I. Die Brauindustrie als Wirtschaftsfaktor.

1. Die volkswirtschaftliche Struktur der Brauindustrie.
Von Kurt W. Droege, Syndikus des Deutschen Brauer-Bundes, E,. V., Berlin.

"Die deutsche Brauindustrie ist nicht nur vom
wissenschaftlich-technischen Standpunkt, sondern
vor allem auch vom volkswirtschaftlich-strukturellen
Standpunkt aus ein wirtschaftliches Phänomen ganz
besonderer Art. Während die übrige Industrie Güter
erzeugt bzw. verarbeitet, kann man das Wesen der
Brauindustrie im tieferen Sinn nicht so definieren.
Man muß ihre Aufgabe vielmehr so deuten, daß sie
einen eigenartigen und wissenschaftlich noch nicht
restlos gedeuteten Naturvorgang mit einer
aus jahrhundertealten Erfahrungen resultierenden
Geschicklichkeit mit Hilfe zahlreicher, den wissenschaftlichen
 Theorien und Forschungen verdankter
Apparaturen so leitet, daß jenes Getränk entsteht,
 das den wachsenden Qualitätsanforderungen
breitester Volksschichten stets gleichmäßig entspricht.
 Entscheidend für den Charakter der Brauindustrie
 ist deshalb, daß sie noch heute trotz der
dominierenden Bedeutung der Apparatur und der
Maschine in besonderem Grade von den Kenntnissen
 und der Berufsfreudigkeit der leitenden
Menschen abhängt.} Bezeichnend hierfür ist, daß bei
"der Errichtung eigener Brauereien in fernen, des
Brauens ungeübten Ländern immer wieder die Forderung
 nach einem deutschen Braumeister als der
Seele des Betriebes erhoben wird.
"Wohl selten sind Industrie, Handwerk im Sinne
des Kunstwerks und Massenversorgung so innig
miteinander verbunden worden wie gerade in der
Brauindustrie. Damit aber verknüpft wie kein
anderer Wirtschaftszweig‘: dieser innerlich zwei
Zeiten miteinander, nämlich die Zeit der handwerklich
 gerichteten Stadtwirtschaft und die Ära
der auf Massenversorgung abzielenden modernen
Volkswirtschaft. Die deutsche Stadtwirtschaft ist
nicht zu denken ohne seine „aristokratische‘‘,
weil bevorrechtigte Brauerei; in der modernen
deutschen Volkswirtschaft aber spielt die Brauindustrie
 die Rolle einer der größten nationalen
Industrien. } Aber in noch viel weiterem Sinne
schlägt sie in wirtschaftshistorischer Beziehung die
Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart.
Denn tatsächlich reicht das Bier bis in die grauesten
Vorzeiten menschlichen Lebens zurück. Im „Handwörterbuch
 der Staatswissenschaften“ können wir
aus der Feder von E. Struve lesen, daß das Bier
zweifelsohne zu den allerältesten und weitverbreitesten

 Genußmitteln im Haushalte der Mensch-3eit
 gehört und daß es schon vor der Zeit der Ackerwirtschaft
 in der Zeit der sogenannten „Sammelvirtschaft“
 vorhanden war, von dem Augenblick an,
vo die Menschen die Kunst des Kochens kannten.
Die bekannten Arbeiten von Dr. E. Huber und
ınderen Autoren in den Veröffentlichungen der „Ge-;ellschaft
 für die Geschichte und Bibliographie des
3rauwesens‘“ verfolgen die historische Linie des
3raugewerbes bis zurück zu den Babyloniern, den
{gyptern, den Assyriern, Äthiopiern USW., ganz zu
schweigen von den nordischen Völkern und den
jermanen.
Von besonderer Bedeutung für die heutige volksvirtschaftliche
 Stellung der Brauindustrie ist ferner,
laß sie, wie die amtliche Statistik erwiesen hat, den
Veg vom Handwerk zur Industrie ganz aus
»&gt;igener Kraft gegangen ist, während die
;onstigen. Industrien aus den Manufakturen im
egensatz zum Handwerk entstanden sind und in
Konkurrenz mit diesem es teilweise vernichtet, teilveise
 in seiner Struktur von Grund auf umgemodelt
1aben. Typisch ist hier im Gegensatz zur Braundustrie
 der Weg von Schuhindustrie und SchuhnNacherhandwerk.
 Für den entgegengesetzten Weg
les Braugewerbes ist vor allem maßgebend gewesen,
laß kaum ein Handwerk sich so von vornherein den
vissenschaftlich-technischen Fragen widmete und
von sich aus eine vorzügliche Fachwissenschaft
Örderte und bis zur höchsten Vollendung entwickelte,
 wie die Brauereien.
Nur aus solcher Entwicklung heraus ist auch zu
zerstehen, daß sich die Brauindustrie in ganz großen
Teilen noch einen so mittelständischen Charakter eralten
 hat, denn mittlere und kleine Betriebe sind bei
hr heute noch durchaus neben den Großbetrieben
ebensfähig. Damit aber ergibt sich ein weiteres
‚olkswirtschaftlich bedeutungsvolles Moment. Denn
rerade dadurch sind die Brauereien heute noch die
regebenen Mittler zwischen Industrie und Handwerk,
zumal sie mit ihren eigenen wachsenden Aufgaben
ıuch dem Handwerk wachsende Aufgaben und Verlienstmöglichkeiten
 geben. Es sei dabei nur an die
zroße Menge ihrer ständigen Reparaturen erinnert.
Nicht minder stark aber ist ihre Rolle — und das
ist in den heutigen Tagen von ganz besonderem
Äewicht — als Mittler zwischen der deutschen