220 _ Direktor Richard Knoblauch, Berlin:
Korn angekeimt ist, und die den süßen Mehlbrei vergären
 läßt, kann auch hier alleinige Lehrmeisterin
im Mälzen und Brauen gewesen sein. Erst durch
T’acitus erfahren wir Näheres über das deutsche
Bier, über seine Rohstoffe, über seinen Geschmackscharakter
 und über die Trinkfreudigkeit unserer
Vorfahren. Das Brauen lag den Frauen ob. Über
die Technik können wir uns mit Hilfe des Tacitus,
der Archäologie und der Sprachforschung immerhin
ein erkennbares Bild machen: Rohfrucht war Gerste,
Weizen, Hafer. Das Maischen auf dem Wege über
Malzbrot, wie im Orient, war nicht bekannt. Die
Erwärmung und das Kochen der Maische erfolgte
durch Zubrühen oder durch Einwerfen erhitzter Steine
in das Maischgefäß. Kühlprozeß und Gärung wurden
'n primitivster Form durchgeführt. Das Mälzen
war schon frühzeitig bekannt. Getrocknet wurde
das Grünmalz auf geflochtenen hölzernen Hürden
über dem Herdfeuer. In der altnordischen Fornaldarsage
 ruft der Speichel Odins die Gärung hervor.
Auch heute noch spielt bei vielen primitiven Völkern
das Spucken in die Maische einen wichtigen Teil des
Brauprozesses. Mal sind es die Jungfrauen des
Stammes, mal alte Weiber, die diese Aufgabe besorgen.
 In der Tat übt ja der Enzymreichtum des
5peichels eine stark fördernde Wirkung auf die
Wandlungsvorgänge aus. Der Hinweis auf Odin
-äßt es möglich erscheinen, daß unsere Vorväter in
iltester Zeit sich auch dieses Mittels bedienten. Mit
den Worten „umor in quandam similitudinem vini
sorruptus“, „in gewisser Ähnlichkeit mit schlechtem
Wein“ kennzeichnet Tacitus den Trank der alten
Germanen. Charakteristisch war jedenfalls der
starke Säuregehalt, doch wurden zu dessen Milderung
 vielfach Honig und auch schon Bitterstoffe, wie
Gagelkraut u. a., verwendet. |
Kein Volk, sagt Tacitus, hat zu gastlichem Leben
einen so unbegrenzten Hang. Wie bei keiner geselligen
 Zusammenkunft der Trunk iehlen durfte,
wie die Wonnen des Jenseits ohne Bier undenkbar
waren, so mußte es aber auch bei ernsten Beratungen
die Geister beleben („„... tamquam nullo magis tempore
 pateat animus‘“). Tat man hierbei zuviel des
Guten, so wurde am folgenden. Morgen nochmals
nüchtern beraten. Nach Tacitus arteten die meisten
Zusammenkünfte in Saufereien aus. Spätere römische
Historiker stimmen ihm bei. Dagegen erhalten wir
aus den germanischen Überlieferungen doch ein
anderes Bild. Gesittet verlaufen die Gastmähler im
‚Beowulf‘“. „Klebe nicht am Becher, trinke Bier
mit Maß“ heißt es in der Edda. Nichts aber kennzeichnet
 die Freude an der Geselligkeit freundlicher
als die Worte im Havamal der Edda: „Den Menschen
ireut der Mensch.“
In den auf römischem Boden errichteten germanischen
 Staaten gingen die Eroberer überall, wo die
xebe gedieh, bald zum Wein über, aber doch nicht

ranz ohne Widerstand, So mancher fränkische oder
urgundische Edeling zog das Bier dem Trank des
eindlichen Romanen vor. Als der Franke Hozinus
len König Chlothar zum Male geladen hatte (um
560 n. Chr.), fanden die Gäste im Saale volle Fässer
nit Bier dastehen, „wie es bei den Heiden Sitte ist‘;
ler für die Christen bestimmte Trank wurde getrennt
7on dem „den heidnischen. Göttern geweihten Bier“
‚ereicht (Vita S. Vedasti).
Bei der Bekehrung zum Christentum knüpfte die
Kirche in kluger Weise an die alten Gebräuche an
ind paßte sie der neuen Lehre an. Man trank nicht
nehr die Minne Wotans, sondern die Minne Christi
ind der Heiligen. Die oft genug erst halb Bekehrten
vollten es aber mit den alten Göttern nicht ganz ver-‚erben.
 So traf unerkannt der Heilige Columbanus
um 610) eine Schar Alemannen auf einer Waldwiese
‚elagert. In ihrer Mitte ein großes Bierfaß von
© Eimern Inhalt, wie der Heilige zunächst feststellte
... Vasque magnum, quod viginti et sex modios
‚apiebat ...)., Auf seine Frage, was sie damit
vollten, sprachen sie, sie brächten ihrem Gotte
Notan ein Opfer.

„Wie er von diesem scheußlichen Wort hörte, blies er das
‘aß an, und siehe da, es löste sich mit Gekrach und sprang in
Stücke, so daß alles Bier augenblicklich ausströmte. Da zeigte
;s sich klar, daß der Teufel in dem Faß verborgen war, der
lurch das irdische Getränk die Seelen der Opfernden fangen
vollte. Da staunten sie ob solchen Wunders. Fr aber schalt
je mit den Worten des Evangeliums und befahl ihnen abzuassen
 von solchen Opfern. Viele unter ihnen, die schon geauft
 waren, aber noch fortlebten im heidnischen Unglauben,
ährte er durch seine guten Worte zum Glauben und in den
ıchoß der Kirche zurück“ (Vita Columbani II, 7).
Mit großer Liebe und vielem Verständnis nahmen
ich die Klöster des Mittelalters der Braukunst an.
Der berühmte Bauplan des Klosters St Gallen, vom
ahre 820, das wertvollste zeichnerische Dokument geraanischer
 Vergangenheit, zeigt uns drei wohleingerichtete
3raustätten, weiter finden wir Räume für Getreidelagerung,
ine große Darre, Malzquetsche, wie auch Kühl- und
järräume und Böttchereiwerkstätten. Kurze lateinische
’exte geben Erläuterungen. Weiter gewinnen wir durch
‘kkehard IV. (980 bis 1060) Klosterchronik, aus seinen
3enedictionen und Korrekturen des Orosius Finblick in die
"echnik der Zeit, Gebraut wurde für den Alltag ein leichtes
Ilaferbier, Cervisa, und für die Festtage. und für hohe Gäste
in schwereres Bier aus Weizen und Gerstenmalz, Celia. Für
etzteres fand Ekkehard begeisterte Worte. Fünf Zunessungen
 an Bier, von denen die eine durch Wein ersetzt

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St. Gallen, Sudhausgrundriß.
1. Vorratsraum, 2. Brauhaus, 3. Kühlraum, 4. Bäckerei.