3. Ernährungswirtschaftliche und sozialhygienische Bedeutung des Bieres,
Von Dipl.-Ing. H. Paproth, Berlin. ;
J. Das Bier als Getränk.
Die Stellung des Bieres in der menschlichen Fraährung
 umfaßt im Grenzgebiet zwischen Nahrungsmittel
 und Genußmittel einen sehr weiten Raum.
Das Bier ist ein Erfrischungsgetränk, ein Getränk
der alkoholischen Gärung, ein gehopftes Getränk und
sin Nahrungsmittel. Diese seine Eigenschaften
stellen eine untrennbar verbundene Einheit dar und
bilden zusammen den Getränkecharakter des Bieres.
Wird auch nur eine davon in ihrer natürlichen Ausprägung
 verkümmert, oder fehlt sie ganz, so geht der
besondere Getränkecharakter des Bieres restlos verloren.
 Er kann natürlich auch nicht entstehen, wenn
Bestandbildner zusammengemischt werden, deren
zusammengesetzte Substanz der des Bieres nur bis
zu einem gewissen Grade ähnlich ist.
Zur Erkenntnis dieser Wahrheit über das Wesen
des Bieres mögen einige Beispiele dienen.
li. Mischt man je zur Hälfte aus einer Flasche
leichtem Mosel- oder Rheinwein und einer Flasche
Mineralwasser eine Schorle-Morle, so erhält man ein
moussierendes Erfrischungsgetränk vom Alkoholgehalt
 des Bieres, welchem jedoch das Hopfen-Bitter-Aroma
 vollständig und die gehaltvollen Fxtraktstoffe
 zum weitaus größten Teil fehlen. Das Getränk
hat in den heißen Monaten einige Verbreitung, vermag
 aber mit dem Riesenkonsum des Bieres nicht
im geringsten zu konkurrieren, ist ihm auch in
seinem ‚ganzen Getränkecharakter absolut unähnlich
und in keiner Beziehung gleichwertig.
2. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird seit
Einführung der Prohibition das sogenannte „near
veer‘“ hergestellt, ein Bier normalen Stammwürzegehalts,
 aus welchem aber nach der Vergärung der
Alkohol bis auf % % abgetrieben ist. Die hierbei mit
abgehenden flüchtigen Aromstoffe und die gänzlich
ausgetriebene Kohlensäure werden nachher wieder
zugesetzt. Es mag dahingestellt bleiben, wie weit es
gelingt, das durch die vorangegangene Alkoholdestillation
 zerstörte Bukett wieder herzustellen.
Jedenfalls entsteht ein Erzeugnis, welches dem Bier
aur chemisch ähnlich ist, aber von seinem Getränkwert
 fast alles eingebüßt hat. Der Konsum lehnt es
fast vollständig ab. Es vermag kaum den zehnten
Teil des früheren Bierumsatzes zu behaupten.
3. Nicht viel anders dürfte es in einem Land von
entwickelter Braukultur einem untergärigen Bier
ergehen, welches zwar einen normalen Alkoholzehalt
 von 4 Vol. % und darüber hat, auch das nötige

aß von Hopfenbitter, aber nur einen Teil der
iblichen Extraktstoffe. Ein Getränk dieser Art ließe
;ch aus Malz und Zuckerstoffen erstellen. — In
Jeutschland schließt das Reinheitsgebot ($ 10 des
3iersteuergesetzes vom 9. Juli/1l. August 1923) die
irzeugung solchen Bieres, welches in Wirklichkeit
ur ein Biersurrogat sein würde, aus. — Unterstellen
vir aber, es würde gleichwohl gebraut, so würde ein
jetränk folgenden Charakters zustande kommen:
\Ikoholgehalt und Bitteraroma normal, jedoch Ge-°chmack
 sprittig und leer, da die gehaltvollen
3xtraktstoffe des Malzes nur zum Teil vorhanden
;jind. Vom Konsum würde auch dieses Getränk
sicher verworfen werden.
Um zu einer
rnährungswissenschaftlichen Wertung des Bieres
zu gelangen, zitieren wir das „Handbuch der Erıährungslehre‘“
 (1) von Geh. Medizinalrat Prof. Dr.
7. von Noorden und Prof. Dr. H. Salomon, also zwei
nternational anerkannten Autoritäten ihres Fachrebiets:


I. Bd., Seite 766/67: . .. „Von besonderen Umständen
abgesehen, darf gut bereitetes Bier als das bekömmlichste
 alkoholische Getränk gelten. Mit geringer Konzentration
 des Alkohols und gewissem Nährwert verbinden
 die leichten Biere die Figenschaft eines durch
glückliche Mischung von verdünntem Alkohol, Dextrinen
und Maltose, Bitterstoffen, Kohlensäure bedingten eririschenden
 Wohlgeschmacks. Diese erfrischenden
Eigenschaften, hinter welche die Alkoholwirkung der
üblichen kleinen Mengen (*/so—/s0 Liter) ganz zurücktritt,
 ermöglichten dem Bier seinen Siegeszug durch die
ganze Welt. Er erstreckt sich infolge vollendeter braugewerblicher
 Technik jetzt äuch auf die Tropen, die dem
Normalbier früher verschlossen waren und mur unzebührlich
 alkoholreiche Arten desselben kannten.“ ...
Verbreitung über die Welt.
Den Zahlenbeleg zu dem, was von Noorden und
jalomon. geurteilt haben, liefert die Zahlentafel l,
‚Weltbiergewinnung in geographischer Ordnung“.
is lohnt sich, in die Einzelheiten der statistischen
7ahlen etwas hineinzugehen, um aus der Entwickıng
 des Konsums einen Rückschluß auf das physioogische
 Bedürfnis der einzelnen Völker und Klimata
u gewinnen, wobei der Einfluß der einschneidendsten
rolkswirtschaftlichen und gesetzgeberischen Monente
 entsprechend zu berücksichtigen sein wird.
In Europa hat der Weltkrieg in erster Linie natürich
 in den betroffenen Ländern ungeheure wirtchaftliche
 Rückschläge ausgelöst, in den Vereinigten
staaten von Amerika hat eine kurzsichtige und ein-