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        <title>Gewerbewesen</title>
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            <forname>Werner</forname>
            <surname>Sombart</surname>
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        </author>
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*
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        Im Anschluß hieran erschienen:

Gewerbewesen

von

Werner Sombart
Professor an der Universität Breslau

Zweiter Teil

(Sammlung Göschen Nr. 204)

Die gewerbliche Arbeikerfrage

von

Werner Sombart
Professor an der Universität Breslau

(Sammlung Göschen Nr. 209)

Preis: In Leinwand gebunden je 80 Pfg.

G. J. Göschen'sche Verlagshandlung in Leipzig
        <pb n="3" />
        Volkswirkschafktslehre

bdon

Dr. Carl Johs. Fuchs
Professor an der Universität Freiburg i. B.

(Sammlung Göschen Nr. 138)

Volkswirktschaftspolitik

6041

Geh. Regierungsrat Dr. R. van der Borght
vortr. Rat im Reichsamt des Innern in Berlin

(Sammlung Göschen Nr. 177)

Jinanzwissenschaft

Inn

Geh. Regierungsrat Dr. R. van der Borght
vortr. Rat im Reichsant des Innern in Berlin

Sammlung Göschen Nr. 148)

Preis: In Leinwand gebunden je 80 Pfp.

G. J. Göschen'sche Verlagshandlung in Leipzig.
        <pb n="4" />
        Sammlung Göschen

Gewerbewesen

Zweiter Teil

A

Werner Sombart
Professor an der Universität Breslou

Leipzig
G. J. Göschen'sche Verlagshandlung
1904
        <pb n="5" />
        Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,
von dM 1255 5777* rbehalten.

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·Svpamersche Buchdruckerei, Leipzig.
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        Inhaltsverzeichnis.

Erster Abschnitt. Seite
Die Gestaltung des Gewerbewesens in den modernen
Kulturstauten und die Tendenzen seiner Entwicklung.
Erstes Kapitel. Die zunehmende Bedeutung der ge—
werblichen Produktion in den moder—
nen Kulturländern . ..
Zweites Kapitel. Das Handwerk.
J. Die äußere Stellung des Handwerks in der Volks—
wirtschaft der Gegenwart . .
II. Die Umbildung des Handwerks
Drittes Kapitel. Die Industrie.
J. Die Umschichtung der Bevölkerung
II. Die Hausindustrie...
III. Die Großindustrie

13
23

32
33
42

Zweiter Abschnitt.
Die Throrie der gewerblichen Konkurrenz.
Erstes Kapitel. Begriff und Wesen der Konkurrenz 59
Zweites Kapitel. Der Kampf um die beste Leistung.
J. Die Qualität der Darbietung von Ware und Leistung 64
II. Die Qualität des Dargebotenen 67
Drittes Kapitel. Der Preiskampf.
J. Die Verbilligung durch Qualitätsveränderung
II. Die Verbilligung durch Quantitätsveränderung
1. Die Produktionssaktoren-Verbilligung ..
A. Die sachlichen Produktionsfaktoren ..
a) Die allgemeinen Arbeitsbedingungen
b) Der Arbeitsgegenstand.
o) Das Arbeitsmittele
B. Persönliche Produktionsfaktoren
2. Die Produktionsverbilligung. . ..
a) Die quantitative Vervollkommnung.
a. Verdichtung des Produktionsprozesses
8. Ausweitung des Produktionsprozesses

70
72
73
73
73
74
78
79
83
84
84
87
        <pb n="7" />
        Inhaltsverzeichnis.

b) Die qualitative Vervollkommnung ..
x. Das materialvereinigende Verfahren
63. Das arbeitzerlegende Verfahren
J. Das wissenschaftliche Verfahren
oͤ. Das maschinelle Verfahren
Dritter Abschnitt.
Gewerbepolitik.

Erstes Kapitel. Gewerbepflege
Zweites Kapitel. Gewerbliche Schutzpolitik
4. Die Handwerkerbewegung.. ...
IJ. Die zwangsweise Organssation des Handwerks
IIc. Die Einführung des Befähigungsnachweises
Ly. Der Schutz gegen den Kapitalismus
Literatur zu Bd. Lu. II
Register

Verzeichnis der beigegebenen Tabellen.
Tab. J. Zahl der Hanptbetriebee. .
„AII. Zahl der durchschnittlich beschäftigten Personen.
„III. Verteilung der Gewerbebetriebe und des gewerb⸗
tätigen Personals auf die Betriebsgrößenklaffen
Die wichtigsten Zweige des früheren Handwerks
im Jahre 1882 und 18985...
Die Zahl der Handwerker im Königr. Preußen
alten Bestandes 1834 und 1895 *
Gewerbliche Rohstoffgenossenschaften.
Bewerbliche Magazingenofssenschaften
Ubersicht über die wichtigsten älteren Hausindu—
strien des Deutschen Reiches 1882 und 1888
Übersicht über diej. deutschen Hausind., die von
18821895 eine Vermehrungstendenz aufweisen
Verteilung der Gewerbetreibenden auf die Be—
triebsgrößen 1882 und 1888. 5
Die wichtigsten Zweige der kapitalist. Großind.
Die Entwicklung der amerikan. Baumwollind.
Die Hauptresult. d. 3 letzt. Zensuserheb. in U. S. A.
Gewerbe m. e. Maxim. d. Betriebskonzentration
Wert der Eigenproduktion der großbritannischen
Konsumentenorganisationen

Seite
90
91
93
95
97

98

101
104
111
118
121
123

14
14

15

16

18
27
27

85

37

44
46
48
49
50

58
        <pb n="8" />
        J. Abschnitt.

Die Gestaltung des Gewerbewesens in den
modernen Kulturstaaten und die Tendenzen
seiner Entwicklung.

J. Kapitel.

Die zunehmende Bedeutung der gewerblichen Produktion
in den modernen Kulturläudern.

Eine der bedeutsamsten Tatsachen, die uns eine Be—
trachtung der gewerblichen Entwicklung in der Gegenwart zu
erkennen gibt, ist das rasche Wachstum der gewerbetreiben—
den Bevölkerung. Dieses Wachsium erfolgt in allen Län—
dern mit kapitalistischer Kultur rascher als die Gesamt—
bevölkerung zunimmt, also, daß die gewerblichen Produzenten
eine steigende Quote der Gesamtbevölkerung ausmachen.
Den Beleg für die Richtigkeit dieser Behauptung ent—
halten die folgenden Ziffern.
In Deutschland betrug der Anteil der Gewerbetrei—
benden (im engeren Sinne) an der Gesamtbevölkerung in
den 1840er Jahren noch nicht ein Vieriel, wührend er am
brn des neunzehnten Jahrhundert (1895) zwei Fünftel
etrügt.
Nach einer Berufszählung vom Jahre 1840 umfaßten
die Angehörigen der gewerblichen und merkantilen Berufe
im Königreich Bayern 25.7040 der Bevölkerung; nach einer
        <pb n="9" />
        6.Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

Zählung aus dem Jahre 1843 betrug der Anteil der einer
stoffverarbeitenden, also gewerblichen Tätigkeit obliegenden
Bevölkerung 23,379,0. Dagegen wurden 1895 in Berg—
bau und Industrie im Deutschen Reich 30,20,0 der Bevöl⸗
kerung ermittelt.
Stellt man die Ergebnisse der Berufszählung von 1882
und 1895 zusammen, so ergeben sich für die Industrie, ein—
schließlich Bergbau und Baugewerbe:
Jahr Hauptbetriebe Erwerbstätige Personen
1882 2270337 5933663
1895 2146672 8000 503.
Von 1000 Erwerbstätigen überhaupt gehörten somit
der gewerblichen Bevölkerung an:
1882 — 336,9
1895 — 36144.
Eine Zusammenstellung der Ziffern früherer Perioden
(nach den in meinem „Kapitalismus“ mitgeteilten Quellen)
ergibt folgendes Bild:
Es entfiel ein Erwerbtätiger in der Industrie usw.
1846 (Königreich Preußen) auf Einwohner
1858 a
—1871 ur
1882 (Deutsches Reich)
1895 J

Daß es sich hier um eine allgemeine Entwicklungs⸗
tendenz der modernen Volkswirtschaft handelt, ergibt ein
Vergleich mit andern Ländern, in denen übereinstimmend
die gleiche Zunahme der gewerblichen Bevölkerung sich
nachweisen läßt.
Für Großbritannien ergab der Zensus von 1841
einen Anteil der in Handel und Industrie beschäftigten
Personen an der Gesamtbevölkerung von 43,53 8/0, der—
        <pb n="10" />
        Die zunehmende Bedeutung der gewerbl.

9

jenige von 1891 jedoch 63,7 045. An ist
die Industrie ebenso beteiligt wie Handeg us Ver. In ⸗
jener stieg der Anteil der —— : Gesam
bevölkerung von 1881 bis 1891 in Englastd, und Wöe
abermals von 24,5 auf 285,8 00, in Schoͤttkeine Wn
25,0 auf 25,6 94/0, und selbst in Irland von 13,4 auf
1319 oh.
Osterreich entfielen von sämtlichen Berufszuge—
hörigen auf die Industrie
1880 — 22,80/0
1890 — 258.
In der Schweiz wurden von 100 Erwerbstätigen in
der gewerblichen Tätigkeit ermittelt
1880 * 42,5
1888 — 43,1.
In Frankreich gehörten von 100 Berufszugehörigen
der Sphäre der Industrie an
1886 — 25,2
1891 — 25,9.
In Holland fallen von 100000
Industrie

1889 — 11796
1899 312 746.

In Belgien waren 1880 erst 34,5 040, 1890 dagegen
schon 36,8 040 der Berufsfälle industrielle.
Schwedens gewerbliche Bevölkerung wurde 1880 mit
einem Anteil von 17,80/0, 1890 mit einem Anteil von
22,7 04, und 1897 mit einem Anteil von 25,8 040 er⸗
mittelt.

Selbst in Norwegen stieg der Anteil der industriellen
Bevölkerung von 19,4040 im Jahre 1876 auf 283,0 0/0 im
Jahre 1891.
        <pb n="11" />
        8 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
Endlich wuchs auch in den Vereinigten Staaten
von Amerika die gewerbliche Bevölkerung rascher als
die Gesamtbevölkerung, denn es wurden in der Industrie
Berufstätige gezählt:

1870 6,8 00
1880 — 68
1890 — 8..

5

Besonders lehrreich ist auch die Zusammenstellung der
verschiedenen Kulturländer mit Angabe des Anteils, den
ihre gewerbliche Bevölkerung ausmacht. Daraus ergibt
sich im großen ganzen, daß dieser Anteil um so größer ist,
je höher die kapitalistische Kultur entwickelt ist. Also auch
diese Ziffernreihe enthält den Beweis für die Allgemeinheit
der beobachteten Tendenz.
Es gehörten von 1000 Erwerbstätigen nach den letzten
Zählungen zur Industrie in:

Großbritannien
und Irland
Schweiz
Belgien
Deutschland
Niederlande
Frankreich
Italien
Dänemark
Norwegen
Osterreich
Schweden
Ungarn

537
407
382
374
322
279
276
239
229
219
150.
126.

Eine Sonderstellung nimmt infolge seines Charakters
als Kolonialland Nordamerika ein. Es betrug jener An—
        <pb n="12" />
        Die zunehmende Bedentung der gewerbl. Produktion. 9
teil der gewerblichen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten
von Amerika 241.
Weitere Aufschlüsse erhält der Leser im 111. Bande
(NM. F.) der Statistik des Deutschen Reichs, dem auch
die im Vorstehenden gemachten Ziffernangaben ent—
lehnt sind.
Woraus erklärt sich diese eigentümliche Erscheinung des
wachsenden Anteils der gewerblichen Arbeiter? Nicht etwa,
wie man gemeinhin glaubt, ausschließlich oder auch nur
vornehmlich aus der Tatsache, daß wir immer mehr für
fremde Völker (die für uns Ackerbau treiben) Industrie—
erzeugnisse herstellen. Vielmehr ist es im wesentlichen der
wachsende Mehrbedarf an gewerblichen Erzeugnissen im
eigenen Lande, der diese Zunahme bewirkt. Freilich: ein
Teil der jetzt mehr wie früher ermittelten gewerblichen Pro—
duzenten erscheint nur in der Statistik, nicht in Wirklichkeit
neu. Es vollzieht sich nämlich nachweisbar das ganze Jahr—
hundert hindurch, besonders rasch im letzten Drittel, eine
ftetige Verringerung der hausgewerblichen Eigenproduktion,
die wir im Anfang des Jahrhunderts noch sehr verbreitet
finden. Es wird auch in bänerlichen Kreisen, geschweige
denn in den städtischen Familien, heute nur noch in ver—
schwindend geringem Umfange der Bedarf an gewerblichen
Erzeugnissen durch Backen, Schlachten, Gerben, Spinnen,
Weben, Schustern, Schneidern usw. selbst gedeckt. Als Regel
darf vielmehr gelten, daß der gesamte Bedarf auf dem
Markte eingekauft oder beim selbständigen Gewerbetreibenden
bestellt wird. Also: Dieselbe Arbeit, die noch vor hundert
und vor fünfzig Jahren nebenberuflich in der Familie aus—
geführt und somit vom Statistiker gar nicht als „gewerbliche
Tätigkeit“ exmittelt wurde (die Familien, die sie betrieben,
erschienen vielmehr in der Mehrzahl als zur Landwirtschaft
gehörige), die bildet jetzt den Inhalt eines bestimmten ge—
        <pb n="13" />
        10 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

werblichen Berufs und wird nunmehr als gewerbliche sta—
tistisch ermittelt. Erster Grund, weshalb (in diesem Falle
nur scheinbar), die gewerbliche Tätigkeit an Umfang während
des 19. Jahrhunderts zugenommen hat.
Aber sie hat es auch in Wirklichkeit. Und zwar aus
mehrfachen Gründen. Es ist zunächst der gesteigerte Reich—
tum, der es bewirkt. Der bei weitem größte Teil dessen,
was wir zur vermeintlichen oder wirklichen Steigerung un—
seres Lebensgenusses heute an Gütern mehr wie vor hun—
dert Jahren gebrauchen, entstammt der Sphäre der gewerb—
lichen Produktion — richtiger, hat diese durchschritten, ehe
er gebrauchsfertig wurde. Es muß bedacht werden, daß die
Vervollkommnung unserer Wohnung und ihrer Ausstattung,
unserer Kleidung, unseres Schmuckes, unserer Unterhaltung
mit Gegenständen der Kunst oder der Literatur oder durch
Schaustellungen aller Art, die Vervollkommnung des Reisens,
der Behandlung Kranker, Irrer, Gefangener, die Vervoll—
kommnung der Heilkunst (Instrumente) und Hygiene, die
Anlage von städtischen Bereinigungs- und Beleuchtungs—
werken: daß alles dieses, was wir unter der Bezeichnung
sachliche Kultur zusammenzufassen pflegen, gewerbliche Er—
zeugnisse zur Grundlage, richtiger: eine Stoffbearbeitung
zur notwendigen Voraussetzung hat. Unzweifelhaft nimmt
nun aber diese einen größeren Raum ein bei der Herstellung
dieser tausend und aber tausend Gegenstände, als die auf die
Erzeugung der dazu erforderlichen Rohstoffe gerichtete Mehr—
arbeit; und auch die zur Hervorbringung von Nahrungs⸗
mitteln dienende Tätigkeit, weil diese selbst nicht in gleichem
Umfange differenziert und verfeinert sind wie die gewerb⸗
lichen Erzeugnisse, brauchte längst nicht in gleichem Umfange
gesteigert zu werden wie die stoffverarbeitende Tätigkeit.
Schon aus diesem Grunde würde also auch in einem nach
anßen geschlossenen Staate die Zahl der Gewerbetreibenden
        <pb n="14" />
        Die zunehmende Bedeutung der gewerbl. Produktion 11

rascher zunehmen, als diejenige des Rohstoff- und Nahrungs—
mittelproduzenten (allerdings unter der Voraussetzung stei⸗
gender Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit!).
Nun kommt dazu, daß die wirischastlich fortgeschrittenen
Länder die Rohstoffe, die sie verarbeiten und ehedem im
Lande erzeugten, heute in großem Umfange vom Auslande
beziehen: beispielsweise Hanf, Flachs, Wolle, Holz, lle,
dann aber auch mehr exotische Rohstoffe verwende wie
früher: Baumwolle, Jute usw. Damit wird, wie ersichtlich,
abermals eine stärkere Steigerung der Zahl gewerblicher
Produzenten bewirkt, da die Erzeuger der verarbeiteten
Rohstoffe nicht mehr, wie ehedem, im eignen Lande, sondern
in der Fremde als landwirtschaftlich tätige Personen gezählt
werden. Natürlich müssen diese Länder die Rohstoffe,
die sie vom Auslande beziehen, kaufen, was zum Teil mit
Industrieerzeugnissen geschieht; neuer Grund zur Vermeh—
rung der gewerblicher Produzenten. Und endlich haben
auch die Vertreter der gemeinen Meinung zum kleinen
Teile recht, wenn sie behaupten, wir kauften unsere Nah—
rungsmittel, die wir ehedem im eigenen Lande ge—
wannen, heute mit gewerblichen Erzeugnissen vom Aus—
lande.
Aber einen allerbedeutsamsten Grund, weshalb es mit
Notwendigkeit immer mehr gewerbliche Produzenten geben muß
— diesmal wieder ohne jede internationale Handelsbeziehung,
auch im „geschlossenen“, „isolierten“ Staate, und diesmal
sogar ohne die Voraussetzung steigender Produktivität der
landwirtschaftlichen Arbeit — habe ich nun erst noch nam—
haft zu machen. Er liegt eingeschlossen in jene Verschie—
bung der Bedarfsdeckung, wie sie im 19. Jahrhundert durch
die eigentümliche Entwicklung der ökonomischen Technik ein—
—0—
Hrganisierte, die wir als einen Grundzug der gesamten tech—
        <pb n="15" />
        12 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

nischen Evolution festzustellen in der Lage waren. Wir
sahen, in welchem beträchtlichen Umfange namentlich das
Eisen statt des Holzes, des Hanfes, des Leders und anderer
Stoffe aus organisierter Materie heutzutage Verwendung findet,
in welchem beträchtlichen Umfange der tierische Motor durch
den Dampf und die Elektrizität ersetzt ist, ebenso wie der
lebendige Pflanzenheizstoff durch die toten Wälder der Ver—
gangenheit; in welchem beträchtlichen Umfange die chemisch
hergestellten Stoffe, vor allem die Farben, aber auch Arz—
neien, Gemißmittel usw. pflanzliche und tierische Erzeugnisse
verdrängt haben. Nun ist es handgreiflich, daß alle diese
Vorgänge wiederum eine Vermehrung der gewerblichen
Produktion im Gefolge haben mußten; das Eisen, aus dem
heute Schiffe, Brücken, Häuser erbaut werden, beschäftigt
tausend und abertausend „gewerbliche“ Arbeiter, während
ehedem das Holz von den Arbeitern im Forst gewonnen
wurde; die Leute, die das Holz zum Heizen herrichteten,
waren ebenfalls forstwirtschaftliche Arbeiter; die Steinkohlen
werden von den Industriearbeitern gefördert. Um die Pferde
zu erzeugen, die ehedem zur Fortbewegung der Wagen
dienten, waren Menschen in Land- und Viehwirtschaft nötig:
die Lokomotiven und die elektrischen Motorwagen werden
in industriellen Etablissements hergestellt. Den Krapp und
den Waid pflegten landwirtschaftlich tätige Personen; die
Anilinfarben, die jene Farbstoffe ersetzten, sind das Werk
von Arbeitern in chemischen Fabriken usw.
Leider läßt sich ziffernmäßig nicht feststellen, welche Be—
deutung dem letzterwähnten Umstande für die berufliche
Umschichtung der Bevölkerung zukommt. Ich glaube aber,
daß man diese Bedeutung nicht leicht zu hoch einschätzen
kann. Einen Anhaltpunkt für die quantitative Abmessung
gewähren die Ziffern der belgischen Gewerbestatistik, in denen
die Industrien unterschieden sind, je nachdem sie mineralische
        <pb n="16" />
        Das Handwerk.

13

(also unorganisierte) oder animalisch-vegetalische (also orga—
nisierte) Stoffe verarbeiten. Nach diesen Ziffern ist fast die
gesamte Zunahme, die die gewerbliche Produktion in dem
Zeitraume von 1880 bis 1890 erfahren hat, der Aus—
dehnung derjenigen Industrien geschuldet, die mineralische
oder gemischte Stoffe verarbeiten. Während nämlich in dem
genannten Zeitraum der Anteil der industriellen Berufe an
der Gesamtheit der Berufe von 34,5 auf 36,80/, stieg,
betrug die Zunahme bei den Industrien, die fast nur orga—
nische Stoffe verarbeiten, nur 0,3 00, bei den Industrien
der unorganisierten Materie dagegen 1,2040, bei den ge—
mischten 1,4 8/6.

II. Kaopitel.

Das Handwerk.

J. Die äußere Stellung des Haudwerks in der
Volkswirtschaft der Gegenwart.

Wenn wir die Antwort auf die Frage: in welchem Um—
fange sich das Handwerk in der Gegenwart erhalten hat,
welche Verschiebungen sich zu seinen Gunsten oder Ungunsten
vollzogen haben, welchen Anteil es in der gewerblichen Ge—
samtproduktion hat, ob dieser Anteil sich vergrößert oder ver⸗
ringert — ich sage, wenn wir die Antwort auf diese Fragen,
die uns im wesentlichen die Statistik liefern muß, dem Ma—
teriale der deutschen Berufs- und Gewerbezählungen zu
entnehmen suchen, so ist es nicht nur das naturgemäß re—
gere und lebhaftere Interesse, das wir an den Schichsalen
unserer heimischen Volkswirtschaft nehmen, was uns diese
Wahl treffen läßt, sondern es ist die Erkenntnis, daß kein
anderes Land der Welt über eine Gewerbestatistik verfügt,
die in so umfassendem Maße wie die deutsche imstande wäre,
Aufschluß über die Verteilung der Gewerbetreibenden auf
        <pb n="17" />
        14 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
die einzelnen Betriebsgrößen, nicht nur in der Gegenwart
(1895), sondern auch in vergangener Zeit (insbesondere
kommt hier das Jahr der vorletzten Berufs- und Gewerbe—
zählung — 1882 — in Betracht) zu geben und damit auch
die Entwicklungstendenzen, die das Wirtschaftsleben be—
herrschen, in gleich vollkommner Weise aufzudecken ver—
möchte.
Ich teile zunächst diejenigen Gesamtziffern mit, aus
denen sich ein Bild davon gewinnen läßt, wie sich die ein—
zelnen Betriebe bezw. die in den Betrieben beschäftigten
Personen in der Industrie auf die Betriebsgrößen im all—
gemeinen verteilen und welche Veränderungen sich von 1882
bis 1895 in dieser Verteilung vollzogen haben:

Tabelle J. Zahl der (Haupt-Betriebe.

— — 1*
davon mit . .. Personen

Jahr

1882
1895

Allein—

betrieb

1430465
1237319

39
23
⸗
53
8

89874
909628

618 5

7456892
752223

6—10

49211
77876

11 0

35 790
615838

51 200

7642
14726

201 über
bis
100011000

1716 128
2967 248

Tabelle I. Zahl der durchschnittlich beschäftigten
Personen.

davon in Betrieben mit ... Personen

Jahr

1882
1895

Allein⸗
betrieb

222
28
—A—
——
27
5
J
———

9
1237349 6763 154

bis 51

810

1880939 858457
19537761572482.

11 0

750671
1329567

51 200

201
bis
1000

über
1000

öß 644 8191 205 008
1362805 1114 2381 480 286
        <pb n="18" />
        Das Handwerk.

15

Tabelle III.

Verteilung der Gewerbebetriebe und des gewerb—
tätigen Personals auf die Betriebsgrößenklassen.

J. Von 100 Betrieben kommen auf die Größenklassen mit ... Personen

dis 5

850

51 und
mehr

iss2 88380944
e —

II. Von 100 Personen kommen auf die Größenklassen

bis 5

—0

51 und

mehr

1882
1895

——
899 230

26.3
36. 3

mite.

Personen

In einer folgenden Zusammenstellung gebe ich eine
Übersicht über einen Teil der Gewerbe und zwar denjenigen,
der als der eigentliche Sitz des alten Handwerks anzusehen
ist, um zu zeigen, daß gerade auch hier nicht unwesentliche
Verschiebungen sich ergeben. Die drei Zifferreihen, die ich
je für das Jahr 1882 und 1895 zusammenstelle, sind:
1. Die sämtlichen in diesem Gewerbe (also auch in
GBroßbetrieben) beschäftigten Personen.
2. und 3. Die in Betrieben mit weniger als 5 Hilfs⸗
personen, also in solchen Betrieben, die präsumtiv das
Handwerk repräsentieren, beschäftigten Personen. Der Anteil
der in diesen Kleinbetrieben gezählten Personen an der Ge—
samtzahl der in diesen Gewerben tätigen Personen gibt einen
Anhaltspunkt, um die Stellung des Handwerks in diesen
Gewerben zu beurteilen.
        <pb n="19" />
        16 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Knlturstaaten.

Tabelle IV.

Die wichtigsten Zweige des früheren Handwerks
im Jahre 1882 und 1895. MNach der Gewerbestatistik.)

Branche

Kupferschmiede
Klempner.
liebe
Schlosser.
Stellmacher
Uhrmacher
—A
Buchbinder.
Gerber .
Sattler ..
Tischler ..
Böttcher..
Korbmacher
Drechsser
Bäcker u. Konditoren
Fleischer.. ..
Schneider....
Kürschner. FV
Schuhmacher
Maurer ..
eeben
laser .
Maler.
Dachdecker.
Steinsetzer

Insgesamt
Im Durchschnitt von
fämtlichen Branchen

Insgesamt
GSelbstundige
und
Hilfspersonen)

1882

1895

9555
37 364
140155
6630
71666
26517
16639
4732
4694
54 034
231302
51 732
32447
micht bes.
gezahltz
176637
123 740
324 241
13 546
44 278
202 929
114 329
18417
7194
23837
1047
——

105
3650
—
id
Bose
ase
6
8373
86
83630
ñ
—*
ol⸗
—
261016
I
—
8844
——
38
868
—
8108
—*
289008

Allein
ohne Motoren
arbeitende
Selbständige

1882011895

142
7561
2 134
—
2617
8518
988
5616
3081
14611
z4
2778
16421
11915
26442
26668
1541571
414
—
28079
17 161
7656
15460
7457
—
671 005
203399

12160
31
228
77
23 16
v öñα
367
324
2016
——
—**
u
207
7006
19315
2MWoo
138 0
3608
160 34
———
Wäα
382
817*
77
i c
558

23.796

In andern Be—
trieben mit
1Person u. in
Betrieben mit2
bis 5 Personen

188211895

5497
260
idð do⸗
A öð
Aris
26
78
16428
—
18
8989
866
Bꝛo
18809
i32 282
o 1o
—
725
208 994
—
Noöco
—*
—
u
3417
—
53. 2

5106
31269
1200
Isꝛ
—E
13649
5991
157
10078
85114
o
203
—
12 148
188 732
1816
—
548
158 710
zs 5o
—8
11547
di 8
38
2064
IB82A
45. 79

Von besonderem Interesse ist aber die folgende Statistik,
weil sie einen Vergleich weiter auseinanderliegender Zeit—
räume (1834 und 1895) gestattet. Sie enthält trotzdem
recht wohl vergleichbare Zahlen.
        <pb n="20" />
        Das Handwerk.

17

Die Ziffern für 1834 sind der preußischen Gewerbe—
tabelle, diejenigen für 1895 der Gewerbestatistik entnommen.
Für das Jahr 18985 sind diejenigen Personen berücksichtigt
worden, die in Alleinbetrieben, sowie in Betrieben mit
2 bis 5 Personen tätig waren. Sowohl für 1834 wie
1895 sind Meister und Gehilfen zusammengezählt.
Das Gebiet, auf das sich die Angaben beziehen, ist das
Königreich Preußen des Jahres 1834. Für dieses Gebiet
habe ich dann die Gesamtbevölkerung ermittelt, sowohl im
Jahre 1834 als 1895, und für beide Jahre den prozen—
tualen Anteil der Handwerker an der Gesamtbevölkerung
berechnet.

Sombar? Gewerbewesen II.
        <pb n="21" />
        18 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
Tabelle V. Die Zahl der Handwerker im Königr.

Gewerbebezeichnungen 1834

Summe

1834

1895

Büäcker .. ——VVVVä—
Kuchenbüäcker, Pfefferküchler und Konditvoren
Ileischer oder Schläüchter
Schuhmacher, Pantoffelmacher, Altfliceree.
dandschuhmacher und Beutier ...
dürschner, Rauchwarenhändler und Zobelfärber
Piemer und Sattler..
Zeiler und n 5 2*
Gerber aller Art, Loh- od. Rohg., Weißg., Sämifchg., wie
auch Lederbereiter, Ledertauer, Korduaner u. Pergaͤmenter
S„chneider. . —V
Posamentiere.. . 23.
hutzmacher und Putzmacherinnen...
»utmacher, Hutstaffierer und Filzmacher ..
immerleute, worunt. auch Schiffs jimmerleute u. Röhrmstr.
tischler, Stuhlmacher, cene u. Möbelpolierer
Rade und Stellmacher..5 8
Böttcher und Kleinbinder..
Drechsler in Holz, Horn, Bein usp.. 7
dammmacher. .. .. —VDD—
Bürstenbinder.. z35
orbmacher.. ..... .
Maurer, Steinmetzen, Schiefer- und Ziegeldecker
Ttzpfer und Ofenfabrikanten.. ... VF
Slaser... .4
Zimmer⸗ und Schildermaler, Anstreicher, Vergolder und
Staffierer. 7— 7773
Brobschmiede oder Huf⸗ und Waffenschmiedbe
eee worunter auch Zirkel⸗, Zeug-⸗, Säge- Bohr- u.
desserschmiede, Büchsenschmiede Sporer us Feilenhauer
RBürtler, Schwertfeger, Metalltnopfmacher . . ..
Zupferschmiedee5 *5
Rot⸗, Gelb⸗ und Glockengießer F
zinngießer. 83—55 . wae!
lempner.... 3 P
Uhrmacher, Uhrgehäuse- und Zifferblattmacher
Bold⸗ und Silberärbeiter. .5.
Zteinschneider und Petschaftstecher.... J
Buchbtüder. .. * asth a
Seifensieder und Lichtzieher.. 25

31198
1536
22116
Oo5659
2285
2800
19201
5243

86904
6467
73228
67720
2817
5828
53696
4039

—
31784
1294
2034
2881
34616
16086
18579
7692
5451
915
558
3281
39716

4629
92957
1203
11958
3107
—X
82884
30667
12848
7505
438
3022
1992
852

3284
4481

8891
5837

2685
6285

31002
35121

28899
2375
28348
888
820
3219
2797
2638

5985
586
3221
1067
271
6526
10515
2998
1528
8829
1175

710
2051
1718

Zesamtzahl der Handwerker... .
Zesamtbeöölkerungg... ——67
Auf 1000 Einwohner kamen Handwerker

57892
807990
11

sohso
26324 138
87

Das Handwerk.
Preußen alten Bestandes 1834 und 18985.

29

Es penee von
1834 bis 1895
zugenom.
abgenom. —

Gewerbebezeichnungen 1893

3 65711
4931
—31107
62061
532
3028
43495
1204

Bäckerei qeg in Verbindung mit Konditorei)
donditorei, ier Lebküchler Eebzelter)
e usschl. d. gemeindlich. u. Junungsschlachthäuser)
ʒchuhmacherei
handschuhmacher (auch wenn zugleich Krawattenmacher)
dürschnerei
Rienmer und Sattler (auch wenn zugleich Tapezierer)
Seilerei, Reepschlägerei
Zerberei, Verfertigung von lackiertem und gefärbtem Leder
Zchneideret
Losamentenfabrikation
uhmacherei
ufmacherei, Verfertigung von Filzwaren
zimmerer
ischleret und Parkettfabrikation
Stellmacher, Wagner, Radmacher
aee
drechflerei
dammmacher
Bürstenmacher, Verfertigung von Pinseln, Federposen
Zorbmacher und Korbflechter
Steinmeten, Steinhauer, Verfertigung von groben Steinwaren,
Maurer, Ziegel- und Schieferdecker
opserei, Verf. v. gew. Tonwaren, Ofensetzer, a. w. zugl. Töpfer
Blaser

*
t
4
—
4

5229
11178
81
9924
226
18931
13788
11038
4844
2054
477
8711
1194

398
1366

288367
13836

Stubenmaler. Staffierer, Anstreicher, Tüncher, Stubenbohner
Brob⸗ Guf⸗-) Schmiede
Schlosserei einschl. Verf. v. feuerfesten Geldschränken, Zeug-,
— en⸗ u. Messerschmiede, Feilenhauer, Büchsenmacher
Bürtler, Bronzeure, Reugold- u. Neusilberarb., Metallknopfm.
ernee
Rot- und Gelbgießer, Erz⸗ und Glockengießer
zinngießer
elempner
Jeitmeßinstrumente (Uhrmacher)
Berf. von Gold-, Silber- u. Bijouteriewaren, Gold- u. Silber⸗
schlägerei, Gold- und Silberdrahtzieherei
Zraveure, Steinschneider, Ziseleure, Modelleure
Buchbinderei
Talg- und Seifensiederei, Talgkerzenfabrikation, Stearin- und
Wachskerzensabritkation

2

7088
1789
873
184
549
13316
7718
360

818
6778
543

AMX
        <pb n="22" />
        20 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

Endlich will ich noch die Ziffern mitteilen, in denen der
Anteil der selbständigen Handwerker an der Gesamt—
bevölkerung zum Ausdruck kommt.
Nach den Berechnungen, die Paul Voigt auf Grund der
im Jahre 1895 veranstalteten Reichsenquete gemacht hat,
entfielen im Jahre 1895 auf 100 Einwohner 2.67 selbst⸗
ständige Handwerker in Deutschland. Thilo Hampke be—
rechnet auf Grund des vom 3. deutschen Handwerks- und
Gewerbekammertages, der vom 25. bis 27. September 1902
in Leipzig stattfand, zusammengetragenen Materials diesen
Anteil auf 1.900/6. Es würde also in den letzten Jahren
abermals eine starke prozentuale Verminderung der Hand—
werksmeister stattgefunden haben.
Was lehren uns nun diese Ziffern? Wenn wir einmal
annehmen, daß alle Betriebe, die weniger als fünf Hilfs—
personen beschäftigen, zum Handwerk gehören, so würde
ein Blick auf unsere Tabellen lehren, daß das Handwerk
während der letzten Menschenalter immerhin noch an Um—
fang zugenommen habe. Freilich ist die Zahl seiner An—
gehörigen höchstens im gleichen Verhältnis wie die Gesamt—
bevölkerung gewachsen oder aber sie ist wie beispielsweise
die Vergleichung der preußischen Ziffern von 1834 —1895
lehrt, hinter der Gesamtbevölkerung zurückgeblieben. Daraus
folgt schon, wenn wir uns des im vorigen Kapitel Aus—
geführten erinnern, daß das Handwerk längst nicht in gleichem
Verhältnis wie die gewerbliche Arbeit überhaupt gewachsen
ist, denn diese hat sich, wie wir sahen, viel rascher als die
Gesamtbevölkerung vermehrt. Es würde also schon aus den
Ziffern der Statistik mit hinreichender Deutlichkeit hervor—
gehen, daß das Handwerk in der Gegenwart die Tendenz
hat, gegenüber dem gewerblichen Kapitalismus, denn er ist
es, auf den die rasche Zunahme der gewerblichen Produktion
im übrigen entfällt, an Umfang zurückzuweichen.
        <pb n="23" />
        Das Handwerk. 21

Nun muß aber sehr ernstlich in Betracht gezogen werden,
daß es nicht zulässig ist, ohne weiteres die von der Statistik
ermittelten Kleinbetriebe mit Handwerksbetrieben zu identi⸗—
fizieren. Es ist vielmehr jedem Kenner der gewerblichen
Verhältnisse bekannt, daß sich eine sehr große Anzahl von
gewerblichen Kleinbetrieben nicht mehr in einer handwerks—
mäßigen Verfassung befindet, sondern in Abhängigkeit vom
Kapitale lebt. Ich denke nicht einmal an diejenigen Fälle,
in denen der Handwerker zwar äußerlich poch selbständig
auftritt, in Wirklichkeit aber schon in eine Art von Kapital—
hörigkeit geraten ist, dadurch, daß ihm etwa seine Arbeits—
stätte, seine Rohstoffe oder seine Werkzeuge auf Kredit zur
Verfügung gestellt werden, wie wir es häufig in der Bäckerei
finden, wo die sogenannten Bäckermeister oft nichts anderes
als die Puppen sind, die von den Mehlhändlern oder den
Häuserbesitzern in den Laden gesetzt werden. Ich denke
auch nicht an viele kleine Bauhandwerker, die sich überall
dort in einer gedrückten Lage befinden, darf man sagen, wo
sie, statt wie früher mit einem privaten Bauherrn, mit einem
kapitalistischen Unternehmer ihre Verträge abschließen. Es
genügt, sich derjenigen Existenzen zu erinnern, die bereits in
einer direkten Abhängigkeit vom kapitalistischen Unternehmer
sich befinden, die also im Grunde nichts anderes sind, als
Lohnarbeiter, obwohl sie ihre Arbeit noch in ihren eigenen
Häusern oder Werkstätten verrichten. Es unterliegt keinem
Zweifel, daß in der Gewerbestatistik ein sehr großer Teil
der in der Möbeltischlerei, in der Schuhmacherei, in der
Schneiderei gezählten Kleinbetriebe in Wirklichkeit nichts
anderes sind als hausindustrielle Betriebe.
Aber auch wenn man für diese, ihrem inneren Wesen
nach nicht mehr handwerksmäßigen Existenzen den ent—
sprechenden Abschlag von den Ziffern der Gewerbestatistik
machte, so wäre davor zu warnen, aus der Summe der übrig—
        <pb n="24" />
        22 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

bleibenden Handwerksbetriebe und ihrem ziffermäßigen Ver—
hältnis in den letzten Zählungsjahren schon ohne weiteres
einen Schluß auf die Erhaltung der handwerksmäßigen
Produktion zu machen. Es muß nämlich noch des weiteren
in Betracht gezogen werden, daß die Ziffern der Statistik
nichts darüber aussagen, ob und in welchem Umfange die
als Handwerker gezählten Personen ihrer produktiven Tätig⸗
keit obliegen. Ich werde im folgenden noch zeigen, in welch
weitem Umfange heute die Handwerker irgend welchen Neben⸗
beschäftigungen obliegen, so daß sie also nur zum Teil noch
Handwerker sind, und es ist eine bekannte Tatsache, die durch
ein umfassendes Material belegt werden kann, daß auch
innerhalb der eigentlichen Produktionstätigkeit des Hand—
werkers die Produktionsmenge, die er bewältigt, häufig nicht
mehr die gleiche ist, wie früher.
Endlich aber muß, wenin man die Frage nach der Be⸗—
deutung der handwerksmäßigen Organisation in dem Wirt⸗
schaftsleben der Gegenwart richtig beantworten will, noch
in Rücksicht gezogen werden, daß der Handwerksbetrieb
selber, wie ich ebenfalls noch im folgenden angeben werde,
wesentlichen Wandlungen unterzogen worden ist. Will man
—
deutung des Handwerks in der Gegenwart und sein ziffern⸗
mäßiges Verhältnis zu seinem Todfeinde, dem gewerblichen
Kapitalismus bilden, so wird man vielleicht sagen dürfen,
daß während der letzten 50 Jahre der Bestand des Hand—
werks sich absolut annähernd gleich geblieben ist, während
in dieser Zeit der Umfang der gewerblichen Produktion ab⸗
solut etwa sich verdreifacht hat. Stand also vor 50 Jahren
noch nicht ein Lohnarbeiter neben einem Handwerker, so
finden wir heute drei Repräsentanten des gewerblichen
Kapitalismus neben einem Handwerker. Angesichts der
Wandlungen, die die handwerksmäßige Tätigkeit erfahren
        <pb n="25" />
        Das Handwerk.

23

hat, wird das Verhältnis der im Handwerk erzeugten Waren
zu der Menge der in der Sphäre des gewerblichen Kapitalis—
mus hergestellten Waren voraussichtlich noch ein für das
Handwerk ungünstigeres sein, als die Ziffern des Handwerker—
tums selber ausdrücken.

II. Die Umbildung des Handwerks.

Ich habe im vorstehenden bereits darauf hingewiesen,
daß auch dort, wo sich handwerksmäßige Existenzen erhalten
haben, diese in ihrer Lebensführung und Arbeitsweise
wesentliche Veränderungen haben vornehmen müssen, um
sich gegen den Ansturm kapitalistischen Wesens zu erhalten.
Fragen wir zunächst, was der einzelne Handwerker, dem
durch die Konkurrenz der neuen Produktionsweise sein Ab—
satzgebiet eingeschränkt wurde, für Maßregeln ergriffen hat,
um den ihm erwachsenden Ausfall in seinen Einnahmen zu
decken.

Da finden wir als eines der beliebtesten Auskunfts—
mittel in zahlreichen Handwerken, daß der Handwerker sich
bemüht, aus einem mit seinem Produktionsbetrieb verbunde—
nen Ladengeschäft Einnahmen zu ziehen. Er versucht
als Händler mit fertig bezogenen Waren zu verdienen, was
ihm als Produzenten entgeht. Die Berufszweige, in denen
sich die Handwerker solcherart in das Ladengeschäft flüchten,
sind vornehmlich folgende: Buchbinder, Bürstenmacher,
Drechsser, Glaser, Hutmacher, Kammacher, Klempner,
Kürschner, Sattler, Schuhmacher, Töpfer, Uhrmacher. Wenn
wir beim Durchwandern der Straßen, namentlich unserer
mittleren und größeren Städte noch so häufig auf Firmen—
schilder stoßen, auf denen sich ein „Handwerksmeister“:
ein Drechsler, Klempner, Sattler, Schuhmacher oder dgl. uns
empfiehlt, so dürfen wir nicht vergessen, daß häufig noch
        <pb n="26" />
        24. Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

nicht ein Stück von den in seinem Laden feilgebotenen Er—
zeugnissen von ihm selber verfertigt ist, daß er vielmehr wie
jeder andere Detailhändler nur den Umsatz der Waren ver—
mittelt, die in kapitalistischen Unternehmungen hergestellt
worden sind. Einen anderen Ausweg, seine Einnahmen
zu ergänzen, sieht mancher Handwerker in dem, was wir
Berufsvereinigung nennen, d. h. im Übergriff in andere
gewerbliche Berufszweige. Wie im Laufe der Entwicklung
sich ein Handwerk nach dem andern verselbständigt hatte,
in dem Maße, wie sich der Kreis seiner Tätigkeit erweilerte,
so fallen die alten Einzelhandwerke wieder zu größeren
Gruppen zusammen, in dem Maße, wie sich ihr Produktions—
feld verengert. Ich erinnere hier nur an folgende, beson—
ders häufig wiederkehrende Fälle: Der Schlosser sucht die
Schmiedearbeiten, der Schmied die Schlosserarbeiten an sich
zu ziehen, die Zimmereibetriebe verrichten die Bautischler—
arbeiten; die Tischler setzen die Fensterscheiben ein; die
Bäcker treiben nebenher Konditorei und Pfefferküchlerei;
Sattler- und Tapezierarbeiten werden vereinigt, auch wohl
Stellmacherei und Schmiedearbeit zum Wagenbau.
Vermag nun der Handwerker nicht durch solcherart
Mehrbeschäftigung auf seinem spezifischen Arbeitsgebiet seinen
Unterhalt sich zu verschaffen, so richtet sich sein Streben dar—
auf, irgend welchen, wie auch immer gearteten Nebener—
werb zu bekommen. Diese Tendenz nach beliebiger Neben—
beschäftigung ist eine in neuerer Zeit allgemeine unter den
Handwerkern, und es ist ergötzlich zu sehen, zu welch selt—
samen Berufskombinationen dieses Streben dann häufig
führt. Wir finden die Handwerker im Nebenberuf als Kolpor—
teure, als Agenten, als Pensionshalter und Zimmerver—
mieter, als Karussellbesitzer, als Lohnkellner, als Leichenträger,
als Posthilfsboten, als Vereinsdiener, als Zeitungsträger,
Ausläufer. Laternenanzünder, Kirchendiener, Küster Schul—
        <pb n="27" />
        Das Handwexrk.

25

pedellen, Nachtwächter, Totengräber usw. Besonders häufig
auch, namentlich in größeren Städten, als Hausmeister
Portier).
Eine besondere Erwähnung verdient die Verbindung
des Handwerksbetriebes mit der Landwirtschaft, die
ebenfalls in weitem Umfang besteht. Hier handelt es sich
jedoch nicht um eine Neubildung, sondern um Reste eines
uralten Verhältnisses, das aber heute sehr wohl dazu dienen
kann, die Stöße, die das Handwerk erfährt, für den Hand—
werker selbst abzuschwächen.
Ich habe aber schon darauf hingewiesen, daß auch in
der Tätigkeit des Handwerkers selber, in der Art
und Weise, wie er seinen Beruf ausübt, sich wesentliche
AÄnderungen vollzogen haben. Die wichtigste Tatsache,
die hier zu konstatieren ist, ist wohl die, daß die meisten
Handwerksbetriebe sich heute nicht mehr mit der Herstellung
fertiger Erzeugnisse, sondern entweder mit deren Anbrin—
gung wie z. B. im Baugewerbe oder mit deren Reparatur
beschäftigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die große
Mehrzahl der noch wirklich handwerksmäßig tätigen Schuster,
Schneider, Klempner usw. heute zum überwiegenden Teil
keine neue Arbeit, sondern Flickarbeit ausführen.
Aber es hat auch nicht an Versuchen gefehlt, die hand⸗
werksmäßige Produktion selber auf eine neue Basis dadurch
zu stellen, daß man sie den Anforderungen der Zeit besser
anzupassen bestrebt war. Als man sah, daß der kleine,
handwerksmäßige Produzent gegenüber dem großen Fabri—
kanten mehr und mehr zurückweichen mußte, kam man auf
die Idee, das Handwerk dadurch zu retten, daß man ihm
in entscheidenden Punkten die Vorteile des sogenannten
Großbetriebes zuteil werden ließ. Man glaubte dies da—
durch zu erreichen, daß man die einzelnen Handwerks—
meister zu gemeinsamer Aktion in genossenschaftlichen
        <pb n="28" />
        26 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
Verbänden veranlaßte. Aus diesem Ideenkreis heraus
sind insbesondere in Deutschland (andere Länder kommen
dabei nur in geringem Umfang in Betracht) die Bestre—
bungen zur Gründung von Handwerkergenossenschaften ver—
schiedenen Inhalts hervorgegangen.
Die Anfänge der Genossenschaftsbewegung
—DD0
Genossenschaften, die von Handwerkern ins Leben gerufen
wurden, waren die Tischlermagazin-Genossenschaften,
sogenannte Gewerbehallen, von denen die frühesten 1841
in Mainz, 1843 in Mannheim, 1845 in Worms und Köln,
1846 in Wiesbaden und Frankfurt am Main gegründet
sind. Sie hatten den Zweck, die Erzeugnisse der Hand—
werker in gemeinsamen größeren und eleganteren Ver—
kaufsstellen feilzubieten und dadurch ihre Absatzfähigkeit zu
erhöhen. Zu diesen Magazin-Genossenschaften treten später
Rohstoffvereine, von denen die ersten für Schuhmacher
und Tischler von Schultze in Delitzsch in den Jahren
1849-50 begründet wurden. Die dritte Kategorie von
Handwerkergenossenschaften, soweit sie die Organisation des
Produktionsabsatzes betreffen, sind die Werkgenossen—
schaften, die den Zweck haben, größere Arbeitsmittel
mehreren Handwerkern zur Verfügung zu stellen. Die
Statistik ebenso wie die Schicksale, die die einzelnen Hand—
werker⸗Betriebsgenossenschaften im Laufe des letzten halben
Jahrhunderts erfahren haben, erbringen den bündigen Be—
weis, deß die Idee der Handwerker-Genossenschaften in
dem eben bezeichneten Sinne auf falschen Voraussetzungen
aufgebaut und somit lebensunfähig ist. Die Entwickelung
der genannten Genossenschaften ergibt sich aus folgenden
Ziffern, denen angesichts ihrer Winzigkeit keine weiteren
Bemerkungen hinzuzufügen sind.
        <pb n="29" />
        Das Handwerk.

27

Tabelle VI. Gewerbliche Rohstoffgenossenschaften.

Jahr

1859
1870
1900
1902
923

8
43

5 2682
— 3
ge5 8338163
8 5 325 82
252 1 ;FX
——55 3235* 38*
5233 333 8*
35535 3831
7588 388 5
3

152
145
216
953—

z
15

764
738
618
582

Verkaufs
erlözs

Mf

27628
1041357
736570
740361

Geschäfs⸗
guthaben der
Mitglieder

Mr—

82 043
265 801
313 242
291352

23
—EV
537
38*
3
2
Mk.

69 009
329573
162 059
140510

Tabelle VII. Gewerbliche Magazingenossenschaften.

Jahr

868
1880
1900
1902
7

2*
353*
55
33 2
333
533
2255

2
8

12
54
79
94
22

3 aufs⸗
33 33 Berba f⸗
3838 25 erlös
8 —8
235

Mf.

181
170
168
138

2012783
208770
212938
157301

Geschäfts⸗
guthaben der
Mitglieder

Mk—

13455
20686
83674
67888

2
5*
5337
—2
83
——JI
3235
3
*
VMf.

67131
167404
272557
307347

Von den 16 berichtenden Rohstoffgenossenschaften ent⸗
fielen (1900) 14 auf Schuhmacher, 1 auf Schneider, 1 auf
Stellmacher. Die Magazingenossenschaften bezwecken in
ihrer großen Mehrzahl den gemeinsamen Möbelverkauf.
Außerdem bestanden 1903 noch 91 gewerbliche Werk—
genossenschaften. Von den 1903 neu errichteten Werk—
genossenschaften sind 2 Schlächterei-, 5 Elektrizitäts-,
5 Schreiner⸗2 Mahl- und Schneidemühlengenossenschaften.
        <pb n="30" />
        28 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
1 Schneider-, 1 Büchsenmacher- und 1 Bandwirker—
genossenschaft.
Die gewerblichen Produktivgenossenschaften, von
denen nach den Angaben des Jahrbuchs (1903) 323 be—
stehen — 11 berichtende mit 763 Mitgliedern hatten einen
Verkaufserlös von 1035009 Mark — scheinen in ihrer
überwiegenden Mehrzahl nicht den Kreisen der Handwerker
anzugehören: von den 11 berichtenden gewerblichen Pro⸗
duktivgenossenschaften waren 3 Buchdruckereien, 2 im Brau—
gewerbe, 2 Branntweinbrennereien und je 1 im Bergbau
(die Mitglieder des Braunsteinhandelsvereins in Gera bei
Elgersburg liefern ihren selbst geförderten Braunstein zur Auf⸗
bereitung im eigenen Pochwerk und zur weiteren Verwertung
an den von ihnen errichteten, Braunsteinhandelsverein“), im
Tuchmacher⸗, Schuhmacher- und Ziegelfabrikationsgewerbe.
Will der Leser die Gründe kennen lernen, weshalb
die Idee der Handwerker-Betriebsgenossenschaften scheitern
mußte, so bitte ich ihn, das 35. Kapitel im 2. Bande meines
„Kapitalismus“ nachzulesen.
Etwas anders muß das Urteil über die letzte Kategorie
der Genossenschaften lauten, die häufig auch unter der
Kategorie der Handwerkergenossenschaften inbegriffen werden,
die Kreditgenossenschaften. Zunächst ist es je—
doch falsch, diese Organisationen, welche den Zweck
haben, kleinere wirtschaftliche Existenzen, denen die großen
Banken nicht zur Verfügung stehen, durch genossenschaft⸗
lichen Zusammenschluß in den Stand zu setzen, sich an
dem modernen Kreditverkehr zu beteiligen, lediglich oder
auch nur vorwiegend als dem Handwerk dienende Ein—
richtung zu betrachten. Die genossenschaftliche Kreditorga—
nisation kommt nämlich im wachsenden Umfange anderen
Kreisen der Bevölkerung, namentlich den bäuerlichen Kreisen,
zugute. Ist doch der Anteil der Handwerker an dem Mit—
        <pb n="31" />
        Das Handwerk.

29

gliederbestande der Schulze-Delitzschschen Kreditvereine, d. h.
derjenigen, welche für den gewerblichen Produzenten von
allen genossenschaftlichen Kreditorganisationen wohl am
ehesten geeignet sind, in den letzten 80 Jahren von fast
2/ auf /, zurückgegangen.
Sodann ist aber in Rücksicht zu ziehen, daß die Vor—
teile des genossenschaftlichen Kredits, soweit die Hand—
werke. sich seiner bedienen, so gut wie ausschließlich nur
den größeren Handwerkern zugute kommen. Was die ge—
nossenschaftliche Kreditgewährung also zu bewirken vermag,
ist nicht eine Rettung des Handwerks, sondern die Be—
schleunigung eines Ausleseprozesses, demzufolge sich
aus den Reihen des alten Handwerks einige kräftige
Existenzen zu demjenigen Typus des gewerblichen Pro—
duzenten entwickeln, den ich als kleinkapitalistischen
Unternehmer vezeichne. Die Erfahrung hat gelehrt, daß
in einer ganzen Reihe von Branchen Personen mit einem
Kapital von 20 — 30000 Mark, die ein überdurchschnitt—
liches Maß von Energie und insbesondere auch kauf—
männische Fähigkeiten besitzen, sehr wohl imstande sind,
auch in der Gegenwart ihr gutes Auskommen zu finden.
Sie können mit diesem kleinen Kapital zunächst ihren
Betrieb soweit vergrößern, sagen wir die Hilfsarbeiterzahl
auf 10 bis 15 oder 20 Personen erhöhen, daß sie die
Vorzüge des gesellschaftlichen Betriebes, Arbeitsspezialisation,
Materialvereinigung usw. wenigstens im kleinen zu genießen
vermögen, daß sie ferner aber auch die technische Ein—
richtung ihres Betriebes in einer den modernen Anforde—
rungen entsprechenden Weise treffen könuen. Ein solcher
gewerblicher Betrieb mit 10 — 15 Hilfspersonen kann sich
die allernotwendigsten Arbeitsmaschinen anschaffen und wird
durch die moderne Entwickelung der Kleinmotoren, die durch
Gas, Benzin oder Elektrizität betriceben werden, in die
        <pb n="32" />
        30 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
Lage versetzt, diese Arbeitsmaschinerie auch durch mecha⸗
nische Kräfte antreiben zu lassen.
Damit ist auch die Bedeutung gekennzeichnet, die der
Idee zukommt, das Handwerk soll durch den Kleinmotor
gerettet werden. Als zuerst die Technik die kleinen Kraft—
erzeuger geschaffen hatte, entfaltete sich, namentlich in
Technikerkreisen, ein wahrer Enthusiasmus und es knüpften
sich die kühnsten Hoffnungen für das Handwerk an diese
technische Neuerung. Man schloß sehr voreilig, daß das
Handwerk deswegen zu Grunde gegangen sei, weil es sich
der Dampfkraft nicht bedienen konnte, und meinte nun,
wenn man ihm eine gleichwertige Kraft in kleinsten Mengen
zur Verfügung stellte, könne an seiner Erhaltung uͤnd
Wiederbelebung nicht gezweifelt werden. Ich habe im
33. Kapitel des 2. Bandes meines „Kapitalismus“ aus—
führlich die Irrtümlichkeit dieses Raisonnements nach⸗
gewiesen. Hier muß es genügen, festzustellen, daß tat⸗
sächlich die Entwickelung der Motoren für das Handwerk
nur insoweit von Bedeutung ist, als sich dieses zu einer
Betriebsgröße entwickelt, die den Rahmen des normalen
Handwerksbetriebes weit überschreitet und daß auch in
diesem Falle ein Prosperieren nur unter der Voraussetzung
möglich erscheint, daß sich der Betriebsleiter gleichzeitig zu
einem kleinkapitalistischen Unternehmer seinen Strebungen
und seiner Qualifikation gemäf, umwandelt.
Will man diese kleinkapitalistischen Unternehmer dem
Handwerk zurechnen, nur um sich mit dem Bewußtsein zu
trösten, daß dieses wenigstens für einzelne seiner Glieder
auch in Zukunft seinen goldenen Boden nicht zu verlieren
braucht, so steht natürlich für niemand ein Hindernis im
Wege, sich diesen harmlosen Spaß zu machen. Eine tiefere
Betrachtung jedoch wird zu der Einsicht gedrängt, daß das
Handwerk nur denn sich als lebensfähig erweift, abgesehen
        <pb n="33" />
        Das Handwerk.

31

natürlich immer von seiner Tätigkeit als Flickgewerbe oder
Reparaturgewerbe, als es die spezifische Eigenart der kapita—
listischen Organisation in sich aufnimmt.
Daß in der Tat auch in der neueren Zeit sich jene
kleinkapitalistischen Unternehmungen zu erhalten und nicht
unbeträchtlich zu vermehren vermocht haben, lehrt ein Blick
auf die Ziffern der Statistik. Wir müssen hier unter den
sogenannten Mittelbetrieben, d. h. den Betrieben mit 6510
bezw. 11 — 20 Personen, Umschau halten und ersehen dann,
daß die Zahl der Betriebe, in denen 6— 10 Personen tätig
sind, von 1882 — 1895 um 65,10/0 (von 68763 auf
113549), diejenigen der Betriebe mit 11-50 darin be—
schäftigten Personen sogar um 76,90/ (von 43952 auf
77752), beide Gruppen von Betrieben in den dreizehn
Jahren also um 69,70/, angewachsen sind. Während die
in ihnen beschäftigten Personen um 66,6, 81,8, 76,800
sich vermehrt haben und zwar in den Betrieben mit 6 bis
10 Personen von 500097 auf 833418, in den größeren
von 891623 auf 1620915 Personen. Nun steckt zwar
in der kleineren der beiden Betriebsgrößen sicher noch eine
Menge echtes Handwerk, in der größeren schon echte Groß⸗
industrie, aber ebenso sicher befindet sich der größte Teil
dieser „Mittelbetriebe“ in den Händen kleinkapitalistischer
Unternehmer. Leider sind erst 1895 die Betriebe mit 11
bis 20 Personen gesondert gezählt, so daß sie mit früheren
Jahren nicht verglichen werden können. Es mag aber
erwähnt werden, daß es im Jahre 1895 in der Sphäre
der gewerblichen Produktion 35774 solcher Betriebe mit
516707 darin beschäftigten Personen gab.
Die Branchen, in denen sich am ehesten derartige klein—
kapitalistische Unternehmungen zu entwickeln Aussicht haben,
sind die Feinbäckerei, die Fleischerei, die Maßschneiderei, die
Bauschlosserei, die Buchbindereiund einige Zweige derTischlerei.
        <pb n="34" />
        32 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

LI. Kapitel.
Die Industrie.

J. Die Umschichtung der Bevölkerung.
Das erste, was der Kapitalismus in der Verfolgung
seiner Zwecke vornimmt, ist eine Umschichtung der Bevolke—
rung. In der früheren Zeit war ein charakteristischer Zug
die Verbreitung der gewerblichen Tätigkeit, auch dort, wo
sie schon in kapitalistischer Organisation vorgenominen wurde,
über das ganze Land hin. Diese Verstreuung hatte ihren
Grund zum ersten in der eigentümlichen Technik vieler In—
dustrien, namentlich auch der Eisenindustrie, die einen starken
Bedarf an Holz hatten (GGolzkohlehochöfen! Frischfeuer!
Pottasche!) und sich deshalb gern in waldreichen Gegenden
ansiedelten, die aber als treibender Kraft sich ausschließlich
des Wassers (oder des Windes) bedienten und darum den
kleinen Wasserläufen (oder den Hügelketten) entlang ihre
Arbeitsstätten aufschlugen. Zum andern in der unvollkom—
menen Betriebsorganisation, die großenteils noch die Haus—
industrie war (bei der die Arbeuer daheim in ihren Woh—
nungen beschäftigt werden) und dies sein konnte dank der
unentwickelten Technik, die den handwerksmäßigen Arbeits—
prozeß noch unberührt gelassen hatte. Dies gilt namentlich
von Spinnerei und Weberei.
Nun drang die moderne Technik, deren Etappen wir
kennen, als willkommener Bundesgenosse den kapitalistischen
Interessen zur Seite vor, und ihre Anwendung heischte jene
Umschichtung der Bevölkerung, von der ich sprach, uͤnd die
in einer Zusammenballung der Arbeitskräfte ihren bezeich⸗
nenden Ausdruck findet. Zusammengeballt werden diese in
bestimmten Gegenden des Landes, zusammengeballt in den
Arbeitsstätten der Unternehmer. Jenes ist eine Folge vor—
        <pb n="35" />
        33
nehmlich des Übergangs der Eisenindustrie zum Kokesver⸗
fahren sowie der zunehmenden Bedeutung der Steinkohlen
als Heizmaterial (Dampftechnik). Dadurch wird eine Grup⸗
pierung der ehemals über alle waldreichen Gegenden hin
zerstreuten Arbeitermassen um die Kohlen- und Eifenerzfelder
bewirkt. Wir können diesen Prozeß ziffernmäßig wenig⸗
stens insoweit verfolgen, als wir das wachsende Übergewicht
der Eisenindustrie in den kohle- und erzreichen Provinzen
Schlesien, Westfalen, Rheinlande über diejenige der andern
preußischen Provinzen nachzuweisen vermögen. Noch um die
Mitte des Jahrhunderts (im Durchschnitt der Jahre 1848
bis 1857) betrug der Anteil der in den genannten Pro⸗
vinzen in der Eisenindustrie (ausschließlich Erzbergbau) be—
schäftigten Arbeiter erst etwas mehr als zwei Drittel (69 0/0)
von der im ganzen Königreich tätigen Eisenindustriearbeiter—
schaft, heute ist es fast die gesamte Arbeiterschaft (1895
95 0).

Die Industrie.

II. Die Hausindustrie.
Wir hatten gesehen, daß der moderne gewerbliche Kapita—
lismus sich mit Vorliebe in der Form der hausindustriellen
Organisation in Europa eingeführt hat. Fragen wir, was
aus diesen primitiven Hausindustrien, unter denen,
wie schon erwähnt, die Textilindustrie hervorragt, im Laufe
der Zeit geworden ist, bezw. was für eine Tendenz der
Entwicklung sie beherrscht, soweit sie noch bestehen, so unter—
liegt es keinem Zweifel, daß sie eine dem Untergang ge—⸗
weihte Betriebsform sind. Der Vernichtungskampf, den der
geschlossene Großbetrieb gegen sie führt, hat in England
schon während des 18. Jahrhunderts und in den ersten
Jahrzehnten des 19. Jahrhundert im wesentlichen zur Be—
eitigung der alten ländlichen Hausindustrie geführt. Auf
dem Kontinent fällt der Auflösungsprozeß dieser Hausin—
Sombart. Gewerbewesen 11. 2*
        <pb n="36" />
        34. Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
dustrien in das 19. Jahrhundert, während dessen Verlauf
er aber ebenfalls in der überwiegenden Mehrzahl aller
Industrien auch hier zu Ende gelangt ist.
Wenn wir speziell wieder einen Blick auf Deutschland
werfen, so finden wir hier bis in die Mitte des 19. Jahr—
hunderts die alte Hausindustrie, namentlich also die haus—
industrielle Spinnerei und Weberei, als vorherrschende Be—
triebsfforn. Im Jahre 1810 kam die erste Flachsspinn⸗—
maschine nach Deutschland, aber im Jahre 1837 gab es erst
fünf mechanische Spinnereien mit zusammen 10000 Spin-—
deln, 1846 war ihre Zahl auf 14, diejenige der Spindeln
auf 45000 gestiegen. Anfang der 1850er Jahre wurde die
Spindelzahl auf 65000 angesetzt. Für die gleiche Zeit
muß man die von hausindustriell beschäftigten Handspinnern
in Tätigkeit gesetzten Spindeln auf etwa einundeinhalb
Millionen veranschlagen. Ahnlich lag es mit der Woll—⸗
spinnerei, während die Baumwollspinnerei schon viel früher
zum fabrikmäßigen Betrieb übergegangen war. Dagegen
müssen wir uns die Weberei in allen ihren Branchen bis
in die Mitte des 19. Jahrhunderts überwiegend als Haus—
industrie organisiert denken. Die Wollweberei Preußens
beschäftigt noch im Jahre 18946 — 29700 Stühle in den
Wohnungen der Arbeiter; dagegen 14000 in geschlossenen
Etablissements; in der Baumwoll- und Halbwollweberei
laufen 71000 von insgesamt 139000 Stühlen in den Be—
hausungen der Arbeiter.
Noch 1855 gab es im Königreich Preußen für leinene
Zeuge erst 204 „Fabriken“ mit 3000 Stühlen, daneben
jedoch noch 46000 gewerbsweise gehende, d. h. hausindu—
strielle Stühle. Am längsten hat sich in der hausindustriellen
Betriebsform die Seidenweberei erhalten, die erst während
der letzten Jahrzehnte in die Form des Großbetriebes über—⸗
geführt wird. Heute, wie gesagt, darf man im wesentlichen
        <pb n="37" />
        Die Industrie.

35

schon die Hausindustrieepisode für alle diese älteren Judustrie—
zweige als abgeschlossen betrachten. Was noch an Haus—
iudustrie in diesen Zweigen besteht, stellt doch nur noch ein
Überbleibsel dar. Das Leben ist längst aus diesen Zurück—
gebliebenen gewichen, es sind verlorene Posten; für die
Industrie als Ganzes fallen sie nicht mehr ins Gewicht.
Sie existieren nicht mehr, weil die Unternehmer Wert auf
ihre Erhaltung legen, sondern weil sie wegen höheren Alters,
kleinem Besitztum oder dergleichen, also aus persönlichen
Gründen, den UÜbergang in die Fabrik nicht mehr zu voll—⸗
ziehen vermögen. Sie sind daher zum langen Hungertode
vom Kapitalismus, der sie nicht mehr braucht, verurteilt.
Wir beobachten deshalb auch, daß sie in der Statistik
langsam an Zahl sich verringern. Zum Belege teile ich im
folgenden eine Übersicht über die wichtigsten älteren
Zausindustrien des Deutschen Reiches mit, wie sie
bon den Zählungen 1882 und 1895 erfaßt sind.

Tabelle vII.

Von 1882 bis 1890
haben abgenommen

GBewerbeaorten

Zeugschmiede, Scherenschlei—
fer, Feilenhauer—
Seiden- u. Shoddyspinuerei
Baumwollspinnerei. ..
Seidenweberein. —W
Leinenweberei.. ..
Baumwollenweberei

Betriebe
um

Personen⸗
zahl um

4044
—2
3615
31 381
11667
19 oso
57 620 18 748

2 006
2037
4067
20 000
10 660
18859
        <pb n="38" />
        36 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
Tabelle VIII (Fortfetzung).

Von 1882 bis 1890
haben abgenommen

Gewerbearten

Ubertrag
Weberei von gemischten
Waren...
Stickerei und Wirkerei
Häkelei und Stickerei.
Posamentenfabrikation .
Sirohhutfabrikation und
Flechterei von Stroh ..
Näherinnen (auch in der
Puppenausstattung) ..
handschuhmacherei, Krawat⸗
teufabrikation

Betriebe
um

Personen⸗
zahl um

57629

78 748

5 811
7026
1251
73

4895
12768
549
2098

4185

2836

12391

11502

40873 83658
924583 117049

Wie man sieht, sind es im wesentlichen Judustriezweige,
die auf eine lange Entwicklung zurückblicken, die also jenen
Typus der älteren ländlichen Hausindustrie vertreten, wie
wir ihn oben kennen gelernt haben. Auffällig könnte in
dieser Tabelle nur die Ziffer der Näherinnen sein, weil diese
offenbar einen hausindustriellen Typus darstellen, der mit
den übrigen nichts verwandtes hat, sondern, wie gleich zu
zeigen sein wird, einer neuen Welt angehört.
Nach der Statistik sollen nun diese Näherinnen sich ver—
mindert haben, das ist aber, wie ich glaube, nur auf die
Tatsache zurückzuführen, daß die Näherinnen je an einer
andern Stelle, nämlich in den Werkstätten des Schneider—
gewerbes, gezählt werden. Hier im Gebiet der Schneiderei
hat sich aber, wie uns die Statistik ebenfalls belehrt, ein
ganz anderer Prozeß vollzogen, als wir ihn eben für die
        <pb n="39" />
        37
ältere Hausindustrie kennen gelernt haben. Hier hat sich
nämlich die Ziffer der Hausindustrie noch in den letzten
Jahren und gerade in diesen außerordentlich vermehrt, und
eine gleiche Vermehrungstendenz hausindustrieller Beiriebe
können wir in einer ganzen Reihe anderer Industriezweige
ebenfalls nachweisen. Ich teile im folgenden die wichligsten
Zweige der deutschen Hausindustrie mit, die in dem Zeitraum
von 1882 — 1895 eine Vermehrungstendenz aufweisen.
Tabelle IX.

Die Industrie.

Von 1882 bis 1895
haben zugenommen

Gewerbearten

GBrobschmiede ..
Schlosser..
Stellmacher...
Musikinstrumente
Wollenweberei..
Gummi⸗- u. Haarflechterei
Spitzenverfertigung u. Weiß⸗
zeugstickerei. ..5.
Sattlerei, einschl. Spielwaren
aus Loden.
Verfertigung grober Holz⸗
waren.. ....
Tischlerei u. Parkettfabr.
Korbmacherei....
Dreh⸗ und Schnitzwaren
Tabakfabrikation
Schneiderein.
Konfektion.
Putzmacherei
Schuhmacherei
Wäscherei.

Betriebe
un

1394
1126
986
1383
645
1712

2091

1041

530
3934
3908
1805
3400
7 268
382
376
0O99
1353

Personen⸗
zahl um

2638
2903
1519
1955
41072
889

5 560

1673

634
9338
6007
3526
6 949
30 106
885
96
7765
2388

3022888 888
        <pb n="40" />
        38 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Knlkurstaaten.
Wenn wir diese Gewerbe überblicken, so bemerken wir
leicht, daß es sich um eine ganz andere Kategorie von In⸗
dustrien handelt, als jene waren, bei denen wir eine Ver⸗
mehrungstendenz der Hausindustrie beobachten konnten. Es
handelt sich nämlich hier um solche Hausindustrien, die
ich als moderne bezeichne, weil sie entstanden sind zu
einer Zeit schon hochentwickelter kapitalistischer Wirtschafts⸗
weise. Zu einer Zeit, die in zunehmenden Maße von der
—00— und be⸗
sonders gern in den Großstädten ins Leben treten, von
denen sie sich dann erst über kleine Städte und plattes Land
verbreilen. Was sie besonders charakterisiert, ist die ganz
andere Beschaffenheit ihres Arbeitermaterials: sie basieren
auf der infolge des immer rapider sich abwickelnden Auf⸗
lösungsprozesses aller früheren sozialen Verfassung Bauern⸗
wirtschaft, Gutswirtschaft, Handwerk, Familie) in großen
Mengen freigesetzten und auf den Markt geworfenen Be—
völkerungsmassen: deklassierter Handwerksmeister, bäuerliche
Überschußbevölkerung, vor allem aber Weiber in den Groß⸗
städten: Weiber in Gestalt berufsmäßiger Gewerbetreibender,
Weiber in Form von Witwen und Ehegattinnen, die ihre
früher in der Konsumtionswirtschaft verwandte Arbeitskraft
jetzi durch gewerbliche Lohnarbeit als Füllarbeit zu ver—
werten suchen. Weiber in Gestalt von Zuschußverdienst
suchenden Haustöchtern u. dergl. Die bedeutendsten dieser
modernen Hausindustrien sind die Totengräber der letzten
großen Handwerke: Tischlerei, Schuhmacherei, Schneiderei.
unter diesen ist bei weitem die wichtigste wiederm die haus⸗
industrielle Schneiderei, die wir uns als Konfektions—
industrie zu bezeichnen gewöhnt haben.
Diese moderne Hausindustrie, deren Existenz im wesent⸗
lichen, wie schon aus den vorhergehenden Andeutungen sich
ercibt, auf ein besonders ausbeuiungsfähiges Proletariat
        <pb n="41" />
        Die Industrie.

39

aufgebaut ist, erscheint entweder als Heimarbeit im
engeren Sinne, d. h. in einer Organisation, bei welcher
die Arbeit von den einzelnen Arbeitern tatsächlich in ihren
eigenen Behaufungen ausgeführt wird, oder aber als sog.
Werkstattarbeit; hier ist die Arbeit aus der Prival—
wohnung in eine Werkstatt verlegt.
Das Wesen dieser Organisationsform (der Werlstatt⸗
arbeit) besteht darin, daß die Schar der im Dienste des
Verlegers arbeitenden Hausindustriellen sozial differenziiert
ist. Der die Aufträge empfangende Arbeiter der Haus—
industrien im engeren Sinne, führt diese nicht mehr allein
oder mit Hilfe seiner Familienangehörigen aus, sondern
dingt fremde Personen, die ihm für Lohn ihre Arbeitskraft
zur Verfügung stellen; während er selbst also Lohnarbeiter
seinem Verleger gegenüber ist, wird er Unternehmer oder
wenigstens Arbeitsgeber seinen Hilfskräften gegenüber.
Dadurch erhält er eine Doppelstellung und vielfach zwie—
spältige Interessenrichtung. Betriebstechnisch ist diese Or—
ganisationsform derartig charakterisiert, daß sie die Schranken
der Einzel- und Familienhaftigkeit prinzipiell überschritten
hat und sich vielfach schon, wenn auch in kleinen Ausnahmen,
zum kooperativ arbeitsteiligen Betrieb entwickelt hat. Wenn
auch bei den älteren Hausindustrien gelegentlich solche Werk—
stattarbeit vorkam, wie beispielsweise bei der Lyonnaiser
Seidenindustrie, so bildete sie doch hier die Ausnahme,
während sie bei vielen und zwar den wichtigsten der mo—
dernen Hausindustrien geradezu die herrschende Betriebs—
organisation darstellt. Sie tritt hier in die Erscheinung in
der Weise, daß ein sogenannter Zwischenmeister sich zwischen
Verleger und Heimarbeiter schiebt, der als Zwischenunter—
nehmer die Aufträge des Verlegers mit eigenen Gewinn—
und Verlustchancen von Arbeitern ausführen läßt, die er in
einer von ihm eigens dazu hergerichteten Werkstatt vereinigt.
        <pb n="42" />
        40 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

Diese hochmoderne Arbeitsorganisation hat wiederum
in der Konfektionsindustrie ihre klassische Ausbildung
erfahren und zwar in allen Ländern mit kapitalistischer Pro—
duktion gleichmäßig. Zuerst in England, wo sie schon in
den 1840 er Jahren Gegenstand ernster Bedenken bei Sozial⸗
politikern und Menschenfreunden war, weil in ihr grauen—
hafte Elendszustände beobachtet wurden. Man hat deshalb
für sie eigens das Wort „Sweatingsystem“ — Schwitzsystem
 — geprägt, obwohl das „Schwitz“-Ausbeutungs—
system naturgemäß nicht an diese eine Organisationsform
gebunden ist. Trotz dieser Unkorrektheit hat sich die Ter—
minologie selbst in der wissenschaftlichen Literatur festgesetzt.
Die beim sogenannten „Sweatingsystem“ in Frage
kommenden Personen sind folgende: a) der Exporteur (Groß⸗
händler, Unternehmer, Kapitalist), welcher als der oberste
Leiter der Produktion angesehen werden darf. Er befindet
sich im Besitze der für die Beherrschung des Warenmarktes
notwendigen Kenntnisse, kraft deren er den Organen der
Produktion die Wege weist. Unmittelbar von ihm empfängt
die Weisung und Aufträge b) der sogenannte Kontraktor,
eine Art Faktor, welcher entweder an einen anderen Mittels—
mann oder aber an die Arbeiterschaft selbst die Aufträge
weitergibt und von dieser die fertigen Produkte einholt.
Die Ausführung der Aufträge nimmt dann e) der sogenannte
Sweater in die Hand. „Sweater ist derjenige, der unmittel—
bar Männer, Weiber und Kinder in Lohn hat, um die Arbeit
auszuführen, und der hofft, aus deren Schweiße (by sweating)
Gewinn herauszuschlagen.“ Die eigentliche Arbeiterschaft (ã)
bilden die von dem Sweater meist in seiner Wohnung be—
schäftigten Männer, Weiber uud Kinder. Die Gewerbe, in
denen das Sweatingsystem hauptsächlich zu Hause ist, sind
vornehmlich die Bekleidungsgewerbe, Schneiderei, Schuh—
macherei usw. Die neueren englischen Untersuchungen über
        <pb n="43" />
        Die Industrie.

41

die Lage der in dem Sweatingsystem beschäftigten Arbeiter
haben die elendesten Zustände zu Tage gefördert. Die auf
die Spitze getriebene Ausbeutung der menschlichen Arbeits
kraft, die bis zur Grenze des Menschenmöglichen vorgeschrittene
Armlichkeit und Erbärmlichkeit in der Lage dieser Arbeiter—
schaft darf als das eigentliche Charakteristikum des Sweating—
system gelten. Der Grund für die besonders gedrückte Lage
der in dem Sweatingsystem tätigen Personen darf in der
Leichtigkeit erblickt werden, mit welcher die Sweaters ihr
Geschäft zu betreiben vermögen, in dem übermäßigen Au—
gebot von Arbeitskräften, welche namentlich in den englischen
Städten ein eingewandertes Hungerproletariat darbietet, in
der Hilflosigkeit, in welcher sich diese unterste Schicht der
Beyölkerung, die oft der Landessprache unkundig ist, befindet,
sowie in der gänzlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Ausbeutungsfreiheit, welche in diesem System solchen Ar—
beitselementen gegenüber heute noch besteht. In welcher
Weise die so überaus zahlreichen Schwitzhöllen, von denen
einige Straßen in Whitechapel und im Bezirke 8. Geéeorge
on the Rast fast in jedem Hause eine besitzen, zustande
kommen, davon gibt der Bericht J. Burnetis ein anschau—
liches Bild. „Den ganzen Vorgang“, sagt er, „kann inan
am besten veranschaulichen, wenn man die Näherei eines
kleinen Sweaters betrachtet, der eben beginnt, für seine
eigene Rechnung zu arbeiten, und der aller Wahrscheinlichkeit
nach früher selbst Arbeiter in einem ähnlichen Geschäft war.
Zuerst handelt es sich um einen Arbeitsraum. Dazu dient
das Zimmer, in dem er mit seiner Familie wohnt. Er schafft
sich eine Nähmaschine an, was 2 Schilling 6 Pence pro Woche
ausmacht, und damit ist er in der Lage, Arbeit entweder
unmittelbar vom Kleiderhändler oder von einem Subunter—
nehmer zu übernehmen. Als Sicherheitsleistung genügt in
der Regel die Bürgschaft eines Namens, der dem Haupt—
        <pb n="44" />
        42 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
unternehmer bekannt ist. Der Sweater erhält die Stücke
bereits zugeschnitten; kann er sie selbst zusammenheften, so
tut er es, wo nicht, bedarf er eines Hefters, männlichen oder
weiblichen. Weiter braucht er einen Maschinennäher, einen
Bügler, zwei oder drei Frauen, um Knopflöcher zu nähen,
Geschäftsgänge zu machen usw. Der kleine Sweater, der
alle notwendigen Verrichtungen seiner Näherei nur mit einem
Arbeiter besetzt hat, arbeitet ebenso hart, vielleicht härter als
irgend eine von ihm bezahlte Hand, — manchmal ist er auch
sein eigner Bügler. In den kleineren Geschäften sitzt der
Sweater mitten unter seinen Leuten, und die Beziehungen
zu diesen sind dann in der Regel freundliche. Die Prinzen
des Sweatingsystems aber, die 40-50 Personen beschäftigen,
sind nicht mehr genötigt mitzuarbeiten und nehmen es leicht.
Sie haben in der Regel unausgesetzt Beschäftigung für ihre
Leute, erhalten gute Preise, wissen sich billige Arbeitskräfte
zu verschaffen und machen große Gewinne.“ Wie im Lyoner
Typus der Mattre, ist im Sweatingsystems der Sweater der
Hausindustrielle im engeren Sinne. Wie der Mañtre nimmt
auch er eine Zwitterstellung zwischen hausindustriellem Ar—
—
Arbeiter, der große mehr Unternehmer.

III. Die Großindustrie.

Wir betrachten im folgenden diejenigen Zweige des ge—
werblichen Kapitalismus, die bereits eine Organisation im
gesellschaftlichen Großbetriebe erfahren haben und fragen nach
den Entwicklungstendenzen, die diese großbetriebliche Organi—
sation aufweist. Da bemerken wir
1. eine Tendenz zu fortschreitender Spezialisa—
tion in wohl allen Industriezweigen. Es ist damit jene
Tendenz gekennzeichnet. in einem Betrieb möglichst wenig
        <pb n="45" />
        Die Industrie.

43

Produkte von ganz bestimmter Qualität herzustellen. Die
Spezialisation in den einzelnen Betrieben hat naturgemäß
zur Voraussetzung eine entsprechende Größe des Absatzgebietes
für die einzelne Ware. Je einförmiger die Nachfrage, desto
größer kann daher die Spezialisation sein, deshalb finden
wir sie in England, das beispielsweise seine Textilwaren
großenteils in die halbzivilisierten Kolonialgebiete versendet,
früher und höher entwickelt, als in den kontinentalen Staaten
Europas, die mit einer viel differenzierteren Nachfrage zu
rechnen haben. Die deutsche Textilindustrie, namentlich die
Weberei ist größtenteils auf das Inland oder auf Kultur⸗
länder mit differenziertem Geschmack als Absatzgebiet an—
gewiesen und muß sich deshalb immer mit zahlreichen Muste—
rungen abquälen. In dem Maße nun aber, wie sich der
Absatz vergrößert, entsteht natürlich auch in diesen Ländern
die Möglichkeit weitergehender Spezialisierung. So hat sie
besonders rasche Fortschritte in der letzten Zeit auf dem Ge—
biete der Maschinenindustrie gemacht. Hier setzte noch vor
—EV
vielerlei zu erzeugen, von der Gartenharke bis zur Dampf⸗
maschine. Heute finden wir Spezialfabriken für Pumpen,
für Turbinen, für Gewehre, für Nähmaschinen, für Fahrräder,
für Dampfmaschinen, für Gasmotoren oder Werkzeugmaschinen,
während andere die Herstellung von Kesseln, Brücken, Panzer⸗
plaiten und Kanonen wieder vornehmlich betreiben.
2. Die allerbedeutsamste Tendenz, die wir in der Ge⸗—
staltung der industriellen Großbetriebe in der Gegenwart
zu erkennen vermögen, ist die Tendenz zur stetigen und
raschen Vergrößerung der einzelnen Betriebe. Zum
Belege führe ich zunächst wiederum einige Ziffern der deutschen
Gewerbezählung an.
        <pb n="46" />
        Tabelle X.

Verteilung der Gewerbetreibenden auf die Betriebsgrößen 1882 und 1895.
(Nach der Gewerbestatistik.)

3*

*
28
—
8

r

Jahr

1882
1895

1. Es waren durchschnittlich beschäftigt im Deutschen Reich Personen in:

Allein⸗

betrieben

2 bis 5

6 bis 10

Betrieben mit ... Personen
51 bis 200

201 bis 1001 über 1000

1430 465
1237349

1839 939
1953776

358 457
572473

750 671
1329 500

704 309
1362881

644 819
1114238

205 003
430 286

5
——

*

8
—3

2. Von 1000 erwerbstätigen Personen waren somit beschäftigt in Betrieben
mit ... Personen:

Jahr

518

5

83

his

50

üher

50

2

ñ̃
—

1882
1895

551
399

186
238

263
363
        <pb n="47" />
        Die Industrie.

45

Zur Ergänzung mögen noch folgende, besonders eklatante
Ziffern dienen. So betrug die Belegschaft eines Steinkohlen⸗
bergwerks in Preußen, bezw. Deutschland 1842 durchschnitt⸗
lich 40 Arbeiter, in dem Jahre 1900 dagegen 1224. Die
Zahl der Arbeiter in einem Hochofen in den beiden Jahren
13 und 322. Dasjenige, was in diesen Ziffern zum Aus⸗
druck kommt, ist das, was man die Personalvergrößerung
nennen kann.
Noch viel beträchtlicher ist aber die Betriebskonzentration,
wenn wir sie als Realvergrößerung betrachten, wie sie
in der Vermehrung der Produktionskapazität, bezw. Ver—
größerung des Produktionsmittelapparates zunt Ausdruck
kommt. So betrug beispielsweise die Jahresleistung eines
Hochofens im Jahre 1842 rund 574 Tons; dagegen am
Ende des Jahrhunderts 78888 Tons, Während sich also
die Belegschaft nur verfünf- und verzwanzigfacht hatte, stieg
die Leistungsfähigkeit eines Hochofens in demselben Zeitraume
im Verhältnis von 1: 138; jenes Steinkohlenbergwerk, das
im Jahre 1842 rund 5111 Tons im Durchschnitt lieferte,
förderte im Jahre 1900 durchschnittlich 828348 Tons.
Ahnliche Realvergrößerungen, die weit über die nachweis⸗
baren Personalvergrößerungen hinausgehen, haben auch an—
dere Industrien erlebt. Beispielsweise stieg die Zahl der
Spindeln in je einer Spinnerei von der Mitte des Jahr⸗
hunderts bis zur Mitte der 1890er Jahre in Deutschland
bei Baumwolle von 1114 auf 15646; bei Wolle von 128
Kammgarn) und 238 Streichwolle) auf 2542. Selbstver⸗
ständlich handelt es sich auch hier um eine Tendenz, die aller
kapitalistischen Wirtschaft eigentümlich ist. Der beschränkte Raum
verbietet es, auf das Zahlenmaterial in anderen dändern noch
näher einzugehen, ich kann mir jedoch nicht versagen, wenigstens
für die Vereinigten Staaten von Amerika noch einige Ziffern
anzuführen, weil sie mir besonders lehrreich erscheinen.
        <pb n="48" />
        46 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
Tabelle XI.
Die wichtigsten Zweige der
Zahl d. beschäftigt.

Branche

überhaupt

die römischen Ziffern zeigen die Gewerbegruppe an, wie
sie die Reichsstatistik 1895 unterscheidet.

18820 18895

II.
V.

Bergbau, Hütten- und Salinenwesen
Industrie der Steine und Erden. .
Metallverarbeitung (ausgenommen Kup⸗
jerschmiederei, Klempnerei, Grobschmie—
derei und Schlossereii...
Fabrikation von Maschinen u. Apparaten
2 Wagenbauanstalten...
bSchiffsbaa
Anfertigung elektr. Maschinen u. Anlagen
Lhemische Industrieee....
Industrie d. Leuchtstoffe, Fette, Ole, Seifen
Textilindustrie, darin besonders:
lb Spinnereee.
Papierindustriee. 8
Industrie der Nahrungs⸗ u. Genußmittel
a) 4. Rübenzucker⸗-Industrie.
a) 5 bis 9 u. c div. Nahrungsmittel⸗Ind.
o) Getränke-Industrite
) Tabak⸗Industrie.
CVa 1 Bauunternehmung. —W— —
XVIb Buch- usw. Druckerei

430034
349196

536239
568286

—
173298
21991)
24362
1815
1777
4270
910089
162344
58060

331950
269036
44903
35336
26321
115231
57901
393257
183543
85104

VIa
VIec
VIec
VIi
VII.
VIII.
IX.

5 Ir

26285
33
looss
110468
134862
61026

985162
37641
—E
163080
3647 46
111394
4165438

Insgesamt
Von der Gesamtzahl der Gewerbstätigen in
obigen Branchen waren beschäftigt. .

2912669

Tie Industrie.

17

kapitalistischen Großindustrie.
Personen:

11 bis 50

In Betrieben mit ... Personen
51 bis 200 201 bis 1000

J über 1000
188201 1805

188201 1895

188201183885

1882

1895

23294
98722

18772
187736

66100
862040

62090
147377

185544
42587

20602131145728 2
87152 6768 15019

19206
33052
2952
2235
488
15244
12980
00728
20182
16498

82611
30270
5282
3264
5405
9—
20218
20326
w
19533

51995
16587
3709
2841
168
20155
—X
l6boroo
42100
19980

1011260 29124
797921 55516
5620 11488
2555 7751
5400 668
28200) 12615
157591 4344
237283 167935
47610 66358
3473306 15930

69091
95444
18436
9071
4039
28365
7242
307539
100028
20286

1081
13186

12861
2441
10989
18079
8523
14651

7360

3803

18983
7151

2777
9969
2830

866
8341
25296
30117
—1874
506291

528
7378
45273
40776
oa7ee
42500

32339
5680
9836
42474
36468
14237

36210
11139
28891
62007
173609
20857

33983
2629
1483
13181
20236
3536

57047
7798
9475
15795
64093
11020

1116

1345
1109

1441
ꝛ
6Bu
ob680 410463
1730sdI8. Vsy2I.6hlo 26.40/, l2v.Idho26.80 — —*8X o/

1509
        <pb n="49" />
        48 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

Der Hauptvorzug der amerikanischen Ziffern ist der,
daß aus ihnen sowohl das Verhältnis der Personal—
zur Realvergrößerung deutlich ersichtlich wird (die Ziffern
sind abermals ein Beleg für die oben aufgestellte Behauptung,
daß die Realvergrößerung in viel rascherer Progression wüchst
als die Personalvergrößerung), als auch die Höhe des in dem
Unternehmen investierten Kapitales. Damit aber wird die
Tendenz zur Betriebsvergrößerung, die ja im Grunde nur
ein äußeres Symptom ist, auf ihre Unterlage, die Kapital—
konzentration zurückgeführt. Die ersten Ziffern betreffen die
Baumwollindustrie.

Tabelle XII.

Die Entwickelung der amerikanischen
Baumwollindufstrie.

8900

1880

Zunahme

90

Zahl, der Betriebdbe ...
de ꝙgschnutlich beschäftigte Personen
gus
Summe der Löhne (Dollarssss
Beamte, Betriebsinhaber. Bureau—
personaä“d..
Summe der gan MDollars)
Alle sonstigen Gehülfen ..
Sumine der Löhne (Dollars)
Wert der Produͤktion Dollars)
Kapital (Dollars)...
Kosten für Materialverbrauch
Verschiedene Ausgaben.
ahl der laufenden Spindeln
ahl der Webstühle
Verbrauchte Baumwolle vohez

905

221 85885
69489 272

2709
3464 78
218 876
—A
267 931 724
354 020 843
154 912 979
16 716 524
14 188 108
324 866
2261 600
1117945776

756

174 659
42040510

2115

17254
4 040510
92 000 110
208 280346
102206 347

10658 486
—E—
1570344
750343981

19.7

26,9

28.1

269
38
513

8832
3
6
4910
        <pb n="50" />
        Die folgenden Ziffern enthalten
Tabelle XIII.
Die Hauptresultate der drei letzten Zensus—
erhebungen in U. S. A.

Die Industrie.

419

1870

1880

1890

Zahl der Betriebe
Kapital . ..
Verschiedene Ausgaben..
Durchschnittlich veschäftigte Personen
Summe der Loöhnee *7
Kosten für Materialverbrauch F5
Wert der Produktion F

252148
1694567015

253 502
2780766895

32 638
6139897 785
615337 620
4476884
2171 750 188
302145533 326
9056 764 996

2053 v06
620467 474
1980741 794
3385 860 354

2700 732
939 462 252
3895 925 128
5349 191458

Es ergibt sich also, daß im Jahre 1880 ein Betrieb bei
21900 Dollars Produktionswert durchschnittlich 10,7 Per—
sonen, 1890 bei 28000 Dollars Produktionswert 13,9 Per—
sonen beschäftigte.
Speziell in der Industrie landwirtschaftlicher Geräte
verminderte sich die Zahl der Betriebe um 1033 oder 53,200,
während das Personal um 2964 oder 7,5 o/0, der Wert der
Produkte um 12,6 Millionen Dollars oder 18,40/0 stieg.
Die Schuh- und Stiefelfabriken stiegen um 6,3040, ihre be—
schäftigten Personen aber um 25,4 d/, der Wert der Pro—
duktion um 32,83070, eine Erscheinung, die sich in gleicher
Weise in vielen anderen Industrien wiederholt.
Endlich interessiert uns noch die Frage, in welchem In—
dustriezweige sich die Tendenz zur Betriebsvergrößerung
besonders stark bemerkbar macht. Da läßt sich feststellen, daß
obenan in der großbetrieblichen Entwicklung der Bergbau
und das Hüttenwesen stehen. Hier arbeiten nach der Ge⸗
werbezählung vom Jahre 1895 in Deutschland 95,20/0 aller
Gewerbetätigen in Betrieben mit mehr als 50 Personen, vier
Fünftel in Betrieben mit mehr als 200 Personen und
beinahe die Hälfte in solchen mit mehr als 1000 Personen.
Sombart, Gewerbewesen II.
        <pb n="51" />
        50 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

Ter Montanindustrie am nächsten stehen in bezug auf die
Betriebsgröße die Maschinenindustrie, die chemische Industrie
und die Textilindustrie. Ich teile im folgenden die absoluten
Ziffern mit, wie sie uns die deutsche Gewerbestatistik für das
Jahr 1895 zur Verfügung stellt.

Tabelle XIV.
Gewerbe mit einem Maximum der Betriebs—
konzentration.

Es sind Personen tätiq in

im ganzen.
davon in Betrieben
mit 51 bis 200 Personen
200 500 u
S501 .10900
mehr als 1000 —
in Großbetrieben überhaupt

Textil⸗
Induͤstrie

Maschin.⸗
Industrie

993257

582672

237 283 115614
198 013 88 874
108526 62975
—— —
587599 343690

Gemischte
Industrile

Bergbau u.
hüttenwesen
einschl.
Eisendrahtz.

1152431

540 388

63258
82535
—*
77 10001 *5 10

3. Beobachten wir eine Tendenz zu einer Kom—
bination verschiedener Spezialbetriebe in einer
und derselben Unternehmung. Die Betriebskombi—
nation steht nicht in einem Gegensatz zu der vorhin be—
trachteten Betriebsspezialisation, im Gegenteil, sie ergänzt
oder vervollständigt sie. Erst vollzieht sich zum Zweck vor—
teilhafterer Betriebsgestaltung und um die Errungenschaften
der Technik besser zur Anwendung bringen zu können die
Spezialisierung und gleichzeitig die Vergrößerung der Be—
triebe, deren mehrere dann zu gemeinsamer kapitalistischer
Verwertung in einer Unternehmung zusammengefaßt werden.
Von besonderer Bedeutung ist hier diejenige Betriebskombi—
nation, die aus dem Bestreben hervorgeht, die einzelnen
        <pb n="52" />
        51
Betriebe durch Vereinigung in einer Hand zu einem voll—
kommeneren Produktionsmechanismus zu gestalten. Ich
nenne sie die organische Betriebskombination. Die
Gründe, welche hauptsächlich zu ihr den Anlaß geben, ent⸗
stammen vornehmlich aus der Erwägung, daß dadurch die
einzelne Unternehmung von den Konjunkturen des Marktes
oder dem guten Willen fremder Geschäfte unabhängiger ge⸗
macht wird, und zu dem die Profite, die an den gekauften
Gegenständen haften, in die eigene Tasche geleitet werden.
Ain häufigsten wohl erfolgt die organische Betriebskombination
in der Montanindustrie. Hier finden wir in zunehmendem
Maße die größeren Werke auch im Besitz von Erz- und
Kohlengruben, Hochöfen, Stahl- und Walzwerken, Gieße⸗
reien oder doch wenigstens für einige dieser Zweige in einer
Hand vereinigt. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten
Jahre hat den Beweis erbracht, daß diese kombinierten Unter—
nehmungen außerordentlich viel günstigere Chancen haben,
als die sogenannten „reinen“ Werke. Speziell in Deutschland
fällt in die letzten Jahre ein erbitterter Kampf zwischen den
kombinierten Unternehmungen und den „reinen“ Kohlen—
gruben, „reinen“ Hochöfen, „reinen“ Walzwerken usw. der
offenbar mit einer Vernichtung bezw. Aufsaugung der „reinen
Werke“ immer endigen wird.
4. Die Tendenz zur Bildung von Vereinigungen
der einzelnen Unternehmungen untereinander. Es
handelt sich hierbei um dasjenige, was man heute bei uns
Unternehmerverbände, Kartelle, Syndikate, Konventionen
nennt, das die Franzosen syndicats industriels bezeichnen
und was in den Vereinigten Staaten von Amerika den Namen
Trusts erhalten hat.
Was wir bisher an Neubildungen der modernen Industrie
zu beobachten Gelegenheit hatten: Tendenz zur Zentralisation,
zur Spezialisation und Kombination der Betriebe, zur Ver—
        <pb n="53" />
        52 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod, Kulturstaaten.

größerung und Umbildung der Unternehmungen spielte sich
alles im Rahmen einer Produktionswirischaft ab. Die Kar—
tellierung dagegen setzt ftets voraus, daß zwei oder mehrere
ehemals selbständige Unternehmungen in Beziehung zueinander
treten. Aus Gründen, die bekannt sind: um (ganz allgemein
gesprochen) an Stelle des Wettbewerbes die Vereinbarung,
die Verständigung über wesentliche Punkte der Gütererzeugung
und des Güterabsatzes treten zu lassen, oder dasselbe in
einer etwas getrageneren Sprache ausgedrückt (wie sie die
Geschäftsführer der Kartelle selbst gern zur Anwendung
bringen): um an die Stelle der „anarchischen“ eine, geregelte“
Produktion zu setzen.
Die Kartelle, deren Ursprung nur wenige Jahrzehnte
hinter uns liegt — im Jahre 18883 wurden sie von Professor
Kleinwächter für die Wissenschaft erst entdeckt! — sind nicht,
wie man vielfach angenommen hat, Notstandskinder. Nicht
die Zeiten schwerster Depression sind es (wie man denken
könnte), in denen sich die einzelnen Unternehmer eines Ge—
werbezweiges bereit finden, über Preise und ähnliche Dinge
Vereinbarungen zu treffen (in solchen Zeiten hofft vielmehr
jeder doch wohl noch eher auf eigene Faust sich durchschlagen
zu können), sondern gerade die Zeiten des Aufschwunges,
wenn also ein Absatz auch zu höheren Preisen, als sie den
Produktionskosten entsprechen, gesichert erscheint.
Nach einer Untersuchung Robert Liefmanns sind ihm
im Jahre 1897 348 industrielle (einschl. Bergbau) Kartelle
in Deutschland bekannt geworden, davon bestanden nach
seiner Annahme noch 230 bis 250.
Von den 345 Kartellen entfallen auf:
die chemische Industrie
Eisenindustrie
Industrie der Steine u. Erden

82
80
59
5575
        <pb n="54" />
        die

Übertrag 221
Textilindustrie 38
Vapierindustrie 19
Holzindustrie 18
Kohlenindustrie 17
Metallurgische Ind. (außer Eisen) 15
Nahrungsmittelindustrie 12
Lederindustrie 5

Die Industrie.

53

zusammen 3145
oder auf die Gewerbegruppen
III.. V. u. VI. Bergbau, Metallverarb. Maschinen,
Instrumente 112
IV. Steine u. Erden 59
VII. u. VIII. chemische Industrie, Leuchtstoffe, Seifen 82
IX. Textilindustrie 38
X. Papierindustrie 19
XI. Lederindustrie 5
XII. Industrie der Holz- u. Schnitzstoffe 18
XLIII. Industrie der Nahrungsmittel 12
zusammen 345.
Außerdem bestanden im Jahre 1897 nach Liefmann
41 internationale Kartelle (darunter 20 mit England),
an denen Deutschland beteiligt ist.
Von diesen gehörten an:
der chemischen Industrie (Gruppe VII) 21
Eisenindustrie 7
sonst. nrie uitrie) Grupbe V)
dem Bergbau usw. (Gruppe III)
der Industrie der Steine usw. (Gruppe IV)
Textilindustrie Gruppe IX)
Papierindustrie (Gruppe X)
Holzindustrie (Gruppe XII)

zusammen 41
        <pb n="55" />
        54. Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.
Von 260 dieser Kartelle kennt man die Zeit ihrer Ent—
stehung. Danach bestanden vor dem Jahre:
1865 1870 1875 1879 1885 1890 1896
4 6 8 14 90 210 260.
Diese Zahlen (die auf Genauigkeit keinen Anspruch er—
heben) geben ein Bild von der außerordentlich raschen Ent—
wicklung der Kartellbewegung in den 80er Jahren. Seitdem
geht die Entwicklung zwar nicht mit derselben Rapidität
weiter — die Hauptunternehmungszweige sind eben schon
kartelliert — aber doch ist die Zunahme immer noch eine
bedeutende.
Was die innere Organisation der Kartelle an—
betrifft, so wissen wir, daß sie trotz der kurzen Zeit ihres
Bestehens doch bereits eine merkliche Entwicklung zu höheren,
d. h. festeren und dauerhafteren Formen durchgemacht hat.
Der erste Schritt zur Kartellbildung besteht wohl in
der Regel in einer bloßen Verabredung über inuezu—
haltende Mindestpreise, wodurch man gleichsam auf Um—
wegen den Gang der Produktion zu regeln trachtet. (Reine
Preiskartelle oder Preiskonventionen.) Diesen Preisverab—
redungen gesellen sich Vereinbarungen über die jedem der
Vertragschließenden gestattete Maximalproduktion zu, was
einen ersten Versuch einer direkten Beeinflussung der Pro—
duktion bedeutet: das Kartell wird ein Kontingentierungs—
kartell. Bald mußte sich nun aber herausstellen, daß
solcherart lose Vereinbarungen nicht genügen, um das vor—
gesteckte Ziel zu erreichen. Wollte man die Pflichttreue
des einzelnen nicht auf eine zu harte Probe siellen, so
mußte man Vorkehrungen treffen, daß er nicht in Ver—
suchung komme, vom Pfade der Tugend abzuweichen.
Diese Erwägungen sind es wohl, denen der weitere Aus—
bau des Kartellwesens zu danken ist. Sie mußten zunächst
dazu führen, etwelche Möglichkeit einer Beaufsichtigung der
        <pb n="56" />
        Die Industrie.

55

syndizierten Unternehmungen zu schaffen, in Form von Kon⸗
trollbureaus, Aufsichtskommissionen und dergleichen, denen
sich dann Vereinbarungen über Strafen bei Übertretung der
Konvention und ähnliche Zwangsmittel ergänzend anfügten.
Die weiteren Schritte bestanden dann in einer Beschrän—
kung der Absatzfreiheit der einzelnen Werke. Man wies
diesen ensweder bestimmte Gebiete zu, in denen sie allein
ihre Ware vertreiben durften, oder man benahm ihnen
überhaupt die Möglichkeit eines direkten Verkehrs mit der
Kundschaft, indem man ein gemeinsames Verkaufsbureau
errichtele, das alle Bestellungen zu vermitteln hat.
Damit war der einstweilen höchste Punkt in der Ent—
wickelung der Syndikatsorganisation in Europa erreicht.
Es ist derjenige, auf dem etwa die festestgefügten deutschen
Verbände, wie das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat,
das Westfälische Kokssyndikat und einige andere heute an—
gelangt sind: Das Syndikat setzt die Verkaufspreise fest,
ebenso wie die Produktionsmenge, verteilt die Gesamt—
produktion unter die einzelnen Werke und vermittelt den
Absatz durch eigene Verkaufsbureaus. Die juristische Form,
in der es erscheint, ist in diesen Fällen die Aktiengesellschaft.
Was mir an dem Kartellwesen vor allem bedeutsam
erscheint, ist nicht sowohl der ausgleichende Einfluß, den
die Syndikate auf die Gestaltung der Preise ausüben, so
hoch man auch immer diese Außerung ihrer Wirksamkeit
aͤnschlagen möge. Von viel größerer und entscheidenderer
Wichtigkeit scheint mir vielmehr der Umstand zu sein, daß
sie dazu beitragen werden, alle jene Entwickelungstendenzen,
die wir als dem modernen Industriekapitalismus eigen⸗
tümliche erkannt haben, zu verstärken und also die Um—
bildung zu neuen Formen zu beschleunigen. Schon in ihrer
—
organisation einen fördernden Einfluß ausüben, insofern
        <pb n="57" />
        56 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten.

sie zur Konzentration, Spezialisation und Kombination,
also in Summa zur Vervollkommnung Anreiz bieten. Man
hat wohl das Gegenteil horoskopiert und diese Auffassung
mit dem Hinweise begründet, daß der Wegfall der Kon—
kurrenz das Interesse an der Verbesserung der Produktions—
methoden lähmen würde. Das ist unklar gedacht. Man
muß doch dieses vor allem in Rücksicht ziehen, daß in dem
Augenblicke, in dem Preise und Produklionsmenge feft—
gelegt sind, eine Steigerung des Profits nur noch durch
Herabsetzung der Produktionskosten möglich ist. Und daß
das Streben nach Profit nachlassen sollte, ist wohl nicht
anzunehmen. Also wird alles Sinnen und Trachten der
syndizierten Gesellschaften entweder auf eine Senkung des
Arbeitslohnes (also nicht, wie man gemeinhin annimmt,
verbessert sich die Lage der Arbeiterschaft infolge der Kar—
telle, im Gegenteil!) oder — wo ein solches Streben in
dem Widerstande der organisierten Arbeiterschaft seine
Grenze findet — auf bestmögliche Betriebsorganifation und
höchstmögliche Verwendung vollkommenster Verfahrungs—
weisen gerichtet sein.
Diese Bestrebungen werden in der Form des Trusts
noch reiner und freier zur Entfaltung kommen können.
Der in Amerika einstweilen allein ausgebildete Trust stellt
nichts anderes dar als ein Riesenwerk, das nach wohl⸗
durchdachtem Plane die Größe, den Grad der Speziali⸗
sation und Kombination der ihm unterstehenden Betriebe
zu regeln vermag und gewillt ist. Was ihn vom euro—
— Aufhebung der
Produktionsfreiheit des einzelnen Unternehmers, der viel—
mehr nur noch mit einer Anzahl Aktien an dem zu einer
neuen wirtschaftlichen Einheit zusammengeschlossenen Ge—
samtunternehmen beteiligt ist und günstigenfalls eine Stelle
in dessen Direktorium erhält. Es ist ersichtlich, daß erst
        <pb n="58" />
        Die Industrie. 57
eine solche Vereinheitlichung des Willens alle Vorieile der
ganz großen Unternehmung nun auch in die VPraxis um—
setzen kann. —
Die Betrachtung der Kartelle führt uns über zu α
5. der Tendenz zum Übergang der gewerb-⸗
lichen Produktion in die Hände von Genossenschaften
 oder Gemeinwirtschaften — Staat bezw.
Stadt. Was die zuerst genannte Form gemeinwirtschaft⸗
licher Produktion anbetrifft, so hat sie ihre Hauptbedeuinng
als Produktion im Rahmen von Konsumentenorganisationen,
während sie in der Form der Produktivgenossenschaft, die
ihren Absatz auf dem allgemeinen Wareumarkl— haben,
kaum Aussicht hat, eine irgendwie bedeutsame Rolle zu
spielen. Wichtig dagegen kann sie in der anderen Form,
wie gesagt, im Rahmen einer Konsumentenorgansation
werden. Hierfür bietet das Vorgehen der englischen
Konsumvereine den Beleg.
Diese haben in dem letzten Menschenalter den Umfang
ihrer Produktion aus ganz kleinen Anfängen zu sehr respek⸗
tabeln Summen gesteigert. So produzierten die englischen
Großeinkaufsgenossenschaften

1874 für 854784 æ,
1901, 2982137

die schottischen

1883 fiür 4094 *,
1901 5 15329437;

Der Gesamtwert der im Vereinigten Königreich in den
Jahren 1895 — 1901 von Großeinkaufsgenossenschaften
(Mholesalo Societies) und eigentlichen Konsumvereinen
(Roetail Societios) für den Bedarf ihrer Mitglieder in
eigener Regie erzeugten Waren ergibt folgende
        <pb n="59" />
        58 Die Gestaltung d. Gewerbewesens i. d. mod. Kulturstaaten

Tabelle XV.

Wert der Eigenproduktion der großbritannischen
Konsumentenorganisationen.

Jahr

1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901

Retail
Societies
—

2 356 405
2 650 183
3297 816
3683 529
906 385
2836
1724

j

Wholesale
Societies

1570 598
2 119 228
2 905 167
3191896
3558 180
1165 030
4680 922

Zusammen

3927 008
4769 411
b 202 983
b 875 425
7464 569
8517 866
9410658

Der Wert der von den großbritannischen Produktiv—
genossenschaften hergestellien Waren bezifferte sich
1895 auf 2351834 ,
1901, 3791051 „.
Aber auch diese sogenannten Produktivgenossenschaften
produzieren doch vorwiegend für einen geschlossenen Kreis
von Konsumenten und sind nur zum geringen Teil gewinn⸗
bringende Unternehmungen, die wie die kapitalistische Unter—
nehmung sich an das große Publikum wenden.
Die Entwickelung, die die Produktion der Konsumenten—
organisationen für ihren eigenen Bedarf genommen hat,
zeigt uns den Weg, auf dem die gemeinwirtschaftliche Pro—
duktion, das heißt negativ gesprochen: die Ausschaltung des
Kapitalismus, weitere Fortschritte machen wird. Überall
dort nämlich wird sich der Kapitalismus als entbehrlich
erweisen, wo sich ein großer Bedarf nach Qualität und
Quantität annähernd stabilisiert hat, wie es der Fall bei
den geschlossenen Konsumentenvereinen ist. Wie es aber
        <pb n="60" />
        Begriff und Wesen der Konkurrenz. 59
auch im freien Wirtschaftsleben immer häufiger sich ereignet,
wenn gleichförmige Produkte für gegebene große Massen
erzeugt werden. Hier ist der Punkt, wo die Wirtschaft
der öffentlichen Körper — Staat und Stadt —
einsetzt. Bisher waren es im wesentlichen Gebiete des
Verkehrswesens, auf denen die Verstaatlichung und Ver—
stadtlichung um sich gegriffen hat. Aber auch die Sphäre
der gewerblichen Produktion ist bereits davon berührt
worden. Aus einer früheren wirtschaftlichen Epoche haben
— DDD
herübergerettet, in der sie sich nicht nur erhalten, sondern
noch weiter ausdehnen werden. Ganz neu auf dem Plane
sind die Großstädte als gewerbliche Produzenten erschienen,
wenn sie Gas, Elektrizität usw. in ihren Werken erzeugen.
Auch hier schreitet die Tendenz zur Überführung der kapita—
listischen in die gemeinwirtschaftliche Organisation langsam
aber stetig fort.

II. Abschnitt.

Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

IJ. Kapitel.

Begriff und Wesen der Konkurrenz.

Wenn wir im ersten Abschnitt eine Reihe von Ent⸗
wickelungstendenzen festgestellt haben, von denen das
moderne Gewerbewesen beherrscht ist, so drängt sich uns
nunmehr ganz von selbst die Frage auf, ob wir nicht im
stande seien, auch die Ursachen nachzuweisen, auf die jene
Entwickelungstendenzen zurückzuführen seien. Denn erst
        <pb n="61" />
        60 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

wenn wir in dieser Weise bestimmt beobachtete Vorgänge
begründet haben, ruht unser Denken aus. Da, wie wir
wissen, das Wirtschaftsleben der Gegenwart als Rechts—
grundlage ein System der Gewerbefreiheit hat, also daß
es im wesentlichen jedem einzelnen Wirtschaftssubjekte frei—
steht, zu tun und zu lassen, was es will, so kann es nicht
anders sein, als daß das Wirtschaftsleben durch die freie
Initiative des einzelnen Wirtschaftssubjektes im wesent—
lichen seine Gestalt erhält. Sehen wir also bestimmte
Formen sich entwickeln, so heißt das, daß diese Formen
diejenigen sind, in denen das einzelne Wirtschaftssubjekt
seine Interessen am besten hat wahren können, aber es
zeigt uns auch des weiteren noch, daß es diejenigen sind,
die den Gesetzen der Anpassung an vorhandene Lebens—
bedingungen am meisten entsprechen. Sich anpassen heißt
nun im Rahmen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung:
die Kundschaft für sich gewinnen, und das Streben der
einzelnen Wirtschaftssubjekte, dieses Ziel zu erreichen, nennen
wir den Wettbewerb oder die Konkurrenz. Die Frage
nach den Ursachen der Entwickelungstendenzen, die das
moderne Wirtschaftsleben beherrschen, ist also die Frage
nach den Gründen, welche im wirtschaftlichen Konkurrenz⸗
kampfe das Obsiegen des einen über das andere bewirken.
Diese Gründe stelle ich im folgenden systematisch zusammen.
GBenau genommen müßte aus ihnen der Nachweis geführt
werden können, warum der gewerbliche Kapitalismus über
das Handwerk, warum der Großbetrieb über die Haus—
industrie oder die Hausindustrie gelegentlich uber den Groß—
betrieb siegt; warum der spezialisierte Betrieb dem nicht—
spezialisierten, der größere dem kleineren, das kombinierte
Werk dem nichtkombinierten Werk überlegen ist. Doch will
ich mich im wesentlichen mit einer Aufzühlung der Gründe
begnügen, die das Obsiegen des gewerblichen Kapitalismus
        <pb n="62" />
        Begriff und Wesen der Konkurrenz. 61
als einer bestimmten Wirtschaftsorganisation über die hand⸗
werksmäßige Organisation des Gewerbes plausibel machen.
In ihnen sind im wesentlichen auch diejenigen Gründe ein—
geschlossen, die das Obsiegen beftimmter Betriebsformen
innerhalb der kapitalistischen Organisatton über andere
erklären.
Ich werde in den verschiedenen Fällen noch besonders
darauf aufmerksam machen, soweit die Darstellung selber
nicht genügenden Aufschluß gibt. In meinem, Kapitalisinus“
im 3. Buche des M. Bandes habe ich die Theorie der ge—
werblichen Konkurrenz mit besonderer Ausführlichkeit dar—
zestellt. Es hätte keinen Sinn, dieses komplizierte Problem
an dieser Stelle anders als im engen Anschluß an die dort
zebotene Darstellung zu behandeln. Der Leser dieser
Bändchen wird dadurch in die vorteilhafte Lage versetzt,
daß er, im Falle er eine weitere Aufklärung über einzelne
Punkte wünscht, sich in meinem größeren Werk leicht orien⸗
tieren kann, weil er daselbst die hier nur skizzierten Gedanken
ausführlich, aber in derselben Anordnung dargestellt findet.
Fragen wir zunächst, auf welche Gründe der Sieg eines
von zwei gewerblichen Konkurrenten überhaupt zurückgeführt
werden kann, so ergibt sich folgendes Schema:
Ein Konkurrent siegt entweder ob, weil er bessere
Leistungen prästiert, oder deshalb, weil er billiger liefert,
also ein geringeres Aquivalent vom Käufer fordert: ein
drittes gibt es nicht. Bessere Leistungen prästiert er, weil
er entweder bessere Ware, oder Ware besser liefert, als
sein Gegner: ein drittes gibt's nicht. Im Preiskampfe
obsiegen kann ein Konkurrent, entweder weil er formal
oder weil er materiell überlegen ist. Materiell überlegen
ist er, d. h. billiger verkaufen kann er aber wiederum nur,
entweder weil er durch Surrogierung des Materials oder
der Form den gleichen Bedarfszweck mit geringerem Auf-—
        <pb n="63" />
        62 Die Theorie der gewerblichen Koukurreuz.

wande befriedigt, oder weil er die Produktion (bei gleich—
gebliebenem Materialaufwand und gleicher Völligkeit der
Form) verbilligt, will sagen, an Produktionskosten (im
weitesten Sinne) spart: ein drittes gibt es abermals nicht.
Der Preis eines Gegenstandes setzt sich in kapitalistischer
Betrachtungsweise zusammen aus dem Aufwand des pro—
duzierenden Unternehmers, seinen „Produktionskosten“ (8)
und seinem Gewinn (p). Nimmt man den Aufwand
während einer bestimmten Zeit, sowie den während diefer
Zeit erzielten Gewinn als gegeben an, so richtet sich der
Preis des einzelnen Produktes nach der Zahl von Pro—
dukten (1), die in jener Zeit erzeugt worden sind. Die
Preisformel gestaltet sich danach für unsere Zwecke am
besten wie folgt, wobei P den Preis des einzelnen Pro—
duktes darstellt:

p— XAP
M
Somit ergibt sich, daß eine Preiserniedrigung möglich
ist entweder durch eine Verkleinerung von k oder p, oder
durch eine Vergrößerung von nm. Setzen wir zunächst ein—
mal p0, so bedeutet Preisermäßigung Verringerung
des Produktionsaufwandes oder Vermehrung der Produkte.
Produktionsaufwand während einer bestimmten Zeitdauer
bedeutet (immer vom Standpunkte des Prodnzenten aus,
wie ein für allemal gesagt sein mag) Aufwand für die zur
Produktion dienenden Produktionsfaktoren, genauer ge—
sprochen, für den Erwerb bestimmter Quantitäten von
Sachgütern, bestimmter Nutzungsrechte (falls diese nur
gegen Entgelt erhältlich, und bestimmter Mengen von
Arbeitsleistungen (Überlassung einer Arbeitskraft bestimmter
Art für eine bestimmte Zeitdauer), durch deren Zusammen—
fassung der Produktionsprozeß zu stande kommt. Mittels
genannter Produktionsfaktoren wird in der für den ge—
        <pb n="64" />
        Begriff und Wesen der Konkurrenz. 63
machten Aufwand erhältlichen Menge und Güte ein be—
stimmtes Produktionsquantum erzeugt. Setzen wir die
Ergiebigkeit der Produktion mittels gedachter Produktions—
faktoren gleichbleibend, so ist eine Verbilligung der Einzel—
produkte nur möglich durch Verbilligung der Produktions—
faktoren, d. h. noch genauer ausgedrückt: durch Verkleinerung
des Äquivalents (an Geld), das für eine ihrer produktiven
Brauchbarkeit nach gleichbleibende Menge eines der Pro—
duktionsfaktoren gegeben wird: also durch Ermäßigung des
Preises für ein bestimmtes Quantum Leder gegebener
Qualität, für eine bestimmte Arbeitsleistung gegebener
Länge usf. Wir wollen die solcher Art herbeigeführte
Verbilligung der Produkte Produktionsfaktorenverbilligung
tennen.

X-ãxX
Formel: ——

Der andere Fall der Preisermäßigung ist der, daß
mittels eines bestimmten Quantums von Prodnktions—
faktoren gegebener Güte, für die eine bestimmte Summe
als Äquivalent bezahlt worden ist, eine größere Menge
von Produkten erzeugt wird. Wir wollen diese Art der
Verbilligung Produktionsverbilligung nennen; ihre Formel
lautet:

Kx
n—y

Nach diesem Schema zerfällt das gesamte Problem in
zwei große Komplexe von Problemen, deren jeder in einem
besonderen Kapitel behandelt werden soll.
        <pb n="65" />
        64 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

II. Kapitel.

Der Kampf um die beste Leistung.

J. Die Qualität der Darbietung von Ware
und Leistung.

Diejenigen Punkte, in denen die Oualitätsunterschiede
in der Art˖ der Darbietung der Ware oder Leistung beruhen.
sind folgende:
1. Die kapitalistische Unternehmung wird der Forde—
rung massenhafter und rascher Lieferung eher ge—
recht als der Handwerker, was im gleichen Sinne auch für
die großkapitalistische Unternehmung gegenüber der kleineren
gilt. Ich denke dabei nicht einmal an jene Fälle, wo die
Dimensionen eines Stückes eine großbetriebliche Gestaltung
des Produktionsprozesses erheischen, obwohl sie natürlich
häufiger werden, große Eisenkonstruktionen für Bauten und
dergleichen, sondern habe vielmehr solche Aufträge im Auge,
die sich zwar auf eine große Anzahl von Gegenständen
oder Leistungen beziehen, deren jeder und jede einzeln sehr
wohl geliefert werden können, die aber doch im ganzen
verlangt werden, weil es dem Auftraggeber bequemer ist
und weil er dadurch eine größere Garantie für Einheitlich—
keit der Ware und vor allem Raschheit und Pünktlichkeit
der Lieferung erhält. Diese Erwägungen 'sind besonders im
modernen Baugewerbe oft genug ausschlaggebend für die
Bevorzugung kapitalistischer Lieferanten und zwar unter
ihnen wiederum der großen, denn auf der einen Seite
wachsen die Dimensionen der Bauten, auf der andern Seite
steigert sich das Bedürfnis rascher Erledigung. Man denke
an die Unterschiede in der Dauer der Herstellung bei einem
mittelalterlichen Dom und einem modernen Bahnhof oder
        <pb n="66" />
        Der Kampf um die beste Leistung. 65

einem Ausstellungsgebäude oder einer Mietskaserne. Aber
das Bedürfnis nach rascher Lieferung größerer Partien ist
nicht auf das Baugewerbe beschränkt. Überall wo schon
im Wirtschaftsleben eine Konzentration der produktiven
Kräfte erfolgt ist, entsteht leicht ein Massenbedarf und dieser
will in einem prompt befriedigt werden, nicht durch die
Addierung einer Summe ungleicher Einzellieferungen saum—
seliger Handwerksmeister. Man denke an den Fall, daß
eine Weberei oder ein großes Versandhaus binnen acht
Tagen 10000 Kartons gleicher Aufmachung braucht und
dergleichen. Hier ist es auf der einen Seile die größere
Dispositionsfähigkeit des kapitalistischen und darum kauf—
männisch geschulten Produzenten, auf der andern Seite
natürlich die Breite der Produktionsbasis, die für die recht—
zeitige, prompte, gleichförmige Lieferung auch größerer Waren—
posten zu den exakten vereinbarten Bedingungen gewährleistet.
2. Es entscheiden oft im Konkurrenzkampfe den Sieg
die größere Nenheit der Darbietung. Taß alles
frisch und neu sei, darauf sehen wir Sinnen und Trachten
des Händlers, der das Publikum, Sinnen und Trachten des
Produzenten, der den Händler befriedigen will, gerichtet.
Wir sehen, wie sich ein immer rascherer Wechsel des Ge—
schmacks, der auch aus andern Gründen wetterwendisch wird,
zebiert, und sehen wie ein Hasten und Drängen damit in
Handel und Produktion einzieht, das keine frühere Zeit ge⸗
kannt hat. Von allem Wandel der Existenzbedingungen ift
aber vielleicht keiner für den Bestand des Handwerks so ver—
hängnisvoll geworden als dieser, der die Unstetigkeit des
Wirtschaftslebens herbeiführt. Nichts wird dem Handwerker
schwerer als der stete Wechsel, keine andere Organisations⸗
form der Produktion vermag ihm besser gerecht zu werden als
die kapitalistische. Dem Wesen des Handwerks entspricht die
Schwerfälligkeit, die Langsamkeit der Anpassung; dem Wesen
Sombart. Gewerbewesen II.
        <pb n="67" />
        der kapitalistischen Unternehmung die Versatilität. Der
Grund für diese verschiedene Beftͤhigung liegt im innersten
Wesen der beiden Organisationen. Im Handwerker ist das
technische Können an die lebendige Person gebunden und
kann deshalb nach Richtung und Art nicht unausgesetzt ge—
ändert werden. In der kapitalistischen Organisation ist,
wie wir wissen, die technische Funktion von der Person des
Produktionsleiters vollständig abgetrennt. Dieser ist also
als kapitalistischer Unternehmer im wesentlichen indifferent
gegenüber der Art und Weise, wie die Erzeugnisse herge—
stellt werden, ja sogar bis zu einem Grade der Gattung
der Produkte überhaupt. Die kapitalistische Unternehmung
ist also dank dieser Unpersönlichkeit oder wenn man will
Seelenlosigkeit des Kapitals jederzeit imstande, solche Ver—
fahrungsweisen einzuführen, solche Waren zu erzeugen, die
der jeweiligen Konjunktur entsprechen.
3. kommt in Betracht die verfeinerte, elegantere,
kulantere Art der Darbietung. Wir erheben heute
Mindest-Ansprüche an Bequemlichkeit und Eleganz der
Darbietung, wie sie uns das Verkaufsmagazin moderner
Herrichtung, die komfortablen Ankleideräume unserer groß—
städtischen Schuh- und Kleiderlieferanten allein zu erfüllen
bermögen. Der Handwerker, der Produktionsstätte und
Verkaufsstätte notwendig verbinden muß, ist nicht imstande
diesen Anforderungen gerecht zn werden, zumal in den
Großstädten, wo die steigende Grundrente die Läden in den
Hauptstraßen so verteuert, daß ihr Inhaber nur bei in—
tensivster Ausnützung die Lasten der Miete usw. zu tragen
vermag. Der Handwerker wird also in die Vorstädte, in
die dunklen und engen Nebenstraßen, in die Hölle, in die
vierten Etagen oder in das Kellergeschoß hineingetrieben,
in enge dumpfige Lokalitäten, die aufzusuchen für den Kun—
den etwas Abstoßendes hat.

86 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
        <pb n="68" />
        Der Kampf um die beste Leistung. 67
II. Die Qualität des Dargebotenen.

Die Hauptsache bleibt freilich am Ende die Güte des
Dargebotenen selbst; aber auch in bezug auf diesen Punkt
ist der Handwerker dem kapitalistischen Unternehmer, der
kleinkapitalistische dem großkapitalistischen unterlegen. Die
kapitalistische Unternehmung kann — nota beno wenn sie will —
Waren oder Leistungen verglichen mit dem Handwerk liefern:
a) gediegener, „solider“;
b) leichter, „gefälliger“;
0) eleganter, „schicker“;
d) künstlerisch, schöner;
o) exakter, gleichförmiger.
Und warum das alles?
Zunächst machen sich auch diesmal wieder die beiden
Vorzüge geltend, die wir bereits in Wirksamkeit sahen: die
Breite der Produktionsbasis und die Spezialisierung der
kaufmännischen Funktionen. Jene ist es natürlich, die un—
mittelbar eine größere Mannigfaltigkeit der Produktion er—
zeugt; sie ist es aber ferner, die häufig die rationelle An—
wendung besserer Verfahrungsweisen (namentlich auch des
maschinellen Verfahrens, das in so zahlreichen Fällen zur
Erzielung solider Erzeugnisse unentbehrlich ist) höherer
Formen der Technik überhaupt erst ermöglicht, wie in
anderem Zusammenhang zu zeigen sein wird, die eine
bessere Verwendung des Rohmaterials zuläßt: zweckmäßigere
Verteilung der Ledersorten, hinreichende Lagerung von Holz—
beständen u. dergl. Sie ist es selbstverständlich auch, die
die notwendige Voraussetzung für die Spezialisierung der
kaufmännischen Tätigkeit bildet. Diese aber wirkt in mehr
als einer Hinsicht qualitätssteigernd auf die Produktion,
sofern ein kaufmännisch gebildeter Leiter die Witterung des
Geschmacks, jedenfalls der Mode eher bekommt, als der

32*
        <pb n="69" />
        98 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

Handwerksmeister, sofern er durch die stete Fühlung mit den
gesellschaftlich ihm nahestehenden Kunden, z. B. im Bau—
gewerbe mit den Architekten, viel besser weiß, worauf sich
die Neigungen des Publikums konzentrieren werden usw.
Aber was viel bedeutsamer für die Erzielung guter
Produkte als die persönliche Geeigenschaft des kapitalistischen
Unternehmers ist, ist die Länge seines Geldbeutels. Tas
kennzeichnet ja doch das innerste Wesen kapitalistischer Or—
Janisation, daß sie durch Geldaufwand alles beschaffen kann,
was sie zu ihrem gedeihlichen Werke braucht: Ausdauer und
Geschicklichkeit, Bildung und Geschmack, wissenschaftliches und
künstlerisches Können, alles vermag sie vermittels Bar—
zahlung in ihren Dienst zu stellen.
So umgibt sich der kapitalistische Unternehmer mit einem
Stabe leistungsfähiger Arbeitskräfte, die ihm das gute Ge⸗
lingen seines Werkes durch ihr Talent und ihren Fleiß ver—
bürgen. Er kann das tun, weil er die Mittel zum Ankauf
hat; er kann es aber auch nur deshalb, weil die kapitalistische
Organisation die ursprünglich komplexe Arbeit aufgelöft, die
qualifizierte Arbeit ausgesondert und die höherwertige
Arbeitsleistung auf eine größere Produktenmenge verteilt
hat. In diesem Differenzierungsprozesse liegt das eigentliche
Geheimnis der gesteigerten Leistungsfähigkeit der kapita—
listischen Unternehmung in der von uns untersuchten Richtung.
Wenn wir näher zusehen, so sind es drei verschiedene
Kategorien höher qualifizierter Arbeitskräfte, durch deren
Verwendung die kapitalistische Unternehmung zu vollkom—
meneren Leistungen zu gelangen vermag:
1. der Stab wissenschaftlich oder künstlerisch gebildeter
Hilfskräfte; 2. die Spezialisten der ausführenden Arbeit;
3. die qualifizierten Arbeiter im allgemeinen.
Damit erledigt sich auch eine oft gehörte Behauptung,
die durch ihre stetige Wiederholung nichts an Richtigkeit
        <pb n="70" />
        Der Kampf um die beste Leistung. 69

gewinnt, die nämlich, daß dem sogenannten Großbetriebe,
will sagen der kapitalistischen Unternehmung, die Sphäre
des Kunstgewerbes verschlossen sei, daß also, soweit es
sich um künstlerische Arbeit handelt, das Handwerk not—
wendig der kapitalistischen Organisation überlegen sein müsse.
Diese Anschauung beruht auf vollständiger Unkenntnis der
gewerblichen Organisation, sie stellt alles, was nicht Hand—
werk ist, sich im wesentlichen als eine große mechanische
Fabrik vor, in der womöglich auf maschinellem Wege Massen—
produkte hergestellt werden. Schon nach dem, was wir von
der verschiedenen Organisation des gesellschaftlichen Groß—
betriebes, der nicht nur als fabrikmäßiger, sondern auch
als manufakturmäßiger auftreten kann, erfahren haben, läßt
erkennen, wie irrtümlich jene Anschauung ist. Die Kenntnis
von der Verschiedenheit der großbetrieblichen Organisation
gewährt uns die Einsicht, daß auch im Rahmen eines Groß—
betriebes sehr wohl Raum für individuelle und künstlerisch
—V00
falls der Erzeugung künstlerischer Produkte widmen kann.
Die eben festgestellte Tatsache bringt uns dann des weiteren
zu der Überzeugung, daß in der heutigen Wirtschafts—
organisation allein die kapitalistische Organisation imstande
ist, künstlerische Leistungen auf höchster Stufenleiter zu voll—
bringen, weil sie einfach die höchst qualifizierten Arbeiter
allein zu bezahlen vermag, was wiederum in gleichem Sinne
für die Konkurrenz zwischen dem großen und kleinkapita—
listischen Unternehmer gilt.
Ebenso wie für die künstlerische Leistung läßt sich natür—
lich auch das gleiche für eine sonstwie hervorragende Leistung
der gewerblichen Produktion aussagen.
Will ich mich à quatro 6pingles kleiden, so gehe ich zum
großen Schneider; will ich elegante, gutsißzende Schuhe, zum
feinen Schuhwarengeschäft; liegt mir daran, Bart und Haar
        <pb n="71" />
        vor Area celsi zu bewahren oder meine Nase vor den
schmierigen Pfoten eines ungewaschenen Rasierers, so gehe ich
in den eleganten Frisiersalon; will ich für ein Stück Möbel
etwas anlegen, will ich mir ein Bücherregal, einen Schreib—
tisch machen lassen, die gefällig, gediegen oder gar geschmack—
voll sein sollen, und es kommt mir auf den Preis nicht
an, so bestelle ich sie bei der großen Möbelfabrik usw. in
infinitum. Was wiederum auch für die Händler gilt: will
dieser sich ein Sortiment von Krawatten oder Handschuhen
oder Schürzen oder Reisetaschen oder Zigarrenspitzen, Tabaks—
pfeifen oder sonst etwas zulegen, so bevorzugt er den Reisen—
den des großen Geschäfts, der ihm immer reiche Muster—
kollektionen vorlegt und natürlich jedes Stück darin eleganter
und gefälliger als es beim Handwerker je zu wachsen ver—
mag. Gar nicht erst wieder davon zu reden, daß ihm jener
alles unter den kulantesten Bedingungen in den Laden trägt,
während er diesem womöglich bei jedem einzelnen Stücke
nachlaufen müßte.

70 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

III. Kapitel.
Der Preiskampf.

J. Die Verbilligung durch Qualitätsveräuderung.
Durch tatsächliche größere Billigkeit eines Gegenstandes
einen Konkurrenten aus dem Felde schlagen heißt, ihn unter—
bieten. Genau besehen, ist eine Unterbietung in ziveifacher
Weise möglich: man kann, wie schon festgestellt wurde, ent—
weder gleiche Gegenstände wie der Gegner auf den Markt
bringen und diese billiger verkaufen; oder man kann anders
geartete Gegenstände feilbieten, die aus irgend einem Grunde
billiger sind, aber in Wirklichkeit oder scheinbar denselben
Gebrauchszweck erfüllen. Im ersteren Fall handelt es sich
um Verbilligung durch Quantitätsveränderungen, im zweiten
        <pb n="72" />
        71
durch Qualitätsveränderung. Ich spreche zuerst kurz von
dieser.
Das Streben, einem Lieferanten gewerblicher Erzeug—
nisse dadurch gleichsam das Wasser abzugraben, daß man
einen anders gearteten aber gleich verwendbaren Gegenstand
zum Verkauf ausstellte, ist so alt, wie die Konkurrenz über—
haupt. Es ist bekannt, wie es insbesondere der gewerbliche
Kapitalismus in seinen Anfängen war, der auf diese Weise,
durch Ausübung einer Art von Ersatzkunst, dem Handwerk
die ersten Wunden schlug. Drei Wege gibt es, um zu dem
bezeichneten Ziele zu gelangen:
1. die Ersetzung des früheren Stoffes oder der früheren
Form ohne Qualitätsverschlechterung (Substitution);
2. die Verschlechterung der Qualität, sei es des Stoffes,
sei es seiner Bearbeitung, während Stoff und Art der Her—
richtung einstweilen dieselben bleiben (einfache Qualitäts—
verschlechterung);
3. die Ersetzung von Stoff und Form durch minder—
wertige Surrogate (Surrogierung im engeren Sinne).
Alle drei Wege sind seit Jahrhunderten von den ge—
werblichen Produzenten beschritten worden. Gleichwohl sind
erst in unserer Zeit diese Praktiken zu einer ökonomischen
Massenerscheinung geworden; denn erst unsere Zeit schuf in
der verschärften Konkurrenznot die Triebkraft, und in der
modernen Technik, insonderheit in dem wissenschaftlichen Ver—
fahren, die Bedingungen für ihre Ausbreitung. Heute bilden
sie eine der wichtigsten Erscheinungen im modernen Kon—
kurrenzkampfe, und es gibt kein Gewerbe, in dem nicht dieser
oder jener Artikel in einer der drei Richtungen eine Quali—
tätsveründerung erfahren habe; ja es gibt vielleicht in dem
ganzen großen Gebiete gewerblicher Produktion keinen einzigen
Fall einer Verbilligung, bei dem nicht auch eine der bezeich—
neten Qualitätsveränderungen im Spiele gewesen wäre.

Der Preiskampf.
        <pb n="73" />
        72 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
Die Gründe, weshalb dem Handwerker das Gebiet des
Surrogats so gut wie ganz verschlossen ist, sind mannigfaltige.
Allenfalls kann er sich der allgemeinen Qualitätsverschlechte—
rung als Hilfsmittel bedienen, aber auch dieses vertraͤgt sich
nicht mit der innersten Natur des Handwerks. Nicht nur,
daß es der Handwerkerehre zuwider ist, Schundware zu liefern,
er würde es nicht einmal können, weil es ihm auf die Dauer
seine Kundschaft vertreiben würde. In den meisten Fällen
ist die Qualitätsverschlechterung doch mit einer Täuschung,
mindestens einer Düpierung des Publikums verbunden, und
dazu bedarf es einer Unpersönlichkeit des Produzenten, wie
sie die kapitalistische Organisation leichter mit fich bringt.
Kaufe ich die Schundware im Laden beim Herrn Kohn, so
kann ich diesen als Händler niemals in dem Maße verant—
wortlich machen, wie ich es tue, wenn der Schuhmacher
Schmidt oder der Tischlermeister Müller mir als Lieferanlen
des Schwindelstückes bekannt sind. Fast ganz verschlossen
sind nun aber dem Handwerker die Wege der Substitution
und Surrogierung. Auf dem gesamten Gebiet der diesen
Bestrebungen dienenden Industrie befindet sich der hand—
werksmäßige Produzent im entschiedenen Nachteil gegenüber
dem kapitalistischen Unternehmer, und das ist kein Wunder,
denn diejenigen Qualitätsveränderungen, wie sie in der
Subbstitution und Surrogierung vor sich gehen, sind ja doch
ausgesucht unter dem Gesichtswinkel kapitalistischer Interessen.
Sie haben nur eine Bedeutung, soweit sie auf kapilalistische Pro—
duktionsweise zugeschnitten sind, und dadurch werden sie natür—
lich in derMehrzahl derFilleunanwendbarfürdenHandwerker.

II. Die Verbilligung durch Quantitätsverändernng.
Diese ist, wie wir aus dem einleitenden Kapitel dieses
Abschnittes wissen, entweder eine Produktionsfaktoren-Ver—
billigung oder eine Produktionsverbilligung.
        <pb n="74" />
        Der Preiskampf.

7
3

1. Die Produktionsfaktoren-Verbilligung.
Diese betrifft
A. die sachlichen Produktionsfaktoren.
Zu ihnen gehören
a) die allgemeinen Arbeitsbedingungen, unter
denen Produktion stattfindet. Unter ihnen verdient unsere
Aufmerksamkeit der Standort der Produktion. Weil
in der heutigen Gesellschaft sich aller Grund und Boden im
Privateigentum befinden, so ist die Nutzung eines bestimmten
Stückes der Erdoberfläche als Standort der Produktion nicht
anders möglich, als gegen Entrichtung eines Tributs an den
Privateigentümer; man nennt diesen Tribut: Grundrente.
Die Grundrente hat im Laufe der modernen Entwicklung
eine ungeheure Steigerung durch die Siedelung der Menschen
in den Städten, insbesondere in den Großstädten erfahren,
und hier sind es wiederum die Zentralpunkte der Stadt, an
denen sich vor allem die Grundrente zu schwindelnder Höhe
erhebt. Dieses Steigen der städtischen Grundrente ist es
nun, das die Chancen des Handwerks zu gunsten der kapi—
talistischen Unternehmung bei der Preisbildung wesentlich
verschlechtert. Vor allem dadurch, daß sie ihm das Laden—
geschäft, d. h. das Feilbieten seiner Erzeugnisse im offenen
Laden erschwert oder unmöglich macht. Ein Gang durch
die Straßen unserer großen und mittleren Städte bestätigt
dies. Wir sehen fast überall den alten Handwerkerkram
durch das an Umfang und Qualität wachsende Detailgeschäft
verdrängt. Dadurch wird nun aber die kapitalistische Unter—
nehmung insofern begünstigt, als sie entweder selbst sich den
Luxus eines teueren, offenen Ladens gestatten kann oder aber
in der Lieferung an das Detailgeschäft vorteilhafter gestellt
ist. Seine Produktionsstätte kann aber der Großunternehmer
biel eher an die Peripherie der Grundrenten-Maxima ver—
legen, als der kleine Handwerker, und selbst wenn er in den
        <pb n="75" />
        74 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

Brennpunkten der städtischen Grundrente verbleibt, so ist er
diesen gegenüber noch im Vorteil. Sei es, weil er die
Grundrente einer gegebenen Fläche über eine größere Anzahl
von Produkten verteilen kann, sei es, weil er die erforder—
liche Fläche zu günstigeren Bedingungen als der kleine Ge—
werbetreibende erhält. Einen besonderen Vorsprung erhält
die kapitalistische Unternehmung gerade in den größten
Städten dadurch, daß sie die Auslagen für Grundrente, also
für den Standort der Produktion völlig aus ihrem Ausgabe—
etat streichen kann, weil sie sie anderen — den Arbeitern —
aufbürdet, die sie von dem Preise ihrer Arbeitskraft in Abzug
zu bringen haben. Das ist, wie wir wissen, der Fall bei
der Hausindustrie.

b) Der Arbeitsgegenstand.

Es darf als eine unserer Zeit eigentümliche Tendenz
betrachtet werden, daß sich für eine große Anzahl der wich—
tigsten Rohstoffe der Bezugsort vom Verarbeitungsorte immer
mehr entfernt. Für die wichtige Kategorie der Rohstoffe aus
organisierter Materie folgt diese Tendenz bereits aus dem
Zusammenhange der kapitalistischen Gesamtentwicklung, wie
ich in meinem „Kapitalismus“ ausführlich zu erklären ver—
sucht habe. Aber zu den dort entwickelten Gründen, die Pro—
duktion bestimmter tierischer und pflanzlicher Erzeugnisse in
die Nähe der Grundrentenminima zu verlegen, treten noch
andere hinzu, die in gleicher Richtung wirken: Auffindung
neuer exotischer Stoffe, die die früher allein verwendeten
einheimischen substituieren und surrogieren (Ersatz für Vorsten,
Talg usw.); Verfeinerung unseres Bedarfs, die eine Ver⸗
mehrung der zur Verwendung kommenden Rohstoffe heischt
und deshalb nach neuen Arten in fremden Ländern Ausschau
hält (feinere Pelzwaren, feinere Hölzer usw.), die zunehmende
Verwendung gewerblicher Rohstoffe überhanpt und dgl. mehr.
        <pb n="76" />
        Der Preiskampf.

75

So daß unsere gewerblichen Produzenten, die früher über—
wiegend ihren Bedarf an Rohstoffen aus der näheren oder
weiteren Umgegend des Prodnktionsortes decken konnten.
mit dem Bezug ihrer Rohstoffe aus entfernten Gegeuden
des östlichen Europas oder überseeischen Ländern als mit
einer imabänderlichen Tatsache fast in allen Branchen rechnen
müssen. Forschen wir nach den Gründen der Schädigung,
so sinden wir fast überall dieselben angegeben; zunächst dies:
infolge der Einbeziehung der Rohstoffe in den Welthandel
sind deren Preise den Konjunkturen der Verkehrswirtschaft
ausgesetzt. Der Handwerker ist aber nicht im stande, den
wechselnden Konjunkturen entsprechend seine Produktion ein⸗
zurichten: weder kann er sie im günstigen Falle durch raschen
Ankauf größerer Mengen genügend ausnützen, noch ihren
Widerwärtigkeiten entsprechend standhalten. Diese Seite
des Problems haben wir bereits erörtert. Sodann aber
wird mit Nachdruck fast durchgehends betont, daß infolge
des Laufs, den der Rohstoffhandel genommen hat, der Hand⸗
werker sein Material unter ungünstigeren Bedingungen, also
teurer beziehen muß, als der kapitalistische Unternehmer.
Das ist es, was uns hier interessiert. Woher diese Be—
nachteiligungꝰ
Die Sache ist die: solange die Häute, Hörner, Klauen usw.
einzeln beim Bauer der Umgegend aufgekauft, die Bretter in
der benachbarten Sägemühle erstanden werden, erspart der
GBroßproduzent offenbar nicht an Kosten, weil nicht an Auf⸗
wand, denn der Ankauf seines Rohmaterials, der Transport
vom Erzeugungsort bis zur Verarbeitungsstätte setzt sich aus
einer Summe von Einzelakten zusammen, deren jeder selb—
ständigen Aufwand und selbständige Kosten verursacht, die
auch durch die Summierung nicht verringert werden. Zwölf
Handwerker, die jeder für sich je einen Ankauf und einen
Transport vornehmen, verfahren also nicht kostspieliger als
        <pb n="77" />
        76 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

der Fabrikant, der ebensoviel Rohmaterial in zwölf ver—
schiedenen Akten erwirbt. Findet jedoch aus irgend einem
Grunde, ehe das Rohmaterial in den Handel kommt, das—
jenige statt, was man eine Güter- oder Warenzusammen—
ballung nennen kann, d. h. finden sich größere Quantitäten
jenes Rohstoffes an einer Stelle unter einer Verfügungs—
gewalt zusammen, so bedeutet nun offenbar der Bezug einer
bestimmten Quantität durch zwölf verschiedene oder durch
einen einzigen Produzenten etwas Wesensverschiedenes. In
jenem Falle nämlich muß die zusammengeballte Masse zer—
teilt, jede Teilquantität muß besonders verpackt, verwogen usw.
mit besonderen Adressen, Begleitpapieren versehen, muß endlich
in besonderen Akten transportiert werden; kurz, die Übermitt—
lung der einen Masse an zwölf verschiedene Empfänger be—
deutet jetzt einen erheblichen Mehrauswand gegenüber dem
Versand an eine Adresse. Ob dieser Mehraufwand von
dem ersten Versender oder von einer Mittelsperson (wir
nennen ihn Zwischenhändler) geleistet und also an jenen
oder diese bezahlt wird, bleibt sich im Effekt gleich: genng,
daß überall dann — aber auch nur dann — wenn Waren—
zusammenballungen stattgefunden haben, der „Bezug im
großen“ billiger ist als in Teilpartien. Eine solche Zu—
sammenballung größerer Gütermengen findet nun aber not—
wendig statt, ganz unabhängig von dem Bedürfnis des Ver—
arbeitens, dort, wo der Rohstoff in so weiter Entfernung
von der gewerblichen Produktionsstätte gewonnen wird.
Daß durch die Fleischextraktkompanien in Südamerika eine
Zusammenfassung großer Häutemengen oder Talgmassen
erfolgt, ist das Zufällige dabei: der Hanf, der vom russischen
Bauer im kleinen produziert, die Haut, die im Innern
Indiens von dem einzelnen Hindu geliefert wird: sie müssen
mit Notwendigkeit nicht minder eine Zusammenballung zu
größeren Mengen erfahren, ehe sie in Europa verarbeitet
        <pb n="78" />
        Der Preiskampf.

77

werden, als die im großen produzierten Waren es im Pro—
duktionsprozesse erleben. Ob klein, ob groß: der Leipziger
Seifenfabrikant kann nicht in direkte Beziehung mit dem
afrikanischen Negerdorf treten, das ihm sein Palmöl liefert.
Die Zusammenballung erfolgt hier durch den Exporteur bezw.
Importeur. Von ihm bezieht also nun der Großfabrikant
natürlich billiger, als der kleine Prodnzent, der erst noch
der „zweiten Hand“ bedarf, die ihm die oft mühsam zu—
sammengefügte Warenmasse wieder in kleinen Portionen
auseinander teilt.
Klar ist nun also dieses, daß gegenüber einer zusammen—
geballten Rohstoffmasse der größere Produzent sich dem
kleinen gegenüber im Vorteil befindet; klar ist ferner, daß
die Tendenz zur Entfernung des Rohstoffgewinnungsortes
vom Verarbeitungsorte die Tendenz zur Warenzusammen—
ballung in sich schließt. Hinzugefügt muß nun aber noch
werden, daß letztere Tendenz nicht auf jene eben besprochenen
Fälle sich beschränkt, sondern auch aus anderen Ursachen
hervorwächst, die in der kapitalistischen Gesamtentwicklung
begründet sind. Insbesondere wird dieselbe Situalion dort
geschaffen, wo es sich um schon zugerichtete Rohstoffe oder
um Stufenfabrikate handelt, wenn etwa der Produktions—
prozeß an dieser Stelle schon eine Konzentration erfahren
hat. Das ist also beispielsweise beim Leder der Fall. das
in großen Unternehmungen erzengt, fich also im Momente,
in dem es der Schuhmacher als Arbeitsgegenstand beziehen
will, bereits im Zustande starker Zusammenballung befindet.
Es ist eine ständig wiederkehrende Klage, daß der kleine
Schuster im Lederbezug benachteiligt ist, weil das Leder
zroßkapitalistisch erzeugt wird und die Lederfabriken natürlich
nicht „detaillieren“ wollen oder, falls sie es tun, dafür Extra—
spesen in Gestalt eines Preisaufschlags auf das Leder berechnen,
der andernfalls an den Lederhändler zu entrichten ist.
        <pb n="79" />
        78 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
Das Arbeitsmittel.

Daß für dieses zunächst dieselben Regeln gelten wie für
Arbeitsgegenstand und Arbeitsbedingung: daß nämlich ihre
Beschaffung im großen unter den angegebenen Bedingungen
Kosten erspart, bedarf keiner besonderen Begründung. Das
Gesetz aber des umgekehrten Verhältnisses zwischen Größe
und Kosten tritt bei ihm insofern noch besonders deutlich in
die Erscheinung. als die Preise der einzelnen Leistung sich
wenigstens bei dem heute wichtigsten Arbeitsmittel, der
Maschine, in exakter Weise ermitteln und also für die ver—
schiedenen Größenausmaße vergleichen lassen. Wohl ge—
merkt: es handelt sich auch hier zunächst wieder nur um den
Preis einer bestimmt abgegrenzten Leistung — üblicher
Weise bei Maschinen eines bestimmten, durch sie nutzbaren
Kraftquantums, der Pferdestärke, nicht etwa um den Nutz⸗
effekt dieser Leistung oder den auf sie entfallenden Anteil
an dem Preise des zu erzeugenden Produkles. Man weiß
heute längst, daß jede Vermehrung der Leistungsfähigkeit
einer Maschine, sei es der Arbeits-, sei es der Werkzeug—
maschine, innerhalb der für die Praxis allein in Betracht
kommenden Grenzen einen geringeren Kostenaufwand bean—
sprucht, so daß also der Preis der Leistungs— Kraft⸗) Einheit
im Verhältnis zur Größe der Maschine finkt.
Im Grunde bedarf es aber auch gar nicht erst des
ziffermäßigen Nachweises für die Richtigkeit der Beobachtung,
daß auch das Arbeitsmittel verhältnismäßig um so billiger
zu haben, je größer es ist.
Die Gründe, warum dies der Fall sein muß, liegen zit
deutlich zu tage, als daß sie nicht für sich allein beweis—
kräftig genug wären. Wenn wir nämlich bisher zu dem
Ergebnis gekommen sind, daß die sachlichen Produktions—
faktoren (von der Grundrente abgesehen, die ihrem eigenen
        <pb n="80" />
        Der Preiskampf. 79
Bewegungsgesetze folgt) durch massenhaften Bezug verbilligt
werden, so geht diese Tatsache im ganzen betrachtet auf
keine anderen Ursachen zurück als diejenigen, die wir im
weiteren Verlauf der Darstellung in ihrer produktionsver—
billigenden Wirkung noch genauer kennen lernen werden.
Die Gesamtheit dieser Erscheinungen unterliegt dem Grund—
gesetze wirtschaftlicher Tätigkeit überhaupt, nach welchem eine
Zusammenfassung zahlreicher produktiver Kräfte zu einheit—
licher Wirkung Aufwand erspart: eine Tatsache, die sich in
unserer Wirtschaftsordnung in einer Preissenkung auszu—
drücken stets wenigstens die Tendenz hat.

B. Persönliche Produktionsfaktoren.

Die kapitalistische Unternehmung hat gegenüber dem
Handwerk auch Vorteile in der Beschaffung der Arbeitskräfte.
Wie wir an anderer Stelle sahen, daß die besten, höchst
qualifizierten Arbeitskräfte von den größten Unternehmungen
aufgesogen werden, so müssen wir hier konstatieren, daß auch
die billigsten Arbeitskräfte dem kapitalistischen Unternehmer
viel leichter zur Verfügung stehen als dem Handwerker. Eine
Reihe von Umständen, die hier nicht zu verfolgen sind, hat
insbesondere in früherem Zeitalter, große Mengen billiger
Arbeitskräfte auf den Markt, namentlich den großstädtischen
Markt geworfen. Unter ihnen ragen durch ihre Menge
ebenso wie durch die unerhörte Billigkeit ihrer Leistungen
die weiblichen Arbeiter hervor, die insbesondere durch die
Entwicklung, welche die Hauswirtschaft in den Großstädten
genommen hat, heute genötigt sind, ihre Arbeitskraft außer—
halb des Hauses zu verwerten, während sie früher ihr Unter—
kommen innerhalb des Hauses fanden.
Von den Produktionsvorteilen, die die Verbilligung der
Arbeitskraft dem Konkurrenten gewährt, vermag in vollem
Umfange nur der kapitalistische Unternehmer Nutzen zu
        <pb n="81" />
        80 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
ziehen, weil nur die Eigenart der kapitalistischen Organi—
sation es ermöglicht, jene Scharen billiger Arbeitskräfte der
gewerblichen Produktion in ausgiebiger Weise dienstbar zu
machen. Was ihre Beschäftigung in der Mehrzahl der Fälle
zur Voraussetzung hat, ist nämlich 1. die nur bei einer
Produktion in großem Maßstabe durchführbare Differenzie—
rung der Arbeitsverrichtungen; 2. die Möglichkeit, die Ar—
beitskraft zu beschäftigen, ohne mit ihr eine Ortsveränderung
vorzunehmen. Es ist ersichtlich, daß beide Voraussetzungen
von der kapitalistischen Unternehmung und nur von dieser
erfüllt werden. Wir lernten bereits als einen der Vorzüge
dieser Wirtschaftsform ihre Fähigkeit kennen, durch Ein—
stellung hochqualifizierter Arbeitskräfte einen Produktions—
effekt zu erzielen, der in qualitativer Hinsicht denjenigen des
Handwerkers weit hinter sich läßt. Ich wies aber damals
schon darauf hin, daß diese Heraushebung besonders leistungs—
fähiger, somit auch in der Regel besonders teuerer Arbeits—
kräfte aus dem allgemeinen Arbeiterpöbel eine notwendige
Ergänzung finden müsse in der Verbilligung der übrigen
Arbeitsleistungen. Widrigenfalls würde die kapitalistische
Unternehmung unter der Verteuerung der Arbeitskraft zu
leiden haben, was ihr leicht Unannehmlichkeiten im Kon—
kurrenzkampf bereiten könnte. Was sie vielmehr zu erreichen
trachten muß, ist dies: daß ihr der Aufwand für die gesamte
Arbeitskraft trotz Verteuerung einzelner Arbeitskräfte nicht
teuerer zu stehen kommt, als demjenigen Konkurrenten,
(Handwerker), der die Qualitätsarbeiter nicht beschäftigt.
Der Preis der abstrakten Arbeitskraft, wie man den, Durch—
schnittslohn“ der in einem Etablissement beschäftigten Ar—
—DVOO
Arbeitskräfte nicht gesteigert werden. Dieses Ziel zu erreichen,
helfen dem Kapitalisten nun die sich anbietenden Spottpreis—
arbeiter. Durch Auflösung des Produktionsprozesses in seine
        <pb n="82" />
        Der Preiskampf. 81

einzelnen Bestandteile, wodurch er die kunstvolleren Leistungen
auf der einen Seite verselbständigte, schuf er auf der andern
Seite die große Menge der rein mechanischen Verrichtungen,
die nun von dem Dümmsten ohne weiteres ausgeübt werden
können. Mit der Anwendung der Maschinentechnik hat die
Verwendbarkeit ungelernter und billiger Arbeitskräfte, wie
man sieht, im Prinzip gar nichts zu tun. Diese vielmehr
wie jene beruht lediglich auf der Verselbständigung der ent⸗
geistigten Teilverrichtung im ganzen des Produktionspro—
zesses. Daher sie nicht minder groß war in Industrien,
in denen die maschinelle Technik bislang gar keine wesent⸗
lichen Veränderungen des Arbeitsprozesses hervorgerufen
hat, wie in der Schneiderei, als dort, wo die Produktion
auf eine völlig neue technische Basis gestellt wurde, wie in
der Spinnerei. Einen bedeutsamen Einfluß übt die Maschinen—
technik als solche auf den Preis der Arbeitskraft nur insofern,
als sie das physische Krafterfordernis verringert und damit
vielfach den Ersatz der ungelernten männlichen durch die
ungelernte weibliche oder jugendliche Arbeitskraft ermöglicht.
Es ist nun ersichtlich, daß der Vorsprung in der Pro—
duktionskostengestaltung ceteris paribus um so größer ist,
je größere Massen der Gesamtarbeit als unqualifizierte aus—
geschieden werden können. Danach richtet sich denn auch
die Bedeutung der Verbilligung der Arbeitskräfte für die
einzelnen Industriezweige. Diese ist ferner um so größer,
je weniger Anforderungen an die Arbeitsgeschicklichkeit der
überqualifizierten Arbeiter gestellt werden. Doch sind das
alles nur Quantitätsunterschiede, die an der prinzipiell
wichtigen Tatsache nichts ändern, daß die kapitalistische
Unternehmung infolge Auflösung des Arbeitsprozesses die
Arbeitsleistungen selbst differenziert hat und damit in die
Lage versetzt ist, aus der Differenzierung der Arbeitskräfte
Nutzen zu ziehen.

Sombart. Gewerbewesen II.
        <pb n="83" />
        82 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

Haben wir bisher die Fähigkeit der kapitalistischen Unter—
nehmung kennen gelernt, sich besser dem Artcharakter des neuen
Arbeitsangebotes anzupassen, so müssen wir nunmehr eine
gleiche Überlegenheit dieser Wirtschaftsform dort konstatieren,
wo es sich um Anpassung an die eigentümlichen Orts—
verhältnisse auf dem gewerblichen Arbeitsmarkte unserer
Tage handelt. Wirdrückten dies so aus: die kapitalistische Unter—
nehmung habe die größere Fähigkeit, die Arbeitskräfte zu be—
schäftigen, ohne sie zu einem Ortswechsel zu zwingen. Das
heißt: sie geht der Arbeitskraft nach und vermag sich deren
Existenzbedingungen völlig anzuschmiegen. Das geschieht bei—
spielsweise dort, wo eine Fabrik in Gegenden angelegt wird,
in denen billige Arbeitskräfte aus irgend einem Grunde in
größerer Anzahl sich vorfinden, etwa weibliche, weil sich
eine Männerindustrie (Maschinenfabrikation, Bergbau) da—
—DDDD0
— 00 —
Was ich aber recht eigentlich hier im Auge habe, ist
noch etwas anderes; es ist die Fähigkeit der kapitalistischen
Unternehmung, überhaupt auf einen eigenen Standort für
ihre Produktion zu verzichten, d. h. von der Anlage einer
selbständigen Arbeitsstätte absehen und den Produktions—
prozeß in die Werkstätte oder die Wohnung des Arbeiters
verlegen zu können. Es ist bekannt, daß dieses der Fall
ist bei der hausindustriellen Organisation. Mit dieser ver—
knüpft sich aber ein doppelter Vorteil für den Unternehmer.
Erstens kann er nun Arbeitskräfte, also in erster Linie
Weiber beschäftigen, die überhaupt nur zu haben sind, wenn
man ihnen das beneficium des „Arbeite zu Hause!“ beläßt:
die Mütter, die Gebrechlichen, die Schämigen, die Bequemen,
mit einem Wort: die Billigsten.
Zweitens aber kann er Arbeiter an Orten beschäftigen, an
denen sich die Gründung eines kompletten Produktionsunter—
        <pb n="84" />
        Der Preiskampf.
nehmens, also vor allem die Anlage einer größeren Betriebs—
stätte, verbietet; sei es, weil derOrt zu entlegen von allem Verkehr
ist, sei es, weil er als Standort für die Produktion zu teuer
ist: letzteres trifft wie wir wissen, für die meisten Industrien,
jedenfalls für alle diejenigen, deren Stärke die Billigkeit
ihrer Preise ist, auf die Großstädte zu. Mittels der haus⸗
industriellen Organisation gelingt nun das Kunststück die
zur Zeit billigsten Arbeitskräfte — das sind die Weiber in
den größeren und großen Städten — nicht nur überhaupt
ausnutzen zu können, sondern sogar sie billigst, zu Be—
dingungen auszunittzen, wie sie in keiner andern Form
annähernd erreicht werden. Der Unternehmer wälzt in der
Hausindustrie die Grundrente, die Ausgaben für Baulich⸗
——
auf die Arbeiter ab und verbilligt deren Arbeitskraft zum
letzten noch dadurch, daß er in der Dauer ihrer Beschäf—
tigung sich von jeder Fessel befreit. Dabei bewahrt er sich
die Möglichkeit, die kaufmännische Zentrale seines Unter—
nehmens dort aufzuschlagen, wo es am vorteilhaftesten er—
scheint.

83

3. Die Produktionsverbilligung.

Sind die Preise der Produktionsfaktoren festgelegt, so
gibt es, wie bereits gezeigt wurde, nur noch eine Möglich—
keit, die Produktionskosten der Waren zu verringern: man
muß die Menge Produkt zu vergrößern suchen;
d. h. also mit einem gegebenen Aufwand für Produktions—
mittel und Arbeitskraft eine größere Anzahl von Produkten
zu erzeugen trachten. Dieser Versuch kann unter verschiedenen
Bedingungen unternommen werden: das eine Mal ohne Ver—
änderung der Organisationsprinzipien und der Verfahrungs—
weisen, das andere Mal mit bezw. durch eine solche An—
derung. Im ersten Fall liegt das vor, was wir eine
        <pb n="85" />
        84 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

quantitative Vervollkommnung des Produktionspro—
zesses oder seine Okonomisierung nennen wollen; im zweiten
Falle dasjenige, was man als qualitative Vervoll—
kommnung oder Perfektionierung des Produktionsprozesses
bezeichnen kann. Es ist nun im einzelnen zu untersuchen,
welches unter diesen verschiedenen Bedingungen die Mittel
und Wege sind, um zu einer Produktionsverbilligung zu
gelangen und ob, bezw. weshalb bei Erstrebung jenes Zieles
der Kostenermäßigung Handwerk oder kapitalistische Unter—
nehmung im Vorteile sind.

a) Die quantitative Vervollkommnung.
Ersparnisse an Produktionsaufwand bei gleichbleibender
Technik lassen sich, so viel ich sehe, auf zweifache Weise er—
zielen: durch Verdichtung des Produktionsprozesses
oder durch dessen Ausweitung, worunter ich folgendes
verstehe.

a. Verdichtung des Produktionsprozesses
findet dann statt, wenn ich eine bestimmte Anzahl von Pro—
duktionsakten auf eine kürzere Zeitdauer beschränke, also in
einer gegebenen Spanne Zeit eine größere Menge von Pro—
dukten bei gleichbleibender Größe der Produktionsbasis her—
zustellen vermag. Dieses Ziel kann ich entweder dadurch
erreichen, daß ich die Arbeitszeit tunlichst mit der Produktions—
zeit in UÜbereinstimmung zu bringen suche, d. h. also einen
kontinuierlichen Betrieb anstrebe; oder dadurch, daß ich das
Tempo des Produktionsprozesses selbst beschleunige, also in
einer Spanne Arbeitszeit eine größere Anzahl von Pro—
duktionsakten zusammendränge.
Je mehr sich die Arbeitszeit mit der Produktionszeit
deckt, desto weniger tote Zeiten ergeben sich, in denen Ge—
bäude, Geräte, Maschinen usw. ungenützt liegen. Die Amor—
        <pb n="86" />
        Der Preiskampf. 85
tisationsquote des sog. fixen Kapitals, die lediglich nach der
Länge der Produktionszeit bemessen wird, verteilt sich alfo
auf eine um so größere Anzahl Produkte, bildet also in dem
einzelnen Produkt einen um so geringeren Kostenbetrag, je
mehr Erzeugnisse während der Erneuexrungsperioden der
genannten Produktionsmittel mit ihnen hergestellt werden.
Die Kontinuität des Betriebes bringt aber auch noch andere
Ersparnisse mit sich: an Feuerungsmaterial u. dgl.“ Daher
die Konkurrenz eine Tendenz zur Verlängerung be—
ziehungsweise Verewigung des Arbeilstages er—
zeugt. Offenbar nun vermag das Handwerk dieser Tendenz
nicht in gleicher Weise gerecht zu werden, wie die kapita—
listische Unternehmung. Und zwar in vielen Fällen deshalb
nicht, weil die Kontinuität des Betriebes an eine gewisse
Mindestgröße des Produktionsumfangs geknüpft ist Y.
Was aber vor allem das Handwerk verhindert, in jenem
Streben nach Kontinuität des Produktionsprozesses mit dem
Kapitalismus gleichen Schritt zu halten, ist das, was man
die Naturwüchsigkeit seiner Organisation nennen kann, ist
mit andern Worten die Tatsache, daß das Wesen handwerks—
mäßiger Produktion in der Gebundenheit aller Produktions—
funktionen in der Persönlichkeit des Handwerkers beruht.
Insbesondere wo es sich um die Erreichuug völliger Iden—
tität von Arbeits- und Produktionszeit handelt — in der
Tag⸗- und Nachtarbeit — kommt allein noch die kapitalistische
Organisation in Betracht, die durch die Einrichtung des
Schichtwechsels den Arbeiter von den Schranken des „natür—
lichen“ Arbeitstages zu befreien vermag.
Was aber für die extensive Ausgestaltung des Arbeits—
tages gilt, behält auch bis zu einem gewissen Grade seine

) Meist wird allerdings wohl in diesen Fällen der Verdichtung des
Produktionsprozesses eine Veränderung der Produttiousoraanifatit patale,
gehen. wie geeigneten Orts nachzuweissen sein winde
        <pb n="87" />
        36 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
Gültigkeit, wo es sich um die Intensifikation der Arbeit selbst
durch Beschleunigung des Tempos der Produktion
handelt. Daß hierdurch abermals beträchtliche Vorteile er—
zielt werden, liegt auf der Hand, und zwar wesentlich aus
denselben Gründen, die wir eben kennen lernten: je mehr
Produktionsakte in eine Stunde Arbeitszeit zusammengedrängt
werden, desto geringer ist die Belastung des einzelnen Stücks
mit Amortisations- und ähnlichen Kosten. Desto geringer
ist aber auch in vielen Fällen seine Belastung mit Arbeits—
kosten. Zunächst nämlich überall dort, wo die Entlohnung
der Arbeitskraft im Zeitlohn erfolgt. Erhält der Arbeiter
für eine Stunde einen bestimmten Lohnsatz und produziert
er in dieser Stunde die doppelte Menge, so ist in deren
Einheit der auf die Aufwendung für Arbeitskräfte entfallende
Kostenbetrag auf die Hälfte reduziert. Aber auch wo in
Akkord gearbeitet wird, profitiert der Unternehmer. Es ist
eine bekannte Tatsache, daß der Stücklohn auf nichts anderes
im Effekt hinauskommt, als dem Durchschnittsarbeiter die—
jenige Vergütung zu verschaffen, die er auch im Zeitlohn
erhalten würde. Steigert sich die Intensität der Arbeit
(denn das bedeutet die Beschleunigung des Arbeitsprozesses),
—
sätze herabgesetzt werden. Das System des Akkordlohns
dient also geradezu nur dem Zwecke, durch Steigerung der
Arbeitsintensität die Arbeitskosten zu verringern.
Hat nun der Handwerker dieselbe Freiheit, den Arbeits—
prozeß zu beschleunigen, wie der kapitalistische Unternehmer?
In der Theorie ja. Ich sehe wenigstens keinen prinzipiellen
Hinderungsgrund. In Wirklichkeit aber wird es ihm nie—
mals gelingen, denselben Intensitätsgrad der Arbeit zu er—
reichen, wie die kapitalistische Unternehmung. Ich will gar
nicht einmal die Rüchksichtslosigkeit in Betracht ziehen, die
das Kapital seiner Natur nach in der Ausnützung der
        <pb n="88" />
        87
Arbeitskräfte besitzt. Es ist sehr leicht denkbar, daß wenig—
stens der Handwerker selbst, von der Not getrieben, seine
Arbeit ebenso verdichtet, wie der Lohnarbeiter. Aber was
nie zu erreichen sein wird, ist die gleiche Arbeitsintensitüt
bei seinen Hilfskräften. Es ist bekannt, daß im Handwerk
mehr „gebummelt“ wird während der Arbeit, daß es dort
„gemütlicher hergeht“, als in dem großen kapitalistischen
Betriebe. Was diesem seine größere Strammheit verschafft.
ist zunächst die kooperative Gestaltung des Arbeitsprozesses
(hier also ist der Vorteil an den großbetrieblichen
Charakter der Produktion gebunden), ist dann aber vor allem
die Möglichkeit, durch Eingliederung des lebendigen Arbeiters
in den leblosen Mechanismus eines Maschinensystems jenem
durch die beliebige Beschleunigung des Tempos der Maschinen
einen Intensitätsgrad von Kraftaufwand aufzunötigen, den
er bei freier Beweglichkeit nie zu exreichen vermöchte. Frei—
lich hat uns diese Erwägung schon in das Gebiet der quali—
tativen Veränderung des Produktionsprozesses hinübergeführt.
Im ganzen werden wir feststellen müssen, daß auch in
dem Streben, durch Verdichtung des Produktionsprozesses
an Kosten zu sparen, der Handwerker, größeren Schwierig—
keiten begegnet, als der eed Unternehmer, ohne
daß ihm übrigens dieser Weg zur Proͤduktionsverbilligung
völlig verschlossen wäre. Dies ist nun aber offenbar der
Fall, wo es sich darum handelt, Ersparnisse am Produktions—
aufwand zu erzielen durch

9. Ausweitung des Produktionsprozesses.
Wollte der Handwerker hier die Bedingungen für die
Produktionsverbilligung schaffen, so würde er sich selbst
negieren. Daß aber mit der bloßen Verbreiterung der
Produktionsbasis an sich erhebliche Vorteile verknüpft sind,
ist eine der verhältnismäßig bekannten Tatsachen aus dem
        <pb n="89" />
        88 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. —

Bereiche der Lehre von der gewerblichen Konkurrenz. Alles
was hier angeführt wird, gilt ebenso für den Kampf zwischen
kleinen und großen kapitalistischen Unternehmungen.
Werden mehr produktive Kräfte zu einheitlicher Wirk—
samkeit zusammengefaßt, so vermag
1. mit dem gleichen Aufwand für Arbeitskräfte ein
größerer Produktionseffekt erzielt zu werden. Zunächst ist
auf die Steigerung der Arbeitsintensität und der Arbeitsleifstung
 bei kooperativer Arbeitsorganisation —
Dann ist daran zu erinnern, daß wenigftens dort, wo ein⸗
zelne Arbeitsverrichtungen schon spezialifiert sind, den Auf⸗
wand für bestimmte Arbeitsleistungen nicht im gleichen Ver⸗
hältnis mit der Zahl der beschäfuügten Arbeiter wächst; so
der Aufwand beispielsweise fuͤr Beaufsichtigung, für Be—
wachung, für kaufmänniseche Leitung u. dgl.
Bedeutsam für unser Problem ist ferner die Tatsache, daß
2. mit dem gleichen Aufwand für Produktions—
mittel bei breiterer Basis der Produktion höhere Produkt⸗
mengen erzielt werden. Diese Tatsache ist jedermann ge⸗
läufig für die in einer Produktionsperiode (Tag, Woche,
Jahr) oder besser während der Erzeugung einer Produkt⸗
einheit nur zum Gebrauch, nicht zum Verbrauch bestimmten
Produktionsmittel. Nicht nur kosten die 10000 qm Grund⸗
fläche einem Fabrikanten weniger als die 10) 1000 qm
zehn Handwerkern: jener kann auf ihnen nun auch noch
doppelt oder dreifach so viel Güter herstellen, als die zehn
Handwerker zusammen: Möglichkeit des Etagenbaues!
Nicht nur zahlt der Handwerker für die Herrichtung eines
Kubikmeters Produktionsstätte mehr als der Fabrikant:
dieser produziert nun wiederum in jedem Kubikmeter, oder
auf jedem Quadratmeter Fläche doppelt soviel als jener.
Die größere Maschine ist nicht nur billiger pro Kraft⸗
einheit: sie schafft auch pro Krafteinheit mehr als die kleine.
        <pb n="90" />
        Der Preiskampf.

89

Und für alle übrigen Bestandteile dieser Kategorie von
Produktionsmitteln, wie Gefäße, Beleuchtungs⸗ und Be—
heizungskörper gilt das gleiche: die Anforderung an ihre
Größe wächst nicht in gleichem Verhältnis wie ihre veistungs—
fähigkeit; es kann also ein gleiches Produklquantum bei
Zufammenfassung zahlreicher Produktionsakte mit je einem
geringeren Stoff- oder Kraftquantum erzeugt werden.
Woraus dann natürlich folgt, daß die Amortisationsquote,
die durch partiellen Wertübergang jener Gebrauchsgegen—
stünde auf das Einzelerzeugnis, der Geschäftsmann sagt
„mittels Abschreibung“, in Form eines Produktionskostenpartikelchens
 den Preis des Produktes erhöhen hilft, um
so geringer sein wird, je größer die Ausmessungen des
Prodnktionsprozesses sind.
Nicht ebenso deutlich zu Tage liegen die Vorteile, die
der größeren Produktionswirtschaft bei der Verwendung der
zum fortgesetzten Verbrauch gelangenden Produktionsmittel,
also namentlich der Rohstoffe erwachsen. Ja, es wird sogar
gelegentlich behauptet, daß hier der Handwerker der kapita—
listischen Unternehmung überlegen sei, weil er „sparsamer“
mit dem Rohstoff umzugehen pflege. Dabei vergißt man
leicht, daß auf der anderen Seite erst bei entsprechender
Größe des Produktionsumfanges die Möglichkeit geschaffen
wird, diejenigen Teile des Rohstoffes, die bei bester Be—
handlung ungenützt bleiben, also was man gemeinhin
„Abfälle“ nennt, abermals zu nützen. Es ist die der
erweiterten Produktionsbasis entsprechende Massenhaftigkeit
dieser Abfälle, die sie selbst wieder zu Handelsgegenständen
macht. Nur als Abfälle gemeinsamer Produktion und daher
der Produktion auf großer Stufenleiter erhalten sie diese
Wichtigkeit für den Produktionsprozeß, bleiben sie Träger
von Tauschwert. Diese Abfälle — abgesehen von dem
Dienst, den sie als neue Produktionselemente leisten —
        <pb n="91" />
        90 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

verwohlfeilen in dem Maße, wie sie wieder verkaufbar
werden, die Kosten des Rohstoffes, in welche immer sein
normaler Abfall eingerechnet ist, nämlich das Quantum, das
durchschnittlich bei seiner Bearbeitung verloren gehen muß.
Aber nicht die Verdichtung des Produktionsprozesses,
nicht seine Ausweitung sind es am letzten Ende, was in
unserer Zeit über die Superiorität einer Produktionswirt—
schaft entscheidet, sind es also wohl auch nicht, die in dem
Kampfe zwischen Handwerk und Kapitalismus, zwischen
kleinem und großem Unternehmer den Ausschlag geben.
Sondern worauf es vielmehr ankommt, ist die Vorzuͤglichkeit
des Produktionsverfahrens. Weil offensichtlich bestimmte
Verfahrungsweisen verglichen mit anderen ganz erhebliche
Ersparnisse an sachlichem und persönlichem Aufwand und
damit eine entsprechende Produktionskosten- und Preis⸗
verminderung ermöglichen, so müht sich der Produzent im
Konkurrenzkampfe um Anwendung der am meisten Erfolg
versprechenden Verfahrungsweisen. Der Kampf zwischen
den einzelnen Produktionswirtschaften, also insbesondere
auch zwischen den handwerksmäßigen einerseits, den kapita—
listischen andererseits, läuft somit an den entscheidenden
Stellen auf einen Kampf um die Verfahrungsweisen,
auf einen Kampf um die Technik hinaus. Prüfen wir,
welche spezifischen Vorteile in diesem Kampfe die kapita—
listische Organisation gewährt.
b) Die qualitative Vervollkommnung.

Diejenigen Verfahrungsweisen, deren sich die moderne
gewerbliche Produktion bedient, um zu höherer Leistungs—
fähigkeit zu gelangen, sind vornehmlich folgende vier, die
hier in Betracht kommen:
1. das materialvereinigende Verfahren;
2. das arbeitzerlegende Verfahren:
        <pb n="92" />
        Der Preiskampf. 91
3. das wissenschaftliche Verfahren;
4. das maschinelle Verfahren.
Daß alle diese Verfahrungsweisen nicht nur höhere
qualitative Leistungen ermöglichen, sondern vor allem auch
den Produktionsaufwand verringern helfen, sei es durch
größere Raum- oder Stoffökonomie, sei es insonderheit
durch größere Zeitökonomie, daß sie also zur Produktious—
kostenverringerung beitragen, ist eine wohl von niemand
bestrittene Tatsache. Man mag sich gegen die Über—
treibungen wenden, die oft genug bei der Beurteilung der
durch jene Verfahrungsweisen tatsächlich herbeigeführten
Kostenersparnis verübt worden sind, d. h. man mag über
das Mehr oder Weniger an Produktivität streiten, das die
Anwendung genannter Verfahren im Gefolge hat: das Ob
kann nicht in Zweifel gezogen werden.
Somit kann es auch nicht die Aufgabe der folgenden
Darstellung sein, die allgemeinen Gründe für die Über—
legenheit besagter Verfahrungsweisen etwa durch ein induk—
tives Beweismaterial, vorausgesetzt auch, daß ein solches
z beschaffen wäre, zu erhärten. Was vielmehr allein der
Prüfung zu unterwerfen ist, ist die Frage: ob bei der An—
wendung jener vollkommeneren Arbeitsweisen einer der im
Konkurrenzkampfe liegenden Wirtschaftsformen größere oder
geringere Schwierigkeiten erwachsen, wodurch ihre Stellung
auf dem Markte alsdann Schaden leiden würde.
a. Das materialvereinigende Verfahren.

Hierbei handelt es sich um eine der die Arbeitsleistung
steigernden bestimmten Arten der Materialanordnung,
deren es im wesentlichen vier gibt, die ich im ersten Kapitel
des ersten Bändchens aufgeführt habe.
Faßt man das Wesen dieses Verfahrens richtig auf, so
kann es keinem Zweifel unterliegen, daß prinzipiell die
        <pb n="93" />
        92 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

Anwendung dieses Verfahrens an keine bestimmte Wirt—
schafts- oder Betriebsform gebunden ist. Weder die Klein—
heit des Umfanges handwerksmäßiger Produktion schließt
sie von vornherein aus, noch stellt ihr die spezifische
Qualität des handwerksmäßigen Produktionsleiters unüber—
steigliche Hindernisse in den Weg. Anders dagegen liegen
die Dinge, sobald es sich um die zweckmäßige Anwen—
dung des Verfahrens, um seine Nutzbarmachung handelt.
Diese nämlich, so ergibt sich, ist nur unter beftimmten Vor—
aussetzungen möglich, und diese Voraussetzungen vermag
der Handwerker in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle
nicht zu erfüllen. Es ist allerdings unzweifelhaft richtig,
daß theoretisch jeder Einzelschneider, der ein Dutzend Au—
züge macht, den Stoff zu diesen Anzügen in einem zu—
schneiden, daß jeder Tischler das Holz zu einem Dutzend
Schränke in einem zusägen, daß ein Buchbinder hundert
Bücher in einem der Reihe nach heften, beschneiden, mar—
morieren usw. kann.
Wie aber sieht es in praxi aus? Da hat zunächst der
Handwerker, wenn er die Prodnktion des einen Stücks an—
fängt, in der Regel noch gar nicht die Aufträge zur An—
fertigung der anderen. Hätte er sie aber, so würden sie
nur außerordentlich selten so gleichmäßig sein, um für alle
das Material einer gleichförmigen Behandlung unterziehen
zu können. Angenommen aber auch, diese Schwierigkeit
wäre behoben, so stände der Anwendung des material—
vereinigenden Verfahrens doch immer noch das schwer—
wiegende Bedenken entgegen, daß es die handwerksmäßige
Produktion viel zu sehr verlangsamen würde. Das ge—
nannte Verfahren gehört nämlich offenbar zu denjenigen,
die den Produktionsweg für eine Anzahl Produkte ver—
längern, um ihn im Durchschnitt für alle abzukürzen. Auch
der einzelne Arbeiter wird ohne Zweifel hundert Büchet
        <pb n="94" />
        Der Preiskampf.

93

rascher einbinden, wenn er, sich des materialvereinigenden
Verfahrens bedient, als wenn er sie einzeln eins nach dem
anderen einbindet. Dafür wird aber die Produktionszeit
für die ersten dreißig oder vierzig beträchtlich verlängert.
Dieser Übelstand ist entweder für die kapitalistische Pro—
duktionsweise überhaupt von geringem Belang, oder er
wird durch entgegenwirkende Maßnahmen, deren der Hand—
werker nicht mächtig ist, aus der Welt geschafft: durch eine
Produktion auf erweiterter Stufenleiter, wodurch das Ge—
samtmaterial einer größeren Anzahl von Produkten von
zahlreichen Arbeitskräften auf einmal in Angriff genommen
wird; durch Anwendung maschineller, chemischer oder
anderer Verfahrungsweisen, die die einzelnen Teile des
Produktionsprozesses abkürzen usw.

3. Das arbeitzerlegende Verfahren.
So nannte ich das Verfahren, das einen Komplex von
Arbeitsverrichtungen — sage das Spinnen eines Fadens —
in seine einzelnen Bestandteile mit Bewußtsein auflöst, das
mit Erfolg „versucht, den Geist herauszutreiben“, und dann
„die Teile in seiner Hand hat“.
Dieses Verfahren kann nun prinzipiell wiederum vom
Einzelarbeiter ebensogut wie von einer zu gemeinsamer
Produktion zusammengegliederten Vielzahl von Arbeitern
angewendet werden, ist also auch dem Handwerker nicht
verschlossen. Damit es aber die produktivitätsteigernde
Wirkung, deren es fähig ist, tatsächlich ausübe, muß es
1. in Verbindung mit dem materialvereinigenden Ver—
fahren, vor allem aber
2. unter gleichzeitiger dauernder Verteilung der durch
Zerlegung entstandenen Einzelfunktionen an bestimmte
Arbeiter (Spezialisation) angewendet werden 1).

PBal. die Ausführungen im ersten Kapitel des ersten Bändchens
        <pb n="95" />
        94 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
Die Erfüllung der ersten, dieser beiden Bedingungen
— —
keiten, denen er bei Anwendung des materialvereinigenden
Verfahrens begegnet. Die Erfüllung der zweiten Be—
dingung ist ihm aber geradezu in der überwiegenden Mehr—
zahl der Fälle unmöglich.
Die Spezialisierung der Arbeitsverrichtungen im Rah—
men eines Betriebes, die wir zuerst ins Auge fassen,
ist, wie wir in anderem Zusammenhange schon feststellten,
an die Voraussetzung einer das Ausmaß handwerksmäßiger
Produktion fast immer überschreitenden Mindestgröße des
Betriebsumfanges geknüpft. Soll ein Arbeiter in den
Stand gesetzt werden, immer nur Stoff oder Leder zuzu—
schneiden, so müssen Dutzende anderer Arbeiter vorhanden
sein, die den zugeschnittenen Rohstoff zu Kleidern oder
Stiefeln verarbeiten. Schon die Anfänge einer Speziali—
sation erheischen eine Betriebsgröße, die mindestens als
sogenannter „Mittelbetrieb“ zu kennzeichnen ist und die
kleinkapitalistische Unternehmung zur notwendigen ökono—
mischen Basis hat. Was aber von der Spezialisierung
der Arbeitsleistungen gilt, gilt ganz ähnlich auch für die
Differenzierung der Funktionen der Produktionsmittel: auch
hier ist die Voraussetzung stets eine Mindestgröße des Be—
triebsumfanges.
Nun kennen wir aber die Spezialisation auch noch in
einer anderen Form, in der sie betriebstechnisch im Rahinen
eines kleinen Betriebes sehr wohl möglich ist und tatsächlich
auch geübt wird: als Spezialisation zwischen Be—
trieben. Überall aber, wo wir von solchen kleinen
Spezialbetrieben hören, wie in der Berliner Tischlerei, in
der Schneiderei, handelt es sich bei genauerem Hinsehen
schon gar nicht mehr um Handwerksbetriebe, sondern ent—
weder schon um hausindustrielle oder mindestens kapital—
        <pb n="96" />
        Der Preiskampf.

95

hörige Existenzen. Wir dürfen daraus den Schluß ziehen,
daß in unserer heutigen Wirtschaftsverfassung auch die
Spezialisation zwischen Betrieben sich mit der handwerks—
mäßigen Produktionsweise nicht mehr verträgt. Und wenn
wir nach einer Begründung dieser Tatsache Umschau halten,
so brauchen wir gar nicht lange zu suchen. Der Grad
der Spezialisation eines Betriebes steht nämlich offenbar
im geraden Verhältnis zu der Schwierigkeit des Absatzes.
Je mehr Gegenstände einer und derselben Art in einem
Betriebe erzeugt werden, desto größer wird in der Regel
der Kreis der Konsumenten räumlich gezogen werden
müssen. Jene modernen Spezialbetriebe, von denen wir
Kunde haben, erzeugen denn auch fast immer nur entweder
Versandware oder Pofelware für großstädtische Vorstadt—
magazine. In beiden Fällen nehmen sie notgedrungen die
Vermittelung kaufmännischer Zwischeninstanzen in Anspruch,
die hier gleichsam die Funktion der Integrierung vollziehen.
Und da wissen wir nun, daß bei der chronischen Über—
füllung des Marktes, wie ihn unser Wirtschaftsleben not—
wendig als Begleiterscheinung hat, das Handwerk leicht in
materielle und bald auch formelle Abhängigkeit vom Kapital
zu geraten droht. So daß wir auch von dem durch Speziali—
fation genutzten arbeitzerlegenden Verfahren sagen müssen,
daß es unter den heutigen Verhältnissen dem Handwerk als
solchem nicht zugänglich ist.

J. Das wissenschaftliche Verfahren.
So bedeutsam auch, wie wir wissen!), die Anwendung
dieses Verfahrens für den Produktionserfolg ist, so kurz
können wir uns hier fassen, wo es sich um seine Wertung
im Konkurrenzkampfe zwischen Handwerk und Kapitalismus

J Val. hierzu die Ausführungen auf Seite 18ff. des ersten Bandes.
        <pb n="97" />
        —6 Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
handelt. Denn was hier noch einmal ausdrücklich kon⸗—
statiert werden soll: daß dem Handwerk die Anwen—
dung gerade dieses entscheidend wichtigen Förde—
rungsmittels versagt ist, ist etwas, das wir auf Schritt
und Tritt im Verlauf der gesamten Darstellung zu bemerken
Gelegenheit gehabt haben.
Im Grunde ist es ja eine Tautologie, zu sagen: das
Handwerk kann nicht wissenschaftlich, kann nicht rationell
produzieren. Denn alles, was technische und ökonomische
Rationalistik heißt, ist von Natur dem Wesen des Hand⸗
werks fremd, das ja vielmehr in der Empirie seinen be—
zeichnenden Ausdruck findet. Sieg der Rationalistik bedeutet
also schon deshalb Besiegung des Handwerks. Auch wenn
die Anwendung des wissenschaftlichen Verfahrens nicht, wie
es der Fall ist, aus mancherlei äußeren Gründen im Rahmen
der handwerksmäßigen Organisation ausgeschlossen wäre.
Vor allem: das wissenschaftliche Verfahren bedeutet, wie
wir wissen, den steten Wechsel in der Gestaltung des Pro—
duktionsprozesses. Und solcher Wechsel ist dem Handwerker
seiner Natur nach unmöglich.
Ersichtlich kann nun aber auch das rationelle Verfahren,
überhaupt kann die Wissenschaft in der Produktion erst An—
wendung finden, wenn und soweit eine kunstvolle Organi⸗
sation an die Stelle des einzelnen Arbeiters oder einer
Summe von Arbeitern den Gesamtarbeiter setzt. Denn, wie
wir ebenfalls wissen, das wissenschaftliche Verfahren be—
ruht gerade darin, den Produktionsprozeß ohne Rücksicht auf
die Leistungsfähigkeit und Geneigthei der menschlichen
Organe in seine Bestandteile aufzulösen und die Teil—
prozesse in neuer Zusammenfügung zu einem Ganzen zu
verbinden. Da müssen nun so viel Träger der Teilverrich⸗
lungen, so viel Beaufsichtiger von Teilprozessen geschaffen
werden, wie es das Verfahren rationell erachtet, und diese
        <pb n="98" />
        Teilarbeiter fügt dann erst die gesellschaftliche Betriebsform
zu einem Gesamtarbeiterorganismus, der dann den Gesamt—
prozeß repräsentiert, kunstvoll wieder zusammen. Das
wissenschaftliche Verfahren der Produktion hat sein Sub—
strat ebenso im Gesamtarbeiter des gesellschaftlichen Be—
triebes wie die Empirie in der individuellen Persönlichkeit
des einzelnen Produzenten. Das wissenschaftliche Ver—
fahren baut sich mit anderen Worten fast stets auf dem
arbeitzerlegenden und materialverringernden Verfahren auf.
Alles also, was den Handwerker hindert, sich dieser Ver—
fahren zu bedienen, hindert ihn auch, das wissenschaftliche
Verfahren anzuwenden.
Was endlich

Der Preiskampf.

97

d. das maschinelle Verfahren

anbetrifft, so habe ich schon in anderem Zusammenhange!)
darauf hingewiesen, daß seine rationelle Anwendung in fast
allen Fällen einen Umfang des Betriebes und eine Breite
der Vermögensbasis erheischt, die das gewöhnliche Ausmaß
handwerksmäßiger Produktion bei weitem überschreiten.
Will sich also der Handwerker des maschinellen Verfahrens
bedienen, so muß er erst einmal aufhören, — Handwerker
zu sein, und sich zuvor in einen kleinkapitalistischen Unter—
nehmer verwandeln.

y Vgl. in diesem Bändchen S. 20.

Sombart,. Gewerbewesen II.
        <pb n="99" />
        32

Gewerbepolitik.

III. Abschnitt.

Gewerbepolitik.

J. Kapitel.

Gewerbepflege.

Unter der Bezeichnung Gewerbepflege kann man alle
diejenigen Maßnahmen der Gewerbepolitik zusammenfassen,
die auf eine Förderung der gewerblichen Produktion durch
obrigkeitliche Fürsorge gerichtet sind, ohne daß dabei die
gewerbefreiheitliche Grundlage unserer Gewerbeverfassung
im Prinzip geändert würde. Hierher gehören
1. alle diejenigen Maßnahmen der Gesetzgebung und
Verwaltung, die eine Hebung des Absatzes gewerb—
licher Erzeugnisse im Auge haben. Als solche kommen
in Betracht Ausstellungen gewerblicher Erzeugnisse, Er—
richtung von Exportmusterlagern, in gewissem Sinne die
Gestaltung der Eisenbahntarife, vor allem aber alle handels—
politischen Maßnahmen. Insbesondere also die Regelung
des gesamten Zollwesens. So wichtig diese Maßnahmen
jedoch auch sein mögen, so fällt ihre Erörterung doch aus
dem Rahmen dieser Darstellung heraus und gehört in die
Abhandlungen über Verkehrspolitik, Handelspolitik usw.
2. Die zweite Kategorie von Maßnahmen, die wir hier
zu nennen haben, sind diejenigen, die eine Hebung und
Belebung der Produktion bezwecken. Ich rechne hier—
her alle diejenigen Gesetze und Verordnungen, durch die die
Sicherung des Erfindereigentums bewirkt wird; also jener
ganze Apparat von gesetzgeberischen und administrativen
Bestimmungen, den wir unter der Bezeichnung der Patent⸗
muster⸗ und Markenschutz-Gesetzgebung zusammenfassen. Dann
        <pb n="100" />
        Gewerbepflege.
aber gehören vor allem zu dieser Spezies alle jene Maß—
nahmen, welche darauf gerichtet sind, die Güte des Nach—
wuchses der gewerblichen Produzenten zu heben.
Mit andern Worten alle Bestrebungen zur Pflege des ge—
werblichen Unterrichts.
Gemäß unserer differenzierten gewerblichen Organisation
bedürfen wir und besitzen auch in den modernen Kultur—
staaten ein ganzes System von gewerblichen Unter—
richtsanstalten; zunächst die Anstalten zur Ausbildung
der Produktionsleiter des technischen und kaufmännischen
Generalstabes unserer Produktionswirtschaften. Das waren
bisher die Technischen Hochschulen, denen sich jetzt in wachsen—
dem Umfange sehr zweckmäßigerweise Handelshochschulen
angliedern. Sodann bedarf es Anstalten zur Ausbildung
des gewerblichen Unteroffiziertums, wie sie in den gewerb—
lichen Mittelschulen, den Techniken usw. geschaffen sind. End—
lich brauchen wir Anstalten zur Ausbildung der qualifizierten
Arbeitskräfte selbst. Wir besitzen beispielsweise in Deutsch—
land solche Anstalten in den Gewerbeschulen, den gewerb—
lichen Fortbildungsschulen usw., wie sie eine ganze Reihe
größerer Städte in letzterer Zeit errichtet haben.
Im großen ganzen ist jedoch festzustellen, daß, wie gut
die Ausbildung der Offiziere und Unteroffiziere unserer
Produktionsarmee geregelt ist, ebenso unvollkommen noch die
Organisation der Ausbildung der Mannschaften selber ist.
Diese Ausbildung, die ja selbstverständlich vor allem eine
praktische Ausbildung sein muß, ruht nämlich noch heute
wie vor tausend Jahren in den Händen der Handwerks—
meister. Es gibt zwar vereinzelte Fälle, in denen groß—
industrielle Etablissements sich der Ausbildung von Lehrlingen
annehmen, sie bilden jedoch durchaus die Ausnahme. So
daß also auch der gesamte Nachwuchs der Qualitätsarbeiter
in der Industrie durch die Schule des Handwerks hindurch—

99
        <pb n="101" />
        100

Gewerbepolitik.

geht. Dieser Zustand ist nun zweifellos mit starken Unzu—
träglichkeiten verknüpft. Das Handwerk ist in seiner be—
drängten Lage gar nicht mehr wirtschaftlich imstande und
gewillt, die kostspielige Funktion einer gewissenhaften An—
lernung des jungen Nachwuchses vorzunehmen, zumal es
immer seltener wird, daß wohlhabende Eltern, die also in
der Lage sind, ein beträchtliches Lehrgeld zu zahlen, ihre
Kinder dem Handwerk zuführen. Tie Handwerker sind aber
auch technisch heute nicht mehr in der Lage, einen allseitig
ausgebildeten Lehrling heranzuziehen, weil sie, wie wir aus
den früheren Betrachtungen wissen, entweder reine Spezial—⸗
betriebe oder aber, was der häufigere Fall ist, Reparatur—
betriebe geworden sind. Wozu endlich noch kommt, daß
der ganze Geist der Produktion in der Sphäre des Hand—
werks selbstverständlich ein ganz anderer wie in der In—
dustrie ist. So darf es uns denn nicht wundernehmen,
wenn wir beobachten, daß die jugendlichen Arbeitskräfte,
die beim Handwerk in die Lehre treten, von diesen nicht in
erster Linie ausgebildet, sondern von vornherein als billige
Arbeitskräfte ausgenutzt, um nicht zu sagen ausgebeutet
werden.
Eine prinzipielle Anderung des gegenwärtigen Zustandes
erscheint deshalb im Interesse einer Erhaltung der Güte
unserer gewerblichen Produktion dringend geboten, denn
schon häufen sich die Klagen, daß der Mangel an tüchtigen,
zgewerblichen Arbeitern immer fühlbarer wird. Als die
zweckmäßigste Form der Heranbildung eines tüchtigen, ge—
werblichen Arbeiterstandes erscheint die von den Zufällig—
keiten individueller Arbeitsverhältnisse losgelöste öffentliche
Lehrwerkstätte, in der also auch die Konsequenzen der
Veränderung der Technik, Ubergang vom empirischen zum
wissenschaftlichen Verfahren einzig und allein in sachgemäßer
Weise gezogen werden können. Schon heute macht das
        <pb n="102" />
        Gewerbliche Schutzpolitik. 101
System der Lehrwerkstätte erfreuliche Fortschritte. Freilich
ist ihre Benutzung einstweilen ein Privileg der bessersituierten
Familien, da ihr Besuch noch höhere Ansprüche an die
Börsen der Eltern und Vormünder stellt, als die Lehre
alten Stils mit ihrem Lehrgelde. Daher wird für unsere
Frage die Weiterentwicklung der Lehrwerkstätte in ihrer
heutigen Form keine wesentliche Bedeutung haben. Sie
wird die Elite des gewerblichen Nachwuchses, die schon heute
den Kreisen handwerksmäßiger Ausbildung entwachsen ist,
auf bessere und vollkommenere Weise ausbilden. Sie wird
aber keine Veränderung schaffen für das Gros von „Lehr—
lingen“, das heute dem Handwerk anheimfällt, weil es nicht
mehr die Mittel hat, mehrere Jahre ohne Verdienst zu
leben oder gar Kosten für seine Ausbildung aufzuwenden.
Man kann bei dieser Sachlage daran denken, den gewerb—
lichen Fachunterricht seiner Kostspieligkeit zu entkleiden und
jedermann auf Gemeinschaftskosten zugänglich zu machen.
Dazu drängt die Erwägung, „daß technischer Unterricht noch
mehr als der gewöhnliche Schulunterricht in der Gegenwart
zu große Kosten macht und erst in zu entfernter Zukunft
seine Vorteile einbringt, als daß die große Mehrzahl der
Eltern Mittel dafür aufbringen könnte. Wenn die Gemein—
schaft eine ununterbrochene Folge qualifizierter Arbeiter zu
haben wünscht, wird sie als Ganzes für ihren Unterricht zu
zahlen haben.“

II. Kapitel.
Gewerbliche Schutzpolitik.

J. Die Handwerkerbewegung.
Gewerbliche Schutzpolitik nenne ich alle diejenigen Maß—
nahmen der gewerblichen Politik, denen die Absicht gemein—
sam ist, die in unseren modernen Staaten durch den Kapita—
        <pb n="103" />
        102 Gewerbepolitik.

lismus geschädigten Eristenzen dadurch zu schützen, daß man
die Gewerbefreiheit in entscheidenden Punkten aufhebt. Hier
werden uns denn vor allen diejenigen Maßnahmen indter—
essieren, die den Zweck verfolgen, das Handwerk in seiner
Stellung gegenüber dem vordringenden Kapitalismus zu
schützen bezw. zu stärken. Es kommen hier freilich fast aus—
schließlich von den modernen Staaten Deutschland und
Osterreich in Betracht, auf die sich deshalb im folgenden
die Darstellung im wesentlichen beschränken wird.
Die Bestrebungen, eine Anderung der Gewerbe—
freiheit im Interesse des Handwerks herbeizuführen,
sind in Deutschland jetzt über ein halbes Jahrhundert alt.
Sie erreichen einen ersten Höhepunkt in der bekannten
Handwerkerbewegung des Jahres 1848. Damals tagten
neben der Nationalversammlung vom 15. Juli bis 18. August
zu Frankfurt a. M. der Deutsche Handwerker- und Gewerbe—
kongreß, das sogen. Handwerkerparlament, das in einer
großen Anzahl von Petitionen an die Nationalversammlung
das Prinzip vertrat, daß die Gewerbefreiheit, wie sie ins—
besondere ja Preußen bereits eingeführt hatte, zu Gunsten
einer zünftlerischen Gesetzgebung wieder beseitigt werden
müsse. Die Bestrebungen der Nationalversaminlung blieben
auch in diesem Punkte ohne Ergebnis, aber die Agitation,
die die Handwerker entfaltet hatten, erwies sich doch als
wirksam, denn nach Beendigung der 1848er Episode gingen
nun die Einzelstaaten daran, die Gewerbeordnung in einem,
den Forderungen der Handwerker entsprechendem Sinne
zu revidieren, insbesondere Preußen, wo das Ergebnis dieser
Revision die in der Übersicht des ersten Bändchens bereits
charakterisierte reaktionäre Gewerbeordnung vom 9. Fe—
bruar 1849 war.
Es kamen dann in den 1860er Jahren dee verschiedenen
gewerbefreiheitlichen Reformen und endlich die freiheitliche
        <pb n="104" />
        Gewerbliche Schutzpolitik.

103

Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund bezw. das
Deutsche Reich vom Jahre 1869. Die Aufschwungsperiode
jedoch, die Deutschland in den 1860er Jahren und in der
ersten Hälfte der 1870er Jahre erlebte, brachte es mit sich,
daß die reaktionäre Opposition der Handwerker verstummte
und das Handwerkertum sogar ein paar Jahrzehnte lang im
Schlepptau manchesterlich liberaler Politik segelte.
Ende der 1870er bezw. Anfang der 1880er Jahre
änderte sich die Situation in dem Maße, als die Bedrängnis
des Handwerks zunahm. Die Stimmen gegen die Gewerbe—
freiheit, die Forderungen einer Revision in zünftlerischem
Sinne wurden wieder laut und fanden ihre Vertretung in
den Organisationen, die sich in den 1880er Jahren das
Handwerk schuf. Im Jahre 1882 tagte die Allgemeine
deutsche Handwerkerversammlung in Magdeburg, 1883
wurde der Allgemeine deutsche Handwerkerbund begründet,
neben dem es noch den Zentralausschuß der deutschen In—
nungen gab. Diese beiden Organe verbrüderten sich im
Jahre 1892 auf dem Deutschen Innungs- und Allgemeinen
Handwerkertag zu Berlin, auf dem 2000 Delegierte an—
wesend waren, und in deren Händen lag die Führung des—
jenigen Teiles des Handwerks, der auf eine Anderung des
bestehenden Rechtszustandes drängt (und das ist die über—
wiegende Mehrheit), bis er durch die deutschen Handwerks—
und Gewerbekammertage abgelöst wurde, die heute als die
offiziellen Vertreter des Handwerkerstandes auf Grund der
durch das Gesetz von 1897 geschaffenen Organisation er—
scheinen. Eine selbständige Vertretung im Parlament haben
die Handwerker, obwohl mehrmals darüber disputiert worden
ist, nicht für nützlich gehalten; sie haben sie auch nicht nötig,
da die beiden mächtigsten politischen Parteien im Deutschen
Reich, die Konservativen und das Zentrum, in dem Bestreben
wetteifern, den Interessen des Handwerkerstandes zu dienen.
        <pb n="105" />
        104

Gewerbepolitik.

Das allgemeine Schlagwort, unter das die Vertretung einer
reaktionären Handwerkerpolitik jetzt erfogt, heißt die „Er—
haltung des Mittelstandes“, zu dem neben dem
Handwerk vor allem auch der notleidende kleine Krämer ge⸗
hört. Die Maßnahmen zum Schutze des Handwerks werden
deshalb häufig auch als Teil einer allgemeiner gedachten
Mittelstandspolitik aufgefaßt.
Die Forderungen, die die Handwerker an die Gesetz⸗
gebung stellen, sind außerordentlich zahlreich. Unter ihnen
ragen jedoch zwei an Bedeutung hervor, die im folgenden
einer näheren Prüfung unterzogen werden sollen. Tas ist
die Forderung einer zwangsweisen Organisation des Hand—
werks und die Forderung des Befähigungsnachweises.
II. Die zwangsweise Organisation des Handwerks.
Auf dem Gebiete der zwangsweisen Organisation haben
die Handwerker in Deutschland im wesentlichen bereits er⸗
reicht, was sie anstrebten. Das Gesetz vom 86. Juli 1897
erfüllt im wesentlichen alle ihre Forderungen. Um jedoch
das rechte Verständnis für deren Tragweite zu gewinnen,
ist es erforderlich, uns einen Überblick über den Entwicklungs⸗
gang zu verschaffen, den die Handwerkerorganisationen in
Deutschland seit der Einführung der Gewerbefreiheit ge⸗
nommen haben.
Die Gewerbeordnung von 1869 hatte die Innungen
der Handwerker zu rein privatrechtlichen Vermögensvereinen
erklärt; immerhin ohne ihnen den Charakter der juristischen
Person zu nehmen, den heute noch die Organisationen der
Arbeiter, die Gewerkschaften, vergeblich erstreben. Auf
dieser Rechtsgrundlage war die Entwicklung des Innungs⸗
wesens naturgemäß nur langsam von statten hegangen. Im
Jahre 1878 bestanden in Preußen 6018 Innungen mit
150000 Mitgliedern. Darunter jedoch nur 186 sogenannte
        <pb n="106" />
        Gewerbliche Schutzpolitik. 105

„neue“ Innungen, die außer der Vermögensverwaltung
noch andere korporative 8Zwecke verfolgten, wie sie die Ge—
werbeordnung von 1869 vorgesehen hatte.
8 97 der Gewerbeordnung hatte nämlich bestimmt, daß
diejenigen Personen, welche ein Gewerbe selbständig be—
treiben, zur Förderung gemeinsamer gewerblicher Interessen
zu einer Innung zusammentreten können, und hatte als
Aufgabe den neuen Innungen bezeichnet „die Pflege des
Gemeingeistes, Aufrechterhaltung der Siandesehre, Förderung
eines gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meistern und Ge—
sellen, Fürsorge für das Herbergswesen, Arbeitsnachweis,
Regelung des Lehrlingswesens, Entscheidung der Streitig—
keiten zwischen Innungsmitgliedern und Lehrlingen“. Auf
diese geringe Entwicklung des Innungswesens wiesen die
Freunde einer neuen Organisation des Handwerks hin, um
ihre Forderungen nach einer Anderung der Gewerbeordnung
im innungsfreundlichen Sinne zu stützen. Die Reichsregierung
gab dem Drängen nach und es folgte nun in den 1880er
Jahren eine Reihe von Novellen zur Gewerbeordnung, die
alle auf dem Prinzip einer indirekten Beförderung der
Innungen beruhten. Es sind die Novellen von 1881, 1884,
1887, die zur Einführung der berühmten 88 1000 und
100k in die Gewerbeordnung führten. Der Grundgedanke
dieser neuen Bestimmung ist der, daß man bewährte In—
nungen mit Privilegien ausstattete, um dadurch einen Anreizʒ
zur Bildung von Innungen zu schaffen.
Der 8 1006 hatte bestimmt, daß für den Bezirk einer
Innung, deren Tätigkeit auf dem Gebiet des Lehrlings—
wesens sich bewährt hatte, durch die höhere Verwaltungs—
behörde nach Anhörung der Aufsichtsbehörde angeordnet
werden könnte, daß Streitigkeiten aus dem Lehrverhältnisse
der im 8 3, Absatz J des Gesetzes betreffend die Gewerbe—
gerichte vom 29. Juli 1890 bezeichneten Art auf Anrufen
        <pb n="107" />
        106

Gewerbepolitik.

eines der streitenden Teile von der zuständigen Innungs—
behörde auch dann zu entscheiden sind, wenn der Arbeitgeber
der betreffenden Innung nicht angehört; daß die Vorschriften
über die Regelung des Lehrlingsverhältnisses sowie über
Ausbildung und Prüfung der Lehrlinge ebenfalls für Nicht—
innungsmitglieder bindend seien, und endlich, daß Nicht—
innungsmitgliedern von einem bestimmten Zeitpunkte an ver—
boten werden könne, Lehrlinge überhaupt anzunehmen.
*100 hatte dann die Ergänzung hinzugefügt, daß
Nichtinnungsmitglieder zu den Kosten herbeigezogen werden
könnten, die bei der Innungstätigkeit bewährter Innungen
diesen erwüchsen.
Hatte nun auf Grund dieser Privilegierungen die In—
nungsbewegung einen neuen Aufschwung genommen oder
nicht? War ihr Umfang derart, daß er billigen Anforderungen
genügen mußte oder blieben die Innungen ohne das Prinzip
des Zwanges immer noch zu einer kümmerlichen Existenz
verurteilt? Das war der Streitpunkt, um den sich Mitte
der 1890er Jahre die Diskussion in Politik und Wissenschaft
drehte. Durch einen bedauerlichen Zufall hatte auch in der
wissenschaftlichen Erörterung sich die Meinung herausgebildet,
daß Mitte der 1890er Jahre erst etwa ein Zehntel aller
Handwerker in Innungen organisiert sei. Zuverläfsige Be—
rechnungen ergaben jedoch, daß die Ziffer der organisierten
Handwerksmeister eine viel höhere war, daß sie, wenn man
nur die Innungen berücksichtigt 25—80 0/0, unter Hinzu—
rechnung auch der Gewerbevereine 29—35 0/0 (die beiden
Ziffern sind die Ergebnisse der Berechnungen Thilo Hampkes
und Paul Voigts) betrug.
Die Statistik lehrt, daß dieses Viertel oder Drittel der
Handwerksmeister so ungefähr alles war, was überhaupt
der Organisation sich zugänglich erwies. Denn es muß
bedacht werden, daß etwa 550,,0 aller Handwerksmeister
        <pb n="108" />
        Gewerbliche Schutzpolit:

Alleinmeister sind, die naturgemäß an dent
zu Innungen so gut wie gar kein Interesse
ein anderer großer Teil der Handwerker vib
vand derart zerstreut lebt, daß eine Organisation
unüberwindliche Hindernisse bietet.
Diese nüchternen Erwägungen hatten jedoch nicht den
gewünschten Erfolg. Vielmehr führten die Bestrebungen
der Handwerker zu dem schon genannten Gesetz vom
26. Juli 1897 betreffend Abänderung der Ge—
werbeordnung, in dem das neue Prinzip der zwangs—
mäßigen Organisation ausgesprochen wird. Danach gibtes
jetzt in Deutschland sogenannte fakultative Zwangs—
innungen, d. h. es kann der Beitritt zu einer Innung er⸗
zwungen werden, wenn mindestens die Hälfte sämtlicher
Handwerker desselben oder verwandter Gewerbe innerhalb
eines bestimmten Bezirks dem Beitrittszwang zustimmen.
Außerdem führt die Novelle noch die Handwerks—
kammern ein, die gleichsam eine Krönung des Gebäudes
bilden sollen, das in den Zwangsinnungen seine Grund—
mauern hat, in denen dem Handwerk eine Vertretung ge—
geben werden soll, wie sie Handel, Industrie und Laud—
wirtschaft bereits in den Handels⸗ und Landwirtschaftskammern
besitzen.
Die Zeit seit Inkrafttreten dieses Gesetzes, dessen letzter
Teil erst am 1. Oktober 1901 Gesetzeskrast erlangt hat, ist
zu kurz, als daß man schon ein abschließendes Urteil über
seine Wirksamkeit fällen könnte. Nur was den äußeren Er⸗
folg anlangt, läßt sich heute schon einiges aussagen. Aus
einer statistischen Studie Dr. Thilo Hampkes in Conrads
Jahrbüchern Mai 1903 geht hervor, daß die zwangsweise
Organisation tatsächlich die Zahl der organisierten Hand—
werker doch noch zu vermehren vermocht hat. Zwar ist die
Zahl der Innungen seit Erlaß des Gesetzes nur um 69

do
———
        <pb n="109" />
        Gewerbepolitik.
gestiegen, die Zahl der Mitglieder jedoch von 331364 auf
457 283, also um 125919, d. h. um 380/0. Damit würde
sich die Zahl der in Innungen organisierten Handwerker
von 25040 (dies war die Hampkesche Berechnung für die
Zeit vor Erlaß des Gesetzes gewesen) auf 85,20/0, nach
der Voigtschen Berechnung von 300/0 auf 35,20/0 gehoben
haben. Rechnet man die in Gewerbevereinen organisierten
Handwerker, die nicht Innungsmitglieder sind, in Höhe von
89 100 Handwerkern hinzu, so beträgt die Zahl der in
Deutschland in Innungen und Gewerbevereinen heute or—
ganisierten Handwerker 546383, also 420/, aller Hand⸗—
werker Deutschlands.
Wie weit diese Ausdehnung des Kreises der organi—
sierten Handwerker auf Gebiete, die bisher sich der Organi—
sation entzogen hatten, verwaltungstechnische Schwierigkeiten
hervorruft, läßt sich im Augenblick noch nicht übersehen.
So viel jedoch muß man jetzt schon mit Bestimmtheit aus—
sagen, daß die zwangsweise Hereinziehung der gesamten
Angehörigen eines Gewerbes, also auch der Widerwilligen,
auf der einen Seite zweifellos die gedeihliche Entwicklung
einzelner kräftiger Existenzen unter den Handwerkern zu
verhindern imstande ist, wodurch gerade jener Auslese—
prozeß zum kleinkapitalistischen Unternehmer, den wir als
die einzige Rettung wenigstens einzelner Handwerkerexisten—
zen anerkannten, aufgehalten wird, und daß auf der andern
Seite die gezwungene, widerwillige Minorität häufig genug
der willigen Majorität Hindernisse zu bereiten geneigt und
in der Lage sein wird.
Aber viel wichtiger als diese Dinge ist die Frage, ob
denn die zwangsweise Organisation der sämtlichen Hand—
werker eines Gewerbes, wie sie nun durch das Gesetz durch—
geführt werden kann, wirklich dazu beizutragen vermag, die
schwierige Lage, in der sich das Handwerk befindet, zu ver—

198
        <pb n="110" />
        Gewerbliche Schutzpolitik.

109

bessern. Sehen wir zu, welche Aufgaben den Innungen
durch das neue Gesetz zugewiesen sind, so finden wir sie
in den 8812 und 8 81b wie folgt aufgezählt:
z812. Aufgabe der Innungen ist:
1. die Pflege des Gemeingeistes sowie die Aufrecht—
erhaltung und Stärkung der Standesehre unter den
Innungsmitgliedern;
die Förderung eines gedeihlichen Verhältnisses
zwischen Meistern und Gesellen (Gehilfen) sowie
die Fürsorge für das Herbergswesen und den Ar—
beitsnachweis;
die nähere Regelung des Lehrlingswesens und die
Fürsorge für die technische, gewerbliche und sittliche
Ausbildung der Lehrlinge, vorbehaltlich der Be—
stimmungen der 88 1036, 126 bis 1324;
die Entscheidung von Streitigkeiten der im 8 8 des
Gewerbegerichtsgesetzes vom 29. Juli 1890 (Reichs⸗
Gesetzbl. S. 141) und im 8 5334 des Krankenver—
sicherungsgesetzes (Reichs-Gesetzbl. 1892 S. 379)
bezeichneten Art zwischen den Innungsmitgliedern
und ihren Lehrlingen.
881b. Die Innungen sind befugt, ihre Wirksamkeit auf
andere, den Innungsmitgliedern gemeinsame gewerbliche
Interessen als die im 8 81a bezeichneten auszudehnen. Ins—
hesondere steht ihnen zu:
1. Veranstaltungen zur Förderung der gewerblichen,
technischen und sittlichen Ausbildung der Meister,
Gesellen (Gehilfen) und Lehrlinge zu treffen, ins—
besondere Schulen zu unterstützen, zu errichten und
zu leiten, sowie über die Benutzung und den Besuch
der von ihnen errichteten Schulen Vorschriften zu
erlassen:

3
        <pb n="111" />
        110

Gewerbepolitik.

2. Gesellen- und Meisterprüfungen zu veranstalten und
über die Prüfungen Zeugnisse auszustellen;
zur Unterstützung ihrer Mitglieder und deren An—
gehörigen, ihrer Gesellen (Gehilfen), Lehrlinge und
Arbeiter in Fällen der Krankheit, des Todes, der
Arbeitsunfähigkeit oder sonstiger Bedürftigkeit Kassen
zu errichten;
Schiedsgerichte zu errichten, welche berufen sind,
Streitigkeiten der im 8 des Gewerbegerichtsgesetzes
und im 853 a des Krankenversicherungsgesetzes be—
zeichneten Art zwischen den Innungsmilgliedern und
ihren Gesellen (Gehilfen) und Arbeitern an Stelle
der sonst zuständigen Behörden zu entscheiden;
zur Förderung des Gewerbebetriebes der Innungs—
mitglieder einen gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb
einzurichten.
Wird durch die Erfüllung einer dieser Aufgaben, so
müssen wir fragen, die Stellung des Haudwerks im Kon—
kurrenzkampfe mit dem gewerblichen Kapitalismus gestärkt?
Ich glaube, daß darauf mit einem entschiedenen Nein zu
antworten ist, es sei denn, man wolle die Errichtung ge—
meinschaftlicher Geschäftsbetriebe für ein solches Stärkungs⸗
mittel ansehen. Dagegen wäre aber einzuwenden, daß dieses
Mittel anzuwenden seit jeher dem Handwerker freigestanden
hat, daß aber, wie wir an anderer Stelle gesehen haben,
seine Benutzung auf ein winziges Gebiet beschränkt geblieben
ist. Diese Tatsache, daß ihnen die Zwangsorganationen
im Kampfe mit dem Kapitalismus an und für sich gar
nichts nützen, geben denn auch die Handwerkerführer un⸗—
umwunden zu. Sie betrachten daher die Einführung der
Zwangsinnungen nur als einen ersten Schritt auf dem
Wege weiterer Reformen, für die die neugeschaffene Organl—
sation nur die Verwaltungsorgane schaffen sollte, die zu

5.
        <pb n="112" />
        111
ihrer Durchführung erforderlich sind. Worauf sich im wesent—
lichen nun die weitere Agitation der Handwerkerbewegung
fonzentriert ist:

III. Die Einführung des Befähigungsnachweises.

Der Befähigungsnachweis, d. h. die Beschränkung der
Zulassung zum Gewerbebetriebe auf diejenigen Personen,
welche ihre Befähigung zur Ausübung dieses Gewerbes
nachweisen, kann durch zwei verschiedene Arten erbracht
werden. Entweder durch den Nachweis einer vorschrifts—
mäßigen Ausbildung, dann spricht man von einem Ver—
wendungsnachweis, oder durch den Nachweis einer be—
standenen Meisterprüfung.
Die Gewerbeordnung von 18689 kennt den Befähigungs—
nachweis nur für Berufe, von deren Ausübung das Wohl
und Wehe anderer Personen abhängig ist: Hebammen,
Apotheker, Lotsen usp. Es mag bemerkt werden, daß eine
Begründung der Ausdehnung des Befähigungsnachweises
auf sämtliche Gewerbe mit dem Hinweis auf die genannten
jetzt schon dem Befähigungsnachweis unterstehenden Ge—
werbe nicht statthaft ist. Es besteht vielmehr ein funda—
mentaler Unterschied zwischen jenen, sagen wir, gemein—
gefährlichen Gewerben und allen übrigen. Wenn ein Apo—
theker nichts versteht von seinem Handwerk und mir statt
doppeltkohlensaures Natron Arsenik verabreicht, oder wenn
ein Lotse die Küste nicht kennt und ein Schiff mit tausend
Passagieren auf den Grund fährt, so sind das andere Wir—
kungen der Ausübung einer gewerblichen Tätigkeit, als
wenn mich die Stiefel drücken, die mein Schuster macht, oder
mir der Anzug meines Schneiders schlecht sitzt. Im ersten
Falle muß ich mich auf die Tüchtigkeit des betreffenden
Gewerbetreibenden verlassen können, will ich nicht mein
Leben gefährden; im andern Fall handelt es fich um
        <pb n="113" />
        112 Gewerbepolitik.

Schädigungen geringfügiger Art, die ich dadurch vermeiden
kann, daß ich das nächste Mal zu einem andern Handwerker
gehe. Es ist deshalb auch die Frage, ob etwa der Kreis
jener gemeingefährlichen Gewerbe, bei deren ungeschickter
Ausübung das öffentliche Interesse verletzt wird, auf heute
noch freie Gewerbe auszudehnen zweckmäßig ist oder nicht, eine
Frage, die mit der Einführung eines allgemeinen Befähigungs—
nachweises gar nichts zu tun hat. Es ist sehr wohl disku—
tabel, ob man beispielsweise das Baugewerbe oder das
Gewerbe der Privatmusiker der Ablegung eines Befähigungs—
nachweises unterwerfen will, indem man von der Erwägung
ausgeht, daß auch diese Gewerbe bei mangelhafter Tüchtig—
keit ihrer Vertreter öffentliche Interessen gefährden können.
Es handelt sich vielmehr darum, ob die Ausübung jedes
beliebigen Handwerks an einen Befähigungsnachweis ge—
knüpft werden soll oder nicht. Gegen solche Anderungen
der Grundsätze unserer Gewerbeverfassung erheben sich nun
aber schwerwiegende Bedenken, denen ich im folgenden in
Kürze Ausdruck geben will.
Man kann sich den Befähigungsnachweis ausgedehnt
denken auf kapitalistische Unternehmungen und auf das
Handwerk im eigentlichen Sinne, also einen Befähigungs—
nachweis für jede gewerbliche Tätigkeit, sie mag ausgeübt
werden von wem sie wolle. Werden auch die kapitalistischen
Unternehmungen einem Befähigungsnachweis unterworfen,
so sind zwei Fälle möglich, entweder, und das wäre der
wahrscheinlich eintretende Fall, würde die Bestimmung sich
als unwirksam erweisen, weil es dem kapitalistischen Unter—
nehmer gelingen würde, irgend einen Strohmann anzustellen,
der den Befähigungsnachweis zur Ausübung des Gewerbes
erbringen könnte. Oder aber das Gesetz würde nicht in
diesem Sinne umgangen, dann könnte man eine solche Vor—
schrift, die den Leiter eines großen Unternehmens zwänge,
        <pb n="114" />
        Gewerbliche Schutzpolitik. 113
auf irgend eine Weise den Nachweis zu erbringen, daß er
die Fertigkeiten eines technischen Arbeiters besitze, nicht
anders wie als groben Unfug bezeichnen. Es beruht auf
einer totalen Verkennung des Wesens moderner, d. h. kapi—
talistischer Organisation des Gewerbes, wenn man annimmt,
der Produktionsleiter müsse auch die Qualifikation zum
technischen Arbeiter besitzen, denn die Eigenart dieser Organi—
sation beruht ja gerade darauf, daß an die Spitze der Pro—
duktion Kaufleute, Organisatoren, treten, die die technische
Arbeit von andern ausführen lassen. Der Leiter einer
großen Schuhfabrik, der Inhaber eines großen Konfektions—
geschäftes, sie sind nicht dadurch zu ihrer Stellung qualifi⸗—
ziert, daß sie Stiefeln oder Röcke machen können, sondern
dadurch, daß sie Hunderte und Tausende von technischen
Arbeitern zu einem gemeinsamen Werke zusammenfassen und
deren Erzeugnisse auf einem großen Markte abzusetzen ver⸗
mögen.
Diese Erwägungen haben denn wohl auch dazu geführt,
daß heutzutage die Forderung, den Befähigungsnachweis
auch auf die kapitalistischen Unternehmungen auszudehnen,
kaum noch erwogen wird. Man wäünscht ihn vielmehr be—
schränkt auf handwerksmäßige Betriebe. Im Falle einer
solchen Beschränkung ist nun aber zu bemerken, würde der
Befähigungsnachweis dem Handwerker von gar keinem oder
doch nur sehr geringem Nutzen sein. Er würde ihm zunächst
nichts nützen, und darauf kommt es doch immer vor allem
an, in seinem Konkurrenzkampf mit der kapitalistischen Unter—
nehmung, denn diese ist es ja gerade, wie wir an anderer
Stelle zu beobachten Gelegenheit hatten, die den Hand—
werker durch Lieferung besserer Ware häufig genug aus dem
Felde geschlagen hat. Es kann gar keinem Zweifel unter—
liegen, daß die handwerksmäßige Schneiderei, Schuhmacherei,
Bäckerei, Tischlerei, Schlosserei usw. mindestens ebensosehr

Sombart, Gewerbewesen JII.
        <pb n="115" />
        114

Gewerbepolitik.

dadurch Abbruch erlitten hat, daß in den kapitalistischen
Unternehmungen höhere Qualitätsleistungen erzielt worden
sind, als dadurch, daß die kapitalistische Unternehmung
billigere bezw. schlechtere Waren liefert. Und ebensowenig
würde die Einführung des Befähigungsnachweises den
Handwerker gegenüber seinen eigenen Genossen, dem kon—
kurrierenden Handwerksmeister, schützen. Die Einführung
des Befähigungsnachweises beschränkt ja zunächst die Zahl
der konkurrierenden Handwerksmeister gar nicht, und darauf
käme es doch vor allem an, daß die Konkurrenz der Hand—
werker untereinander beschränkt würde. Wollte man dieses
Ziel erreichen, so müßte man daran denken, nur eine be—
stimmte Anzahl von Handwerkern zur Ausübung des Ge—
werbebetriebes zuzulassen, d. h. also den numerus clausus,
wie ihn die Zünfte in den späteren Jahrhunderten ein—
führten, wieder zur Geltung zu bringen. Oder aber man
müßte durch andere Schikanen — hohe Eintrittsgelder,
lange Wartezeit usw. — das Nachrücken der jüngeren Meister
aufzuhalten trachten: Gedanken also, die heutzutage auch
in zünftlerischen Kreisen doch nur im geheimen geäußert
werden.
Der Befähigungsnachweis verhindert aber den Hand—
werker auch nicht einmal, seinen Nebenmann, wie es heut—
zutage der Fall ist, durch billige, weil schlechte Arbeit, zu
unterbieten, um sich gegenüber der kapitalistischen Konkur—
renz über Wasser zu halten. Wenn ein Handwerker glaubt,
daß er besser fährt, wenn er schludrig, dafür aber billig
arbeitet, so wird ihn die Tatsache, daß er besser arbeiten
kann, nicht daran hindern, jenen Ausweg zu betreten.
Nun könnte man aber vielleicht verlangen, der Gesetzgeber
solle dem Wunsche der Handwerker, die nun einmal glauben,
daß der Befähigungsnachweis die Panazee sei, durch seine
Einführung entgegenkommen, wenn er sich nicht sagen müßte,
        <pb n="116" />
        Gewerbliche Schutzpolitik. 115

daß der Befähigungsnachweis auf der anderen Seite, so
nutzlos er für das Handwerk im ganzen ist, mit großen Un—
zuträglichkeiten verknüpft ist, und zwar mit Unzuträglichkeiten
gerade für die strebsameren Elemente im Handwerk. Man
braucht gar nicht einmal an die Schikanen zu denken, die
möglicherweise mit einer Meisterprüfung verbunden sein
könnten, denn, wie schon angeführt, ist ein Befähigungs—
nachweis auch ohne Meisterprüfung möglich, wenn man ihn
als sogenannten Verwendungsnachweis einführt. Es genügt
vielmehr vollständig die eine Erwägung, daß durch die Ein—
führung des Befähigungsnachweises zweifellos die freie Be—
weglichkeit des Handwerkers eingeschränkt wird. Gerade
auf dieser freien Beweglichkeit aber, der Möglichkeit, in
jedem Augenblick diejenige gewerbliche Tätigkeit aufzugreifen,
die einem momentanen Bedürfnis entspricht, für die, wie
wir sagen, gerade eine günstige Konjunktur herrscht, be—
gründet sich die Existenz derjenigen Elemente im Handwerk,
die auch heute noch ihr Auskommen finden. Die gewerb—
liche Produktion ist, wir wir wissen, in einer unausgesetzten
Umgestaltung begriffen. Bei dieser Umgestaltung ergeben sich
immer wieder einzelne Tätigkeiten, die sich sehr wohl zur
Ausübung in kleinen Handwerksbetrieben oder kleinkapita—
listischen Unternehmungen eiguen: Tätigkeiten, die häufig
mit einem Handwerk, wie es aus der Geschichte überkommen
ist, nur in einem sehr losen Zusammenhange stehen. Oder
aber es bietet sich für den Handwerker der Ausweg, den
Ausfall an Einnahmen durch Vereinigung seines früheren
Handwerks mit anderen verwandten Handwerken auszu—
gleichen: ein Fall, der, wie wir sehen, heute häufig genug
vorkommt. Nun hat aber die Einführung eines Befähigungs—
nachweises zur notwendigen Voraussetzung die scharfe und
dauernde Abgrenzung der einzelnen Gewerbe gegeneinander.
Denn offenbar ist eine solche Abgrenzung von Gesetzes wegen

22*
        <pb n="117" />
        116

Gewerbepolitik.

erforderlich, wenn die Ausübung eines bestimmten Gewerbes
an die Ablegung des Befähigungsnachweises geknüpft und
also, wenn ohne solchen Nachweis ersolgend, unter Strafe
gestellt werden soll. Diese Verknöcherung des Handwerkes
steht aber, wie nicht weiter ausgeführt zu werden braucht,
in einem schreienden Gegensatz zu aller modernen Technik
und aller modernen Absatzorganisation.
Wie richtig das ist, was ich eben ausgeführt habe, lehrt
uns die Erfahrung, die in einem Nachbarstaate mit dem
Befähigungsnachweis gemacht worden ist. In Osterreich
ist nämlich durch Gesetz vom 15. März 1883 der Be—
fähigungsnachweis in Form des Verwendungsnachweises
eingeführt. Während man aber noch nicht gehört hat, daß
dort der Auflösungsprozeß des Handwerks durch diese ge—
setzgeberische Maßnahme aufgehalten sei, haben sich jene
Unzuträglichkeiten, von denen ich sprach, schon in recht be—
merkenswerter Weise fühlbar gemacht. Insbesondere hat
die Abgrenzung von Gewerben zu einer Reihe von lästigen
Erörterungen und Auseinandersetzungen geführt, wie man
sie in unserer Zeit kaum noch für möglich halten sollte.
Wenn man die Entscheidungen der zuständigen Behörden
liest, die diese gefällt haben, wo sich benachteiligt glaubende
Handwerker Klagen gegen die gesetzmäßige Ausübung ihres Ge—
werbes anstrengten so meint man, in einem alten Zunftbuche
vergangener Zeiten zu blüttern, und muß sich erst mit An—
strengung davon überzeugen, daß es sich um Vorgänge am
Ausgange des 19. Jahrhunderts handelt. Ich kann nichts
besseres tun, als hier einen dieser Entscheide zum Abdruck
zu bringen, aus dem der Leser am besten ersieht, zu welchen
Konsequenzen die Einführung des Befähigungsnachweises
notwendig führt.
Wie zur Zunftzeit, so haben auch jetzt wieder die Leder—
hosen in den Gewerbestreitigkeiten in Esterreich eine große
        <pb n="118" />
        Gewerbliche Schutzpolitik.

117

Rolle gespielt. Wie damals, so stritten sich dort Handschuh—
macher und Schneider um die Herstellung dieses Artikels,
bis endlich das Ministerium des Innern im Einvernehmen
mit dem Handelsministerium dahin entschied, daß die
Schneider ebenso wie die Handschuhmacher zur Anfertigung
lederner Hosen, mit welcher Naht auch immer, berechtigt
sind, da den Schneidern dem Wesen ihres Gewerbes nach
nicht verwehrt werden kann, Hosen aus was immer für
einem Materiale, somit auch aus Leder, und mit welcher
Naht auch immer zu verfertigen, anderseits die Handschuh—
macher einer alten Gewohnheit gemäß ebenfalls berechtigt
erscheinen, lederne Hosen herzustellen. Mit dieser Ministerial—
entscheidung sind die Lederhosen jedoch noch nicht aus der
Reihe der streitigen Artikel geschwunden. Noch immer
streiten sich die Handschuhmacher mit den Weißgerbern
wegen des Waschens und Putzens dieser Gegenstände. Die
Handelskammer zu Wien spricht sich nun dahin aus, daß
beide Gewerbe zu dieser Tätigkeit gleich befähigt wären.
Sie spricht jedoch dieselbe dem Handschuhmacher aus folgen—
den Gründen zu. Die Kammer sagt: „Durch das Waschen
wird nämlich das Leder verzogen, wodurch die gewaschene
Hose eine von der ursprünglichen verschiedene Form annimmt;
die Ausgleichung der Form wieder vorzunehmen ist aber
wohl derjenige berufen, welcher sich auf die Erzeugung und
den Schnitt solcher Hosen versteht. Während des Waschens
lockern sich ferner viel Nähte, reißen wohl auch, und fällt
die Arbeit der Ausbesserung vor allem dem mit dem Nähen
vertrauten Handschuhmacher zu. So gewiß indessen alle
diese Umstände dafür sprechen, den Handschuhmachern und
nicht den Weißgerbern das Nähen der ledernen Kleidungs—
stücke, insbesondere von Lederhosen zuzuerkennen, so wäre
nach hiexartiger Anschauung gleichwohl eine Ausnahme für
jene Orte und Gegenden zu machen, wo sich kein Handschuh—
        <pb n="119" />
        118

Gewerbepolitik.

macher, wohl aber Weißgerber befinden. In diesen soll
den Weißgerbern diese Tätigkeit zufallen.“ (Nach Thilo
Hampke, Der Befähigungsnachweis. 1892.)

IV. Der Schutz gegen den Kapitalismus.

Das Ergebnis unserer Betrachtungen in den vorauf—
gehenden Sätzen war das, daß die Gewerbefreiheit im
Prinzip selbst für die handwerksmäßige Produktion heute
noch das richtige Organisationsprinzip sei. Wenn das aber
für das Handwerk gilt, so gilt es in erhöhtem Maße für
den gewerblichen Kapitalismus. Es unterliegi keinem Zweifel
und ist auch nie ernstlich bestritten worden, daß seinen Inter—
essen am besten gedient ist durch eine möglichst weitgehende
Gewerbefreiheit.

Ich habe an anderer Stelle die Gründe dargelegt,
weshalb dem so ist; aber auch der Allgemeinheit ist wohl
mit der gewerblichen laisser faire Politik einstweilen am
besten gedient, d. h. solange, bezw. insoweit sie noch nicht
imstande ist, die Produktion selbst in die Hand zu nehmen;
Ansätze dazu lernten wir kennen. Und wir können hinzu—
fügen, daß zweifellos aus diesen Ansätzen sich bedeutsame
Gestaltungen in der Zukunft horoskopieren lasfen.
Aber freilich ohne Schutzmaßregeln vermag die Ge—
sellschaft den Kapitalismus nicht zu ertragen, das hat die
Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte bereits zur Genüge
gelehrt und lehrt täglich die Erfahrung noch heute. Die
Kraft, die in der kapitalistischen Organisation steckt und die
erzeugt wird durch den schrankenlosen Erwerbstrieb ist eine
so ungeheure, daß sie, wo sie sich frei betätigt, rings um sich
herum Land und Menschen, Kultur und Gesittung, alles
einfach kurz und klein schlägt. Man muß deshalb diesme
wilden Tiere Zügel anlegen, damit es seine Kraft zwar be—
        <pb n="120" />
        Gewerbliche Schutzpolitik. 119
tätigen, jedoch seiner Umgebung nicht durch allerhand Un—
arten schädlich zu werden vermag.
Was in viel weiterem Umfange und viel energischer als
bisher gegen die Verwüstungen durch den Kapitalismus zu
schützen wäre, ist das Land, richtiger die Landschaft. Ich
denke hier an die Verunstaltungen, die unausgesetzt durch
die Anlage gewerblicher Etablissements den schönsten Gegen—
den unseres Landes zuteil werden; an den Mißbrauch ge—
weihter Stätten zu Reklame- und anderen Geschäftszwecken,
denke aber vor allem auch an die Verwüstung der Wälder,
wie sie als eine notwendige Folge der rein geschäftlichen
Ausnutzung des Waldes eintreten muß. Wenn man heute
über den Holzlagerplatz einer Parkettfabrik geht und sieht
hier die hundertiährigen Eichen in massenhafter Menge auf—
gestapelt, aus denen dann die Parkettbrettchen für unsere
elenden Stadtwohnungen gefertigt werden, so fragt man
sich, ob es denn überhaupt noch in ein paar Jahrzehnten,
wenn die letzten alten Waldbestände beseitigt sind und alles
in eine kümmerliche städtische Kultur umgewandelt ist, ob
es sich dann überhaupt noch der Mühe lohnt, weiter zu
leben, denn diese UÜberführung des Eichbaumes in die
Mietskaserne, ebenso wie die Transsubstation des Fichten—
stammes zum inhaltslosen Zeitungsblatt ist gleichsam nur
ein Symbol für den großen Entwicklungsgang, den unsere
Zeit durchgemacht hat.
Häufiger als der Landschutz ist schon heute der Menschen—
schutz. Was gegen den Kapitalismus zu schützen ist, sind
zunächst einmal in gewissen Grenzen die Konsumenten.
Das ist heute schon anerkannt dort, wo wie in Deutschland
und anderen Ländern es eine Gesetzgebung zur Verhütung
der Nahrungsmittelverfälschung, eine Gesetzgebung zur Ver—
hinderung des unlauteren Wettbewerbes concurrence déloyale
 usw. gibt. Es ist möglich, daß der Konsumenten—
        <pb n="121" />
        120

Gewerbepolitik.

schutz in Zukunft noch weiter ausgedehnt werden muß;
namentlich ist es nicht ausgeschlossen, daß die weitere Ent—
wicklung des Kartellwesens, das schließlich zu einer Mono—
dolisierung des Marktes führt, im Interesse der Konsumen—
ten Eingriffe in die Freiheit des seine Monopolstellung aus—
beutenden Unternehmers nötig macht.
In den Vereinigten Staaten von Amerika, wo heute
schon alle wichtigeren Zweige der Produktion und des Ver—
kehrs vertrustet sind und die Bevölkerung einer Hand voll
beliebiger Milliardäre ausgeliefert ist, scheint der Zeitpunkt,
im Interesse der Gemeinschaft dem Unfug der Monopol—
bildung zu steuern, bereits sehr nahe gerückt zu sein. Bei
uns liegen derartige Gefahren in weiter Ferne und es er—
scheint müßig, schon jetzt sich den Kopf zu zerbrechen, wie
in Zukunft die Interessen des konsumierenden Publiknms
gegenüber den Monopolbestrebungen der Industrie oder
des Verkehrs zu wahren seien.
Am frühesten hat man die Gefahren erkannt, die das
schrankenlose Wirken des Kapitalismus für die in seinem
Dienste besindlichen Arbeiter mit sich bringt. Und dem—
gemäß ist dann auch die Schutzgesetzgebung auf diesem Ge—
biet bereits viel weiter fortgeschritten. Was hier in Frage
steht, ist natürlich das, was man unter der sozialen Ge—
setzgebung, genauer unter dem Arbeiterschutz zu ver—
stehen pflegt.
Der Behandlung dieses Teiles der Gewerbepolitik ist
sedoch ein besonderes Bändchen in dieser Sammlung ge—
widmet, so daß es an dieser Stelle erübrigt, näher anf die
Sache einzugehen.
        <pb n="122" />
        Literatur zu Band J und II „Gewerbewesen“.

Die Spezialliteratur über das Gewerbewesen ist unüber—
sehbar. Es hat deshalb keinen Zweck, die eine oder die andere
Spezialschrift hier zu nennen. Ich begnüge mich vielmehr mit
der Angabe derjenigen Literatur, aus der der Leser entweder
jeinen allgemeinen Überblick über die gewerblichen Zustände
erweitern kann oder ans der er selbst die Literatur über die
rinzelnen Gebiete bequem zu ersehen vermag.
Das zuletzt Gesagte gilt insbesondere von dem
Haudwörterbuch der Staatswissenschaften, 2. Auflage.
Jena 18938 - 1901. 7 Bände. Daraus kommen in Be—
tracht voruehmlich die folgenden Artikel aus:
Band 11: Baumwolle und Baumwollenindustrie;
Bergbau;
Eisen und Eisenindustrie;
Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften;
Gesellenverbände;
Gewerbe;
Gewerbegesetzgebung;
Gewerbestatistik;
Gewerblicher Unterricht;
Großbetrieb und Kleinbetrieb;
Handwerk:
Hausindustrie;
Innungen;
Kartelle;
Lehrlingswesen;
Maschinenindustrie:
Patentrecht;
Seide und Seidenindnstrie;
Steinkohlen;
Trusts;
Wolle und Wollindustrie
Zunftwesen.

Band 1V3

Band VII:
        <pb n="123" />
        132

Literatur.

di Zur ergänzenden Lektüre können dann die folgenden Bücher
jenen:

Engen v. Philippovich, Grundriß der politischen ÖOkonomie.
Band II. Freiburg i. Br. 1899.
Wilhelm Roscher, Nationalskonomik des Handels und
Gewerbfleißes. 7. Aufl. herausgegeben von Wilhelm
Stieda. Stuttgart 1890.
Gustav Schönberg, Handbuch der politischen konomie.
Band II. 4. Aufl. 1898. Namentlich die Aufsätze
von Schönberg selbst über Gewerbewesen und Ge—
werbepolitik.
Werner Sombart, Der moderne Kapitalismus. 2 Bände.
Leipzig 1902.
Derselbe, Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert.
Berlin 1903.

Die Darstellung in diesen beiden Bändchen lehnte sich engstens
an meine beiden größeren Werke an. Der Leser, der weueren
Aufschluß wünscht, als ihm in dem engen Rahmen dieser
Bändchen geboten werden konnte, wird deshalb zunächst auf
die zuletzt genannten beiden Werke als Ergänzung verwiesen.
        <pb n="124" />
        Register.

Abfälle, Verwertung 8of.
Anorganische Materie ver—
draängt organisierte Ma⸗
terie 11f.
Arbeiterschutz 120.
Arbeitskraft, abstrakte 80f.
Arbeitskräfte 38, 68f., TOff.
Arbeitssöhne 38, 41, 56,
62, 68f., 80f., 86.
Arbeitstag, seine Verläu—
gerung 85.
Ausstellungen 98.

Befähignugsnachweis
111 ff., seine Bewährung
in österreich 116ff.

Exportmusterlager 88.
Gemeinwirtschaften als
gewerbliche Produzenten
d7, 50.
Genossenschaftsbewegung,
gewerbliche 26ff.
Gewerbehallen 26.
Gewerbepflege 98ff.
Gewerbepolitik 98ff., s.
auch Inhaltsverzeichnis.
Gewerbliche Produttion,
ihre zunehmende Be—
—8 5ff. Gründe
ff.
Gewerbliche Schutzpolitik
101 ff.
v cen Unterricht
Großindustrie 42ff.
Grundrente in ihrer Be—
deutung für die gew.
Eutw. 73, 883.
Handelshochschulen 99.
Handelsvolitif 98.

dandwerk, seine Stellung
in der Volkswirtschaft
der Gegenwart 13ff.,
seine NUmbildung —I
seine Underlegeuheit im
Konkurrenzkampf mit d.
kapital. Unternehmung
59 ff. 110, 113.
Handwerkerbewegung
101 ff.
haudwerkergenossenschaften
 Hff.
Handwerksktammern 107.
Hausindustrie 21, 82, 33 ff.,
74, 82 f. 94.
heimarbeit 309.

Industrie 82ff.
Innungen 104 ff.

Kartelle 51f., 120.
Kleinkapitalistische Unter—
nehmungen 20ff. 94, 97,
108, 115.
Kleinkraftmaschinen
(Kleinmotoren) 30.
Kombingtionstendenz in d.
Industrie 50 f.
sonkurrenz, Begriff und
Wesen 59ff.
Konsumentengenossenschaften
 als gewerbliche
Produzenten 87 f.
Lonsumentenschutz 119f.
Konzentrationstendenz
WVergrößerungstendenz
i. der Großindustrie 43ff
Kreditgenossenschaften WBf
Kunstgewerbe 68.

Landschaftsschutz 119.
Lehrlingswesen 99f.
Lehrwerkstätten 100f.

Magaziugenossfenschaften
der Handwerker 26f.
Markenichutz 98.
Mittelstandspolitik 104.
Musterschutz 98.

Nebenerwerb der Hand—
werker 24 ff.

Patentgesetzgebung 88.
Preisbildung 62f.
Produktionsgenossenschaf⸗
ten, gewerbliche 28. 57.

Neparaturhandwerk 25.
Rohstoffgenossenschaften d.
Handwerke 26f.
Spezialisationstendenz in
der Großindustrie 42f.
Surrogiernug 71.
Sweatingsystem ff.
Syndikate 515.

Tarifwesen 98.
Technische Hochschnlen 90.
Trusts 51. 56. 120

Umschichtung der Bevölke—
rung durch den gew.
Kapitalismus 32f.
Unternehmerverbände 51f.

Werkgenossenschaften der
Handwerker 28f.
Werkfstattarbeit (haus—
industrielle) 39ff.

Zwangsorganisation des
Handwerks (Zwangs-—
iunungen) 104 ff.
Zwischenmeister (in der
Hausindustrie) 8.
        <pb n="125" />
        — Jn gleichem Verlage erschienen: —v

Die gewerbliche Arbeiterfrage

Werner Sombart

Brofessor an der Universität Breslau
Sammlung Göschen Nr. 209)

Volkswirkschaftslehre

Dr. Carl Johs. Fuchs
Professor an der Universität Freiburg i. B.
(Sammlung Göschen Nr. 133)

Volkswirkschaftspolitik

Geh. Regieruugsrat Dr. R. van der Borght
vortr. Rat im Reichsamt des Innern in Berlin
(Sammlung Göschen Nr. 177)

Jinanzwissenschaft

Geh. Regierungsrat Dr. R. van der Borght
vortr. Rat im Reichsamt des Innern in Berlin
(Sammlung Göschen Nr. 148)

Preis: Jedes Bändchen gebunden 80 Pfg.

G.J. Göschen'sche Verlagshandlung in Leipzig.
        <pb n="126" />
        37
330
372
—9
30
7
33
22
3*

3
3
8
5

20
* —X

3

D
——

*
zn

—
a

—

—
*

2
—*

e ag

me

Gewerbliche Schutzpolitik. 113

d eine Weise den Nachweis zu erbringen, daß er
keiten eines technischen Arbeiters besitze, nicht
e als groben Unfug bezeichnen. Es beruht auf
len Verkennung des Wesens moderner, d. h. kapi—
Organisation des Gewerbes, wenn man annimmt,
uuktionsleiter müsse auch die Qualifikation zum
Arbeiter besitzen, denn die Eigenart dieser Organi—
ruht ja gerade darauf, daß an die Spitze der Pro—
daufleute, Organisatoren, treten, die die technische
on andern ausführen lassen. Der Leiter' einer
jchuhfabrik, der Inhaber eines großen Konfektions—
sie sind nicht dadurch zu ihrer Stellung qualifi—
sie Stiefeln oder Röcke machen können, sondern
daß sie Hunderte und Tausende von technischen
zu einem gemeinsamen Werke zusammenfassen und
zeugnisse auf einem großen Markte abzusetzen ver—

e Erwägungen haben denn wohl auch dazu geführt,
tzutage die Forderung, den Befähigungsnachweis
die kapitalistischen Unternehmungen auszudehnen,
ch erwogen wird. Man wäünscht ihn vielmehr be—
auf handwerksmäßige Betriebe. Im Falle einer
Beschränkung ist nun aber zu bemerken, würde der
ingsnachweis dem Handwerker von gar keinem oder
sehr geringem Nutzen sein. Er würde ihm zunächst
ützen, und darauf kommt es doch immer vor allem
inem Konkurrenzkampf mit der kapitalistischen Unter—
„, denn diese ist es ja gerade, wie wir au anderer
zu beobachten Gelegenheit hatten, die den Hand—
urch Lieferung besserer Ware häufig genug aus dem
eschlagen hat. Es kann gar keinem Zweifel unter—
aß die handwerksmäßige Schneiderei, Schuhmacherei,
Tischlerei, Schlosserei usw. mindestens ebensosehr

5

bart, Gewerbewesen IUI

—

2
70

54
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
