8. Der braugewerbliche Mittelstand.
Von £, H. Paefgen, Düsseldorf,
Vorsitzender des Präsidiums der Arbeitsgemeinschaft der Verbände der deutschen Klein- und Mittelbrauereien.

Allgemeines.
Bei der Übersicht über das Gesamtbraugewerbe
interessiert es sicher weite Kreise, Grundsätzliches
über das deutsche Klein- und Mittelbraugewerbe auch
aus der Feder eines seiner Angehörigen zu lesen.
Daß hier in würdiger Reserve darauf geachtet
wird, sachlich zu bleiben und keinerlei Sonderbelange
zu unterstreichen, ist in Anbetracht der Bedeutung
ınd des Zweckes dieses Buches Voraussetzung. Darstellungen
 natürlicher Unterschiedlichkeiten dienen
‚ediglich zur Klärung wirtschaftlicher Tatsachen.
Es ist selbstverständlich, daß der Gebrauch des
Wortes „Gewerbe“ heute nicht mehr gleichzusetzen
 ist mit dem Begriff „Handwerk“. Es wird
auch heute wohl in Deutschland kaum noch einen gewerblichen
 Brauereibetrieb geben, der rein handwerksmäßig
 betrieben wird; denn auch der kleinste
Betrieb kann sich gewisse Fortschritte der Neuzeit
zunutzen machen und muß in seiner Betriebsführung
den Forderungen moderner kaufmännischer Auf-;assung
 folgen. Das Wort „Gewerbe“ ist hier in dem
zebräuchlichsten Sinne zu verstehen, wie es sich aus
len Beziehungen von gewerblicher Arbeit und gewerblicher
 Produktion darstellt.
Wie schon der allgemeine Begriff „Mittelstand“
kaum zu definieren ist, weil er sozusagen der Stand
ist, der zwischen der besitzlosen und der großkapitalistischen
 Klasse steht — die Grenze ist hier je
nach den Umständen außerordentlich flüssig —, so
wechselt auch für das Braugewerbe dieser Begriff
je nach den tatsächlichen Verhältnissen. Mittelstandsbegriff
 im Braugewerbe ist charakterisiert
durch die bewußte Zielsetzung, im Interesse der Ernaltung
 der Selbständigkeit unabhängig zu bleiben
von der Mitbestimmung großkapitalistischer Institu-‚onen
 und deren Einflußsphären. Und dies aus der
sthischen Auffassung heraus, wonach der Mittelstand
nicht die Vorherrschaft einzelner Stände wünscht,
sondern ein harmonisches Gedeihen des Gesamtvolkswohls
 erstrebt und jedem Stande seine berechtigten
 Interessen zuerkennt. Der gewerbliche
Mittelständler lehnt also die reine Geldherrschaft ab,
lie alles dem Großkapital unterwerfen will und weist
zenau so die Massenherrschaft zurück, die auch alle
wirtschaftlichen Dinge der Staatsgewalt überläßt.
Seine Aufgabe sieht der gewerbliche Mittelstand in
ler Verteidigung der individuellen Wirtschaft und
Wirtschaftsführung im Rahmen der Gesamtentwickung.
 ‚Das ist kein Bekenntnis zu rückschrittlicher

HTerrenmoral, sondern soll zu einem glückhaft förderichen
 Nebeneinander im vernünftigen Anpassen an
las Kommen und Gehen aller Geschehnisse führen.
Jabei darf weitherzige Auffassung auch im sozial-»olitischen
 Denken und Handeln dem gewerblichen
Mittelständler nicht fehlen, weil das Wohlergehen
»reitester Schichten die natürlichste Quelle für eine
resunde Wirtschaft bildet.
Die Brauerei als Handwerk.

Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts kannte
nan den Brauer nur als Handwerker. Verwandte
erufe wie Bäcker, Brauer und Wirt waren meist in
iner Hand. Was es darüber hinaus noch an
brauereien gab, war auch sehr winzigen Umfanges:
ler Besitzer war meist Braumeister, Gast- und Landvirt
 zugleich, und die Braugehilfen versahen abends
'en Kellnerberuf, Die primitiven Einrichtungen
tellten die größten Anforderungen an die körperliche
\ırbeit aller Mitarbeiter. Das Brauen sowohl wie die
‚andwerklich betriebene Mälzerei und die Bewirtung
ler Gäste verlangten eine angestrengte Tätigkeit
on frühmorgens bis in die Nacht hinein. Die vielach
 vor den Toren der Stadt gelegenen Lagerkeller
nußten infolge der noch fehlenden Fismaschinen im
Ninter mit Natureis versehen werden und konjervierten
 je nach ihrer Einrichtung das Bier mehr
ıder minder bis in die Spätsommerzeithinein. Mancher
‚ekuniäre Zusammenbruch dieser Handwerksbetriebe
var darauf zurückzuführen, daß das Gebräu nicht
rzeriet oder der Eiskeller seine Pflicht nicht tat und
30 das Bier vorzeitig verdarb. Auf die Vereinigung
ler gemischten Tätigkeit und die Unsicherheit in der
Terstellung des Bieres deutet das alte Sprichwort:
‚Backen und Brauen gerät nicht immer.“
Umschwung zum Gewerbe.
Das Eindringen von Technik und Wissenschaft ins
3raugewerbe brachte den großen Umschwung. Aus
lem Handwerk wurde das Gewerbe.
Diese Wandlung nahm ihren Ausgang in der
Tauptsache von Bayern und Österreich, und Namen
on Klang wie: Sedlmayr, Pschorr, Dreher sind
ıoch heute mit dem deutschen Braugewerbe aufs
ingste verbunden. In der Frühzeit dieser Entwicklung
wurde auch die erste deutsche Aktienbrauerei in
Jresden gegründet. .
Die technische und wissenschaftliche Umbildung
les Braugewerbes nahm einen Riesenfortgang., der