3. Die deutsche Brauindustrie als Arbeitgeber,
Von Diplom-Volkswirt F. C. Düstersiek, Berlin.

I. Die soziale Einstellung des Brauereiunternehmertums.

Das deutsche Braugewerbe darf als Arbeitgeber
für sich in Anspruch nehmen, seinen sozialpolitischen
Pflichten jederzeit nach bestem Vermögen nachgekommen
 zu sein. In den Reihen der Brauer sind
sozial fühlende und handelnde Persönlichkeiten seit
je besonders zahlreich vertreten.
In erster Linie verdient hier Richard Roesickes gedacht
 zu werden, der bis zu seinem Tode im Jahre
1903 jahrzehntelang zu den markantesten Persönüichkeiten
 im Braugewerbe gehörte. Er betrachtete
es als eine seiner Hauptaufgaben, in den damaligen
kritischen Zeiten der Industrialisierung des Braugewerbes
 das gute Einvernehmen zwischen Arbeitgebern
 und Arbeitnehmern zu erhalten und zu
fördern. In allen zu seiner Zeit das Braugewerbe
derührenden sozialpolitischen Fragen war er eine
allseits anerkannte Autorität, deren Einfluß sich weit
über die Grenzen des Braugewerbes hinaus geltend
machte.
Daß ein hohes soziales Verantwortungsgefühl zu
den alten, bewährten Traditionen des Braugewerbes
gehört, ist kein Zufall, sondern beruht nicht zuletzt
auf der stetigen organischen Entwicklung des‘ Braugewerbes
 vom Brauen für die eigene Hauswirtschaft
über das Stadium des handwerklichen Betriebes bis
zur modernen Brauindustrie. In den beiden ersten
Perioden gab es kaum ein soziales Problem im
heutigen Sinne. Im handwerklichen Brauereibetriebe
 arbeiteten Meister und Gesellen gemeinsam
an der Bereitung des Bieres; die Brauergesellen
hatten damals durchweg begründete Aussicht, nach
einigen Jahren ebenfalls selbständige Meister zu
werden, und betrachteten die Gesellenjahre lediglich
als ein Übergangsstadium. Mit dem Ausgang des
18, Jahrhunderts beginnt dann ganz allmählich der
Übergang vom handwerksmäßig betriebenen Gewerbe
 zur Industrie. Die ersten fabrikähnlichen
Brauereibetriebe entstanden in Bayern, wo zum Beispiel
 das Hofbräuhaus in München schon im Brau-:ahre
 1799/1800 etwa 23000 hl Bier herstellte. Erst
von dieser Zeit an gibt es Brauerei,„arbeiter“, die bei
der immer stärker einsetzenden Verschiebung der
Produktion zugunsten der Mittel- und Großorauereien
 nicht mehr mit einem späteren Selbständigwerden
 rechnen konnten. Das auch heute
höch trotz aller neuzeitlichen Verkehrs- und Versanderleichterungen
 standortsgebundene, relativ beschränkte
 Absatzgebiet der Brauereien — eine Ausnahme

 machen nur einige wenige Groß- und Export-)rauereien
 — brachte eine ziemlich gleichmäßige
Verteilung der Betriebe über das ganze Reichsgebiet
nit sich, wenn es natürlich auch starke graduelle
Jnterschiede zwischen Süd-, West- und Norddeutschland
 gibt, Eine in vielen anderen Industrien
eobachtete örtliche Zusamenballung von Betrieben
nit großen Arbeitermassen tritt in der Brauindustrie
ıur in den großen, bekannten Brauorten, wie
München, Berlin, Dortmund, Kulmbach usw. in Fricheinung.
 Diese Tatsache bedeutet für berufliche und
zewerkschaftliche Organisierungsbestrebungen eine
zewisse Erschwerung. In Verbindung mit der sich verıältnismäßig
 langsam vollziehenden Industrialisierung
jatte dies zur Folge, daß von früheren Zeiten her
ıoch manche Einrichtungen lange beibehalten wurlen,
 die geeignet waren, den persönlichen Charakter
ler Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitıehmer
 weiter zu wahren. Es waren dies die Ver-‘bfolgung
 von Kost durch den Arbeitgeber, das Freiogis
 und das Freibier. Das Freibier hat sich bis auf
len heutigen Tag in Form des sogenannten Frei-*unks:
 erhalten. Dagegen kommt eine Gewährung
on Kost und Logis durch den Arbeitgeber heute
&lt;aum mehr vor; wohl aber gibt es neben
:nderen Wohlfahrtseinrichtungen, von denen später
lie Rede sein wird, in einer ganzen Reihe von Berieben
 Speiseanstalten, Kantinen usw., die von den
brauereien Zuwendungen erhalten, um wohlfeile
Mahlzeiten abgeben zu können, |
Zur Vertiefung des sozialen Empfindens trägt die
afolge Fehlens eines eigentlichen Zwischenhandels
vestehende ‚enge Verbundenheit des Brauereileiters
nit seiner Kundschaft, also Gastwirten, Lebensmittelseschäften,
 Kantinen und Haushaltungen, sehr
vesentlich bei, weil sie den Brauer Einblick tun Jäßt
a die Sorgen und Nöte des praktischen Lebens. Die
\uswirkung dieser stark sozialen Einstellung ‚der
Aehrzahl der deutschen Brauereiarbeitgeber wird in
den späteren Abschnitten wiederholt deutlich in Erscheinung
 treten.

II. Die in der Brauindustrie beschäftigten
Arbeitnehmer. ;
A. Die Zahl der Arbeitnehmer.
Arbeiter.
Nach der gewerblichen Betriebszählung vom Jahre
‚925 waren in den deutschen Brauereien 85 445 Personen
 beschäftigt, dazu kamen noch 5065 in selb-