128 IL, 8. Der Bierversand.
schiedenartig gehandhabt; es ist vorgekommen, daß
Gemeinden Ausschankstellen, in denen auswärtige
Versandbiere ausgegeben wurden, als Luxuslokale
zu erhöhter Lustbarkeitssteuer herangezogen haben;
ierner fordern die Gemeinden eingehende Meldungen
über die Bierbezugsmengen der in ihrem Bereich gelegenen
 Wirtschaften ein, eine viel. Arbeit veruırsachende
 Anforderung, der die Brauereien manchmal
 zwar nicht rechtlich, wohl aber fast immer tatsächlich
 entsprechen müssen; auch auf dem Gebiet
der Bauauflagen, des Anbringens von Reklamen,
ler Festsetzung bestimmter Stunden und der Bestimmung
 gewisser Zufahrtswege für die Biere
zustellung usw. gilt es manchmal schwere Widerstände
 zu überwinden. Nicht selten wird das Recht
zur Benützung bestimmter Gemeindewege von der
Zahlung eines Wegegeldes abhängig gemacht.
Mit Aussicht auf Erfolg können im Versand nur
Markenbiere
gehandelt werden. Gewisse Städte, wie München,
wo verschiedene Brauereien ihre Geschichte auf über
an halbes Jahrtausend zurückverfolgen, Kulmbach,
Dortmund stehen im Ruf, Brauereien zu besitzen,
die unter Ausnützung besonderer örtlicher Vorbedingungen
 (Wasser, Klima, eine bestimmte Abwicklung
 der Gärung usw.) besonders vortrefflich
auf das Bierbrauen sich verstehen. Hier wird wieder
sehr genau zwischen den Marken der einzelnen
Brauereien unterschieden. Bisweilen haben es einzelne
 Brauereien fertiggebracht, sich einen besonderen
 Namen zu verschaffen. In der Ausfuhr von
Flaschenbier nach überseeischen Ländern sind die
aorddeutschen, insbesondere die an Seehäfen ge-'egenen
 Brauereien den bayerischen Brauereien
überlegen, da letztere für die Kiste schon 2,50 bis
3 M. an Fracht zu bezahlen haben, bis das Bier nur
iberhaupt an Bord des Dampfers kommt.
Wie überall, sucht hier und da die Konkurrenz die
Vorteile des andern auszunützen. Die Brauereien
yzewisser Städte haben in ihrer Gesamtheit ebenso
ım den Schutz ihrer Herkunftsbezeichnungen zu
kämpfen, wie bisweilen die einzelne Firma um den
Schutz ihrer Marke und ihrer Ausstattung. Ist auch
in beiden Fällen die strikte Nachahmung verboten,
so gibt es doch Möglichkeiten, die Reklame so an die
des anderen anklingen zu lassen, daß der unaufmerkame
 Verbraucher getäuscht werden kann.
In der
Reklame
üaben sich die Versandbrauereien bisher von der
marktschreierischen Form, wie sie etwa in der Zigaretten-
 oder Automobilindustrie üblich ist, fernzehalten:
 insbesondere werden Superlative in den

Anpreisungen grundsätzlich vermieden. Großer
NVert wird darauf gelegt, daß die einzelne Ausichankstätte
 den Namen der liefernden Brauerei für
3dermann sichtbar trägt; hierzu wird auch die Licht-'eklame
 in. immer steigendem Maße verwendet.
Leider ist durch die Nachwirkungen des verorenen
 Krieges das Bierversandgeschäft, das im
Triege wegen der Kontingentierung des Rohmaterials
chon stark geknebelt war, empfindlich beeinträchigt
 worden: Die Erhöhung der Steuern, die Verauerung
 der Produktion durch den Minderabsatz,
lie verkürzte Arbeitszeit, die erhöhten Löhne u. a. m.
Jaben die Bierherstellung schon in den Brauereien
eerteuert, Hinzu kommt die wesentliche. Vereuerung
 der Frachten und sämtlicher den Preis des
Versandbieres bestimmender Elemente. Dem steht
ine wesentlich verminderte Kaufkraft der Bevölkeung
 und die Verstärkung der Antialkoholbewegung
‚egenüber. All dies hat zu einer wesentlichen Herab-'‚etzung
 des innerdeutschen Versandes geführt. In den
stzten Vorkriegsiahren hat Bayern allein durchchnittlich
 alljährlich 2,6 Millionen Hektoliter über
eine Grenzen ausgeführt. Für die Nachkriegszeit
2hlen genaue Ziffernangaben.
Noch empfindlicher ist der Rückschlag im Ausfuhrzeschäft:
 Die Trockenlegung Amerikas, die Unterrechung
 der Handelsbeziehungen mit den Ententeindern,
 die überall aufgerichteten hohen Zollschutzaauern
 u. a. m. haben das Ausfuhrgeschäft zeitweise
'‚eradezu erschüttert. Die Ausfuhr betrug im Jahre
913: 941 342 hl, im Kalenderjahr 1927: 522426 hl,
lso etwa 55% des letzten Friedensjahres. Nur
vährend der Inflationszeit hatte die Ausfuhr eine
;cheinblüte erreicht, da alles glaubte, hohe Erträge
wu erzielen und dabei das- Bier .ins Ausland verchenkte.
 Der vorstehende Bericht des Herrn
jenators Schurig gab bereits die einschlägigen Ver-Altnisse
 wieder.
Immerhin spielt auch heute noch der Bierversand
ür Deutschland eine gewaltige Rolle und — wenn
.icht alles trügt — ist er sogar vielleicht doch wieder
iner gewissen Erholung fähig. Denn ein ansehnicher
 Teil der Bevölkerung geht vom Weingenuß
vieder zurück zum Biergenuß.
Unendlich viele Fäden führen von der Versand-‚rauindustrie
 hinüber zur Landwirtschaft (Gerste,
Topfen, Pferde, Futtermittel), zur Industrie aller Art
Maschinen, Autos, Apparate), zum Handwerk (Einichtungsgegenstände,
 Kisten, Bauten, Reparaturen);
sie gibt einer Unmenge von Arbeitern Verdienst.
Sie erscheint daher eines eindringüicheren
 Schutzes durch Staat und
jemeinden würdig, als sie ihn bisher
zrfahren durfte.