YV., 3. Ernährungswirtschaftliche und sozialhygienische Bedeutung des Bieres. 247
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dieser Richtung überhaupt noch nicht. Wir sahen
uns daher genötigt, unter sorgfältiger Ausmerzung
aller Fehlerquellen rein statistischer Art (allgemeine
Ausdehnung der Heilanstaltstätigkeit, Veränderung
in der Größe, Zusammensetzung und Altersgliederung
 der Bevölkerung, mittlere Schwere der behandelten.Fälle
 von „Alkoholismus“ usw.) eine solche zu
schaffen. Das Resultat dieser umfassenden Untersuchungen“)
 ist, daß die Symptome über den Umfang
des „Alkoholismus‘ in Deutschland nach den Ziffern
der Heilanstalten in den beiden letzten Berichtsjahren
 um rund 40 % schwächer waren als z.B. in
den drei letzten Vorkriegsjahren 1911 bis 1913.
Parallel mit diesem Rückgang des Alkoholmißbrauchs
vollzog sich das relative Hinabgleiten des Konsums
konzentrierter Getränke. Bezogen auf die erwachsene
deutsche Bevölkerung war nämlich in den Jahren
1925 und 1926 im Vergleich zu 1911 bis 1913. der
Branntweinkonsum um rund 65 %, der Bierkonsum
nur um 35 %. zurückgegangen. Trotz dieses starken
Konsumrückganges war der prozentuale Anteil des
Bierkonsums also größer als je zuvor. Die bedeutende
 Besserung im Alkoholmißbrauch fällt alsc
zeitlich mit der Phase zusammen, in welcher der
prozentuale Konsumanteil des Bieres sein Maximum
erreichte, ermöglicht also in gewissem Grade eine
Urteilsbildung über den volkshygienischen Wert des
Bieres auch in dieser Beziehung.
Das Bier als Heilmittel.
Es ist von vornherein zu bemerken, daß die volkshygienische
 Bedeutung des Bieres sich zu ganz
überwiegendem Teil auf den Gesunden erstreckt,
und nur zu einem geringen Bruchteil‘ auf die
Stärkung des Kranken und Rekonvaleszenten.
Gleichwohl muß auch darüber das Wichtigste gesagt
werden. Es ist fast selbstverständlich, daß die hervorragenden
 Eigenschaften, welche das Bier zu
einem Therapeuticum des täglichen Lebens machen,
auch Kranken und Rekonvaleszenten zugute kommen
müssen. Dies gilt im besonderen für seinen Erfrischungswert,
 die euphorisch-narkotische Wirkung
seines leichten Gehalts an Alkohol und Hopfenbitter
sowie für seinen Nährwert, Appetitreiz und die
Förderung der Verdauungsfunktionen. Meistens sind
es die hier genannten vereinigten Wirkungen, welche
den Arzt veranlassen, seinen Patienten zum Bier
zu raten.
Eine allgemeine Wertung des Bieres in der
Krankenkost, z.T. allerdings auch auf Einzelheiten
bezugnehmend, geben v. Noorden und Salomon im
„Handbuch der Ernährungslehre“ (1):
Seite 767. „... In der Krankenkost wird Bier entschieden
 zu wenig gewürdigt. Nicht um seiner selbst willen ist
es hier am Platze; denn sowohl der Alkohol- wie der
.____ Kaloriengehalt ist zu gering, um damit Großes zu er-*)
 Vgl. Paproth: „Der Alkoholismus nach den amtlichen
Heilanstaltsstatistiken des Deutschen Reiches“ (17).

reichen. Es ist aber für viele ein hervorragendes Erquickungsmittel
 und erleichtert Zufuhr und Aufnahme
anderer Nahrung. Bei fieberhaften Zuständen, sowohl
akuten wie chronischen, ist dies oft zu beobachten; selbst
bei Magenkranken, wie bei chronischen Katarrhen, bei
Achylien und sogar bei Magen- und Zwölffingerdarmzeschwüren.
 Solche Kranken vertragen ein gut auszereiftes
 Bier oft überraschend gut, und die übrige Kost
schmeckt ihnen dann besser. Man soll es niemals aufzwingen.
 Man kann beinahe sagen, daß Bier als Bestandteil
 der Krankenkost — natürlich immer in bescheidenen
 Mengen — gut vertragen wird, wo es
degehrt wird . . .“
Weitere fachwissenschaftliche Belege betreffen
lie gute Anwendbarkeit des Bieres u. a. bei Hyperıziditätsbeschwerden
 (v. Noorden - Salomon [1],
5. 759), bei Magenkatarrhen (Southgate und
Darter [10]), zur Förderung der peripheren Blutirkulation,
 bei Überreizung und nervösen Er-‚chöpfungszuständen
 und zur Herbeiführung von
resundheitsförderndem Schlaf und Behagen (Prof.
Zrnest Starling [16], v. Noorden - Salomon [1],
3. 762/63, Britisches M.R.C. [7], S. 130). |
Bier und Sport,
Den Wert des alkoholischen, besonders des leichtılkoholischen
 Getränkes bei hochgradigen Ernüdungszuständen
 hat der schweizerische Militärınd
 Sportarzt Dr. Ch. Widmer, Zürich, an Hand
seiner Beobachtungen bei der Hochtouristik einyandirei
 nachgewiesen: nach Widmer werden bei
Xlkoholzufuhr in solchen Fällen die am stärksten in
Mitleidenschaft gezogenen Nervenzentren der Großırnwände
 stillgelegt, so daß die Tätigkeit der bis
lahin unverbrauchten Zentren der Subcortica beıerrschend
 hervortritt und den Zustand der Euphorie
wuslöst; dieser ist die Vorbedingung für den sonst
ıicht zu erlangenden gesunden Schlaf und damit für
lie Regeneration des Nervensystems.
Sinngemäß müßte die gleiche Nutzanwendung des
ılkoholischen Getränks nach allen sportlichen Gevaltleistungen
 am Platze sein.
Neuerdings bekanntgewordene Urteile und Beobıchtungen
 prominentester Vertreter der Sportwelt
Houben, Körnig, Nurmi, Straßberger, Lammers
ısw.) sprechen für den Gebrauchswert alkoholischer
Getränke im Sportleben; sie betonen insbesondere
len Nutzen des Glases Bier oder Wein am Vorabend
zroßer Ereignisse, weil es die Nervenspannung löst,
esten Schlaf vermittelt und dadurch die sportliche
z7orm bei den am nächsten Tage folgenden Prüfungen
ıufs günstigste beeinflußt. Die früher herrschende
Auffassung von der Notwendigkeit der Alkoholabstinenz
 beim Sport darf heute als widerlegt gelten.

Diese Erfahrungen aus der Sportpraxis bestätigen
len allgemeinen volkshygienischen Wert des Bieres
als Entspannungsmittel des werktätigen Lebens in
sehr bemerkenswerter Weise.