I., 8. Der braugewerbliche Mittelstand.

besonders noch beschleunigt wurde durch die Umwälzung
 auf dem Gebiete der Verkehrstechnik
(Eisenbahn) und im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts
 durch die Erfindung der Eismaschine.
In dieser rasend fortschreitenden Entwicklung der
Technik und Wissenschaft und in der ständig wachsenden
 Bevölkerung liegen die Anfangsgründe der
heutigen Brauindustrie. Während die Entwicklungsmöglichkeit
 der einzelnen Betriebe früher durch den
Aktionsradius der Verkehrsmittel auf ein absehbares
Maximum beschränkt blieb, hat die moderne Verkehrstechnik
 dem Expansionswillen des einzelnen
fast jede Schranke beseitigt. Hierdurch entstand
naturnotwendig ein Wettrennen der Betriebe untereinander
 und nur wenige Jahrzehnte genügten, um
aus einem alten Handwerk einen Industriezweig von
höchster Bedeutung erstehen zu lassen.
Folgen für‘ die Kleinbetriebe.
Bei dieser gewaltigen Umwälzung blieben viele auf
der Strecke. Die Ursache des wirtschaftlichen Unterganges
 so zahlreicher Braustätten lag zum Teil an
der Beibehaltung überholter Arbeitsmethoden und
rückständiger Wirtschaftseinstellung, ist zum größten
Teil aber in der Verschiebung wirtschaftlicher Stärke
zu suchen.
Die Auswirkung dieser gefahrvollen Umgestaltung
im Braugewerbe veranlaßte den Gesetzgeber einzuschreiten.
 Die bayerische Regierung erließ im
Jahre 1889 ein Gesetz mit abgestuften Steuersätzen,
um der drohenden Dezimierung Einhalt zu tun. Ob
diese Maßnahme des bayerischen Gesetzgebers ausreichend
 war, den Aufsaugungsprozeß zu hemmen,
soll hier keine Würdigung finden. Interessant ist
nur, festzustellen, soweit man den statistischen
Unterlagen folgen kann, daß in der norddeutschen
Brausteuergemeinschaft, in der man bis zum Jahre
1906 mit der Steuerdifferenzierung zögerte, prozentual
 im gleichen Zeitraum das Verschwinden der
Mittel- und Kleinbrauereien weitaus höher war als in
dem geschützten Bayern.
Der Weltkrieg mit seinen zersetzenden Zwangsmaßnahmen,
 die Inflation mit ihrem katastrophalen Vermögensverfall
 und zermürbenden Einfluß haben dem
mittelständischen Braugewerbe weitere schwere
Wunden geschlagen und den Aufsaugungsprozeß in
erschreckender Weise beschleunigt. Aus den
heuesten Angaben der Statistik des Deutschen Reiches
ergibt sich: Von den noch bestehenden gewerblichen
Brauereien (mit einem jährlichen Ausstoß von über
500 hl) sind einige 80 Brauereien an der Erzeugung
des deutschen Bieres mit 50 % beteiligt; die andere
Hälfte des Gesamtbedarfes wird von den wenig mehr
als 2500 Brauereien gedeckt. Man wird nicht fehlgehen,
 wenn man diese rund zweieinhalbtausend Betriebe
 als den braugewerblichen Mittelstand ansieht;

labei mag im Grenzgebiet der einzelne Betrieb selbst
iber seine Zugehörigkeit zur Mittelstandsgruppe
antscheiden.

Die jetzigen Mittelstandsbeftriebe.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Mittel-;standsbetriebe,
 die sich durch Krieg und Inflation
inüberretten konnten, einen sehr beachtlichen
7aktor nicht nur des Braugewerbes, sondern der ge-‚amten
 Volkswirtschaft darstellen.
Die Mittel- und Kleinbrauereien sind mit zähem
%eiß und gesundem Selbstvertrauen bestrebt, sich
rotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu beı1aupten.
 Je nach Lage, Kapitalkraft und Fähigkeit
‚erbessern sie ihre Betriebe und heben gleich den
Großbrauereien den guten Ruf des deutschen Bieres.
Dabei leisten sie in Klein- und Mittelstädten wie auf
jem Lande wertvolle, soziale Pionierarbeit und entasten
 den Arbeitsmarkt. Die Berufsgenossenschaft
j1at festgestellt, daß der Mittel- und Kleinbetrieb in
zelation zum Hektoliterausstoß mehr menschliche
Arbeitskräfte beschäftigt als der Großbetrieb. Außerlem
 üben diese Betriebe eine segensreiche Wechselvirkung
 auf Kleingewerbe und Handwerk aus. Sie
ı1aben nicht oder nicht in dem Umfang wie die Groß-‚jtriebe
 eigene Handwerker (Böttcher, Maurer, An-;treicher
 usw.); sie lassen diese Arbeiten im Lohnder
 Werksvertrage bei den ortsansässigen Handverkern
 und Kleingewerbetreibenden ausführen und
;ind so eine wertvolle Stütze des deutschen Mittel-;tandes.
 Beim Einkauf ihrer Rohmaterialien und
3edarfsartikel sind sie mit Rücksicht auf den
Cundenkreis, mit dem die Brauer selbst oder ihre
ührenden Organe ständig persönliche Beziehungen
»flegen, auf die orts- und bezirksansässigen Liefe-:anten
 und Erzeuger (Kleinhandel, Landwirtschaft)
ıngewiesen. Für die Landwirtschaft ist der Brauer
ıber nicht nur Abnehmer, sondern die Belieferung
nit Frischtreber und den Abfällen aus dem Mälzungs-»rozeß
 bedingt für weite Bezirke die Möglichkeit der
\ufrechterhaltung der Vieh- und Milchwirtschaft.
\uch in diesem Punkte bilden die über Stadt und
‚and verteilten Mittelstandsbetriebe einen nicht zu
ınterschätzenden Faktor im allgemeinen Güterıustausch.
 Selbst die Kommunen haben aus steuerichen
 Gründen das größte Interesse an der Erhaltung
;olch selbständiger Existenzen. Für viele Orte ist
jer Brauereibetrieb das Rückgrat. Dies sind selbstverständlich
 nur kurze Hinweise auf die volkswirtichaftliche
 Bedeutung des Klein- und Mittelbrauers,
‚je genügen aber, um den Wert des mittelständischen
3raugewerbes und die Notwendigkeit seiner Erıaltung
 erkennen zu lassen.
Wenn auch nach Artikel 164 unserer Reichs-‚erfassung
 „der selbständige Mittelstand in Landwirtschaft,
 Gewerbe und Handel in Gesetzgebung
ınd Verwaltung zu fördern und gegen Überlastung

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