2. Braugewerbe und Maschinenindustrie.
Von Professor Th. Ganzenmüller, Weihensteohan.

Die Entwicklung des Brauwesens aus kleinen gewerblichen
 Hausbetrieben zu einem bedeutenden
jliede in der deutschen Industrie hängt aufs engste
zusammen mit dem
Fortschritt der Maschinentechnik.
Es ist interessant zu verfolgen, wie die Entdeckungen
auf dem Gebiete der Kraft- und Arbeitsmaschinen
ınd deren schnelle Weiterentwicklung im 19. Jahraundert
 befruchtend auf die technische Ausgestaltung
und Rationalisierung der Brauerei eingewirkt haben.
Aber die Brauerei hat sich nicht nur die Fortschritte
der Maschinentechnik zunutze gemacht, auch die
Maschinenindustrie wurde umgekehrt von der
Brauerei technisch und vor allem wirtschaftlich gefördert
 und unterstützt. Die besonderen Bedürfnisse
auf manchen Gebieten des Brauwesens haben zu tech-3aischen
 Fortschritten angeregt, die auch anderen In-Jlustrien
 zugute gekommen sind. Neben dieser techıschen
 Seite stellt der Maschinenbedarf der gesamten
 Brauindustrie einen beachtlichen Faktor auf
dem Maschinenmarkt dar. Eine Betrachtung der
inzelnen Arbeitsgebiete der Brauerei soll diese Zusammenhänge
 näher beleuchten. i
Die Voraussetzung zu einer umfassenden industriellen
 Entwicklung aller Gewerbe war eine wirtschaftliche,
 überall aufstellbare Kraftmaschine. Darin
liegt die umwälzende Bedeutung und die rasche Fin-‚ührung
 der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert bezründet.
 Die unmittelbare Verwertung der Wasserkräfte
 ist örtlich zu sehr begrenzt, als daß sie in
lieser Zeit die allgemeine industrielle Entwicklung
antscheidend hätte beeinflussen können.
Auch der Ausbau der gewerblichen Braubetriebe
in eine industrielle Form ist eine Folge der Einführung
der Dampfkraft, In Bayern wurde beispielsweise
Jereits im Jahre 1840 die erste Dampfmaschine in
siner Brauerei aufgestellt. Es war von Anfang an
der Umstand günstig, daß bei der Herstellung des
Bieres neben dem Arbeitsbedarf in erheblichem
Maße Wärme benötigt wird. Der Leistungsbedarf
der ersten „Dampfbrauereien“ war im Vergleich zu
den heutigen Anforderungen gering, während der
Wärmeaynfwand für die Krafterzeugung und für den
übrigen Betrieb sicherlich höher gewesen sein wird
als heutzutage.
Die weitere technische Ausgestaltung des Braubefriebes
 hat dieses Verhältnis geradezu umgekehrt.
Die künstliche Kälteerzeugung auf dem heute allgemein
 üblichen Wege mittels Kompressionskältemaschinen.
 deren Erfindung wir Linde zu verdanken

1aben und für deren praktische Erprobung und Auszestaltung
 das Braugewerbe Pionierdienste geleistet
1at, erforderte mit einem Male mindestens eine Verloppelung
 der Betriebskraft. Dazu kam noch eine
ılmähliche, aber stetige Vermehrung der Arbeitsaaschinen,
 wodurch viele beschwerliche menschliche
\rbeit ersetzt wurde, die Leistungsfähigkeit eines
setriebes aber gesteigert und die Herstellungskosten
rniedrigt wurden. Im Gegensatz zu dieser allaählichen
 Vermehrung des Arbeitsbedarfes konnte
ler Wärmeaufwand für die Herstellung des Bieres
nit fortschreitender technischer Ausgestaltung der
Jetriebe bedeutend vermindert werden. Voraus-'reifend
 sei erinnert an die Verbesserung der
'euerungswirkungsgrade, der Isolierungen und an die
1ermische Verbesserung der Wärmekraftmaschinen.
/or allem die Ausnützung des Dampfes nach seiner
ırbeitsleistung im Zylinder der Dampfmaschine zur
leizung der Braupfannen und zur Heißwasser-Tzeugung
 war ein technisch-wirtschaftlicher Fortichritt,
 den sich die Brauindustrie lange vor den
neisten anderen Industriezweigen mit Kraft- und
Närmebedarf zunutze gemacht hat.
Nach dieser kurzen Darstellung des Entwicklungszanges
 sei der heutige
Stand der Kratft- und Wärmewirtschaft in der
Brauerei
yeschildert.
Die Großbetriebe stützen sich in der Regel auf eine
nach dem neuesten Stand der Technik ausgebaute

Dampfkraftanlage,
leren Leistung vielfach an 500 bis 1000 PS heran-'eicht.
 Wegen. des schwankenden Heizdampf-‚edarfes
 werden im allgemeinen zur Dampferzeugung
iroßwasserraumkessel (Flammrohrkessel) bevorugt,
 die wegen ihres großen Wasserinhaltes eine
‚ewisse Dampfspeicherfähigkeit besitzen. Diese
Cesseltype kann aber nur bis etwa 120 m? Heizläche
 wirtschaftlich hergestellt werden. Bei größeren
\usführungen wird der Preis verhältnismäßig hoch,
‚uch die Beförderung durch die Eisenbahn macht
ann wegen des beschränkten Wagenprofils
Schwierigkeiten. Die Dampfmengen für die obens‚enannten
 großen Maschinenleistungen werden des-‚alb
 meist in Wasserrohrkesseln (Schrägrohr- und
steilrohrkessel) erzeugt, die mit Wander- oder
"reppenrosten ausgerüstet sind. Nachdem die Jahre
ler Kohlenknappheit überwunden sind, verwendet
nan in den meisten Betrieben wieder hochwertige