1, 4. Die Organisation der Brauindustrie.
zeit nicht als glücklich erwiesen. Allmählich erfolgte deshalb
im Kriege die Umbildung des Verbandes in einen reinen
Brauerei-Fachverband,
Seine Organisation baut sich im Gegensatz zum Deutschen
Brauer-Bund heute ausschließlich auf der Mitgliedschaft der
ihm angeschlossenen Verbände auf. Der Schutzverband ist
nach Lage der Dinge die gegebene Instanz für die Vertretung
 der norddeutschen Interessen, wenn sich zwischen
diesen und Süddeutschland, insbesondere Bayern, Gegensätze
auftun, bei deren Überbrückung der Brauer-Bund naturgemäß
nur vermittelnd wirken kann. Wenn auch durch die Schaffung
eines einheitlichen deutschen Biersteuergebietes die Führung
in Steuerfragen auf den Brauer-Bund übergegangen ist und die
früher bestehenden scharfen Gegensätze zwischen Nord und
Süd durch Zusammenarbeit in einzelnen Fragen wesentlich
gemildert sind, so erweist sich auch heute noch immer eine
besondere zentrale Vertretung norddeutscher Interessen vielfach
 als notwendig. Die Hauptbedeutung des Schutzverbandes
liegt zur Zeit auf dem Gebiete der Bierpreisfestsetzungen für
ganz Deutschland mit Ausnahme der drei süddeutschen
Staaten. Die bei ihm bestehende Bierpreiskommission hat
seit Fortfall der Bierhöchstpreise in der Nachkriegszeit bis in
die Neuzeit führend in diesem großen Gebiete die Preise geregelt.
 Auch für die Durchführung dieser Preisfestsetzungen
hat der Schutzverband vielfach erfolgreich Sorge getragen,
indem er den Widerstand von Außenseitern zu beseitigen verstand
 und schwache Verbände dabei unterstützte, ihre Organisation
 straffer auszubauen, ;
Die Spitzenorganisation der „bayerischen Brauindustrie“
ist der im Jahre 1880 gegründete Bayerische Brauerbund,
Ihm gehören die bayerischen Lokalverbände und eine große
Zahl von Brauereien an. Er hat in allen die bayerische Brauindustrie
 betreffenden allgemeinen Angelegenheiten die Führung,
 Insbesondere ist es seine Aufgabe, die allgemeinen und
vielfach besonders gearteten bayerischen Interessen den Staatsbehörden
 gegenüber zu vertreten. Eine Tarifabteilung und eine
Presseabteilung dienen der Erledigung von Lohniragen und
der Orientierung der Öffentlichen Meinung, eine gerade in
Bayern besonders wichtige Tätigkeit, wo jede das Bier berührende
 Frage stets Gegenstand allgemeinen lebhaftesten
Interesses ist. Ursprünglich lediglich ein Fachverband zur
Wahrnehmung allgemeiner Berufsinteressen, hat sich der
Bayerische Brauerbund bereits vor dem Weltkriege kartellmäßigen
 Aufgaben durch Abschluß eines Kundenschutzyertrages
 unter seinen Mitgliedern zugewandt.
Die Gesamtvertretung der Württembergischen Brauindustrie
bildet der im Jahre 1880 gegründete Württembergische Brauerbund,
 für Baden die erst im Kriege geschaffene Zentralstelle
der badischen Brauindustrie, Diese beiden Gesamtvertretungen
 haben auf manchen Gebieten ihrer Betätigung mit den
besonderen, schwierigen Verhältnissen in der Unterstufe der
Organisation zu kämpfen, auf die bei der nachstehenden
Schilderung der Lokal- und Bezirksvereinigungen dieser beiden
Gebiete noch näher einzugehen sein wird,
Um bei dem oben gewählten Vergleich eines Hauses zu
bleiben, so kommen wir jetzt nach Beschreibung des Daches
und des ersten Stockwerkes zu dem Grundstöcke und den
Fundamenten des Baues, den Lokal- und Bezirksverbänden in
den vier großen regionalen Zentralverbänden. Schon hier sei
bemerkt, daß diese für den ganzen Aufbau der Organisation
der deutschen Brauindustrie so wichtige Stufe in den vier genannten
 Gebieten, sei es aus geschichtlichen, sei es aus wirtschaftlichen
 Gründen, eine wesentlich verschiedene Entwicklung
erfahren hat.
Um mit dem größten Verbandsgebiet, dem oben umrissenen
Gebiet des Schutzverbandes zu beginnen, so wurde schon er-Öörtert,
 daß hier die unleidlichen Wettbewerbsverhältnisse, wie
sie namentlich in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts
 zutage traten, vielfach die Anregung zu lokalen
Zusammenschlüssen gaben. Besonders gefördert wurde aber
dieses Bestreben außerdem noch durch eine um 1890 auftauchende
 außerordentliche Gefahr, den Bierboykott; eine der
wichtigsten Waffen in den Lohnkämpfen der neunziger Jahre.
Insbesondere der beinahe acht Monate andauernde Berliner
Boykott im Jahre 1894, der dann in der Folgezeit auf eine

zanze Reihe von anderen norddeutschen Brauereizentren übeririff,
 gab Veranlassung zur Gründung zahlreicher örtlicher
3rauereivereinigungen. Vorausgegangen waren schon mit der
jründung lokaler Boykott-Abwehrorganisationen Berlin (Grünlungsjahr
 des Vereins der Brauereien Berlins und der Um-‚egend
 1890), Halle, Leipzig, Frankfurt a. M., Braunschweig.
So überzog sich allmählich das. Gebiet der Brausteuerjemeinschaft
 mit einem immer dichteren Netz von lokalen
3rauereivereinigungen, Die Not der Abwehr drohender Boycotts,
 die meistens die Brauereien vornehmlich der größeren
3rauereizentren zusammengeführt hatte, zwang sie zu gemeinamer
 Arbeit und ließ dadurch das bis dahin bestehende
‚egenseitige Mißtrauen allmählich schwinden. So wurde der
Veg frei auch für andere, nur im Zusammenschluß lösbare
\ufgaben, insbesondere in bezug auf das Verhältnis zum Abıehmer,
 d. h. Festsetzung einheitlicher Bierpreise; Schutz
;jegen Unterbietungen, Regelung oder Verbot von .Nebeneistungen,
 Gewährung von Darlehen usw. Auch die vielachen
 Steuererhöhungen und die Notwendigkeit, diese Steuerırhöhungen
 auf die Abnehmer abzuwälzen, zwang häufig
zeradezu die Brauereien dazu, sich zusammenzuschließen,
Bald genügte aber auch die lokale Regelung dieser Fragen
ılcht mehr, da sich an den Grenzen der lokalen Vereinigungen
geibungsflächen bildeten, die eine Durchführung der für die
inzelnen örtlichen Verbandsgebiete geltenden Beschlüsse geährdeten.
 Diese Zustände führten unter Zusammenfassung
nehrerer Lokalvereine eines unter relativ gleichnräßigen wirt-‚chaftlichen
 Verhältnissen arbeitenden Gebietes vielfach zur
iründung größerer Bezirksverbände. Hervorgehoben seien
ıier von den größeren Vereinigungen dieser Art der Zentral-»jerband
 norddeutscher Brauerei-Vereine G.mb.H. zu Hanıover,
 der Sächsisch-Thüringische Brauereiverein G.m.b.H.
n Leipzig, der Verband nöordwestdeutscher Brauereien
i.m.b.H. in Hamburg, der Verband Rheinisch-Westfälischer
3rauereien G.m.b. H, in Dortmund. Alle diese Verbände gipfeln
n einer Spitze, gewissermaßen in einer Dachgesellschaft. In
len Satzungen dieser Dachgesellschaften sind die Grundsätze
'estgelegt, unter deren Wirkung die Unterverbände ihr ein mehr
der weniger selbständiges Dasein leben können. Den Kernyunkt
 ihrer Satzungen bilden die Bestimmungen zum Schutze
les Bierpreises.
Neuerdings hat man durch den Abschluß von Gegenseitigxeitsverträgen
 zwischen benachbarten Verbänden ähnlich wie
lurch den Zusammenschluß in Bezirksverbänden die ruhige,
eibungslose Durchführung der Beschlüsse der einzelnen Verıände
 erfolgreich gewährleistet.
Die Verbände der Unterstufe in Bayern sind im Gegensatz
zu der reichgegliederten norddeutschen Organisation mit ihrem
ıochentwickelten System von Bezirksverbänden in der Haupt-;ache
 Örtliche Verbände, die sich auf die größeren Städte und
hre nähere oder weitere Umgebung stützen. Nur wenige, wie
„.B. der Verein der Brauereien des bayerischen Oberlands
n Tegernsee, die Allgäuer Brauerei-Vereinigung in Kempten
ınd die Mittelbayerische Brauerei-Vereinigung in Ingolstadt
;tellen die Zusammenfassung einer größeren Anzahl von
3rauereien größerer Wirtschaftsgebiete dar.
Daß die bayerischen Brauereiorganisationen in dieser Stufe
‚ine ruhigere, nicht soweit wie es in Norddeutschland der Fall
st, vorgeschrittene Entwicklung genommen haben, ist wohl
vesentlich darauf zurückzuführen, daß Bayern -— dasselbe
‚rifft auch für Württemberg und Baden zu — von den mit
ler politischen Waffe des Bierboykotts geführten Lohnkämpfen
m großen und ganzen verschont blieb. Der Grund dafür liegt
n der sich im Süden viel langsamer als in dem industriereichen
Vorden vollziehenden Aufwärtsbewegung der sozialdemokraischen
 Gewerkschaften,
In Württemberg nimmt unter den Lokalverbänden der
Vürttembergische Brauereiverband G.m.b.H, in Stuttgart in-;ofern
 eine besondere Stellung ein, als er eine kraftvolle Zu-;‚ammenfassung
 fast aller in diesem Gebiete bestehenden Großyetriebe
 darstellt. Die übrigen Verbände umfassen in der
Iauptsache nur mittelständische, überwiegend sogar Kleinıetriebe,
 Die darauf beruhende Verschiedenartigkeit dieser
Irganisationen erschwert in vielen Fällen die Herbeiführung
siner gemeinsamen Stellungnahme