I, 1. Die volkswirtschaftliche Struktur der Brauindustrie,
worüber noch zu sprechen sein wird, als Steuern an lie die Brauindustrie hier, und zwar häufig auf recht
den Staat. Fbenfalls rund 500 Mill. RM kommen ı1nsicherer Basis investieren muß, wachsen um so
Jaut statistischen Erhebungen jährlich dem Hand- mehr, je ‘stärker der Konkurrenzkampf anwächst.
werk und der Industrie zugute. Das sind immerhin Da die hierfür benötigten Mittel keineswegs immer
sehr stattliche Summen, zumal wenn man berück- ıuf dem Weg der Selbstfinanzierung beschafft wersichtigt,
 daß das gesamte Volkseinkommen ungefähr ien können, haben auch die Brauereien in größerem
zwischen 55 und 58 Milliarden Reichsmark liegt. Maßstab fremde Mittel aufnehmen müssen, und da
Denn das würde alles in allem bedeuten, daß fast 1er Markt für langfristige Kredite in Deutschland
1,6 Millionen Deutsche von der Brauindustrie ihre ehr eng ist, haben sie häufig kurzfristige Disponi-Nahrung
 erhalten und, wenn man die 230000 Erwerbs- Dbilitäten in Anspruch nehmen müssen. Hierüber findet
angehörigen der Brauereien und Mälzereien noch ier Leser das Nähere in dem Artikel des gleichen
hinzurechnet, insgesamt rund 1800000. Und dabei Yerfassers, wo die Frage der Rentabilität der Brausind
 in diese Zahl noch nicht einmal diejenigen ein- Mndustrie eingehend untersucht wird.
gerechnet, welche aus dem auf etwa 1% Milliarden Bei der Frage des Absatzes der Brauereipro-Reichsmark
 zu veranschlagenden Schankaufschlag yktion fällt dem volkswirtschaftlichen Betrachter
des Gastwirtgewerbes ihr tägliches Brot haben. ıoch ein Weiteres auf. Während die Brau- und
In diesem Zusammenhang muß auch von der MWMalzindustrie ziemlich erhebliche Lager an Rohsozialen
 .Bedeutung der Brauindustrie gesprochen stoffen halten muß, geht die Produktion an Bier
werden. Nur wenige Industrien haben wie die mmerhin schneller in den Verbrauch über, nicht
Brauindustrie soziale Wohlfahrtseinrichtungen, wie »uletzt, weil der Lagerfähigkeit des normalen Bieres
Speisehäuser, Kinderheime, Alterversorgungsstätten este Grenzen gesetzt sind und die Produktion sich
usw., geschaffen. Sozial und: volkswirtschaftlich hnen anpaßt. Die Brauindustrie ist deshalb wie
bedeutsam ist ferner, daß das Braugewerbe unter zaum ein anderer Wirtschaftszweig ein Beschleuallen
 Industriezweigen Deutschlands die höchsten iger des volkswirtschaftlichen Güterumlaufs. Das
Löhne zahlt. Im Januar 1930 erhielt z. B. in Groß- Yorhandensein einer solchen großen Industrie mit
städten mit über 100 000 Einwohner ein gelernter chnellem Güterumlauf ist für die Volkswirtschaft
Brauereiarbeiter, verheiratet, einen Wochenlohn von wichtiger, als im allgemeinen erkannt wird, nämlich
58,74 RM. Gegenüber dem 1. Januar 1924 bedeutet bezüglich der Schaffung echten Geldumlaufs, damit
das eine Lohnsteigerung von 129,2 %,. In der gleichen chter Kredite und echter Kapitalbildung.
Zeit ist die Reichsindexziffer nur um 20,4% ge- .Volkswirtschaftlich interessant ist auch die standstiegen.
 Damit sind hier die Reallöhne im Laufe „4 mößige Verteilung der Brauindustrie. Danach
der letzten Jahre bedeutend gestiegen. Der pro0- jperwiegen, in großen Zügen gesehen, die kleinen
zentuale, am Wert der Biererzeugung gemessene 3etrjebe in hervorragendem Maße, aber auch
Lohnanteil hat 1927 ohne soziale Arbeitgeberlasten „ittlere Betriebe, insgesamt bis zu 20000 hl, in
und kaufmännische Gehälter 12,1 % beträgen, Süddeutschland, und hier wieder vornehmlich in
Was den Absatz und damit auch die Produktion 3ayern. Der übrige Teil Deutschlands dagegen ist
der Brauindustrie betrifft, so sind bisher erst rund nit Ausnahmen sehr viel stärker mit Großbetrieben
86 % des Vorkriegsabsatzes erreicht worden. Man esetzt. Als besondere Zentren der Bierproduktion
darf deshalb, wenn der Absatz in den letzten Jahren ind Berlin, München, Rheinland-Westfalen, Hamwieder
 gestiegen ist, nicht vergessen, daß das urg, einige als Bierstädte bekannte bayerische
zunächst nur ein langsamster Wiederaufbau war. Städte und Breslau hervorzuheben. In der höchsten
Zudem bestehen angesichts der krisenhaften Lage rößenklasse stehen 28 Betrieben in Süddeutschland
weiter Teile der Wirtschaft, angesichts namentlich 537 im übrigen Deutschland gegenüber. Aus der
der soeben vom Reichstag beschlossenen Erhöhung ;tandortsmäßigen Verteilung ergibt sich für den
der Biersteuer, ferner der Aufhebung der Kontingente Volkswirt eine weitere bedeutende Funktion der
die allerernstesten Zweifel, ob diese Entwicklung Brauindustrie. Da sie, wenn auch mit verschieüberhaupt
 weitergehen wird, oder ob nicht vielmehr ienem Akzent, über die ganze Volkswirtschaft vermit
 einem Rückgang zu rechnen ist. Schon heute reitet ist und zugleich auch eine außerordentlich
ist als hervorstechendes Moment in der Brauindustrie ınge organisatorisch-verbandsmäßige Fühlungnahme
ein schwerer Konkurrenzkampf zu ver- Dis in die höchsten Spitzen, wie den Deutschen
zeichnen. | Dieser hat in seiner Auswirkung zu einer 3rauer-Bund und die Brauerei- und Mälzereiweiteren
 volkswirtschaftlichen Figentümlichkeit ge- B3erufsgenossenschaft, besitzt, hat sie vielfach die
führt, die den sonstigen Industriezweigen gegenüber Rolle eines Mittlers zwischen den oft sehr vereinzig
 dasteht. Die Brauindustrie ist nämlich heute schieden konstruierten Wirtschaftsgebieten Deutschin
 ganz großem Umfang Bankier geworden, und lands inne, insbesondere zwischen dem wirtschaftlich
zwar Bankier des Gaststättengewerbes. Die Summen. in vielerlei Hinsicht verschiedenen Norden und Süden: