V. Die Kulturbedeutung der deutschen Brauindustrie.
1. Die Geschichte des Brauwesens.
Von Direktor Richard Knoblauch, Berlin.

Bis vor wenigen Jahren war man noch der Meiaung,
 daß die Wiege der Braukunst in Ägypten gestanden
 habe. Nun hat aber die neuere Forschung
das Dunkel, das noch über der Frühgeschichte der
vorderasiatischen Welt lag, erhellt. Um Jahrtausende
 ist unser Wissen erweitert; und welch hervorragende
 Rolle das Bier auch hier im Stromgebiet
des Euphrat und Tigris, in Babylonien, dem Ursprungsland
 der Pflugkultur, bei den alten Sumerern
gespielt hat, darüber geben uns die höchst wertvollen
 Arbeiten E. Hubers eindrucksvollen Aufschluß.
 Bezeichnend für Alter und Bedeutung des
Bieres ist es, daß das früheste beschriftete Kulturdokument
 der Menscheit, das uns bekannt ist,
aus dem 7. vorchristlichen Jahrtausend, gleichzeitig
 mit einem Tieropfer auch ein Bieropfer bekundet,
 das der Göttin des Ackerbaues und der
Fruchtbarkeit dargebracht wird; sie war ja auch
hach der religiösen Vorstellung der Sumerer die
Erfinderin des Bieres. Das überreiche Material der
Ziegelsteintexte gibt uns ein deutliches Bild der
ganzen materiellen Kultur der Zeit. Im 5. vorchristlichen
 Jahrtausend wird bereits von gewerblichen
Betrieben und von „gelernten“ Brauern berichtet.
Auf die sumerische folgte die semitische Herrschaft
in Babylonien. Hamurabi gab fast 2000 Jahre vor
unserer Zeitrechnung das erste große bürgerliche
Gesetzbuch. Unter den 360 Paragraphen desselben
waren drei der Bierbrauerei und den Schankstätten
gewidmet; aus ihnen erfahren wir u. a. von der
Festlegung des Malzgehaltes und des Preises des
Bieres, das niemals in bar, sondern mit Getreide
bezahlt werden mußte, und lernen die schweren
Strafen kennen, mit denen Bierpanscherei bedroht
war. „Solche Gastwirte‘“, heißt es, „soll man ins
Wasser werfen.“ Bier war das alleinige Volkszetränk,

 war Zahlungsmittel und Wertmesser. Als
Jeputat erhielt der Arbeiter ein Maß, der höhere Beımte
 fünf. Nicht, daß letzterer eine fünffache Durst-‚erechtigung
 gehabt hätte, die Naturalwirtschaft
‘ug eben der Größe des Haushalts Rechnung. Heiltrank
 war das Bier dem Kranken, im sakralen Dienst
vurde es den Göttern als Opfer dargebracht. Wie
us den Abrechnungen der Tempelverwaltungen her-‚orgeht,
 fand zweimal im Monat ein großer Umtrunk
x Ehren der Götter statt. In dem Trank, der Mut
rerleiht, der Sorgen scheucht, sah man etwas Göttiches,
 sein Genuß mußte der Gottheit näher bringen.
50 trank man, um des Gottes voll zu werden.
Inter Nebukadnezar, der sich rühmte, daß er Bier
vie die Wasser des Stromes’ ohne Maß auf die
\ıltäre des Marduk fließen ließe, bildete sich die
;rste Brauerinnung als geachtete gewerbliche Orsanisation;
 ihre Mitglieder nahmen als einzige Laien
.n der großen Prozession zu Ehren Marduks teil und
:;ogen den heiligen Wagen des Anu, des ältesten und
Öchsten Gottes.
Über die Einzelheiten der Brautechnik sind wir
veniger. unterrichtet, wir wissen aber, daß die Biere
jergestellt wurden aus Gerste und Emmer, einem
/orläufer des Weizens; erstere wurde sogar schon
a sumerischer Zeit vermälzt, letzterer enthülst ‚als
Aohfrucht verbraut. Gerstenmalz wie Emmer
vurden zu Broten geformt, leicht angebacken oder
eröstet, in Wasser gelöst und nach einer Art In-‘11sionsverfahren
 verbraut zur Gärung angesetzt.
Aannigfaltig . müssen diese Verfahren gewesen sein.
9 Biersorten allein führt Huber an: 8 Gerstenbiere,
5 Emmerbiere und 3 Mischbiere, d. h. zu mischende
Jiere, stark eingekochte Malzextrakte, die zumal bei
len Heereszügen eine wichtige Rolle spielten. Sie
varen haltbar und ließen sich, mit Wasser gemischt;

m

Babulonische Biertrinker (Haburamis Zeit).

Heilbehandlung mit Bier.

Biertranklarter