüter. Die übrigen Diener wurden
von ihrer Herrschaft gekleidet und ernährt oder sie erhielten
ein bestimmtes Quantum von Getreide u. dgl. mehr, eine
Pfründe (provenda), von welcher diese Art von Taglöhnern
Pfründner (provendarii oder prehondarii) genannt wurden
(v. Maurer).
Wenn naturgemüß auch in den Villen Karls des Großen
diese erweiterte Eigenwirtschaft den höchsten Grad ihrer
Vollendung erreichte, so müssen wir doch uns in kleineren
Dimensionen eine ähnliche Verfassung der größeren Wirt—
schaften, wie gesagt, über das ganze Westeuropa der da—
maligen Zeit verbreitet denken.
        <pb n="73" />
        72 Uberblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

IV. Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation.
1. Ihre Verbreitung, ihre Wesenheit und
die Gründe ihrer langen Dauer.“

Handwerksmäßige Organisation ist, soviel wir wissen,
bisher am reinsten in der Geschichte in den Städten des
europäischen Mittelalters zur Entfaltung gelangt. In
jenen Städten, kleinen und mittleren Umfanges (wir wissen
heute, daß selbst die größten Städte des Mittelalters nicht
mehr wie 30 — 40000 Einwohner hatten), wie sie sich ent—
weder aus der Römerzeit heraus erhalten hatten oder aber
aus Gründen, denen hier nicht nachzugehen ist, seit dem
12. Jahrhundert sich allenthalben in Westeuropa zu ent—
wickeln begannen. Auch diese handwerksmäßige Organisa—
tion des Gewerbes in den mittelalterlichen Städten ist nicht
zu verstehen ohne die Erbschaft an römischer Kultur, die
die Völker des Mittelalters, wie wir sahen, antraten.
Mochte das städtische Handwerk des Mittelalters an die
gewerbliche Organisation der Fronhöfe, die seit dem
12. Jahrhundert sich aufzulösen beginnen, anknüpfen,
mochte es sich in kontinuierlicher Entwickelung seit der
Römerzeit her in den Städten erhalten haben, mochte es
endlich aus den Zentren höherer wirtschaftlicher Kultur
bewußt in die sich entwickelnden Städte niedrigerer Kultur
übertragen werden: immer läßt sich der hohe Grad von
Vollendung, den wir die gewerbliche Produktion schon im
frühen Mittelalter erreichen sehen, nicht anders erklären,
als wenn wir annehmen, daß vielfach nur auf der Grund—
lage weitergebaut ist, die in den antiken Reichen gelegt
worden war.
Was die mittelalterliche Organisation des Gewerbes
charakterisiert, ist vor allem die Tatsache, daß in ihm freie
gewerbliche Arbeiter sich eine selbständige Lebensstellung
        <pb n="74" />
        Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. 73

zu verschaffen wissen, die nicht mehr Grundbesitzer sind.
Es erwächst in den Handwerkern der mittelalterlichen Städte
in diesem weiten Umfange wohl zum erstenmal in der Ge—
schichte eine breite Bevölkerungsschicht, die selbständig und frei
ist, ohne Grundbesitzer zu sein, die sich ihre Selbständigkeit
und Freiheit vielmehr lediglich durch ihrer Hände Arbeit
und notfalls einiges Sachvermögen zu erringen und zu
erhalten vermag. Damit wird die nichtlandwirtschaftliche
Arbeit verselbständigt und werden breite Schichten der Be—
völkerung dauernd vom Boden getrennt und bilden, indem
sie sich zu gemeinsamen Leben zusammenfinden, eine neue
Erscheinung, die Stadt im ökonomischen Sinne aus, d. h.
eine Ansiedelung von Menschen, die für ihren Unterhalt
auf die Erzeugnisse fremder landwirtschaftlicher Erzeugnisse
angewiesen sind. Gleichzeitig aber wird die Notwendigkeit
eines regelmäßigen Güteraustausches erzeugt und die zu
diesem Behufe erforderliche Einrichtung — der Markt —
geschaffen. Vom ökonomischen Standpunkt aus kann man
deshalb auch die neu entstehenden Städte als Märkte be—
zeichnen.
Wenn wir die handwerksmäßige Organisation des
Gewerbes während des europäischen Mittelalters fast ein
halbes Jahrtausend lang in Blüte finden, so müssen wir
zum Verständnis uns klar machen, daß jene Jahrhunderte
eine Zeit waren, in der die objektiven Bedingungen
hand werksmäßiger Produktion, wie ich sie in meinem
„Kapitalismus“ ausführlich dargestellt und im dritten Kapitel
des ersten Abschnittes stizziert habe, in besonders voll—
ständiger Weise erfüllt waren. Auf der einen Seite ent—
faltete sich die Nachfrage nach gewerblichen Erzeug—
nissen in dem Maße immer reger, als die Besiedelung des
vielfach noch unkultivierten Landes zunahm, als gleichzeitig
die Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit stieg, somit
        <pb n="75" />
        74 Uberblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.
ein wachsender Überschuß an Bodenerzeugnissen zum Aus—
tausch gegen gewerbliche Produkte zur Verfügung gestellt
wurde. Auf der anderen Seite wird die ganze Zeit
charakterisiert durch einen ausgesprochenen Mangel an ge—
werblichen Produzenten. Wir wissen aus unserer theore—
tischen Erörterung, daß dieser Mangel durch zwei Umstände
bedingt ist, durch bestimmte Gestaltung der Bevölkerungs—
verhältnisse und durch einen bestimmten Grad der gewerb—
lichen Technik. Was die Bevölkerungsverhältnisse
anlangt, so waren diese während des europäischen Mittel—
alters insofern der Entwickelung handwerksmäßiger Pro—
duktion günstig, als zunächst die allgemeine Zuwachsrate
der Bevölkerung eine geringe war und bis in das 18. Jahr—
hundert hinein blieb. Von Deutschland wissen wir, daß
von einer allgemeinen Zunahme der Bevölkerung zwischen
1250 und 1450 kaum die Rede sein kann, von England
erfahren wir von einer Zunahme zwischen Domesday-Book
und Hundred Rolls, dann folgt ein Stillstand bis zum
15. Jahrhundert, in Frankreich beobachten wir ein An—
wachsen bis ins 14. Jahrhundert, in Belgien starke Bevölke—
rungszunahme im 12. und 13. Jahrhundert, die offenbar
im 14. Jahrhundert nachläßt. Die Gründe für diesen
—D0
Mangel an aller Hygiene in Stadt und Land, Häufigkeit
und Blutigkeit der Kriege, vor allem aber die beiden
Geiseln des Mittelalters, Hungersnot und Seuchen, die
gern in Gemeinschaft sich einstellten. Dann aber war
während langer Jahrhunderte insbesondere auch die land—
wirtschaftliche Uberschußbevölkerung, also derjenige Bevölke—
rungsteil, für den in der Sphäre der landwirtschaftlichen
Tätigkeit kein Spielraum ist, gering. Eine geringe land—
wirtschaftliche Uberschußbevölkerung ist aber dann vorhanden,
wenn für die ländliche Zuwachsbevölkerung die Möglichkeit
        <pb n="76" />
        Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. 75

besteht, durch Intensität des Anbaues oder Besiedelung von
Neuland ihre Arbeitskräfte zu verwerten. Das aber war
eben der Fall in den meisten Ländern Westeuropas während
der genannten Zeitepoche. Endlich ist, was die Gestaltung
der Bevölkerungsverhältnisse anlangt, bedeutsam für die
—DDD—
die geringe Agglomeration der Bevölkerung, wie sie eben—
falls das europäische Mittelalter charakterisiert.
Von der gewerblichen Technik jener Zeiten wissen
wir jedoch mit einiger Sicherheit, daß sie einen verhältnis—
mäßig niedrigen Stand nicht überschritt. Wir können das
aus der Höhe der Preise, aus der Menge der beschäftigten
Arbeiter, aus der Länge der Produktionsdauer, sowie aus
der Art des Gesamtverfahrens, das bei der Herstellung
gewerblicher Erzeugnisse angewandt wurde, ohne weiteres
schließen. Wenn wir erfahren, daß eine Tonne Eisen im
14. Jahrhundert in England nach heutigem Geldwert über
2000 Mark kostete, daß im 15. Jahrhundert für die Her—
stellung im Laufe eines Jahres von 5140 Stück Tuch, das
ist die heutige Monatsproduktion einer großen Fabrik,
tausend Personen nötig waren, daß ein gutes Schloß zu
fertigen noch Ende des 15. Jahrhunderts 14 Tage in Au—
spruch nahm, so sind das schon Symptome genug, um
daraus den geringen Grad von Produktivität der gewerb⸗
lichen Arbeit in jener Zeit zu entnehmen. Zum Über—
fluß wissen wir, daß die Art und Weise, wie produziert
wurde, eine solche war, die einen besonders hohen Grad
der Produktivität überhaupt unmöglich machte. Damit ist
endlich ein letzter Punkt berührt, in dem wir die besondere
Bedingtheit handwerksmäßiger Organisation während der
mittelalterlichen Zeit zu erkennen vermögen. Ich meine
die empirische Gestaltung des technischen Gesamtverfahrens,
das alle Geschichte hindurch, bis in die zweite Hälfte des
        <pb n="77" />
        76 überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

18. Jahrhundert hinein die Gewerbe beherrscht hat. Der
Leser wird sich erinnern, weshalb ich seinerzeit dieses empi—
rische Verfahren als Vorbedingung für handwerksmäßige
Produktion bezeichnet hatte. Aus dem Gesagten geht also
— DDDD———
Mittelalters die Marktlage für den Produzenten gewerb—
licher Erzeugnisse dadurch charakterisiert war, daß einer
verhältnismäßig starken Nachfrage stets ein verhältnismäßig
geringes Angebot gegenüber stand, daß also in der Tat
einem Verkäufer gewerblicher Produkte zwei Käufer nach—
zulaufen pflegten. Damit war die Stabilisierung des Ab—
satzes in quantitativer Hinsicht ebenso gewährleistet, wie
durch das empirische Verfahren in qualitativer Beziehung.

2. Die Ordnung des mittelalterlichen Gewerbe—
wesens in der sogenannten Zuuftverfassung.
Ihren rechtlichen Ausdruck findet die Ideenwelt des
handwerksmäßigen Gewerbetreibenden in der sogenannten
Zunftordnung des Mittelalters, wie sie in fast allen Städten
übereinstimmend ausgebildet worden ist. Wir müssen uns
die Zunftordnung als eine Schutzgesetzgebung für das Hand—
werk vorstelken, die infolgedessen in dem Maße kunstvoller
und komplizierter wurde, je mehr sich die natürlichen
Existenzbedingungen für das Handwerk im Laufe der Jahr—
hunderte verschlechterten. Was man ursprünglich dem Gang
der Dinge überlassen konnte, mußte später durch die Gesetz—
gebung mühsam und schließlich ohne Erfolg erzwungen
werden. Da es eine allgemeine Erscheinung des euro—
päischen Mittelalters ist, daß die rechtsetzende Gewalt mehr
und mehr aus den Händen der großen Landes- und Reichs—
— DDDDD————
wie wir sehen, die handwerksmäßige Organisation sich
engstens an die städtische Entwickelung des Mittelalters
        <pb n="78" />
        Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. 77

anschloß, so ist es selbstverständlich, daß die Ordnung
des Gewerbewesens jener Zeiten einen Bestandteil der
städtischen Wirtschaftspolitik bildet und deren aus—
schließend lokal interessierten Standpunkt ebenfalls zum
Ausdruck bringt. Aus den Gesamttendenzen der städtischen
Wirtschaftspolitik heraus läßt sich somit auch die Gewerbe—
politik des Mittelalters einzig und allein verstehen.
Was das System der städtischen Wirtschafts—
politik des Mittelalters charakterisiert, ist das Bestreben,
die Macht und Größe der einzelnen Stadt auf Kosten
sowohl fremder Städte, als namentlich auch des umliegen—
den platten Landes zu fördern. Aus diesem gesunden
Lokalegoismus heraus erklärt sich zunächst das Streben,
die ökonomische Basis, auf der die Stadt ruhte, durch
eine Reihe von Maßnahmen sicher zu stellen. Auf der
einen Seite zwang man so weit als möglich die umwohnende
Bevölkerung, ihre Erzeugnisse nirgends anders als auf dem
Markte der Stadt zu verwerten. Diesem Behufe diente
das Marktrecht, das Stapel-, Meilen- oder Straßenrecht,
das sogar die von weither kommenden Kaufleute zwang,
ihren Weg über die Stadt zu nehmen, hier ihre Waren
einige Tage feilzubieten, ehe sie sie ihrem vielleicht ganz
anderen Bestimmungsort zuführen konnten. Dem Hand—
werker war damit eine günstige Gelegenheit zur Beschaffung
der für ihn notwendigen Rohstoffe und Hilfsmaterialien
geboten. Auf der anderen Seite wurde mit ebenso rigorosen
Maßregeln seitens der städtischen Politik Fürsorge getragen,
daß das Absatzgebiet für die gewerblichen Produzenten der
Stadt gesichert bleibe. So gehörte es zu dem eisernen
Bestande jeder mittelalterlichen Gewerbepolitik, daß die
gewerbliche Produktion in der Landschaft verboten war,
was mittels des sogenannten Baunrechtes geschah, daß
also für einen hestimmten Umkreis um jede Stadt dem
        <pb n="79" />
        78 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

städtischen Produzenten ein gesetzliches Monopol gewahrt
wurde. Aber auch innerhalb der Stadt selber sollte die
Konkurrenz fremder Gewerbetreibender nicht unbeschränkt
sein. Es wurde deshalb fremden Händlern oder gewerb—
lichen Produzenten nur unter erschwerenden Bedingungen
bezw. nur zu bestimmten Zeiten an den Jahrmarkttagen
das Feilhalten ihrer Waren gestattet. War durch Maß⸗
nahmen solcher Art die ökonomische Basis, auf der die
Stadt ruhte, gesichert, so sorgte nun ein kunstvolles System
von Vorschriften dafür, daß sich im Inneren der Stadt
die wirtschaftlichen Vorgänge in einer für den einzel⸗
nen Konsumenten wie den einzelnen Produzenten gleich
vorteilhaften Weise abspielten. Hatte man auf der einen
Seite den gewerblichen Produzenten fast ein Monopol
innerhalb der Stadt und ihrer Umgegend für den Absatz
ihrer Erzeugnisse gegeben, so erkannte man auf der anderen
Seite, daß diesen Monopolen im Interesse der Konsumenten
eine Reihe von kontrollierenden Vorschriften gegenüber zit
stellen seien, die den Zweck hatten, die schädlichen Auswüchse
der Monopolstellung der Gewerbetreibenden zu beseitigen.
Daß man bis zu einem gewissen Grade die fremde Kon—
kurrenz zuließ durch Gestattung des Absatzes, wurde schon
erwähnt. Ein weiteres Korrektiv lag in der Freigabe der
hausgewerblichen Eigenproduktion. Endlich aber sorgten
direkte regelnde Vorschriften dafür, daß die Konsumenten
jederzeit hinreichend mit guten und preiswerten Erzeug⸗
nissen versorgt wurden. Um die hinreichende Menge ge⸗
werblicher Produkte zu gewährleisten, ließ man sich von
Obrigkeits wegen die Sorge für eine stets genügende Menge
von Handwerkern angelegen sein. Wurden es deren zu
wenig, so bemühte man sich um die Herbeischaffung des
erforderlichen Ersatzes. Um die Qualität der Produkte zu
heben. wurden Waren-Schauprüfungen eingerichtet, wurde
        <pb n="80" />
        Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. 79

aber vor allem auch für eine hinreichende Ausbildung der
Gewerbetreibenden durch eine erfolgreiche Lehr- und Dienst—
zeit gesorgt, zu der in späterer Zeit die Meisterprüfung
(seit dem 13. Jahrhundert) und die Verpflichtung zur Ab—
legung eines Meisterstückes (seit dem 15. Jahrhundert) hinzu—
traten. Ebenso fehlt es nicht an obrigkeillichen Preisfest—
setzungen, um die ihrer Qualität nach guten Produkte auch
preiswert dem Konsumenten zur Verfügung zu stellen. Zu
diesen Vorschriften, welche das Interesse der Konsumenten
wahrnehmen sollten, gesellten sich nun zahlreiche andere,
die dem Interesse des einzelnen gewerblichen Produzenten
dienen sollten. Wie man im wesentlichen die Konkurrenz
fremder Gewerbetreibender gegenüber der Gesamtheit
städtischer Produzenten auszuschließen bemüht war, so be—
strebte man sich, auch innerhalb des Kreises der städtischen
Produzenten die Konkurrenz der einzelnen Gewerbetreibenden
untereinander so sehr als möglich zu beschränken. Die
Idee der Nahrung, die wir als der handwerksmäßigen
Organisation zu Grunde liegende Leitidee erkannten, wurde
hier Richtung gebend für ein ganzes System einschränkender
Maßregeln der Gesetzgebung. Es sollte dem einzelnen Hand—
werker ein genügender Kreis von Tätigkeit stets erhalten
blieben, und darum mußte, wenn das Absatzgebiet für die
Gesamtheit gegeben war, auch Fürsorge getroffen werden,
daß nun nicht der einzelne Käufer auf Kosten des anderen
einen allzu großen Teil des Gesamtabsatzes an sich risse.
Diesem Zwecke dienten zunächst alle jene zahlreichen Vor—
schriften des mittelalterlichen Gewerberechts, die ein Auf⸗
steigen einzelner Genossen verhindern follten. So war es
fast überall verboten, über eine bestimmte Anzahl von
Personen, meist vier inklusive Lehrlinge, als Hilfspersonen
zu beschäftigen; oder es wurde die Arbeitszeit beschränkt
oder das Maximum der Produkte festgesetzt, die ein ein—
        <pb n="81" />
        80 Üüberblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

zelner Handwerker herstellen durfte usp. Damit aber dem
einzelnen Meister größere Anlagen, die einen gewissen Ver—
mögensaufwand erheischten, also dem Besitz des einzelnen
entzogen werden sollten, wie Walkereien, Trockenhäuser,
Bleichgärten, Gewandhäuser usw. doch für den gewerblichen
Produktionsbetrieb in hinreichendem Umfange vorhanden
waren, übernahm die Stadt oder die Genossenschaft der
Meister selbst die Anlage solcher Anstalten. Des weiteren
sollte Sorge getragen werden, daß dem einzelnen Hand—
werker bei der Produktion gleich hohe Kosten erwüchsen.
Es sollte niemand durch Zufall oder selbst auch durch
größere Geschäftstüchtigkeit in die Lage kommen, bessere
oder billigere Materialien sich zu verschaffen wie sein
Nebenmann, deshalb wurde er zur Anzeige verpflichtet,
wenn er Einkäufe machte, und mußte sogar, wenn es ge—
wünscht wurde, den anderen Meistern gestatten, an dem
Einkauf teilzunehmen. Es wurden ferner Lohntaxen ein—
geführt, die ebenfalls den Zweck hatten, eine Gleichheit der
Produktionsbedingungen zu erzielen, ebenso aber sollten
auch für alle Produzenten die Absatzbedingungen sich gleich
gestalten, deshalb wurde von Gesetzes wegen Vorsorge ge—
troffen, daß das Angebot der Waren stets ein gleiches und
gleichzeitiges für alle Produzenten sei. Es durften die
Waren nur an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten
feilgebbten werden; es war dem einzelnen Handwerker auf
das strengste verboten, anderen ihre Kunden abzujagen oder
ein Stück Arbeit wegzunehmen usw.
Eine letzte und gewiß nicht die wenigst bedeutsame
Eigentümlichkeit der Ordnung des gewerblichen Lebens im
Mittelalter war die, daß die Angehörigen jedes Gewerbes
sich zu genossenschaftlichen Verbänden, den sogenannten
Zünften, Amtern, Gilden zusammenschlossen. Im
Kreise dieser gewerblichen Genossenschaften spielte sich das
        <pb n="82" />
        Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. 81

gesamte berufliche und ein großer Teil des privaten Lebens
des Handwerkers in früherer Zeit ab.
Eine der wesentlichsten Leistungen der mittelalterlichen
Zunft war die, die eben gekennzeichnete Gewerbeordnung
zu befördern und zur Anwendung zu bringen. Sie erhielt
von der Obrigkeit einen großen Teil der Rechte zuerkannt,
die sie dem Einzelnen gegenüber zur Durchführung zu
bringen berufen war. Das ist der Grund, weshalb man
die Gewerbeordnung des Mittelalters auch als Zunft—
ordnung bezeichnet. Daneben hatte die Zunft dafür
Sorge zu tragen, daß die handwerksmäßige Selbstündigkeit
dem Einzelnen nach deren beiden Seiten hin, der Selb—
ständigkeit des Handwerkers als nur gewerblicher Arbeiter
und als Kleinbetriebler ermöglicht wurde. Zu diesem Be—
hufe übernahm sie oder die Stadt alles, was andere Fertig—
—ADDDD besitzt, ins⸗
besondere kaufmännische Spekulation erheischte, also den
etwa notwendigen Rohstoffbezug im großen oder von weit
her, oder die etwa erforderliche Organisation des Absatzes
der Erzeugnisse über ein größeres Gebiet. Sie unterhielt
aber auch, sowie die Stadt hier als solche nicht einirat,
auf gemeinsame Kosten zu gemeinsamen Gebrauch jene
gewerblichen Arbeitsstätten größeren Stiles, von denen
oben die Rede war. Endlich war sie es, die für die Über—
mittelung des handwerksmäßigen Könnens von Generation
zu Generation Sorge trug. Sie war es, die durch ihre
Organisation den regelmäßigen Stufengang der fach⸗
männischen Ausbildung — Lehrling, Geselle, Meister —
gewährleistete. Die Zünfte, die ursprünglich nur im öffent⸗
lichen Interesse diejenigen Funktionen ausübten, die ihnen
gleichsam von Gemeinschafts wegen übertragen waren, wurden
dann im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr zu eng⸗
herzigen Vertretern von Sonderinteressen. Sie dachten
Sombart, Gewerbewesen J
        <pb n="83" />
        82 Üüberblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

nicht mehr an das Gemeinwohl, sondern nur noch, wie sie
eine kleine Anzahl Meister trotz aller Anstürme von außen
her, die durch die moderne Entwickelung hervorgerufen
wurden, in ihrem überkommenen Besitz schützen koͤnnten.
Erst während des 19. Jahrhunderts sind sie dann durch
die gewerbefreiheitliche Gesetzgebung aus allen modernen
Staaten beseitigt worden.
Uber die Bestrebungen, sie in veränderter Form dem
modernen Wirtschaftsleben wieder einzufügen, werde ich
im zweiten Bande, wo ich die Gewerbepolitik der Gegen—
wart behandle, noch zu sprechen haben.

III. Kapitel.
Die neuere Zeit.
L. Einleitung.

Derjenige Zeitabschnitt der europäischen Geschichte, den
wir als die neuere Zeit zu bezeichnen uns gewöhnt haben,
wird wirtschaftlich durch das Emporkommen einer neuen
Organisationsform — des Kapitalismus — gekennzeichnet.
Dieser, dessen Anfänge wenigstens für Italien ein paar
Jahrhunderte in das Mittelalter zurückreichen, begann sich
in größerem Umfange tatsächlich erst im Verfolg jener Er—
eignisse zu entfalten, von deren Eintritt wir die neuere Zeit
unserer Geschichte zu datieren pflegen. Im folgenden soll
versucht werden, die Entstehungsphasen des Kapitalismus,
der uns in diesem Zusammenhang lediglich als gewerblicher
Kapitalismus interessiert, soweit es der beschräänkte Raum
gestattet, nachzugehen. Ich darf den Leser darauf aufmerk—
sam machen, daß gerade dieses Problem nämlich die Genesis
des modernen Kapitalismus in dem ersten Bande meines
Hauptwerkes eine sehr eingehende Behandlung erfahren hat.
        <pb n="84" />
        Die neuere Zeit. — Die Erfüll. d. subjekt. Voraussetz. usp. 83

II. Die Erfüllung der subjektiven Voraussetzungen
kapitalistischer Wirtschaft.

Damit Kapitalismus möglich sei, mußten sich nach dem,
was ich in dem ersten Teil dieses Bändchens ausgeführt
habe, zunächst einmal eine entsprechende Anzahl von Wirt—
schaftssubjekten herausbilden, die in ihrer Person die not—
wendigen subjektiven Voraussetzungen für kapitalistische Wirt⸗
schaft vereinigten. Das sind aber, wie wir wissen, die
Anhäufung eines hinreichend großen Geldvermögens einer—
seits, die Absicht, dieses Geldvermögen kapitalistischen Zwecken
dienstbar zu machen, anderseits.
Wir verfolgen zunächst die Wege, auf denen die er—
forderlichen Geldvermögen sich während des Mittelalters in
den Händen einzelner Wirtschaftssubjekte angehäuft haben.
denen sie als Kapital dienen sollten.
Es läßt sich mit einiger Sicherheit behaupten, daß wir
eine Periode kapitalistischer Wirtschaft nicht erlebt haben
würden, wenn das Wirtschaftsleben fich ruhig in den Bahnen
handwerksmäßiger Organisation weiter bewegt hätte und
nicht andere Momente hinzugetreten wären, denen allein
die erforderliche Akkumulation größerer Geldvermögen zu
danken ist. Ich habe in meinem, Modernen Kapitalismus“
den ziffernmäßigen Nachweis geführt, daß die regelmäßige
Tätigkeit des Handwerkers im Gewerbe und Haudel nicht
imstande sein konnte, aus sich heraus Vermögen zu bilden.
Diese Auffassnng widerspricht der herrschenden, welche, so—
weit sie überhaupt diese Frage aufgeworfen hat, ganz kritik—
los, insbesondere die Handelstätigkeit des Mittelalters als
die eigentliche Quelle der größeren Vermögen, denen wir
im Ausgang des Mittelalters begegnen, angesehen hat.
Wie falsch diese Auffassung ist, läßt sich mit der einfachen
Erwägung erweisen, daß der mittelalterliche Handel tiotz
        <pb n="85" />
        84 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

hoher Preisaufschläge gar nicht imstande war, dem einzelnen
große Vermögen zu verschaffen, weil infolge der sehr be—
trächtlichen Transportkosten und anderer Unkosten, die
dem Handel erwuchsen, aus Zollgefällen, Unsicherheit der
Straßen ꝛc. zunächst einmal die Profitrate keineswegs eine
übermäßige Höhe erreichte. Selbst aber auch, wenn die
Profitrate höher gewesen wäre, als sie tatsächlich war (wir
können auf Grund der Quellen 1020 9040 als die Regel
annehmen), so wäre doch noch immer die Vermögensakku—
mulation in enge Schranken gebunden gewesen, angesichts
der Kleinheit der Vermögen, die im handwerksmäßigen
Handel investiert waren. Wir müssen uns die große Menge
der mittelalterlichen Händler nämlich als ganz kleine Schnorrer
vorstellen, etwa nach Art unserer größeren Hausierer oder
kleinen Detailhändler. Auch dafür findet der Leser in meinem
„Kapitalismus“ die ziffermäßigen Belege. Was aber für den
mittelalterlichen, als Handwerk betriebenen Handel gilt, gilt
in gleichem Maße auch für die übrigen Zweige der hand—
werksmäßigen Wirtschaft, also insonderheit auch für das
Handwerk im engeren Sinne, für die handwerksmäßig Ge—
werbetreibenden. Selbstverständlich ist nicht zu leugnen, daß
aus diesen Kreisen sich durch besonders glückliche Umstände
hier und da auch einzelne Leute zu Reichtum emporarbeiten
konnten; es ist aber eine ganz verkehrte Vorstellung, anzu—
nehmen, daß auch nur im wesentlichen oder gar ausschließ—
lich die gröäßeren Vermögen, von denen wir den Kapitalismus
seinen Anfang nehmen sehen, in der Sphäre der handwerks—
mäßigen Wirtschaft gebildet seien. Gehen wir von dieser
Anschauung aus, und fragen nunmehr, wo denn die eigent—
lichen Quellen der ursprünglichen Kapitalvermögen zu suchen
seien, so bietet sich uns bei näherem Zusehen eine ganze
Reihe solcher Vermögen bildender Quellen dar. Ich will
sie im folgenden kurz aufzählen:
        <pb n="86" />
        Die Erfüllung der subjekt. Voraussetz. kapitalist. Wirtschaft. 85

1. Eine der ersten Quellen, aus denen einzelnen
Personen in den Städten größere Vermögensbeträge un—
merklich zuflossen, war der Befitz an Grund und Boden,
sei es innerhalb, sei es außerhalb der Stadt. Einerseits
waren im Laufe des Mittelalters zahlreiche Landbesitzer in
die Städte gezogen, die nunmehr von ihren steigenden Grund—
renten, bezw. von der Veräußerung ihres Grund und Bodens
Vorteile zogen, anderseits hatten sich die herrschenden Ge—
schlechter in den Städten, die von vornherein hier selbst als
Grundbesitzer angesiedelt waren, in dem Maße aus der
Verwertung dieses Grundbesitzes durch Leihe oder Verkauf
zu bereichern vermocht, als sich die Städte zu entwickeln
begannen und damit das Territorium im Wert stieg, auf dem
die Stadt sich aufbaute. Eine beträchtliche Vermehrung
schon vorhandenen Vermögens trat dann im weiteren Verlauf
des Mittelalters dadurch ein, daß die reich werdenden Leute
in immer größerem Umfange, sei es städtischen, sei es
namentlich ländlichen Grund und Boden ankauften, von
dessen Wertsteigerung sie profitierten.
2. Eine zweite reiche Quelle floß aus dem Leihever—
kehr, den bürgerliche Geldbesitzer mit den Repräsentanten
des mittelalterlichen Reichtums unterhielten. Wir können
geradezu von einer allmähligen Übertragung des Vermögens
aus den Händen der mittelalterlichen Gewalten in diejenigen
bürgerlicher Existenzen sprechen. Die Stellen, an denen fich
während des Mittelalters die größten Einkünfte und Ver—
mögen anhäuften, waren die camera apostolica, die infolge
ihres weitverzweigten Steuersystems über außerordentlich
hohe Einkünfte verfügte; waren ferner die Ritterorden, die
durch die Beiträge, die fie in ihren Zentralen aufspeicherten,
sogar noch die Einnahmen der Päpste überflügelten; waren
ferner die Könige von Frankreich und England und end—
lich die Großgrundbesitzer aller Art, die man nicht ganz
        <pb n="87" />
        836 überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

korrekt unter der Bezeichnung der Grundherren zusammen—
fassen kann. Das häufig eintretende Bedürfnis nach rascher
oder plötzlicher Geldbeschaffung dieser Elemente bewirkte es,
daß sie häufig zu für sie außerordentlich ungünstigen, für
die aushelfenden Geldgeber günstigen Bedingungen Geschäfte
mit hürgerlichen vermögenden Personen einzugehen gezwungen
wurden. Welche gewaltige Bedeutung der Geldleihe-Verkehr
mit den Großen der mittelalterlichen Reiche für die Ver—
mögensbildung hatte, machtf man sich am besten klar, wenn
man die in Frage kommenden Summen etwa mit den Wertken
des mittelalterlichen Handels vergleicht. Man wolle sich
etwa vergegenwärtigen, daß ungefähr in derselben Epoche
Mitte, bezw. Ende des 14. Jahrhunderts als der Wert des
gesamten Einfuhrhandels einer Stadt wie Reval 1 bis
11, Millionen Mark, derjenige Lübecks 2—3 Millionen
Mark heutiger Währung betrug, ein einziges Florentiner
Bankhaus dem König von England über 8 Nillionen Mark
heutiger Währung, ein anderes über 5 Millionen Mark ge—
liehen hatte; daß zu der Zeit, da die sämtlichen hanseatischen
Kaufleute für 5—600000 Mark, die italienischen zusammen
für 11,,—2 Millionen Mark heutiger Währung Wolle in
England einkauften, Ende des 13. Jahrhunderts die Geld⸗
leiher in Paris, die sogenannten Lombarden, einen Jahres—
umsatz von 61 Millionen Mark heutiger Währung versteuerten.
3. kommt in Betracht als Quelle der Vermögensbildung
die Ausbeutung fremder Länder und Völker, wie sie durch
die Kolonialherrschaft erfolgte. Während des Mittel—
alters waren es die Italiener, welche aus ihren Besitzungen
in der Levante die kolossalen Reichtümer herbeischafften, mit
denen sie ihre Macht begründeten. Seit Erschließung des
Seewegs nach Ostindien bezw. der Entdeckung Amerikas
dagegen sind es der Reihe nach die Portugiesen, Spanier,
Holländer, Franzosen, Engländer, die sich durch eine rücksichts⸗
        <pb n="88" />
        Die Erfüllung der subjekt. Voraussetz. kapitalist. Wirtschaft. 87

lose Ausbeutung der neu erschlossenen Länder bereichern.
Es ist hier nicht der Ort, die Mitlel und Wege zu schildern,
auf denen diese Reichtümer aus dem Kolonialbesttz heraus⸗
geholt wurden. Es sind im allgemeinen bekannte Dinge, um
die es sich handelt, und die ich in meinem „Kapitalismus“
noch einmal im Zusammenhang dargestellt habe. Die Basis
für die Bereicherungspolitik der kolonisierenden Völker bot
wie bekannt die Sklaverei, mit deren Hilfe man die blühenden
Landschaften, die man besiedelte, zum Besten ihrer neuen
Besitzer ausbeuten ließ. Es läßt sich ziffermäßig nachweisen,
daß Westeuropa, um auf den heutigen Gipfel seiner Macht
zu konmen, nicht nur der Arbeitsprodukte der Außereuropäer
innerhalb der Grenze sich bemächtigt, innerst deren die
exploitierten Völker weiter bestehen und sich normal ent—
wickeln konnten, sondern daß es im wahren Sinne des
Wortes Raubbau mit Millionen von Menschen getrieben
hat, die es dermaßen auspumpte, daß ihnen die Fähigkeit
zu eigener Reproduktion verloren ging. Wir sind reich ge⸗
worden, weil Menschenrassen und Völkerstämme für uns
gestorben, ganze Erdteile für uns entvölkert sind.
Ungemein gefördert wurde jedoch die Vermögensbildung
namentlich seit dem Beginn der Neuzeit durch die rasche
Edelmetallvermehrung, wie sie namentlich durch die Er—
schließung der amerikanischen Silberminen sich einftellte.
Gleichzeitig mit der Zunahme des bürgerlichen Reich—
lums sehen wir nun in immer weiterem Grade die Wert—
schätzung des Geldbesitzes, die sich vielfach in einem förm—
lichen Goldfieber äußert, zunehmen, und damit wird im
Zusammenhang mit einer Reihe anderer Momente, die hier
zu verfolgen zu weit führen würde, jene spezifische Seelen—
stimmung erzeugt, die man als Erwerbstrieb bezeichnen
kann, d. h. das Streben, durch Ausübung wirtschaftlicher
Tätigkeit, sei es auf dem Gebiete des Handels, sei es, was
        <pb n="89" />
        88 überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

uns hier interefsiert, auf dem Gebiet der gewerblichen Produk—
tion ein vorhandenes Sachvermögen zu vergrößern. Damit
ist dann die Basis gelegt, auf der eine kapitalistische Produktions—
weise sich aufzubauen beginnt, die wir nun in ihrer weiteren
Entwicklung verfolgen wollen.

III. Die Schaffung der objektiven Bedingungen
kapitalistischer Wirtschaft.
1. Die Entstehung des großen Marktes für die
aufkommende Industrie.

Aus der theoretischen Betrachtung des Kapitalismus
erinnern wir uns, daß kapitalistische Produktion nicht exi—
stieren kann ohne einen Absatz im Großen. Sollten deshalb
mit den neugewonnenen Reichtümern auf kapitalistischem
Wege Güter produziert werden, so war ein erstes wesent—
liches Erfordernis, das erfüllt sein mußte, die Schaffung
bezw. Sicherung eines möglichst großen Absatzgebietes. Bei
der Erreichung dieses Zieles gewann der moderne Kapitalis—
mus einen mächtigen Bundesgenossen in dem auf—
strebenden modernen Fürstentum. Die Interessen
dieser beiden, die moderne Staatengeschichte vornehmlich
beherrschenden Faktoren waren in allen wesentlichen Punkten
identisch. Strebte der Kapitalismus, wie wir sahen, nach
Schaffung und Erweiterung seines Absatzgebietes, so mußten
ihm im Innern der Länder dabei hindernd im Wege stehen
alle jene lokalen und territorialen Gewalten, die um die
einzelne Stadt oder das einzelne kleine Landgebiet einen
Wall schützender Maßregeln gezogen hatten, durch den die
freie Warenzirkulation ebenso wie die freie Etablierung
neuer Produktion gehindert war. Dieselben Gewalten aber
waren die natürlichen Feinde des aufstrebenden Fürstentums,
das sich durch ihre Unterwerfung seine Machtstellung erst
        <pb n="90" />
        Die Schaffung der objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 89

erobern mußte. Bei diesen seinen Bestrebungen aber be—
durfte das junge Fürstentum vor allem wiederum eines
Hilfsmittels, das ihm niemand so leicht zur Verfügung zu
stellen vermochte, als der kapitalistische Haudel und die
kapitalistische Industrie, nämlich des Geldes. Geld bedurfte
der Fürst vor allem für seine Armee, Geld bedurfte er für
die Erhaltung seines Hofstaates und seiner Beamten. Dies
ersehnte Geld aber kam durch nichts leichter in ein Land
hinein, als durch Erwerbung minenreicher Kolonialgebiete
oder durch Entwicklung des überseeischen Handels, oder der
einheimischen großen Exportindustrie. Es ist deshalb nur
natürlich und begreiflich, wenn wir die kapitalistischen Inter—
essen gefördert sehen durch die Politik des aufkommenden
Fürstentums, wenn wir wahrnehmen, daß der gewerbliche
Kapitalismus von vornherein ebenso seinen Stutzpunkt in
den großen Landes- und Staatsgewalten fand, wie das
Handwerkertum ihn in den Gewalten der mittelalterlichen
Städte gefunden hatte.
Diejenige Gewerbepolitik, die berufen war den Kapita—
lismus in den modernen Staaten zuerst fest zu setzen, wird
unter der Bezeichnung der merkantilistischen Politik zu—
sammengefaßt. Der Merkantilismus umfaßt freilich die
gesamte Wirtschaftspolitik der damaligen Zeit. Er bildet
den wesentlichen Inhalt der Staatsklugheit, die wir in den
europäischen Staaten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert
angewandt finden, er ist die lebendige Praxis aller bedeu—
tenden Staatsmänner von Karl V. bis Friedrich dem Großen
und erreicht seinen Höhepunkt in England unter der Herr—
schaft Cromwells, in Frankreich unter dem Regimente
Colberts, von dem er deshalb wohl auch den Namen des
Colbertismus trägt. Aber den Kern aller merkanti—
listischen Maßnahmen machte doch das Streben aus, neben
dem Großhandel vor allem auch eine moderne Großindustrie
        <pb n="91" />
        90 überblick über d. geschichtl. Entwickelnng d. Gewerbewesens.

zur Entwicklung zu bringen. Deshalb müssen wir ihn an
dieser Stelle in seinen Grundzügen wenigstens kennen zu
lernen suchen.
Ich sagte schon, daß es den Interessen des modernen
Staates ebenso wie denen des modernen Kapitalismus ent—
sprach, daß im Innern der neu zu bildenden großen Reiche
jene Widerstände der lokalen Gewalten gebrochen würden,
die aus der mittelalterlichen Staats- und Wirtschaftsver—
fassung überkommen waren. Es galt vor allem zu diesem
Behufe die wirtschaftliche Autonomie der Städte zu be—
seitigen. Es wurde ihr Gewerbemonopol dadurch gebrochen,
daß man das Bannrecht aufhob und dadurch also die Eta—
blierung neuer Gewerbezweige auf dem platien Lande frei—
gab. Gleichzeitig wurde das Zunftregiment insofern ein—
geschränkt als die kapitalistischen Gewerbe unzünftig betrieben
werden durften oder aber die Zünfte territorial geordnet
wurden. Um den Waren die freie Zirkulation durch ein
größeres Gebiet zu gewährleisten, mußten die Stapel-,
Meilen- und Straßenrechte der Städte beseitigt werden,
was beispielsweise in Preußen im 16. und 17. Jahrhun—
dert eine Hauptaufgabe der Wirtschaftspolitik war; ebenso
mußte darauf Bedacht genommen werden, daß die Schran—
ken fielen, die die einzelnen Städte oder Territorien durch
ihre Binnenzölle aufgerichtet hatten. In den westeuropäischen
Ländern vollzog sich diese Befreiung des Warenverkehrs von
den binnenländischen Zollschranken schon im 17. Jahrhun—
dert, Deutschland als Ganzes mußte sich bis zum 19. Jahr—
hundert gedulden, ehe es einer gleichen Politik teilhaftig
wurde. Hier war es erst die Gründung des Zollvereins
in den 1830er Jahren die dasjenige leistete, was schon
Colbert in Frankreich vollbracht hatte.
Mit dieser Beseitigung der Hemmungen im Innern des
Landes, die einer freien Entwicklung des Handels und der
        <pb n="92" />
        Die Schaffung der objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 91

Produktion im Wege standen, war aber das Werk, das man
erstrebte, nämlich einen nationalen Markt zu schaffen, erst
halb vollendet. Es mußten nun Maßnahmen positiver
Natur getroffen werden, die aus dem Gebiet der neu zu
bildenden Großstädte auch ein einheitliches Wirtschaftsgebiet
machten. Hierher gehört das Bestreben zur Hebung der
Verkehrsstraßen: man legte Chausseen an, man bante Kanäle,
man errichtete Posten; unter Heinrich IV. wurden in Frank—
reich schon 31,, Millionen Livres, unter Colbert über
4 Millionen Livres zur Hebung der Verkehrsstraßen aus—
gegeben. Sodann war man darauf bedacht, die Waren—
zirkulation dadurch zu heben, daß man über ein größeres
Gebiet einheitliche Gewichts? und Münzsysteme einführte.
Es wurde das Markt- und Meßwesen, das bis dahin von
Stadt zu Stadt verschieden geregelt war, einer einheitlichen
Ordnung für den ganzen Staat unterworfen. Es wurde
endlich an Stelle der lokalen Rechte ein einheitliches Recht
zu setzen versucht und zu diesem Behufe das römische Recht
rezipiert, das besser als die überkommenen Landesrechte den
Bedürfnissen eines höher entwickelten Verkehrslebens zu ent—
sprechen vermochte.
Des weiteren war man darauf bedacht, durch positive
Maßregeln die vorhandene kapitalistische Industrie des
Landes nach Möglichkeit zu fördern und fehlende Industrien
im Lande zur Entwicklung zu bringen. Diesem Bestreben
diente vor allem eine außerordentlich kunstvolle Gren zzoll⸗
politik, die in ihren Grundzügen sich vielfach an die Maxi—
men anlehnte, von denen die städtische Handelspolitik be—
herrscht gewesen war. Wollte man eine einheimische Industrie
entwickeln, so mußte man zunächst darauf bedacht sein, die
Konkurrenz fremder Industrien fern zu halten. Es geschah
dies dadurch, das man die Einfuhr fremder Industrieerzeug⸗
nisse entweder ganz verbot oder mit hohen Zöllen belegte.
        <pb n="93" />
        92 überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

Auf der andern Seite sollte Vorsorge dafür getroffen sein,
daß die einheimische Industrie billige und gute Rohstoffe
für ihre Erzeugnisse stets zur Verfügung habe. Man ver—
bot deshalb die Ausfuhr der Rohstoffe und Halbfabrikate
aus dem eigenen Lande bzw. belegte sie mit Ausfuhrzöllen,
während man der Einfuhr von Rohstoffen aus dem Aus—
lande Erleichterungen zu teil werden ließ. Genügten diese
indirekten Maßregeln noch nicht, um die einheimische In—
dustrie zur Entwicklung zu bringen, so griff man zur direkten
Unterstützung und Förderung der kapitalistischen Industrie.
Man erteilte Prämien für die Anlage von Fabriken, Prämien
für die Ausfuhr von Industriecerzeugnissen, man sorgte dafür,
daß die hervorragenden Gewerbetreibenden, Unternehmer
wie Arbeiter aus den fremden Ländern herbeigezogen wur—
den, damit sie im eigenen Lande die vielleicht noch nicht
vorhandene Industrie begründeten oder eine bestehende zur
rascheren Entwicklung brächten. Die Emigrantenpolitik, wie
sie beispielsweise die Hohenzollern betrieben, ist nicht zuletzt
durch dieses Bestreben hervorgerufen worden, das eigene Land
mit tüchtigen ausländischen Gewerbetreibenden zu bereichern.
Aber nicht nur für die Schaffung eines Marktes im
Innern setzte der Staat seine Kräfte ein, es galt ihm nicht
weniger, seine Machtsphäre auch nach außen hin so sehr als
möglich zu entfalten, ökonomisch gesprochen also der ein—
heimischen Industrie und dem einheimischen Handel einen
möglichst breiten Herrschaftsbereich auf der Erde zu ver—
schaffen. Wenn je der Satz gegolten hat, daß der wirt—
schaftliche Erfolg abhängig von der Macht des Staates war,
so für jene Zeit, in der der moderne Kapitalismus sich in
Europa etablierte. Es ist nicht am Orte, hier im einzelnen
zu verfolgen, durch welche Maßregeln es den einzelnen
Staaten gelang, ihren auswärtigen Handel, ihre Schiffahrt
und vor allem ihren Kolonialbesitz, denn um diesen dreht
        <pb n="94" />
        Die Schaffung der objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 93

sich seit dem 16. Jahrhundert immer mehr der Kampf der
einzelnen europäischen Staaten, zu vergrößern. Es waren
Maßregeln, die gemeinsam dadurch charakterisiert sind, daß
man in rücksichtsloser Weise die Interessen des andern
Staates mit Füßen trat und durch kunstvolle Pflege die
Keime des eigenen Wirtschaftslebens zur Entfaltung zu
bringen sich bestrebte. Da naturgemäß bei diesem Ringen
um die Herrschaft die Interessen der einzelnen konkurrieren⸗
den Staaten häufig aufeinander stießen, so ist es kein
Wunder, daß die Zeiten der merkantilistischen Politik auch
Zeiten großer und mächtiger Kämpfe der europäischen Na—
tionen um die Vorherrschaft gewesen sind. Wenn die Zoll—
maßregeln, die Schikanierung der fremden Flotte, die Zurück—
drängung der fremden Handelsgesellschaften im Auslande
nicht mehr verschlug, so mußte zum Schwert gegriffen werden,
um einen Austrag herbeizuführen. Man würde einen un—
vollkommenen Überblick über die gewerbliche Entwicklung
Europas geben, wollte man nicht erwähnen, daß die neue
Form der gewerblichen Produktion ebenso wie die neuen
Formen des Handels zum nicht geringen Teil aus den
Kämpfen hervorgegangen sind, die im 16. 17. und 18. Jahr—
hundert die Niederlande gegen Spanien; Frankreich, England,
Schweden gegen die Niederlande; Deutschland, Holland, Eng—
land gegen Frankreich geführt haben. Der letzte große Krieg
um die Herrschaft auf dem Weltmarkte war der amerikanische
Krieg zwischen England und Frankreich, der durch seinen
Ausgang nicht zuletzt darüber entschied, daß die führende
Großmacht auf wirtschaftlichem und insbesondere auf in—
dustriellem Gebiete England wurde.
        <pb n="95" />
        94 überblick über d. geschichtl. Entwickeluug d. Gewerbewesens.

2. Die Entstehung des Proletariats.

Ein zweites notwendiges Erfordernis kapitalistischer
Industrie ist, wie wir wissen, das Vorhandensein eines
Proletariats, d. h. zahlreicher Bevölkerungselemente, die als
selbständige Produzenten nicht zu existieren vermögen, die
also gezwungen sind, im Dienste des kapitalistischen Unter—
nehmers ihren Unterhalt zu suchen. Wenn wir vom Aus—
gange des Mittelalters bis in das 19. Jahrhundert hinein
den Kapitalismus in nur verhältnismäßig langsamen Tempo
sich entwickeln sehen, so liegt der Grund für diese Erscheinung
in der Tatsache, daß ihm jene besitzlosen Bevölkerungsschichten,
die er für seine Existenz braucht, nicht in dem Maße zuge—
wachsen sind, wie sich die subjekti ven Voraussetzungen für
seine Existenz erfüllten. Immerhin können wir wahrnehmen,
wie durch eine Reihe von Umständen, wenn auch langsam,
sich seit dem ausgehenden Mittelalter die Bevölkerungs—
elemente vermehren, die dem Kapitalismus das erforderliche
Arbeitermaterial gewähren.
Es bildet sich zunächst langsam aber stetig eine wachsende
Überschußbevölkerung in dem Maße, wie die Kriege
unblutiger werden oder ganz aufhören; wie insbesondere
aber auch die Fortschritte der Hygiene sich mehren, denen
die Verringerung der Kindersterblichkeit, das Aufhören der
Pest ꝛe. zuzuschreiben ist. Wirkungen, die freilich erst im
vollen Umfange während des 19. Jahrhunderts zur Geltung
gekommen sind. Dann aber wächst die überschußbevölkerung
auch dadurch an, daß die Zünfte in den Städten geschlossen
werden, d. h. keine Vermehrung ihrer Mitgliederzahl mehr
vornehmen, und es wird damit der lebenslängliche Gehilfen—
stand geschaffen, aus dem sich selbstverständlich ebenfalls ein
beträchtlicher Teil der kapitalistischen Arbeiterschaft rekrutiert.
Endlich aber wirkten steigernd auf das Anwachsen der Über—
        <pb n="96" />
        Die Schaffung der objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 95

schußbevölkerung das allgemeine Verschwinden der terra
libera, d. h. die Verringerung der ländlichen Kolonisations—
gebiete in den europäischen Lündern.
Zu dieser Überschußbevölkerung gesellt sich dann eben—
falls in wachsendem Maße eine Zuschußbevölkerung,
die eine teils plötzliche, teils allmählige Vermehrung seit
dem Ende des Mittelalters erfährt. Gleich beim Ausgange
des Mittelalters wurde eine große Anzahl von Personen
brotlos und damit dem kapitalistischen uͤnternehmer zur
Verfügung gestellt, dadurch, daß in weitem Umfange die
Gefolgschaften der Ritter sich auflösten, eine Konsequenz
der fortschreitenden Kriegstechnik, und infolge des vordringen⸗
den Protestantismus beispielsweise in England viele Klöster
anfgehoben wurden, die vorher große Massen von Personen
aus ihren Mitteln sustentiert hatten. Eine mehr allmählige
Vermehrung der Zuschußbevölkerung erfolgte durch die
Zunahme der deklassierten Zunftmeister in den Städten,
d. h. jener Elemente im Handwerkertum, die trotz aller
Schutzvorrichtungen der Zunftgesetzgebung doch einem all⸗
mähligen Verarmungsprozesse anheimfielen, der sie zwang,
ihre wirtschaftliche Selbständigkeit aufzugeben und ihre
Dienste einem kapitalistischen Unternehmer zur Verfügung
zu stellen. Wir werden noch sehen, wie es der aufkommende
Kapitalismus verstand, sich solcher bisher selbständiger wirt⸗
schaftlicher Existenzen für seine Zwecke zu bemächtigen.
Endlich ist als ein die Zuschußbevölkerung wesentlich ver⸗
stärkender Umstand die Revolutionierung der ländlichen Ver⸗
hältnisse anzuführen, 'wie sie ebenfalls seit dem Mittelalter
unaufhörlich sich vollzog. Es ist nicht möglich an dieser
Stelle den Entwicklungsreihen nachzugehen, die zu dieser
Revolutionierung hinführen; es muß genügen festzustellen,
daß namentlich durch das Vordringen des Kapitalismus in
Gebiete der Landwirtschaft in weilem Umfang früher selb⸗
        <pb n="97" />
        96 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens.

ständige Existenzen auf dem Lande ihrer Lebensfähigkeiten
beraubt und dem Proletariat zugeführt wurden.
3. Die Entwicklung der modernen Technik.
Als der gewerbliche Kapitalismus auf der Bühne er—
scheint, muß er sich noch mit der Technik behelfen, die das
Handwerk ausgebildet hatte, die also seinem Geiste durch—
aus zuwider lief. Der ökonomische Rationalismus, wie ihn
der Kapitalismus verkörpert, fand erst in dem technischen
Rationalismus seinen adäquaten Ausdruck. Die Entfaltung
des gewerblichen Kapitalismus erfolgt deshalb in dem Maße,
wie an Stelle der alten, empirischen Technik des Handwerks
die moderne rationalistische Technik tritt, die an Stelle der
Erfahrung die naturwissenschaftliche Erkenntnis setzt.
Im 17. Jahrhundert werden, wie bekannt, die Grund⸗
lagen der modernen Naturerkenntnis gelegt und erst seit dem
18. Jahrhundert beginnen die neugewonnenen naturwissen—
schaftlichen Erkenntnisse die angewandte Mechanik und die
chemische Technologie soweit zu beherrschen, daß eine all—
mählige Herausbildung einer wissenschaftlichen gewerblichen
Technik möglich wird. Erst das 18. Jahrhundert sieht die
Schöpfer der modernen Mechanik, Lagrange, Laplace, Poisson,
Gauß, die Begründer der Hydrostatik und Dynamik, die
Schöpfer der modernen Physik, neben Lavoisier und Laplace
wiederum Galvani 1789, Volta 1792; die Schöpfer der mo—
dernen Chemie, Black, Priestly, Cavendish, Kirwan, Berg—
mann, Wentzel und vor allem Lavoisier (4J1794).
Erst dem 18. Jahrhundert gehören daher auch die epoche—
machenden Erfindungen an, von denen die neue technische
Entwicklung der Industrie ihren Anfang nimmt. 1760 bis
1770 wird die Spinnmaschine erfunden (High, Hargraves,
Arkwright); 1785 — 1790 der mechanische Webstuhl (Cart—
wright); 1790 wird die Dampfmaschine vollendet. 1799 er—
        <pb n="98" />
        Die Schaffung der objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 97

fiindet Robert die Papiermaschine. 1784 tritt das Puddel—⸗
verfahren an die Stelle des Herdfrischens, und seitdem datiert
die unausgesetzte Revolutionierung der Eisenindustrie, die
nun erst auf wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut und
gleichzeitig in eine völlig anorganische Industrie durch Ersatz
der Holzkohle durch den Koks umgewandelt wird.
1. Die Neugestaltung des Wirtschaftsrechtes.
Ebenso wie der aufkommende Kapitalismus sich zu—
nächst mit der handwerksmäßigen Technik abzufinden suchen
mußte, so blieb ihm auch nichts anderes übrig als sich zu—
nächst auf der Basis derjenigen Rechtsnormen häuslich ein—
zurichten, die zur Regelung handwerksmäßiger Produktion
im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet waren. Die erste
Periode kapitalistischen Wesens spielt sich also im Rahmen
der alten, zünftigen Rechtsordnung ab. Soweit diese den
kapitalistischen Interessen entgegengesetzt war, mußte sie ent—
weder einfach umgangen werden, eine Lösung der Schwierig—
keiten, die keineswegs zu den Seltenheiten, namentlich in
der letzten Zeit der Zunftverfassung gehört hat. Oder aber
wo eine Umgehung oder Beugung des bestehenden Rechtes
vermieden werden sollten, da mußten die bestehenden Vor—
schriften, deren Sinn, wie wir ja wissen, vor allem auf eine
Behinderung großgewerblicher Entwicklung gerichtet war,
durch eine höhere rechtsetzende Gewalt — und das ist der
natürliche Bundesgenosse des aufstrebenden Kapitalismus,
das moderne Fürstentum — in einem, dem Kapitalismus
günstigen Sinue umgedeutet oder umgeändert werden. Es
geschah dies auf dem Wege der Privilegierungen und
Konzessionierungen einzelner gewerblicher Unterneh⸗
mungen durch den Landesfürsten. Dies System der staat—
lichen Konzessionierungen und Privilegierungen bedeutete
für den aufkommenden Kapitalismus ungefähr dasselbe, wie

Sombart, Gewerbewesen J.
        <pb n="99" />
        98 Überblick über d. geschichtl. Eutwickelung d. Gewerbewesens.

der Zunftzwang für das mittelalterliche Handwerk. Dem
großen Unternehmer wurde die Ausbeutung seiner Tätigkeit
nicht anders als auf Grund eingeholter Erlaubnis und unter
nachgewiesener Erfüllung etwa vorgeschriebener Bedingungen
(zu denen jetzt vor allem die Bezahlung einer Konzefsions—
gebühr gehört) gestattet. Nur daß es jetzt die Landesobrigkeit
war, von deren Ermessen die Ausübung gewerblicher Tätigkeit
abhängt, während früher sich dieser Prozeß im engen Rahmen
der mittelalterlichen Städte oder kleinen Terrilorien abge—
spielt hatte. Dafür verlangte aber der konzessionierte be—
ziehungsweise privilegierte Unternehmer in gewissem Um—
fange ebenso ein Monopol für den Betrieb seines Gewerbes
bezw. den Absatz seiner Produkte, wie es die mittelalterlichen
Zunftmeister besessen hatten.
Auch in anderer Beziehnng blieben die Grundsätze
mittelalterlicher Gewerbeverfassung während der ersten Jahr⸗
hunderte kapitalistischer Entwicklung vielfach noch in Geltung.
Insbesondere gilt dies für alle jene Bestimmungen mittel—
alterlichen Gewerberechtes, die darauf gerichtet waren, die
Qualität der hergestellten Erzeugnisse von obrigkeitswegen
zu garantieren. Auch die kapitalistische Industrie hat fich
noch lange Zeiträume hindurch mit einer öffentlichen Waren—
schau, mit Vorschriften über hinreichende Ausbildung ihrer
Hilfskräfte und andere Bevormundungsmaßregeln behelfen
müssen.

Solange der Kapitalismus noch in den Anfängen seiner
Entwicklung war, solange er sich noch gegenüber den histo—
rischen Mächten des Mittelalters schwach fühlte, war ihm
die unmittelbare Unterstützung seitens des Staates, wie sie
namentlich in der bereits gekennzeichneten merkantilistischen
Politik zum Ausdruck kam, angenehm und erwünscht. Er
empfand anderseits die aus jener Beihilfe und Unterstützung
folgende Beschränking und Bevormundung noch nicht allzu
        <pb n="100" />
        Die Schaffung der objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 99

lästig, in einer Zeit, in der das Tempo des Wirtschafts—
lebens noch immer ein langsames war, in dem die Aus—
maße kapitalistischer Wirtschaft noch verhältnismäßig gering
waren.

In dem Maße, wie ev erstarkte, mußte ihm die staat—
liche Unterstützung überflüssig, in dem Maße, wie er sich
intensiv und extensiv ausdehnte, mußte ihm die staatliche
Bevormundung lästig erscheinen. Sein Streben mußte
bielmehr, sobald er aus seiner ersten Kindheitsepoche heraus—
trat, auf eine Rechtsordnung gerichtet sein, die der indivi—
duellen Betätigung möglichst geringe Schranken auferlegte
und um diesen Preis der Freiheit selbst auf die staatliche
Förderung verzichten, d. h. die Interessen des erstarkenden
Kapitalismus drängten auf die Einführung eines recht—
lichen Zustandes hin, den wir als Gewerbefreiheit zu
bezeichnen uns gewöhnt haben. Die gewerbefreiheitliche
Ordnung des Wirischaftslebens erscheint nämlich den Inter—
essen des entwickelten Kapitalismus ebenso zu entsprechen,
wie eine gebundene Wirtschaftsverfassung denjenigen des
Handwerks gerecht wird. Es wird nützlich sein, daß ich
die Erwägungen, die zu dieser Einsicht führen, so wie ich
sie an anderer Stelle bereits einmal angestellt habe, hier
noch einmal wiederhole.
Das naturgemäße Rechtsideal jedes Produzenten, der
auf den Absatz (von Gütern oder Diensten) an andere an—
gewiesen ist, ist das Monopol; das will sagen: die Frei—
heit für sich, der Zwang, die Beschränkung für andere.
Wenn er sich für eine andere Ordnung ausspricht, so ge—
schieht es, weil er sein Ideal nicht verwirklichen zu können
glaubt; er willigt in ein Kompromiß, um wenigstens einiges
für sich zu retten, an dessen Erhaltung oder Durchsetzung
ihm gelegen ist. Das Wesen der Wirtschaftsform entscheidet
über das Ergebnis dieses Kompromisses: das für den

224
        <pb n="101" />
        100 überblick über d. geschichtl. Entwickelg. d. Gewerbewesens.

Handwerker die Zunftordnung, für den kapitalistischen
Unternehmer die Gewerbefreiheit ist.
Woher diese verschiedene Endigung?
Der Handwerker, sahen wir, verlangt vor allem Sicher⸗
heit seiner Existenzbedingungen, er braucht Ruhe und Stetig⸗
keit aller wirtschaftlichen Verhältnisse, deren selbstherrischer
Bezwingung er als nur technischer Arbeiter nicht gewachsen
ist. Er will sich an seinem Arbeitsgegenstande betäligen und
dadurch seinen Unterhalt verdienen. Arbeitsumfang und
Umfang des Entgelts sind bei ihm so gut wie feste Größen.
Daher widerspricht es auch den Handwerksinteressen nicht
übermäßig, wenn sie ausdrücklich von der Rechtsordnung
fixiert werden. Eine gesetzliche oder genossenschaftliche Fest—
legung der Produktions- und Absatzbedingungen nach Quan⸗
tum und Quale empfindet der Handwerker kaum als Be—
schränkung: denn sein innerstes Wesen, das Wirken als
technischer Arbeiter wird dadurch nicht berührt. Deshalb
kann er verhältnismäßig leicht die eigene Freiheit als
Konzession hingeben, wenn er dafür die Beschränkung der
anderen als Gegenkonzession erhält. Alle ausgebildete
Handwerksordnung beruht daher notwendig auf dem Ge—
danken einer grundsätzlichen Ausschließung der Konkurrenz
auf der einen Seite, einer Stereotypierung der wirtschaft—
lichen Beziehungen auf der anderen Seite.
Das genaue Gegenteil muß eine Rechtsordnung bilden,
die den Interessen des Kapitals ein Maximum von Berück—
sichtigung zu teil werden läßt. Der kapitalistische Unter—
nehmer schließt sein Kompromiß zwischen Freiheit und
Zwang in gerade entgegengesetztem Sinne: er opfert den
Gedanken einer Bindung und Beschränkung der anderen,
um für sich die Freiheit zu retten.
Und das ist dem innersten Wesen kapitalistischer Wirt—
schaftsführung durchaus entsprechend.
        <pb n="102" />
        Die Schaffung d. objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 101

Wogegen dieses sich vor allem sträuben muß, ist gerade
jene Stereotypierung der Produktions- und Absatzverhält⸗
nisse. Jede kapitalistische Unternehmung strebt, wie wir
wissen, nach unbeschränkter Ausdehnung ihres Wirkungs⸗
gebietes. Das folgt unmittelbar aus dem erwerbswart—
schaftlichen Grundzuge ihres Charakters. Die Vermehrung
des Geldes ist an keine Schranken einer naluralen Werk
verrichtung oder einer personalen Bedarfsgestaltung ge—
bunden, sie ist grenzenlos. Schon aus diesem Grunde also
ist die Produktions- oder Absatzbeschränkung allem kapita—
listischen Wesen zuwider. Sie ist es aber auch noch aus
anderen Gründen. Wie das Ausmaß ihrer Tätigkeit, so
soll auch deren Ausübung im Rahmen der kapita—
listischen Unternehmung von jeder zwangsweisen Bindung
frei sein.
Weil das vornehmste Mittel kapitalistischer Wirtschaft
zur Erreichung ihrer Zwecke die Vertragsschließung ist, auf
deren rationell-profitable Gestaltung alles Augenmerk ge—
richtet wird, so kann es gar nicht anders sein, als daß ihr
Wirtschaftssubjekt bei jeder neuen Vornahme einer Vertrags⸗
schließung von dem Gedanken beseelt ist, deren Bedingungen
so günstig wie möglich, günstiger als das vorige Mal zu
gestalten. Es fühlt fich der Leiter einer kapitalistischen
Unternehmung daher in jedem Augenblicke als der selbst⸗
herrische Schöpfer seiner ökonomischen Existenzbedingungen,
als der Gestalter gleichsam der gesamten wirtschaftlichen
Welt, die nach seinem Bilde formen zu können er die Ab—
sicht und das Vertrauen besißt. Es wurde schon darauf
hingewiesen, daß in dieser eigenartigen Konstellation der
wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie durch das Emporkommen
einer kapitalistischen Psyche geschaffen wird, mit einiger
Wahrscheinlichkeit der Ausgangspunkt für die Entwickelung
des modernen „Individualismus“ zu finden ist.
        <pb n="103" />
        102 Überblick über d. geschichtl. Entwickelg. d. Gewerbeweseus.

Diese prinzipielle Hinneigung des kapitalistischen Inter—
esses zur Freiheit wird nun aber noch durch die konkret—
historische Verumstandung verstärkt, die das Kapital bei
feinem Eintritt in die Geschichte vorfindet. Es muß sich
durchsetzen gegen die Beschränkungen einer aus handwerks—
mäßigem Geiste geborenen Rechtsordnung, hinter der sich
Wirtschaftselemente verschanzt halten, deren Unterlegenheit
gegenüber dem angreifenden Kapital in einer offenen Feld—
schlacht außer Zweifel steht: die handwerksmäßigen Produ—
zenten und die Lohnarbeiter. Wirtschaftliche Freiheit kann
also nach dieser Seite hin leicht Auslieferung oder Ent—
waffnung der Gegner des Kapitals bedeuten. Also auch
hier mündet dessen Interesse in das Postulat einer freiheit—
lichen Wirtschaftsordnung ein: das Kapital fühlt sich stark
genug, den Kampf in freiem Felde aufzunehmen: es bietet
den notorisch schwächeren Gegnern die „freie Konkurrenz“ an.
Freilich muß nun, wenn die Rechtsordnung in diesem
Sinne wirklich gestaltet wird, auch von kapitalistischer Seite
eine wesentliche Konzession gemacht werden: die Beschrän—
kung der wirtschaftlichen Freiheit muß für alle, also auch
für alle anderen kapitalistischen Unternehmer aufgehoben
werden. Das ist bitter, aber es ist doch das kleinere Übel.
Eine ideale Rechtsordnung enthielte natürlich: Freiheit im
Konkurrenzkampfe mit Handwerk und Arbeiterschaft, Bin—
dung oder noch besser Ausschließung aller übrigen kapita—
listschen Unternehmer. Da dieses Ideal nicht verwirklicht
werden kann, so willigt das Kapital in das Kompromiß:
es opfert den Rechtsgedanken des Monopols oder Privilegs
und verlangt die wirtschaftliche Freiheit für alle.
Die Einführung der Gewerbefreiheit, wie sie im Laufe
des 19. Jahrhunderts in allen Kulturstaaten erfolgte, bildet
einen Teil der sogenannten liberalen Reformen, die im
Namen eines hohen allgemeinen Menschenrechts erkämpft
        <pb n="104" />
        Die Schaffung d. objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 103

wurden, durch die man dem Ideal der Freiheit, wie es
jene Zeit beherrschte, zum Siege verhelfen wollte. Ange—
sichts dieser Tatsache, die es unzweifelhaft erscheinen läßt,
daß auch die Gewerbefreiheit idealen Motiven entsprungen
ist, kann es auffällig erscheinen, die Herstellung einer frei—
heitlichen Wirtschaftsordnung auf bestimmte praktische Inter—
essen zurückzuführen. Ich leugne die bezwingende Macht
der liberalen Ideen, aus denen das Wirtschaftsrecht des
19. Jahrhunderts hervorging, ebensowenig, wie ich den
Einfluß der Beihilfe unterschätze, die diesen Bestrebungen
durch die Wissenschaft des 18. Jahrhunderts erwuchs.
Diese nämlich hatte den Satz aufgestellt, daß es allein den
Anforderungen strenger Wissenschaftlichkeit entspräche, wenn
im Wirtschaftsleben die einzelnen Interessenten möglichst
frei schalten und walten könnten, daß allein unter der
Voraussetzung einer solchen weitgehenden individualen Frei—
heit die wirtschaftlichen Gesamtinteressen zu ihrem Rechte
kämen. Aber so sehr ich auch die fördernde Macht dieser
idealen Faktoren bei der Umbildung unseres Verfassungs—
und Rechtslebens anerkenne, so steht es für mich doch uner—
schütterlich fest, daß alle diese Faktoren nicht hingereicht
hätten, die grundstürzende Anderung in den Formen unseres
sozialen Lebens vorzunehmen, wenn bei der erstrebten
Neugestaltung der Dinge nicht die Interessen der mächtigsten
Wirtschaftsfaktoren ebenfalls gefördert worden wären. Wie
sehr aber aus den kapitalistischen Interessen sich die Forde—
rung einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung ergeben mußte,
habe ich in den vorherigen Ausführungen zu erweisen
versucht.
Über den Verlauf der Reformbewegung in den ein—
zelnen europäischen Ländern unterrichtet folgende
        <pb n="105" />
        104 Überblick über d. geschichtl. Entwickelg. d. Gewerbewesens.

üÜbersicht über die grundlegenden Gewerbegesetze
in den wichtigsten Kulturstaaten.
WVergl. die ausführliche Darstellung in Schönbergs
Handbuch der pol. Okon. Band II, Art. Gewerbe, J. Teil.)

A. Die deutschen Staaten vor Einigung des Reiches.
l. Preußen. Nachdem durch die Geschäftsinstruktion
vom 26. Dezember 1808 die Gewerbefreiheit im Prinzip
anerkannt war, wurde diese gesetzlich bestätigt durch das
Edikt vom 2. November 1810 über die Einführung einer
allgemeinen Gewerbesteuer und das Gesetz vom 7. September
1811 über die polizeilichen Verhältnifsse der Gewerbe.
Das Edikt von 1810 machte den selbständigen Gewerbe—
betrieb lediglich abhängig von der Lösung eines Gewerbe—
scheins, der keiner unbescholtenen Person versagt werden
durfte, und von der Zahlung der neu eingeführten Gewerbe—
steuer. Nur für acht Gewerbe im engeren Sinne, „bei
deren ungeschicktem Betrieb gemeine Gefahr obwaltet“
(Apotheker, Juweliere, Maurer, Zimmerleute, Mühlen⸗
bauer, Schornsteinfeger, Seeschiffzimmerleute, Verfertiger
chirurgischer Instrumente), wurde für die Ausübung eine
weitergehende Beschränkung beibehalten. Das Geseß von
1811 vertrat denselben Standpunkt weitgehender Gewerbe—
freiheit wie das Edikt von 1810, das es nur in Einzel—
heit ergänzt.
Um die große Verschiedenartigkeit der Gewerbeverfas—
sungen, wie sie im Königreich Preußen durch die Einver—
leibung der neu- oder wiedergewonnenen Landesteile im
Jahre 1815 entstanden war, zu beseitigen, wurde am
17. Januar 1845 eine allgemeine Gewerbeordnung
für das gesamte Staatsgebiet eingeführt, die im Prinzip
an der Gewerbefreiheit festhielt.
        <pb n="106" />
        Überblick über die grundlegenden Gewerbegesetze usp. 105

Eine weitgehende Einschränkung erfuhr jedoch die Ge—
werbefreiheit im Königreich Preußen noch einmal durch
Königliche Verordnungen vom 9. Februar 1849,
betreffend die Errichtung von Gewerberäten und ver—
schiedene Abänderungen der allgemeinen Gewerbeordnung
und über die Errichtung von Gewerbegerichten. Hierdurch
wurde der selbständige Gewerbebetrieb für eine größere
Anzahl von Gewerben (32 außer den bereits beschränkten)
wiederum abhängig gemacht von dem Eintritt in eine
Innung, die an den vorhergegangenen Befähigungsnach—
weis geknüpft war oder von dem Nachweis der Befähigung
vor einer Prüfungskommission. Auch andere Bestimmungen
der alten Zunftverfassung wurden wieder eingeführt.
Abgesehen von einigen Änderungen im gewerbefreiheit⸗
lichen Sinne blieb die Gewerbeordnung von 1849 bis zur
Gründung des Norddeutschen Bundes in Kraft.
II. In den übrigen deutschen Staaten blieb die
alte Zunftverfassung bis zum Jahre 1860 allgemein in
Geltung. Von da ab erließ die Mehrzahl freiheitliche
Bewerbegesetze.

B. Der Norddeutsche Bund bezw. das Deutsche Reich
regelten einheitlich für ihr Gebiet die gewerblichen Zustände
durch die Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869, die
im Gebiete des Norddeutschen Bundes drei Monate nach
Verkündigung, in Südhessen am 1. Januar 1871, in
Württemberg und Baden am 1. Januar 1872, in Bayern
am 1. Januar 1873 in Kraft trat. Das Gesetz beruht auf
dem Prinzip einer weitgehenden Gewerbefreiheit. Beschrän—
kungen des Gewerbebetriebs werden nur im Interesse der
öffentlichen Sicherheit für ganz wenige Gewerbe aus—
gesprochen. Den Innungen wurde ein rein privatrecht—
licher Charakter verliehen.
        <pb n="107" />
        106 überblick über d. geschichtl. Entwickelg. d. Gewerbeweseus.
O. Die übrigen europäischen Staaten
haben ebenfalls entweder schon im 18. oder im 19. Jahr—
hundert im Prinzip die Gewerbefreiheit eingeführt und
zwar in folgenden Jahren:
1789 (1791) Frankreich;
1795 Belgien;
1813 Spanien;
1814 (1835). England (wo tatsächlich schon lange vorher
ein Zustand der Gewerbefreiheit geherrscht hatte);
1819 (1824) Holland;
1839 (1866) Norwegen;
1846 (1864) Schweden;
1848 Schweiz (für das Bundesgebiet, während in den
meisten Kantonen schon vorher Gewerbefreiheit
gegolten hatte);
1857 Dänemark;
1859 Osterreich-Ungarn;
1864 (1878) Italien (für das gesamte Königreich,
während einzelne Staaten schon früher Gewerbe—
freiheit besaßen).

IV. überblick über den Gaug der gewerblichen Eut—
wickelnug bis ins 19. Jahrhundert.

1. Die Zweige gewerblicher Produktion, deren
sich der Kapitalismus in seinen Anfängen be—
mächtigt, sind zum Teil solche, die ganz neu in das
Wirtschaftsleben eingeführt werden. Hierher gehört die
Herstellung von Porzellan, von Papier, hierher gehört
auch der Buchdruck. Es ist ersichtlich, daß der Entfaltung
kapitalistischen Wesens auf diesen Gebieten, wo keine Hand—
en verletzt wurden, die geringsten Schwierig—
keiten sich entgegen stellen. Aber auch auf Gebiete griff
        <pb n="108" />
        Überblickü.d. Gang d. gewerbl. Entwickelg. b. ine⸗

J
*.

der gewerbliche Kapitalismus schon
hereits von dem Handwerk oder abe
Eigengewerbe innegehabt wurden. To
bis in das 19. Jahrhundert hinein imm
wenige Gewerbe, die aus einer vorkapit.
kapitalistische Organisation übergeführt werden.
Es sind diejenigen Gebiete, die dem primitiven Kapita⸗
lismus am bequemsten sind, Gebiete einförmiger Produktion
mit verhältnismäßig großem Absatz, deshalb mit Vorliebe
solche Gewerbezweige, die für ein größeres Marktgebiet
von jeher produziert hatten, insonderheit diejenigen, die wir
heute als Exporlindustrien bezeichnen. Die zuerst von dem
Kapitalismus eroberten Zweige des Gewerbewesens sind
der Bergbau, einige andere Zweige der Montanindustrie,
sind ferner einzelne Teile der Textilindustrie, der Metalls—
industrie und der Holzindustrie. In diesen beiden In—
dustrien handelt es sich jedoch bis in die neuere Zeit
hinein um verschwindende Teile des Gesamtgewerbes, die
dem Kapitalismus anheim gefallen waren. Das bewußte
Vordringen der kapitalistischen Organisation in das Pro—
duktionsgebiet des alten Handwerks fällt im wesentlichen
in diejenige Zeit, die wir in einem etwas weiterem Sinne
als die Gegenwart bezeichnen können und wird deshalb
im folgenden Bändchen von mir dargestellt werden.
2. Die Betriebsformen des primitiven Kapita—
lismus. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß die
Technik, deren sich der Kapitalismus in seinen Anfängen
bediente, keine andere als die handwerksmäßige war. Tas
gilt großenteils auch von den Betriebsformen, in denen der
gewerbliche Kapitalismus in die Geschichte eintritt. In
vielen Fällen bleibt ihrer betriebsmäßigen Gestaltung nach
die bäuerliche oder handwerksmäßige Produktionsweise
gauz unverändert. Der bäuerliche Weber, die bäuerliche

ich
nigg

J
        <pb n="109" />
        108 überblick über d. geschichtl. Entwickelg. d. Gewerbewesens.
Spinnerei, der Eisenwaren verfertigende Handwerker usw.
sie bleiben zunächst in ihren Produktionsstätten in unver—
äünderter Weise tätig und nur die Organisation des Absatzes
ihrer Produkte wird vom kapitalistischen Unternehmer über—
nommen. Es entsteht auf diesem Wege die kapitalistische
Hausindustrie, die wir als eine charakteristische Eigen⸗
tümlichkeit der ersten Jahrhunderte des gewerblichen Kapita—
lismus ansehen müssen. Wo jedoch schon die Arbeiter in
geschlossenen Etablissements des Unternehmers zusammen⸗
gefaßt werden, da sind die Betriebe klein und im wesent⸗
lichen herrscht in ihnen doch noch die handwerksmäßige
Technik vor, wenn freilich auch schon die Verschlingung der
mehreren Arbeiter zu gemeinschaftlichem Wirken vollzogen ist.
Sie stellen also denjenigen Typus des gesellschaftlichen
Großbetriebes dar, den wir als Manufaktur bezeichnet
haben. Die Manufaktur charakterisiert als Betriebsform
die Periode der frühen kapilalistischen Entwickelung, ebenso
wie die hausindustrielle Orgauisation, weshalb man denn
auch die Periode etwa des 17. und 18. Jahrhunderts als
die sogenannte Manufakturperiode bezeichnet hat.
        <pb n="110" />
        Register.

Alleinbetrieb 85.
Arbeitsbedingung 81.
Arbeitsgegenstand 81.
Arbeitsmaschine 17f.
Arbeitsmittel, Begriff 11,
Entwickelung 12ff. Be—
deutung im Produktions⸗
prozeß 31.
Arheilsspezialisierung 9f.
Arbeitsteilumg 10.
Arbeitszerlegung, arbeit—
zerlegendesVerfahrengf.

Berufsgliederung im
Handwerk 47.
Betrieb, Begriff W, Be—
triebsorganisation 30ff.,
Betriebsformen 35ff.
Bevölkerung 50f. 61. 74f.
aff.
—A

Dampfmaschine 18.
Differenzterung der Ar—
beitsverrichtungen 8f.,
des Arbeitsmittel 12f.,
des Bedarfs 41, der
Macht- und Reichtums
verhältnisse 42, des Wirt—
schaftslebens 40 ff., von
Personal⸗ und Sachver⸗
mögen 45, der Produk—
tionsqualifikation 44.
Dorfhandwerter 68

Edelmetallproduktion 87.
Eigenwirtschaft uͤrmuͤchfige
oder bäuerliche M; er—
weiterte E. 41f.

Entanzipation von den
Schranken des Organi—
schen das Entwickelungs—
prinzip der modernen
Techiuk 20 ff, von Raum
und Zeit 26f.
Empirie, empirisches Ver—
fahren in der Technik
18ff., 22ff., 51f, 768 5.
Fabrik 38
Familienbetrieb 36.
Fronhofwirtschaft 69f.
Fürstentum, mödernes 88ff.

Gehilfenbetrieb 836.
Gesellen 48f., 79.
Bewerbe s. Inhaltsver—
zeichnis.
Bewerbefreiheit, ihre prin—
zipielle Bedeutung dOoff.,
ihre Einführung in den
modernen Staaten WSeff.
Großbetrieb 80, 36ff.
Großindustrie. Begariff 58.

Handwerk, handwerks—
mäßige Orgauisation,
Begriͤff 42f. Arten 409ff.,
Existenzbedingungen des
H. im allgemeinen S0 ff.,
während d. europäischen
Mittelalters 78 ff.
Hausgewerbliche Eigen—
produktion 40 ff.
Hausindustrie 36. 57, 108.

Individualbetriebe 86 ff.
Industrie. Begriff 52. 58.

Kapital, Begriff 52.
Kapitalismus, kapitalisti⸗
sche Organisation des
Gewerbes, kapitalistische
Unternehmung; Begriff
und Wesen 52ff., Arten
der kap. Unternehmung
57 ff., Voraussetzungen
und Bedingungen des
Kapitalismus 58 Genesis
des modernen K. 8aff.
Kaufhandwerker 49.
Kleinbetrieb 830, 385 f.
Kolonialwirtschaft 86f.
Kooperation (Prinzip der
———
Kundenproduktion 49f.

Lehrlinge 48f., 79.
Liberale Ideen, liberale
Reformen 102.
Lohnhandwerker 49

Manufaktur 37f. 108.
Mauufakturperiode 108.
Maschine, Begriff 15, Ge—
schichte 16ff.
Maschinenzeitalter 15, 17f.
Materialanordnung (Ver—
fahren) 10f.
Merkantilismus 80 ff.
Mittelbetrieb 80.
Müllereitechnik 16f.

Rahrung, Idee des Hand—
werkers 46, 79.
Naturwissenschaften in
ihrer Bedeutung für die
Technik M. 96
        <pb n="111" />
        110

Dikenwirtschaft 64f., 70

Preishandwerker 49.
Produktionsfaktoren 30.
Produktionsmittel 32.
Produktivität der Arbeit
5, 28, 82, 42, 51 f., 76.
Proletariat, Begriff 61;
Enistehung d. modernen
P. ff.

Rationalismus, rationelles
Verfahren in der Technik
19ff., seine Bedeutung
22 ff., seine Verwirk—
lichung in der Geschichte
g6 ff.
Rotationsprinzip 14.

Register.

Schwungkraft, ihre Be—
dzutung für die Technit
13.
Spezialisation (Prinzip der
——
Spegialisterung der Ar—
beitsverrichtung 9f.
Städtische Wirtschaftspoli—
tik des Mittelalters 77 ff
Störer 49.

Technik, gewerbliche, Be—
griff 5, Entwickelung im
allgemeinen 6ff., Prin—
zipien der modernen T.
im besonderen 18ff., das
formale Prinuzip 18ff.das

materiale Prinzip 2Mff.,
Praktische Tragweite
22ff., Staud der T. im
Mittelalter 75, Entwicke—
lungdermodernen T.hGff.

übergangsbetriebe 86.
Verkehrswirtschaft, Be—
griff 55.
Vinen Karls des Großen
70f.

Wanderhandwerker 49.
Werkzeug, Begriff 11f.,
Entwickelung 12ff.
Zollverein 90.
Zunftverfassung 76 ff.
        <pb n="112" />
        37
37
2. 30
8572
83
23
20
2
3*
78
237
8

3—
*
5

5
20
—X

—*

8

cn

*
—9

—X

—*
00

—2—
00

—
—F

EFae

4
2

2
5

jaffung der objektiven Beding. kapitalist. Wirtschaft. 89

mußte. Bei diesen seinen Bestrebungen aber be—
is junge Fürstentum vor allem wiederum eines
els, das ihm niemand so leicht zur Verfügung zu
ermochte, als der kapitalistische Handel und die
ische Industrie, nämlich des Geldes. Geld bedurfte
zt vor allem für seine Armee, Geld bedurfte er für
ltung seines Hofstaates und seiner Beamten. Dies
Geld aber kam durch nichts leichter in ein Land
als durch Erwerbung minenreicher Kolonialgebiete
ch Entwicklung des überseeischen Handels, oder der
chen großen Exportindustrie. Es ist deshalb nur
und begreiflich, wenn wir die kapitalistischen Inter—
ördert sehen durch die Politik des aufkommenden
Freims, wenn wir wahrnehmen, daß der gewerbliche
mus von vornherein ebenso seinen Stutzpunkt in
hßen Landes- und Staatsgewalten fonde wie das
rkertum ihn in den Gewalten der mittelalterlichen
efunden hatte.
enige Gewerbepolitik, die berufen war den Kapita—
n den modernen Staaten zuerst feft zu setzen, wird
r Bezeichnung der merkantilistischen Politik zu—
efaßt. Der Merkantilismus umfaßt freilich die
Wirtschaftspolitik der damaligen Zeit: Er bildet
nntlichen Inhalt der Staatsklugheit, die wir in den
chen Staaten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert
dt finden, er ist die lebendige Praxis aller bedeu—
taatsmänner von Karl V. bis Friedrich dem Großen
icht seinen Höhepunkt in England unter der Herr⸗
romwells, in Frankreich unter dem Regimente
von dem er deshalb wohl auch den Namen des
tismus trägt. Aber den Kern aller merxkauti—
Maßnahmen machte doch das Streben aus, neben
»ßhandel vor allem auch eine moderne Großindustrie

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