3. Das Gast- und Schankstättengewerbe.
Von Dr. Werner Feilchenfeld, Syndikus der Industrie- und Handelskammer zu Berlin.

Daß das Braugewerbe mit der Entwicklung des
Gast- und Schankstättengewerbes (nachfolgend kurz
Gastwirtsgewerbe genannt) auf das engste verbunden
ist, bedarf keiner tiefgründigen Erläuterung. Die
Verflechtung zeigt sich volkswirtschaftlich in drei
Formen:
Die Brauerei als Selbstunternehmer,
?. Die Brauerei als Warenlieferant,
3. Die Brauerei als Geldgeber.
Die erste Form, daß die Brauerei selbst als Gastwirt
 auftritt, erreicht in ihrer volkswirtschaftlichen
Bedeutung bzw. der finanziellen Tragweite relativ
den geringsten Umfang. Wenn auch die Einrichtung
von Gastwirtschaften durch Brauereien und mit dem
Namen der Brauerei in großen Städten und besonders
in den süddeutschen Bierverbrauchsgebieten eine
häufige und gewohnte Erscheinung ist, so ist doch
naturgemäß der Bierverbrauch an diesen Stellen nur
ein verschwindender Bruchteil zum Gesamtverbrauch,
dessen wesentlichster Teil von den übrigen Gaststätten
 bestritten wird. Hierbei betätigt sich dann
das Braugewerbe sowohl als Lieferant von Bier als
auch als Geldgeber des Gastwirtes. Der Gastwirt
erhält nicht nur Kredite, sondern auch Schankeinrichtung,
 Firmenschilder usw. Eine ähnliche Entwicklung
 finden wir in einem anderen Genußmittelgewerbe,
 dem. Kleinhandel mit Tabakwaren, der
ebenfalls in der äußeren Firmierung die Namen der
von ihm besonders vertriebenen Fabrikmarken,
neistens der Zigarettenindustrie, führt und diese
Ausstattung von dem Lieferanten der Tabakwaren
erhält. Welchen Umfang die Investitionen des Braugewerbes
 bei den Gastwirten, und zwar im Regelfall
den kleinen Gastwirtschaften, erreicht haben, zeigt
eine Äußerung in dem Wirtschaftsbericht des
53. Deutschen Gastwirtstages vom September 1928,
der die Verschuldung des Gastwirtsgewerbes an die
Brauereien auf 20 RM. pro Hektoliter schätzt und von
einer Abhängigkeit von 90% aller Wirte spricht.
Trifft dies zu, so würde bei einer Bierausstoßziffer
von rund 55 Mill. hl für 1927 ein Kapital von mehr als
einer Milliarde von seiten der Brauereien dem Gastwirtsgewerbe
 zur Verfügung gestellt sein. Legt man
dies auf die rund 250 000 Gastwirtsbetriebe der amtlichen
 Zählung von 1925 um, so steckt im Durchschnitt
 aller 40000 RM. Kapital des Braugewerbes
in jedem Gastwirtsbetrieb. Berücksichtigt man
ferner, daß die Kredite im wesentlichen den reinen
Schankstätten kleineren Umfanges gewährt werden,
die 1925 die Zahl von 240 000 erreicht hat, so ergibt
sich sogar noch eine entsprechende Erhöhung der

Summe von 40000 RM. Daß wirklich der Kapitalanteil
(es Braugewerbes die Gesamthöhe von einer Milliarde
ıder den Einzelbetrag von 40 000 RM. pro Gastwirtichaft
 umfaßt, ist unwahrscheinlich. Die Angabe der
Verschuldung von 20 RM. pro Hektoliter wird desıalb
 etwas zu hoch gegriffen sein. Unbestreitbar ist
ıber, daß im Gastwirtsgewerbe, und zwar besonders
ji den kleinen Gastwirtschaften, allgemein die
3rauerei die Stelle des Geldgebers vertritt und daß
jeraus neben den sonstigen Wechselbeziehungen
ine kapitalmäßige Verflechtung der beiden Gewerbe-‚weige
 eingetreten ist, die zu einer Verschärfung der
‚egenseitigen Abhängigkeit geführt hat. Die gegenvärtige
 und die zukünftige Lage des Gastwirts-‚ewerbes,
 die nachfolgend geschildert werden soll,
‚ewährt deshalb in wesentlichem Umfang auch ein
jegenwarts- oder Zukunftsbild des Braugewerbes.

. Die gegenwärtige Stellung des Gastwirtsgewerbes
in der deutschen Volkswirtschaft.
Die Grundlage für Untersuchungen über die volksvirtschaftliche
 Bedeutung einzelner Gewerbezweige
ilden zur Zeit die 1927 veröffentlichten Ergebnisse
ler amtlichen Betriebsstatistik von 1925, die für das
lastwirtsgewerbe von Glücksmann in seinem Aufsatz
Das deutsche Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe“
Jahrbücher der Nationalökonomie 1928, Seite 740 ff.)
.nschaulich zusammengestellt worden sind. Das
Statistische Reichsamt gliedert in seinen Statistiken
jen Begriff „Gast- und Schankstättengewerbe“ in:
Gasthöfe, .
Pensionen und Heime,
Kaffeehäuser,
Kabarette usw.,
Schankwirtschaften,
Mittagstische und Wirtschaften.

!, Zahl der Betriebe und beschäftigten Personen.
Auf Grund dieser Einteilung ergibt sich für das geamte
 Gewerbe nachfolgendes Bild der Betriebszahl
‚nd der beschäftigten Arbeitnehmer.
Gegenüber der letzten Betriebszählung vom
ahre 1907 bedeutet die Gesamtzahl der Betriebe
255918) unter Berücksichtigung der durch den
‘riedensvertrag abgetretenen Gebiete einen Rück-‚ang
 um 5,2 %. Bemerkenswert ist ferner gerade
m Verhältnis zum Braugewerbe die schon obenervähnte
 hohe Zahl der Schankwirtschaften, die
3,71 % der Betriebe und 55,94 % der beschäftigten
ırbeitnehmer umfassen. Die Angabe. daß bei diesen