2. Die Organisation der Brauindustrie.
Von Generaldirektor Robert Nortmann, Berlin.

Im Mittelalter vollzog sich der Übergang von der
Hausbrauerei zur Handelsbrauerei. Das Brauwesen
wurde damit ein gewerblicher Berufszweig von hervorragender
 Bedeutung für die Städte, in denen es
betrieben wurde. In diesen Zeitraum fallen auch die
ersten Anfänge der Organisation des deutschen
Brauwesens. Begünstigt durch numerus clausus und
durch die Zwangs- und Bannrechte bildeten sich
zunftähnliche Organisationen, die vielfach als Gilden
aber auch als Innungen, Genossenschaften, Bierschaften
 usw. bezeichnet wurden.
Ein Umschwung kam mit der Anfang des 19. Jahrhunderts
 zuerst in Norddeutschland einsetzenden
Gewerbefreiheit, die eine grundlegende Änderung des
Gewerbewesens und damit auch des Braugewerbes
brachte, Gleichzeitig wirkten Wissenschaft, Technik
und ein sich immer mehr. entwickelndes Kapitalwesen
mächtig fördernd auf das Braugewerbe ein. Seine
Umstellung vom damals noch ausschließlich von
Hand besorgten zum maschinellen Betriebe unterstützte
 im Zusammenhang mit den erwähnten
Faktoren die Entwicklung zum
j industriellen Großbetriebe.
Leider hatte diese namentlich in_der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts noch von einem immer wachsenden
 wirtschaftlichen Aufschwung und steigender
Bevölkerungszahl getragene Bewegung neben den
genannten Vorteilen auch sehr wenig angenehme Begleiterscheinungen
 im Gefolge,
Mit dem Wegfall der gesetzlichen Schranken
machte sich sehr bald das Bestreben geltend, die bestehendem
 Brauereibetriebe wesentlich zu vergrößern
nd im besonderen nach dem Kriege 1870/71 auch
neug große Betriebe zu errichten. Im diesem Bestreben
 schoß man vielfach insofern weit über das
Ziel, als man in einem durch die Zeitumstände in gewisser
 Beziehung berechtigten Optimismus die Betriebe
 von vornherein sehr viel größer einrichtete,
als es dem bisherigen Umsatz entsprach. Die zu
großen Anlagen sollten und mußten um jeden Preis
ausgenutzt werden. Die Folge war ein bei völligem
Fehlen jeder Organisation schrankenloser Wettbewerb.
 Preisschleuderei und maßlose Kreditgewährung
 bei steigenden Gestehungskosten schufen
sine Notlage, die sich in den letzten Jahrzehnten des
vorigen Jahrhunderts in immer schlechter werdenden
Geschäftsergebnissen ausdrückte.
Aus diesem Niedergang, dieser Not konnte nur der
organisatorische Zusammenschluß befreiend herausführen.
 Naturgemäß mußten die ersten Brauereiwrganisationen

 sich vor jedem allzu starren System
ıülten und vielmehr in vorsichtig tastender,
ılastischer Form die in Frage kommenden Braue-'eien
 und nicht zuletzt auch deren Abnehmer an dieenigen
 Maßnahmen gewöhnen, die zur Abstellung
zunächst der gröbsten Mißbräuche notwendig waren.
Der erste wirklich beachtliche Schritt auf diesem
Wege wurde in Bayern gemacht, das durch die bahnprechende
 Tätigkeit seiner großzügigen Praktiker
auf technischem und wissenschaftlichem Gebiet die
Führung übernommen hatte. Im Jahre 1868 wurde
lie erste freie Interessenvertretung des - Brauzewerbes
 „Der Verein Münchener Brauereien“ gezründet.

Kurze Zeit darauf, im Jahre 1871, trat der sog.
‚Alte“ deutsche Brauer-Bund ins Leben, aus dessen
Vereinigung in der Deutschen Brauer-Union im
Jahre 1911 der

Deutsche Brauer-Bund, E, V, Berlin,

lie Spitzenorganisation der deutschen Brauindustrie,
sntstand. ;
Schon vor dem siegreichen Ausgange des Krieges
von 1870/71 hatte der gewaltige wirtschaftliche Aufstieg
 der deutschen Industrie mit seinem dauernden
Anwachsen neuer Aufgaben Veranlassung zu Zujaammenschlüssen
 bedeutender-. Industriezweige gezeben,
 so auf dem Gebiete der Zucker-, der Spiritus-,
ler Eisenhüttenindustrie. In ihre Reihe trat 1871 der
Deutsche Brauer-Bund als Zentralverband der deutschen
 Brauindustrie mit dem Programm: „Beratung
ınd Wahrung der gemeinschaftlichen gewerblichen
nteressen, Vervollkommnung. und Hebung des
Gewerbes.“
Bis zum Jahre 1912, in den ersten vier Jahrzehnten
‚eines Bestehens, entfaltete der Brauer-Bund seine
"ätigkeit im wesentlichen auf den alle vier Jahre
ıbgehaltenen Brauertagen. Bei solchen Gelegen-1eiten,
 aber auch sonst wurde durch ihn zu allen
vichtigen das Gewerbe betreffenden Fragen Stellung
szenommen. Die erste primitive Satzung genügte
jabei im allgemeinen zur Not den Anforderungen
lieser ersten Jahrzehnte. . Die sich immer mehr
;teigernden Aufgaben, insbesondere auf steuerlichem
3ebiete, daneben aber auch die Bekämpfung der Abstinenzbewegung
 und die Bearbeitung anderer wichiger
 Fragen machte eine Reorganisation des Bundes
zur unabweislichen Notwendigkeit.
Die äußere Veranlassung dazu gab im Jahre 1911
die Vereinigung des Deutschen Brauer-Bundes mit
dem im Jahre 1910 zur Abwehr der Auswüchse der