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        WIRTSCHAFTS
MPTOM

BETRACHTUNGEN DER

KOLNISCHEN ZEITUNG

ÜBER DAS IN- U. AUSLAND

ZU ANFANG 1930

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        WIRTSCHAFTS
MPTOME

BETRACHTUNGEN DER

KOLNISCHEN ZEITUNG

ÜBER DAS IN- U. AUSLAND

ZU ANFANG1930

JERLAG M. DUMONT SCHAUBERG ‚; KOLNISCHE ZEITUNG
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        {8-1 4430
de.-4
        <pb n="4" />
        VORWORT

Wo steht die Wirtschaft? Diese Frage war besonders an
der Jahreswende 1929/30 gerechtfertigt. Deutschland hatte ein
Jahr des stärksten wirtschaftlichen Druckes hinter sich, vor
allem auch deshalb, weil sich die Zufuhr ausländischen Kapitals
im Vergleich zu den vorhergehenden Jahren in engen Grenzen
hielt. Eine Vertrauenskrise von allergrößtem Ausmaß
legte sich über das gesamte Geschäftsleben. Aber trotz allem
war die Wirtschaft doch relativ widerstandsfähig; insbesondere
hielt sich die Erzeugung einiger Schlüsselindustrien auf beachtlicher
 Höhe, zum Teil erreichte sie sogar Rekordzahlen. Ein
neuer Abschnitt begann für Deutschland auch insofern, als der
Dawessche Plan durch den Youngschen Plan. den sogenannten
Neuen Plan, ersetzt wurde.
Eine Behandlung der Wirtschaftslage Deutschlands allein
wird aber der heute ständig zunehmenden Inte rnationalisierung
 der Wirtschaft nicht mehr gerecht. Wir haben
daher unsre Jahresbetrachtungen nicht nur auf die deutsche
Wirtschaft und ihre internationale Verflechtung beschränkt und
die besondern Symptome herausgestellt, sondern auch versucht,
 Querschnitte durch die Wirtschaft der wichtigsten
Länder zu legen. Zu diesem Zweck haben sich unsre eignen
ausländischen Vertreter ganz kurz über die wirtschaftliche
 Lage ihres jeweiligen Aufenthaltslandes geäußert.
Wenn auch unsre Betrachtungen zusammen mit denen unsrer
ausländischen Vertreter keinen Anspruch auf Vollständigkeit
machen — ein Ziel, das im Rahmen einer Reihe von Zeitungsaufsätzen
 nicht zu erreichen ist —, so geben sie doch ein ziemlich
 umfassendes Bild über die deutsche und weltwirtschaftliche
 Lage an der Jahreswende 1929/30. Der Anklang, den diese
Betrachtungen bei den Freunden der Kölnischen Zeitung gefunden
 haben, bestärkte uns in dem Vorhaben, sie in einer
3roschüre zusammenzufassen.
Zur Vervollständigung des Bildes haben wir der Broschüre
die monatlich von uns veröffentlichten Zahlen über den
„Stand der Wirtschaft“ für die einzelnen Monate des
Jahres 1929 zusammen mit den Durchschnittszahlen 1918,
1928 und 1929 beigegeben, wodurch ein sehr handliches
Vergleichsmaterial geliefert wird.
Köln, Ende Januar 1930.

Kölnifche Zeitung
Verlag und Handelsredaktion
        <pb n="5" />
        DEUTSCHLAND

ALLGEMEINER ÜBERBLICK

Unter starkem Druck, aber relativ widerstandsfähig

[s] Köln, 14. Dezember ‘
Deutschland und das Ausland

Die Gesamtbilanz der deutschen Wirtschaft für das zu Ende
gehende Jahr ist alles andre als erfreulich. Zahlreiche Unter:
nehmungen sind auf der Strecke geblieben, viele sind ge:
schwächt worden, der größte Teil der übrigen hat nicht den notwendigen
 oder den erhofften Gewinn abgeworfen. Durch einen
Zusammenbruch größten Ausmaßes (Frankfurter Allgemeine)
wurde auch das Ausland stärker betroffen, was nicht ohne erhebliche
 Rückwirkung auf die ausländischen Geldgeber bleiben
konnte. Da aber ähnliche unliebsame Vorkommnisse auch in
einzelnen Teilen des Auslandes festzustellen waren (Oester-‚eichische
 Boden-Credit-Anstalt mußte von der Oesterreichischen
Credit-Anstalt aufgenommen werden, in England Schwierigkeiten
 der Hatry- und Horne-Gruppe), so erhielt das Mißtrauen,
 der größte Feind des Geschäftslebens, immer neue
Nahrung. Der Börsenumschwung in Neuyork im
Monat Oktober mit all seinen internationalen Folgen zeigte, daß
auch in Amerika die Bäume nicht in den Himmel wachsen
können. Der noch nicht gefestigte Zustand der deutschen Wirtschaft
 kann auch durch nichts besser beleuchtet werden als
durch das weıtere Eindringen des Auslandes in
Deutschland. Der ausländische Geldgeber begnügt sich nicht
mehr mit der Rolle des Obligationärs, er wird Aktionär und erbält
 damit ein weit stärkeres Verfügungsrecht über Teile der
deutschen Wirtschaft als früher. Wenn auch Deutschlands
Wirtschaft wieder einige Fortschritte im Ausland gemacht hat,
so bleiben sie doch weit zurück hinter dem Voraänschreiten des
Auslands in Deutschland. Die Internationalisierung
der Wirtschaft ist auch im Jahr 1929 bedeutend voran g®-trieben
 worden. Diese Bewegung wird sich fortsetzen ohne
allzu große Rücksicht darauf, ob ihr zollpolitisch entgegengearbeitet
 wird, ob das „Heilige Jahr“ des Mittelalters in der Form
        <pb n="6" />
        eines „Zollfeierjahres“ Wirklichkeit wird oder ob die Idee „Paneuropa“
 oder dergleichen mehr wird als ein wirkungsvoller
Redestoff im Genfer Völkerbundpnalast,

Reparationen und Reformen

Für die auf die Dauer untragbare Vorbelastung der deutschen
Wirtschaft durch die Reparationen bedeutet das Jahr 1929 einen
weitern Markstein auf dem Wege zur Vernunft der Gläubigerländer.
 Die Verminderung der Lasten eines sogenannten
Normaljahres (einschließlich des im Dawesschen Plan vorge-Sehenen
 Wohlstandsindexes) auf Grund der Pariser und
Haager Konferenz um ungefähr 700 Mill. RM auf etwa 2 Milliarden
 RM (Youngscher Plan) ist sicher ein Fortschritt. Aber
er genügt bei weitem noch nicht. Man muß jedoch Geduld
haben, da Vernunft oder gesunder Menschenverstand sich trotz
Flugzeug, Radio und Bildübertragung nur ganz langsam durchsetzen.
 Aber nicht nur bei den andern, sondern auch bei
uns! Wie lange reden wir schon von Verwaltungs-, Steuerund
 Finanzreform! Wie wenig ist bis jetzt geschehen! Der auf
den Druck der öffentlichen Meinung in diesen Tagen endlich
gemachte Versuch, wenigstens anzufangen, ist auf den heftigsten
 Widerstand der Parteien und ihrer Führer gestoßen. Den
sinen gehen die Regierungsvorschläge schon zu weit, den andern
zenügen sie kaum als Anfang. Die Wirtschaft, d. h. das gesamte
Wirtschaftsleben, hat durch die Verschleppung der Reformen
aufs schärfste zu leiden. Eine neue Reinigungskrise, die aber
weitgehend auch Schrumpfungsprozeß ist, fordert
während der Zeit des Zögerns mehr Opfer als notwendig. Das
mobile Kapital wandert zum Teil nach dem Ausland ab.

Kapitalversorgung und Zinssätze
Das zur Neige gehende Jahr hat wieder einmal in aller Deutlichkeit
 gezeigt, wie sehr die gesamte Wirtschaft vom Kapital
Abhängig ist. Eines der wichtigsten wirtschaftlichen
Merkmale des Jahres 1929 ist die Tatsache, daß Deutschland
in der Kapitalversorgung weit mehr als in den vorhergehenden
Jahren auf sich selbst gestellt war, eine Erscheinung, die
Hand in Hand ging mit einer Kapitalverknappung sowohl
 in Europa als auch in Amerika. Falsch wäre es, diese
Verknappung allein auf die Ueberspekulation an der Neuyorker
kurse zurückzufuuren. Die günstige amerikanische Wirtschaftskonjunktur
 hat sehr erhebliche Geldmittel gebunden. Daß diese
Vorränge in den Vereinigten Staaten, den Hauptgeldgebern,
auch auf die Anleiegewährung an Deutschland, für das die zum
        <pb n="7" />
        Teu krisenhaften Reparationsverhandlungen starke politische
und wirtschaftliche Unsicherheitsfaktoren darstellten, von erheblichem
 Einfluß waren, liegt auf der Iland, Einige vergleichende
 Zahlen mögen dies kurz erläutern. Während Deutschlanu
 .J28 (nach Aufstellung des Statistischen Reichsamts) 1464
Mul. RM Auslandanleihen aufnahm, wurden 1929 bis
Oktober (einschließlich) nur 8343 Mill. RM gezählt. 1928 konnten
auf dem Inlandmarkt 2904 Mill. RM Anleihen untergebracht
werden, 1929 bis Oktober dagegen nur 18378 Mill. RM. Die
Aktienemissionen beliefen sich 1928 auf 1482, 1929 bis
On :ober auf 896 Mill. RM. Die Spareinlagen nahmen 1928 um
2287 auf 6988,2 (Bestand Ende 1913 19 700) Mill. RM zu, 1929 bis
Oktober um 1734,4 auf 8722,6 Mill. ıM. Dies sınd ganz beträchtliche
 Unterschiede,
In den letzten Jahren sind in Deutschland jährlich 9-10 Milliarden
 RM investiert worden. Hiervon konnten ungefähr
6%-7 Milliarden RM von der eignen Kapitalbildung auf dem
Wege über den Kapitalmarkt und durch Kapitalansammlung bei
den einzelnen Unternehmungen (Selbstlinanzierung) bestritten
werden, der Rest vom Ausland. In den Jahren 1924 bis 1929
wurden in Deutschland für etwa 16 Milliarden RM Wertpapiere,
Anleihen und Aktien ausgegeben, wovon schätzungsweise (nach
Dr. Kehl) das Ausland ungefähr 3,5 Milliarden RM aufgenommen
hat. Mehr als die Hälfte hat die öffentliche Haud (ungefähr 9
Milliarden RM) an sich gezogen. Die derzeitige kurzfristige
Auslandverschuldung Deutschlands ist mit ungefähr
7 und die langfristige mit etwa 7% Milliarden RM anzunehmen.
 Berücksichtigt man die Höhe der Verzinsung, so wird
klar, welche gewaltigen Beträge Deutschland jährlich an Zinsen
und Amortisationen (neben den Reparationsverpflichtungen) an
das Ausland zu zahlen hat. Dabei ist nicht zu vergessen, daß
Deutschland im Frieden über ganz beträchtliche Auslandguthaben
 in Form von Kapitalanlagen im Ausland (20-24
Milliarden Mark) verfügte, während heute die Auslandguthaben
unter Einrechnung des Aktienbesitzes höchstens ein Viertel
dieser Summe betragen.
Das Zinsgefälle zwischen Deutschland und dem Ausland
hat zwar das ausländische Kapital angezogen; aber jedes
Prozent an Zinsen, das über die Zinssätze des mit
vyns in Wettbewerb stehenden Auslandes hinausgeht, erschwert
 den Warenabsatz auf dem Weltmarkt.
bLeutschland hatte 1929 mit einem BReichsbankdiskontsatz
von 6%% (bis April), mit 7%% bis November) und
dann mit 7% zu rechnen, während beispielsweise der Diskontsatz
 in London die meiste Zeit auf 5%% (bis Ende
        <pb n="8" />
        September), dann auf 6% und schließlich auf 5% stand, in Zürich
end Paris ‚auf 34% und in Neuyork die erste Hälfte des Jahres
auf 5%, im August, September, Oktober auf 6 und dann 5 und
47% %.. Die hohen Zinssätze in Deutschland mußten drosselnd
auf die gesamte Wirtschaft einwirken, zumal da in dem anormalen
 Verhältnis zwischen der Verzinsung der Dividenzenpapiereundder
 Festverzinslichen noch keine
Wendung eingetreten ist; im Gegenteil hat sich dies ungesunde
Verhältnis in den letzten Monaten durch die hohen Geldansprüche
der öffentlichen Hand noch verstärkt. Der Ruf nach Kapitalechonung
 und Kapitalbildung ist daher von Tag zu
Tag stärker geworden. Nun liegen allerdings die Dinge nicht
so, daß die öffentliche Hand allein gesündigt und zuviel und
falsch investiert hat, Auch die private Wirtschaft ist hiervon
nicht ganz Ifreizusprechen. (Falsche Kartellpolitik, Investierungen
 aus Wettbewerbsgründen in Fällen, in denen eine Verständigung
 kapitalschonend gewirkt hätte, starke Kapitalaufnahmen
 unter Heranziehung des ausländischen Geldgebers bei
übersetzten Kursen. die später große Enttäuschungen brachten.)

Konkurse und Vergleichsverfahren

. Nimmt man: zu ‚diesen Belastungen die Auswüchse in der
Steuer- und Sozialgesetzgebung und in dem mechanisch
gehandhabten Schlichtungswesen hinzu, so wird verständlich,
 daß eine große Anzahl von Firmen nicht. mehr auf
ihre Rechnung kommen konnte, auch wenn man berücksichtigt.
daß in verschiedenen Branchen immer noch eine gewisse Uebersetzung
 festzustellen ist. Die Zahl der Konkurse und Vergleichsverfahren
 während des abgelaufenen Jahres ist erschreckend:
Hierüber unterrichtet folgende Aufstellung:
Konkurse Vergleichsverfahren
1929 1988 1929 1928
832 766 259 191
775 599 335 226
980 791 32 266
35 514 239
446 592 275
8038 702 298
45 565 342
789 552 300
557 530 357
340 585 264
322 574 282
LE 252

Summe: .

NT A

an

21m
        <pb n="9" />
        Also ohne den Monat Dezember werden die Zahlen des Vor
jahres schon bei weitem überschritten. Aber die Anzahl der
Konkurse und Vergleichsverfahren gibt kein zutreffendes
Bild, denn es kommt auch auf die Höhe der Verluste an, die in
lie Hunderte von Millionen gehen.

Arbeitslose

Ebenso unerfreulich war im Jahre 1929 die Entwicklung der
Zahl der Arbeitslosen, die durch folgende Zusammenstellung
(unterstützte Vollerwerbslose in der Arbeitslosenversicherung
und Krisenfürsorge und Statistik der Gewerkschaften) verenschaulicht
 wird:
Arbeitslosen- Krisenversicherung
 fürsorge

Statistik d. Gewerkschaften
Vollarbeitslose Kurzarbeiter
A

%
Anfang 1929 1928 1929 1928 1929 1928
Januar 1702340 1188275 127375 211000 ‘8,9 75 3,10
Februar 2222000 1155575 145360 214830 Yu 4,7 3,5
März 2450760 1061860 161500 214 900 22,8 2 9,0 3,6
April 1899120 ‘010740 192310 197 640 16,9 9,2 8,0 3,7
Mai : 125968 729330 198780 162400 !1,1 6,9 71 42
Juni 807750 28529470 203030 132 450 53,1 6,3 6,8 5,0
Juli 722 950 510690 206630 113 390 8,5 6,2 6,7 5,9
August 7110500 564060 153100 82 934 3,6 6,3 6,9 6,5
September 725760 574475 157250 80214 3,9 6,5 6,7 7,1
Oktober 748600 577000 161600 86650 9,6 6,6 65 6,9
November 889500 670990 171600 92960 11,0 71,3 6,7 6,8
Dezember 1250000 1029660 — 108 115 — 95 — 7.6
Am 5. Dezember betrug die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger
 in der versicherungsmäßigen Arbeitslosenunterstützung
 bereits 1,25 Mill. RM, eine Zahl, die im letzten Winter
(rst im Januar 1929 erreicht wurde. Wir werden also aller Vorsussicht
 nach in diesem Winter mit mehr Arbeitslosen als im
vorigen Winter zu rechnen haben. Der Hinweis darauf, daß die
Zam der Arbeitsfähigen nicht unwesentlich gestiegen ist
und daß durch die fortschreitende Rationalisierung, die
nicht zu geringem Teil durch die deutsche Lohu- und Sozialpolitik
 erzwungen wird, eine Anzahl Arbeitskräfte freigesetzt
werden, ist zwar richtig, aber nur ein schwacher Trost.

Erzeugungsvolumen
Konkurse, Vergleichsverfahren und Arbeitslose veranschaulichen
 schon aufs deutlichste, wie sich die international, in
Deutschland besonders stark ausgeprägte Kapitalknappheit
        <pb n="10" />
        lähmend auf das gesamte Geschäftsleben ausgewirkt hat. Die
Beschäftigung der einzelnen Industriezweige war sehr unterschiedlich.
 Einige Industrien können mindestens mengenm3ßig,
 aber zum Teil auch mit den Preisen zufrieden sein, während
 es andern sehr schlecht gegangen ist” Zu der ersten Gruppe
ist vor allem die Kohlen-, Eisen-, Kali- und Elektrizitätsindustrie
zu rechnen, zur zweiten u. a. die Textil-, Kunstseide- und Autoindustrie.
 Einige Zahlen besagen auch hier mehr als viele
Worte. Die Steinkohlen förderung betrug im letzten Jahre
150,88 Mill, Tonnen, im Jahre 1929 bis Oktober schon 185,683 Mill.
Tonnen, die Braunkohlenförderung 166,22 gegen 145,12
Mill. Tonnen, die Erzeugung von Rohstahl 14,52 gegen 13,50
Mill. Tonnen, von Roheisen 11,80 gegen 12,30 Mill. Tonnen
bıs November 1929. Also schon im November war die Roheisenerzeugung
 des Vorjahres überschritten, wobei allerdings der
ganz erhebliche Ausfall im November 1928 infolge der Aus-Sperrung
 zu berücksichtigen ist. Aber es ist ziemlich sicher,
daß die Gesamtroheisenerzeugung im Jahre 1929 auch über das
Rekordjahr 1927 (13,10 Mill. Tonnen) hinausgehen wird. Der
Akaliabsatz stellte sich 1929 bis November auf 1,80, im Jahre
1928 dagegen auf 1,42 Mill. Tonnen. Während die Strom-Przeugung
 im vorigen Jahre mit 27,9 Milliarden KW angegeben
 wurde, wird sie für dieses Jahr auf ungeführ 32 Mil.
liarden geschätzt. Diese Zahlen zeigen also einen hohen Erzeugungsstand;
 über die erzielten Preise wird allerdings vielfacn
 mit Recht geklagt. Der relativ günstige Beschäftigungsstand
 trifft aber für eine lange Reihe von Industrien leider
nicht zu.
Der vom Institut für Konjunkturforschung errechnete Index
der Gesamtproduktion (auf der Grundlage 1924/26 —
100) lag bisher in allen Monaten mit Ausnahme des Februars
über dem Monatsdurchschnitt des Vorjahres (119,1). Am höchsten
 war er im April mit 128,7, im Juli stand er auf 121,8 und im
Sentember auf 124,8. Der Großhandelsindex (Statistisches Reichsamt,
 1913 — 100) ist ab Januar von 188,9 auf 135,4 im November
zurückgegangen, Bei diesem Rückgang spielen nicht nur die
schwierigen Geldverhältnisse in Deutschland eine Rolle, sondern
an erster Stelle die starken Preisabschläge bei einigen
wichtigen Welthandelsartikeln (z. B. Baumwolle, Kautschuk,
Metalle, Roggen, Kaffee, Zucker). Der Fertigwaren index
hat um etwas mehr als 2 Punkte nachgegeben (von 158,8 auf
156,6 im Oktober); der Lebenshaltungsindex ist im November
 ungefähr wieder auf den Stand vom Januar zurückge-Zangen
 (153 gegen 158,1), nachdem er im März bis auf 156,5 gevljiegen
 war. Der Aktienindex ist fast von Monat zu Monat

n
        <pb n="11" />
        gefallen und im Oktober auf 117,7 gegen 138,6 im Januar d. J.
angekommen. Die Wagengestellung der Reichsbahn hat
sich auf einer sehr beachtlichen Höhe gehalten, wenn auch in
den letzten Wochen der ungünstige Wassersiand auf einigen
Flüssen nicht ohne Einfluß war. Faßt man die Kurven des
Aktienindexes, des Großhandelsindexes, der Wagengestellung
(arbeitstägliche, umgerechnet auf der Grundlage 1924/26 —: 100),
des Gesamtproduktionsindexes und der Zinssätze (Durchschnitt
aus Privatdiskont und Monatsgeld, Monatsdurchschnitte nach
Institut für Konjunkturforschung, umgerechnet 1926,28 — 100)
für 1928 und 1929 zusammen, so ergibt sich folgendes lehrreiches
Schaubild:

1507

140

130

120

110

100

30

-kKtienkurse
„Zinssätze
Produktion
== Wagengestell.
+=Großhandels
Au
Alan
„FMAMJJASONDJFMAM) JASO
1928 1929

Auch durch dieses Schaubild wird deutlich, wie trotz der
stark erhöhten Zinssätze das Erzeugungsvolumen sich über dem
des Vorjahres hält, was für die gesamte Konjunktur ein wesentlicher
 Rückhalt war. (Durch die Aussperrung der Eisenindustrie
im November v. J. hat naturgemäß der Vergleich der Monatsdurchschnitte
 und der letzten Monate nur bedingten Wert.)
        <pb n="12" />
        Aktiver Außenhandel
Da aber die Aufnahmefähigkeit des Inlandmarktes nachließ,
so drängte die Ware nach dem Weltmarkt, zumal da eine
größere Lagerhaltung durch das teure Geld erschwert, wenn
nicht unmöglich gemacht wurde. Aus dieser Gesamtlage erklärt
 sich auch im wesentlichen die verhältnismäßig günstige
Entwicklung der Handelsbilanz während des Jahres 1929. Dies
veranschaulicht folgzende Zusammenstellung:

Gogen-, Lebende
warts- Tiere
aA Eint. | Aust.

Eint. | Aust, Jöktiv+
1928 =
an-Dez, {145,4 ale jones 12703,8 12458 1 18701,5 A
jurohenha| 12.1] 1,5 349,8 | 52,6] 603,9 | 225,3 | 204,8 ° 725,1 | 1170,6| 1004.5' -166,1
Man ükt ja u Pa je fon l8206,9 a pn + 31,4
Wa 12.1l 1.7 | 319.3 | 61.91 602,5 | 245,3 | 192.6 | 820.7 | 11265! 1190.61 + 3.1

Lebensmittel
und Getränke
Eint. | Aust.

Rohstotfe u.
halbf. Waren
Einf. } Ausf£.

TWFertige
Waren
Einf. ı Ausf.

Reiner Warenverkehr

Während das Jahr 1928 ohne Berücksichtigung des Gold- und
Silberaußenhandels mit einem Passivsaldo von 1992,7 Mill. RM
abschloß, weisen die ersten zehn Monate des Jahres 1929 einen
Aktivsaldo von 31,4 Mill. RM auf. Vergleicht man die Monatsdurchschnitte,
 wobei jedoch für das Jahr 1929 erst zehn Monate
berücksichtigt werden können, so ergibt sich, daß die Ein
fuhr bei allen Posten im wesentlichen unverändert ge
blieben ist oder abgenommen, die Ausfuhr aber zugenommen
 hat. Auch die Einfuhr an Rohstoffen und halbfertigen
 Waren hat sich kaum verändert, Die Ausfuhr von Fe rtigwaren
 hat nicht unwesentlich gesteigert werden können.
Gewiß soll diese Entwicklung der Handelsbilanz nicht überschätzt
 werden. Sie wird sicher von der Notwendigkeit
der Ausfuhr und von den schwierigen Geldverhältnissen stark
beeinflußt. Aber man kann auch bei der Analyse der Handelsbilanz
 den Pessimismus übertreiben, wie es in der letzten Zeit
nicht selten geschehen ist. Vor allem muß neben der weitern
Steigerung der Ausfuhr die Einfuhr von Lebensmitteln,
Genußmitteln und Fertigwaren eingeschränkt werden;
aber mit Zöllen allein wird dies Ziel nicht erreicht. Die deutsche
Landwirtschaft insbesondere, die gewiß aufs kräftigste zu unterstützen
 ist, wird noch viel mehr als bisher Qualitäts- und
Standarderzeugnisse liefern müssen und zu diesem
Zweck. auch nicht vor notwendigen. Umstellungen zurückschrecken
 dürfen.

192
        <pb n="13" />
        „Die Gesamtlage der deutschen Wirtschaft im Jahre 1929, die
die obigen Ausführungen zunächst nur mit einigen Strichen aufzuzeichnen
 suchten, kann man wohl dahin kennzeichnen, daB
lie Wirtschaft einem äußerst schweren Druck von allen mög
lichen Seiten ausgesetzt war und noch ist, daß sie sich aber
auf der andern Seite vor allem auf einigen Gebieten als relativ
widerstandsfähig gezeigt hat Das bedeutet aber nicht, daß
man ihr noch weitere Belastungsproben auflegen
kann, sondern daß im Gegenteil eine umgehende Entlastung
 notwendig ist. Jede Kette ist so stark wie ihr
schwächstes Glied: in der deutschen Wirtschaftskette sind einige
lieder brüchig geworden und zum Teil nur notdürftig genietet.


DIE KOHLEN- UND EISENINDUSTRIE
IM VERGLEICH MIT DEM AUSLAND
Geschäft unterschiedlich,
in Kohle besser als in Eisen

Gesamtlage

[s] Köln, 19. Dezember

Wenn sich bei den zahlreichen Zusammenbrüchen während
der letzten Zeit in Deutschland der industrielle Westen ver
hältnismäßig gut gehalten hat, so ist diese erfreuliche Erscheinung
 in der Hauptsache wohl auch auf die Lage der Kohlenund
 Eisenindustrie zurückzuführen, Zwar sind die Verhältnisse
uch in diesen wichtigen Schlüsselindustrien nicht rosig. Aber
‚elativ betrachtet, ıst das zu Ende gehende Jahr für die beiden
Industrien nicht ungünstig gewesen. Diese Feststellung
zilt nicht im gleichen Grade für Kohle und Eisen. Die Kohlenindustrie
 hat aus einer Reihe von Gründen besser abgeschnitten
als die Eisenindustrie. Wenn beide auch Förder- und Erzeugungszahlen
 ausweisen, die zum Teil nicht unwesentlich über die des
Vorjahres hinausgehen, so besteht ein wesentlicher Unterschied
hinsichtlich der Erlöse. Die Preise im Inland (bzw. im: unbestrittenen
 Gebiet für Kohle) waren, abgesehen von Roheisen.
das ganze Jahr unverändert; im Ausland aber lagen die Kohlenpreise
 fest, während‘ die Eisenpreise stärker nachgaben, so daß
man sich innerhalb der Internationalen Rohstahlgemeinschalft
sugar zu ‘ Stützungsmaßnahmen: durch: Erzeugungsein
schränkungen, :* verbunden ‘ mit g&amp;amp;ewissen Preisabsprachen.
antsechloß. ' . 5 09% KO Sm
        <pb n="14" />
        In der innerdeutschen Kohlenorganisation sind
keine wesentlichen Veränderungen vor sich gegangen. Eine
sehr bemerkenswerte Gründung wurde Mitte Dezember durch
die maßgebenden Ruhrzechen in der Form der Ruhrmontanindustrie
 A.-G., Essen, mit 12 Mill RM Aktienkapital vorgenommen.
 Diese nach dem Vorbild der Vereinigungsgesellschaft
 Rheinischer Braunkohlenbergwerke m. b. H. Köln
gebildete Gesellschaft wird aller Voraussicht nach für den Ruhrbergbau
 eine erhebliche Bedeutung gewinnen. Das Rheinisch-Westfälische
 Kohlen-Syndikat läuft am 31. März
n. J. ab. Die schwierigen Erneuerungsverhandlungen, die seit
langer Zeit im Gange sind, haben schon ihre Schatten vorausgeworfen,
 vor allem in dem Streit um die Verrechnungspreise
zwischen den Hüttenzechen und den reinen Zechen. Das
Rheinische Braun kohlen-Syndikat konnte im
Januar um 15 Jahre (bis 81. März 1945) verlängert werden, das
Mitteldeutsche Braunkohlen-Syndikat dagegen nur um 5 Jahre
(bis Ende März 1934). Das wichtigste internationale Kohlenproblem,
 nämlich die internationale Kohlenvers:ändigung,
 wurde nicht wesentlich gefördert. Die verschiedenen
 Genfer Besprechungen, wozu der Ständige Wirtschaftsausschuß
 des Völkerbundes Sachverständige aus Kreisen
der Arbeitgeber und Arbeitnehmer eingeladen hatte, endeten
mit dem Ergebnis, daß die Mehrzahl der Teilnehmer, insbesondere
 Vertreter der Haupterzeugungsländer, dıe Auffassung
vertrat, die Zeit sei für Vereinbarungen weitgehender inter-Bationaler
 Bindungen noch nicht reif. Bei diesen Besprechungen
spielte auf verschiedenen Seiten wohl der Gedanke eine nicht
ganz unwesentliche Rolle, Abmachungen herbeizuführen, bei
üenen insbesondere die Kohle einführenden Länder ein
erhebliches Wort mitzureden hatten, während die Kohle
liefernden Länder auf dem an sich richtigen Standpunkt standen,
zunächst eine Annäherung unter sich herbeizuführen- Wenn in
England die Syndikatsbildung den durch das zurzeit dem
englischen Parlament vorliegende Kohlengesetz, das aber auf
nicht geringe parlamentarısche Schwierigkeiten stößt, beabsichtigten
 Erfolg erzielt, und wenn der deutsch-polnische
Handelsvertrag, auf Grund dessen Deutschland ein größeres
polnisches Kohlenkontingent wird übernehmen müssen, abzeschlossen
 sein wird, so werden vielleicht die Aussichten für
eine internationale Kohlenverständigung etwas günstiger zu
beurteilen sein.
Hinsichtlich der Verbandsorganisation in. der
Eisenindustrie war das Jahr 1929 äußerst denkwürdig. Es
war nicht nur die Internationale Rohstahlgemeinschaft zu ver-
        <pb n="15" />
        Jängern, sondern auch eine ganze Reihe wichtiger deutscher
Verbände (Deutsche Rohstahlgemeinschaft, A-Produkte-, Stabeisen-,
 Walzdraht-, Drahtverband, Bandeisen- und Grobblechvereinigung).
 Die Verlängerung der LI. R. G., die durch den beabsichtigten
 Fortfall der Gesamtkontingentierung eine bemerkenswerte
 Aenderung erfährt, ist provisorisch bis 31. März 1980
verlängert worden. Ueber das Schicksal der deutschen Verbände,
 die ebenfalls in wichtigen Punkten geändert und
Ergänzt werden, ist bis morgen nacht zu entscheiden. Die
Erneuerungsverhandlungen haben das . gesamte Eisengeschäft
besonders in den letzten Monaten ungünstig beeinflußt.

Kohlenförderung und Kohlenhandel

Die Bedeutung der deutschen Kohlenindustrie für die gesamte
Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und den Außenhandel, erhellt aus
den Förder- und Außenhandelszahlen. Ihre Weltbedeutung
ergibt sich am besten aus einem Vergleich mit den hauptsächlichsten
 übrigen Kohle fördernden Ländern.
1. Kohlenförderung
Deutschland
Stein- Braun- Eng- Ver. Frank- Po- Bel- Holkohle
 kohle land Staaten reich len gien land
140 753%) 87 2281) 292 032 517056 44 6402) 40 928 22842 17878
153 595 150504 255252 544778 51878 — 27574 9200
150876 166224 241547 516640 52430 40610 27626 10 694

913 .
27. 2.
928 . 0.
1929
Januar . 1340 14823
Februar 12104 13689
März 13502 14727
April 3407 1422
Mai . 12759 13 669
Juni . .. 18221 18768
Juli . + . 14362 14848
August , . 14467 15105
September . 13480 14222
Oktober . 14840 16050
November 14050 15100

23132 53386 442% 40389
21780 48934 1094 3295
23386 40271 4562 3806
21684 39307 4458 5734
21321 44166 4438 3402
20699 38138 4432 3508
21884 41393 4736 14024
21260 45217 4568 3942
21661 46545 4393 3950
23792 51420 —

2454 980
2115 840
2303 936
2243 945
2122 . 955
2200 921
2231 1024
2220 984
2132 958
2980 2—

Summe 149682 160222 220599 448727 40106 33605 22390 85
Monatsdurchschnitt
1988 .. . 12573 13852 20129 43053 4369 3384 2303 891
1913 .. . 11729 7269 24336 43088 3720 3410 19033 156
1) altes Gebiet: Steinkohle 190109 000t, Braunkohle 87 233t.
N davon Elsaß-Lothringen 83796 000t.

LE
        <pb n="16" />
        ‚0001

iN3
W927
iS
1929
Januar .
Februar
März
April .
Mai . .
Juni .
Juli „on
August . .
September .
Oktober . .
November .

IE; Außenhandel in Kohle
Ausfuhr ;
Deutschland England
Stein- Stein- Bunker
kohle Koks kohle kohle
34598 6438 14579 21360
28878 8794 51978 17100
2805 8885 51364 16997

L 910 198
1307 798
2241 846
2365 818
2 250 826
2151 783
2385 1001
2542 1080
2687. 1066
2215 1001
9 416 976

4545 ı 41
? A5@ “24
4839 1351
4832 1850
5 413 438
1961 2q2
5 M1 47
5 056 ı 459
5289 1447
5853 1450
5480 1400

Einfuhr
Deutschland
Stein- Braun
kohle kohle
10540 6987
5334 2560
7405 2768

54 219
415 214
558 272
563 254
726 245
16 201
688 212
815 2%
803 222
767 2%
640 951

Summe 2446R 9768 56171 15406 7314 92537

Monatsdurchschnitt
198 1. 1991 740 4280 1416 617 231
1918 „2. 388 536 6215 1780 878 589

In diesem Jahr wird auch die Steinkohlenförderung
veutschlands die des Vorjahrs überschreiten, Bis November (einschließlich)
 ist sie ungefähr 8% höher als für die gleiche Zeit des
Vorjahrs. Bei der Braunkohlenförderung beträgt die prozentuale
Steigerung bis November über 5%. Von den übrigen Ländern
wird wohl nur Belgien hinter der vorjährigen Förderung zurückbleiben.
 England wird dieses Jahr ungefähr 90% der Förderung
les Jahres 1913 erreichen. Europa hat die führende Stelle in
der Weltsteinkohlenförderung, die es 1926 infolge des englischen
bergarbeiterstreiks an die Vereinigten Staaten abgegeben, 1927
aber zurückerobert hatte, ebenso wie im Jahre 1928 behauptet
Deutschland und England haben ihre Steinkohlenaus
Cuhr nicht unwesentlich steigern können, wenn auch beide vom
Friedensstand noch weit entfernt sind; dieser wird aber wohl
zuch kaum jemals wieder zu erreichen sein. Man braucht u. a.
nur auf die Bedeutung der weißen Kohle, auf die: sparsamere
Gesamtenergiewirtschaft und darauf hinzuweisen, daß z. B.
‘Iolland im Jahre 1913 nicht ganz 2 Mill. Tonnen förderte, im
Jahre 1929 aber etwa i1 Mill. Tonnen. Wie schwer die deutsch6
Kohle mit dem ausländischen Wettbewerb kämpfen muß, geht
u. a. aus der Höhe der Ruhrkohlenumlage (Ausgleichs:
zahlung der Zechen für den niedrigern Erlös im bestrittenen
        <pb n="17" />
        Gebiet) hervor. Sie betrug. im Januar 2,20, Februar 1,80, März
2, April 2,30, Mai 2,20, Juni-Juli 2,10, August 2,25, September 2,50
und Oktober-November 2,45 RM je Tonne. Bezeichnend ist auch;
daß England auf der Haager Konferenz eine erhebliche
Zurückdrängung der Ruhrkohle in Italien zu seinen Gunsten
durchgesetzt hat.
Die deutschen Steinkohlenpreise sind unverändert
geblieben (Fettförderkohle ab Essen 16,87 RM je Tonne). In
England, Frankreich und Belgien haben die Preise heraulgesetzt
werden können (England: fob Newcastle Northumberland
unscreened, Januar 12s 8%d, Oktober 14s 6Md; Frankreich: tout
venant Douai, Januar-März 114, Oktober 127fr je Tonne; Belgien;
‘albfetter Rohgrieß März-April 155, Oktober 170fr je Tonne).
Die aus rationellen Gründen immer mehr geförderten Bestiebungen,
 die Kohle als Rohstoff und nicht als Brennstoff
anzusehen, werfen naturgemäß ständig neue: Probleme auf.
Erinnert sei nur an die Fortschritte der Nebenproduktengewinnung,
 an das Hydrierverfahren und an die Gasfernversorgung.
 Aeußerst wichtig sind die in der letzten Zeit geführten
Verhandlungen zwischen der Luftstickstoffindustrie und den
Stickstofferzeugern aus Kokereiabgasen an der Ruhr. ‘Die
‘zefahr einer stärkern Stickstoffübererzeugung ist nicht gering
zu veranschlagen. Es gilt hier, frühzeitig das vertretbare Ausdehnungsausmaß
 zu erkennen und einzuhalten, damit größere
Kapitalfehlleitungen vermieden werden.

Eisen- und Stahlerzeugung

Der Rückschlag der deutschen ‚Roheisen- und Rohstahl-Erzeugung
 im Jahre 1928 infolge der Aussperrung der Nordwestgruppe
 im November und infolge der schon damals allgemein
rückläufigen Konjunktur wird in diesem Jahr mindestens aufgeholt.
 Die Roheisenherstellung überschreitet mit ziemlicher
Sicherheit die des Rekordjahres 1927 und die Rohstahlerzeugung
erreicht ungefähr die desselben Jahres.: Die Walzwerkserzeugung
 hat sich nicht gleich günstig entwickelt; in den
arsten. 11 Monaten 1929 ist sie. allerdings auch über die während
der gleichen Zeit des Vorjahres hinausgegyangen (11,56
gegen 10,7 Millionen Tonnen). Bei der schlechten inländischen
 Konjunktur des ‚Jahres 1929 ist ein größerer
Prozentsatz als im Vorjahr nach dem Ausland gegangen, was
2. B. auch durch die Vierteljahresberichte der Vereinigten Stahlüerke
 belegt wird und wozu besondere Abmachungen innerhalb
der 1 _R.:G. die Möglichkeit boten. Während nach diesen Vierteliahresberichten
 in. den. einzelnen Qüartalen 10928 32%, 36,3%,

Bm
        <pb n="18" />
        57,4%, 34,3% des Gesamtabsatzes nach dem Ausland gingen,
erreichte der Auslandabsatz in den drei ersten Vierteljahren
1929 36,8%, 39% und 36,5%. Die hohe Erzeugung ist aber auch
mit den Kisenverbandsverhandlungen in Zusammenhang zu
bringen, weil sie als Beleg für Quotenforderungen anzusehen
 war. In den letzten Monaten hat man größere Mengen
nuf Lager nehmen müssen, allerdings in der Erwartung, daß
nach der Verlängerung der Verbände auch der Verbrauch, der
sich in der letzten Zeit stark zurückgehalten hat, wieder größere
Anforderungen stellen wird.
Ueber die Roheisen- und Rohstahlerzeugung Deutschlands
and der - wichtigsten Länder unterrichten folgende Uebersichten:

HI Roheisenerzeugung

00

Deutsch- Frank- Saar- Belland
 reich gebiet gien
115201) 90712) 1371 245
13103 929% 1771 3762
11204 10102 1 0927 9 RZ

Luxem- Eng- Ver.
burg land Staaten
2548 10650 31 4683
2.728 7 410 36 868
27710 6716 28 445

913
927
MB
929

242 573 3 4%
200 528 3325
237 600 83774
235 621 3 721
248 665 3 9%1
22 668 3757
250 683 3846
251 693 3816
240 675 3 552
259 700 3 646
642 3.232
Summe 12297 8715 1762 3.39 2 410 7048 40 128
Monatsdurchschnitt
1928 22200. 984 842 161 384 231 560 3.204
[913 2,2000 960 756 114 207 212 888 2 622
Y altes Gebier 19309 000t; ?) davon Elsaß-Lothringen 3 864 000i,
IV. Rohstahlerzeugung
Deutsch- Frank- Saar- Belland
 reich gebiet gien
117721) 69762) 2080 2467
L6 305 8276 1895 3 710
14 517 9 30901 2 078 3a 821

1913 .
1927
198
1929
Januar . . . 1470 342 183 357 225 774 4 562
Februar ... 1200 742 161 302 195 798 4395
Debertrag . .. 27% 1684 34 659 420 1567 8957
1‘) altes Gebiet 18 935 000t; 2%) davon Elsaß-Lothringen 2 289 000t.

1Q
        <pb n="19" />
        Jebertrag 2 740
März ‚316
April 416
Mai &amp;gt; 21
Juni . 430
Juli .. 165
August . 402
September . . 12
Oktober . . . L377
November , . 1286
Summe 15087 7219

584 344
X 79
810 36
820 88
795 90
315 199
827 192
763 185
846 199

340 221
342 226
240) 230
49 k49
356 235
347 224
358 242

567
374
322
7
A
27
765
862
903
826

1862 37653 99% 9147

8 957
5 139
5.017
5 358
4 959
4916
5.006
4 583
4 584
48 519

Monatsdurchschnitt
1928 0.0.0. 1210 788 174 318 214 722 4221
WIE 2 981 581 173 20% b2 649 2 564
Ebenso wie Deutschland (einschließlich Saargebiet) zeigen alle
andern Länder erhöhte Erzeugungszahlen. Dies trifft vor allem
für die Vereinigten Staaten zu, die eine ganz bemerkenswerte
Steigerung ausweisen, worin sich die günstige amerikanische
Konjunktur ausprägt. In den Jetzten Wochen hat die Erzeugung
allerdings auch dort etwas nachgelassen. Das Eisenjahr 1929
ist also hinsichtlich der Erzeugung als ein Weltrekordjahr
anzusehen. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Erzeugung
 der letzten Jahre mit der von 1918 vergleicht, wozu die
Zahlenübersichten die Möglichkeit geben. Die Preisverhältnisse
 liegen nicht gleich günstig. Der große Materialandrang
 mußte schon allein, ganz abgesehen von der in einigen
Ländern nicht günstigen Konjunktur und der Zurückhaltung der
Verbraucher, preisdrückend wirken. Im deutschen Inland allerdıngs
 blieben die Preise infolge der straffen Urganisation des
Eisenmarkts im wesentlichen unverändert, wenn auch von den
wenigen Verbandsaußenseitern einiges Material unter den
offiziellen Preisen angeboten oder ausländisches Material, das
uber keine große Rolle spielt, billiger zu haben war. Nur der
Roheisenpreis wurde Mitte Mai mit sofortiger Wirkung
bis zu 4RM die Tonne erhöht. Auf dem Weltmarkt waren
äie Eisenpreise rückläufig. Nimmt man von den Walzwerkserzeugnissen
 Stabeisen als Beispiel, so notierte Brüssel fob
Antwerpen Anfang Januar 6£, Mitte Januar 6£ 5s. Mit geringen
Unterbrechungen ist dann der Preis bis Ende Oktober ständig
zurückgegangen und hat zeitweise die 5£-Grenze gestreift. Die
vor kurzem erfolgte Absprache innerhalb der I. R. G., den Preis
auf 5£ 5s zu halten, ebenso wie die 10proz. Erzeugungseinschränkung
 haben dieses Ziel noch nicht erreichen können. Am
17. Dezember schwankte der Preis zwischen 5£ 3s 6d und 5£ 4s.
Die Preisrückgänge auf dem Weltmarkt wirkten sich auf die
Erlöse der deutschen Werke besonders ungünstig aus; für sie

.Q
        <pb n="20" />
        warf bei der immer noch bestehenden großen Spanne zwischen
Inland- und Auslandpreisen das Auslandgeschäft keinen oder nur
einen geringen Nutzen ab. Ob die 1.R.G. in ihrer neuen Form
eines ihrer Hauptziele, nämlich „Hand in Hand mit der Hebung
der Ausfuhrpreise den Unterschied zwischen Ausland- und
Inlandeffektivpreisen zu verringern und möglichst bald ganz
zum Verschwinden zu bringen“, erreichen wird, dürfte zweilelhaft
 sein.
Faßt man die Kurven der deutschen Jahresförderung (1928
und 1929) von Braunkohle, Steinkohle ınsgesamt, Ruhrkohle und
die deutsche Erzeugung von Roheisen und Rohstahl zusammen,
so ergibt sich folgendes übersichtliches Schaubild (Maßstab für
Kohle in Millionen und für Stahl und Eisen in 100 000t):

$
6
5

{4

+

"sinkohle
—*- Steinkohle, Ruhr
—0— Stahl ———
== Roheisen

Fr) a ma!
= 4 4 A S O N u
1098

! FL
1 a I XS ur
19929

Deutscheu, englische Stahlwaren auf dem Weltmarkt
Für die deutsche Außenhandelsbilanz hat die KEisen- und
Stahlwarenindustrie erhebliche Bedeutung. Während im vorigen
Jahr, wie aus folgender Uebersicht hervorgeht, der Ausfuhrüberschuß
 in Eisen- und Stahlwaren den des vorhergehenden
 Jahres um etwa 1 Mill. Tonnen überschritt, steigt er voraussichtlich
 in diesem Jahr weiter um 1,3 Mill. Tonnen.
V. Außenhandel in Eisen- und Stahlwaren
Tonnen Deutschland
Ausfuhr * Einfuhr
6570824 ° 639090
4530691 2896 840
5029905. 9207 495

England
Ausfuhr Einfuhr
5 170 420 2 397 150
4 266 940 4 477 250
1398500 92949 900
        <pb n="21" />
        929
Januar
Februar
März .
April .
Mai .
Juni .
Juli ..
August . .
September .
Oktober . .
November . .

419 589
341 312
346 261
619 460
587 115
522 037
545 567
519 569
470 068
505 883
468 900

176 627
111 852
124 555
154 701
170 282
176 987
177 749
165 400
148 162
158 368
135 425

427 930 248 175
386 156 162 59%
355 740 185 100
345 242 266 1238
449 858 261 372
311 757 237 876
381 816 241 016
363 923 259 275
304 252 232 747
396 690 252 475
388 822 254 437

Summe 5345761 1700108 4112187 2601191
Monatsdurchschnitt
1928 . . .. 419159 199 786 360 792 245 180
1913 .. . . 547569 53 258 430 868 199 760
Der Stand von 1913 ist aber bei weitem noch nicht erreicht.
Die englische Ausfuhr hat sich ebenfalls gebessert, wenn auch
nicht im gleichen Maße wie die deutsche. Die Einfuhr Englands
ist wenig verändert.

Kurse und Dividenden

Die verhältnismäßig nicht ungünstige Konjunktur für Kohle
und Eisen ist auch auf die Dividenden und die Kursgestaltung
der Montanpapiere nicht ohne Einfluß geblieben. Einige Werte
wie Köln-Neuessen, Hoesch und Klöckner, haben die Dividende
für das am 30. Juni abgelaufene Geschäftsjahr um % bis 1%
erhöht. Die Dividende der Vereinigten Stahlwerke für das am
80. September abgelaufene Geschäftsjahr steht noch nicht fest,
die Schätzungen lauten auf 6 oder 7%. In der folgenden Uebersicht
 haben wir von den führenden Montanwerten die Dividenden
 für 1913, für das letzte und das vorletzte Geschäftsjahr,
die Höchstkurse im Jahre 1913 und 1928, einige Kurse aus dem
Jahre 1929 und die Rendite, errechnet auf der Grundlage der
Kurse vom 19. Dezember, zusammengestellt:
VI. Dividenden. Kurse und Rendite

"u urse | Kurse + 320 ‘ch. bzw.eufeorun ot)
1928 9 1.19&amp;amp;%" 076198014249
1093| 93] °7 58
15948| 124 2. 7,3
15834! 124° af R,6
13934! 105' ‚05! „0
171,8 188%] 138| 126 46
201,6 147 | 126} 129| 126 5,5
199.8 2044| 136] 138] 150] % 1 o—
ı\ 8 18 *, 1791163 | 123] 122| 112] 1321 «a2) 126 16,4
1 Am 30. Sept. 1928, 2% am. 30. Juni 1929, % am 31. März 1929. * am 31. Der. 1928
beendetem (teschäftsjahr.

"viderde !
eearl Toftmytı A045

Rendite


Ver. Stahlwerke ..
Köln-Neuessen
Hoeseh
Klöcknerwerke _
Rheinstahl_ — — =
Gelsenberg
Harpen mn
 BesenorSteinkohle] 10

21
        <pb n="22" />
        Die Montanwerte sind in diesem Jahre wieder etwas mehr in
den Vordergrund des Börseninteresses getreten, während sie
vorher lange Zeit zugunsten der sogenannten Favoriten vernachlässigt
 worden waren. Während der Gesamtaktienindex
 (nach dem Statistischen Reichsamt) im Laufe
des Jahres von 146,59 auf 124,72 (im Oktober), also um 14,9%
zurückgegangen ist, beträgt die Einbuße bei dem Montanaktienindex
 nur 8,2% (von 130,85 auf 120,07). Auch bei den
Montanwerten entspricht aber die Verzinsung noch nicht
dem Risiko und hält keinen Vergleich mit den festverzinslichen
 Papieren aus.

DER KAPITALMARKT
Kapitalbildung fortschreitend, aber unzureichend
% Berlin, 21. Dezember
Der Angelpunkt der Wirtschaft
Im allgemeinen Überblick über die Wirtschaftslage 1929
siehe Seite 5) haben wir schon die wichtige Kapitalfrage
gestreift und festgestellt, daß einmal Deutschland in der
Kapitalversorgung weit mehr als früher auf sich selbst
gestellt war, zum andern, daß diese Kapitalversorgung trotz
einiger Fortschritte in der Kapitalbildung wiederum ungenügend
 war. Diese beiden Tatsachen drücken dem ganzen
Wirtschaftsjahr den Stempel auf. Man kann mit Fug und Recht
das Kapitalproblem das Zentralproblem nennen, und es
ist gewiß kein Zufall, wenn gerade dieser Fragenkreis auf allen
großen Tagungen des vergangenen Jahres (zuletzt noch in sehr
bedeutsamer Form auf der Berliner Industrietagung), in allen
Denkschriften, Wirtschaftsbetrachtungen usw. die Hauptrolle
spielt. Es ist sogar das Wort von der „Kapitalbildungspsychose“
geprägt worden, aber man kann wohl die kürzlich im Jahresbericht
 des Bankierverbandes ausgesprochenen Sätze unterschreiben;
 wären die Oeffentlichkeit und die verantwortlichen
Stellen viel früher und viel stärker von dieser „Psychose“ ergriffen
 worden, so hätten sich die Folgen hiervon in erträglichern
 Zinssätzen, verminderter schuldnerischer
 Abhängigkeit vom Ausland, vermehrter
Arbeitsgelegenheit und verbesserten Verdienstmöglichkeiten
 für die arbeitende Bevölkerung
 offenbart, und es würde die wirtschaftliche Krise
dieses Jahres erträglichere Formen angenommen haben. Schon
aus der obigen Feststellung ergibt sich deutlich, wie viele und
wichtige Fäden das wirtschaftliche und private Leben des einzelnen
 wie unsrer Volksgemeinschaft mit dem Zentralproblem

24)
        <pb n="23" />
        des Kapitalmarktes verbinden. Und gerade das abgelaufene Jahr
hat besonders deutlich gezeigt, wie die Kapitalknappheit sich
in allen Teilen der Wirtschaft, nicht nur der kapitalverbrauchenden
 (investierenden), sondern z. B. auch der kapitalvermittelnden
 (Bankgewerbe usw.) höchst nachteilig
bemerkbar gemacht hat.

Der Markt versagt

Wenn oben gesagt wurde, daß die Sorge um die Kapitalneubildung
 schon viel früher und stärker uns hätte beherrschen sollen,
so mag man ja mit einigem Recht auf den trügerischen Schleier
hinweisen, der den wirklichen Sachverhalt lange Zeit verhüllt
hat (wenn er auch oft genug, nicht am wenigsten in der Presse,
zu durchleuchten versucht wurde). Noch 1927 glaubte man geradezu
 einen Kapitalüberfluß feststellen zu können. Es braucht
aur an den Optimismus erinnert zu werden, mit dem man damals
 dem innerdeutschen Markt eine 5proz. Reichsanleihe von
500 Millionen aufzwang, an deren Unverdaulichkeit wir bis heute
leiden. Vergleicht man mit dieser Anleihe die außergewöhnlichen
Zugeständnisse, die man im Juni 1929 bei der Auflegung der
steuerfreien Reichsanleihe machen mußte, so zeigt diese Gegenüberstellung
 vielleicht am deutlichsten die Wandlung, die
sich in den letzten zwei bis drei Jahren vollzogen hat. Während
das Jahr 1927 noch zwischen (scheinbarer) Kapitalfülle und
scharfer Verknappung schwankte, vollzog sich 1928, hauptsächlich
 durch scharfe Abbremsung der Auslandanleihen, eine verstärkte,
 aber zur Not noch durchzuhaltende Mehrbeanspruchung
des Inlandmarktes. 1929 mußten wir ein Versagen aller
beider Märkte erleben. Das fast völlige Aufhören der
langfristigen Auslandkredite (namentlich aus Amerika} brauchte
jetzt nicht mehr durch eigne Ueberwachungs- und Abdrosselungsmaßnahmen
 unterstützt zu werden, es ergab sich von
selbst durch die nachlassende Kreditwilligkeit des Auslands
infolge der dort eingetretenen Verengung der Märkte, Daneben
wurde es freilich gefördert durch Mißtrauenskrisen infolge der
politischen Zuspitzung bei uns (besonders in diesem Frühjahr).
wegen der sich häufenden wirtschaftlichenZusammenbrüche usw.
Die Tatsache, daß wir im vergangenen Jahre bis Oktober einschließlich
 348 Mill. RM Auslandanleihen gegen 1465 im Vorjahr
hereinbekommen haben, zeigt, welche Mehrbelastung dadurch
 der innere Markt erfahren hat. Denn wenn auch durch
die rückläufige Konjunktur der Kapitalbedarf sich da und
dort verringert haben mag, so ist er im ganzen genommen
immer noch stärker gewesen als das Angebot.

8)
        <pb n="24" />
        Die Höhe der Zinssätze beweist auch in diesem‘ Jahre
wieder, daß zwischen Kapitalangebot und Kapitalnachfrage ein
großes Mißverhältnis besteht. Während in der ersten Hälfte des
Jahres 1927 die Geldsätze für Monatsgeld an der Berliner Börse
um. .7% ‘herum schwankten, lagen. sie im ganzen Jahr 1928
zwischen 8 und 9% und stiegen nach einer vorübergehenden
Senkung im ersten Vierteljahr 1929 (seit Juni) auf etwa 10%,
Die Gesamtkosten für langfristige Markkredite liegen noch erheblich
 höher. Wenn in den letzten Jahren nicht in großem
Umfange die ausländischen Kredite hereingekommen wären, so
würden die Zinssätze wohl noch höher sein. Für erste Hypotheken
 zahlte man das ganze Jahr hindurch 10%M-11%, für
zweite 14-15%. Gerade die schlechte Lage des Realkreditmarktes
 ist besonders bezeichnend für die Kapitalnot:
 die geringe Aufnahmefähigkeit. des inländischen, noch
durch die vielen Emissionen von 1926/27 verstopften Marktes
ließ im letzten Jahr die Kurse der Pfandbriefe sich
weiter senken. Im November lag der Durchschnitt der Sproz.
Goldpfandbriefe nur wenig über 92% gegen 96,83% im Jahresdurchschnitt
 1928, und das trotz ununterbrochener Stülzungs-{ätigkeit
 der Emissionsbanken. Bei dieser Sachlage mußten die
)Jangfristigen Ausleihungen der Bodenkreditinstitute
erheblich eingeschränkt werden: in den ersten zelın
Monaten des Jahres haben sie insgesamt 1070 Mill. RM an langfristigen
 Krediten (städtische. und landwirtschaftliche Ilypotheken
 sowie Kommunaldarlehen) gewährt, das sind etwa 900
Mill. RM weniger als in der gleichen Vorjahrszeit. Dieser Rückgang
 konnte zwar durch erhöhte Hypothekarausleihungen der
Sparkassen (Januar-Oktober 1177 gegen 1106 Mill. i. V.) etwas
gemildert, aber nicht ausgeglichen werden.
Der Grad des industriellen Kapitalbedarfs und
seine Befriedigung läßt sich in normalen Zeiten mit einiger
Deutlichkeit an der Aktienausgabe beurteilen. In diesem
Jahre läßt sich daraus nur wieder das Minus an Bedarfsdeckung,
die Einengung des Kapitalmarktes auch für diese Zwecke ersehen:
 nur 821 Mill. RM Aktien-Neuausgaben (Nennbetrag) sind
bis Oktober zu verzeichnen gegen 1432 im ganzen Jahre 1928,
und zwar ohne Sacheinlagen und Verschmelzungen. Der Kurswert
 dieser Ausgaben (also der tatsächliche Kapitalzufluß in
bar) betrug 896 Mill... Auch aus diesem geringen Agio ist ersichtlich,
 wie sehr die normale börsenmäßige Befriedigung des
industriellen Kapitalbedarfs zurückgegangen ist. Die Aktien-Ausgaben
 wären zahlenmäßig wahrscheinlich noch geringer, wenn
nicht bei einigen Unternehmungen größere Posten vom Ausland
übernommen worden wären. )

DM
        <pb n="25" />
        A Emissionsmarkt
nn en Aktien Festverzinsl.
"in Mill, RM (ohne Sacheinlage) Wertpapiere
© 1928 1929 1928 1929
Januar . 55,0 192,8 365 270
Februar 78,9 . 65,3 406 178
März . 15,9 51,0 213 134
April .. 111,0 118,1 259 155
Mai. . 149,9 96,4 381 69
Juni . - 148,6 87,7 291 ST
Juli. 174,3 79,2 167 9
August . . 68,6 245 25 7
September . . 78,1 Aw 205 E93
Oktober. . . . 14107 ‚86
November . . . 161, 131
Nezember . . . 99,8 926
zus. 1431,9 821.1 2004 1895 1465,2 342,8
Trügerische Schleier
Es genügt natürlich nicht, die Kapitalbewegung aus einigen
wenigen, noch verhältnismäßig leicht erfaßbaren Zahlenreihen
ableiten zu wollen. Das gilt sowohl für die Bildung als auch
für die Verwendung von Neukapital. Wenn die Befriedigung
des industriellen Kapitalbedarfs,. wie oben gezeigt wurde, am
eifenen Markt sehr bedeutend zurückgegangen ist, so spielte auf
der andern Seite — in diesem Jahr mehr als je -- die innere
Kapitalbildung durch „Selbstfinanzierung‘“ eine
beachtliche Rolle. Auf dieses vielerörterte Problem kann in
diesem Rahmen nicht eingegangen werden; es wäre abor freilich
 interessant, wenn man genau feststellen könnte, wieviel
durch verringerte Gewinnausweisung „erspart“, d. h. intern in
den Betrieben wieder angelegt wurde, und noch interessanter
wäre die Gliederung dieser Art von Kapitalneubildung in
volkswirtschaftlich produktive und in überflüssige, keine Mehrproduktion
 hervorbringende, also Fehlinvestitionen. Dr. Silverberg
 schätzte auf der letzten Industrietagung die Neubildung von
mobilem, also jederzeit verfügbarem, Kapital innerhalb der
deutschen Wirtschaft auf höchstens 2 Milliarden RM jährlich,
dus wäre also ein unverhältnismäßig kleiner Betrag, wenn .die
Schätzungen von 10-11 Milliarden an jährlichen Gesamtinvestitionen
 richtig sind. So wird es also wohl stimmen, wenn auf der
gleichen Tagung klar und deutlich ausgesprochen wurde, daß
wir keineswegs den richtigen Gebrauch von den seit der Stabilisierung
 an uns gezogenen Kapitalien gemacht haben, daß: wir
„jelzu große Teile immobilisiert haben, daß wir
„in der ernsten Lage des schlechten Haushalters sind, der sein
Vermögen verbaut hat“. Und aus dieser viel zu weitgegangenen

5
        <pb n="26" />
        Immobilisierung von Neukapital wurden weiter die sehr bittern
Schlußfolgerungen gezogen, daß vielfach kein Kapitalzuwachs,
sondern ein Kapitalschwund vorliegt (Landwirtschaft und
1eile der Industrie), weil die Produktionskosten stärker gestiegen
sind als die Produktion selbst, wonach also die Industrie in den
leizten Jahren nicht verdient, sondern von der Auflösung
von Kapital gelebt habe. Die Ausweitung des Verbıauchs
auf Kosten der Produktiv-Kapitalbildung ist gleichfalls ein sehr
ernster Gesichtspunkt bei Betrachtung der Kapitalneubildung.
Denn es kann sich, wie ebenfalls auf der Industrietagung sehr
zutreffend ausgeführt wurde, bei der Kapitalbildung nur darum
handeln, zu finden, ob dieses Kapital produktive oder konsumtive
 Verwendung gefunden hat, und zum andern, ob dieses
Kapital der Wirtschaft als verfügbar erhalten oder in Anlagen
immobilisiert worden ist.
Auf diese Gesichtspunkte sollte hier noch einmal hingewiesen
werden, nicht, weil sie etwa Charakteristika des abgelaufenen
Jahres sind, sondern weil sie ganz allgemein bei Beurteilung
der Kapitalmarktlage wichtig sind und weniger zu falschen
Schlüssen verleiten als ein bloßer Vergleich von Zahlenreihen.
Wil man auf das letztere Hilfsmittel nicht ganz verzichten, so
zieht man zur Beurteilung des Kapitalzuwachses in der Regel
die Sparkasseneinlagenunddiefremden Gelder
beiden Banken heran. Wie sich diese beiden Posten in den
letzten zwei Jahren entwickelt haben, zeigt folgendes Schaubild:
1928 1929 Mill.
* 15

|4

3

‚9

]

N

Bankkreditoren

14

13

192

11

10

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Spareinlagen

R

R

Y .

nn
1 A O D "” A

m cl lm
5 A 0
        <pb n="27" />
        Die auch für 1929 weiter ansteigende Linie sowohl der Sparkasseneinlagen
 als auch der Bankkreditoren scheint auf den
cısten Blick als ein erfreuliches Symptom und soll auch gewiß
nicht unterschätzt werden. Die Spareinlagen dürften Ende des
Jahres wohl die neunte Milliarde erreichen (immer erst die Hälfte
der Vorkriegszeit!). Freilich wäre der Jahreszuwachs
1929 dann mit rund 1% Milliarden nicht ganz so hoch als im
Vorjahr (rund 2 Milliarden), und auch der monatliche Zu:
wachs ist in der letzten Zeit etwas niedriger gewesen.
Sparkassen-Einlagen
in Mill. RM) im Reich in Preußen
Bestand Mon.-—+ Bestand Mon.-—+
18 306 84 12 479 —
1612 82 1.096 58
3.096 124 2019 27
1665 B1 2 988 81
5988 18 4 368 115
7 416 428 1758 395
7655 230 4 901 18
7828 178 41992 91
7 958 130 5067 75
7999 41 5091 4
3190 191 5140 49
3316 126 5213 78
3 466 150 5305 92
3 596 130 5388 78
3723 127 5 463 80

Ende 1913
925
1926
1927
„198 .
Januar 1929
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli „
August
September .,
Oktober N

Neubildung oder Umschichtung
Man kann die Sparkassenstatistik nicht ohne die bekannten
Unsicherheitsfaktoren bei Betrachtung der Kapitalbildung verwenden.
 Denn trotz der anerkannten Sorgfalt, mit der diese
Zahlen aufgestellt werden, ist nicht immer ihr Charakter klar
erkennbar, Man weiß nicht bei allen Guthaben, ob es sich um
wirkliche Ersparnisse, also Überschüsse aus der Wirtschaft,
handelt oder teilweise um Gelder mit vorübergehendem
Anlagezweck, die vielleicht im Augenblick keine andre
Verwendung fanden oder vielleicht aus der Aufwertung
stammen, demnach wohl privatwirtschaftlich ein Kapitalzuwachs
sein können, nicht aber volkswirtschaftlich; denn hier sind sie
lediglich eine Kapitalumschichtung, aber nicht ein Zuwachs oder
Wirtschaftserfolg. Da die gesamten Aufwertungsbeträge auf
etwa 16 Milliarden geschätzt werden, kann hier ein starkes
Verschleierungsmoment bezüglich der Bildung von wirklichem
Sparkapital liegen. Allerdings trifft diese kürzlich geäußerte

If
/
        <pb n="28" />
        Auffassung (Müller-Oerlinghausen auf der Industrietagung) nicht
ganz das Richtige, weil z.B. in Preußen, das. ja zwei Drittel der
gesamten Sparkasseneinlagen stellt, Aufwertungsbeträge nicht
in der Sparkassenstatistik erscheinen. In Bayern ist dies der
Fall, jedoch getrennt und äußerlich ersichtlich. Aber in manchen
Fällen wird zweifellos die Herkunft überhaupt nicht einwandfrei
erkennbar sein. Noch problematischer sind die Bankkreditoren
 in dieser Beziehung, vor allem, weil in ihnen
ein Teil unsıer kurzfristigen Auslandverschuldung enthalten ist.
Man schätzte diesen Anteil früher mit 80-35% ein, jetzt ist er
wahrscheinlich höher, da bei dem Mangel an langfristigem
Leihkapital bekanntermaßen vielfach zu dem Mittel der kurzfristigen
 Kreditaufnahme im Ausland ‚gegriffen wurde. Wieweit
die im abgelaufenen Jahr begonnene Sparkontentätigkeit der
Banken schon Erfolg gehabt hat, ist vorläufig nicht zu ersehen,
zweifellos sind aber hier echte Sparkapitalien in der Bildung
begriffen. Freilich müssen sie vorerst als gering veranschlagt
werden. Eine Schätzung des Sparkontenbestands Ende 1928
bei der Deutschen Bank nahm ungefähr den Einlagebestand
einer mittlern Sparkalle an, das wären etwa 5 Mill. RM, und
Ende 1929 kann man diesen Posten bei der DD-Bank vielleicht
auf 12 Mill. RM veranschlagen.
Schließlich seien als weiteres wichtiges Kapitalsammelbecken
der Wirtschaft die Versicherungsgesellschaften
erwähnt. Einen guten Neuzuwächs im Geschäft zeigen die
Lebensversicherungsgesellschaften, die dementsprechend ihre
Kapitalanlagen bedeutend vermehren konnten: die privaten
von 1021 auf 1345, die öffentlichen von 120 auf 166 Mill. RM
in den ersten zehn Monaten des Jahres. Auch hier hat sicherlich
 echte Kapitalneubildung stattgefunden; interessant ist aber
ein Hinweis in der letzten Uebersicht des statistischen Reichsamts:
 danach waren nämlich die neugewährten  Vorauszahlungen
 und Darlehen auf Policen bemerkenswert hoch
{7,7% der Neuanlage), Hier kommt der zunehmende Kreditbedarf
 des Versicherungsnehmers zum Ausdruck, und es findet
durch die starke Beleihung von Policen (vorwiegend zu Verbrauchszwecken!)
 volkswirtschaftlich gesehen eine Rückverwandlung
 von Geldkapital in Einkommen
statt. Also haben wir auch hier wieder einen Umschichtungsprozeß,
 der das Bild der wirklichen Kapitalbildung trübt.

IR
        <pb n="29" />
        Ausblick

Zusammenfassend ist zu sagen, daß der gesamte,
Kapitalmarkt am Ende des Jahres ein ebenso unerfreuliches Bild gb}
bietet wie am Anfang und daß, wo wirklich Neubildung von
Kapital erfolgt, diese bei weitem nicht genügt, um dem Bedarf
gerecht zu werden und das weitere Einschrumpfen der Wirtschaft
 zu verhindern. Das ist, um die hinreichend bekannten
Ursachen kurz zu streifen, kein Wunder in einer Wirtschaft,
die durch Kriegs- und Reparationslasten geschwächt und durch
den Aufwand von Reich, Ländern und Gemeinden in einer
Weise vorbelastet ist, daß die dadurch bedingten 1em mungen
der Kapitalbildung schließlich zur Kapitalflucht werden
müssen. Daß die jetzt endlich in Angriff genommene Steuerund
 Finanzreform dem Kapitalmarkt neues Blut zuführen
kann, scheint uns noch nicht Gewißheit, aber wenigstens
Hoffnung — fast die einzige Hoffnung, mit der man das alte
Jahr verläßt. Daneben wird, was die Zukunft anbelangt, sehr
sorgfältig die Bewegung des Kapitalstroms von und zu
den ausländischen Geldmärkten zu beachten sein.
Eine größere Anleihewilligkeit Amerikas nach Börsenum:-schwung,
 nach einer innerpolitischen Bereinigung bei uns und
nach Inkrafttreten des Youngschen Plans wird ja vielfach
erwartet und scheint nicht unbegründet. Dabei ist aber sehr
wohl zu beachten, daß die jetzt auch im MHooverschen Wirtschaftsprogramm
 befürwortete Kapitalausfuhr Amerikas
in erster Linie auf Waren ausfuhr zugeschnitten ist, daß also
mit andern Worten Amerika sich durch verstärkte Anleihegewährung
 an Auslandunternehmungen gleichzeitig Aufträge
und Lieferungen wird sichern wollen. Das wäre für uns natürlich
eine Kapital-„Hilfe“ sehr zweischneidigen Charakters, die uns
auch dieser Zukunftsaussicht mindestens mit großer Vorsicht
önigegensehen läßt. Im wesentlichen wird eine Besserung bei
uns selbst ihren Anfang nehmen müssen. Vorschläge wie
z. B. die Bildung von Kapitalanlagegesellschaften (Investment-Iirusts)
 und ähnliches wären Teilmaßnahmen, von denen noch
nicht einmal sicher ist, ob sie sich für unsre Verhältnisse
bewähren würden. Selbstbeschränkungsmaßnahmen,
wie sie von den Städten beschlossen wurden,
sindgut,solangesienichtaufdemPapierstehenbleiben.
 Die Neureglung und Verschärfung der Kreditüberwachung
 (Beratungsstelle) kann Gutes bewirken, Allcs das hat
freilich zur Voraussetzung, daß von allen Seiten
Com ErnstderLage Rechnunggetragen wird und
den vielen schon gewechselten Worten nun endlich Taten folgen.

RE

2G
        <pb n="30" />
        VEREINIGUNG UND VERFLECHTUNG
Jahresbilanz der Konzentration und Internationalisierung
 der deutschen Wirtschaft

$- Berlin, 23. Dezember

Konzentration — eine Welterscheinung
Die alte schlichte Erzählung vom sterbenden Alten, der seinen
Söhnen Wirkung und Nutzen des Zusammenschlusses durch das
Bündeln der einzelnen zerbrechlichen Stäbe klarmachte, ist in
der Wirtschaft Deutschlands wie auch der andern großen Wirtschaftsländer
 im sturmreichen Jahre 1929 in weitem Maße durch
die Tat verwirklicht worden. Zwar war vieles, was gebunden
wurde, nicht wurzelkrank und schwach, vielmehr kam in weitem
Umfang einmal das natürlich-organische Wachstum der Großwirtschaft,
 zum andern die Anziehungskraft der Großgebilde für
weniger schlagkräftige, wenn auch bislang gesunde Teile der
Wirtschaft zur Auswirkung. Die Konzentration ist gleichzeitig
in die Tiefe und in die Weite gerichtet. Deutschland sah nicht
ohne Sorge gerade im verflossenen Jahresabschnitt Riesengebilde
in derausländischen Wirtschaft wachsen und arbeiten. In
Amerika, wo Konjunktur und Kapitalnot noch am wenigsten
zur Großkonzentration zu zwingen scheinen, haben sich gewaltige
 Blocks im Bankwesen, in der Elektro- und Kabelindustrie
und auf zahlreichen andern Gebieten gebildet. In England
setzte sich die Zusammenschlußidee mit weit größerer Nachdrücklichkeit
 als in den Vorjahren durch (Zwangsfusionierungspläne
 im Kohlenbergbau). Belgien, Frankreich, Schweden und
die östlichen Staaten faßten wichtige Teile ihrer nationalen Wirtschaft
 ebenfalls straffer zusammen, teils als Nebenwirkung protektionistischer
 Programme, teils als Gegenmittel gegen die international
 gewordenen Sorgen des Wettbewerbs, der Ueberfrem-Ädungsgefahr
 oder des Sanierungsbedürfnisses. Die Riesenkonzernrebilde
 sind Hauptpfeiler der modernen Großraumwirtschaft,
 zuweilen sogar Staatsfinanziers, wie der Kreuger-Trust,
seworden. Auch das theoretisch antikapitalistische Rußland
kommt, wie der neue Industrieplan zeigt, nicht an Sammlung und
Straffheit vorbei. Angesichts dieses weltwirtschaftlichen Vertrustungs-
 und Konzentrationsdranges verliert die neuere Konzentrationswelle
 in Deutschland etwas an Wucht des Eindrucks;
sie stellt sich zum andern weitgehend als unabwendbar und
Aringlich dar.

7)
        <pb n="31" />
        Hemmungen, Zwang und Vorbild

In den Jahren 1925 bis 1928 war die industrielle Konzentration
in Deutschland ein großes Stück vorwärtsgetrieben worden. Die
i. G. Farbenindustrie, die Vereinigten Stahlwerke und andre Großgebilde
 waren entstanden; die Kunstseidenindustrie, die Kaliindustrie
 und andre folgten. Das Jahr 1929 schien so etwas wie
sine Zwischenpause in der Rationalisierungs- und Konzentrationsentwicklung
 bringen zu wollen, zumal ein gewisser Argwohn
gegenüber Zeitmaß und Umfang der Entwicklung aufkam.
Konzernkrisen und Konzernzusammenbrüche (Hatry, Horne
in England, Favag in Deutschland), die Unübersichtlichkeit der
großen Kunstseidengruppen und die Erfahrung, daß gerade die
Konzernwerte in der chronischen Börsenbaisse alles andre als
kursstetig blieben, schienen dem Konzentrationsgedanken einigen
Abbruch zu tun. Zudem blieb noch immer ein reichlich Maß von
Cnentsenlossenheit, Säumigkeit und unangebrachtem Seibständigkeitsstolz.
 Das alles aber wurde von der Not der Zeit und dem
Druck der Lasten beiseitegedrängt. Wettbewerb, Risiko, Lasten,
Ueberfiremdungsgefahr und Aufgaben wuchsen; Absatz, Gewinn
und Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt wurden geringer.
Die Grenzen der Wirtschafilichkeit lagen wieder weiter entfernt,
ächnten sich aus. Das Gebot der Selbsthilfe erzwang um
so mehr Befolgung, je weniger Gehör die Wirtschaft bei ihren
Zoll-, »ınanzreform- und Steuerentlastungswünschen fand.
Wäre das größte, am wenigsten erwartete Konzentrationsereignis
 des Jahres, die Verschmelzung Deutsche Bank —
Disconto-Gesellschaft, zu Jahresbeginn erfolgt, so wäre
die deutsche Zusammenschlußwelle stärker geworden, als sie gewesen
 ist., Die Bankenverbindung war eine Ueberraschung nicht
aur wegen der Größe der beiden Partner, sondern auch wegen
der Opfer, die hier an Rang-, Ueberlieferungs- und Persönlichkeitsfragen
 gebracht wurden, Opfer, die andre, ungleich zusammenschlußbedürftigere
 Unternehmen nicht bringen zu können
glaubten. Allerdings konnte sich nicht eitel Freude über die
Großbankverbindung ergeben: der Beamtenabbau schuf schwierige
 Aufgaben; manche Stimmen waren auch um die Leichtbeweglichkeit
 und Kreditzuleitung bei einem solchen Bankriesen
besorgt. Anderseits war natürlich den übrigen Großbanken über
Nacht eine Uebermacht entstanden, die sie zu größern Ansirengungen
 und, wenn nicht alles trügt, in nicht zu ferner Zeit
zu ähnlichen Maßnahmen zwingt. Alsbald angestellte Vermutungen
 — sie waren reichhaltig genug — sind vorerst aber
Örakelsprüche geblieben. Aehnliches hat von den Berechnungen
betreffend die Auswirkungen der D-Bankverschmelzung auf

T
        <pb n="32" />
        ihren industriellen  Einflußbereich zu gelten. Gegenüber diesem
vroßen Schlage blieben die übrigen Bankenzusammenschlüsse
ziemlich im Schatten, so die Verschmelzung Preußische
Hypotheken-Aktienbank mit der Preußischen
Pfandbriefbank, der vielleicht im neuen Jahr eine weitere
zwischen der letztgenannten und der Preußischen Central-Bodenkredit
 folgen wird. Eine Notverbindung war die Verschmelzung
 der Ostbank mit der Dresdner Bank. Daß
as bezüglich der mittlern und kleinern Bankinstitute bei den
wenigen Zusammenschlüssen (Trinkaus-Engels, Deutsche
Vereinsbank, Deutsche Effekten- und Wechselbank und wenigen
andern Verbindungen) geblieben ist, muß angesichts der
bekannten Entwicklung im Privaten Bankgeschäft wundernehmen.
 Von Großbanken nahmen noch die Commerzbank
die Mitteldeutsche Creditbank und die Braunschweigische Bank
und Kreditanstalt, die Deutsche Bank die Osnabrücker Bank
auf. In diesem Zusammenhang mag nur stichwortartig an die
1329 erfolgte Vereinheitlichung im —landwirtschaftlichen
Genossenschaftswesen erinnert werden.
Eine arg verfahrene Lage war dringlicher Anlaß zu verschiedenen
 Umgruppierungen im Versicherungsgewerbe,
 wo der Favag-Zusammenbruch zum Einspringen
der größten deutschen Versicherungsgesellschaft, der Allianz,
[ührte. Die Abwicklung dieses verhängnisvollsten Zusammenbruchs
 des Jahres 1929 hat bis heute die größten Schwierigkeiten
 geboten. Im November wurde die Frankfurter Lebensversicherungs-A.-G.
 mit der Allianz verschmolzen. Der Nordstern-Konzern
 nahm die Vaterländische und Rhenania auf,
die durch die Schwierigkeiten bei der Vaterländischen Kreditversicherung
 schwach geworden war.

Rechtzeitige durchgreifende Rationalisierung und Festigung
haben, ım Verein mit einer verhältnismäßig günstigen Konjunkturgestaltung,
 die Konzentration in der deutschen Eisen- und
Kohlenindustrie zu einem gewissen Stillstand gebracht.
Jedenfalls‘ fehlten 1929 die großen Zusammenfassungen. (im
Gegensatz zu den verspätet sich rationalisierenden englischen
Schlüsselindustrien). Kurz vor Jahresschluß überraschten die
Ruhrzechen mit der Gründung der Ruhrmontanindusirie
A.-G. Erwähnung verdient weiter die Uebernahme von 51% des
Kapitals der Maximilians hütte aus dem. Besitz dor
Familie Röchling durch ein Konsortium Deutsche Bank - Danat -
Charlottenhütte - Otto Wolff. Im Zusammenhang mit der. Erneuerung:.
 der‘ Eisenverbände zum Jahresschluß ‘wurde. vor
        <pb n="33" />
        wenigen Tagen der Uebergang der Aktienmehrheiten der Stahlwerk
 Becker A.-G., der Sächsischen Gußstahlwerke A.-G., Döhlen,
äer Rheinisch-Westf, Stahl- und Walzwerke A.-G., (die ihrerseits
wieder die Aktienmehrheit der Annener Gußstahlwerke A.-G.
besitzt) und der Bremer Hütte (Storch &amp;amp; Schöneberg A.-G.) an
verschiedene Gruppen der westlichen Schwerindustrie beschlossen.
 In der Kaliindustrie war die vorerst größle
Zusammenschlußarbeit schon vor 1929 geleistet worden. Dagegen
 scheint auf dem Gebiete der Kalichemie manches
sich erst anzubahnen. Die Kalichemie A.-G. hat im letzten Jahr
verschiedene Aktienbeteiligungen und Angliederungen durchgeführt.
 Die Preußag übernahm nach verschiedenen Reibungen
die gesamten Kaliquoten der Anhaltischen Salzwerke G. m. b. H.
pachtweise bis 1953.

Die Elektrizitätsindustrie, die, wie erwähnt, im
Ausland auf immer größere Großgebilde der Elektrowirtschaft
stößt, hat im vergangenen Jahre ihre Machtstellung durch eine
Reihe bedeutsamer, strukturell verschiedenartiger Maßnahmen zu
festigen erstrebt. Abgesehen von der mehr förmlichen Gründung
der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks A.-G., die der
preußische Staat zur Überdachung seines elektro- und bergbaulichen
 Besitzes vornahm, kam es in der privaten Elektroindustrie
 zu bedeutenden Zusammenschlußmaßnahmen. Dabei
wurden allerdings zum großen Teil nur bereits bestehende
weitreichende Bindungen kapitalmäßiger und betriebstechnischer
Art weiterausgebaut, wie bei der Verschmelzung der
Gesfürel-Ludwig-Loewe-A.-G.für Gas-, WasserundElektrizitätsanlagen.
 Rücklagenstärkung, Gemeinschaftsfinanzierung
 großer gemeinsamer Aufgaben, Steuerersparnis
 und Rüstung für den Auslandmarkt waren hier die
wesentlichen Triebkräfte. Durch das Abkommen General
Eleciric-AEG.unddiesich daran anknüpfende Verstimmung aus
Anlaß des weitgehend abwegigen Überfremdungsstreits zwischen
den Leitern beider Großgruppen sind langgehegte Hoffnungen
auf ein baldiges engeres Zusammengehen AEG.-Siemens auf absehbare
 Zeit zerstört worden. Diese Hoffnungen erschienen um
so begründeter, als gerade AEG. und Siemens sehr zahlreiche alte
und neue Berührungspunkte und Interessenüberschneidunger
haben (Osram, Klangfilm, Transradio, Telefunken, NAG. und
viele andre Kooperationsgebiete in der Stark- und Schwachstromindustrie).
 Die Entwicklung ist anders gelaufen. Ende des
Jahres wurde die schon seit einiger Zeit angekündıgte neue
Schwachstromgesellschaft unter der Firma Standard

29
        <pb n="34" />
        Elektrizitäts-Gesellschaft (SEG.) mit einem Aktienkapital von
25 Mill. RM gegründet; beteiligt sind die International Standard
Electric Corp., AKG. und Felten € Guilleaume Carlswerk A.-G.,
Köln.

In der weiterverarbeitenden Industrie weist die
Liste eine große Zahl großer uud kleiner Zusammenschlüsse auf,
aus denen im folgenden nur eine Auslese gegeben werden soll.
Wenn auch die großen Linien der Konjunktur- und Kapitalversorgungsverschlechterung
 übergeordnete allgemeine Wegweiser
 zur Konzentration waren, haben im einzelnen doch verschiedengeartete
 Gründe zum Zusammenschluß gedrängt. Überkapazität
 und Absatzmangel zwangen in der notleidenden Kla -
vier industrie zur Zusammenfassung einer Anzahl von Werken
beider Gebr Niendorf A.-G., die, obwohl Mittelpunkt, selbst
eine scharfe Sanierung vornehmen mußten. In der Porzellanindustrie
 kam zu den schon bestehenden großen Gruppen eins
neue kleinere (um die Kloster Veilsdorf A.-G.). In der Metallindustrie
 schlossen sich die Firmen A.Hirsch &amp;amp; Sohn und H.
Schoyer, Berlin, zusammen. Aus derMaschinenindustrie
sind die Gründung der Vereinigten Deutschen Kältemaschinenindustrie
 Borsig-Germania-Humboldt G, m. b. H. und die Verschmelzungen
 im Kahn-Konzern zu erwähnen. Straffere
Zusammenschlüsse erfolgten auch in der Uhren industrie
(Hamburg-Amerik. Uhrenfabriken, Junghans u. a.), Konzentrationsmaßnahmen
 größern Stils wurden in der Zellstoffindustrie
(Fusion Reißholz-Feldmühle) und in der Zigaretienindustrie
 (Aufsaugung einer Reihe weiterer Zigarettenunternehmen
 durch den Reemtsma-Konzern) vorgenommen. Der Konzentrationsprozeß
 in der Zigarettenindustrie hat durch die Reform
der Tabakbesteuerung und der Tabakwirtschaft besonders aktuelle
 Bedeutung gewonnen, da die Gruppe Reemtsma-Neuerburg
mit über 80 Prozent Anteil an der Gesamterzeugung eine Privatmonopolähnliche
 Stellung erreicht hat.
Recht mager ist wieder die Konzentrationsbilanz in der trotz
Ausschaltung vieler Firmen noch immer stark zersplitterten
Automobilindustrie ausgefallen, die auch auf die neuen
schweren Schläge (Opel-General Motors, Fordpläne in Deutschland)
 bisher nicht mit einem großzügigen Konzentralionsplan geantwortet
 hat. Lediglich einige kleinere Zusammenschlüsse (Verbindung
 Hansa Lloyd-Hansa Auto-Goliathwerke, Übertragung der
Motorradherstellung der Wanderer-Werke A.-G auf die N. S.U.)
kamen zustande. Im kommenden Jahr scheint die Industrie aber
dringliche Aufgaben der Rationalisierung und Arbeitsteilung

3A
        <pb n="35" />
        durchführen zu wollen. Übersetzung und scharfer Auftragsrückgang
 (Ausfall an Reichsbahnbestellungen, verstärkter Wettbewerb
 im Ausland) zwangen auch die in ähnlicher Lage wie
die Werft- und Autoindustrie befindliche deutsche Waggonund
 Lokomotivindustrie zum Nachholen hinausgezögerter
Konzentration. (Gründung der Deuwi, Abkommen Norddeutsche
Waggonfabrik-Linke-Hofmann-Busch, Quotenausgleichs- und
Anschlussmaßnahmen zwischen Krupp-Henschel, Anschluß
Maffei-Henschel, Übergang der Hohenzollern an Krupp u. a.)
Das kommende Jahr dürfte hier noch weitere Rationalisierung
bringen, da Aussichten auf eine erhebliche Ausdehnung der
Lieferungsmöglichkeiten kaum bestehen.
In zahlreichen andern Industriezweigen machte die Konzentration
 Fortschritte. In ziemlich geringem Maße gilt das für
das Textilgewerbe, wo sich jedoch Verständigungsbestrebungen
 verschiedenster Art durchsetzen, ohne daß es zu festen
Bindungen betriebsorganisatorischer oder finanzieller Art kam.
Auch sonst trat der Rationalisierungsgedanke in allen Gewerbegruppen
 unter dem wirtschaftlichen Zwang verstärkt hervor,
was im Abschluß vieler Wettbewerbs-, Werkaufteilungs-, Lagerbeschränkungs-
 und ähnlichen Abkommen zum Ausdruck kam.
So wurden zahlreiche Einkaufsgemeinschaften im Warenhandel,
vor allem bei den Warenhäusern und bei der Industrie (Kunstseidenzentrale
 der Verbraucher) gebildet oder erweitert. Braugewerbe,
 Filmindustrie, Gummiindustrie (Verschmelzung Conti
Caoutchouc-Peters Union-Pollack) sowie die Fahrradindustrie
(Bildung eines neuen Syndikats) haben ebenfalls einige Zusammenschluß-Fortschritte
 zu huchen.

Der Zug über die Grenzen

In engem Zusammenhang mit der Zusammenschlußbewegung
und ihren weitern Zielen stand auch im Jahre 1929 wieder eine
Reihe von Maßnahmen, die eine engere Verflechtung
deutscher Gesellschaften mit der Wirtschaft des. Auslandes
herbeiführten. Der zwangsläufig internationale Zug der GroßBkonzerne
 prägte sich vor allem in der chemischen und der
Kunstseiden industrie aus. Verschiedene bedeutsame Ahkommen
 der IL G. Farbenindustrie haben das starke Vordringen
 dieses Großunternehmens über die deutsche Grenze
hinaus planmäßig gefördert. Die IL G, Farben traf das wichtige
Abkommen mit der Standard Oil (Kohlehydrierung) und
war an den Verständigungsverhandlungen zwischen den Erzeugern
 synthetischen Stickstoffs und: der chilenischen

ar
        <pb n="36" />
        Salpeterindustrie führend beteiligt, Mit der im April
1929 erfolgten Gründung der American I. G. Chemical
Corporation schuf sich die 1.G. eine neue Holdinggesellschaft
für ihre ausgedehnten amerikanischen Besitzinteressen, ähnlich
wie es die Glanzstoff im Vorjahr in der Associated Rayon
Corporation getan hatte. Die I. G. Farben hatte bekanntlich zuvor
 schon die europäischen Interessen in der IL. G. Chemie Basel
vereinigt. Die bei diesen Anlässen vollzogenen, wenig durchsichtigen
 Kapitalmaßnahmen haben den Überblick über den
finanziellen und betriebsorganisatorischen Aufbau des großen
Chemie-Konzerns erheblich erschwert.
in der Kunstseidenindustrie, für die das Jahr 1929
international einen Rückschlag nach der vorhergegangenen gewaltigen
 Kapital- und Betriebsausweitung brachte, war das wichtigste
 Jahresereignis die Vereinigung der Vereinigten Glanzstoff
mit der holländischen Enka zur Allgemeenen Kunstzijde
 Unie (Aku) in Arnhem. (Kapital 125 Millionen fl.)
Auch die I. G. Farbenindustrie, als Kunstseidenhersteller ein
mächtiger Wettbewerber, hatte mit der Enka verhandelt. Die
Verbindung Enka-Glanzstoff hat, vor allem wegen des starken
Kursverfalls der Aku-Aktie, zu scharfem Einspruch Anlaß gegeben
 und die Frage der Konzernpublizität und -rentabilität
erneut zur Erörterung gestellt. Die Bemberg A.-G. hat ihren
in den Vorjahren gegründeten ausländischen Tochterunternehmen
in Amerika, Italien, Frankreich und England im Jahre 1929 eine
weitere Auslandsgesellschaft in Japan (Japan Bemberg Corporation
 mit 10 Millionen Jen Kapital) hinzugefügt und den Ausbau
des Werks in Frankreich (Roanne) eingeleitet. Sowohl Glanzstoff
 wie Bemberg berichteten durchweg über gute Erfolge ihrer
Auslandfabriken. — Die immer dringlicher gewordene Frage der
internationalen Kunstseidenverständigung (Marktreglung,
 Wettbewerbsbeschränkung, Preis- und Qualitätsfestlegung)
 ist im verflossenen Jahre durch verschiedene Abkommen,
 darunter auch durch eine wichtige Teilverständigung
zwischen I.G. Farben und Glanzstoff. der Lösung nähergebracht
worden.
Von sonstigen Interessenverbindungen mit dem Ausland, die
nicht zuletzt unter dem unerträglichen Druck der deutschen
Steuerlasten erfolgten, sei an die weitere Ausdehnung der
Continentalen Linoleum-Union in Zürich (Erwerb
des halben Kapitals der holländischen Linoleumfabrik Krommenie
 und größere Beteiligung an der Sarlino-Reims) erinnert.
Die Züricher Holdinggesellschaft umfaßt bekanntlich auch die
Deutsche Linoleum-Werke A.-G. Von größerer Bedeutung waren
ferner die Verbindung Nestle-Sarotti, die Gemein-7
        <pb n="37" />
        schaftsgründung der Eisenbahnmaterialleihanstalt und der
General American Tank Car Corporation Chicago (Internationale
 Transportmittel-A.-G.. Berlin}.

Die Kehrseite

Internationalisierung und Überfremdung haben sich begrifflich
und praktisch zuweilen gestreift. Dabei ist der Begriff der Über-{remdung,
 wie verschiedene Auseinandersetzungen (AEG.-Siemens,
 Bücher-Sempell auf der Industrietagung in Düsseldorf)
gezeigt haben, durchaus verschieden abgegrenzt worden. Oft
war ohne Zweifel nur eine Einschaltung des Auslandes vorhanden,
 die nicht als „Ueberfremdung“ bezeichnet werden kann.
Immerhin gab das planmäßige Vorgehen vor allem Amerikas, das
von der Stellung des Obligationengläubigers zur der des .mitbestimmenden
 Teilhabers und Großaktionärs zu gelangen strebte,
ernsthaft zu denken. Dem Fall General-Motors-Opel mit seiner
eindeutigen Substanzübertragung an die Amerikaner sind zwar
keine großen Maßnahmen in ähnlich krasser Form gefolgt. Eine
Reihe neuer Großbeteiligungen des Auslandkapitals, größtenteils
 mit weitgehendem Uebergreifen auch in das verwaltungsmäßige
 und organisatorische Gefüge der deutschen Unternehmen,
 haben jedoch die Frage aufgeworfen, inwieweit diese
[nternationalisierung noch volkswirtschaftlich erwünscht oder
gefährlich ist. Diese Frage kann nur unter Würdigung der
gesamtwirtschaftlichen Lage, nicht mit Beschränkung auf den
Einzelfall beantwortet werden. Bei dem Eindringen der
General Electric in die AEG, und der Einflußnahme bei
der Osram - Gesellschaft muß die eingangs erwähnte Wandlung
 der Großtechnik und der Zusammenballungsprozeß der
Weltelektrowirtschaft in Rechnung gestellt werden. Ähnliches
vilt für das Eindringen des Auslands in die deutsche
Schwachstromindustrie (Philips, Holland bei Lorenz,
Erwerb der Aktienmehrheıt der Ferd. Schuchhardt-A.-G. durch
die amerikanische International Standard Eleetrie Co., Übernahme
 der Kramolin G. m. b. H., Berlin, durch die Aeonic Radio
Ltd.). In der Zellstoff- und Papierindustrie hat die englische
Combined Pulp and Paper Mills Ltd, die bereits
früher drei deutsche Werke (Alfeld-Gronau, Köslin, Rube &amp;amp; Co.)
unter ihren Einfluß gebracht hatte, auch die Aktienmehrheiten
JerSchlesischenCellulose- und Papierfabriken
sowie der Ostdeutschen Papier- und Zellstoffwerke
 A.-G. in ihren Besitz gebracht. Die gesamten deutschen
Interessen der Combined Pulp sollen jetzt in eine Dachgesell-7
        <pb n="38" />
        schaft eingebracht werden. Die in der britischen metallverarbeitenden
 Industrie führende Imperial. Chemical Industries
Ltd. erwarb 25% des Aktienkapitals der Hirsch-Kupferund
 Messingwerke, Berlin. Einer glatten Überfremdung
ist die deutsche Kugellagerindustrie unterlegen. Der
schwedische Kugellagertrust, der schon lange zuvor in Deutschland
 durch die SKF.-Norma vertreten war, brachte 1929 die
beiden Firmen Fichtel &amp;amp; Sachs A.-G. und die Fries &amp;amp;
Höpflinger-A.-G. unter seinen Einfluß. Die im gemeinsamen
Besitz der Fichtel &amp;amp; Sachs und der SKF.-Norma befindlichen
Riebe-Werke kamen gleichfalls in den Machtbereich des
Schwedentrusts. Gegen Jahresschluß streckte auch die Berlin-Karlsruher
 Industriewerke-A.-G. vor der SKF.-Norma, die ihre
Firma in Vereinigte Kugellagerfabriken umänderte, die Waffen
und verkaufte ihre Kugellagerabteilung für rund 10 Mill. RM
bar an die Schweden.
Der Schuhindustrie machte das weitere Vordringen des
tschechoslowakischen Schuhgroßindustriellen Ba ta Sorgen, der
jetzt auch die Herstellung seiner Schuhwaren in Deutschland
ausbauen will. Die unabhängige deutsche Margarineindu-Strie
 ist durch den großen englisch-holländischen Margarinetrust,
 der 1929 seine Schlagkraft durch die Verbindung mit der
Lever Brothers (Unilevers) noch gewaltig verstärkte, weiter
gefährdet worden. Es gelang dem Trust, zwei bis dahin unabhängigen
 Margarinewerken im Westen (Schmitz &amp;amp; Loh, Homann),
durch Bindungen in Form von Rohstofflieferungsverträgen die
Stellung als freier Margarinewerke zu nehmen. Im Versicherungsgewerbe
 gingen aus dem Besitz der Michael-Gruppe
zunächst die Aktienmehrheiten der beiden Sachschadengesellschaften
 der Iduna-Gruppe und kurz darauf auch die
Zweidrittelmehrheit der Iduna-Lebensversicherungs-Bank A.-G.
an die Globe Underwriters Exchange Ine. Neuyork über.
Michael hat zudem ein größeres Aktienpaket der Deutschen
Gold- und Silberscheideanstalt. Frankfurt nach Holland verkauft.
 Eine Reihe andrer Auslandbeteiligungen erfolgte bei den
verschiedensten Industrien, so in der Parfümerie-, Flugzeugund
 Zementindustrie.

Aushlick

Die Aussichten für die Entwicklung einmal der Konzentration
in der deutschen Wirtschaft, zum andern der Internationalisierung
 oder — wenn man das Schlagwort mit der gebotenen
Einschränkung gebrauchen will — der Überfremdung sind kurz

IQ
        <pb n="39" />
        dahin zu kennzeichnen, daß Kapital-, Absatz- und
Rentabilitätsnöte und anhaltender Lastendruck
 die deutsche Industrie zu weiterm Zusammenschluß,
wie überhaupt zu weitestgehender Rationalisierung auf allen Gebieten
 zwingen werden Anderseits wird das Ausland, obwohl
neuerdings etwas durch eigne Kapitalsorgen gehindert (Amerika),
die Ausweitung seines Einflusses und seiner Absatzmöglichkeiten
 in Deutschland mit Nachdruck betreiben. Jede weitere
Hinauszögerung der Entlastung Deutschlands muß die wirtschaftliche
 Entwicklung in Deutschland auf das schwerste
gefährden. Weitere Konzentration kann diese Gefahren wohl
etwas mindern, aber nicht beseitigen. Eine stärkere Überfremdung
 wird vielleicht durch die traurige Tatsache verhindert, daß
das Risiko industrieller Betätigung oder Beteiligung in dem
iberbelasteten Deutschland dem Auslandkapitalisten zu groß wird.
Mehr als zuvor wird sich zeigen, daß alle diese Fragen und Nöte
sine Schicksalsfirage nicht nur der Industrie, sondern auch der
Arbeitnehmer und des Staats und der Volkswirtschaft sind.

BÖRSENKRISE
Enttäuschungen in der ganzen Welt

Vu Berlin, 28. Dezember
Voreilige Hoffnungen
In den seit der Inflation verflossenen Jahren haben wir schon
manche Börsenkrise erlebt, und immer konnte man hören, daß
die jeweilige Krise die schlimmste gewesen sei. Sie werden
aber doch wohl alle übertroffen von der Krise, die nun
schon seit dem Börsenkrach vom Mai 1927, nur kurz unterbrochen
 von vorübergehenden Aufwärtsbewegungen, auf der
Börse lastet, und deren Ende auch heute noch nicht abzusehen
ist. Schlag auf Schlag folgten die Stöße, von denen dic deutschen
Börsen im Jahre 1929 immer wieder getrolfen wurden. Kaum
schien einer überwunden, langsam das Geschäft wieder in Gang
zu kommen, als ein neuer Schlag erfolgte, der die Börse wieder
zurückwarf, das Vertrauen aufs neue erschütterte und tiefe
Mutlosigkeit bei den Effektenbesitzern selbst und an der Börse
zurück.eß. Dauernde Finanzschwierigkeiten des Reichs, der
Länder und Kommunen, während des ganzen Jahres anhaltende
teure Geldmarktverhältnisse, Kapitalversorgungsschwierigkeiten
allüberall, Young-Konferenz in Paris und im Haag, Währungskrise,
 Krediteinschränkungen, Zusammenbruch der Favag, Zu-+O
        <pb n="40" />
        sammenbrüche im Großhandel, Börsenkrach in Amerika, Bankinsolvenzen,
 Zwangsglattstellungen größten Stils und als deren
Folgen wachsendes Mißtrauen, das sind die Steine auf dem
Leidenswege der Börse in 1929.
Mit neuen Hoffnungen war die Börse in das neue Jahr eingetreten.
 Man begrüßte die in den ersten Tagen des Januars erfolgte
 Diskontermäßigung, glaubte an eine weitere schnelle Gelderleichterung,
 nahm auch eine glückliche und schnelle Beendigung
 der Young-Konferenz in Paris an. Wenn man sich des
Optimismus erinnert, mit dem auch ein Teil der deutschen Delezation
 zu der am 9. Februar beginnenden Konferenz nach Paris
fuhr, so mußte man die Hoffnungen der Börse verständlich
(linden. Aber schon sehr bald ließ die Stimmung nach. Starke
Gedenken wegen des Ausgangs der Konferenz ließen sich nicht
unterdrücken, zumal das vielleicht besser unterrichtete Ausland
achon damals begann, seine deutschen Wertpapiere zu verkaufen.
 Die Verflüssigung des Geldmarktes machte schon sehr
bald wieder einer stärkern Anspannung Dlatz, als
London, durch die Verhältnisse in Neuyork veranlaßt, zu einer
Erhöhung des Diskontsatzes um 1% schritt und als Folge davon
Abzüge von hier erfolgten. Immer wieder riefen die Kassenschwierigkeiten
 des Reiches und deren Ueberwindung durch
fast zu jedem Termin notwendige und geldmarktbeengende
Finanzmaßnahmen, sei es durch Schatzwechselausgabe oder
Kreditaufnahme usw., Störungen hervor. Diese Maßnahmen beobachtete
 man im In- und Ausland mit um so größerm Unbehagen,
 als die Regierung nichts oder Unzureichendes unternahm,
um diesem beschämenden Schauspiel ein für allemal ein Ende
zu machen. Der Mißerfolg der ursprünglich mit 500 Mill. in
Aussicht genommenen, dann auf 300 Mill. ermäßigten und mit
nur 180 Mill. gezeichneten steuerfreien Anleihe des Reiches war
nur ein neues Moment der Beunruhigung, die auch durch den
einjährigen 50-Mill.Dollar-Kredit nicht aus der Welt geschafft
wurde, zumal die Schwierigkeiten durch diese Finanzmaßnahmen
nur notdürftig überdeckt und bei jeder Gelegenheit wieder auftraten.


Die „psychologische Krise“

Der Vorstoß Hugenbergs gegen die deutsche Währung tat seine
Wirkung und schürte das wachsende Mißtrauen. Neue Abzüge
vom Ausland erfolgten. Die Umwandlung von Markguthaben
in Valuta nahm nach den Stockungen in Paris größern Umfang
an, Das hatte Folgen für die auf ihre Liquidität bedachten
Banken. Die Geldversteifung an den ausländischen Plätzen.

in
        <pb n="41" />
        insbesondere die hohen Zinssätze in Neuyork, zogen weitere Verkäufe
 von Mark nach sich. Die Unruhe wurde noch vergrößert,
als Frankreich zur Ausübung eines politischen Drucks einen
Vorstoß gegen die deutsche Mark unternahm; alles das veranlaßte
 außerordentlich schwere Gold- und Devisenverluste der
Reichsbank, die sich nach allzu langem Zögern im April entschloß,
 ihren Diskont um 1% auf 7%% zu erhöhen und gleichzeitig
 zu scharfen Krediteinschränkungen überging,
die bei der schon damals festzustellenden Lage der deutschen
Banken auf deren Haltung gegenüber ihren Kunden von Einfluß
war und den Anlaß zu einer scharfen Durchsicht ihrer Bücher
gegeben hat. Die Maßnahmen der Reichsbank hatten schnellen
Erfolg; schon bald war sie wieder in der Lage, ihre Bestände
an Gold und Devisen aufzufüllen; sie hat heute beinahe wieder
ihren höchsten Bestand erreicht. Diese Vorgänge blieben nicht
uhne Einfluß auf die Börse, deren schwache Haltung nur vorübergehend
 durch eine lebhaftere Bewegung in Montanwerten
unterbrochen worden war. Sie fiel in ihre alte Schwäche zurück,
litt unter Kapitalfluchtverkäufen, unter Zwangsglattstellungen,
 die für in Schwierigkeiten geratene Handelshäuser
erforderlich wurden, deren Inhaber vielfach nicht zuletzt durch
Fehlspekulationen an der Börse große Verluste erlitten hatten.
Die Beendigung der Pariser Konferenz, deren Ergebnis die Wirtschaft
 nicht befriedigen konnte, brachte, ebenfalls nur vorübergehend,
 neues Auslandinteresse, aber. auch das ließ schnell
wieder nach, und die alte Unlust und Geschäftslosigkeit legte
sich erneut lähmend über das Börsengeschäft. Selbst große,
aussichtsreiche Finanztransaktionen, die unter andern Verhältnissen
 belebend gewirkt hätten, versagten völlig ihre Wirkung.
Die Entfremdung von der deutschen Aktie machte weitere Fort-Schritte,
 Kapitalerhöhungen gelangen nicht, Bezugsrechte waren
in großem Umfange angeboten und notierten. weit unter Pari,
geschickte Baissevorstöße, die sich für ihre Angriffe einmal
dieses, einmal jenes Teilgebiet aussuchten und kaum auf Widerstand
 stießen, unterhöhlten weiter die Börse und führten zu
einer Erschöpfung weiter Börsenkreise, die ja meistenteils auf
„Hausse“ eingestellt sind.

Neue Schläge

Der Krach der Fa vag rief neue Erschütterungen im In- und
Ausland hervor. Wenn seine Folgen zum Teil überwunden sind,
so steht man doch auch noch heute im In- und Ausland der Tatsache,
 daß ein allererstes Versicherungsinstitut mit weitreichen-11
        <pb n="42" />
        den ausländischen Verbindungen, das unter den Augen des Aufsichtsamtes
 seine Tätigkeit ausübte und dessen Aufsichtsrat
hervorragende Großbankdirektoren in großer Zahl angehören,
sich in alle möglichen verlustbringenden Geschäfte einlassen
konnte und dann wie ein Kartenhaus zusammenbrach, ebenso
verständnislos gegenüber wie der ungeschickten Behandlung
 des Falles nachher, die dem deutschen Kredit weitgehenden
 Abbruch getan hat, Einen Monat später folgte in
dem Zusammenbruch des Hatry- Konzerns in England ein
ähnlicher Fall, der in London ebenfalls schwere Kursrückgänge
hervorrief, und diese blieben nicht ohne Einwirkungen auf die
deutschen Börsen. Uebertriebene und irreführende Meldungen
über Brüsseler Bankschwierigkeiten wirkten ebenfalls auf die
unruhige deutsche Börse ein. Der Zusammenschluß der Deutschen
Bank mit der Disconto-Gesellschaft ließ eine sehr kurzlebige
bewegung in deren Aktien eintreten, im übrigen aber betrachtete
 man die Schaffung des Großbankriesen an der Börse mit
sehr gemischten Gefühlen. Verstimmt wurde die Börse besonders
 darüber, daß die Bankenverschmelzung ein weiteres
Zusammenschrumpfen der bisher von den einzelnen Instituten
erteilten Börsenaufträge befürchten ließ. Brachte doch der Zusammenschluß
 der Banken eine weitere Möglichkeit der Kompensierung
 der ihnen aus allen Teilen des Landes zuströmenden
 Börsenaufträge und damit einen fühlbaren Ausfall von Geschäfts-
 und Gewinnmöglichkeiten für Makler und Kommissionsfirmen,
 die ohnehin sehr beschränkte waren. Die Kurse gingen
weiter und schnell herunter, so daß sich, um weiteres Unheil
zu vermeiden, die Großbanken und zahlreiche andre Bankhäuser
gegen Ausgang September zu einem Stützungskonsortium
 zusammenfanden und gleichzeitig auch andre Maßnahmen
 für eine Börsensanierung in Erwägung zogen.

Neuyorker Krach

Inzwischen tauchten neue schwere Wolken am Börsenhorizont
auf, die von Neuyork heraufzogen. Dort hatten die gegen die
Hörsenspekulation schon seit Jahresfrist unternommenen Schritte
des Federal Reserve Board nur vorübergehend zu einem Kurseinbruch
 geführt. Die Haussewelle und der Spekulationstaumel,
 der das ganze Land erfaßt hatte, waren schnell darüber
hinweggegangen, und auch das neue Warnungszeichen, das in
Gestalt einer einprozentigen Diskonterhöhung aufgezogen wurde,
war ungesehen geblieben. Die Börsenkredite hatten eine schwindelnde
 Höhe erreicht.

9
        <pb n="43" />
        Börsenkredite in Neuyork.
in Mill. Dollars
Jan. Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez.
6. 9. 20. 3. 29. 27. 25. 28. 2%. 2 2. 2
1928 .— 3810 3835 3779. 3979 4466 4159 4184 4235. 4525 4569 5290 5091_
1929 _ 5330 5669 5793 5562 5288 5542 5908 6217 6761 6804 3450 3328
Die Spekulation ging weıter, obwohl bereits in verschiedenen
Teilen der amerikanischen Wirtschaft die Beschäftigung nachgelassen
 hatte; am 24. Oktober stürzte das Kursgebäude in einem
kisher unerhörten Börsenkrach zusammen. Durch sofortige Maßnahmen
 (Interventionen großen Stils, Steuersenkungen, große Auftäge
 usw.) gelang es zwar, den ersten Ansturm aufzufangen,
aber nach einigen Tagen erfolgten neue schwere Verkäufe, hervorgerufen
 durch Kreditkündigungen von seiten der Makler,
durch Zwangsglattstellungen usw. Wenn auch in Voralnung
der kommenden Ereignisse in Neuyork die Spekulation deutscher
Kreise nur gering war, so sind doch auch auf deutscher Seite
drüben Verluste entstanden, die hier wieder zu Effektenverkäufen
 des In- und Auslandes Anlaß gaben. In ziemlich großem
Umfange floß das im Ausland ungenügend placierte deutsche
Effektenmaterial nach Deutschland zurück und traf hier auf
eine völlig ermattete Börse. Auch das Stützungskonsortium
konnte sich dem Ansturm nicht ganz entgegenstemmen. Die
Wirkung des Neuyorker Kurszusammenbruchs auf Berlin wurde
nämlich noch verstärkt dadurch, daß als Folgen der Vorgänge
in Amerika auch die andern europäischen Hauptbörsen
 schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die zeitweilige
 Haussebewegung, die in Paris, Brüssel und Amsterdam
und aucn Anfang des Jahres noch in London festzustellen war,
hatte schon längst einer flauern Stimmung Platz gemacht, und
als nun auch hier größere Abgaben erfolgten, waren stärkere
Kursrückgänge unvermeidlich, die an verschiedenen Plätzen
ebenfalls zu Stützungsmaßnahmen geführt haben. Auch das
wirkte auf Berlin zurück.

Aktie‘ * By Anfang

Neuyork
1öchster
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Baltimore &amp;amp; Ohio
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Anaconda Copper =
(teneral Electric
General Motors! —
Royal Dutch ==North
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 8. Steel mann
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N 16.12,
117 117
200 7 194
7818 78
40] 41
3 54 52
65 9 93
150 168 166
96 35 43

1) Umtausch einer alten Aktie von 25$ in 2!% neue von 10$ im Januar. 2) Um-‚ausch
 einer alten Aktie ohne Nennwert in 5 neue olıne Nennwert im Februar,

18
        <pb n="44" />
        Indexzahlen der Aktienkurse
1924/26 — 100
Deutsches Frank- Groß- MNieder- Oester-Reich
 reich Britannien lande reich
Monats- Monats- Monats- Monats- Monats
lurchschn. ende mitte ende mitte

Schweiz

Taohscho- USA.
Slowakei
Monats- Monatsanfang
 durohschn,

Monats

ande

1928 Doz. 148,7
1929 Jan. 146,6
Febr. 141,7
März 141,2
April 141,1
Mai 135,4
Juni 138,7
Juli 135,7
Aug. 134,2
Sept. 132,4
Okt. 124,7
Nor. 119.8

225,9 124,6 121.6
254,0 128,3 125,0
256,3 127,2 127,3
250,2 126,5 127,3
242,3 125,2 122,8
239,5 123,5 120,5
229,7 123,9 119,9
232,5 127,2 119,9
234,3 129,0 120,5
242,3 129,8 118,2
228,7 126,2 113,7
215,6 125.8 d—

106,5
106,2
105,1
105,3
108,2
105,1
101,8
106,2
104,8
105,4
103,3
102.4

153,6 14228 217,5
153,4 1424 237,1
169,8 147,5 240,1
143,4 1491 241.1
138,5 146,0 238,5
1/36 140,9 244,0
143,7 1361 244,3
“3,3 136,8 266,3
„43,3 136,8 279,4
141,6 139,5 282,7
133,6 134,0 248,3
128.0 1253 1793

Die weitern Kurseinbußen in Berlin führten dann zu erheblichen
 Insolvenzen, von denen nunmehr auch Bankyzeschäfte
 größern und kleinern Umfangs ergriffen wurden.
Die Zahl der in den letzten Monaten zusammengebrochenen
Lankfirmen dürfte mit 50-60 nicht zu hoch gegriffen sein, und
vieles mag noch unter der Oberfläche bereinigt worden sein.
Die günstigen Wirkungen, die der Börsenkrach in
Amerika für die deutsche Wirtschaft und für die Beteiligung des
Auslands an deutschen Emissionen usw. haben kann, kamen
infolgedessen überhaupt nicht zur Wirkung. Die leichte Erholung,
 die um den Dezemberbeginn als Folge der Gelderleichterung
 an den deutschen Börsen sich anbahnte, ging in den Erörterungen
 über die Finanzmisere des Reichs, über das ungenügende
 Finanzprogramm und im weitern Verlauf über die Maßnahmen,
 die zur Gesundung der Kassenverhältnisse des Reichs
und der Städtefinanzen für notwendig gehalten wurden, wieder
verloren. An Enttäuschungen reich und an Hoffnungen
 arm, steht die Börse an der Schwelle des neuen
Jahres.

Notmaßnahmen

Die für die Sanierung und Gesundung des Börsengeschäfts
im Verlauf dieses Jahres getroffenen Maßnahmen haben kaum
atwas oder höchstens wenig genutzt. Für den geringen Geschäftsumfang,
 der aus der nachfolgenden Übersicht über die
Börsenumsatzsteuer und die bei den Großbanken in Anspruch
genommenen Reports und Lombards hervorgeht, bleibt der
Apparat trotz zahlreicher Abgänge immer noch weit übersetzt.
        <pb n="45" />
        Börsenumsatzsteuer
Jan. Febr. März jApril Mai Juni Juli
4,18 3,10 237 3,00 314 2,54 3,74

Aug. Sept. Okt. Nor,
2.16 1,82 2,26 2,83

Reports und Lombard
bei den Berliner Großbanken in Mill, RM,
Dez. Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt, Nov.
705 645 657 633 644 640 2638 657 643 571 535,7
Die im Frühjahr geschaffene Garantiekasse, die das
Ausscheiden von schwachen und zahlungsunfähigen Maklern
erleichtern sollte, hat eine durchgreifende Wirkung nicht erzielt
 und konnte das auch nicht. Die Anderung der
Liquidationskasse ist bisher nicht weiterverfolgt
worden. Die namentlich von der Danat-Bank vertretenen Vorschläge
 gingen, wie erinnerlich, dahin, daß an Stelle der
solidarischen Haftung aller Kassenmitglieder für die Erfüllung
der Börsentermmgeschäfte, die das Vorwärtfskommen von
tüchtigen Kräften an der Börse ausschließe, wieder der
Personalkredit als Grundlage für das Börsengeschäft gemacht
werden sollte. So sehr man solche Vorschläge unterstützen
kann, so war ihre Durchführung doch zur Zeit einer solchen
Vertrauenskrise kaum möglich. Eine sich auf der angegebenen
Linie bewegende Reform der Liquidationskasse, die sich in den
letzten Wochen wieder durchaus bewährt hat, würde die
Reinigungskrise an der Börse noch viel unheilvoller gestaltet
haben. Um den durch die Kursrückgänge schwer belasteten
Mitgliedern entgegenzukommen, hat die Liquidationskasse
wiederholt Erleichterungsinaßnahmen eintreten lassen, und
zwar durch Ermäßigung der Einschußverpflichtungen und Erhöhung
 der Freigrenze. Auch die Stützungsmaßnahmen
der Banken sind im großen und ganzen wirkungslos verpufft,
 haben aber sicherlich doch das Gute gehabt, daß sie
zahlreiche weitere Zusammenbrüche aufgehalten haben; denn
ohne Zweifel hätte das Ende September und Anfang Oktober
an den Markt kommende Material noch viel schlimmere Kursverwüstungen
 und im Verfolg davon weitere Zahlungseinstellungen,
 von der zeitweise selbst erste Börsenfirmen bedroht
schienen, hervorgerufen. Ihre Verhinderung ist sicherlich auch
für die Stützungsbanken von großem Wert gewesen. Allerdings
 sind sie nun mit einem zusätzlichen Betrag von Wertpapieren
 belastet, von denen sie noch nicht wissen, wie er
einmal abgestoßen werden kann, und der ihnen bisher nur
Verluste gebracht hat; denn nach der Intervention, die
schätzungsweise zirka 50 Mill. RM festgelegt hat, sind die
Kurse der aufgenommenen Werte weiter zurückgegangen.
Wenn die steuerlichen Voraussetzungen für deutsche Kapital-15
        <pb n="46" />
        anlagegesellschaften geschaffen sind — und man hofft, das
in Kürze zu erreichen —, so will man die Konsortialbestände
auf die Bank {für Industriewerte übertragen und diese zum
ersten deutschen Investmenttrust machen. Die von
einzelnen Kreisen erhobene Forderung auf Einführung
eines numerus cClausus an der Börse ist vom Börsenvorstand
 abgelehnt worden; er hätte auch die Abänderung des
Börsengesetzes bedingt. Die Wünsche auf Ermäßigung
der Börsenspesen blieben bisher ebenfalls unerfüllt.
Allerdings sah das Finanzprogramm der Reichsregierung eine
erhebliche Ermäßigung der Börsenumsatzsteuer vor, aber si?
bleibt zunächst nur eine Hoffnung, von der man nicht weiß,
wann und wie sie verwirklicht wird.
Kursstand der Aktien
Zahl in % der Gesamtzahl
Ende Dez. 1928 Ende Nov.1929 Ende Dez, 1928 Ende Nov. 1929
30 18,6
18,2
15,6
32,1
9,4
3,4
2,7

unter 50% me
von 50— 75%
von 75—100%
von 100—150°%
von 150--200°%
von 200 250% _
äber 295090 =

Sünden

Hätte es sich bei den Zusammenbrüchen um solche gehandelt,
die ihre Ursache lediglich in den geschäftlichen Verlusten und
Verhältnissen hatten, so hätte sich die Börse schneller damıt
abgefunden. Aber nichts war geeigneter, die Mißtrauenskrise,
die durch die zahlreichen Gvoßinsolvenzen verschärft wurde,
noch weiter zu vertiefen, als die Tatsache, daß die Prüfung
der einzelnen Fälle vielfach ein erschreckendes Sinken der
Geschäftsmoral offenbarte. Kundendepots waren angegriffen,
 Unterschlagungen aller Art keine Seltenheit, Bücherfälschungen
 vorgenommen. Korruptionsskandale großen Stils
und Betrügereien hier und da, und zwar in kaufmännischen
Kreisen, die man bisher für durchaus ehrenhaft halten mußte,
wurden an vielen Stellen festgestellt. Glücklicherweise kann
man die bisher beobachteten Fällas nicht verallgemeinern,
 aber ihre Häufung hat unselige Wirkungen gehabt.
 Auch die Tatsache, daß zusammenbrechende Firmen, die
man bisher von einem finanzstarken Konzern patronisiert
glaubte, später einfach fallengelassen wurden, hat mit dazu
beigetragen, daß man sich von der deutschen Aktie immer
mehr abwandte. Die allgemeine Verstimmung hat einen weitern

{2
        <pb n="47" />
        Stoß dadurch erlitten, daß man sehr oft die Rechte des
Aktionärs, also jener Schichten, die für die Placierung von
Aktienausgaben usw doch noch unentbehrlich sind, nicht genügend
 beachtet hat, sei es durch unzureichende Ausschüttungen,
 ungenügende Publizität, schlechte Kurspflege, zunehmende
 Verschachtelung usw.

2%
505“

\ Ver. Glanzstoff

5007 -

450

LO0

350

300

1501—

A

A
Siemens
\.

Reichsbank

36. Farben

300

150

Montan -Hktien
la —
M m „T

100

3 3 5
19729 R

18)

ch un
Pl DD

Die Wirkungen auf die Kurse sind, wie die Kurven zeigen,
recht verheerend gewesen. Besonders in Mitleidenschaft gezogen
 waren natürlich die Aktien, die in den letzten Jahren
im’ Mittelpunkt sowohl der in- wie der ausländischen
Spekulation gestanden haben, also Reichsbankanteile, Siemens-Aktien,
 Glanzstoff u. a. Bei den Kunstseidewerten kommen
in dem Kursrückgang nicht nur die allgemein im Vorhergehenden
 geschilderten Verhältnisse zum Ausdruck, . sondern
auch die verschlechterten Verhältnisse in der Kunstseideindustrie,
 die durch die fortwährende Neuverschachtelung immer
unübersichtlicher werdende Lage des Glanzstoff-Konzerns, die
schließlich zu einem besonders großen Mißtrauen auf diesem
Gebiet geführt hat. Als ruhender Pol in der Erscheinungen
        <pb n="48" />
        Flucht des vergangenen Jahres haben sich die Montanaktien
 erwiesen. Sie haben ihren Kursstand dank einer
verhältnismäßig günstigen Konjunktur, dank der allmählich zur
Auswirkung kommenden Rationalisierung und dank auch
leichter Dividendenerhöhungen sehr gut aufrecht erhalten
können.

Und was wird?

Ohne große Hoffnungen geht die Börse ins neue Jahr. Einstweilen
 sind die Wunden, die das vergangene Jahr geschlagen
hat, noch zu offen, als daß sie schnell heilen könnten. Dis
Börse selbst ist verarmt, ein großer Teil der Makler verschuldet
und auf den Tagesverdienst angewiesen. Weite Teile des
effektenbesitzenden Publikums haben große Verluste erlitten
und können einfach nicht mehr mitmachen. Die Kapitalbildung
ist, wie wir an andrer Stelle ausgeführt haben, noch nicht so
weit, als daß aus ihr eine neue Belebung des Effektenmarkts
erwartet werden könnte. Ein durchaus unsicheres Wirtschaftsjahr
 mit Einsparungen an allen Ecken und Enden steht vor der
yür. Eine schwierige Haag-Konferenz ist zu erwarten. Das
alles verheißt keine rosigen Aussichten, und doch braucht
die Börsenichtalle Hoffnung fahren zu lassen.
Die Reinigung ist bereits sehr weitgehend, die Engagements
außerordentlich klein, die Kurse im allgemeinen niedrig, die
Rendite der Aktien teilweise so, daß sie bereits weitgehend
mit den festverzinslichen Werten in Wettbewerb treten kann
und bedeutend höher ist als an ausländischen Börsenplätzen.
Den Großspekulanten und Paketkäufern ist im Laufe des Jahres
der Atem ausgegangen. Sie sind aus dem Börsenspiel zunächst
jedenfalls ausgeschieden. Die Interventionsware dürfte, wie
erwähnt, fest verankert werden. Haben uns auch die letzten
Wochen die Finanzmißwirtschaft von Kommunen und Ländern
aufs neue vor Augen geführt, so ist doch begründete Hoffnung
vorhanden, daß mit den neuen Maßnahmen der Mißwirtschaft
endgültig ein Ende gemacht wird und daß wir gesündern Verhältnissen
 in den öffentlichen Haushalten entgegengehen Man
sieht jedenfalls den Willen zur Besserung. Die bei Gelegenheit
 schon genügend kritisierten Vorgänge auf einzelnen
Märkten (Glanzstoff, BMW. usw.) dürften die in Frage
kommenden Verwaltungskreise die pfleglichere Behandlung
der Aktionäre zur Pflicht machen. Begründete Hoffnung ist
außerdem vorhanden, daß nach Abschluß der Young-Konferenz,
die uns allerdings höchstwahrscheinlich noch vor neus
Schwierigkeiten stellen wird, auch das ausländische
        <pb n="49" />
        Kapital der deutschen Wirtschaft in stärkerm Umfange,
 als das im verflossenen Jahre der Fall war, wieder zur
Verfügung steht. Der schwärzeste Pessimismus kann auch
Dicht an der Tatsache vorbeigehen, daß, wie wir im einzelnen
bereits in andern Artikeln. dargelegt haben, sich verschiedene
Industriezweige trotz der zurückgehenden Konjunktur auf
großer Produktionshöhe gehalten haben und ihre Erträgnisse
sehr erheblich zu steigern in der Lage waren. Wann sich allerdings
 diese günstigen Umstände an der Börse auswirken
werden, das ist eine Frage, die sich nicht beantworten läßt.

SEESCHIFFAHRT UND SCHIFFBAU
Ein Übergangsjahr für die Schiffahrt
Ein Notjahr für den Schiffbau

co Hamburg, 3. Januar
In ruhigern Bahnen

Nach der sprunghaften Geschäftsausdehnung in den Vorjahren
 stand das abgelaufene Jahr für die deutsche Ueberseeschiffahrt
 im Zeichen einer erheblich ruhigern Entwicklung. Abgesehen
 von dem Auftrag der Hapag auf Umbau ihrer vier
Dampfer der Ballinklasse und auf Neubau von acht schnellen
Frachtschiffen wurden keine großenNeubestellungen
vergeben. Das Wiederaufbauprogramm der Reedereien
ist vorläufig abgeschlossen; soweit Bestellungen gemacht
wurden, handelte es sich größtenteils um Einzelaufträge zum
Ausgleich gewisser Unebenheiten. Ein stärkerer Flottenausbau
kam für die beiden Großreedereien schon deshalb nicht ın Betracht,
 weil sich erst im laufenden Jahr die Ablieferungen aus
frühern Bestellungen des alten Flottenprogramms auswirken
werden. Darüber hinaus geboten aber auch die ang espannten
 Finanzen und die ungeklärte Geschäftslage
größere Zurückhaltung.
Für die deutschen Reedereien war 1929 in erster Linie ein Jahr
ruhiger Uebergangsarbeit, Es galt, die Betriebe nach der sehr
expansiven Entwicklung der Vorjahre zu festern Verhältnissen
hinüberzuleiten, Reibungen in den Organisationen auszuschalten
und durch planmäßige Betriebsgestaltung wirtschaftlichere Ergebnisse
 zu erzielen. In diesem Zusammenhang spielt natürlich
auch das Verhältnis zwischen den beiden wich-;-tigsten
 Gesellschaften, der Hamburg-Amerika-Linie
und dem Norddeutschen Lloyd, eine bedeutende Rolle. Im abge-‘Q
        <pb n="50" />
        laufenen Jahr hat man diese Frage, wenn man. von den Erklärungen
 der Leiter der beiden Gesellschaften nach ihrer Rückkehr
 aus Amerika absieht, offiziell nicht angeschnitten. Unter der
Hand hat man sich dagegen mit diesen Dingen beschäftigt, ohne
sie jedoch. wesentlich zu klären... Die Ansichten über die zu
ergreifenden Schritte gehen auseinander, und während man auf
der einen Seite nur eine lose Verständigung für. wünschenswert
 hält, glauben andre Kreise, daß ein scharfer Wettbewerb
 nur durch ‚eine Einigung auszuschalten sei, die zwar
nicht in der Form, aber doch in ihrer Wirkung. einer Vers
schmelzung sehr nahekommt. Wir möchten uns im Rahmen
dieser Ausführungen darauf beschränken, unsre bei andern Gelegenheiten
 eingehender begründete Ansicht zu dieser wichligen
 Frage zu wiederholen, daß Deutschland nicht reich genug
ist, um ‘sich den Luxus eines hemmungslosen Wettbewerbs
zwischen den beiden Großreedereien, leisten zu können, daß seine
Bedeutung ihm jedoch gestattet, am Welthandel und Weltverkohr
durch. zwei. Großreedereien beteiligt zu bleiben, die bei
Ausschaltung aller überflüssigen. Reibungen ihre volle Selbständige
 keit behalten.

Befriedigendes Fahrgastgeschäft
Das Passagegeschäft war für‘ die deutschen Reedereien
mengenmäßig und im Ertrag nicht ungünstig. Sowohl die
Hapag wie der Norddeutsche Lloyd haben laut nachstehender
Aufstellung die Zahl der von ihnen beförderten Personen erheblich
 steigern können.

Beförderung insgesamt Nordatlantikverkehr
0 1929 1928 „1929 1928
Lioyd 1°. 0... 190000 174686 103500 92338
Hapag v7. 0... 144000 130 000 77000 74696
Die Zahlen für 1929 beruhen auf Schätzungen, die‘ Abweichungen
 gegenüber den endgültigen Feststellungen dürften
jedoch kaum von Belang sein. Ein Ueberblick über die Entwicklung
 des Weltpersonenverkehrs ist leider noch nicht möglich,
 die Zahlen für die wichtigste Verkehrsstrecke, für den Nordailantik,
 liegen jedoch bereits vor. Ilier wurden 1928 insgesamt
1.061000 Personen befördert, 1929 wurden dagegen bis zum
14, Dezember nur 1057 000 Reisende gezählt. Danach scheint es
also zweifelhaft, ob die für das abgelaufene Jahr angenommene
Verkehrssteigerung von 1,9% erreicht wird, denn die ungünstigen
wirtschaftlichen Verhältnisse haben gerade in den letzten Monaten
 dem Reiseverkehr erheblich Abbruch getan. Dem:
gegenüber haben die beiden deutschen Gesellschaften ihren Ge

“A
        <pb n="51" />
        schäftsanteil an diesem wichtigen Verkehr. nicht unerheb:
lich vergrößern können . Die Beförderungszahlen: bei Hapag
und Lloyd .lassen sich jedoch .nicht ohhe weiteres’ vergleichen.
Der Norddeutsche Lloyd, dessen Schwergewicht schon. von jeher
im Passagegeschäft lag, hat mit der Indienststellung der
Eremen eine außerordentlich zugkräftige Werbung erzielt, die
sich natürlich stärker auswirkte, als sich rein rechnungsmäßig
aus den größern Beförderungsmöglichkeiten der Bremen gegenüber
 dem;aus dem Verkehr. gezogenen Columbus ergibt. . Auf
der andern Seite. wurde das. Passagiergeschäft der Hapag da;
durch beeinträchtigt, daß ihre vier Ballindampfer in den letzten
Monaten zum Einbau stärkerer Maschinenanlagen. aus’dem Ver:
kehr gezogen werden mußten. .
Die mengenmäßig befriedigende Entwicklung des Personen:
verkehrs ‚hat jedoch nicht. in allen Fällen eine entsprechende
Ertragssteigerung gebracht, da namentlich im nordatlantischen
Geschäft gewisse Strukturänderungen das Ergebnis be:
einträchtigt haben. Es ist nämlich eine merkliche Abwande:
rung von der Il. Klasse zur billigern UI Kajüte für Touristen
eingetreten, auf die darüber hinaus auch der, größte Teil der
Mehrveförderung entfällt. Wir möchten jedoch annehmen, daß
man es hier mit Uebergangserscheinungen zu tun
hat, die noch keine unbedingten Rückschlüsse auf eine künf-;
tige Beeinträchtigung des Fahrgastgeschäfts notwendig machen,
Die Einrichtung des Touristenverkehrs ist noch ziemlich jung und
in seinen Geschäftsmöglichkeiten noch nicht an;
nähernd erschöpft. ‚Die Verkürzung der Reisezeit und die
verhältnismäßig billigen Beförderungsmöglichkeiten für Touristen
haben ganz neue Schichten für diesen Verkehr geworben,
Ubwohl diese Werbung noch in den Anfängen steckt, kann man
nach den jetzigen Erfahrungen bereits damit rechnen, daß sich
die regelmäßigen Ueberfahrten amerikanischer und deutscher
Studenten ebenso einbürgern werden. wie die Besuchsreisen von
Vereinigungen und die Studienfahrten gewisser Fachgruppen.
Für die beiden deutschen Großreedereien sind gerade diese Möglichkeiten,
 die noch im Touristengeschäft liegen, von besonderer
Bedeutung, denn. sie können einen gewissen Ausgleich für
den Geschäftsausfall bringen, der sich aus der Herabretzung
 der deutschen Auswanderungsquote. nach
den Vereinigten Staaten von 51227 auf 29957 Personen ergibt.
Wenn aber die Touristenklasse erst in stärkerm Umfang bei den
Reisenden benutzt wird, für die diese Einrichtung gedacht ist;
wird zweifellos eine Rückwanderung zur Il. Klasse einsetzen, die
eben doch fur eine andre Gesellschaftsschicht in Frage kommt,
Die Inanspruchnahme der 11. Klasse ist 1929 ziemlich un ver:

27
        <pb n="52" />
        ändert geblieben, ebenso wie das für den Ertrag besonders
wichtige 1L-Klassegeschäft. Wie die Ergebnisse der
Bremen zeigen, dürfte die Benutzung der I. Klasse solange gesichert
 sein, wie diese Klasse den höchsten Luxusansprüchen gerecht
 wird.

Unbefriedigendes Frachtgeschäft

Im Gegensatz zum Personengeschäft war die Entwicklung
der Güterbeförderung rückläufig. Die verschiedenen krisenhaften
 Erscheinungen in der Weltwirtschaft haben den regelmäßigen
 Warenaustausch erheblich gestört. Während zum Beispiel
 die Ausfuhr Deutschlands in der größern Zeit des Jahres
immer noch befriedigen konnte, machte sich schon ziemlich Irüh
ein Rückgang der Gütereinfuhr bemerkbar. Unter dieser
Entwicklung hatte namentlich das Geschäft in hochwertigern
Waren zu leiden, die in immer geringerm Umfang zur Verladung
kamen. Von weittragender Bedeutung für die Gestaltung des
Frachtgeschäfts war der Zusammenbruch der Getreidefrachten.
 Nachdem im Juli festgestellt worden war,
daß die europäischen Getreideernten einen Verzicht auf größere
überseeische Einfuhr ermöglichen würden, gingen die Frachtsatze
 unaufhaltsam zurück, Namentlich der La Plata lag
außerordentlich danieder, und der etwas höhere Personenverkehr
 mit Südamerika dürfte bei weitem nicht hinreichen, um
den Minderertrag im Frachtgeschäft auszugleichen. Die Getreidefrachten,
 die bis zur Mitte des Jahres noch bei 25s lagen, gingen
sprunghaft zurück und erreichten Ende Oktober den nied rigsten
 Stand von 11-12s, Das Weizengeschäft von Nordamerika
 ruhte fast vollkommen. Die Raten von Montreal
zu den Nordseehäfen gingen von 16s auf 12:13s zurück, es
wurden aber nur vereinzelte Verladungen bekannt. Bei der
großen Bedeutung, die gerade die Getreideverschiffungen haben,
mußte sich der Zusammenbruch dieses Geschäfts auch auf
andern Gebieten auswirken Die unbeschäftigte Tonnage drang
zunächst in das Salpetergeschäft ein und drückte die
Raten von Chile nach den Nordseehäfen von 28s auf 16-178
herab.
Diese unerfreuliche Entwicklung beeinträchtigte natürlich in
erster Linie die Lage der Trampreedereien, die auf volle
Ladungen angewiesen sind, während in der Linienfahrt
Teilladungen eine größere Rolle spielen und die Frachtsätze zudem
 noch häufig durch Kontrakte festgelegt sind. Den auf festen
Strecken fahrenden Reedereien bietet sich zudem noch ein ge:
wisser Ausgleich im Durchladegeschäft, das für die freie Fahrt

zo
        <pb n="53" />
        nicht in Frage kommt. Das Schwergewicht der deutschen Trampschiffahrt
 liegt allerdings im Nord-Ostseegeschäft, das
während der größern Zeit des Jahres infolge der guten Holzfrachten
 recht einkömmlich war. Dagegen haben die
nach dem La Plata fahrenden Trampreedereien erhebliche V erluste
 erlitten, denn die Erhöhung der Kohlenfrachten von England
 machte den Ausfall nicht wett, der durch die Heimfahrt in
Ballast entstand.

Störungen

Die Zusammenschlüsse von Erzeugergruppen wirkten sich in
gewissem Sinn ungünstig im Frachtgeschäft aus. Dem Großverlader
 gegenüber zeigen die Reedereien größeres Entgegenkommen,
 wobei gelegentlich der Grundsatz der Konferenzen, in
allen Fällen an den verabredeten Raten festzuhalten, leidet.
Aber auch im heimkehrenden kartellfreien Geschäft zeigen sich
gewisse bedrohliche Ansätze. So hat der Zusammen-Schluß
 in der chilenischen Salpetererzeugung die Stellung der
Erzeuger so weit gefestigt, daß sie einen EinIluß auf die
Frachtsätze ausüben können. In der afrikanischen Palmkernausfuhr
 tritt diese Entwicklung noch schärfer zutage:
Hier ist den deutschen Gesellschaften und den andern Mit»
gliedern der Konferenz das Geschäft dadurch gestört, daß
zwischen der Margarine Unie als Großverbraucher und der
bedeutendsten afrikanischen Handelsgesellschaft ein Abkommen
über die Palmkernausbeute. zustande gekommen ist. Diese
Gruppe hat versucht, den Konferenzreedereien Frachtbedingungen
vorzuschreiben und hat nach Ablehnung durch die Konferenz
mit eignen und gecharterten Dampfern die Palmkernbeförderung
in eigne Regie genommen. Zunächst handelt es sich bei diesen
Fallen nur um lokale Störungen, immerhin lassen sich gewisse
 Tendenzen erkennen, deren Auswirkungen einmal gefährlich
 werden könnten.
Bedenklicher sind die zurzeit wieder sehr starken Bestrebungen
 protektionistischer Art. Die deutschen Gesellschaften
 haben bereits das Geschäft von Nordamerika zum
Mittelmeer und nach Skandinavien an die dort ansässigen
Reedereien verloren. Namentlich die Entwicklung der italienischen
 Schiffahrt zeigt den starken Erfolg des planmäßigen
nationalen Schiffahrts-Protektionismus. Mit großem Ernst
müssen besonders die amerikanischen Bestrebungen verfolgt
werden, die unter der Losung „Amerikanische Güter und amerikanische
 Reisende auf amerikanischen Schiffen“ angesichts der
psychologisch günstigen Voraussetzungen zur Vergröße:

vr
„3
        <pb n="54" />
        rung deramerikanischenHandels{lotte:und damit
zu Störungen in der an sich schon raummäßig überseizten
Weltschiffahrt führen dürften, - Die Subventionierungen der
Schiffahrt in sehr vielen Ländern kann und. will Deutschland
nicht mit ähnlichen: Maßnahmen beantworten. Es ist aber verständlich,
 ‘wenn: die Reeder, deren Geschäft auf dem deutschen
Handel -beruht; immer wieder auf die. Notwendigkeit hinweisen,
daß die Verlader stärker, als es bis jetzt der Fall:ist, die einheimische
 Schiffahrt berücksichtigen. Ueber den Rhein geht
bereits eine erhebliche Gütermenge aus Deutschland in die
holländischen und belgischen Seehäfen. Um so stärker sollte aber
die deutsche Binnenwirtschaft darauf bedacht sein,
die. Waren, die aus ‚der. geographisch bedingten Kalkulation
nicht notwendigerweise über das Ausland gehen müssen, der
deutschen Schiffahrt zu erhalten. Wenn es den
großen deutschen. Gesellschaften ‚auch trotz widriger Zustände,
{Brand der Europa, Ausbleiben .der ‚amerikanischen , Freigabegelder)
 und trotz gewisser krisenmäßigen Hemmungen ‚im: Weltverkehr.
 1929 gelungen.sein mag, ähnliche Einnahmen
wie im: Vorjahr zu erzielen, ‘so ist zu bedenken, daß sich die
Auswirkungen der hier:angedeuteten Störungsquellen erst in den
kommenden Jahren bemerkbar machen werden. .
Notleidender Schiffbau
Die Notlage: der. deutschen Werftindustrie mußte sich. 1929 in»
folge der ungewöhnlich geringen Neubauaufträge der deutschen
Reeder weiter verschärfen. Der Auftragsbestand ist
ungewöhnlich niedrig. und stellte sich am Schluß des dritten
Vierteljahres auf rund 235 000 B.-R.-T. gegen 423 000 B.-R.-T. am
80. September 1928 und 516 000 B.-R.-T. am 30. September 1927,
Die absinkende ‚Beschäftigungskurve ‚im deutschen Schiffbau
entspricht nicht den Weltauftragsbeständen der Werft:
industrie. ‘Diese liegen ebenso wie die Aufträge in den wichtigsten
 Ländern erheblich höher als im ‚Vorjahr. . Wohl sind die
Preise infolge der allgemeinen Uebersetzung der Industrie überall
gedrückt, in Deutschland: tritt die Krise jeduch, in. besonders
scharfer Form zutage. Die deutsche Leistungslähigkeit liegt bei
ungefähr 750 000 B.-R.-T.,:sie war also Ende eptember noch nicht
einmal zum dritten Teil. ausgenutzt. Infolgedessen sind die
Freise auf. den. deutschen Seeschiffswerften besonders gedrückt,
sie sind. zum Teil so knapp kalkuliert, daß Veränderungen der
Materialkosten oder der Löhne zu Verlustkontrakten führen. Im
November, der erfahrungsgemäß einer der besten Aultragsmonate
 ist, hat der deutsche Schiffbau ‚annähernd: 58 000t Neubauaufträge
 ‚erhalten, die bezeichnenderweise, . abyesehen von
        <pb n="55" />
        einigen kleinen Fahrzeugen, sämtlichaus.dem Ausland
stammen. So notwendig ausländische.Aufträge für den deutschen
Schiffbau sind, so wird man sie doch zum. Teil mit gemischten:
Gefühlen betrachten. Die Mehrzahl der deutschen. Werften kann
nicht die günstigen Zahlungsbedingungen gewähren, wie sie. im
Ausland üblich. sind. ‚Wenn sie. von. dort Aufträge: erhalten; so
sind gelegentlich ‚gewisse Spezialaufgaben oder: die besondere
Leistungsfähigkeit ‚der Werften maßgebend, in ‚der Mehrzahl
werden‘ jedoch die billigern Preise ausschlaggebend ‚gewesen
 sein. Die deutschen Gesellschaften haben aber:schon
manchmal derartige Aufträge recht teuer bezahlen müssen;
und. auch jetzt hören. wir wieder von einer Werft, daß sie verschiedene
 ..der anderweitig ‚vergebenen Bestellungen: abgelehnt
hat, weil: sie. nach ihren Berechnungen Verlustebringen.
Das Ausbesserungsgeschäft war. nicht einheitlich,. es
war jedoch überwiegend befriedigend. Trotzdem: gibt es.
zu. denken, wenn. die größte und leistungsfähigste Werft für das.
am 30. ‚Juni abgelaufene. Geschäftsjahr nur. dadurch. die ‚frühere
Dividende von 2% und 5% aufrechterhalten konnte, daß: sie:
400 000 RM den Rücklagen für laufende Aufträge.entnahm. .:
Der deutsche Schiffbau leidet‘. zudem. unter der: starken
Zersplitterung. :Ohne vom .Zusammenschluß in.‘ allen
Fällen. die ‚alleinige Lösung: einer. Krise zu erwarten und ohne
die Schwierigkeiten zu unterstützen, die gerade im Schiffbau
angesichts der mangelnden Homogenität der einzelnen Betriebe
sehr stark sind,:wäre doch eine stärkere Verbindung. notwendig.
Erst wenn sich die ‚kaufmännische  Ueberlegung im deutschen
Schiffbau so ‚weit durchsetzt,, daß die Notwendigkeit
einesgemeinsamen Handelns erkannt wird, mag ‚eine
Gesundung..der Industrie möglich .sein. Solange jedoch die Zersplitterung
 alle Sanierungsbestrebungen verhindert, wird: die
Krise im deutschen Schiffbau.andauern, auch
wenn sie vorübergehend infolge besserer Beschäftigung nicht.
so- stark in Erscheinung tritt‘ wie gerade jetzt.
DIE VERFLECHTUNG
MIT DEN WELTWARENMÄARKTEN
Der andre preisbildende Faktor: Die Nachfrage,
* Köln, 31. Dezember .
Einkaufspolitik in Baissezeiten -.
Im vergangenen. Jahr hat auf den meisten Warenmärkten das
Naturgesetz von Angebot und Nachfrage unverkennbar z u g unstendes
 Verbrauchs entschieden; die P reise verfolgten
im Hauptzuge rückläufigeBewegung. Künstliche

Sa
        <pb n="56" />
        Eingriffe in den natürlichen Verlauf der Dinge, welche die Regierungen
 in vielen Ländern vornahmen, zeitigten bisher durchaus
 nicht immer Ergebnisse, und wenn Erfolge wirklich in die
Erscheinung traten, ließ ihr Ausmaß vielfach noch Wünsche
offen. Kriolg hatte z. B. das Beimahlungsgesetz für deutschen
Weizen, das aber auch die Nachfrage un mıttelbar zum Eingreifen
 und so zu höhern Preisen zwang. Auch Haussebestrebungen,
 die von Kartellen oder kartellfreundlichen Gruppen ausgingen,
 waren schließlich alle zur Unwirksamkeit verurleilt, und
das Zinkkartell ging darüber in die Brüche, daß es in seiner
gegenwärtigen Form die Dinge nicht meistern konnte. In ihren
Grundzügen wurde im abgelaufenen Jahre naturgemäß die Nach-[rage
 bestimmt durch die Ungunst der allgemeinen wirtschaftlichen
 Verhältnisse, die ihr mit Nachdruck die Grenze nach oben
zog. Aber die Kaufenthaltung ging bisweilen so weit, daß man
sie mit der ungünstigen Wirtschaftslage allein nicht mehr zu erklären
 vermag, und auf einzelnen Marktgebieien hatie es zeitweilig
 den Anschein, als streike der Verbrauch wie auf Verabredung,
 obgleich ja tatsächlich von einem solchen Streik
überhaupt keine Rede sein kann, und sicherlich nicht mit einem
urganisierten. Diese ablehnende Haltung zeigte sich sogar auf
Marktgebieten, bei denen es kaum angängig ist, in dem Maße
von einem Versagen des Verbrauchs in letzter Hand zu sprechen,
wie es nach der Verödung des Marktes der Fall zu sein schien.
Es handelte sich nämlich dabei zum Teil um notwendige Bedarfsgüter,
 wie z. B. Fette und Oele, in welchen der tatsächliche Verbrauch
 im großen und ganzen ruhig seinen Weg weitergeht, wenn
Arıch vielleicht gelegentliche Abstriche infolge der Wirtschaftslage
gemacht werden müssen. Der Verbrauch fühlte sich eben unter
den gegebenen Verhältnissen in der Macht und verstand es, wie
immer in Zeiten wirtschaftlicher Bedrängnis, durch ‚geschicktes
Vorgehen beim Einkauf die Lage noch besonders für sich auszunutzen,

Die Wege, welche die Käufer dabei einschlugen, waren zwar
verschieden, aber alle waren sie recht zielstrebig und hatten
auch durchweg Erfolg. Wie immer bei rückläufigen Märkten
wich die Nachfrage vielfach vor dem sich ihr nähernden
Angebot zurück und zermürbte so dıe Verkäufer.
Dies war aus wohl leicht verständlichen Gründen die am
meisten geübte Taktik, und sie gelang auf nicht wenigen Marktgebieten
 über Erwarten gut. In andern Fällen erschütterte die
nit dem Verbrauch bei flauen Märkten einiggehende Baisse-Spekulation
 durch Vorgabe von Lieferungsware oder
Terminen das Vertrauen in dıe Preislage, was sich
dann auch bei effektiver Ware im Preise auswirkte. Dabei

+5
        <pb n="57" />
        verfügen ja gerade die großen Stapelwaren über die sehr
beweglichen Terminmärkte. Ferner hatte der Verbrauch noch
dadurch Erfolge, daß er einen teuern Rohs1ioff durch
einen billigern ersetzte. Zur Zeit der höchsten Flachsteurung
 verarbeiteten z. B. die Flachsspinner zum Teil auch
Hanf. Aber auch den umgekehrten Weg schlägt der Verbrauch
 ebenso willfährig. ein, wenn der Werkstoff wieder preiswert
 geworden ist und die Qualität der fertigen Ware durch
seine Verwendung im Verhältnis‘ zu den Aufwendungen für
den verarbeiteten Rohstoff wesentlich verbessert wird. So ist
z. B. in den Mischgeweben der Anteil von Wolle, Seide und
l’lachs größer, wenn diese Rohstoffe preiswert sind, als wenn
sie teuer sind. Schließlich sei noch eine Art der Kaufenthaltung
 erwähnt, die sich auf verschiedenen Gebieten gerade
in Deutschland, aber auch in andern Ländern, besonders breitmacht:
 Der Uebergang vonder Vorratswirtschaft
zur fast reinen Bedarfswirtschaft, im Grunde
genommen die Folge von Kapitalarmut und teurem Leihgeld,
Diese Bedarfswirtschaft wirkt sich naturgemäß im Rückstoß
durch entsprechendes Disponieren auf allen Stufen bis auf die
Rohstoffmärkte aus. Eingang hat bei uns die Bedarfswirtschait
vor allem im Verteilungsprozeß für Webwaren gefunden, bei
denen die Industrie in hohem Grade der Lagerhalter geworden
ist. Aber auch die. Leder- und Holzwirtschaft lassen bei uns
zum Nachteil von Häuten und Rundholz die neues Art der
Disposition stärker hervortreten. Uebrigens ist der Einkauf von
der Hand in den Mund, wie die Bedariswirtschaft schlagwortartig
 genannt wird, ein recht zweischneidiges Schwert, das
sich bei plötzlich aufspringender starker Nachfrage gegen den
Verbrauch selbst wendet. Das Gute an ihr ist hinwiederum, daß
Jladurch geschäftliche Katastrophen in der Zwisehenhand
leichter vermieden werden, und daß sie dafür sorgt, daß der
Zustrom von kleinern Aufträgen, wie sie der täglıche Bedarf
gebiert, sozusagen nicht abreißt. Wie wir in folgendem .bei
den einzelnen Warengebieten sehen werden, war der CGüteraustausch
 im abgelaufenen Jahr zum Teil noch durch die:
besondere Einkaufspolitik des Verbrauchs belastet, welche die
ganze Schwere der Zeit noch um einige Schattierungen düsterer
in der Preisentwicklung auf den großen Märkten hervortreten ließ.
Weltwirtschaftlich gesehen, steht Europa, das von der
Getreideausfuhr der Welt den Löwenanteil — von Weizen z. B.
‘ss — aufnimmt, vor allem Amerika als Käufer gegenüber. .In
diesem Jahre ist aber diese seine Stellung besser als in den
letzten Jahren, da es recht gute Ernten eingebracht hat und
deshalb hinsichtlich seiner Versorgung mit

57
        <pb n="58" />
        Getreide

„MM

# 4
unabhängiger von, Amerika ist. ‚Die Gunst der Verhältnisse’
gestattete. ihm z. B., mit dem Einkauf :von nicht: europäischem'
Weizen bisher stärker als sonst‘ zuzuwarten. Anderseits. 14B8t:
die durch das zurückhaltende  Disponieren Europas hervot-:
gerufene. Minderausfuhr. drüben keine: durch.
greifende Erholung der Preise aufkommen. Es
berechnet sich. im laufenden Erntejahr der europäische Zufuhr-:
bedarf, an. Weizen nur auf.14,67 Mill. Tonnen oder rund: 3,68:
Mill. (20%) niedriger als im. Vorjahr. Deutlich tritt dieses
Weniger in die: Erscheinung in den. seit 1. August verschifften
Mengen. und in den schwimmenden Weizenladungen, die: beide
scharf ‚gegen das: Vorjahr abfallen. Diese ausgesprochene Kin-.
schränkung. der europäischen: Nachfrage: bildet‘ neben : dem:
Druck der aus dem. Vorjahr übernommenen Riesenvorräte ein
wirksames. Gegengewicht gegen das Haussemoment, das in den
schlechten Erträgen an: Frühjahrsweizen in ganz Nordamerika
zu: erblicken ist. Amtlich werden nämlich.die Frühjahrsweizenernten
 in Kanada und in der Union wie folgt veranschlagt:
1929 1928 1927 1926 1925 1924 1928 1922 .
Kanada . .'294' 567. 480 405 411, 262 474 400
Ver.Staaten 228 323 .‘825..° 204 275 272 225 280
522 890 805, 609 686 584 699 680 * “
Diese. Mindererträge werden . allerdings, ‚wie bereits angedeutet,
 durch die großen sichtbaren Bestände zu Anfang Juli
bıs zu 58% wieder ausgeglichen: Diese Bestände umfaßten
nämlich in Millionen Bushels nach Bradstreet in ganz Nordamerika:


1929 1928. 1927 1926 1925 19%
213.9 1414 748 564 659 787

„Vielleicht überspamnnt Europa in seiner gegenwärtigen
Versorgungspolitik mit nichteuropäischem Weizen den Bogen
etwas: und denkt, zu. wenig an die Zukunft.: Sicherlich spielt
aber auch.die Geldknappheit in Europa eine Rolle, welche
die Finanzierung von Käufen. auf spätere Abladung
erschwert. Vermutlich ist. damıt. zu rechnen, daß später, im
Rest des Erntejahres, die Ausfuhransprüche um so stärker an
Amerika ‚herantreten werden. Das gilt sicherlich für Deutschland,
 Die deutsche Weizenernte wird stets so. gut wie ganz
im Lande verbraucht, allerdings. verteilte sich bisher dieser
Verbrauch über. das ganze Erntejahr hin. Infolge der jeizigen
Zwangsvermahlung drängt sich jedoch sein‘. Verbrauch auf
einige Monate zusammen, Das Beimahlungsgesetz

38
        <pb n="59" />
        hilft zwar auf- diese Weise der deutschen
Landwirtschaft, wirkt sich aber vermutlich
ungünstig auf die deutsche Volkswirtschaft
aus; denn in den Monaten, in denen der Weizen am Weltmarkt
voraussichtlich teurer sein wird, sind wir gezwungen, den teuern‘'
Auslandweizen hereinzunehmen. Daß der Auslandweizen teurer‘
wird, dafür bestehen aber sehr begründete Vermutungen: Die
Welternte ist viel kleiner; namentlich‘ da ja‘ auch die
La-Plata-Länder - eine: starke Beeinträchtigung ‘ihrer ‚Ernte
erfahren werden: Und schließlich ist ja auch damit zu rechnen,
daß das Farmerhilfsgesetz in USA. noch seine
Schuldigkeit tut, wenn einmal die Organisation besser ausgebaut
 ist. Auch. die Marktmeinung geht nach dieser
Richtung; denn. Juli-Sicht hat gegen Dezember in Chikago ein
hohes Aufgeld. . .
In noch höherm Grade als bei Weizen ist diesmal Europa
in seiner Maisversorgung unabhängig von Amerika,
namentlich vom ‚La Plata. Es wird deshalb bei der Preisbildung
bestimmend mitwirken, und zwar dank den reichen. Ernten
der Donauländer, vor ‚allem Rumäniens. ‚Diese Verhältnisse
kommen dem diesseitigen Maisverbrauch sehr zustatten, da die
Maisernte in der Union bescheiden ausgefallen ist und die
nächste La-Plata-Ernte vorläufig. ja noch im: Schoße der Zukunft
 ruht. Die Mais-Teurung des vergangenen Jahres hat
übrigens den Verbrauch dieser Frucht stark auf andre :Futter-,
mitte] abgelenkt. .
‚Am Roggenmarkt hat sich schon seit längerer Zeit das
Blatt zugunsten der Verbraucher gewandt, Der. Hauptgrund
dafür ist ja die Einschränkung unsrer Wehrmacht, wodurch der
Verzehr von Roggen als Brotfrucht einen starken Aus
fall 'erlitten hat. Daneben ist aber auch eine Aenderung in der
Geschmacksrichtung ‚eingetreten, die den Verbrauch in: verstärktem
 Maße vom Roggen zum Weizen abwandern ließ
Dieser Abwanderung wurde noch. Vorschub geleistet dadurch,
daß zeitweilig, z. B. im ersten Halbjahr 1928; als Roggen teurer
als. Weizen war, die Bäckerei weitgehend. Weizenmehl verarbeitete
 und so die breiten Schichten noch mehr an:das feiner®
Weizengebäck gewöhnte. Jetzt sucht man den Roggenpreis
mit allerhand künstlichen Mitteln in die Höhe zu bringen, von
denen ‚sich erst noch ‚erweisen muß, ob ihnen durchgreifender
Erfolg beschieden. sein wird. Das Herbstgeschäft in “
Kartoffeln ; ;

das sich in frühern Jahren durch eine rege Umsatztätigkeit auszeichnete,
 : schleppt sich. jetzt nur noch träge dahin, weil. die

3a
        <pb n="60" />
        städtische Bevölkerung ihren Winterbedarf an Kartoffeln nicht
mehr in dem Maße.wie früher einzukellern pflegt, sondern
in kleinen Mengen beim Kleinhändler deckt, also eine Einkaufspolitik
 von der Hand in den Mund in des Wortes eigentlicher
Bedeutung betreibt. Diese Umstellung schädigt die Bauern sehr,
da jetzt ihrem Angebot, das ja gerade im Herbst am um-[assendsten
 ist, eine gegen früher stark eingeengte Nachfrage
gegenübersteht, ein Mißverhältnis, das wegen seiner Erweiterung
 um so stärker auf die Preise drückt. Ein in der Hauptsache
 aus Kartoffeln gewonnenes Erzeugnis, der Spiritus, im
gereinigten Zustand
Sprit

genannt, erfährt in diesem Jahre bei uns, welche Macht der
Verbrauch ist. Der Absatz von Trinkbranntwein
stockt bei der Monopolverwaltung dergestalt, daß sich diese im
Hinblick auf ihre Finanzgebarung gezwungen sah, Jahresbrennrecht
 und Uebernahmepreis zu kürzen. Zum Teil ist diese
Absatzstockung sicherlich auf die Voreindeckungen
zurückzuführen, die das Spirituosengewerbe im Hinblick auf
die 20proz. Erhöhung der Trinkspritpreise zum 1. Juni vornahm.
Zum Teil ist sie aber wohl auch der Ausdruck des innern
Widerstandes, den die neue scharfe Preiserhöhung beim Verbrauch
 naturgemäß ausgelöst hat, zumal da sich letzterer ja als
Wiederverkäufer von trinkfertigen Spirituosen gleichfalls je
nach Mitteln und Kredit vorversorgt hatte. Unter den gegebenen
Verhältnissen wirkt sich diese Absatzstockung als stummer,
aber nachdrücklicher Einspruch gegen jede weitere Belastung
des Trinksprits aus. Auf dem Markte für
Zucker

hatten sich im verflossenen Jahre die Verhältnisse von Mitte
Juli bis Mitte Oktober infolge ungünstiger Ernteaussichten für
die Zuckerrüben etwas besser angelassen, selbst wenn man von
den Hoffnungen auf die Brüsseler Besprechungen ganz absieht.
Zum erstenmal seit einer Reihe von Jahren
wächst die Produktion diesmalnicht weiter an;
üjas steht fest. Um wieviel sie allerdings hinter dem Vorjahr
zurückbleibt, darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Aber das eine ist sicher: das Ausmaß der ursprünglichen  Annahme
 erreicht der Rückgang nicht. Bei Rübenzucker ist
überhaupt von keinem Rückgang mehr die Rede. Es bleibt noch
der Rohrzucker als Hoffnungsanker. Daneben
rechnete man mit der üblichen Jahreszunahme des Verbrauchs,
die sich auf etwa 4%% beziffert, so daß Mindererzeugung und
hehrverbrauch einträchtig zur Linderung der Zuckerkrise

an
        <pb n="61" />
        zusammengearbeitet hätten. Jetzt scheint man auch beim Verbrauch
 hinter das Ausmaß seines Zuwachses, vorläufig
wenigstens, ein Fragezeichen machen zu müssen. In Deutschjand
 veranlaßte die Mehrerzeugung, wie sie sich aus der
Novemberumfrage ergab, aber auch der Minderverbrauch
der ersten Kampagne-Monate im Vergleich zum Vorjahr
 (rund 24%) die Ausfuhrvereinigung, die Ausfuhrauote zunächst
 auf 6% der Inlanderzeugung festzusetzen, während man
wohl ursprünglich nur an einen Satz von 3% gedacht hatte. In
den Vereinigten Staaten geht bei den Einschmelzungen
der Raffinerien der bisherige Ueberschuß gegen das Vorjahr
 seit Anfang September ohne Unterbrechung von Woche zu
Woche zurück. Darin darf man wohl einen Schachzug
gegen die Bestrebungen Kubas erblicken, in der
Union dauernd einen höhern Preis mit Hilfe seiner Zwangsausfuhrvereinigung
 durchzuholen. In der Union steht der Verbrauch
 in der Abwehr gegen eine künstliche Einengung des
dortigen Markts durch Kuba. Für den Rückgang der Preise für
Kaffee

ist zweifellos in der Hauptsache die gegenwärtig laufende große
Brasilernte (21 Millionen Sack?) verantwortlich zu machen,
doch spielt dabei bis zu einem gewissen Grade die Einkaufspolitik
 des Fachhandels und der Röstindustrie
gleichfalls eine Rolle. Beide wandten sich von der allzu teuern
guten Santosbohne mehr ab und den preiswertern
mittelamerikanischen Herkünften mehr zu
Gleichzeitig häm merte namentlich im IHauptverbrauchslande
für Kaffee, in den Vereinigten Staaten, eine zielbewußte Spekulation
 auf den Terminmärkten die Preise herunter.
Inwieweit Fachhandel und Rösterei sich gleichfalls an den
Terminmärkten zu gemeinschaftlichem Tun mit der Spekulation
ein Stelldichein gaben, darüber gaben fortlaufend die Tendenzberichte
 des Neuyorker Kaffeemarkts Aufschluß. Der ständige
Kursrückgang an den Terminmärkten erschütterte das Vertrauen
 in den Artikel immer mehr, und dieser Mangel an Vertrauen
 führte dann wiederum dazu, daß der Verbrauch in Erwartung
 noch niedrigerer Preise jede Vörratsbildung bei
sich ängstlich vermied. Beweis dafür sind die recht
bescheidenen Lager an den Seeplätzen der Verbrauchsländer.
Dıe Rückwirkung davon machte sich in Brasilien sehr fühlbar,
und das trug schließlich mit dazu bei, daß die brasilische
Valorisation ihre starre Verkaufspolitik etwas auflockerte.
Recht günstig für den Verbrauch gestalteten sich die Verhältnisse
 auf den verschiedenen Märkten für

A
        <pb n="62" />
        Texiilrohstoffe, = 323

dbwohl nach den Erfahrungen früherer Jahre die diesjährigen
Ernten sich bei den wichtigsten pflanzlichen Spinnstoffen
 in einem Rahmen halten, der, wie z. B. beider ameri.-kanischen
 Baum wolle, mit Hilfe der alten Vorräte eben dem
Weltbedarf entspricht, oder wie bei Jute.und in gewissem
Sinne auch bei Flachs noch unter dem als regelmäßig anzusprechenden
 Weltverbrauch liegt. Unter. normalen Verhälinissen
würde dies eine‘ Zeit steigender Preise bedeuten, aber im
laufenden Erntejahr ist davon keine: Rede, und die Werte sind
gegenwärtig im Vergleich zum Vorjahr merklich niedriger, Bei
Walle und Seide liegen die Verhältnisse für die erste. Hand
nicht günstiger, und man mußte sich entschließen, die Märkte
zu stützen, um die Preise nicht allzusehr‘ absinken zu lassen.
Zuzugeben ist. allerdings, daß, bei Wolle wie bei Seide die letztjährige
 Erzeugung die vorjährigen Ergebnisse noch etwas übersteigt.‘
 Die-allen Märkten: innewohnende Baissetendenz wurde
noch dadurch verschärft, daß die Bezieher der Fertigwaren fast
allgemein mit ihren Anschaffungen zurückhielten,
weil jeder glaubte, durch weiteres Zuwarten billiger ankommen
zu können. Die zweifellos‘ gleichfalls vorhandenen Haussefaktoren
 kamen erst ganz gegen Ende des Jahres auf einzelnen
Marktgebieten zur Geltung, so zeitweilig bei Jute die kleine
Ernte: und bei Flachs die Sorge, die Russen könnten nicht
voll liefern, während bei amerikanischer Baumwolle
weder: die knappe Ernte‘ noch die Möglichkeit, die :staatliche
Wirtschaftshilfe könne wirksam werden, bisher in den Preiser
zum Ausdruck kam. Da neben andern Gründen vornehmlich
die ja an und für sich. berechtigte Scheu, auf teuern Vorräten
sitzenzubleiben, ‘bestimmend für die Haltung der Abnehmer
war, ergab. sich einwandfrei auf dem Wollmarkt. Die Woll
preise litten seit anderthalb Jahren sozusagen unter. einer
schleichenden Krise und sackten ständig ab. Als man aber in
Australien das Ausgebot um ein: Drittel einschränkte, lebte die
Nachfrage plötzlich auf, und die ausgebotene Wolle fand gute
Aufnahme zu erhöhten Preisen. Dieser plötzliche Wandel legt
dar, daß sich ‚der Bedarf über das durch die Verhältnisse
gegebene Maß: hinaus vorher dem Markt ferngehalten hatte:
Trotz: der Möglichkeit, sich ‘billiger einzudecken, ist jedoch die
Webstoffindustrie, welcher. Sparte sie auch
angehörten mag, keineswegsauf Rosen gebettet:
Anderseits‘. läßt aber die  Preisbewegung auf den Rohstoff:
märkten die Lage wohl noch‘ düsterer erscheinen, als sie an
und für sich schon ist. - Was sich auf den Märkten für zu

59
        <pb n="63" />
        Nichteisen-Metalle a
in. der Preisentwicklung — soweit die Märkte frei sind‘ —
widerspiegelte, war unverkennbar das verschärfte. Mi£ verhältnis
zwischen einer noch gesteigerten Erzeugung und einem tatsächlich.
 zurückgegangenen.: Verbrauch.‘ Die‘ Kluft: erweiterte
sich im Laufe des Jahres‘ immer mehr. . Die Gründe für den
abnehmenden Metallverbrauch ergeben sich aus der allgemeinen
Wirtschaftslage,‘ deren: sınkende Konjunktur 'schließlich: auch
die Vereinigten Staaten immer. stärker: in ihren Bann zog, wie
die Stockung im Automobilabsatz und in der Bauwirtschaft
arkennen läßt. Die Depression am Baumarkt ist jetzt
suzusagen das Grundübel, an dem die Weltwirtschaft leidet, und
wenn man bedenkt, welche : Massen Kupfer, Blei und Zink,
hoch ganz zu schweigen vom Eisen, der Baumarkt unter
günstigen Bedingungen aufzunehmen pflegt, so.ist der Rückgang
 im Verbrauch der ‘Nichteisenmetalle erklärlich. Im
Grunde genommen sind ja allerdings die an:
gespanntien Geld- und Kreditverhältnisse die
Ursache für das Daniederliegen der Bauwirtschaft.
 Am Kupfermarkt täuscht auch die. Starre der
Preispolitik des Kartells nicht über die innere Unberechtigung
dieser Politik hinweg. Die Lage, wie sie wirklich ist, läßt sich
besser an den Notierungen für. Standardkupfer ablesen, wenn
man die gefährliche Enge. dieses Markts gebührend in Rechnung
stellt. Gegen die. Macht der Verhältnisse — und diese
verkörpertzurzeitder Verbrauch — kommen auch
die Kartelle nicht an. Beim Kupferkartell schleifen die Zügel
am Boden, das Zinkkartell: ging an seiner eignen Ohnmacht
 zugrunde und die Bestrebungen der Haussegruppe bei
Zinn sind so lange zur Aussichtslosigkeit verurteilt, wie sich
das Verhältnis zwischen Erzeugung und Verbrauch nicht
bessert. Daß im Hinblick auf die abgleitenden Metallpreise,
eine Erscheinung, die ja durch die Verhältnisse als gegeben zu
erachten ist, sich die Verbraucherschaft einer ganz besonders
vorsichtigen Einkaufspolitik befleißigte, darf von vornherein
als wahr unterstellt werden. Von Vorratsbildung beim Verbrauch
 in einigermaßen auskömmlichem Umfang wird man
wohl kaum sprechen können. Aber darüber hinaus gibt es
noch Fälle, in denen er besondere Maßnahmen zum Teil schon
seit längerer Zeit traf und auch weiter trifft, um seine eign®e
Erzeugung zu verbilligen. Er weicht, wo es angängig
ist, dem teuern Metalle aus. So wird in England gegenwärtig
das wertvollere Kupfer in stärkerm Maße durch das wohlfeilere
Aluminium bei der Elektrisierung ersetzt. Hierher gehören aber

Sr
        <pb n="64" />
        vor allem die verschiedenen Einsparungen bei Zinn. Wir
erwähnen in diesem Zusammenhang, ganz zu schweigen von
dem schon lange geübten Ersatz des Stanniols durch Aluminiumfolie,
 daß in den Vereinigten Staaten der Zinnüberzug bei Weißblech
 allmählich auf ein Mindestmaß verdünnt wurde, daß man
in der Konservenindustrie bestrebt ist, die Weißblechbüchsen
bei Fischkonserven durch Aluminiumbüchsen und bei Früchten
weitgehend durch Gläser zu ersetzen. Zur Zeit sehr stark überhöhter
 Zinnpreise wurde auch der Zinnzusatz bei Lagermetallen
eingeschränkt, eine Einsparung, die man wieder aufgab, als
Zinn wieder preiswerter wurde,
Kautschuk

ist nach wiederholten Anläufen zu einer Besserung in den
ersten Monaten des Berichtsjahres wieder in flaue Stimmung
zurückgefallen. Wie die Anhäufung der freien Weltbestände
erkennen läßt, hinkt der Bedarf allzusehr hinter der Erzeugung
her. Solange sich darin kein Wandel vollzieht, ist auch nicht
an eine nachhaltige Preisaufbesserung zu denken. Die Absatzstockung
 in der amerikanischen Automobilindustrie läßt jedoch
vorläufig einen solchen Wandel als wenig aussichtsreich
erscheinen. Der niedrige Preis hat allerdings die gute Wirkung,
daß jetzt frischer Kautschuk nicht nur auf verschiedenen
Gebieten stärkere Verwendung findet, sondern auch sich neu6
Gebiete erobert hat. Vermutlich wird dabei das Reg enerat
im allgemeinen zurückgedrängt. Eine Ausnahme macht jedoch
in dieser Beziehung Nordamerika, wo der Verbrauch von
Regenerat sich fortgesetzt gesteigert hat. Eine sehr bemerkens:
werte Nebenwirkung der niedrigen Kautschukpreise ist darin
zu erblicken, daß Holländisch-Indien, das früher bei
Kautschuk jeder Marktkontrolle abholt war, jetzt mit einer
Kautschukvalorisation liebäugelt.

AA
        <pb n="65" />
        AUSLAND
        <pb n="66" />
        FRANKREICH
Gesunde Staatsfinanzen — Ziemlich befriedigende
industrielle Beschäftigung lebhafte Bautätigkeit
Zunehmendes Handelsvolumen
A Paris, 8. Januar.
Obgleich in der letzten Zeit, etwa seit Einsetzen der Börsenkrise
 in Neuyork, gewisse Erscheinungen auf eine Verlang:»
samung der Konjunktur hindeuten, die seit der Stabilisierung
einen ständigen Aufschwung gezeigt hatte, zeigt die französische
Wirtschaftslage am Jahreswechsel doch ein im allgemeinen be-{riedigendes
 Bild, besonders wenn man sie mit der andrer
europäischer Länder vergleicht. Der Staatshaushalt, der
schon 1928 mehrere Milliarden Ueberschuß geliefert hatte, ist
aktiv geblieben. Die Staatseinnahmen ergaben von Januar bis
November 50,42 Milliarden Franken gegen 45,50 Milliarden in der
gleichen Zeit des Vorjahres. Man konnte daher die Steuern ermnäßigen,
 namentlich auf die Wertpapiere und Kupons, wodurch
man die Emissionstätigkeit, besonders durch Neueinführungen
von Auslandwerten an der Pariser Börse, zu heben hofft. Die
großen Ueberschüsse der Tilgungskasse ermöglichten eine fortschreitende
 Tilgung der Staatsschulden durch Rückkauf, was den
Börsenkurs der Renten ansehnlich gehoben hat.
Der Außenhandel hat, namentlich in der ersten Hälfte des
vergangenen Jahres, eine starke Zunahme der Einfuhr, besonders
auch in Fertigerzeugnissen, gebracht, dagegen einen Rückgang
der Ausfuhr, so daß sich folgendes Bild ergibt:
(in Milliarden Fr.) Jan.-Nov. 1929 1928
Einfuhr .... 53,26 48,12
Ausfuhr 45.67 46,58

Ueberschuß der Einfuhr. . ; ‚7,59 1,54
Die Einfuhrsteigerung beruht in erster Linie auf dem zunehmendenInlandbedarf
 und der großen Kapitalflüssigkeit,
 der Ausfuhrrückgang auf der durch die steigenden
 Inlandpreise geschwächten Wettbewerbsfähigkeit (Einzelhandelsindex
 im November 618 gegen 585 im November 1928,

5.
        <pb n="67" />
        Lebenshaltungsindex 555 gegen 531). Diese dürfte infolge der
steigenden sozialen Lasten (das Sozialversicherungsgesetz tritt
{930 in Kraft) weiter zurückgehen.
Das Geld blieb leicht. Der Diskontsaiz der Bank von
Frankreich konnte seit Januar 1928 auf 3%% gehalten werden;
man rechnet mit einer Ermäßigung des Diskontsatzes im
ersten Vierteljahr,
ebenso. wie mit einer Herabsetzung des Lombardsatzos, der seit
Januar 1928 auf 5%% geblieben ist. Tagesgeld bedang 1929
3%% im Monatsdurchschnitt. Langfristiges Geld hat die Tendenz
 zur Verbilligung; der Satz, zu dem sich die neu ausgegebenen
 Obligationen durchschnittlich verzinsen, ist von November.
 1928 bis November 1929 von 6% auf 5%% zurückgegangen;
 mit seiner weitern Verbilligung darf gerechnet werden.
Die Lage der Industrie hat sich im abgelaufenen Jahr gehoben,
 der Beschäftigungsindex für Oktober von 116,9 auf 125,9
(1924/26 im Durchschnitt = 100), darunter Eisenindustrie 129 (130)
kaum verändert, Maschinen 159 (143), Textilindustrie 90 (100)
infolge dauernd schlechten Geschäftsganges, der sich jedoch in
letzter Zeit gebessert hat, Bauindustrie 147 (98), am stärksten gebessert
 infolge großer privater Bauaufträge und besonders durch
das umfangreiche staatliche Bauprogramm. Auch der Handel
zeigt eine Steigerung, der allgemeine Index von Januar bis
August (1924/26 = 100) von 131,05 auf 163,85, die Eisenbahneinnahmen
 im November von 58,55 Mill. Franken wöchentlich 1928
auf 55,54 Mill. Franken 1929, die beladenen Wagen von täglich
67 900 auf 68 200, im Clearing eingelöste Wechsel von Januar bis
November von 357,91 Milliarden auf 469,74 Milliarden Franken.
Die Einlagen bei den Sparkassen waren Ende November 1929
auf 29,95 gegen 25,64 Milliarden Franken vor einem Jahr gestiegen.

Bei einer ruhigen Weiterentwicklung der Weltwirtschaft darf
mit einem weitern langsamen Aufstieg Frankreichs als Industrie-'and
 gerechnet werden.

BELGIEN

Keine Wirtschaftskrise, höchstens Depression
£ Brüssel, 9. Januar

Handel und Gewerbe können auf ein günstiges Wirtschaftsjahr
zurückblicken. Der Status der Nationalbank ist gut. Die
Spareinlagen bei der staatlichen Sparkasse bewegten sich das
zanze Jahr hindurch in aufsteigender Linie und betrugen nach
den vorliegenden statistischen Zahlen bis Ende Oktober 1929,
5,005 gegen 4,17 für das Jahr 1928 und 3,424 Milliarden Franken

TE
        <pb n="68" />
        für das Jahr 1927. Der Hafen von Antwerpen verzeichnet
gegenüber dem Vorjahr eine stärkere Steigerung: 11582 Seeschiffe
 mit 24326939 RT.; die Zunahme gegenüber 1928 betrug
243 Schiffe mit 722 380 RT. Das Ergebnis des Außenhandels
der belgisch‘luxemburgischen Zollunion ist weniger befriedigend.
Die‘ sichtbare Handelsbilanz ist in den ersten zehn Monaten. 1929
passiv mit.::einem Gesamtbetrag‘ von 2,822 ‚gegen ‘1,418
Milliarden Franken für das Jahr 1928.
Die Zusammenschlußbewegung in der gesamten Industrie‘ hat
unter Mitwirkung der Großbanken ein ungewöhnliches Ausmaß
erreicht, wobei die Kapitalkraft in weitestgehendem Maße heran:
gezogen würde.
‘Während der ersten elf‘ Monate wurde für Neugründungen,
Kapitalerhöhungen und Schuldverschreibungen ein Kapital
von insgesamt 14 132 gegen 11 556 Millionen Franken für die
entsprechende Zeit des Vorjahrs beansprucht;
Diese gewaltige Anspannung des Kapitalmarkts mußte sich notwöndigerweise
 in einer Verknappung der flüssigen Geldmittel
bemerkbar machen und fand auch ihre Auswirkung an der
Börse. ‚Die belgische Industrie hat ihre Betriebe: dem Stand der
modernen Technik weiter angepaßt, vollständig neuorganisiert
und. : eine Konzentrationsbewegung . allergrößten Stils durchgeführt:
 Alle diese Maßnahmen zogen naturgemäß scharfe
Immobilisierung nach sich, der nunmehr eine Verlangsamung
der Wirtschaft gegenübersteht. Der Stand der ‚belgischen
Industrie ist jedoch kaum bedroht; von einer Wirtschaftskrise
kann nicht gesprochen werden. Sıe geht nach den. bisherigen
Anzeichen über eine Depression kaum hinaus. Arbeitslose
gibteszurzeitin Belgien nicht.. Die Einschränkungen
in der einen Industrie gibt die Arbeitskräfte für andre Betriebe
wie ‚Bergbau, Ausstellungen, Kanalbauten und andre frei.
‚Ueber die Zukunftsaussichten lauten die Stimmen aus
den schwerindustriellen Kreisen nicht mehr so pessimistisch,
 wie dies noch vor einigen Wochen der Fall war.
Man kehrt wieder zu einer optimistischern Auffassung zurück.
Wenn auch die Schwierigkeiten, die sich. aus der allgemeinen
Lage und der unzureichenden Aufnahmefähigkeit des In- und
Auslandmarkts ergeben, nicht verkannt werden, so ist man doch
über. die weitere Entwicklung der montanindustriellen Konjunktur
 hoffnungsvoller gestimmt. Man erwartet ‚eine Besserung
in. nicht allzuferner Zeit und’ glaubt auch nicht, daß die Verhandlungen
 über die Verlängerung der Internationalen Rohstahlgemeinschaft
 unüberwindliche Schwierigkeiten ergeben werden,
weil man zur Einsicht gekommen, daß die. Verbands:
arneuerung eine Notwendigkeit geworden ist.

*O
        <pb n="69" />
        HOLLAND

Mäßiger Rückschlag

4: Amsterdam, S. Januar
Die Lage des holländischen Geldmarkts wies in den letzten
Monaten des vergangenen Jahres eine günstige. Entwicklung auf,
wodurch wiederholte Diskontermäßigungen ermöglicht wurden.
Die Sätze am offenen Markt sanken erheblich unter den Stand
des Vorjahrs. Die wichtigsten Golddevisen notierten am
Amsterdamer Wechselmarkt gegen Jahresende unter Gold:
parität. Die Lage der Niederländischen Bank blieb außerordentlich
 stark. Die Entwicklung der Staatsfinanzen
war, soweit die Einnahmen in Frage kommen, befriedigend; die
Steuerlast. blieb jedoch, ungeachtet der Ermäßigung einiger
Sätze, drückend, und der Stand der Staatsausgaben wird noch
stets für anormal hoch erachtet.
Die niederländische Handelsbilanz erfuhr im letzten Vierteljahr
 1929 eine ansehnliche Verschlechterung.
Während der ersten elf Monate 1929 stieg das Passivum der
Handelsbilanz um 39 Mill, auf 692 Mill. Gulden.
Diese Zunahme entfiel auf die beiden letzten Monate dieses
Zeitraums. Mengenmäßig nahm sowohl die Ausfuhr als auch
die Kınfuhr verhältnismäßig erheblich zu. Die Handelsbilanz
wurde jedoch durch die Preisveränderungen am Weltwarenmarkt
 ungünstig beeinflußt. Der Wert der Ausfuhr nahm
nur um 23 Mill. Gulden bzw. nicht viel mehr als 1% zu, während
der Wert der Einfuhr eine Steigerung um 62 Mill. Gulden bzw.
rund 2,5% aufwies. In den letzten Monaten ließ sich auch in
Holland ein gewisser konjunktureller Rückschlag feststellen;
aber ernstere Krisenzeichen sind, von einzelnen Ausnahmen
abgesehen, bisher nicht wahrzunehmen. Die Wirkung der
Börsenkrıse blieb hauptsächlich auf einzelne Industriezweige
 beschränkt, unter denen die Diamantindustrie in erster
Linie erwähnt werden muß. Eine etwas größere Wirkung hatte
die durch den Preisrückgang der wichtigsten Kolonialwaren
hervorgerufene wirtschaftliche Depression in Niederländisch-{ndien,
 da besonders die Textilindustrie in Twente und die für
Java arbeitenden holländischen Maschinenfabriken in der letzten
Zeit von dort nur wenige Aufträge erhielten. Die Lage der
holländischen Kunstseideindustrie hat sich im Zusammenhang
 mit den krisenhaften Zuständen am europäischen
Kunstseidemarkt weiter verschlechtert. Zweifellos werden
die nächsten Monate für eine Anzahl industrieller Unternehmen
eine Zeit der Konsolidierung bzw. teilweise der Sanierung bilden
        <pb n="70" />
        müssen. Die Lage der Mehrheit der industriellen Unternehmen
ist. jedoch gesund; eine kommende allgemeine Wirtschaftskrise
wird für unwahrscheinlich gehalten.
Die Lage der Schiffahrt. ist infolge der niedrigen Frachtsätze
 und des scharfen Wettbewerbs ungünstig. Bisher bildeten
die großen. niederl.:zindischen Linien eine Ausnahme;.es ist jedoch
zu befürchten, daß der wirtschaftliche Rückschlag. in den
holländischen Kolonien auch ihre Lage beeinträchtigen wird.
Soweit die Landwirtschaft in Frage kommt, waren die
Ernteergebnisse befriedigend; die Preislage ist jedoch, von einzeinen
 Ausnahmen abgesehen, sehr ungünstig.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß der konjunkturelle
Rückgang in Holland bisher nur noch in einem beschränkten
Maße in Erscheinung getreten ist, und daß die allgemeine Wirtschaftslage
 im Vergleich mit Amerika, England und Mittel-5urona
 verhältnismäßig befriedigend ist.

SPANIEN

Befriedigende Wirtschaft, aber verschlechterte
Valuta

&amp;amp; Barcelona, 7. Januar

An sich wären alle Voraussetzungen vorhanden, um das abgelaufene
 Wirtschaftsjahr als für Spanien rtecht befriedigend
hinzustellan. Die Ernte war im Gegensatz zu der vorhergehenden
 gut, zumal was die drei wichtigen Erzeugnisse
(Getreide, Wein und Oliven) anbelangt; nicht minder gilt dies
für Früchte, namentlich für Apfelsinen. Die Preise für Olivenöl
und Früchte auf den ausländischen Märkten haben sich gehalten.
Die Aussichten für den Wein versprechen um so mehr, als die
Absatzmöglichkeiten nach Frankreich sich verbessert haben.
Die Industrie steht im Zeichen einer aufsteigenden Konjunktur,
 mit einer Einschränkung für die Bauwollweberei- und
Maschinenindustrie, die ohne die Vorteile des Ausnahmezustands
der Kriegszeit dem fremden Wettbewerb nicht gewachsen sind.
Die Ausstellungen haben zwar, wie kaum anders zu
erwarten war, direkte Einnahmen nicht gebracht, weisen vielmehr
 einen mit mehrern hundert Millionen anzusetzenden Fehlbetrag
 auf; doch findet dies ein Gegengewicht in der Steigerung
des Fremdenverkehrs. Hierzu kommt, daß Spanien durch eine
ihm so noch nie gebotene Gelegenheit unmittelbarer Fühlungnahme
 mit dem Ausland mit. einer nachhaltigen Rückwirkung
auf seinen Außenhandel rechnen darf, dessen Bilanz, nach
den Zahlen einer nicht. unbedingt zuverlässigen Statistik seit

?
        <pb n="71" />
        Jahren unverändert passiv geblieben ist. Was die:Bilanz des
Finanzministeriums anbelangt, so leidet. sie zwar. an
unschwer nachweisbaren Irrtümern und Ungenauigkeiten in. der
Berechnung der Ausgaben; das Vertrauen in sie ist durch den
nicht‘ immer . glücklichen Versuch, einen. etwas firagwürdigen
Deberschuß auszuweisen, nicht gestärkt worden. Anderseits
wird es zutreffen, daß seit 1928 (dem. Jahr des Staatsstreichs) die
Einnahmen‘ durch: Steuern von 2425 auf 3700 Mill. Pesetas
gestiegen sind. ;
Diesem ‚wenn auch nicht schattenlosen Bild steht die sonderbare
 Erscheinung gegenüber, daß die Peseta seit einem Jahr
unaufhaltsam ‘fällt. . Alle Maßnahmen, die von der Regierung
zur Stützung der.Valuta ergriffen werden, erzielen das Gegenteil
 der, beabsichtigten Wirkung, wie erst unlängst die mit
spielender Leichtigkeit aufgebrachte Goldanleihe. Seit dem
Zusammenbruch der spanischen Währung nach dem verlorenen
Kolonialkrieg von 1898 hat der Kurs der Peseta einen ähnlichen
Tiefstand nicht erlebt. Bei der Unmöglichkeit, ausreichende
wirtschaftliche Gründe für diese Erscheinung zu finden, bleibt
nichts andres übrig, als, abgesehen von der ohne Stabilisierung
der Währung nicht zu verhindernden Spekulation, auch politische
 Gesichtspunkte zu berücksichtigen.
Für die Beurteilung ‘der augenblicklichen wirtschaftlichen
Lage. in‘ Spanien ist das Gefühl vollkommeneı
Ungewißheit über die nächste Zukunft bezeichnend,
 und zwar gilt dies sowohl hinsichtlich des weitern
Fortbestandes der Diktatur wıe der für das Währungsproblem
zu findenden Lösung und endlich der zu erwartenden Orientierung
 der Zoll- und Handelspolitik. Die Diktatur aber hat auf
diesem Gebiet, ungeachtet sonstiger Verdienste, versagt,

SCHWEIZ

Abflauende Konjunktur

«7 Zürich, 8. Januar
Die Schweiz zeigt im Jahr 1929 das Bild eines Staates, der
seine Aufgaben nicht allzuweit steckt, seine Soziallasten in
Einklang mit seiner wirtschaftlichen Kraft bringt, vor allzu
empfindlichen Eingriffen in die private Wirtschaft sich bewahrt
und durch vorsichtiges Wirtschaften seinen Haushalt im
Gleichgewicht erhalten kann. Der Voranschlag des
Bundes für 1930 sieht einen Überschuß von 110000fr vor.
Dabei laufen sämtliche Einnahmen und Ausgaben der Eidgenossenschaft
 über die Verwaltungsrechnung, es gibt hier

"A
        <pb n="72" />
        kein vergschleiertes-Defizit. Seit..den Kriegs- und. Nachkriegsjahren
 ist steiig auf. dieses‘. Ziel des, defizitlosen
Staatshaushalts. hingearbeitet worden, der Erfolg. hat
sich im: Jahre 1929; gezeigt. Freilich ‚ist. nicht zu übersehen, daß
das Gleichgewicht, der eidgenössischen. Staatsfinanzen . sehr
stark von den Zolleinnahmen abhängt, die eine unsichere
Größe darstellen. -

Die private Wirtschaft befriedigt im allgemeinen, doch Jäßt
diese ‘ allgemeine‘ Feststellung. weitgehende Unterschiede .
zwischen den einzelnen Industrien offen. | N
‚Die Arbeitslosigkeit als Gradmesser genommen‘ ergibt‘
 ein denkbar gutes Bild; dagegen‘ ist der Lebenskostenindex
 höher geworden (163) ‚und einzelne Industrien
 haben auch 1929 sehr unbefriedigende Ergebnisse erzielt.
So: wird aus dem Seidenhandel überwiegend unbefriedigendes
 Geschäft berichtet, ebenso aus der Seidenstoffweberei
 und der Seidenbandindusirie; es mußten
hier ‘Betriebseinschränkungen erfolgen, und die Warenlager
bei Händlern und Fabrikanten sind trotzdem gestiegen. ‘Als
ausgesprochen ungünstig wird die Lage in der Baumwollindustrie
 geschildert; es wird eine scharfe Absatzkrise
festgestellt. Höchst unerfreulich sind auch die Verhältnisse
beim Sorgenkind der schweizerischen Industrien, der Stickereiindustrie;
 starke Fabrikationsumstellungen hatten zum
Teil geringen, zum Teil keinen Erfolg. Erfreulicher lauten dagegen
 die Berichte aus. der Maschinenindustrie, die
im Jahr 1929 ausgezeichnet beschäftigt war, ihre Arbeiterzahl
erhöhen konnte, freilich auch mit stetig wachsendem Wettbewerb
 zu rechnen hat. Gut war die Lage der Elektrizitätsindustrie;
 da sich die Schweizerischen Bundesbahnen
 entschlossen haben, die‘ Elektrisierung  weiterzuführen;
 sind die Aussichten ‚weiterhin gut. Die Schuhindustrie
 klagt über ungenügenden Beschäftigungsgrad; einige
Sorgen schafft das nunmehr auf Jahresende auch in der
Schweiz erfolgte Übergreifen der tschechoslowakischen Schuhindustrie
 (Bata) auf die Schweiz... Die Uhrenindustrie
hat ihren Absaiz in den Vereinigten Staaten unerwartet stark
(um 14,8 Mill Franken). steigern können, die Ausfuhr. nach
andern Ländern ging indessen zurück; das Gesamtbild dieser
in den ersten Nachkriegsjahren stark krisenhaften Industrie
hat sich indes erheblich verbessert. Die chemische Industrie
 weist eine kleine Umsatzsteigerung auf, gut ist auch der
Bericht aus der Farbenindustrie, Die Schokoladentu
        <pb n="73" />
        industrie hat ihren Absatz im Inland steigern können,
während die Ausfuhr scharf zurückging; sie klagt über
mangelnden Zollschutz. Die für die Zahlungsbilanz . der
Schweiz außerordentlich wichtige Hotelindustrie hat
ein mittelmäßiges Jahr hinter sich; der schweizerische Gewerbeverband
 verlangt angesichts der immer noch unsichern
Lage die Beibehaltung des Bauverbots von neuen Hotels. Die
Landwirtschaft, die. heute noch ein Viertel bis ein
Drittel der schweizerischen Bevölkerung umfaßt, ist stark von
der allgemeinen landwirtschaftlichen Krise in Mitleidenschaft
gezogen; ein staatliches Hilfsprogramm ist zum Teil schon
durchgeführt, daneben laufen starke Anstrengungen der
bäuerlichen Verbände, die in.der Schweiz ungewöhnlich straff
geleitet sind. .Die Wahl eines Bauers in die Landesregierung
hat der bäuerlichen Interessenvertretung einen starken Auftrieb
 gegeben. Die Schweizerischen Bundesbahnen
zeigen eine günstige. Einnahmeentwicklung trotz des wachsenden
 Autowettbewerbs; das zweite Elektrisierungsprogramm
wird 1930 in Angriff genommen, es umfaßt 476 Kilometer und
wird in sieben Jahren erfüllt sein.
Der schweizerische Geldmarkt war auch 1929 im
allgemeinen flüssig. Die schweizerische Volkswirtschaft konnte
reichlich über billiges Geld verfügen (offizieller Diskontosatz
374%), Staat und Gemeinden nahmen den Geldmarkt nur gering
in Anspruch. Von den privaten Geldnehmern standen Banken
und Trustunternehmungen im Vordergrund, auch Elektrizitätswerke,
 inländische und ausländische. Die tatsächliche Neubeanspruchung
 des Marktes durch schweizerische Anleihen
wird von der Schweizerischen Kreditanstalt auf. 247 Mill.
Franken gegen 55 Millionen im Jahr 1928 geschätzt; die Auslandanleihen
 auf 116 Millionen, 26 Millionen mehr als im Jahr
1928, Deutsche Anleihen sind daran stark beteiligt.
Die Aktienausgabe übertrifft bei mehr als 500 Mill. Franken
(Ausgabewert) den des Vorjahres um rund 222 Mill.
Franken,
Die schweizerischen Börsen unterlagen 1929 dem Abbau
der übertriebenen Kurse von 1928; der Abbau ist indes weniger
heftig und auf längere Zeit verteilt erfolgt als anderswo:
immerhin werden auch in der Schweiz die Börsenverluste auf
einige hundert Mill. Franken geschätzt.

”A
        <pb n="74" />
        {TALIEN

Krise trotz amtlichem Optimismus und günstiger
Statistik

Mailand, 7. Januar

Um die Wirtschaftslage Italiens zu kennzeichnen, wird häufig
ein Vergleich‘ mit Deutschland gezogen und gesagt, daß die
Krise in Italien weniger empfindlich spürbar sei. Der Vergleich
betrifft nur die Äußerungen, nicht die Ursachen der Krise.
[falien; das sich zu den Siegerstaaten rechnet, bezahlt seine
Auslandschulden mit deutschem Geld; seine Wirtschaft wird
insofern durch die finanziellen Kriegsfolgen nicht geschröpit,
sondern entlastet. Trotzdem steht das Land bei der Jahreswende
 inmitten einer Wirtschaftskrise, die sich weniger in
den Zahlen der Statistik, als in einer ungenügenden Kaufkraft,
in Zahlungsstockungen, Zahlungseinstellungen, ungenügendem
Betriebsgewinn, sinkenden Börsenkursen und ähnlichen Symptomen
 äußert. Während des Jahres waren die Anstrengungen
zur Überwindung der Deflationsfolgen eifrig aber mit ungleichem
 Erfolg fortgesetzt worden. Im Frühling und Sommer:
besserte sich die Lage einiger Industriezweige, besonders der
Schwerindustrie und der Baumwollindustrie:
Der Handel wies Zeichen der Belebung auf und die guten
Ernten taten ein übriges, um den günstigen Eindruck zu
heben. Eine eigentliche Konjunktur kam aber nicht auf. Sehr
verdächtig blieb auch die mißtrauische Einstellung
der Börse. Im Spätherbst und zu Beginn des Winters trat
dann ziemlich unvermittelt der befürchtete Rückschlag
ein. Die amtlichen Kreise sind geneigt, die Erklärung ohne
weiteres und restlos in der verschlechterten Lage der Weltmärkte
 und in den Börsenkatastrophen des Auslandes zu
suchen. ı: Dem unparteiischen Beobachter kann es indes nicht
entgehen, daß manche Erscheinungen auf einem Vertrauensmangel
 beruhen, dessen Ursachen man füglich in gewissen
Nachteilen des Regimes, wie Zensur, Mangel an öffentlicher
Kritik und Kontrolle und der stets offenen Möglichkeit eigenmächtiger,
 plötzlicher Entschlüsse und. Eingriffe der Macht:
haber suchen darf. Die italienische Wirtschaft ist noch zu
stark auf das Unberechenbare und auf die Notbehelfe der
Statistik eingestellt.
Das kunstvolle Gefüge der amtlichen Statistik kann
jederzeit benutzt. werden, um das Gegenteil dessen..zu beweisen,
 was: die Träger der Wirtschaft als Krise am eignen
        <pb n="75" />
        Leibe erleben. In den eısten; elf Monaten des Jahres 1929
hat sich die Handelsbilanz um 891 Millionen Lire gebessert.
 ; a
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Einfuhr von 19565 auf
19251 Millionen Lire zurückgegangen, die Ausfuhr von
12 905 ‘auf 13482 Millionen Lire gestiegen.
Wahrscheinlich steht aber dieser Besserung . der .Handelsbilanz
aine Verschlechterung der Zahlungsbilanz infolge ‚ Abnahme
 der Auswandererrimessen und des. Ertrags der. F. remdenindustrie
 gegenüber. Im. Staatshaushalt wird das
Gleichgewicht der Einnahmen und Ausgaben
um jeden ‘Preis beibehalten. Im ‚am 1. Juli beginnenden. Rech:
aungsjahr 1927/28 wurde ein Überschuß von,497,3, 1928/29 yon
381,9 Mill. Lire erzielt und für, das’ laufende Rechnungsjahr
1929/80 lautet der Voranschlag auf 258,3 Mill. .Lire. Weniger
durchsichtig ist die Lage. des Schatzes, der bestrebt. ist,
die schönen Zahlen .der Vorschuß- und Notenstatistik der
Banca d’Italia zu schonen, indem er einen ‚Teil des laufenden
Geldbedarfs durch Darlehen aus andern, weniger vernehmlich
rauschenden Quellen schöpft. Infolge Zunahme der schweben.
den Schulden ist die innere Staatsschuld seit Beginn
des laufenden Rechnungsjahres von 87.124 auf 87818 Mill. Lire
gestiegen. Ende 1928 betrug der mit.11071 Mill; Lire in Gold
und: Devisen gedeckte Notenumlauf 17295 Mill. Lire.. Er
ist. Ende November 1929 bei ..einer Deckung. von 10356 auf
16828 Mill. Lire abgebaut worden.. Die Belastung des Volkes
mit staatlichen Abgaben wurde. im Sommer: 1929 .um eine
halbe Milliarde Lire‘ erleichtert. Sie beträgt (nach A.. de
Stefani) ;
183 Goldlire auf den Kopf :der Bevölkerung; nicht eingerechnet
 die Gemeindesteuern, die von 42 auf 61 Goldlire
; . gestiegen sind,
Die: rückläufige Kursgestaltung der Aktienbörse
während des Jahres geht aus folgenden Vergleichskursen von
finde Dezember 1928 und 1929 hervor: Banca d’Italia: 2779 bis
1940, Banca Comm. It. 1461 bis 1363, Credito Italiano 835 bis‘
783, Navigazione Generale It, 561 bis 527, Cotonifieio - Turati
786 bis 546, Cascami Seta 1025 bis 785, Kunstseide Chätillon
243 bis 197, Snia Viscosa 132 bis 60, Monte Amiata 325 bis 261,
Montecatini 282 bis 246,. Fiat 589 bis 352, Edison. 843 bis 788,
Pirelli It. 902 bis 875. Die Kurve der Großhandelsindex;zahlen
 verläuft .parallelı der leichten Zunahme. der
Kaufkraft des‘ Geldes in. den. meisten andern Ländern. ;. Die
Indexziffer. ist im Laufe des. Jahres von; 496,57 auf 459,17

1A
        <pb n="76" />
        zurückgegangen; die Kaufkrait. der Lire im Großhandel
 von 20,14 auf 21,78 Cent.‘ gestiegen, Im Kleinhandel
wirkt sich die Besserung nicht genügend aus. Auch im ‚verflossenen
 Jahr ‘ist die: Regierung. mehr als einmal den von
Zeit. zu Zeit umgehendern Gerüchten von einer möglichen
zweiten Stabilisierung mıt der Versicherung  entgegentreten,
daß die Stabilisierung‘ unter keinen Umständen geändert‘ und
wiederholt werde,

ENGLAND

Auch hier Vertrauenskrise
Z7 London, 15. Januar 8
Die englische Wirtschaft beschließt 1929 im Zeichen einer noch
nicht überstandenen Vertrauenskrise. Ihre markantesten Zeichen
sind die kostspielige Sozialpolitik der Arbeiterregierung‘
 und ‘die noch nicht abgewickelten Millionenverpflichtungen.
 aus’. zahlreichen‘ Konzernschwierigkeiten
innerhalb.:und außerhalb der :Wertpapierbörsen. Die Schwerindustrie
 erholt sich. zaghaft; zahlreiche große Gebilde stehen
noch.vor einschneidenden Zusammenlegungen. Das freundlichste
Bild liefert trotz des: parteipolitischen Geplänkels zur Bergbauvorlage
 die Kohlenindustrie.
Die sozialpolitischen Maßnahmen erfordern diesjährig eine
Mehrbelastung des Etats um 8,24 Mill. £, nächstjährig um annähernd.
 19 Mill. £. Da der frühere Schatzkanzler für die Gemeindesteuerreform
 nur teilweise vorgesorgt hat, ist ein eTrhebliches
 Defizit — man veranschlagt dieses auf mindestens
 18 Mill £ — und möglicherweise erhöhte Einkommensteuern.
 zu erwarten. : Für die Schuldenfundierung der nächsten
anderthalb Jahre ist durch die Konversionsanleihe gesorgt, doch
haben deren Bedingungen die Hebung des Staatskredits zurückgestellt.
 Die öffentliche Schuld ist in den letzten 9 Jahren um
rund 141 Mill. £ verringert worden; Außenschulden sind in.3
Jahren um 36 Mill. £ auf 1,085 Mill, £ zurückgegangen, die innere
Schuld dagegen um 5 Mill. £ auf 6,510 Mill. £ gestiegen; der Um:
fang der schwebenden Schuld (809.64 Mill. £) ist besorgnis
arregend.
Theoretisch ist die linksstehende Regierung für die Abschaffung
 bestehender Schutzzölle; in der Praxis ist erst mit
Beginn des neuen Finanzjahres ihr langsamer, durch die
Finanznot diktierter Abbau zu erwarten. te
Die City geht vermutlich noch leichtern Geldverhältnissen
 entgegen. Der Goldbestand liegt nur um 8 Mill. £ unter

7}
        <pb n="77" />
        der, Zahl. vor Jahresfrist. : Unsicherheitseinflüsse: bleiben auf
diesem Gebiet die französische Goldpolitik.und die Abkehr zahlreicher
 Dominien und Staaten vom Goldstandard. Die Emissionstätigkeit,
 die gegen das Vorjahr. zahlenmäßig von
362,52 Mill. £ auf 253,75 Mill. £ zurückging, ist schließlich gänzlich
 zum Stillstand gekommen. ‚Besonders auffallend ist der a bnehmende
 Kapitalstromins Ausland. Anleihen zugunsten
 des Imperiums sind von 78,36 Mill. £ auf 44,28 Mill. £,
solche an ausländische Geldnehmer von 57,27 Mill. £ auf 39,94
Mill. £ zurückgegangen. Es fehlt noch gänzlich‘ an Anzeichen,
ob und wann England wieder in der Lage seın wird, größeres
Kapital auszuleihen, Die Börsen bleiben durch die Nachwehen
des unsoliden zweijährigen Gründungstaumels bedrückt, ein Zustand,
 der durch die zunehmende Abhängigkeit von der am erikänischen
 Spekulation verschärft wird.
Während des Jahres ist der Kurswert der 365 führenden
Wertpapiere um 349,78 Mill, £ auf 6719,83 Mill. £ gefallen;

festverzinsliche Papiere kommen hierbei für 189 Mill. £, .Dividendenpapiere
 für 211 Mill. £ auf. Zahlreiche, unlogisch verkettete
 Konzerngebilde sind zusammengebrochen; bei andern,
darunter solchen, die man als bahnbrechend im Rationalisie-FUuNgsvorgang
 ansah, stehen noch unangenehme Auideckungen
bevor. Damit dürfte auch die notwendige Konzentrations:
bewegung in den Stapelindustrien gehemmt werden, besonders
in Eisen und Stahl, wo nur ganz vereinzelte Betriebe gewinnbringend
 arbeiten, während bei der Mehrzahl anhaltender
Substanzschwund vorliegt. Der Bergbau steht vor umwälzenden
 Sirukturveränderungen. Während das Kohlenausfuhrgeschäft
 durch gesetzliche Kartellbildung zusehends {oreiert
werden dürfte, muß der kürzere Arbeitstag die Beziehungen
zwischen Arbeitern und Zechenherren kritischer gestalten. Der
Schiffbau hat ein verhältnismäßig befriedigendes Jahr
hinter sich; ein Konjunkturabbau ist‘ unvermeidlich, solange
Großreedereien dem zunehmenden Kapitalmangel nicht abhelfen
können und aus der Trampschilfahrt Tonnage zurückgezogen
werden muß. Unter den Textilindustrien ist in den
Baumwollbetrieben mühevolle Konzentration zu verzeichnen;
Kostenersparnisse und die Zurückgewinnung verlorener Ausljandmärkte
 lassen noch auf sich warten. Die Wolltextilfabriken
haben trotz rückläufiger Grundstoffpreise ihre Rentabilität kaum
erhöht und drängen weiterhin auf Schutzzölle und Lohnabschläge;
ein zäher Kampf mit den Arbeitern ist im Gange, Seide- und
Kunstseidefabriken haben zunehmende Verluste zu beklagen; die
Welterzeugungskrise hat sich hierzulande scharf ausgewirkt und
        <pb n="78" />
        wird bestimmt viel Könkurse und Zusammenschlüsse unter den
jungen Fabriken nötig machen. Auch die Luxusindustrien
kämpfen mit rückläufiger Konjunktur; selbst die Tabakindustrie
arbeitet weniger gewinnbringend. Der
Außenhandel ist zusehends passiv geworden;
in den 11 Monaten bis November zeigt die Handelsbilanz überschüssige
 Einfuhren von 342,5 Mill. £ gegen 8321,99 Mill. £ im
Jahre 1928. Auch die Zahlungsbilanz dürfte keine korrigierenden
 Einflüsse aufweisen, da Banken und Schiffahrt mit abnehmenden
 Gewinnen gearbeitet haben. Verhängnisvoll für die
Frosperität des britischen Reiches ist der Verfall in sämtlichen
Rohstoffwerten, voran Buntmetalle und Wolle. Die Wirtschaftslage
 rechtfertigt nur Erwartungen einer mühe- und schmerzensvollen
 Erholung.

VEREINIGTE STAATEN
Auch an einer Kurzwende? Das ist die Frage

Washington, 10. Januar
Die amerikanische Wirtschaft ist an der Jahreswende zum
Spielball aller Lehrmeinungen geworden, und die Analyse ihrer
Zukunft weist alle Farben des Spektrums auf, vom hoffnungsf{reudigsten
 Rosarot bis zum hoffnungsbaren Aschgrau. Bei all
dem Widerstreit der großen und kleinen Propheten ist nur eines
unumstößlich sicher, daß das letzte Halbjahr einen Abrutsch aus
verblüffender Höhe in eine ebenso verblüffende Tiefe bedeutet;
was über diese Feststellung hinausgeht, ist Vermutung. Und
weiter dürfte so viel sicher sein, daß sogar Amerika einige Zeit
benötigen wird, um die Scharten auszuwetizen und das schwer
gestörte Gleichgewicht zurückzugewinnen. Aber auf welcher
Pegelhöhe? Und wann? Der verflossene Höchststand ist wohl
kaum wieder zu erwarten, und da fernerhin anzunehmen ist.
daß der tiefste Stand vielfach noch nicht erreicht ist, so wird
der Schrumpfungsprozeß noch einige Wochen, vielleicht
einige Monate, anhalten,

bis er sich auch auf die Verästelungen des Wirtschafltsbaums im
Kleinhandel erstreckt hat, und erst dann wird mit dem Wiederaufstieg
 gerechnet werden können. Die Kurvenwende ist daher
an der Schwelle der Jahreswende noch kaum in Sicht. Die
Börsenpessimisten mögen den Wirtschaftspessimisten einen
Fingerzeig geben.
Die Entwicklung seit dem letzten halben Jahr möge man an
folgenden Zahlen ablesen. Nach dem Index des Neuyorker
        <pb n="79" />
        Annalist ist:die gesamte Geschäftstätigkeit von 108,5 im Juli auf
95,4 im November gefallen und seitdem noch ‚tiefer, darunter
die üblichen Barometerindustrien: Roheisen von 127;4 auf 103,7,
Stahlknüppel von 180,8 auf 89,1, Automobile von 146,8 auf 81,8,
Frachtwagenladungen von 102,1 auf 92,1, Baumwollverbrauch
von 104,9 auf 98,8, ‚Elektrizität von 104,7 auf ‚90,5, Zinkproduktion
 von 105,6 auf 87,8, Bauerlaubnisse von 2153779 0008
(im November 1928) auf 144 880 000$, Fabrikbeschäftigung von
104 auf 99,6, Löhne von 108,5 auf 100,1, Kupferabsatz (einheimischer
 und Ausfuhr) von 138 900t auf 106 800t, während
Kupferlager von 97 700% auf 126 900% gestiegen sind. Die Kurve
[ührt also über das ganze Wirtschaftsgelände hın zum Teil sogar
scharf nach abwärts; stellt man aber gar nur den November dem
Oktober gegenüber, dann ergeben sich noch ganz, andre Steilablalle,
 die zu dem Schluß berechtigen, daß wohl noch in keinem
Einzelmonat während des letzten Halbiahrhunderts solche Rückgänge
 erlebt worden sind.
Der Außenhandel des Jahres hielt sich auf einer
bemerkenswerten Höhe, ist aber vom Oktober zum November
stark ins Gleiten gekommen; denn die Ausfuhr sank von
528 500 000$ auf 448 000 000$ und die Einfuhr von 891 000 000$
auf 339000 000%, so daß der Ausfuhrüberschuß sich von
137 500 000$ auf 109 000 000$ ermäßigte.
Das Nationaleinkommen für das Fiskaljahr 1928'29 betrug
89,4 Milliarden Dollar, im Vorjahr 88,2 und im Jahre 1922
nicht ganz 66 Milliarden.
Von dem 1928er Einkommen entfallen auf die Unternehmer rund
38,3 Milliarden Dollar, auf die Lohnarbeiter 832,2 und auf die
Gehaltsempfänger 17,8 Milliarden. Das Kopfeinkommen
war 749%, das Durchschnittseinkommen der Kopf- und IHandarbeiter
 1898%, während sie im Jahre 1909 nur 976$ erhielten,
Das umlaufende Geld betrug am 30. November 4860 000 0008,
der gesamte Reservebankkredit 1 563 000 000%, die Ausgabe neuer
{nlandanleihen während der ersten zehn Monate ohne Refundierungsanleihen
 81380 000 000$ gegen 6015 000 000$ im ganzen Jahr
1928; im November allerdings zeigte sich ein gewaltiger Rückgang
 auf 343 000 000$ gegen 982 600 000$ im Uktober, eine Folge
des Börsensturzes. Fremde Bonds erholten sich seit Mitte
November ganz erheblich. Der Bundeshaushalt für das kommende
Rechnungsjahr verlangt 3880 000.000$ gegen 3976000 000$ im
letzten Jahr. Die öffentliche Schuld des Bundes wurde: von
26 596 000 000$ im Jahre 1919 auf 16 931 000 000$ am 30. Juni 1928
armäßigt. Die Auslandguthaben betragen nunmehr
11579 000 000$ und die Zahlungen daraus sind für 1980. mit
239 000 000$ angesetzt. Von den 625000 000$ . beschlag-WO
        <pb n="80" />
        nahmten deutschen Eigentums soll der Rest mit
111566 700$ im kommenden Jahre vollends zurückbezahlt
werden. Die Ausgaben für die Landesverteidigung erheischen
nicht weniger als 730 000 000$ gegen 267 000 000$ im Jahre 1914

SCHWEDEN

Ein gutes Jahr — Außenhandel und Zahlungsbilanz
aktiv

(4) Stockholm, 12. Januar
Die Handelsbilanz für 1929 ist nach vorläufigen Berechnungen
 mit 36 Mill. Kr. aktiv. Der Ueberschuß der Zahlung sbilanz
 wird 1929 auf 246 Mill. Kr. geschätzt. Der Reichsbankdiskont
 stellte sich bis 27. Sept. auf 4,5, bis 18. Dez. auf 5,5, bis
51. Dezember auf 5 und ab 1. Januar auf 4,5%. Die Geldmarktlage
 ist normal. Die Privatbanken verfügten Ende November
über ausländische Guthaben in Höhe von 807,2 (302,7), über Einlagen
 von 3520,7 (3511) Mill. Kronen und hatten 4257,1 (4155,2)
Mill. Kronen Darlehen gewährt. Die Stockholmer Börse hat,
namentlich auf die im Ausland nnotierten Kreuger-Papiere große
Einbußen erlitten.

Seit Jahresanfang bis Ende November gingen 520 Mill. Kronen
verloren gegen einen Gewinn von 760 Mill. Kronen in der
gleichen Vorjahrszeit.
Der Kursindex (1924 — 100) wurde Ende November mit 155
(Ende Dezember 1928 mit 170,4) angegeben.
An Holzwaren wurden bis 1. Dezember 1,12 (1,05) Stand.
verkauft; die Preise waren infolge des russischen Wettbewerbs
stark gedrückt; für 1930 ist eine Verschlechterung zu erwarten.
Die Zellstoffabriken hatten ein gutes Jahr. Sie führten bis Ende
November aus: Sulfit 834 010t, Sulfat 439 480t, Holzschliff 302 380t,
d. h. 41 oder 55 oder 26% mehr als 1928. An Zeitungspapier
wurden 176 940t und an anderm Papier 208 710t. d. h. 23 oder 18%
mehr als 1928 verschifft.
Sowohl Zellstoff- wie Papierfabriken sollen für 1930 bereits
ausverkauft sein: ;

Die Eisenwerke hatten ein etwas besseres Jahr. Die Ausfuhr
(234 900t) ist in den ersten zehn Monaten um 10% gestiegen, aber
abenfalls die Einfuhr (358 000€). Die Erzeugung wird von Jernverksföreningen
 als zufriedenstellend bezeichnet. Sie betrug bis
Oktober (einschließlich) 1 003 800t (986 600t). Die größten Steige
rungen zeigen Roheisen von 807 200t auf 406 500t, und Siemens-Martin-Guß
 von 359 600t auf 409 800t. Am 831: Oktober waren

Fa
        <pb n="81" />
        40 von. 116 Hochöfen in Betrieb, Lancashireöfen 66 von 145,
Martinöfen 44 von 76, elektrische 17 von 32. Die HErzverschiffungen
 der Grängesberg-Gesellschaft betrugen bis November
8,78 Mill. Tonnen (1928 Streikjahr 3,80, 1927 9,16), Die W erftindustrie
 ist gegenwärtig besonders gut beschäftigt. Einige
Konjunkturzahlen ergänzen das Bild: Zahlungseinstellungen bis
November 2961 (2876), Wechselproteste 31,16 (29,52) Mill. Kronen.
Erzeugungsindex (1928/24 — 100) Oktober 134 (125) gegen 'L
Vierteljahr 140, II. 136, III. 132. Großhandelsindex November
135, I, Vierteljahr 144, II. und IIL 140. Allgemeiner Lebenskostenindex
 (114 — 100) 170 während des ganzen Jahres. Arbeitsuchende
 auf 100 freie Plätze: November 202 (280), Oktober 148
(156), September 127 (142). Arbeitslose in den Gewerkschaften
in % der Mitglieder: Oktober 8,6 (9), September 7,3 (7,8). Ein
Konjunkturrückgang in Schweden dürfte: 1980 nur als Folge
ainer etwaigen Weltkonijunkturabschwächung eintreten.

DÄNEMARK

Wachsender Reinertrag der Landwirtschaft
Industrie befriedigend mit einigen Ausnahmen
8 Kopenhagen, 16, Januar
Auch im dänischen Wirtschaftsleben zeigt sich in der zweiten
{Tälfte 1929 die rückläufige Weltkonjunktur, besonders innerhalb
der Schiffahrt, wo der Unterschied zwischen der ersten
und zweiten Jahreshälfte besonders ausgeprägt war. Trotzdem
war 1929 als Ganzes durch eine gewisse Stabilität der wirtschaftlichen
 Verhältnisse gekennzeichnet, ferner durch eine Fortsetzung
 der Besserung von 1928, die in erster Linie darauf
zurückzuführen war, daß die Landwirtschaft zwei Jahre
hintereinander ungewöhnlich gute Ernten hatte und die Baujätigkeit
 wieder in Gang kam.
Der Wert der Gesamteinfuhr in den ersten 11 Monaten
belief sich auf 1643 gegenüber 1592 Mill. Kronen im vorhergehenden
 Jahr. Der Ausfuhrwert für dänische Waren stieg
von 1406 auf 1478 Mill. Kronen. Der Fehlbetrag war 83 Mill.
Kronen; er wird gedeckt durch die unsichtbaren Einnahmen,
 darunter die Frachteneinnahmen der Schiffahrt; Nach
der Uebersicht des statistischen Amts Kopenhagen stieg die
Einfuhr aus Deutschland in den ersten 11 Munaten gegenüber
 dem gleichen Vorjahrszeitraum von 520 auf 589 Mill, Kronen.
Die. Ausfuhr nach Deutschland ging etwas zurück, von 313 auf
310 Mill. Kronen, hauptsächlich wegen der Verringerung des
Ausfuhrwertes für Eier, ungemahlenes . (Getreide, Felle und

2)
        <pb n="82" />
        Häute. Auf Grund der guten Ernte: 1928 und eines leichten
Anziehens des Butterpreises sowie des beträchtlichen. Steigens
des Baconpreises
erhöhte sich der Ertrag der Landwirtschaft von 45 Kronen
pro ha 1927/28 auf 155 Kronen 1928,29.
Die Betriebskosten verringerten sich von 724 auf 688 Kronen
pro ha, während der Bruttoertrag von 769 auf 843 Kronen pro ha
stieg. Der Reinertrag wuchs von 1,8 auf 6,2% vom Land:
wirtschaftskapital. Der Ausfuhrüberschuß der Landwirtschaft
wird etwa 960 Mill. Kronen ausmachen. Die Handelsbilanz der
Landwirtschaft ist damit gegenüber 1928 um fast 100 Mil
Kronen verbessert. Man rechnet, nachdem die Landwirtschaftskrise
 überwunden ist, nun mit einer normalen Verzinsung
dena Landwirtschaftskapitals. Außer der Ausfuhr von Automobilen
 stieg auch die Ausfuhr verschiedener Maschinen. Einige
Industriezweige lagen, obwohl das Jahr auch ihnen teilweise
einen etwas höhern Beschäftigungsgrad brachte, dauernd. ungünstig:
 Textil- und Lederindustrie, Teile der Eisenindustrie und
Lebensmittelindustrie, Schokoladefabriken und Mühlen. Die
Schiffswerften waren fortgesetzt sehr gut beschäftigt. Die Krise
in der Fischerei ist noch nicht überwunden, aber abgeschwächt.
 1980 beabsichtigt Dänemark, zur Hochseelischerei
in größerm Stile überzugehen.
Während 1928 durch die Neuordnung der Landmandsbank und
der Privatbank gewisse Schwierigkeiten brachte, traten solche
1929, abgesehen von der vorübergehenden Schließung der kleinen
Folkebank, nicht auf. Die Obligationskurse waren Ende des
Jahres so gut wie kaum verändert. Der Diskont wurde am
26, Sept. von 5 auf 5%% erhöht, am 24. Dez. wieder auf 5%
gesenkt. Die sichtbare Devisenreserve, wie sio aus den Bankbilanzen
 hervorgeht, betrug Ende November 1929 152 Mil.
Kronen (Privatbanken 80, Nationalbank 72).

RUSSLAND

Wirtschaftskrämpfe und -blähungen
= Moskau, 5. Januar
Eine nüchterne Betrachtung der Wirtschaftslage. des Räte:
bundes ohne „revolutionären Enthusiasmus“ ist als „bürgerliches
 Vorurteil“ im Inland verpönt. und verboten. Der im
Sommer verabschiedete „Fünfjahrsplan“ der in der „Rekonstruktionsperiode“
 befindlichen Rätewirtschaft, den Zyniker
als „längsten Witz der Weltgeschichte“ bezeichnen; hat bisher
nur erwiesen, daß er nicht in. der Lage ist, den einzigen Sinn,

&amp;gt;
        <pb n="83" />
        den Planwirtschaft haben kann, nämlich die Vermeidung
von Krisen zu gewährleisten. Bis zum Überdruß
haben wir die Deklamationen von Räteführern aller Grade
anhören müssen, daß die russische Wirtschaft, worunter man
hier geflissentlich immer. gern die Industrie verstehen
möchte und von dieser auch nur den verstaatlichten
Ausschnitt, im letzten Wirtschaftsjahr die unerhörte
Steigerung der Gesamterzeugung von 24 v. H. aufzuweisen
habe. Weniger gut hört es sich an, daß in der gleichen Periode
der Geldumlauf um 41 v. H. gestiegen ist, und daß 'es
anscheinend kein Mittel gibt, dies Verhältnis zu ändern. Dazu
muß hier betont werden, daß untrügliche Beweise für die
Unrichtigkeit der Zuwachszahl von 24 v. H. für die Erzeugung
vorliegen; denn der Ruckgang der volkswirtschaftlich sehr
erheblichen Handwerks- und Hausgewerbeerzeugung, der
systematisch. bewirkt wird, ist nicht berücksichtigt.
Den Erfolg der Getreideaufbringung, mit schärfster
Anwendung der Methode der Prodaswjerstka (gewaltmäßige
Eintreibung von Lebensmittelkontributionen bei den Bauern)
erzielt, hat man mit dem Verzicht breitester landwirtschaftlicher
 Erzeuger auf weiteres individuelles Schaffen bezahlt.
Das vielgerühmte „Hineinströmen“ der Bauern in die Kollektivwirtschaften,
 die ja nur dann - einen wirtschaftlichen Sinn
haben, wenn sie rationeller erzeugen als der Aatomisierte
Zwergeinzelbetrieb, wird deshalb zum Verhängnis.
weil die Anzahl der mit Traktoren ausgestatteten Kollektivwirtschaften
 von 20 auf 12 bis 13 v. H. zurückgeganaen
 ist.

Der Viehbestand ist in den letzten Monaten nach fachmännischem
 Urteil auf die Hälfte gesunken. Der amtlichen
Behauptung, daß die Herbstaussaatfläche um 5. v. H. gestiegen
sei, stehen Kinzelnachrichten gegenüber, so z. B. aus dem Moskauer
 Gau, wonach sie um 4 v. H. zurückgegangen ist. Trotz
des angesammelten Reservefonds von 2 Millionen Tonnen Getreide
 ist auch bei selbstyerständlicher Beibehaltung des
Kartensystems für die Lebensmittelversorgung des
nächsten Jahres mit elementaren Ernährungsschwierigkeiten
zu rechnen. Der amtliche Großhandelsindex
weist nur eine Steigerung von drei Punkten gegenüber dem
Vorjahr auf, der private Kleinhandelsindex aber eine solche
von über 60 Punkten. Letzterer aber beeinflußt zu 25
bis 75 v. H, den Haushalt selbst des Arbeiters, in weit höherm
Maße den des Bauern. Die von den Gewerkschaften errechnete
Steigerung des Reallohns um 13 v. H. läßt sich nur dann

2A
        <pb n="84" />
        nachweisen, wenn verschiedene unklare Gesamtsummen, die
eigentlich zum Haushalt der öffentlichen Fürsorge, des kulturellen,
 sanitären usw, Lebens gehören, in die Gesamtlohnsummen
 einbezogen werden. Die seit August immer wieder
bis zum 1. Februar verlängerte Zeichnungsirift für die sogenannte
 dritte Industrieanleihe über 900 Millionen Rubel beweist
 die Verknappung im Privathaushalt der Massen zur Genüge.
Der Außenhandel weist eine 15prozentige Verminderung
 der Einfuhr aus, hat sich aber gegenüber einem
Passivum von 167 Millionen im Vorjahr
mit 41 Millionen aktiv. gestaltet.
Die Ausfuhrergebnisse des ersten Viertelhs des Wirtschaftsjahres
 1929/80 befriedigen nach den Jüngsten Angaben mit 255
Millionen keineswegs und stellen nur 21% des Jahresplans dar,
der einen Zuwachs von 50% gegenüber dem Vorjahr vorgesehen
hat. Der Gesamtumsatz mit 1,7 Milliarde bleibt mit melu
als 50 v. H. unter dem Friedensumsatz zurück. Deutschland
 steht zwar mit 400 Millionen Umsatz an der Spitze aller
Länder, doch wurde erstmalig die Bilanz für Deutschland mit
20 Millionen Rubel passiv. Erhebliche Anstrengungen, die
Ausfuhr von zweiten Waren und Holz besonders zu fördern,
ohne Rücksicht auf Inlandmarkt und Inlandkosten, dürften
sich in einer Verstärkung dieser Tendenz auswirken. Der
Kurs des illegal im Ausland gehandelten Rubels ist im letzten
Jahr um etwa 50 v. H. gesunken und entspricht einem Drittel
des amtlichen Kurses.
Daneben ist nicht zu verkennen, daß die Milliardeninvestierungen,
 besonders in den Neubau von Industrien und in die
Industrialisierung der Landwirtschaft, auch Werte schaffen und
das Land auf seinem zwangsläufigen Weg vom Agrarstaat zu
einem gemischtwirtschaftlichen Industrie- und Agrarstaat vorwärtsbringen.
 Die sozialistischen Theoretiker aber ‚vergessen,
daß Gewinn keine kapitalistische Erfindung,
sondern ein Wertmesser für die Gesundheit jedes
Wirtschaftens ist. Vorläufig übersteigen : die Aufwendungen
 die Wirkung, und das inflatorische Loch im Budget
wächst. Die spezifisch russischen, sehr realen Faktoren der
„rohen und ungefügen Masse“ sowie viele Imponderabilien,
schließlich aber vor allem das künstlich doktrinär Gewollte der
vorhandenen Lage, die politisch immer noch in der Hand der
Führer ist, verhindern jedoch allen grundsätzlichen Pessi-MiISMUS.


5
        <pb n="85" />
        OESTERREICH Ür
Günstige Staatswirtschaft — UVebersteuerung
Wirtschaftliche Depression
®© Wien, 22. Januar ©
Die Politik hat’ der Wirtschaft schwerste Wunden geschlagen;
Jeren Heilung noch geraume Zeit erfordern wird. Die innerpolitische
 Beunrüuhigung färbte auch auf das Urteil
des ausländischen Kapitals ab, und als dazu noch die Schwierigkeiten
 der Bodenkreditanstalt kamen, setzte die
Kündigung ausländischer Kredite, die Abhebung von Sparainlagen
 und sogar eine unsinnige Schillingflucht ein. Wahre
Lerkulesarbeiten, die Uesterreich aus dieser gefährlichen Lage
herausrissen, sind dem Bundeskanzler Schober zu danken. Aber
die.wirtschaftiliche Bilanz des Jahres war nicht
mehr zu bessern. . . | ;
Die folgenden Angaben zeigen deutlich, daß Staats- und Volkswirtschaft:
 auch 1929 sich ganz verschieden entwickelt haben.
Staatshaushalt: Die laufende Gebarung ergab. 1925-1928
trotz einer 40proz. Steigerung der Ausgaben Ueberschüsse
von 510 Mill. Schilling; da die Begebung der Investitionsanleihe
infolge des Widerstandes Italiens in der Reparationskommission
bisher unmöglich war, mußte der Investitionsaufwand von
635. Mill. Schilling aus diesen Ueberschüssen, Kassenbeständen
und Bankkrediten an die Bundesbahnen gedeckt werden. Durch
das. Abkommen über die Reliefschulden gingen die Bundesschulden
 um 538 auf 1884 Mill. Schilling zurück. Die Einnahmen
 des Bundes an Steuern, Gebühren und Zöllen, die
1925 922 Mill. betrugen, sind für 1980 mit 1129 Mill. Schilling
veranschlagt; die Steigerung der direkten Steuern allein beträgt
über 28%. Die Besteuerung der Aktiengesellschaften nahm
34,8% ihrer Reinerträgnisse weg.

Die Belastung aus allen öffentlichen Abgaben stieg seit
1926 von 329 auf 475 Schilling jährlich je Kopf der
Bevölkerung.
Das kleine‘ Oesterreich hat 81000 Bundesangestellte und hat
118000 Pensionsparteien zu erhalten. Nationalbank:
Der Wechselbestand stieg‘ um 46,8% auf 305,6 Mill. Schilling, die
Devisenbestähde nahmen um: 60 Mill. Schilling ab, das Deckungsverhältnis
 (gesetzliche Mindestdeckung 830%). Die Darlehnsschuld
 des Bundes ging von 253 auf 108,65 Mill. Schilling zurück.
Der Bankzinsfuß wurde zweimal (von 6% auf 7% und dann auf
3%%) erhöht, nach dem Umschwung am internationalen Geld-
        <pb n="86" />
        markt auf 7%% ermäßigt; er ist.noch um 1% höher als in der
gleichen Vorjahrszeit. Bankkredite sind nach wie vor
unerschwinglich hoch; sie stellen sich für erste Firmen auf
13-14%. Die Handelsbilanz ıst anhaltend ungünstig, der
Einfuhrüberschuß wird 1100 Mill. Schilling übersteigen. Für die
Landwirtschaft war. das Jahr infolge der gesunkenen
Getreidepreise ein Krisenjahr. In der Industrie hatten
nur die Brau-, Magnesit- und Glasindustrie befriedigende
Ergebnisse. Die Erzeugung von Rohstahl betrug 92,8 (i. V. 89,7),
von Walzware 98,3% (98,5%) der Vollbeschäftigung. Die übrigen
Zweige der Industrie verzeichneten ein Jahr der
Depression, zum Teil ein Krisenjahr.
Die Zahl der unterstützten. Arbeitslosen betrug Mitte
Dezember 198 100, der nichtunterstützten 33200, insgesamt um
15000 mehr als in der gleichen Vorjahrszeit. Die Banken
werden kaum Gewinnsteigerungen aufweisen. Die Lage des
Aktienmarkts läßt Kapitalvermehrungen der Konzerngesellschaften
 nicht zu, so daß die eingefrorenen Kredite
weiter gestiegen sind. Seit 1921 ist die Zahl der österreichischen
Großbanken von 7 auf 3 zurückgegangen. An der Börse hielt
die Stagnation an. Der Index der österreichischen Aktien sank
um 14%. Stärkste Einbußen gegenüber den Kursen vom Jahresbeginn
 erlitten Alpine 28, Südbahn 38, Staatsbahn 56, Donaudampfschiff
 66, Karpathen-Petroleum 78, Steyrwerke 82%.
In einem sehr schlechten Zustand ist die österreichische Wirtschaft
 in das neue Jahr eingetreten. Die steigenden Einnahmen
der öffentlichen Hand können nicht darüber hinwegtäuschen,
daß sie aus einer im Erwerb herabgedrückten und ausgebluteten
Wirtschaft gezogen werden. Aber manche Hindernisse, die die
Lage vor wenigen Monaten noch verzweifelt erscheinen ließen,
sind aus dem Wege geräumt. Die Konferenz im Haag
wird Oesterreich hoffentlich von allen Reparationsverpflichtungen
loslösen und die finanzielle Bewegungsfreiheit bringen. Wird
auch eine ehrlich durchgeführte innere. Abrüstung
erfolgen, dann darf wohl gehofft werden, daß das neue Jahr
zum mindesten die Ansätze einer allmählichen Besserung
bringen wird.

UNGARN

Tiefstand — Krise der Landwirtschaft — Ungarn
braucht Absatzmärkte und Anleihen.

; S Budapest, 21. Januar
Ungarns Wirtschaft zeigte zum Jahresende einen Tiefstand.
In der Hauptsache war der Konjunkturrückgang eine Folge der

7
        <pb n="87" />
        Weltwirtschaftslage, aber auch die Fehler in der Wirtschafts«
politik der Regierung haben viel zu dieser Entwicklung beigetragen.
 Die Grundlagen der Wirtschaft sind aber gesund
geblieben und bieten Aussicht für einen Wiederaufstieg,
Der ungarische Staatshaushalt hat im Haushaltjahr
1929/80 Höchstzahlen erreicht. Im ersten Jahr der Gesundung
der Staatsfinanzen beirugen die Gesamteinnahmen 874, die
Gesamtausgaben 747 Mill. Pengö; diese sind im Verlauf von fünf
Jahren auf 928 bzw. 920 Mill. Pengö gestiegen. Hierzu kommen
noch die Staatsbetriebe mit‘ Einnahmen von 509 und Ausgaben
von 507 Mill. Pengö. ‘In den verflossenen fünf Jahren wurden
931 Mill. Pengö für staatliche Anschaffungen verausgabt. Die
geschwächte Privatwirtschaft erwies sich bereits
als unfähig zur Tragung der großen Lasten, weshalb die
Regierung den Haushalt zunächst um 5% herabsetzen will
Es ist zu befürchten, daß die staatliche Anschaffungstätigkeit
hierunter leiden könnte, Um dies zu vermeiden wären langfristige
 Auslandkredite dringend notwendig. Die Ausweise der
Nationalbank zeigen ein Zusammenschrumplfen der Wirtschaft.
 Der Notenumlauf ist im verflossenen Jahr von 513 auf
500 Mill., das Wechselportefeuille von 417 auf 329, der Barschatz
von 263 auf 209 Mill. Pengö gesunken. Die Lage des internationalen
 Geldmarkts, mithin devisenpolitische Rücksichten
zwangen die Bank ihre Rate am 23. April von 7 auf 8% zu
arhöhen; sie wurde erst am 4. November auf 7%% ermäßigt.
Infolge der hohen Bankrate gab es Zeiten, wo Banken erste
Handelswechsel nicht unter 10% hereinnahmen.
In der Provinz schwankten die Sätze zwischen 14-18%.
Die Banken brauchten große Spannungen zwischen Debet- und
Kreditsätzen, um sich für den Ausfall im Effektengeschäft und
tür die erhöhten Risiken im Kreditgeschäft schadlos zu halten.
Nur so war es den Banken möglich, die Aufrechterhaltung der
vorjährigen Dividende zu sichern. Die Börse hat ein Krisenjahr.
 hinter sich. Demgegenüber war die Lage der Industrie
im, allgemeinen günstig. Dies gilt besonders für die Kohlen-,
Eisen-, Maschinen- und Elektroindustrie. Die Kohlenförderung
stieg von 7,8 auf 7,7 Mill. Tonnen. Die Bautätigkeit war
befriedigend, die Aussichten für das neue Jahr sind aber
ungünstig. Weniger gut ging .es der Textil-, Mühlen- und
chemischen Industrie. Die Zucker- und Brauindustrie konnten
ihre Erträgnisse behaupten.
Die Landwirtschaft hatte trotz guter Ernte infolge der
Verwertungsschwierigkeiten hart.zu kämpfen. Der südslawische
Wettbewerb verdrängte den ungarischen. Weizen von seinen

ZR
        <pb n="88" />
        Absatzmärkten. Die steigende Rinder- und Schweineausfuhr
konnte den hierdurch erlittenen Verlust nicht voll ausgleichen.
Die. Bestrebungen zur Verbesserung der Handelsbilanz
waren erfolgreich. Dies muß jedoch zum Teil als ungesunde
Erscheinung gewertet werden. Infolge der verringerten Kaufkraft
 der Bevölkerung und der Abschreckung ausländischer
Firmen durch Insolvenzenverluste ist die Wareneinfuhr von
1185 auf 1080 Mill. Pengö gesunken. Mit Hilfe staatlicher Aus-{uhrkredite,
 Tarifbegünstigungen usw. konnte die landwirtschaft:
liche Ausfuhr gesteigert werden, wodureh sich die Gesamtausfuhr
 von 819 auf etwa 980 Mill. Pengö erhöhte.
Infolgedessen dürfte auch der Ausfall der Zahlungsbilanz
von 500 Mill. auf 250 Mill. Pengö zurückgegangen sein.
Neben der Landwirtschaft erscheint der Handel hart mitzenommen.
 Zahlungseinstellungen haben besonders zum Jahresande
 erschreckend zugenommen. Die Zwangsausgleiche sind
gegenüber 1376 im Jahre 1928 auf 2075, die Passiven von 98 auf
127 Mill. Pengö gestiegen. Außerdem gab es 400 Konkurse. Am
zahlreichsten waren die Zusammenbrüche im Textilhandel.
Gelingt es die Wiedergutmachungsfrage befriedigend zu lösen,
den Weg für langfristige Auslandanleihen des Staates freizulegen,
 die Ausfuhr der landwirtschaftlichen Erzeugnisse sicherzustellen,
 dann ist mit einem Wiederaufstieg der ungarischen
Wirtschaft zu rechnen.

TSCHECHOSLOWAKEI
Rückläufige Konjunktur — Stark verminderte
Aktivität der Außenhandelsbilanz
my Prag, 22. Januar
Das Jahr 1929 verlief durchaus günstig. Um es gleich vorwegzunehmen:
 noch günstig; denn im zweiten Halbjahr
machten sich gewisse Anzeichen bemerkbar, die deutlich
auf eine absteigende Konjunkturlinie hinwiesen. Die
Schlüsselindustrien waren aber das ganze Jahr hindurch
 gut beschäftigt; vor allem die Montan- und die KEisenindustrie
 sprechen von Rekordjahren. Die private Bautätigkeit
ließ sehr nach; im Zusammenhang damit stelite sich ein
Sinken der überspannten Bodenpreise ein. Auf voller Höhe
blieb die Investitionstätigkeit des Staates; wie aus dem
Budget für 1980 ersichtlich ist, denkt die Finanzverwaltung
nicht daran, diese einzuschränken. Ausgesprochen schlecht
ging es der Textilindustrie. Solange in diesem Zweige
nicht Umstellungen und Zusammenschlüsse erfolgen werden,

*o
        <pb n="89" />
        ist an ein Abebben der Krise nicht zu denken. Durch die
schlechte Weltlage der Zuckerindustrie ist naturgemäß
auch dieser in der Tschechoslowakei besonders vertretene
Zweig stark betroffen. Der Tiefpunkt scheint aber, wenn man
die Ergebnisse der Kampagne 1928/29 bilanzmäßig : erfaßt,
schon überschritten zu sein; der Rückgang in den Dividenden
hat aufgehört. Durch die wungeregelten handelspolitischen
 Verhältnisse zwischen Deutschland und. der
Tschechoslowakei — es wird das vierte Jahr verhandelt —
besonders berührt ist die Malzindustrıe, die von der
Ausfuhr nach Deutschland früher einmal sehr gut leben
konnte.
Die Handelsbilanz stand im Zeichen eines starken
Rückgangs ihrer Aktivität, Vor allem die ersten Monate
waren besonders passiv, so daß bereits eine gewisse Beunruhigung
 bemerkbar wurde. Im Oktober trat dann eine
Besserung ein, die die allgemeine pessimistische Auffassung
über die Wirtschaftslage durchbrach. Im November verbesserte
sich die Lage noch weiter, so daß
die Gesamtbilanz des Jahres 1929 für die Zeit Januar-November
 mit 187,5 (i. V. 1783,5) tsch. Kronen aktiv war.
Der Gesamtumsatz in dieser Zeit blieb für die beiden Jahre
ungefähr auf gleicher Höhe: 36,3417 gegen 36,3275 Mill. tsch.
Kronen, wobei jedoch die Gesamteinfuhr 1929 um 805
Mill. tsch. Kronen stieg, während die Gesamtausfuhr eine
Abnahme um 790,9 Mill. tsch: Kronen aufweist. Der Großhandelsindex
 fiel von 953 im Januar auf 888 im November,
der Kleinhandelsindex der Lebensmittel von 900 auf 879. "In
einigen Welthandelsartikeln trat eın scharfer Abbau. der Preise
ein: böhmischer Hopfen fiel von 1785 Kr. zu Jahresbeginn
 auf 688 Kr. bei Jahresschluß, böhmischer Weizen von
185 auf 170, Gerste von 173 auf 145. inländisches Rundholz von
233 auf 190,
Schon in den ersten Monaten machten sich Anzeichen
geltend, die auf eine stärkere Versteifung des Geldmarkts
schließen ließen. Die Lage wurde auch durch die Passivität der
Außenhandelsbilanz verschlechtert und dazu trat die fast gänzliche
 Freigabe des Devisenverkehrs zu Jahresbexinn. Der
offizielle Banksatz blieb das ganze Jahr hindurch 5%, aber dıe
Anspannung kam darin zum Ausdruck, daß inmı Oktober der
Frivatdiskontsatz den offiziellen Satz überschritt und
sich auf 5%% erhöhte. ‚Erst ab Mitte November trat eine Entspannung
 ein, die sich ins neue Jahr hinüber fortsetzte. . Die
Nöätrsae cab. ein getreues Bild dieser Lage: zu Jahresbeginn

3n
        <pb n="90" />
        waren die höchsten, im November die niedrigsten Kurse und
das Jahresende war gebessert. Der Börsenindex der Industriewerte
 betrug zu Jahresbeginn 149,3, Ende November 1342. .
Das Jahr schloß im Zeichen einer abfallenden Konjunkturlinie,
 die jedoch nicht so steil ist, daß für dıe nächste Zeit
irgendwelche Befürchtungen gehegt werden müßten. .
RUMANIEN

Schlechte Zeiten — Gelungene Stabilisierung
8 Bukarest, 21 Januar
Das Jahr 1929 brachte Rumänien nach Abschluß einer Stabilisierung-
 .und Wiederaufbauanleihe die Stabilisierung das Leu,
welche heute als gesichert gelten kann, Wenn dem Lande auch
eine Stabilisierungskrise erspart geblieben ist, so haben sich die
in die Währungsfestigung und den Abschluß der Anleihe gesetzten
 Hoffnungen bislang n ic ht erfüllt. Es unterblieb namentlich
 die im Stabilisierungsprogramm ais unerläßliche Notwendigkeit
 vorgesehene Erhöhung des Notenumlaufes, es unterblieb
auch die Prägung von Hartgeld, folgensenwere Unterlassungen,
die in der zunehmenden Geldverknappung und damit im Zusammenhang
 in einem bedrohlichen Ansteigen der Privatzinssätze,
 denen auch durch Ermäßigung der Bankrate um %% auf
9% nicht beizukommen war, unangenehm fühlhar werden. Es
ist bislang auch nicht möglich gewesen, das Wiederaufbauprogramm
 für die Eisenbahnen, Telephon, Teiegraph und das
Straßenwesen ernstlich in Angriff zu nehmen;
die größte Enttäuschung war aber das Ausbleiben des
erhofften Zustroms von Auslandkapital zur Ausnutzung
der Bodenreichtümer des Landes,
Die den ausländischen Geldgebern gegenüber eingegangenen
Verpflichtungen lasten schwer auf der Gesamtheit des Voikes,
Die geforderte Ausgleichung des Staatshaushalts führte in einer
Zeit schwerster Absatzkrise zu empfindlichen Steuererhöhungen,
die vor Jahresschluß eine weitere Steigerung erfahren mußten,
um die Folgen einer zehnjährigen Mißwirtschaft wenigstens
einigermaßen  abzuschwächen, Nach angestrengtester Arbeit,
Ordnung in den Staatshaushalt zu bringen, beziffert sich dieser
für 1980 auf 37450 Mill. Lei, mit Einschluß der kemmerzialisierten
 und selbständiggemachten Unternehmungen wie Staatsbahnen,
 Postverwaltung usw., auf 52 240 Mill. Lei.. Das ist mehr
als der zweieinhalbfache Notenumlauf des Landes! .
Privatwirtschaftlich bedeutet das Jahr 1929 eine Verschärfung
der Krise, deren :eine. Ursache darin liegt, daß es.in den Herbst.
        <pb n="91" />
        monaten nicht gelungen war, den Ueberschuß der im Vergleich
zum Vorjahr weitaus bessern Ernte nach dem Ausland zu
verkaufen. Die Handelsbilanz war bis September mit 3534 Mill.
Lei passiv, doch dürften die Verschiebungen zugunsten
Rumäniens im Herbst den Ausfall bis September nicht ganz ausgleichen.
 Behindert durch einen Zolltarif, der auch in seiner
Neugestaltung noch immer zu prohibitiv ist, um den Bedürfnissen
 des industriearmen Landes zu entsprechen, bedrängt
weiter von einer Verbraucherkrise und einer großen Geldknappheit,
 bedrückt auch durch schwere Steuerlasten, stellt der
Handel ein trostloses Bild des Verkümmerns dar, Die Folge:
eine erschreckende Zunahme der Zwangsausgleiche (von 2111
im Jahre 1928 auf 2285 in den ersten zehn Monaten 1929) und
der Bankrotte (von 336 im Jahre 1928 auf 37i in den ersten zehn
Monaten 1929).
Der Industrie geht es nicht viel besser. Die Petroleumindustrie
 ist durch eine tiefgehende Absatzkrise gehemmt, die
sich erst nach Wiedererrichtung des Petroleumkartells einigermaßen
 besserte, In der Schwerindustrie sind Betriebseinstellungen
 an der Tagesordnung. Man will ihnen mit Rationalisierung
 und möglichster Zusammenlegung der Betriebe beikommen.
 Am deutlichsten kommt der Niedergang der Privatwirtschaft
 in dem Sinken der Wertpapiere auf der Bukarester
Börse zum Ausdruck. Die gangbarsten Banken- und Petroleumwerte
 erfuhren Einbußen von durchschnittlich 35-40%.

GRIECHENLAND
Besserung und günstige Zukunftsaussichten

69 Athen, 20. Januar
Die finanzielle und wirtschaftliche Stabilisierung Griechenlands
 kann als erreicht betrachtet und die Lage des Handels als
zufriedenstellend angesehen werden. Das Jahr 1929 gestattet
einen hoffnungsvollen Ausblick in die wirtschaftliche Zukunft
Griechenlands.
Das Vertrauen des Auslands zu Griechenland hat sich sichtlich
gebessert. Die Zunahme der Konkurse und der Zusammenbruch
einiger Banken haben eine geringe Bedeutung für die allgemeine
Wirtschaftslage. Es handelte sich um ungesunde Unternehmungen,
 die ihren Erwerb mehr in der Spekulation als in
ernster Arbeit suchten. Der griechische Ausfuhrhandel
hat weiter zugenommen; er erreichte 1927 6 und 1928 6,2
Milliarden Drachmen (100 Drachmen = 5,44 RM). Vom 1. Januar
bis 30. November 1929 wurden in Griechenland aus dem Ausland

3°
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        2523 453t Waren eingeführt im Werte von 12,16 Milliarden
Drachmen, die griechische Ausfuhr erreichte 686 724t im Gesamtwert
 von 6,36 Milliarden. Die Zunahme der Einfuhr gegenüber
dem Vorjahr beträgt 787 841 000 Drachmen, die Ausfuhr übersteigt
 die des Jahres 1928 um 100 255t, und ihr Gesamtwert hat
eine Erhöhung um 1.3 Milliarde erfahren.

Das Defizit der griechischen Handelsbilanz beträgt im Jahre
1929 bisher 5,80 gegenüber 6,27 Milliarden in der gleichen
Zeit des Vorjahrs.

Deutschland hat in den elf Monaten in Griechenland für
1,16 Milliarde Waren eingeführt und für 1,52 Milliarde
Drachmen griechische Erzeugnisse abgenommen.
Der Piräus wird zu einem der ersten Häfen des Mittelmeeres
 ausgebaut, ebenso sind große Hafenarbeiten in Salonik
und Kawalla im Gange. Athen baut eine Wasserleitung
 für 1 Milliarde Drachmen; Trockenlegungsarbeiten
werden durchgeführt, Stauwerke gebaut, die Verwendung
der natürlichen Wasserkräfite für die Elektrizitätsgewinnung
 ist geplant; ein neues Fernsprechnetz wird wahrscheinlich
 von Siemens &amp;amp; Halske eingerichtet, eine Landwirtschaftsbank
 mit einem Kapital von 90 Mill. RM ist gegründet
worden. Die am 14. Mai 1928 durchgeführte Stabilisierung der
Drachme wirkte äußerst günstig auf Handel und Wirtschaft,
wenn sie ‘auch ein langsames‘ Anziehen der Lebenshaltungskosten
 mit sich brachte; die Indexzahl stand
zur Zeit der Stabilisierung auf 1868 und 1929 (1, Halbjahr) 2020.
Der Diskontsatz der Bank von Griechenland blieb unverändert
 9%. Infolge des Bargeldmangels und der Schwierigkeit
der Kreditbeschaffung hat die griechische Regierung jetzt
beschlossen, aus ihren im Ausland befindlichen Guthaben
 in Höhe von ungefähr 80 Mill. RM 60 Mill. RM nach
Griechenland zurückzuführen und diese bei den hiesigen
Banken zu deponieren. Die Nationalbank und die Bank von
Griechenland sollen diese Mittel teils zur Ausgabe von Darlehen
an die griechische Industrie, teils zum Ankauf griechischer
Industrieaktien verwenden. Das Nationaleinkommen
wird auf 35-40 Milliarden Drachmen geschätzt. Die Industrie hat
sich seit. 1920 gut entwickelt; der Wert der Gesamterzeugung
übersteigt 11 Milliarden Drachmen, der der ausgeführten Industrieerzeugnisse
 über 1 Milliarde. Die Landwirtschaft soll
durch die in Angriff genommenen Nutzarbeiten gehoben werden,
um dadurch das Defizit der Handelsbilanz zu verringern, da
diese durch die fast ein Viertel der Gesamteinfuhr erreichende
Getreideeinfuhr stark belastet wird.

A
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        Ziel: Ueber ausgeglichene Handelsbilanz zur
festen Währung
2 Konstantinopel, 20. Januar.
Der neue türkische Staatshaushali zeigt 222 v92 000 türk. Pfd,
in’den Einnahmen und 222 639 000 türk. Pfd. in den Ausgaben,
d.‘h. etwa 2 Millionen mehr als der vorjährige. Unter den Einnahmen
 bringen die direkten Steuern 49,5, die indirekten 94,3
und die Monopole 47,2 Mill. türk. Fid. Von den Ausgaben sind
die Hauptposten die für die bewaffnete Macht, Gendarmerie und
Polizei mit ungefähr 83, die der öffentlichen Arbeiten mit 34 und
der Staatsschuldendienst mit 33,1 Mill. türk. PId. Zur Vermeidung
der fremden Kontrolle beim Schuldendienst bemüht sich die
Regierung, fällige Zahlungen immer voraus zu decken. Da der
Staatshaushalt mit den Eisenbahn-, Hafen-, Straßen- und Bewässerungsbauplänen
 der Regierung nıcht mitkommt, suchte
man durch einen Schutzzolltarif die einheimische Erzeugung
 zu fördern, zugleich aber die Kassen des Zollfiskus zu
füllen. Ungeschickte Ankündigung des Tarifs trieb den Handel
zu Angstverkäufen in Höhe von über 100 Mill. türk Pfd,,
die zwar mit Wechseln bezahlt, immerhin aber Ursache für eine
Devisenhamsterei des Handels wurden. Der doppelte Bedarf an
Devisen erschütterte die türkische Währung schwer: sie fiel bis
auf 1110 Piaster für den Sterling.
Das türk. Pfd, geht mit einem Tiefstand von 1026 Piastern
für den Sterling ins neue Jahr.
Die Regierung betreibt als Mittel zur Festigung der Währung die
Gründung einer Staatsbank mit 50 Mill. türk Pfd. Kapital,
die nur aus türkischen Quellen, meist von der Regierung selbst
aufzubringen seien. Vorher soll schon durch allgemeine Sparsamkeit
 und Verwendung von möglichst nur türkischen Erzeugnissen
 im öffentlichen und privaten Leben die Einfuhr bis zur
ausgeglichenen Handelsbilanz herabgedrückt werden. Das
dürfte aber kaum möglich sein. Die türkische Einfuhr beirug im
letzten Jahr 210, die Ausfuhr 150 Mill. türk. Pfd,, so daß die
Handelsbilanz mit 60 Mill. türk. Pfd, passiv war. Der heutige
Stand der türkischen Erzeugung kann diese Mehreinfuhr nicht
beseitigen.

TÜRKEI

A
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        INHALTSVERZEICHNIS

Deutschland
Allgemeiner Überblick . 5
Die Kohlen- u. Eisenindustrie i i i
Der Kapitalmarkt... . m Vergleich mit dem Ausland 35
Vereinigung und Verflechtung Se
Börsenkrise . . .. |
Seeschiffahrt und Schiffbau
Die Verpflechtung mit den Weltwarenmärkten .
Ausland
Frankreich
Belgien
Holland
Spanien
Schweiz
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England
Vereinigte
Schweden
Dänemark
Rußland
Österreich
Ungarn .
Tschechoslowakei
Rumänien , .
Griechenland
Türkei .

A

46
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        Der Stand der Wirtschaft

uonNatsdurch-


1913

Kohlenförderung, Ruhrgebiet
desgl. arbeitstäglich
Zoksherstellung, Ruhrgebiet
desgl. arbeitstäglich .
Taldenbestände, Ruhrgebiet
\usfuhr von Steinkohle_
Inglische Kohlenförderung - —
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Zinfuhr von Kisen- und Stahlware- im
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Zoheisenpreise: Gießereiroheisen III, Essen - -
Cleveland III. MidAlesborough
PL III, Paris .
(II. Brüssel .
Stromerzeugung (122 Werke)?.
Stromabgaben fan 103 Werke‘
Jüterwagengestellung der Reichsbahn
dinzelhandelsumsätze
Bekleidung
Hausrat und Möbel =

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Wirtschaftskredite der Reichsber} ...xz.
Spareinlagen im Deutschen Reich 1_ 1 -
Zunahme der Spareinlagen 7a
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Lohnsteuer _-_ -.-Kapitalertragssteuer
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Umsatzsteuer —_ -.
Kapitalverkehrssteuer _ _ . —_—
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Reichsbankdiskont _. a
Tägl. Geld... _
Monatsgeld - -__- -
Privatdiskont mm „=Rendite
 der Goldpfandbriefe "7
Aktienindex (329 repräsentative Aktien) =
Bergbau und Schwerindustrie — . =
Verarb. Industrie _ mm me „ll
Handel und Verkehr © 202. 8

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Nach der Statistik der Gewerkschaften !
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Kupfer, Elektrolyt, Berlin .  Mje100kg
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Kautschuk. London, loko . x. je 1 1b
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        nahmten deutschen Eigentums soll der Rest mit
111 566 700$ im: kommenden Jahre vollends zurückbezahlt.
werden. Die Ausgaben für die Landesverteidigung erheischemn
nicht weniger als 730 000 000$ gegen 267 000 000% im Jahre 1914

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Ein gutes Jahr — Außenhandel und Zahlungsbilanz
aktiv

(1) Stockholm, 12. Januar
‚Die Handelsbilanz für 1929 ist nach vorläufigen Berechnungen
 mit 36 Mill. Kr. aktiv. Der Ueberschuß der Zahlung sbilanz
 wird 1929 auf 246 Mill. Kr. geschätzt. Der Reichsbankdiskont
 stellte sich bis 27. Sept. auf 4,5, bis 13. Dez. auf 5,5, bis
51. Dezember auf 5 und ab 1. Januar auf 4,5%. Die Geldmarktlage
 ist normal. Die Privatbanken verfügten Ende November
über ausländische Guthaben in Höhe von 307,2 (302,7), über Einlagen
 von 3520,7 (3511) Mill. Kronen und hatten 4257,1 (4155,2)
Mill. Kronen Darlehen gewährt. Die Stockholmer Börse hat,
Jamentlich auf die im Ausland notierten Kreuger-Papiere große
Zinbußen erlitten.

Seit Jahresanfang bis Ende November gingen 520 Mill. Kronen
verloren gegen einen Gewinn von 760 Mill. Kronen in der
gleichen Vorjahrszeit.
Der Kursindex (1924 — 100) wurde Ende November mit 155
‘Ende Dezember 1928 mit 170,4) angegeben.
An Holzwaren wurden bis 1. Dezember 1,12 (1,05) Stand.
verkauft; die Preise waren infolge des russischen Wettbewerbs
Stark gedrückt; für 1980 ist eine Verschlechterung zu erwarten.
Die Zellstoffabriken hatten ein gutes Jahr. Sie führten bis Ende
November aus: Sulfit 834 010t, Sulfat 439 480t, Holzschliff 302 380t;
d. h. 41 oder 55 oder 26% mehr als 1928. An Zeitungspapier
wurden 176 940t und an anderm Papier 208 710t. d. h. 23 oder 18%
mehr als 1928 verschifft.
Sowohl Zellstoff- wie Papierfabriken sollen für 1930 bereits
ausverkauft sein. ;
Die Eisenwerke hatten ein etwas besseres Jahr. Die Ausfuhr
(234 900t) ist in den ersten zehn Monaten um 10% gestiegen, aber
ebenfalls die Einfuhr (358 000t). Die Erzeugung wird von dJernverksföreningen
 als zufriedenstellend bezeichnet. Sie betrug bis
Oktober (einschließlich) 1008 800t (986 600t). Die größten Steiges
(ungen zeigen Roheisen von 807 200t auf 406 500t, und Siemens-Martin-Cuß
 vor 359 600t auf 409 800t. Am 81. Oktober waren

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