246 Dipl-Ing. H. Paproth, Berlin:
betrachtungen nachweisen, indem wir folgende
Fragen beantworten:
1. Ist — unter einstweiliger Zurückstellung der
Frage, welchen Anteil das Bier daran hat — der
durch Alkoholmißbrauch verursachte gesundheitliche
Schaden in Deutschland in internationaler Perspektive
 groß oder klein?
2. Lassen sich in Deutschland Perioden unterscheiden
 und vergleichen, in welchen der Anteil des
Bieres am gesamten Alkoholkonsum im Verhältnis
zu den konzentrierten Getränken erheblich verschieden
 war, und wenn ja, läßt sich ein günstiger
Einfluß auf die Kurve des Alkoholismus dann erkennen,
 wenn eine Zurückdrängung der konzentrierten
 Getränke durch das Bier stattfindet?
Die erste Frage glauben wir durch nichts besser
beantworten zu können als durch den Vergleich der
Symptome des Umfanges des Alkoholmißbrauches
zwischen Deutschland und einem Lande, in welchem
jeder Alkoholkonsum gesetzlich verboten ist; wir
haben das größte der Verbotsländer gewählt, die
Vereinigten Staaten von Amerika. Die Alkoholgegner,
 welche ja die durch Alkoholmißbrauch entstandenen
 Schäden am besten kennen müssen,
nachen eine Reihe von Krankheiten namhaft, bei
welchen der Alkohol eine wichtige Ursache sein soll.
Wieweit das richtig ist, mag hier dahingestellt
bleiben. Wir wollen uns einfach damit begnügen, im
i{olgenden die nackten Sterblichkeitsziffern beider
Länder gegenüberzustellen; das sind die Todesfälle,
 welche im Läufe eines Jahres auf eine fixe Zahl
von Lebenden, z.B. 100 000, treffen. Das für diesen
Zweck verwendete Material bilden vor allem die
amtlichen Todesursachenstatistiken der beiden Länder,
 und zwar für die Vereinigten Staaten die „Morzality
 Statistics“ (12) des Bureau of Census
(Department of Commerce), für Deutschland erstens
das Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich
1927, zweitens für zwei Krankheitsgruppen, nämlich
„Alkoholismus‘“ und „Zuckerkrankheit‘“, welche das
Reich in seiner Todesursachenstatistik nicht führt,
lie Statistischen Jahrbücher der beiden größten
deutschen Länder: Preußen und Bayern. Bei zwei
weiteren Krankheitstypen: „Leber-Cirrhose‘“ und
„Nierenentzündungen‘‘ waren für Deutschland Verzleichswerte
 nur auf dem Umwege über die amtliche
Tafel IV.
Sterblichkeit pro 100000 Lebende im Jahre 1925.

Statistik der deutschen Heilanstalten zu gewinnen,
d.h. im Wege der proportionalen Berechnung.
Es ist auf Grund dieses Materials klar, daß die
\lkoholschäden in Deutschland in der internatio-\alen
 Perspektive sehr gering sind. Besonders wertvoll
 für die Beurteilung der Rolle des Bieres ist das
‚rgebnis bei der Gruppe 4 „Krankheiten der Kreisıuforgane‘“,
 obwohl dort der Zahlenunterschied
ugunsten Deutschlands am kleinsten ist. Bekannt-‘ch
 führt der übertriebene Biergenuß wegen der
rroßen Flüssigkeitsaufnahme noch am ehesten zur
‘chädigung dieser Organe. Nur ist man aber zu der
ermutung berechtigt, daß die amerikanische Verotsgesetzgebung
 zwar die konzentrierten alkoolischen
 Getränke wenig zu treffen vermocht hat,
jas Bier dagegen, dessen heimliche Herstellung in
Tößerem Stile nicht denkbar ist, so gut wie völlig
usgerottet hat, von dem erlaubten sogenannten
near beer‘“ („beinahe Bier‘) mit seinem % % Al-"oholgehalt
 abgesehen, welches etwa ein Zehntel des
instigen Ausstoßes der Brauereien ausmacht.
ileichwohl sieht man, daß der Umfang von Erkranungen
 der Kreislauforgane in Deutschland merklich
'leiner ist als in dem fast bierfreien Amerika. Ein
3eweis, daß die etwa vorhandenen GesundheitscChäden
 an Herz und Arterien infolge übermäßigen
Xergenusses bei uns so gering sind, daß ihre Spur
\m Volksganzen sich nicht feststellen läßt!
Wir möchten nicht unerwähnt lassen, daß von
ikoholgegnerischer Seite bisweilen auch die Tuber-»ulose
 auf das Konto des Alkoholmißbrauchs gesetzt
vird. Wenn wir hierauf nicht weiter eingegangen sind,
Oo haben wir uns yon der Feststellung leiten lassen,
{aß auf Grund der oben bezeichneten amtlichen
nglischen Berufssterblichkeitsstatistik (13) (Seite
)XXIII) die Bierbrauer in der Tuberkulosesterblicheit
 um nicht weniger als 30% unter dem all-'emeinen
 Durchschnitt figurieren. Bezüglich des
)eagierens der Brauer auf ansteckende Krankheiten
nag auch noch auf die Berufssterblichkeitsstatistik
urückgegriffen werden, welche in Hamburg nach
ler großen Choleraepidemie von 1893 aufgestellt
vurde. Danach schnitten die Bierbrauer am
‚esten ab. Ä
Zu 2, Wir gelangen nunmehr zu unserer zweiten
Trage: „Läßt sich ein günstiger Einfluß auf die Kurve
les Alkoholismus dann erkennen, wenn eine Zurückirängung
 der konzentrierten Getränke durch das
3ier stattfindet?“
Nun ist eine derartige objektive Nachprüfung über
den Verlauf der „Alkoholismuskurve‘“ wiederum mit
zanz bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Sie
läßt sich nur an Hand des amtlichen Materials der
deutschen Heilanstalten gewinnen, welches in seiner
jetzigen Form seit 1902 vorliegt. Bis dato gab es
aber eine systematische medizinal-statistische Auswertung
 der deutschen Heilanstaltsstatistiken nach

Krankheit

Ver,
‘taaten v. Deutsches
Amerika Reich

DraunBan

Bavern

‚ Alkoholismus ......
* Leber-Cirrhose .....
Nieren-Entzündung .
Krankheiten der
Kreislauforgane..... ı
Zuckerkrankheit .... 4

3,6
7,3
96.4

} A

0.2

4,9
29,0

211,0 | 176,0 |
16:9 | o—

10,8 | 7.6