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        <title>Inlandskapital, Auslandskapital, Kriegstribute</title>
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            <forname>Robert</forname>
            <surname>Liefmann</surname>
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            <idno>1823002579</idno>
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        Weltwirtschaftliche
Vorträge und Abhandlungen
Herausgegeben von Ernst Schultze
Heft 8

Inlandskapital
Auslandskapital
jegstribute
Untersuchungen
über die Probleme der Kapitalbildung
van
Robert Liefmann

Leipzig 1930
Deutsche Wissenschaftliche Buchhandlung
G. m. b. H.
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        Weltwirtschaftliche Vorträge
und Abhandlungen
Heft 8
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        Weltwirtschaftliche
Vorträge
und Abhandlungen

Herausgegeben von
Dr. Ernst Schultze
ord. Professor der Volks- und Weltwirtschaftslehre an der
Handels-Hochschule Leipzig, Direktor des Weltwirtschafts-
Instituts

Heft 8:
Inlandskapital - Auslandskapital -
Krieostribute
Untersuchungen über die Problemeder Kapitalbildung
von Robert Liefmann

Leipzig 1930
Deutsche Wissenschaftliche Buchhandlung
G. m. b.H.
        <pb n="5" />
        Inlandskapital
Auslandskapital
Kriegstribute

Untersuchungen
über die Probleme der Kapitalbildung

Yon
Robert ‚Liefmann

Leipzig 1930
Deutsche Wissenschaftliche Buchhandlung
GC. m. bh. HH.
        <pb n="6" />
        Nachdruck verboten

Alle Rechte
vorhehalten

40

(E
JSx

Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp; Co,, Altenburg, Thür.
        <pb n="7" />
        Inhaltsübersicht

Einleitung

Seite
7
ı. Kapitel: Wesenund FormendesKapitals 11
I. Der Umfang der Kapitalbildung .. 11
II. Kapital als Produktionsmittel.. ...... 13
[II Kapital als Kosten ........u0. 19
2. Kapitel: Kapitalbildung und Löhne ....
I. Übermäßige Lohnsteigerungen seit
der Stabilisierung .. ..0..000004400404
[IL Die Grenzen der Lohnsteigerungen
z. Kapitel: Falsche Kapitalbildung.. ......
I. DerWohnungsbau alsKapitalbildung
[I Die Kapitalbildung der öffentlichen
Körperschaften .. ... ..
III. Die Beschäftigung von Arbeitern im
Baugewerbe ......

22
28
35
35

4. Kapitel: Die Kapitalbildungin der Unter
nehmungselbst .. 0.04.0400 44 04H
I. Der Zins als Regulator der Kapital-
bildung .. ..04.000400406
II. Grenzen der Rationalisierung

48

48
BA
5. Kapitel: Kapitalbildung und Börsen-
spekulation.. 0.00.0000... 58
I. Braucht die Börse Kapital? ...... 58
[I. Die Wirkungen des Spekulations-
kapitals auf die Konjunktur ...... 64
[II Die Nachteile der Börsenspekulation 68
        <pb n="8" />
        Seite

6. Kapitel: Die Arten der Beschaffung und
- Verwendung von Auslandskapital 73

[. Die Besonderheiten des deutschen

Kapitalbedarfs .. ., .. 0.000000

IL. Kurzfristige Auslandskredite .. .. ..

II. Langfristige Auslandskredite oder Be-

teiligungen? ......
7. Kapitel: Die Gefahren des Auslandskapitals 93
; I. Die Verteidigung der Auslandskredite 93
[I.Die Umwandlung .von Auslands-
kapital in Mark.
[II. Warum ‘hat der Kapitalimport den
Zins nicht gesenkt?.. 0...

104
8. Kapitel: Kriegstribute und Kapitalrück-
zahlungen ee u 108
I. DerYoungplan und die Mobilisierung 108
{I. Die Rückzahlungen.. ............. 114
Schluß : Zusammenfassung und Schlußfolgerungen .. 121
        <pb n="9" />
        ite

7

3

7

5

Einleitung.
Der Tatsache, daß in den 6 Jahren seit der Stabili-
sierung der Mark der landesübliche Zinsfuß in Deutsch-
land nicht im mindesten gesunken ist und daß heute
noch. für sicherste hypothekarische Anleihen auf Gold-
basis der unerhörte Zinssatz von etwa 10%: gezahlt
werden muß, wird in der deutschen Wirtschaftswissen-
schaft nicht die ihr gebührende Beachtung geschenkt.
Man hat sich eben schon an sie gewöhnt und hat der-
maßen verlernt, an die Zukunft zu denken, daß man sie
als unabänderlich hinnimmt. Dabei ist aber klar, daß
in einem hochentwickelten Lande wie Deutschland ein
so hoher Zinsfuß unmöglich ein Dauerzustand sein
kann, daß er insbesondere die deutsche Konkurrenz-
fähigkeit auf dem Weltmarkt empfindlich schädigen
muß. In neuerer Zeit wird immer deutflicher, daß ein
Teil der Schuldner, insbesondere die Landwirtschaft,
eine irgendwie nennenswerte Belastung bei einem
solchen Zinssatz auf die Dauer nicht verträgt, daß sie
also durch Zollschutz rentabler gemacht werden muß,
was aber bekanntlich auch nur dem gegenwärtigen Be-
sitzer nützt, und die Konkurrenzfähigkeit der deutschen
Exportindustrie schmälert.

Trotz des hohen Zinsfußes bleibt aber die inländische
Kapitalbildung unzureichend, weil sie durch übermäßig
hohe Steuern, soziale Lasten und Kriegstribute 'er-
schwert und eingeschränkt wird. Die Gefahren, die mit
diesem Zustand bei längerer Dauer verbunden sind,
werden ebenfalls häufig noch zu leicht genommen. Das
hängt damit zusammen, daß die Ursachen der heutigen
Kapitalknappheit und des hohen Zinsfußes keineswegs
alle klar erkannt werden.
        <pb n="10" />
        3

Einleitung.

Wohl machen alle Erwerbstätigen die hohen Steuern
für die unzureichende Kapitalbildung verantwortlich,
aber an einen energischen Abbau der Steuern und über-
haupt der Ausgaben der öffentlichen Körperschaften
denkt man unter den Politikern kaum. Immer mehr
Leute wollen vom Staate leben, und jeder glaubt, daß
die öffentlichen Körperschaften gerade für seine Der-
son Geld haben und ausgeben müßten.

Viele sind der Ansicht, daß die hohen Löhne vor
allem die unzulängliche Kapitalbildung verursachten;
andere meinen demgegenüber, daß, wenn die Löhne
höher wären, der stärkere Konsum zu einer besseren
Beschäftigung der Unternehmungen und zu höheren Er-
trägen führen ‚werde, die dann zur Kapitalbildung
benutzt werden könnten.

Manche politischen Gruppen sehen in der Börse und
dem Geld- und Bankkapital die Wurzel alles Übels
und den Hauptgrund des hohen Zinses, während diese
Kreise‘ wiederum, ebenso übertrieben, behaupten, daß
die Börse überhaupt kein Kapital in Anspruch nehme,
vielmehr die Börsenspekulation das Kapital für die In-
dustrie verbilligef

Besonders über die Nutzen und Gefahren der Kapi-
talbeschaffung aus dem Auslande sind sehr verschie-
dene Anschauungen verbreitet, und sehr große Schichten
der Bevölkerung empfehlen das bequeme Rezept, das
mangelnde Inlandskapital einfach aus dem Auslande
heranzuziehen, und glauben damit die deutsche Wirf-
schaft fördern zu können. Die Frage der Verschuldung
an das Ausland führt dann zu den hinter allen deut-
schen Wirtschaftsproblemen stehenden Reparations-
fragen, bezüglich derer sich weite Kreise, insbesondere

der Politiker, der Beamten und Arbeiter, kurz der Fest-
besoldeten, noch einem merkwürdigen Optimismus, viele
auch einer völligen Gleichgültiskeit hingeben.
Neuerdings wird nun mehr auf die Gefahren der
Auslandskredite hingewiesen und statt dessen die Be-
        <pb n="11" />
        Einleitung.

C

teiligung an deutschen Unternehmungen, also eine Art
Substanzverkauf empfohlen, während andere die Kre-
ditaufnahme für das kleinere Übel halten. Äber sehr
wenig fand ich die Frage erörtert, woher es wohl
kommt, daß, trotzdem in den letzten fünf Jahren für
etwa 8 Milliarden Mark langfristige Anleihen von
deutscher Seite im Auslande aufgenommen, wurden und
daneben eine immer noch steigende Summe kurz-
[ristiger Kredite, der Zinsfuß in Deutschland noch
nicht im mindesten gesunken ist.

Mit allen diesen Fragen wollen wir uns in den fol-
genden Kapiteln beschäftigen. Ich habe zu manchen von
ihnen schon in verschiedenen Aufsätzen Stellung ge-
nommen, die hier aber nicht, wie es heute vielfach
üblich ist, einfach wieder abgedruckt werden, sondern
ich versuche, eine systematische Bearbeitung des
Gegenstandes zu geben.
Diese Aufsätze sind in zeitlicher Reihenfolge:

Die künftigen Wirkungen der Reparationslei-
stungen. Bankwissenschaft vom 5. 2. und 1. 3. 1926,

Die Wirkungen der Auslandskredite. Kölnische
Zeitung 4. 3. 1926.

Kann der Reparationsagent einen Preisdruck in
Deutschland erzwingen? Bankarchiv 15. 4, 1926.

Die deutsche Geld- und Kreditpolitik unter dem
Druck des Reparationsagenten. Sparkasse 1. 5,
1926.

Aufstieg oder Abstieg des Kapitalismus, Deutsche
Wirtschaftszeitung Nr. 4. 1927.

Zukunftsaussichten des modernen Kapitalis-
mus. Zeitschrift für Betriebswirtschaft., August 1928.

Freie oder gebundene Wirtschaft? Der Arbeit-
geber 1. 10, 1928.

Die Kapitalbildung im Betriebe als Konjunk-
turproblem. Sparkasse 1. 12. 1928.
        <pb n="12" />
        10

Einleitung.

Das Geldertragsstreben als Organisationsprin-
zip der Volkswirtschaft. „Glückauf“ Nr. 30. Juli
1929,

Kapitalbildung und Wohnungsbau, Zeitschrift für
Betriebswirtschaft. Heft 12. 1929.

Auslandskapital. Sparkasse 1. und 15. 12. 1999.

Börsenkapital und Konjunkturschwankungen.
Wirtschaftsdienst Nr. 3 vom 17. 1. 1950.

Grundlegend für die hier vertretenen Anschauungen
sind meine theoretischen Arbeiten „Grundsätze der
Volkswirtschaftslehre‘“, 2 Bände, 3. bzw. 2, Auflage,
Stuttgart 1922/23, und in kurzer Zusammenfassung „All-
gemeine Volkswirtschaftslehre“, 2. Auflage, Leip-
zig 1927. Ferner für die hier besonders interessierenden
Auslandsbeziehungen die Schrift „Vom Reichtum der
Nationen“, Karlsruhe 1925, wo die Fragen des inter-
nationalen Reichtumsausgleichs behandelt sind. —

Es ist mir bewußt, daß die hier besprochenen wirt-
schaftlichen Probleme der Kapitalbildung stark durch
politische Zwecke beeinflußt sind, innerpolitische so-
wohl wie außenpolitische. Aber man muß sich darüber
klar sein, daß politische Wünsche — oder sagen wir
vom Standpunkt des Politikers auch Notwendiskeiten —
ihre Grenze finden in den wirtschaftlichen Not-
wendigkeiten. Diese gehen auf eine genügende inlän-
dische Kapitalbildung, die nicht ohne weiteres durch
Kapitaleinfuhr aus dem Auslande ersetzt werden kann.
Wie diese Notwendigkeit sich geltend macht und, wenn
sie nicht beachtet wird, alle Kreise der Volkswirtschaft
in Mitleidenschaft zieht, das soll in den folgenden Ka-
piteln gezeigt werden!.

Freiburg i. B., im Januar 19530.
Robert Liefmann.
! Die Arbeit war Ende 1929 abgeschlossen, der Druck hat
sich infolge besonderer Verhältnisse verzögert.
        <pb n="13" />
        1. Kapitel.
Wesen und Formen des Kapitals.
[. Der Umfangs der Kapitalbildunsg.
Über den Umfang der Kapitalbildung in Deutschland
bestanden von jeher große Meinungsverschiedenheiten.
Vor dem Kriege betrugen die Schätzungen etwa 8 bis
10 Milliarden Mark. Auf dem Bankiertage von 1928
schätzte ein Redner, Harney, die deutsche Kapitalbil-
dung der letzten Jahre im Durchschnitt, auf Vorkriegs-
mark umserechnet, auf 3,5 Milliarden Mark, also kaum
mehr als ein Drittel. Das wäre etwa 5,2 Milliarden
Reichsmark jährlich. Ein anderer Redner aber, Merz-
bach, legte die Ziffern der Reichskredit-A.-G. zu-
srunde, die im Durchschnitt um das doppelte höher
sind. Die Statistik der Reichskredit-A.-G. untersuchte
auch die Kapitalverwendung und kam zu folgenden Er-
sebnissen:
Zuwachs im Jahre 1925
2,0
LO
3.0
0,8
3,9
79

Wohnungsgebäude . ... +... “+
Öffentliche und gewerbliche Gebäude .
Verkehrsmittel .

Maschinen . ..000.00.0000000040 04 -
Elektrizität, Wasser, Gas, Tiefbau .
Lagervorräte . .

Hausrat. ..
3.5

1926
2,9
na

1927
3,2
L1
1,9
1,0
22
15

2
?

Mm
? 12.0
Die Frankfurter Zeitung schätzte demgegenüber
die Kapitalbildung für 1927 nur auf 9 Milliarden Mark,
für 1928 auf ebensoviel, für 1929 auf etwas weniger.

Es ist sehr naheliegend, die außerordentliche Ver-
schiedenheit der Ziffern — es könnten noch andere
Schätzungen anseführt werden — auf die Schwierig-
        <pb n="14" />
        12  1.Kapitel. Wesen und Formen des Kapitals.

‘m
keiten der statistischen Erfassung zurückzuführen. Er-
folgt doch ein sehr großer Teil der Sachkapitalbildung
heutzutage im Betriebe selbst, durch Selbstfinan-
zierung, wie man heute zu sagen pflest. Und da 1äßt
sich nicht einmal in einem einzelnen Betriebe exakt fest-
stellen, welcher Teil der Abschreibungen und Rück-
stellungen nur altes und unbrauchbar sewordenes Sach-
kapital ersetzt und welcher Teil eine geldliche Investi-
fion für neue Sachkapitalbildung bedeutet. Gehen doch
auch in der Privatwirtschaftslehre die Ansichten dar-
über, nach welchen Gesichtspunkten die Abschrei-
bungen erfolgen müssen, weit auseinander. In einer
Schrift von H. Behnsen und W. Genzmer: „Unzurei-
chende Abschreibungen, Scheinsewinne und Substanz-
verlusfe“, Verlag von Felix Meiner in Leipzig, 1929, ist
ausführlich nachgewiesen, daß unter Berücksichtigung
der in den letzten Jahren erfolsten Preissteigerungen
die meisten Abschreibungen ungenügend waren, weil sie
keine Wiederbeschaffung der Fabrikanlagen, Maschinen
und dergleichen ermöglichten. In welchem Maße das auch
für die Zukunft der Fall ist, hängt natürlich von der
künftigen Preisentwicklung ab, die niemand mit Sicher-
heit voraussagen kann. Wie ich in den „Grundsätzen“!
gezeigt habe, überwiegen in der heutigen Volkswirf-
schaft im allgemeinen preissteigernde Tendenzen. Ob
aber nicht, wenn die Verknüpfung der Währung mit

dem Golde beibehalten wird, wegen Knappheit der
„Golddecke“ wieder einmal eine Deriode der Preissen-

kung eintritt, wie in den 70er und 80er Jahren, vermag

niemand zu sagen. Auf die Frage, ob nicht die Verpflich-

tungen der Reparationsleistungen doch noch einen

Preisdruck herbeiführen werden, der bisher durch den

Zustrom von Auslandskapital verhindert wurde, soll in

Kapitel VIII eingegangen werden.

1 Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 2 Bde., 2. bzw.
3. Auflage, Stuttgart 1922/23.
        <pb n="15" />
        IL Kapital als Produktionsmittel.

13
Il. Kapital als „Produktionsmittel“,

Aber nicht nur wegen unzureichender statistischer
Feststellungen gehen die Ansichten über die Kapitalbil-
dung in Deutschland soweit auseinander. Viel wichtiger
sind die Unklarheiten und Meinungsverschiedenheiten
über das, was als Kapital und Kapitalbildung auf-
zufassen ist. Diese Unklarheiten sind bei dem traurigen
Zustand der heutigen Wirtschaftstheorie nicht verwun-
derlich. Verwunderlich ist aber, daß sie trotz des allge-
meinen Interesses für die Fortbildung der Wirtschafts-
£heorie in ihren Wirkungen gar nicht erkannt werden.
Das hängt damit zusammen, daß diese Unklarheiten mit
der heute in der Wissenschaft als Axiom geltenden tech-
nisch-materialistischen Wirtschaftsauffassung unver-
meidlich waren und unlöslich verbunden sind. Diese
Auffassung, die das Wirtschaften mit Sachgüterbeschaf-
fung, Produktion, identifiziert, hängt eng mit der soge-
nannten „volkswirtschaftlichen“ oder kollekti-
vistischen Betrachtungsweise zusammen, die statt von
den individuellen Zwecken der Menschen und ihren Be-
dürfnissen, von der ganzen „Volkswirtschaft“ als einer
Einheit, von der Gesamtwirtschaft ausgeht. Das hat zu
zahllosen Irrtümern geführt, die überall noch in der
Volkswirtschaftslehre spuken und die Geringachtung
begreiflich machen, die heute in den Kreisen der Prak-
tiker für die übliche Wirtschaftstheorie herrscht,

Die volkswirtschaffliche, kollektivistische Betfrach-
tungsweise veranlaßte nämlich, die Gelderscheinungen
auszuschalten, nur die Vorgänge der Produktion, der
Güterbeschaffung, zu betrachten, weil es der ganzen
Volkswirtschaft ja nicht aufs Geld, sondern nur auf die
Vermehrung der Produkte ankomme, auf die „DProduk-
tivität‘“ der Volkswirtschaft.

Diese technisch -materialistische Wirtschaftsauffas-
sung führte dazu, die Verschiedenheit des Kausalzu-
sammenhanges zu übersehen, die bei der Güferbeschaf-
fung, der Gewinnung der Produkte aus den Produk-
        <pb n="16" />
        14 __ 1.Kapitel. Wesen und Formen des Kapitals.

fionsmitteln einerseits, und bei den Geldvorgängen,
der Entstehung der Gelderträge andererseits, vorliegt.

Man glaubte und glaubt noch heute, daß die Geld-
erfräge ebenso ursächlich auf die Produktionsleistung
zurückgeführt werden können wie die Produkte, ein
außerordentlich naheliegender aber falscher Parallelis-
mus. Gelderträge werden nicht erzielt, weil produziert.
wurde, sondern, weil man Gelderträge zu erzielen er-
wartet, auf Grund richtig kalkulierter Nutzenschätzungen
der Konsumenten, werden Produktionsmittel, wirt-
schaftlich ausgedrückt Kosten aufgewendet und
bis zu einer Grenze, die durch die Ertragserwartungen,
einen Mindestertrag, Grenzertrag, gegeben ist. Man
kann also die Gelderträge nicht durch Betrachtung der
Gütermengen erklären, Geldsummen und Gütermengen
entsprechen sich nicht,

Nur durch Zurückgehen auf individuelle Schätzungen,
die sowohl den Gütern (als Nutzen) wie dem Gelde (als
Kosten) gegenüber vorgenommen werden, kommt man
zu den Beziehungen zwischen Geld und Gütern. In der
bisherigen Theorie diente der unheilvolle Wertbe griff
dazu, diese Vermischung technischer und wirtschaftlicher
Kausalzusammenhänge zu verschleiern. Ein anderes Mit-
tel, um diesen Kernpunkt aller wirtschaftstheoretischen
Irrtümer zu umgehen, ist der heute sehr beliebte Ver-
zicht auf die Kausalbetrachtung überhaupt zu-
gunsten einer sogenannten funktionellen oder struk-
turellen Betrachtungsweise, Doch ist jedem logisch
Denkenden klar, daß damit eine wirkliche Erklärung
wirtschaftlicher Erscheinungen nicht möglich ist1. Selbst
in der Privatwirtschaftslehre und besonders in der
Land- und Forstwirtschaffslehre herrscht heute noch die
von mir, besonders in der letzteren, bekämpfte Vorstel-
lung der Ertragszurechnung, der Glaube, daß die
1 Siehe dazu meine kleine Schrift „Wirtschaftstheorie und
Wirtschaftsbeschreibung“, in: Recht und Staat, H. 61, Tübingen
1929,
        <pb n="17" />
        Il. Kapital als Produktionsmittel.

15

Gelderträge ebenso ursächlich auf die Produktionsfak-
toren, Boden, Arbeit und Kapital, zurückzuführen seien
wie die Güter. Alle diese Probleme werden von der
herrschenden Wirtschaftstheorie immer mit Stillschwei-
sen übergangen, und die von mir seit zwei Jahr-
zehnten immer ‚wiederholten Hinweise auf die damit
verknüpften Irrtümer sogar bei der Wiedergabe meiner
Lehre off in höchst unwissenschaftlicher Weise igno-
riert, zum Beispiel mit der beliebten Behauptung, daß
in ihr „gar nichts neu“ sei.

Gerade bei den Anschauungen über das Kapital
treten die Irrtümer der kollektivistischen Betrachtungs-
weise und der mit ihr verknüpften technisch-materiali-
stischen Wirtschaftsauffassung deutlich hervor. Sie faßt
das „Kapital im volkswirtschaftlichen Sinne“ als pro-
duzierte Produktionsmittel im Gegensatz zum
Boden und zu der Arbeit, den beiden anderen „Produk-
tionsfaktoren“, Daneben ist das Geldkapital nur „Ka-
pital im privatwirtschaftlichen Sinne“, weil durch dieses
ja die Menge der in der Volkswirtschaft verfügbaren
Produkte nicht vermehrt wird. Trotzdem können auch
die zahlreichen Theoretiker, die von der ganzen Volks-
wirtschaft ausgehen, in der „der einzelne Mensch doch
nur Glied in einer Gesamtwirtschaft ist“ (Adolf Weber,
„Allgemeine Volkswirtschaftslehre‘“, S. 259), natürlich
nicht vom Geldkapital abstrahieren. Die mit Geld-
kapital erzielten Einkommen sollen aber nur „abgelei-
tet“ sein, während die Hersteller von Gütern ein „ur-
sprüngliches‘“ Einkommen erzielen, das dem Zusammen-
wirken der drei Produktionsfaktoren zugerechnet wird.
Dieser materialistisch-kollektivistischen Betrachtungs-
weise folgend, erklären Böhm-Bawerk, Lexis u. a. kon-
sequent, daß auch eine Leihbibliothek oder ein Miet-
haus nur „Kapital im privatwirtschaftlichen Sinne“ sei,
Das alles ist außer von mir niemals kritisiert worden.

Daß die Erklärung des heutigen Tauschverkehrs nicht
vom Gelde abstrahieren kann, wird verkannt, die Geld-
        <pb n="18" />
        16 1, Kapitel. Wesen und Formen des;Kapitals.

summen erscheinen immer als ein Substitut, als „Quar-
fierzettel“ (Ad. Weber) für Gütermengen, und die Folge
davon ist, daß man immer unbedenklich Geldsummen
und Gütermengen substituiert, ohne zu erkennen, daß
sie sich nicht entsprechen, daß die Veränderung einer
Geldsumme, zum Beispiel eines Preises, nicht eine ent-
sprechende der durch sie umgesetzten Gütermenge be-
deutet 1.
Der Fehler der Gleichsetzung von Geldsummen und
Gütermengen ist aber ganz allgemein. Preise, Löhne,
Einkommen, und so auch Kapital, sind im tollsten
Durcheinander bald Geldsummen, bald Gütermengen,
Zugrunde liegt aber immer die technisch naturwissen-
schaftliche Auffassung! Immer noch wird verkannt, daß
es eine Entsprechung nicht zwischen Geldsummen und
Gütermengen, nicht zwischen den Geldtauschvorgängen
und denen der Produktion, sondern nur zwischen Geld-
erscheinungen und psychischen Vorgängen, den wirt-
schafflichen Erwägungen der einzelnen Menschen, gibt.
Diese einzige Entsprechung habe ich in dem Gesetz des
Ausgleichs der Grenzerträge zum Ausdruck ge-
bracht,

Die Preise und Einkommen sind nicht durch Vor-
gänge der Produktion zu erklären, weil der wirtschaft-
liche Kausalzusammenhang umgekehrt ist wie der tech-
nische, Der Erzielung der Gelderträge korrespondieren
daher nur innerwirtschaftliche psychische Vorgänge. Mit
einem Worte gesagt: Das Angebot im Tauschverkehr
ist nichts anderes als in der Einzelwirtschaft die psychi-
sche Kostenvorstellung, und der Geldertrag geht nicht
auf die „Produktionsfaktoren“ ursächlich zurück. son-

1 Ein geradezu typisches Beispiel für diesen fundamentalen
Irrtum — besonders bezeichnend, weil er gerade mit einer
Polemik gegen meine Lehre verknüpft wurde — habe ich in
einer Schrift meines Freiburger Kollegen A. Lampe: „Not-
standsarbeiten oder Lohnabbau“, Jena 1927, gefunden und
kürzlich in der „Zeitschrift für Nationalökonomie“, H. 1,
kritisiert.
        <pb n="19" />
        IL Kapital als Produktionsmittel. 17

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dern ist nichts anderes als in den Konsumwirfschaften
der vorgestellte Überschuß von Nutzen über die Kosten
(Konsumertrag). Die Schwerfälligkeit, mit der alle Irr-
tümer der materialistischen Wirtschaftsauffassung, die
Verwechslung von wirtschaftlichem und technischem
Kausalzusammenhang noch beibehalten werden, ist kein
Ruhmesblatt für die deutsche ökonomische Wissen-
schaft, in der diese Probleme jetzt seit bald zwanzig
Jahren aufgezeigt sind. Im Auslande ist man überhaupt
noch nicht einmal zur Erkenntnis des Problems ge-
langt!

Die Folge der materialistischen Wirtschaftsauffassung
ist, daß man zum Beispiel eine Axt oder eine Näh-
maschine schon als Kapital bezeichnet. Ein Miethaus,
eine Geldsumme aber gilt höchstens als „Kapital im
privatwirtschafflichen Sinne“. Der Ertrag des Kapitals
wird auf seine „Produktivität“ zurückgeführt, das
heißt auf die Tatsache, daß man mit einer Axt mehr
Holz gewinnen kann als ohne sie. Das ist aber eine rein
technische Tatsache, und ob man eine Axt herstellt oder
sie im Tauschverkehr kauft, hängt von ihren Kosten
ab, verglichen mit dem zu erzielenden Nutzen, also vom
Ertrage, psychisch oder als Geldsumme. Dieser Er-
trag ist aber nicht der Axt zuzurechnen, sondern um-
gekehrt: weil man einen Nutzenüberschuß oder im
Tauschverkehr einen Geldertrag erwartet, werden
Kosten auf die Produktionsfaktoren aufgewendet, und
zwar bis zu einer Grenze, die eben durch den erwarteten
Ertrag bestimmt wird (Grenzertrag).

Für das „Kapital im privatwirtschaftlichen Sinne‘, das
Miethaus, die Leihbibliotfhek, das Geldkapital, ist aber
die Produktivitätstheorie offensichtlich unmöglich, und
deshalb hat auch Böhm-Bawerk, der Hauptvertreter
der herrschenden technisch-materialistischen Kapital-
lehre, sie noch durch eine andere Theorie ergänzt, die
Theorie von den Produktionsumwegen und vom Zeit-
moment (Time-value). Eine Axt herzustellen erfordert
Schultze, Weltwirtschaftliche Vorträge. Heft 8, 2
        <pb n="20" />
        18 1. Kapitel. Wesen und Formen des Kapitals.

Zeit, und man kann das nur, wenn man die erforder-
liche Menge Unterhaltsmittel zur Verfügung, also früher
„gespart“ hat. In ähnlicher Weise soll auch der Geld-
leihzins als „Preis für das Warten“ erklärt, das heißt
gerechtfertigt werden. Kapitalbildung bedeute also Ver-
wendung von Gegenwartsgütern zugunsten der Produk-
fion von Zukunftsgütern. Die Kritik aller dieser An-
schauungen ist in den „Grundsätzen“ gegeben. Siehe
auch meinen Aufsatz „Von der Wert- zur Grenz-
ertragslehre‘“ (Schriften des Vereins für Sozial-
politik. Erscheint demnächst). «
Trotzdem werden sie immer wieder vorgebracht. Noch
neuestens erklärt W. Röpkel „die Ansicht vor ernst-
haften Kontroversen gesichert“, daß durch eine an
irgendeiner Stelle der Wirtschaftsgesellschaft erfolgende
Beschränkung des laufenden Konsums und gleichzeitig
mit ihr eine Veränderung in der Zusammensetzung des
laufenden Produktionsstroms vor sich geht, und zwar
eine Veränderung zuungunsten der Produktion von
Gegenwartsgütern und zugunsten der Produktion von
Zukunftsgütern“. Nicht um die Produktion von Gegen-
warts- oder Zukunftsgütern handelt es sich, das sind
Vorstellungen einer heute verbreiteten, aber falschen
statischen Betrachtungsweise, die auch wieder mit der
technisch - materialistischen Wirtschaftsauffassung zu-
sammenhängen. Das Wirtschaftsleben ist ein fortdauern-
der Prozeß, in dem gegenwärtige und zukünftige Be-
dürfnisse und besonders auch die wirtschaftliche Be-
deufung dauerhafter Güter, seien es Genuß-, seien es
Kostengüter, in gleicher Weise kalkuliert werden.

Es ist daher auch irreführend, von einem Ertrag des
Kapitals zu sprechen, insofern nämlich, als man damit
die überaus naheliegende Analogie des technisch-natur-
wissenschaftlichen Kausalzusammenhanss der FEnt-
Die Theorie der Kapitalbildung. (Sammlung: Recht und
Staat, Heft 63. Tübingen 1929, S. 7.)
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HI Kapital als Kosten.

19

stehung der Produkte aus den Produktionsmitteln ver-
bindet. Der Geldertrag aber stammft nicht aus dem Ka-
pital, niemand hat noch ein Produktionsmittel gesehen,
das Geldsummen erzeugte, und auch das Geld erzeugt
kein Geld, obgleich, wie gesagt, die Analogie sehr nahe
liegst und jahrhundertelang als selbstverständlich ge-
golten hat. Aber der wirtschaffliche Kausalzusammen-
hang ist umgekehrt wie der technische: nur weil man
für die zeitweise Überlassung eines Reitpferdes, eines
Buches, einer Wohnung, einer Geldsumme etwas zu be-
zahlen gewillt ist, nur deshalb werden alle diese Güter
gegen Geld ausgeliehen. Sie sind dann Kosten, aufge-
wendet, um einen Geldertrag zu erzielen. Die
Quelle aller Gelderträge sind die wirtschaftlichen Er-
wägungen der Konsumenten, die geneigt sind, für Ge-
nußgüter bestimmte Teile ihres Einkommens als Kosten
aufzuwenden.
1. Kapital als Kosten.
Mit technisch-materialistischen Vorstellungen und bei
Ausschaltung des Geldes kommt man überhaupt nicht
zur Erkenntnis des Wesens der Kapitalbildung. Dazu
kommt man nur, wenn man betrachtet, wie sich der
einzelne Wirtschafter dem Gelde gegenüber ver-
hälf. Und dazu ist unentbehrlich die von uns entwickelte
Unterscheidung von Konsumwirtschaften, die ein
Geldeinkommen auf ihre Bedürfnisse verteilen, und
von Erwerbstätigkeiten, die aus tauschwirtschaft-
lichen Leistungen einen Geldertrag erzielen. Das
Problem der Kapitalbildung ist nun das: In welchem
Verhältnis werden Erträge und Einkommen zum Kon-
sum oder zur Erzielung weiterer Gelderträge, also
wieder erwerbswirtschaftlich verwendet. (Die materiali-
stische Wirtschaftstheorie sagt: zu weiterer Produktion,
was aber wieder nur technisch gesehen ist.) Konsum ist
sSelbstverständlich nur der Verbrauch von Gütern in den
Konsumwirtschaften. Den Verbrauch von Gütern und
Leistungen in den Erwerbswirtschaften - bezeichne ich

2x
        <pb n="22" />
        20 . — Kapitel. Wesen und Formen des Kapitals.

nicht als Konsum, die Auffassung des Begriffs in diesem
Sinne ist ebenfalls nur eine technische.

Kapital sind also nicht produzierte Produktions-
mittel — keine Güter sind an sich Kapital —, sondern
es ist ein wirtschaftlicher Begriff, wie alle anderen,
nur durch damit verknüpfte wirtschaftliche Erwä-
gungen der Menschen. Der Kapitalbegriff ist vom Gelde
hergenommen und umfaßt Geldsummen, die nicht
zum Konsum, sondern für längere Zeit zur Erzielung
weiterer Gelderträge verwendet werden — Geldkapital.
— Danach übertrug man den Kapitalbegriff auch auf
Sachgüter, die zur Erzielung dauernder Geld-
erträge verwendet werden, die dauerbaren Kosten-
güter (Sachkapital). Aber auch diese „Produktions-
mittel“ sind nicht an sich Kapital, sondern eben nur,
wenn sie mit der Absicht der Geldertragserzielung ver-
wendet werden. Also eine Axt, eine Nähmaschine im
Haushalt ist kein Kapital. Um die Gelderträge fest-
stellen und vergleichen zu können, müssen solche dauer-
baren Kostengüter in einer Geldsumme veranschlagt
werden. Über diesen Vorgang, die Kapitalisierung,
habe ich in den „Grundsätzen“ eingehend gesprochen,
wo dieser volkswirtschaftlich so wichtige Vorgang zu-
erst theoretisch analysiert wurde.

Das Geld, das zur Erzielung weiterer Gelderträge ver-
wendet wird, erscheint dadurch selbst als dauerbares
Kostengut, sogenanntes umlaufendes Kapital. Nicht
die Waren sind das Kapital des Kaufmanns, sondern
sein Geld. So komme ich zu meiner Kapitaldefinition,
die stehendes wie umlaufendes Kapital erfaßt: Kapital
sind die .dauerbaren Kostengüter, wenn sie
zwecks Erzielung und Feststellung eines Geld-
erfrags in einer Geldsumme veranschlagt wer-
den (stehendes Kapital), und das Geld selbst
in solcher Weise als dauerndes Kostengut ver-
wendet (umlaufendes Kapital). Die Frage, wann
man einen kurzfristigen Kredit Kapital nennen will,
        <pb n="23" />
        IL. Kapital als Kosten.

71

kann hier offen bleiben. Im Wesen des Kapitals liegt
die dauernde Ertragserzielung, und der Begriff ist daher
für wiederholtes kurzes Ausleihen, wie seitens der Ban-
ken, jedenfalls berechtigt. Hier ist das Geld eben auch
dauerndes Kostengut. Sofern es im Wege der Kredit-
schöpfung entsteht, kann man daher auch von Kapital-
schöpfung sprechen.
Diese den Anschauungen des praktischen Wirtschafts-
lebens entsprechende geldliche Kapitalauffassung wird
zwar heute immer mehr verwendet, weil man sie eben
nicht entbehren kann. Aber von der Grundlage der tech-
nisch-naturwissenschaftlichen Wirtschaftsauffassung aus
wird doch immer wieder versucht, sie irgendwie mit der
materialistischen als Produktionsmittel zu verquicken,
oder besser gesagt, sie hinter ihr zu verstecken. Man
holt sie dann heraus, sobald praktische Fragen des Wirt-
schaftslebens zur Erörterung stehen. Und es ist für den
Kenner amüsant zu sehen, wie dann plötzlich die tech-
nischen Vorstellungen verschwinden und doch nur die
Vorstellung der Geldertragserzielung übrigbleibt. Die
Theoretiker merken aber gar nicht, daß das mit ihrer
sonstigen materialistischen Betrachtungsweise, die den
Geldertrag ignoriert, nicht übereinstimmt. Weshalb man
so sehr bestrebt ist, die Gelderträge zu ignorieren, das
habe ich kürzlich erst in verschiedenen Aufsätzen und
Vorträgen gezeigt. Es kommt das daher, daß führende
Nationalökonomen, an ihrer Spitze Sombarf, unter dem
Einfluß sozialistischer Lehren . das Geldertragsstreben
nur als „Profitstreben‘“ der „Kapitalisten“ kennen und
keine Ahnung haben, daß es alle Wirtschaftssubjekte in
der gleichen Weise beseelt. Landwirte, Bauern und Ar-
beiter erstreben nach Sombart nur „Bedarfsdeckung“
und vertreten ein ganz anderes „Wirtschaftssystem“.
Das hängt natürlich wieder mit der technisch-natur-
wissenschafflichen Wirtschaftsauffassung und der Ver-
wechsluns von Wirtschaften und Güterbeschafflung zu-
        <pb n="24" />
        22 2. Kapitel. Kapitalbildung und Löhne.

sammen, und es ist klar, daß man damit die sozialisti-
schen Lehren nicht widerlegen kann.

Zu welchen Konfusionen das führt, das könnte an
zahlreichen Beispielen aus der neuesten Literatur nach-
gewiesen werden. Von Sombarts „Modernem Kapitalis-
mus“ angefangen bis zu den vielen Aufsätzen, in denen
ein Aufor diese oder jene Zinstheorie entwickelt, ob-
wohl doch ziemlich allgemein jetzt anerkannt ist, daß
Zins ebenso wie Lohn Preise sind, und also durch eine
richtige Dreistheorie schon erklärt sind, an der es aber
den herrschenden Lehren fehlt!. Die Folge davon ist,
daß weit über die Kreise des Sozialismus hinaus noch
große Unklarheiten über das Verhältnis von Löhnen und
Kapitalbildung vorhanden sind. Im folgenden Kapitel
soll auf dieses heute so aktuelle Problem etwas weiter
eingegangen werden.
2. Kapitel.
Kapitalbildung und Löhne.
I. übermäßige Lohnsteigerungen seit der Stabilisierung.
Neues Kapital entsteht immer in der Geldform, wie
ja überhaupt erst die Geldrechnung, der Zweck, Geld-
erträge zu erzielen und festzustellen, zum Kapitalbegriff
geführt hat. Es entsteht dadurch, daß Einkommensteile
— und das sind wiederum Geldsummen, die übliche
materialistische Auffassung der Einkommen als Güter-
mengen kann die Kapitalbildung nicht erklären — nicht
zum Konsum, sondern zur weiteren Erzielung
von Gelderträgen verwendet werden. Solche Kapital-
bildung erfolgt heute bei der großen Entwicklung selb-
ständiger Erwerbswirtschaften auch schon in diesen selbst,
also ohne daß deren Erträge Einkommen der dahinter
stehenden Konsumwirtschaften geworden sind, durch
Selbstfinanzierung (Kapitel 4). Daneben gibt. es
AÄnf die verschiedenen Zinstheorien soll hier nicht ein-
gegangen werden. Für die Erklärung des Zinses als Dreis
siehe unten Kapitel 41.
        <pb n="25" />
        IL Übermäßige Lohnsteigerungen seit der Stabilisierung. 23
noch eine Kapitalbildung durch die öffentlichen Körper-
schaften (dazu siehe Kapitel 5310). Aber die volkswirt-
schaftlich wichtigste Kapitalbildung ist doch die seitens
der Konsumwirtschaften, durch Sparen. Dieses
Sparen ist heute kein hloßes Thesaurieren, sondern die
ersparten Einkommen werden „angelegt“, das heißt in
irgendeiner Weise ausgeliehen oder, ebenfalls zwecks
Geldertragserzielung, durch Beteiligung anderen Er-
werbswirtschaften zur Verfügung gestellf.
Der Umfang der Kapitalbildung wird, wie der aller
Kostenaufwendungen, durch die Ertragserwartun-
gen, das Agens aller Erwerbstätigkeit, bestimmt, aber
er ist natürlich auch abhängig von der Größe der Ein-
kommen im Verhältnis zu den Preisen, das heißt von
dem Umfange, in dem durch die Einkommen die wichti-
geren Bedürfnisse gedeckt werden können. Deshalb ist
eine sehr gleichmäßige Einkommensverteilung, die
allen Wirtschaftern nur eine durchschnittliche Lebens-
haltung ermöglicht, für eine stärkere Kapitalbildung
nicht günstig. In der Notwendigkeit einer solchen finden
Nivellierunsstendenzen, wie sie in der neueren Steuer-
gesetzgebung aus sozialen Gründen häufig sind, ihre
Grenze. Größere Einkommen erfüllen daher auch eine
volkswirtschaffliche Funktion und dienen keineswegs
nur dem Luxuskonsum. Werden sie durch die Besteue-
rung stark zurückgedrängt, so führt der Kapitalmangel
zu einem hohen Zinsfuß, der für die ganze Volkswirt-
schaft und auch für die Arbeiter und ihre Löhne sehr
nachteilig wirkt.

Trotzdem muß man sagen, daß es sehr erwünscht ist,
wenn . möglichst weite Volkskreise Kapital bilden.
Schon aus sozialen Gründen. Einer der Haupfgründe für
die geringere Schärfe der sozialen Gegensätze in Ame-
tika, trotz erheblich größerer Unterschiede in den Ein-
kommensverhältnissen, liegt darin, daß dort auch die
Ärbeiterbevölkerung viel mehr kapitalistisch denkt,
selbst Kapital bildet, und zwar nicht nur in der Form
        <pb n="26" />
        24 2. Kapitel. Kapitalbildung und Löhne.
des Leihkapitals, sondern sich auch in großem Um-
fange an den Unternehmungen, in denen sie beschäftigt
sind, mit Kapital beteiligt. Es sibt zahlreiche Unter-
nehmungen, besonders in den sogenannten Versorgungs-
betrieben mit gleichmäßiger Rentabilität, die zum
großen Teile den Arbeitern sehören.

Bei uns wird diese kapitalistische Einstellung der Ar-
beiter vor allem gehindert durch die sozialistische Ideen-
welt, die hier seit den Anfängen der deutschen Indu-
strie eine so große Rolle spielt. Solange man glaubt,
daß der Kapitalertrag ein dem Arbeiter vorenthaltener
„Mehrwert“ sei, auf der „Ausbeutung“ der Arbeiter be-
ruhe, und solange man hofft, diese kapitalistische Wirt-
schaftsordnung über kurz oder lans stürzen zu können,
so lange fehlt den Arbeitern natürlich jede Neigung,
Kapital zu bilden. Allein schon ihre Klassenideologie
hindert sie daran. Dazu kommt aber, daß gerade den
deutschen Arbeitern auch der individuelle Änreiz zum
Sparen und zur Kapitalbildung stark vermindert wird
durch öffentliche Fürsorgemaßnahmen, die Sozialver-
sicherung. Damit soll diese nicht ganz abgelehnt werden.
Die heutigen Angriffe von mancher Seite gegen sie
schießen ebenso über das Ziel hinaus, wie umgekehrt
die Angriffe gegen den Kapitalismus. Abgesehen von
einer gewissen Überspannung und zu allgemeiner An-
wendung des Versicherungsgedankens und zu kostspie-
liger Verwaltung liegen ihre Gefahren vor allem auf
geistigem Gebiete. Sie haben den Selbsthilfegedan-
ken zu stark zurückgedrängt, die Hoffnung auf Staats-
hilfe, die aus politischen Gründen den Deutschen, den
Untertanen des Obrigkeitsstaates, von jeher zu sehr
im Blute lag, zur Selbstverständlichkeit gemacht. Das
hat dem deutschen Wirtschaftsleben, das nun einmal
wie überall auf dem Individualprinzip ‚aufgebaut ist,
sehr geschadet, die öffentlichen Lasten erhöht und die
private Kapitalbildung vermindert.

Nicht richtig ist es, wenn gesagt wird, daß zu gse-
        <pb n="27" />
        I. Übermäßige Lohnsteigerungen seit der Stabilisierung. 25

ringe Entlohnung die deutschen Arbeiter an der Kapital-
bildung hindere. Vor allem gilt das für die Zeit vor
dem Kriege nicht. Aber noch heute beweist der unge-
heure Tabakkonsum, der immer noch sehr große Al-
koholverbrauch — es wird für Bier pro Kopf der Be-
völkerung noch ebensoviel ausgegeben wie vor dem
Kriege — und vieler anderer auch keineswegs unent-
behrlicher Güter durch die ärmeren Schichten der Be-
völkerung, daß hier sehr wohl gespart werden könnte,
wenn nicht den Arbeitern das Interesse dafür durch die
erwähnten Umstände sehr vermindert worden wäre.
Weite Schichten der Bevölkerung sind aber so wenig
kapitalistisch eingestellt, daß auch der außerordentlich
hohe Zinsfuß sie nicht zur Kapitalbildung ‚veranlaßt,
Freilich wirken auch die Erfahrungen der Inflationszeit
noch nach. Und andererseits ist eine gewisse Besserung
zu verzeichnen, die sich aus der Zunahme der Spar-
kassenguthaben ergibt.

Gewiß ist es bei der Kulturhöhe der deutschen Ar-
beiterschaft bedauerlich, daß ihnen ihr Lohn nicht die
gleiche Lebensführung ermöglicht wie in anderen
reicheren Ländern. Aber das ist eben die Folge des
Krieges und der fortgesetzten Steigerung der öffent-
lichen Aufgaben und Ausgaben, die gerade diese Kreise
noch immer weiter erhöhen wollen. Die Meinung, daß
die sogenannten Reparationslasten nur durch die „Ka-
pitalisten“ getragen werden könnten und die Arbeiter
nicht berührten, beruht gerade auf jenen falschen Theo-
rien über das Kapital, die noch heute in der deutschen
Arbeiterschaft herrschend sind. Der hohe Zinsfuß ist
aber nichts anderes als die automatische Reaktion des
Wirtschaftslebens gegen diese Auffassung, und den Ar-
beitern kommt erst ganz allmählich zum Bewußtsein,
wie sehr er auch ihnen schadet. Die Meinung mancher
Sozialisten, daß das fehlende Inlandskapital einfach
durch ausländisches ersetzt werden könne, wird unten
(Kapitel 7) als irrig nachgewiesen werden.
        <pb n="28" />
        26 2. Kapitel. Kapitalbildung und Löhne,

Tatsächlich beruht der heutige Kapitalmangel zu
einem wesenflichen Teile auch darauf, daß die Arbeiter
die Reparationslasten und auch die sonstigen ungeheuer
gewachsenen Staafsausgaben noch nicht in entsprechen-
dem Umfange mitgetragen haben. Sie haben in der Zeit
seit der Stabilisierung der Mark bei wachsenden Re-
parationsleistungen immer höhere Löhne durchzusetzen
verstanden. Der Stundenlohn ungelernter Arbeiter ist
von 44,2 Pfennig Anfang 1924 (40,2 Pfennig 1913) auf
81,2 Pfennig Anfang 1929 gestiegen, also eine Steige-
rung von 86%, während der Gesamtindex der Lebens-
kosten nur von 1530 auf 153 gestiegen ist, also eine Stei-
gerung von noch nicht 20 %. Selbst im Depressionsjahre
1929 ist noch eine weitere Steigerung des Lohnes von
81,2 auf 83,9 und bei den gelernten Arbeitern von 108,1
auf 111,4 erfolgt. In den drei Jahren 1927 bis Ende 1929
ist eine Steigerung des Stundenlohnes ungelernter Ar-
beiter von 66,7 Pfennig auf 83,4 Pfennig, gelernter Ar-
beiter von 94,9 auf 111,4 Pfennig erfolgt.

Bekanntlich sind diese Löhne zu einem großen Teil
„politische“ Löhne, das heißt sie sind durch die Gewerk-
vereine gefordert und von den Schlichtungsinstanzen im
Interesse der Erhaltung des sozialen Friedens genehmigt
worden, ohne Rücksicht auf die wirfschaftlichen Ver-
hältnisse. Die Folge davon war, daß die Unternehmer
mit allen Mitteln die Rationalisierung zu fördern
suchten, die in der Regel eine Verminderung der Be-
schäftigung von Arbeitskräften und den Übergang zu ka-
pitalintensiverem Betriebe bedeutet. So haben die Ar-
beiter durch ihre übermäßigen Lohnforderungen nur er-
reicht, daß die Nachfrage nach Kapital sich verstärkte
und gleichzeitig die Zahl der Arbeitslosen immer mehr
zunahm.

Vorübergehend wurde die Arbeitslosenzahl zwar
zurückgedrängt durch eine Scheinkonjunktur, die 1926
und 1927 durch eine ungehemmte Heranziehung von
Auslandskapital herbeigeführt wurde. Von kurzsichtigen
        <pb n="29" />
        I. Übermäßige Lohnsteigerungen seit der Stabilisierung. 27

Politikern und Nationalökonomen wurde Reichsbank-
präsident Dr. Schacht getadelt, als er im Mai 1927
dieser Scheinkonjunktur, die zu einer völlig unberech-
tisten und übersteigerten Börsenhausse geführt hatte,
ein Ende machte. Im Grunde aber hat er ganz recht
gehabt, und wenn die Konjunktur damals noch mehr
in die Höhe getrieben worden wäre, wäre der unver-
meidliche Zusammenbruch sehr viel plöfzlicher und
schärfer geworden. So aber wurde der Rückgang von
1929 schon vorbereitet.

Die fortgesetzte Steigerung der Löhne haf man aus
politischen Gründen nicht zu verhindern vermocht, und
als infolge der amerikanischen Börsenhausse der immer
noch stark mit Kredit arbeitenden deutschen Volkswirt-
schaft — die gänzlich verantwortungslose Finanzpolitik
vieler öffentlichen Körperschaften ist hier an erster
Stelle zu nennen — nicht mehr soviel Auslandskapital
zufloß, verschlechterte sich die Lage vieler Unterneh-
Mungszweige immer ‘mehr, das Kapital wurde immer
knapper, und es kam zu viel stärkeren Kursrückgängen,
als sie im Mai 1927 zu verzeichnen waren.

Ob und in welchem Umfange die Löhne ermäßigt
werden müssen, um die heutige Depression zu über-
Winden, darüber ist kaum etwas Allgemeines zu sagen.
Manche Industrien, insbesondere solche, in denen tech-
nische Fortschritte eine sehr große Rolle spielen, werden
vielleicht ohne sie auskommen. Ändere werden mög-
licherweise durch monopolistische Vereinigungen, even-
tuell mit dem Auslande, internationale Kartelle, den
sonst notwendigen Preis- und Lohnabbau verhindern
können. Aber viele Industrien, die stark unter der Kon-
kurrenz des Auslandes stehen, werden, um sich ihr
Segenüber zu behaupten, Lohnherabsetzungen vorneh-
men müssen. Dabei wird natürlich auch sehr in Betracht
kommen, um wieviel vorher die Löhne gestiegen waren.

Ein Zurückschrauben der Löhne ohne gleichzeitiges
Sinken der Preise wichtiger Genußgüter ist natürlich
        <pb n="30" />
        28 Sn 2. Kapitel. Kapitalbildung und Löhne.

schwer durchzuführen. Man erntet jetzt die Folgen der
kurzsichtigen Politik, die Löhne trotz Wachsens der Re-
parations- und Steuerlasten sich immer weiter haben
steigern zu lassen. Könnten diese Lasten etwas ver-
mindert werden, so würde das auch den Arbeitern zu-
gute kommen. Aber gerade sie wollen von dem Abbau
der Staatstätigkeiten nichts wissen. Die Frage des Lohn-
abbaus hängt auch sehr davon ab, inwieweit zur Er-
füllung der Reparafionslasten ein Preisdruck in
Deutschland erforderlich und möglich ist. (Siehe Ka-
pitel 8.) Aufgabe der Wissenschaft kann nur sein,
allgemein die Grenzen anzugeben, bis zu der Lohn-
erhöhungen möglich sind, und dabei zeigt sich eben der
enge Zusammenhang mit der Kapitalbildung, das heißt
nichts anderes, als der Zusammenhang aller Preise im
Wirtschaftsleben.
MH. Die Grenzen der Lohnsteigerungen,

In einem Gewerbe sind Lohnerhöhungen nur so lange
möglich, als auch die schwächsten Unternehmungen, die
noch Absatz finden, auf die Dauer noch einen ge-
wissen Mindestertrag erzielen, den ich den
tauschwirtschaftlichen Grenzertrag dieses Erwerbs-
zweiges nenne. Wegen des verschiedenen Risikos ist er
in den einzelnen Erwerbszweigen verschieden hoch.
Wird er auf die Dauer nicht erzielt, so gehen die
schwächsten Unternehmungen zugrunde, und wenn die
billiger produzierenden sich nicht ausdehnen können,
müssen die Preise steigen. Es liegt daher im volks-
wirtschaftlichen Interesse, und ganz besonders auch in
dem der Arbeiter, daß die günstigst arbeitenden und
daher bestrentierenden Unternehmungen sich weiter
ausdehnen. Dadurch können die Preise verbilligt wer-
den, oder die Arbeiter können höhere Löhne durch-
setzen. Freilich ist die Konzentrationstendenz auch
meist mit einer Verminderung der beschäftigten Ar-
beitskräfte verbunden. Und es ist fraglich, was für die
        <pb n="31" />
        IL Die Grenzen der Lohnsteigerungef. 29

sanze Volkswirtschaft und für die Arbeiterschaft selbst
vorteilhafter ist: geringere Löhne allgemein oder höhere
Löhne, die aber einer kleineren Zahl von Arbeitern zu-
sute kommen. Die Löhne der Arbeiter sind aber von
den Gewinnen der Unternehmungen dadurch abhängig,
daß um so weniger Arbeiter beschäftigt werden können,
je mehr bei zahlreichen Unternehmungen die Gewinne
unter ein gewisses Maß herabzugehen drohen (tausch-
wirtschaftlicher Grenzertrag). Aber die Löhne der Ar-
beiter werden nicht aus den Gewinnen bezahlt. Die
Löhne sind kein „Gewinnanteil“, wie noch heute in
der Wissenschaft, selbst in der Privatwirtschaftslehre
(Niklisch) oft behauptet wird.

Löhne müssen bekanntlich auch bezahlt werden, wenn
keine Gewinne erzielt werden. Sie werden, wie die
Preise der Roh- und Hilfsstoffe, aus dem umlaufen-
den Kapital bezahlt, das in den Brutfoerfrägen aus
dem Verkauf der Waren natürlich wieder zu den Unter-
nehmungen zurückfließt, aber doch vorhanden sein oder
durch Kreditaufnahme ergänzt werden muß.

Gerade diese Notwendigkeit genügenden umlaufen-
den Kapitals wird heute noch vielfach verkannf. Es ist
aber kein Zweifel, daß der mit fortgesetzten Lohn-
erhöhungen wachsende Bedarf an umlaufendem Kapi-
tal, das so schon infolge der Inflation in Deutschland
sehr knapp geworden ist, erheblich dazu beigetragen hat,
die Zinssätze immer mehr zu steigern. Dies um so mehr,
als man auch früher schon in Deutschland gewohnt war,
in sehr großem Maße Bankkredit zur Ergänzung des
eigenen Betriebskapitals in Anspruch zu nehmen. Es ist
aber natürlich, daß diese meist kurzfristige Kreditinan-
Spruchnahme auch auf den langfristigen Anlagekredit
zurückwirkt, wie auch umgekehrt starke Inanspruch-
nahme des letzteren den kurzfristigen Kredit verteuert,
allein schon weil die Ausgabe von Obligationen meist
auch Bankkapital für einige Zeit festlegt, wenn sie nicht
überhaupt der Ablösung von Bankkrediten dient,
        <pb n="32" />
        20 ___ 2.Kapitel. Kapitalbildung und Löhne.

Der Lohn ist ein Preis, aber nicht für das Produkt
der Ärbeit, sondern für die zeitliche Überlassung der
Arbeitskraft an den Arbeitgeber, Der Lohn richtet sich
nicht nach dem, was „der Arbeiter dem Unternehmer ein-
bringt“. Jede „Produktivitäts“- oder „Grenzproduktivi-
fätstheorie“ des Lohnes wie sie heute noch meist ver-
trefen wird, ist falsch, die übliche Verwechslung des
technischen und des wirtschaftlichen Kausalzusammen-
hangs (Ertragszurechnungslehre). Der Arbeiter bringst
dem Unternehmer gar nichts ein, sondern er kostet ihn
etwas, umlaufendes Kapital, genau wie Roh- und Hilfs-
stoffel, Die Brutto- und Reinerträge stammen nicht aus
der technischen Leistung des Arbeiters, sondern aus den
von den Unternehmern richtig kalkulierten Nutzen- und
Kostenvergleichungen der Konsumenten der Produkte.
Auf sie hin versucht der Unternehmer seine gesamten
Kosten möglichst niedrig zu halten, während die Verkäu-
fer von Rohstoffen, Arbeitsleistungen usw. möglichst hohe
Preise für ihr Angebot zu erhalten suchen. Der Preis
aller Güter und Leistungen stellt sich dann so ein, daß
die Anbieter mit den höchsten Kosten in ihren Erwerbs-

zweigen doch noch auf die Dauer den tauschwirtschaft-
lichen Grenzertrag dieses Erwerbszweiges erzielen. Es
gilt also keine Grenzproduktivitätstheorie — sie kann
das Angebot und insbesondere die Kapitalbildung nicht
erklären —, sondern eine Grenzertragstheorie.

Über den Zusammenhang zwischen Löhnen und Ka-
pitalzins sind heute noch viele unrichtige Vorstellungen
verbreitet, Sie führen auch wieder auf Irrtümer der bis-
herigen Wirtschaftstheorie zurück. Die sogenannte

1 Trotz aller meiner Hinweise werden auch in der neuesten
Wirtschaftstheorie als Bruttoerträge immer noch auch die er-
zielten Gütermengen bezeichnet, ein logischer Lapsus, der
auf die oben (Kapitel I) kritisierte Identifizierung von Geld-
summen und Gütermengen zurückgeht. In der ausländischen
Wirtschaftstheorie hat man wiederum noch nicht einmal das
Problem sesehen.
        <pb n="33" />
        IL Die Grenzen der Lohnsteigerungen. 3

„Konfrärtheorie“, die behauptet, daß, wenn der Lohn
steigt, der Zins und die Rente sinken müßten (dabei
wirft man regelmäßig bedungene Einkommen und Ge-
winne durcheinander), ist falsch, womit aber nicht ge-
sagt sein soll, daß die „Daralleltheorie‘“ allgemein rich-
tiger wäre. Man kann nur sagen, daß unter der Vor-
aussefzung ceteris paribus — die zu machen aber meist
unmöglich ist — der Unternehmergewinn sinkt, wenn
die Löhne steigen. Aber selbstverständlich ist das kein
Gesetz. Ebenso kann man behaupten, daß in manchen
Fällen, aber keineswegs immer, wenn die Arbeiter
höhere Lohnforderungen bewilligt erhalten, mehr um-
laufendes Kapital erfordert wird und die größere Nach-
frage nach solchem die Tendenz habe, den Zins ‚zu
steigern. Das ist heute der Fall und einer der Gründe,
weshalb trotz Steigerung der inländischen Kapitalbil-
dung und trotz Zufuhr von großen Mengen Auslands-
kapitals der Zinsfuß bei uns noch nicht im mindesten
gesunken ist.

Für die Möglichkeit der Kapitalbildung ist, wie wir
schon sagten, die Einkommensverteilung von großer Be-
deutung. Sind überdurchschnittliche und hohe Einkom-
men selten, so wird sie ungenügend sein, zumal wenn
in wirtschaftlich zurückgeworfenen Ländern weite Be-
völkerungsschichten gegen früher verarmt oder antikapi-
talistisch eingestellt sind und deshalb nicht sparen. Bei
den Erwerbswirtschaften selbst haben Differential-
gewinne für die Kapitalbildung sehr große Bedeutung,
die sich daraus ergeben, daß in der Regel in einem Er-
werbszweig die Anbieter verschiedene Kosten haben, der
Preis sich aber so hoch stellt, daß auch die teuersten
Anbieter auf die Dauer noch einen gewissen Ertrag er-
zielen. Diese Differentialgewinne werden oft als ar-
beitsloses Einkommen bezeichnet, das den Unter-
nehmern ohne ihr Zutun zufließt. Sie haben auch in der
Tat oft einen monopolistischen Charakter, weil sie oft
auf natürlichen Vorzugsbedingungen, besserem Boden
        <pb n="34" />
        32 2. Kapitel, Kapitalbildunag und Löhne.

der Landwirtschaft, günstigerer Lage und dergleichen be-
ruhen. Äber das ist nicht immer der Fall, oft beruhen
sie auch nur auf besserer Organisation und Ausnutzung
der wirtschaftlichen Verhältnisse.

Es wäre verkehrt, diese Differentialgewinne ganz
wegzusteuern, ebenso wie es sich als falsch erwiesen hat,
die höheren Einkommen zu sehr zu beschränken. Sie
sind wichtig für die Kapitalbildungs, und zwar nicht nur
im Betriebe selbst, sondern innerhalb der ganzen Volks-
wirtschaft, Es muß auch genügend Kapital für die Er-
richtung neuer Unternehmungen vorhanden sein. Das
Aufkommen ‘solcher darf nicht zu sehr erschwert
werden. Ferner ist zu berücksichtigen, daß für die stei-
genden Lohnforderungen der Arbeiter auch mehr um-
laufendes Kapital verfügbar sein muß. Die stärkere
Kreditinanspruchnahme dafür, ferner auch die Ver-
schlechterung der Zahlunsgssitten und schärfer gewor-
dene Konkurrenz, die zu langer Kreditgewährung

zwingt, haben viel zur Erhöhung des Zinsfußes bei-
sefragen. —
Jedenfalls erkennt man, daß die Arbeiter durch ihre
Gewerkvereine die Löhne doch nur innerhalb ziemlich
enger Grenzen beeinflussen können, die eine richtige
Wirtschaftstheorie angeben kann, natürlich nur im all-
gemeinen und nicht zahlenmäßig bestimmt.

Die Möglichkeit, daß ein einzelner Gewerkverein für
seine Arbeiter höhere Löhne durchsetzen kann, ist auch
sehr davon abhängig, ob die Arbeitgeber die Preise
ihrer ‚Waren erhöhen können. Das ist leichter möglich,
wenn sie ebenfalls in monopolistischen Vereinigungen,
Kartellen, zusammengeschlossen sind. Die Kartellfähig-
keit der verschiedenen Waren ist aber bekannflich sehr
verschieden und daher auch die Frage sehr verschieden
zu beantworten, wie andere Erwerbszweige, Weiterver-
arbeiter, Handel und endlich wie die letzten Kon-
sumenten auf solche Preiserhöhungen reagieren. Im all-
        <pb n="35" />
        Il. Die Grenzen der Lohnsteigerungen. 37

Semeinen kann man wohl sagen!: Ein Gewerkverein
kann höhere Löhne durchsetzen:
a) Je mehr die Unternehmer andere Kosten ver-
billigen können, ohne daß ihre Versorgung mit
anderen Kostensgütern leidet. Es hängt dies wieder
sehr von ihrer relativen Monopolstellung als Nach-
fragende ab;

b) je mehr die Unternehmer ihre Preise erhöhen
können, ohne daß ihr Absatz und damit die Be-
schäftigung der Arbeiter leidet;

c) je nachdem die Arbeiter, auch wenn der Absatz der
Unternehmer zurückgeht, Enflassung von Arbeitern
und Lohndruck verhindern können, was aber
wiederum von a) abhängig ist;

d) je mehr die Arbeiter den Zustrom von neuen Är-
beitern im Gewerbe verhindern können,

Tatsächlich sind also Lohnerhöhungen einer Är-
beitergruppe sehr enge Grenzen gesetzt. Denn auch bei
einer natürlichen Monopolstellung der Unternehmer und
erst recht bei einer nur vertragsmäßigen werden sich b)
und c) selten verwirklichen lassen. Schließlich kommen,
wenn die betreffende Arbeitergruppe sehr zahlreich ist
und ihre Produkte sehr wichtige Güter darstellen, Ände-
tungen in der Kaufkraft des Geldes als Folgeerschei-
nungen in Betracht, das heißt viele und wichtige andere
Güter steigen ebenfalls im Preise (sogenanntes all-
Semeines Preisniveau). Die Arbeiter können also mit
ihren höheren Löhnen nicht mehr kaufen. Dies kann
auch bei staatlichen Preisfestsetzungen eintreten.

In Deutschland hat man unter dem Druck der Ge-
werkvereine und ihrem politischen Einfluß die Löhne zu
hoch steigen lassen. Die Folge davon war, daß die Preise
Nicht gesunken sind, wie viele unter dem Einfluß der Re-
1 Siehe auch „Allgemeine Volkswirtschaffslehre‘“, 2. Auf-
lage, S, 68.
Schultze, Weltwirtschaftliche Vorträge, Heft

3
        <pb n="36" />
        34
RA Küpitel. Kapitalbildung und Löhne.

parafionslasten erwartet hatten. Auch der Zufluß von Aus-
landskapital hat dieses Sinken verhindert (Kapitel 7).
Wegen der {ortgesetzten Lohnforderungen der Ar-
beiter ist die Rationalisierungs- und Konzentrationsten-
denz vielfach zu weit gegangen, und das hat die Zahl der
Arbeitslosen immer mehr anschwellen lassen. So
kommen die gesteigerten Löhne nur einer relativ klei-
neren Schicht von Arbeitern in durch Gewerkvereine
monopolisierten Arbeitszweigen zugute. Infolgedessen
ist nicht einmal die Kaufkraft der Bevölkerung ent-
sprechend der Steigerung der Löhne gewachsen, Vor
allem aber ist dadurch die erforderliche Kapitalbildung
verhindert worden, und die Folge ist eben der unglaub-
lich hohe Zinsfuß,

Die heutigen Kapitalverhältnisse in Deutschland sind
der beste Beweis, den das Wirtschaftsleben selbst
bietet, gegen die von den Arbeitern und manchen Na-
fionalökonomen vertretenen Anschauungen, daß Lohn-
steigerungen nahezu unbegrenzt möglich seien und ins-
besondere in Deutschland für die ganze Volkswirtschaft
möglich wären; denn trotz der starken Lohnsteigerungen
der letzten Jahre ist der Absatz der meisten Industrien
ungünstig, und der Zinsfuß ist nicht gesunken. Insbe-
sondere die deutsche Landwirtschaft hat durch den
Kapitalmangel und hohen Zinsfuß mehr gelitten, als sie
durch die Steigerung der Kaufkraft der industriellen
Arbeiter vielleicht profitiert hat. Wenn man noch be-
denkt, daß durch die verhältnismäßig zu hohen In-
dustrielöhne der Zuzug zur Stadt mehr gefördert und
der Ärbeitermangel auf dem Lande verschärft wurde,
erscheinen die nachteiligen Wirkungen der Lohnsteige-
rungen erst recht klar. Die monopolistischen Organi-
sationen der Arbeiter, die Gewerkvereine, und ihr
großer politischer Einfluß haben also im ganzen in den
letzten Jahren für die gesamte deutsche Volkswirtschaft
enfschieden . ungünstiger gewirkt, als die monopolisti-
schen Vereinigungen der Unternehmer. Wie ich schon in
        <pb n="37" />
        IL Die Grenzen der Lohnsteigerungen. 35
it —_—_
meinem Buche: „Kartelle, Konzerne und Trusts“1
ausführte: Die Preissteigerungen der Kartelle sind heute
in vielen Fällen nichts weiter als die Folgen der Lohn-
steigerungen, die die Gewerkvereine durchsetzten. Daß
sie aber trotzdem nicht genügten, um in der ganzen
Volkswirtschaft eine genügende Kapitalbildung herbei-
zuführen, zeist der hohe Zinsfuß. Es hängt das damif
zusammen, daß das Anwendungsgebiet der Kartelle be-
kanntflich beschränkt ist und der Durchsetzung der mo-
nopolistischen Tendenzen auch ziemlich enge Grenzen
gezogen sind. Ferner aber kann die Kapitalbildung in
den Unternehmungen selbst diejenige durch Ersparnisse
in den Konsumwirtschaften überhaupf nicht überflüssig
machen. Diese aber wiederum wird vor allem durch die
Besteuerung und die übermäßige Ausdehnung der

öffentlichen Ausgaben gehemmt.
Auf diese Verhältnisse kommen wir in den beiden

folgenden Kapiteln zu sprechen.

3 Kapitel.
Falsche Kapitalbildung.
L. Der Wohnungsbau als Kapitalbildung.

Ebenso große Unklarheiten wie über das Wesen des
Kapitals sind auch noch über das des Zinses verbreitet.
Noch immer herrscht die Droduktivitätstheorie, die, wie
den Lohn auf die Produktivität der Arbeit, den Zins
auf die „Produktivität des Kapitals“ zurückführt (Er-
tragszurechnung). Das ist, wie schon betont, eine Ver-
wechslung des technischen und des wirtschaftlichen Kau-
salzusammenhangs. Der Unternehmer, der eigenes oder
geliehenes Geldkapital in Produktionsmittel steckt, er-
wartet natürlich, daß seine Produktion rentabel sei, das
heißt, daß er seine Produkte mit Gewinn werde ver-
kaufen können. Aber die Quelle dieses Kapitalgewinns
1 8 Auflage, Stuttgart 1950.
        <pb n="38" />
        36 3. Kapitel. Falsche]Kapitalbildung.
sind die Wertschätzungen der Konsumenten für
die Produkte, und das Kapital ist nichts als Kosten, die
der Unfernehmer nur auf Grund jener Wertschätzungen
und bestimmt durch seine Ertragserwartungen für die
Produktion aufgewendet hat.

Auch der Zins für das Leihkapital ist für den Unter-
nehmer Kosten, die er natürlich aus dem Bruttoertrage
seiner Erwerbstätigkeit bezahlen zu können erwartet.
Je höher diese Ertragserwartungen sind, um so höheren
Zins kann er bezahlen. Aber der Zins wird nicht be-
stimmt durch die Höhe dieses Erfrages, Denn in den
Bruttoerträgen stecken ja noch alle sonstigen umlaufen-
den Kosten für Rohstoffe, Löhne usw. Der Unternehmer
kann nun insgesamt nicht mehr an Kosten aufwenden,
als daß er auf die Dauer noch einen gewissen Beinertrag
aus seiner Unternehmung erhält, weil er davon leben
muß.
Es ist aber durchaus möglich, daß ein Unternehmer
für einen gewissen Kapitalbetrag 10% Zinsen bezahlen
kann, während sein eigenes Kapital sich nur mit 8%
oder 6% rentiert. Man darf auch die Exaktheit aller
solcher Rentabilitätsrechnungen nicht überschätzen. Dem
Kapital, dem Boden, der eigenen Arbeit bestimmte Er-
tragsanteile zuzurechnen, wird zwar oft versucht, ist
aber willkürlich und verkennt die Ursachen der Ertrags-
erziehung. In der Privat-, Land- und Forstwirtschafts-
lehre sind auf Grund der materialistischen Wirtschafts-
auffassung noch große Irrtümer damit verbunden].
Auch das einer Unternehmung zusrunde gelegte Geld-
kapital kann nicht zerlegt und einzelne Teile davon Er-
tragsanteilen zugerechnet werden. Wenn eine Unterneh-
mung mit 80000 Mark Kapital 8000 Mark Reinsewinn

1 Vergleiche dazu zahlreiche Aufsätze von mir in forst-
lichen Zeitschriften und die daran anknüpfende Literatur,
jetzt insbesondere auch F. Stapelberg: „Die Zurechnungs-
theorie in der Privatwirtschaftslehre.“ Freiburger Diss. 1930.
        <pb n="39" />
        IL Der Wohnungsbau als Kapitalbildung. 37
erzielt, also mit 10% rentierf, und sie erhöht ihr Kapi-
tal um 20000 Mark und erzielt jetzt 9000 Mark Rein-
gewinn, so kann nur in ganz besonderen, seltenen
Fällen behauptet werden, das neue Kapital habe nur mit
50% rentiert. Denn niemand weiß, wie die Unterneh-
mung ohne das neue Kapital rentiert hätte*. Die
Rentabilität stammt eben nicht aus dem Kapital; dieses
ist wirtschaftlich nur Kosten, die nur im Hinblick auf
den Ertrag aufgewendet werden. — Exakt läßt sich also
die Rentabilität einer Kapitalaufwendung nur in den
wenigsten Fällen angeben und gar die häufige Behaup-
tung, daß sie „produktiv“ sei, ist wirtschaftlich ganz un-
klar und nichtssagend. Es kommf auch in Betracht, daß
viele Kapitalaufwendungen einfach zwangsläufig er-
folgen müssen, um die völlige Unrentfabilität einer
Unternehmung zu verhindern oder eine spätere erhoffte
Rentabilität zu ermöglichen. Dabei muß angesichts des
heutigen Kapitalmangels oft ein Zinsfuß bewilligt
werden, der in den Ertragsaussichten der Unterneh-
mungen selbst keine Begründung findet.

Aber es ist sicher, daß heute in vielen Fällen Kapital
investiert und dafür auf dem Kreditwege beschafft wird,
wenn weder genügende Rentabilität gesichert ist, noch
auch zwecks Erhaltung des Betriebes eine Notwendig-
keit. der Kapitalinvestition bestand, Besonders traurig
dürften die Verhältnisse in der Landwirtschaft liegen,
wenn es wahr ist, daß von den 7 Milliarden Mark seit
der Stabilisierung langfristig aufgenommenen Kapitals
nur etwa eine Milliarde wirklich ertragbringend ange-
lest sei.
Aber auch in anderen Erwerbszweigen ist die wirk-
liche Rentabilität und damit „Produktivität“, wenn
dieser Besriff einen wirtschaftlichen Sinn haben
Dazu meine Aufsätze: „Zurechnung und Verteilung" und:
„Nutzen und Kosten, Wert und Preis“ in Schmollers Jahr-
buch 1925 u. 1926.
        <pb n="40" />
        38 3. Kapitel. Falsche Kapitalbildung.
soll, vieler Kapitalaufwendungen sehr ungewiß. Welche
wichtigen Folgen dabei auch die Unklarheit über das
Wesen des Kapitals haben kann, habe ich kürzlich an
einem praktisch sehr bedeutsamen Beispiel aufgezeigt],
dem der Wohnungsbeschaffun g. Die Erstellung von
Wohnungen wird allgemein als Kapitalbildung auf-
gefaßt. Sie ist aber doch wohl — wenn wir noch einmal
auf die herrschende Kapitalauffassung zurückkommen
dürfen — Produktion von Gegenwartsgütern und
also keine Kapitalbildung, und dasselbe wäre auch vom
Standpunkt der „vVolkswirtschaftlichen“ Betrachtungs-
weise zu sagen: Die Wohnung ist kein Produktions-
mittel, ein Wohnhaus liefert nicht vermehrte Produkte.
Es ist bezeichnend für den Zustand der heutigen Wirt-
schaftstheorie, daß diesen Widerspruch niemand be-
merkt hat.
In der oben zitierten Statistik der Reichskreditgesell-
schaft A.-G., also einer hohen amtlichen Stelle, von der
man meinen sollte, daß in ihr auch einigermaßen öko-
nomisch Gebildete sitzen, werden folgende Ziffern für
die Verwendung von In- und Auslandskapital im Jahre
1927 gegeben: 3,2 Milliarden Mark für Wohngebäude,
1,1 Milliarden Mark für öffentliche und gewerbliche Ge-
bäude, 1,9 Milliarden Mark für Verkehrsmittel, 1 Mil-
liarde für Maschinen, 2,2 Milliarden Mark für Elektrizi-
tät, Gas, Wasser und Tiefbau, 1,5 Milliarden Mark für
Warenvorräte und 1,1 Milliarden Mark für Hausrat,

Die Beschaffung von Hausrat als Kapitalverwendung
zu bezeichnen, geht sogar über den rein technischen Be-
griff „Produktionsmittel‘“ hinaus. Denn danach könnte
vielleicht der Kochherd und der Kochlöffel, nicht aber
der Eßtisch und der Eßlöffel als Kapital bezeichnet
werden. Auch vielleicht noch der Schreibtisch, weil an
ihm doch Briefe, unter Umständen wissenschaftliche

* In dem Aufsatz „Kapitalbildung und Wohnungsbau“,
Zeitschrift für Betriebswirtschaft 1929, H. 12,
        <pb n="41" />
        I Der Wohnunasbau als Kapitalbildung. 39

Werke „produziert“ werden! Doch ich habe die Unmög-
lichkeit der technisch-naturwissenschaftlichen Wirt-
schaftsauffassung in meinen theoretischen Arbeiten so
off betont, daß ich auf solche Leistungen nicht näher ein-
gehen will.

Ebenso bemerkenswert ist aber die wirtschaftstheo-
retische Unkenntnis, die sich in dem Zusammenwerfen
von öffentlichen und gewerblichen Gebäuden beweist.
Für jeden im praktischen Wirtschaftsleben Stehenden
und für jeden, der meine an es anknüpfende Wirt-
schaftstheorie kennt, ist die Sachlage ganz klar. Haus-
rat ist nie Kapital, weil er nicht der Erziehung von Geld-
erträgen dient. Das gilt aber natürlich nicht für das ein-
zelne Gut an sich, sondern eben für den Hausrat im
Haushalt, nicht für derartige Gegenstände beim Pro-
duzenten, Doch sind auch solche Gegenstände beim Pro-
duzenten und Händler kein Kapital, sondern eben Güter
entfernterer Ordnung. Das Kapital der Produzenten ist
die geldliche . Veranschlagung seiner Produktionsmittel
und das Geld selbst, das er als „umlaufendes Kapital”
für Arbeitslöhne, Rohstoffe, Lager usw. gebraucht. Auch
das Warenlager des Händlers ist für ihn kein Kapital,
sondern die Geldsumme, die er hineingesteckt hat, und
die er vielleicht mehrere Male im Jahre umschlägt$.

Wohngebäude sind Kapital, soweit sie vermietet
werden. Ein vom Eigentümer selbst bewohntes Wohn-
haus ist nur Vermögensobjekt und kein Kapital. Öffent-
liche Gebäude sind meist Objekte in einer großen Kon-
sumwirtschaft. Kapital nur, wenn sie vermietet werden
oder zu Erwerbszwecken dienen, wie Gas- oder Elektri-
zitätswerke. Gewerbliche Gebäude sind immer Kapital,
wenn sie als Erwerbsmittel zur Erziehung von Geld-
erträgen benutzt werden. Sofern sie leerstehen und
nicht benutzt werden, sind sie bloßes Vermögensobjekt.

Kein Gut ist also an sich Kapital, nur die erwerbswirt-

schaftliche Verwendung — nicht aber die Produktion an

sich — macht es zu einem solchen.
        <pb n="42" />
        40 3. Kapitel. Falsche Kapitalbildung.
Wir sind mit diesen Erörterungen schon tief in die
Probleme der heutisen Kapitalbildung in Deutschland
hineingekommen. Ich habe in jenem Aufsatz zum ersten
Male die Frage aufgeworfen: „Kann die Aufwendung
von soundso viel Milliarden für den Wohnungsbau
— in den letzten Jahren durchschnittlich 3 Milliarden
Mark — als Kapitalbildung angesehen werden?“
„Und wie wirkt sie auf die sonstige Kapitalbildung bzw.
Verwendung?“ Ich zeigte dort, wie es meiner Grenz-
ertragslehre entspricht, daß genau wie die einzelne
Wirtschaft Kosten auf diejenigen Bedürfnisse ver-
wendet, wo die größten Nutzen verglichen mit den
Kosten, also die größten Erträge (hier psychisch, als
Konsumertfräge) noch zu erzielen sind (Gesetz des Aus-
gleichs der Grenzerträge), ebenso die rationellste Ver-
feilung der Kapitalien und Arbeitskräfte im ganzen
Tauschverkehr auf Grund der zu erzielenden Geld-
erträge erfolgt. Bei der Wohnungsvermietung aber sind
diese Erträge verhältnismäßig niedris, weil die Miet-
preise durch staatliches Eingreifen künstlich tief ge-
halten werden. Wären sie dem freien Verkehr über-
lassen, würden die Mietpreise wohl wesentlich höher
sein, und ein erheblicher Teil der heutigen Wohnungs-
nachfrage nicht befriedist werden können.

Es fragt sich aber, wie diese starke Kapitalaufwen-
dung für den Wohnungsbau auf die übrige Volkswirt-
schaft wirkt. Es fragt sich, ob die heutige Nachfrage nach
Wohnungen wirklich so intensiv ist, wie es immer dar-
gestellt wird. Dabei wollen wir zunächst Sozialpolitische
und volkshysienische Erwägungen bezüglich Beschaffung
besserer Wohnungen für die ärmeren Klassen ganz aus-
schalten. Ein großer Teil der Wohnungsnachfrage hänst
mit den niedriggestellten Mietpreisen zusammen und
würde verschwinden, wenn diese höher wären, die Woh-
nungszwangswirfschaft also beseitigt würde. Doch ist
das noch kein Argument für die Behauptung der Sozia-
listen, daß die Löhne heute zu niedrig seien. Gewiß wäre
        <pb n="43" />
        L Der Wohnungsbau als Kapitalbildung. 41
es sehr erwünscht, wenn sie höher wären, Aber
sie können nicht höher sein, wenn nicht mehr produziert
wird. Daß aber auch bei den ärmeren Schichten der Be-
völkerung der Konsum von Alkohol, Tabak, der Kino-
besuch und allerlei sonstige, keineswegs notwendige
Ausgaben noch so bedeutend sind, zeigt wohl an, daß
die Beschaffung einer besseren Wohnung für weite
Kreise doch kein so dringendes Bedürfnis ist, daß es sie
veranlassen könnte, jene nicht notwendigen Bedürfnisse
einzuschränken oder aufzugeben. Damit soll natürlich
nicht gesagt werden, daß mit der Wohnungsbeschaf-
fung im einzelnen Falle nicht sehr große Mißstände ver-
bunden sein können. Aber im allgemeinen gilt, daß die
Nachfrage nach Wohnungen geringer sein würde, wenn
die Nachfragenden mehr gezwungen wären, andere,
keineswegs notwendige Bedürfnisse dafür aufzugeben,
und das sie also zu einem erheblichen Teil nur eine
Folge der niedrig gehaltenen Mietpreise ist.

Die Verbesserung der Wohnung scheint mir daher in
hohem Grade mehr ein Kollektivbedürfnis zu sein,
das von politischen und sozialen Organisationen im
Interesse der Volksgesundheit in den Vordergrund ge-
stellt wird, als daß es von Millionen von Einzelwirt-
schaften wirklich als eines der dringendsten Bedürfnisse
empfunden wird. Es steht also damit nicht anders wie
etwa in Amerika, wo man es als eines der dringendsten
Kollektivbedürfnisse ebenfalls im Interesse der Volks-
gesundheit empfindet, den Alkoholgenuß zu verbieten
und dafür Hunderte von Millionen aufwendet. Solche
Kollektivbedürfnisse beeinflussen natürlich die Preis-
bildung ebenso wie individuelle Bedürfnisse. Das spricht
natürlich noch nicht gegen die Aufwendung großer
Summen dafür, ebenso wie man über die Aufwendungen
für Heereszwecke, Polizei, Museen usw. sehr verschie-

dener Meinung sein kann. Aber diese Aufwendungen

sind Konsum, und selbst wenn sie äußerlich als Kapi-
talbildung erscheinen, weil Gelderträge damit erzielt
        <pb n="44" />
        42 3. Kapitel. Falsche Kapitalbildung.
werden, steht doch die Förderung des Konsums dabei
im Vordergrund. Die Kapitalerträge liegen meist unter
dem tauschwirtschaftlichen Grenzertrag, und das wirkt
auf die sonstige Kapitalbildung zurück.

Welche Folgen die Verwendung so großer Teile der in
der Volkswirtschaft erzielten Gelderträge auf die Woh-
nungsbeschaffung für die sonstige ‘Kapitalbildung in
Deutschland hat, das hat man sich bisher niemals klar-
gemacht. Sie ist eben doch zu einem großen Teile als
Konsum, und zwar zunächst der öffentlichen Wirt-
schaften zu betrachten. Sie hat daher das für andere
Zwecke zur Verfügung stehende Geldkapital beschränkt
und so zur Erhöhung des Zinsfußes in Deutschland bei-
getragen. Es soll damit über den sozialpolitischen Cha-
rakter dieser Verwendung kein Urteil gefällt werden.
Nur muß man sich über die tauschwirtschafflichen Ver-
hältnisse dabei klar sein.

Wenn aus der Wohnungsvermietung höhere Erträge
erzielt würden, würde auch mehr der Volkswirtschaft zu
neuer Kapitalbildung zur Verfügung gestellt werden. Im
ganzen hat sich auch hier das Eingreifen der öffentlichen
Körperschaften als unheilvoll gezeigt, weil sie eben
weniger als Private auf Rentabilität sehen müssen, und
Rentabilität ist der einzige Maßstab für die rationelle
Verwendung des in der Volkswirtschaft neu gebildeten
Geldkapitals, Wird ein Mindestertrag, der tauschwirt-
schaffliche Grenzertrag auf die Dauer nicht erzielt, so
ist die Aufwendung als Konsum, nicht als Kapitalbil-

dung zu betrachten.

HI. Die Kapitalbildung der öffentlichen Körperschaften.

Nun muß man sich freilich auch hier vor dem Glauben
an die Möglichkeit exakter Feststellungen hüten. Selbst
die Geldrechnungen der reinen Erwerbswirtschaften
sind keine exakten Größen; allein schon aus dem
Grunde nicht, weil die Abnutzung dauerbarer Kosten-
güter, des stehenden Kapitals, nicht genau festzustellen
        <pb n="45" />
        Il. Die Kapitalbildung der öffentlichen Körperschaften. 43

ot
ist; und erst recht ist die Gefahr des Veraltens der Pro-
duktionsmittel, die zur Ersetzung durch neue zwingt,
nicht vorauszusehen. Infolgedessen ist der Grad der Ra-
tionalität, mit der der ganze Tauschverkehr, die „Volks-
wirtschaft“, funktioniert, die Kapitalien und Arbeits-
kräfte sich verteilen, relativ gering. Das gilt aber für die
Rationalität der wirtschaftlichen Erwägungen des ein-
zelnen Menschen und ihrer Durchführung ganz ebenso,
sobald sich der Wirtschaftsplan auf einen längeren Zeit-
raum erstreckt.

Tedenfalls ist die Rationalität der großen Kapitalauf-
wendungen in Deutschland nach dem Kriege in vielen
Fällen recht zweifelhaft, besonders wohl in der Land-
wirtschaft. Aber hier gilt wenigstens, daß die Erwerbs-
wirtschaften, genau wie alle anderen, in den allgemeinen
Tauschverkehr hineingestellt sind, und daß sie ihre Pro-
dukte auf dem allgemeinen Markte verkaufen. Hier
hängt die Lage eines Gewerbes doch im wesentlichen
auch von der Rationalität seiner Betriebe ab.

Ganz anders ist das aber bei den meisten Betrieben
der öffentlichen Körperschaften. Deren Produkte
und Leistungen sind meist nicht in den freien Markt
einbezogen. Sie sind häufig monopolisiert, und selbst,
wenn sich solche Betriebe rentieren, ist das nicht immer
ein Beweis dafür, daß die Kapitalaufwendungen für sie
volkswirtschafflich rationell waren, das heißt daß die
Kapitalien dahin geflossen sind, wo sie am zweckmäßis-
sten verwendet werden konnten. Denn die Rentabilität

wird hier oft nur durch staatliche Monopolpreise er-
möglicht, die meist ganz anders zu beurteilen sind . als
private Monopole. Denn bei den letzteren steht die Kon-
kurrenz regelmäßig im Hintergrund, bei den Ööffent-
lichen Monopolen aber ist sie gesetzlich ausgeschlossen.
Auch beruht die Rentabilität öffentlicher Betriebe off
auf Steuerbegünstigungen, und dadurch wird die Ver-
gleichung mit derjenigen privater Unternehmungen €r-
schwert und, wenn sie nicht überhaupt gesetzlich aus-
        <pb n="46" />
        44 nn 3. ] Kapitel. Falsche Kapitalbildung. ;
geschlossen ist, auch die Möglichkeit des Aufkommens
privater Konkurrenz,

Aus alledem ergibt sich, daß auch bei den Problemen
der Kapitalbildung und zweckmäßissten Kapitalverwen-
dung einer so starken Ausdehnung der öffentlichen Be-
friebe, wie wir sie gegenwärtig in Deutschland haben,
sehr große Bedenken entgegen stehen. Die öffentlichen
Betriebe, selbst wenn sie heute bei der Kapitalbeschaf-
fung auf dem freien Markte nicht günsfiger gestellt sind
als die privaten, brauchen weniger auf wirkliche Ratio-
nalität zu sehen, da sie sich die Verzinsung des auf-
genommenen Kapitals auch durch Steuern verschaffen
können.

Durch die heute sich ausbreitende Übertragung öffent-
licher Betriebe an besondere Aktiengesellschaften wird
das freilich unterbunden, aber es sind doch längst nicht
alle öffentlichen Betriebe in dieser Weise selbständig
gemacht!, Und dann bleibt immer noch die Frage, wie
die aufgenommenen Kapitalien zurück gezahlt werden
können.

Im ganzen ist anzunehmen, daß die große Ausdeh-
nung aller öffentlichen Tätiskeiten seit dem Kriege viel-
leicht am meisten zu dem heutigen Kapitalmangel und
hohen Zins beigefragen hat. Es ist wahrscheinlich, daß
auch ein großer Teil der nicht durch Steuern, sondern
im Wege der in- oder ausländischen Kreditbeschaffung
aufgebrachten Kapitalien nicht im Sinne höchster Ra-
tionalität verwendet wurde, sondern mehr oder weniger
als Konsum zu betrachten ist; daß also die Rückzahlung
eben doch nur durch Steuern zu ermöglichen ist, wenn
die Aufnahme neuer Kredite nicht gelinst?.

Es mag sein, daß die Steigerung der Löhne in den
* Über die sogenannten gemischt-wirtschaftlichen Unfer-
nehmungen vergleiche mein Buch „Die Unternehmungs-
formen“, Teil IV,

? Vgl. hierzu Dr. H. Niebuhr, Öffentl. Unternehmungen und
Privatwirtschaft (Wirtschaftspolit. Zeitfragen. Herausgeg. v.
Ernst Schultze, 5. Heft, Leipzig 1928).
        <pb n="47" />
        IL Die Kapitalbildung der öffentlichen” Körperschaften, 45
letzten Jahren, also in einer Zeit, in der durch steigende
Reparationslasten ganz besonders ein Preisdruck zu
erwarten gewesen wäre, indirekt ebensoviel zu der heu-
tigen unzureichenden Kapitalbildung beigetragen hat.
Aber die Lohnzahlungen verlangen nur vermehrtes um-
laufendes Kapital, während eine direkte Inanspruch-
nahme des Marktes für stehendes Kapital vor allem von
den öffentlichen Körperschaften ausgegangen ist, die,
meist unter dem Druck politischer Verhältnisse, ihr
Tätigkeitsgebiet immer weiter ausdehnten. Wenn man
also die Kapitalbildung in Deutschland fördern und den
Zinsfuß senken will, wird man vor allem darauf bedacht
sein müssen, die öffenflichen Ausgaben einzuschränken.
Auch die Kapitalzufuhr aus dem Auslande darf im all-
gemeinen, wie unten zu zeigen sein wird (Kapitel VII
und VII), gerade für die öffentlichen Körperschaften
einstweilen nicht in Betracht kommen, weil, selbst wenn
diese Anlagen rentieren — diese Rentabilität ist aber
gerade bei den Sffentlichen Körperschaften besonders
zweifelhaft —, doch mindestens die Rückzahlung durch
Steuern erfolgen muß, sofern nicht die Aufnahme neuer
Anleihen geling$f.

Aber auch bei mancherlei Ausgaben der Erwerbswirt-
schaften darf man zweifelhaft sein, ob sie als Kapital-
bildung anzusehen sind. Das gilt zum Beispiel für kost-
spielige Verwaltungsgebäude, die sich nicht nur öffent-
liche Körperschaften, Krankenkassen und dergleichen,
sondern auch viele größere Erwerbswirtschaften ge-
leistet haben. Die I. G. Farbenindustrie baut ein neues
Verwaltungsgebäude für 100 Millionen Mark, was einer
9 %o-Dividende auf ihr Kapital entspricht! Daß die
vielen Bankgsebäude, die in der Inflationszeit errichtet
wurden, unnötig waren, wird heute allgemein zugegeben,
Aber auch sonst ist ein größerer Teil der kostspieligen
Verwaltungsgebäude einfach als Kollektivkonsum anzu-
sehen. Dieser ist heute zu sehr ausgedehnt worden, und
dadurch wird nicht nur der individuelle Konsum, son-

dern auch die eigenfliche Kapitalbildung eingeschränkt,
        <pb n="48" />
        16 ___. 3. Kapitel. Falsche Kapitalbildung.
I. Die Beschäftigung von Arbeitern im Baugewerbe,
Es sei hier noch die Frage erörtert, ob nicht gerade
der Wohnungsbau, dann auch der Bau von gewerblichen
Gebäuden, der das so wichtige Baugewerbe in Nahrung
setzt, volkswirtschaftlich günstiger zu beurteilen ist, als
wenn diese Beträge irgendwo gespart werden. Darauf
ist zu sagen, daß natürlich auch die gesparten Beträge
der Volkswirtschaft wieder zufließen, daß sie aber auf
dem offenen Kapitalmarkt eher der rationellsten Ver-
wendung zugeführt werden, weil die privaten Entleiher
mehr als die öffentlichen Körperschaften auf wirkliche
Rentabilität sehen müssen. In einer so kapitalarmen
Volkswirtschaft, wie der deutschen, kann man eben nicht
die relativ hohen Aufwendungen für Gebäude machen,
die sich nur rechtfertigen, weil diese Güter von sehr
langer Dauer sind. Geschehen solche Aufwendungen, so
muß eben die Befriedigung sich immer wiederholender
Bedürfnisse des täglichen Lebens darunter leiden, oder
die Kapitalbildung bleibt unzureichend. Deswegen sind
gerade auch Aufwendungen für öffentliche und private
Verwaltungsgebäude nicht nur Konsum, sondern ein un-
wirtschaftlicher Konsum, weil sie heute schon Kosten
für die Bedürfnisse einer späteren Zeit verursachen. In
der Zukunft sind aber die Bedürfnisse sehr unsicher,
und gerade bezüglich Wohnungen ist das künftige Be-
dürfnis sehr zweifelhaft, wenn man berücksichtigt, daß
etwa von 1935 ab durch die verminderte Geburtenzahl
im Kriege auch eine Verminderung der Heiraten und
damit auch eine Verminderung der Wohnungsnachfrage
eintreten wird.

Was aber die Beschäftigung von Arbeitern anbelangt,
so ist die Frage, ob sie rationeller in der Herstellung
von Wohnungen, also eines dauernden Konsumgutes,
oder in der Herstellung von Verbrauchsgütern, seien es
Genußgüter oder Rohstoffe, beschäftigt werden, nicht
allgemein zu entscheiden. Für die Rationalität einer
Kostenaufwendung — in der üblichen technisch-materia-
        <pb n="49" />
        IL Die Beschäftigung von Arbeitern im Baugewerbe. 47
listischen Ausdrucksweise für die Produktivität — gibt
es keinen anderen wirtschaftlichen Maßstab als die
Gelderträge.

Man kann nur sagen: in einer Zeit der Kapitalknapp-
heit müssen besonders solche Aufwendungen unter-
lassen werden, die erst auf lange Sicht als ertrag-
bringend anzusehen sind, aber heute schon eine große
Kapitalaufwendung bedeuten. Dies um so mehr, wenn
dafür langfristiger Kredit in Anspruch genommen wird.
Dieser ist nicht nur eine Belastung der Zukunft, sondern
auch eine Belastung des heutigen Kapitalmarkts. Die
Verzinsung wird dann nicht aus vermehrten Erträgen
aus diesen Anlagen, sondern aus dem Geldkapital be-
zahlt, ebenso wie es beim Lohnkapital hier viel länger
dauert als bei anderen Waren, bis es aus erzielten Er-
trägen dem Unternehmer wieder zufließt. Kein Gewerbe
erfordert wohl so viel umlaufendes Kapital wie das Bau-
gewerbe, und daran fehlt es eben heutzutage.

Jedenfalls empfiehlt es sich heute nicht, Kapitalien
auf lange Sicht aufzuwenden für große Anlagen, die
erst in einer späteren Zeit Erträge liefern. Derartige
Aufwendungen sind keine Kapitalanlage, sondern Kon-
sum. Auch die Einkommen der damit beschäftigten Ar-
beiter, Rohstofflieferanten usw. sind keine Erträge der
so beschaffenen Anlagen, sondern sie sind aus den in-
vestierten Kapitalien bezahlt. Sie steigern die Nachfrage
nach Konsumgütern, ohne daß eine Vermehrung der in
der Volkswirtschaft erzielten Erträge schon eingetreten
ist. Sie wirken also preissteigernd und können damit
den Konjunkturumschlas beschleunigen?.
1 Auf diesen Grund von Konjunkturenschwankungen weist
insbesondere die Schrift von Paul Mori: „Das Wesen der
Konjunktur‘, A, Franke A.-G., Bern 1929, hin, der auf der
Grundlage der Grenzertragslehre meine Krisenfheorie nach
der geldlichen Seite hin, bezüglich der Ertrags- und der Ein-
kommenserzielung ergänzt.
        <pb n="50" />
        48 4. Kapitel. Die Kapitalbildung in der Unternehmung selbst.

Gerade hier aber geht es am wenigsten an, das man-
gelnde inländische Kapital durch ausländisches zu er-
setzen. Denn es muß, um im Inlande nutzbar gemacht
zu werden, in Mark umgewandelt werden. Das ist also
eine Geldvermehrung und wirkt preissteigernd. Dies um
so mehr, weil die öffentlichen Körperschaften, die sich
auf diesem Wege das Kapital beschaffen — und ein
großer Teil öffentlicher Bauten und Anlagen ist so durch
Auslandskapital finanziert worden —, dann leicht geneigt
sind, den Forderungen der in diesem Gewerbe sehr
starken monopolistischen Vereinigungen der Unterneh-
mer sowohl (Karfelle für Zement, Träger, Ziegel usw.)
wie der Arbeiter (Gewerkvereine der Maurer, Zimmer-
leute usw.) nachzugeben. Es ist die Vertretung eines sehr
einseitigen Interessenstandpunktes dieser Gruppen und
eine sehr gefährliche Verkennung der allgemeinen
volkswirtschaftlichen Belange und auch der Interessen
der gesamten Ärbeiterschaft, wenn die Spitzenverbände
der Gewerkschaften und der sozialdemokratischen DPar-
tei die Beschaffung von Auslandskapital speziell für das
Baugewerbe verlangten und den Rücktritt des Reichs-
bankpräsidenten Dr. Schacht forderten, der solche
Auslandskredite verhindern wollte. Aber freilich ist die
herrschende Wirtschaftstheorie an den hier vorliegen-
den Irrtümern und der Verkennung der wirtschaftlichen
Zusammenhänge mitschuldis. Wir kommen auf die
Fragen des Auslandskapitals noch in den letzten Ka-
piteln zu sprechen.
4, Kapitel.
Die Kapitalbildung in der Unternehmung selbst.
{. Der Zins als Regulator der Kapitalbilduns.
Neben den Lohnsteigerungen und den großen Auf-
wendungen der öffentlichen Körperschaften gibt es noch
weitere Gründe für den heutigen Kapitalmangel und da-
für, daß er auch durch den großen Zufluß ausländischen
        <pb n="51" />
        I. Der Zins als Regulator der Kapitalbildung. - 49

Kapitals noch nicht behoben wurde, und daß der Zins-
fuß in Deutschland noch nicht im geringsten gesunken
ist, Dazu gehört die Kapitalbildung im Betriebe selbst,
die Selbstfinanzierung, wie man heute zu sagen
pflegt. Sie ist gewiß keine Neuerscheinung. Wir haben
es aber hier nicht mit den regulären Abschreibungen zu
tun, die der Ersetzung alten, abgenufzten Sachkapitals
durch neues dienen, Von jeher, solange es selbständige
Erwerbswirtschaften mit reiner Geldrechnung gibt, sind
Abschreibungen auf das Anlagekapital und Rückstellun-
gen notwendig gewesen. Hier handelt es sich aber um
die Neubildung von Sachkapital, also um die Erwei-
terung einer Unternehmung. Doch sind in Wahrheit die
Grenzen fließend, denn auch bei den Abschreibungen
gibt es keine exakten Feststellungen. Niemand kann
heute genau sagen, wie lange eine Maschine noch halten
wird, und noch weniger, was ihre Ersetzung schließlich
kosten wird. Aber noch mehr. In den meisten Industrie-
zweigen ist heute der technische Fortschritt so schnell,
daß man nicht einmal weiß, ob nicht aus Gründen der
Konkurrenzfähigkeit eine Maschine schon vor ihrer Ab-
nutzung durch eine andere ersetzt werden muß.

Sehr ‚oft liegt schon in der Anwendung neuer Ma-
schinen auch eine Ausdehnung der Produktion, der dann
wieder andere Teile des Betriebes korrespondieren
müssen. Kurz, Kapitalersetzung und Kapitalneubildung
gehen ineinander über.

Dazu kommt noch als dritter Fall der Kapitalaufwen-
dungen das heute so wichtige Gebiet der Rationali-
sierungen. Hier handelt es sich nicht um die reguläre
Ersetzung alten Sachkapitals durch neues, wie sie‘ durch
Abschreibungen erfolgt, auch nicht um die Neubildung
von Sachkapital zwecks Ausdehnung des Betriebes, son-
dern um eine produktionstechnische, handelstechnische
oder verkehrstechnische Verbesserung des Betriebes, die
in der Regel eine Ersparung von Arbeitskräften und
einen Ersatz solcher durch Sachkapitalaufwendungen be-
Schultze, Weltwirtschaftliche Vorträge, Heft 8.
        <pb n="52" />
        50 4. Kapitel. Die Kapitalbildung in der Unternehmung selbst.

deufet, Die Notwendigkeit oder Zweckmäßiskeit solcher
kann sich mehr oder weniger plötzlich einstellen, zum
Beispiel durch höhere Lohnforderungen der Arbeiter
veranlaßf. Auch das Aufkommen neuer Konkurrenten
im Inland oder vermehrte Äuslandskonkurrenz können
Anlaß zu solchen Rationalisierungsbestrebungen und
Kapitalaufwendungen dafür sein. Es ist kein Zweifel,
daß die Rationalisierungstendenzen, weil sie einmalige
größere Aufwendungen sind, die zu dem regulären Ka-
pitalbedarf der Erwerbswirtschaften hinzutreten, ganz
besonders zu dem heutigen Kapitalmangel beigetragen
haben.
Jedenfalls sind seit dem Kriege viele Milliarden in
Deutschland für Zwecke der Rationalisierung ausge-
geben worden, und zwar nicht nur für produktionstech-
nische, sondern auch für verkehrstechnische, kommer-
zielle usw. Ein großer Teil davon ist durch Selbst-
finanzierung aufgebracht worden, hat also den Ka-
pitalmarkt gar nicht in Anspruch genommen. Aber es
wäre natürlich verkehrt, anzunehmen, daß sie ihn des-
halb gar nicht beeinflußt hätten. +

Um das zu verstehen, müssen wir erkennen, wodurch
heutzutage die Kapitalbildung bestimmt und begrenzt
wird. Das geschieht nämlich durch die Geldertragserwar-
fungen einmal derjenigen, die das Geldkapital ver-
wenden wollen und es sich daher leihen oder fremde
Kapitalisten an ihren Unternehmungen beteiligen;
andererseits derjenigen, die das Kapital hergeben, die
Kapitalbesitzer, Diese bilden neues Kapital — daß ein
Kapitalbefrag seinen Besitzer wechselt, kann hier natür-
lich außer Betracht bleiben — nur durch Sparen, das
heißt Nichtverzehren von Einkommensteilen und „An-
lage“ derselben, wie man sagt, als Kapital, also wie wir
wissen, mit dem Zwecke der Geldertragserzielung sei
es durch Ausleihen, sei es durch Beteiligung. Je mehr

gespart werden soll, um so höheren Zins müssen die
Kapitalnachfragenden bewilligen. Dadurch wird aber die
        <pb n="53" />
        1.+Der Zins als:Regulator der Kapitalbildung. 51

weitere Ausdehnung der Produktion gedrosselt, auf die
Unternehmungen mit den größten Rentabilitätsaussich-
ten beschränkt. Und so wird der Gefahr, daß der Aus-
dehnung der Produktion eine (wenigstens relative) Ver-
minderung des Konsums gegenübersteht, eine Schranke
gesetzt,

Ohne diese Berücksichtigung des Geldertragstrebens
sowohl bei den Erwerbswirtschaften, die sich fremdes
Kapital beschaffen, als auch bei den Konsumwirfschaften,
die Einkommensteile dafür reservieren, das heißt-also
ohne Zurückgehen auf die individuellen wirtschaftlichen
Erwägungen der Menschen, gibt es keine wirkliche Er-
klärung der Kapitalbildung. Ein Problem ist der Zins
nur vom Standpunkt einer materialistischen Wirtschafts-
auffassung, weil sie, wie den Lohn auf die Arbeit, die
sogenannte Grundrente auf den Boden, den Zins immer
auf den „Produktionsfaktor Kapital“ ursächlich zurück-
führen will (Ertragszurechnung). Aber auch diejenigen
neueren Autoren, die prinzipiell den Zins als Preis auf-
fassen, können ihn doch nicht als solchen erklären und
suchen immer nach nafurwissenschaftlichen Gründen
(Zeitmoment, „Werten‘). Falsch ist es natürlich auch,
wie es heute eine verbreitete Lehre tut (G. Cassel), das
Kapital oder überhaupt irgendein Gut einfach als
„knapp“ zu erklären und zu meinen, daß deswegen ein
Preis daran gesetzt werde, um dieser Knappheit wegen
die weniger Kaufkräftigen auszuschalten. Diese Lehre
setzt einfach das Angebot als gegeben voraus, was der
weitaus größten Zahl der Güter gegenüber ganz falsch
ist, da es doch gerade die Hauptaufgabe der Wirtschafts-
theorie ist, das Zustandekommen des Angebotes zu er-
klären. Es ist nur dem überaus geringen Verständnis für
die Aufgabe der Wirtschaftstheorie zuzuschreiben, daß
angesehene Nationalökonomen, wie Adolf Weber und
seine Schüler, jene naturwissenschaftliche Betrachtungs-
weise und die daran anknüpfenden, gar nichts erklären-
den Preisgleichungen Cassels akzeptieren. Gerade beim

AM
        <pb n="54" />
        52 4. Kapitel. Die Kapitalbildung j in der Unternehmung selbst.
Kapital wäre die Unmöglichkeit besonders deutlich, es
einfach als knapp zu erklären und so auf jede Erklä-
rung der Kapitalbildung zu verzichten, nur mit der
„Begründung“, daß das in die Psychologie führe. Das
kann nur diejenigen schrecken, die die Nationalökono-
mie für eine Naturwissenschaft halten.

Der Zins und der Unternehmergewinn (Grenzertrag)
sind zwar kein absolut sicherer Regulator der Kapital-
bildung. Wie ich in den „Grundsätzen“ gezeigt habe,
kann trotzdem die Anwendung technischer Fortschritte
zu schnell erfolgen, und auch die Spekulation kann unter
Umständen die höchsten Zinsen bezahlen. Immerhin
sind die Rentabilitätsaussichten der einzige Regulator,
der in der heutigen Wirtschaftsordnung das Angebot
und die Ausgleichung zwischen Konsum und Produktion
bestimmt,

Bei der Kapitalbildung im Betriebe selbst ist nun
aber der landesübliche Zinsfuß als Richtungsweiser und
Steuerungssignal für weitere Kapitalinvestitionen zu
einem erheblichen Teil ausgeschaltet. Gewiß sind Ren-
tabilitätsaussichten auch für die neuen Kapitalanlagen
im letzten Grunde entscheidend. Aber sehr häufig er-
folgen sie doch langfristig im Hinblick auf eine erst
künftig erwartete Rentabilität, oder umgekehrt, sie er-
folgen auf Grund augenblicklicher Konjunkturen, deren
Dauer oft überschätzt wird. Jedenfalls ist eine Unter-
nehmung, die große eigene Mittel angesammelt hat, von
den augenblicklichen Verhältnissen des Kapitalmarktes
unabhängig, und die Bremswirkung, die ein höherer
Zinsfuß auf die Expansionstendenz ausübt, gilt für sie
nicht.

Wenn aber die im Tauschverkehr erzielten Erträge
im Wege der Selbstfinanzierung oft auch für weniger
rentable Zwecke verwendet werden, so ist ganz klar,
daß das Fehlen dieser Summen auf den freien Kapital-
markt ganz ebenso wirkt, wie manche Geldinanspruch-
nahme der öffentlichen Körperschaften, Die für die Ka-
        <pb n="55" />
        I. Der Zins als Regulator der Kapitalbildung. 53
pitalbildung zur Verfügung stehenden Beträge werden
verkleinert, es muß ein Höherer Zinsfuß bewilligt
werden, um sie herauszubekommen, und so schreibt sich
der heutige hohe Zinsfuß neben den Geldansprüchen
der öffentlichen Körperschaften auch zu einem Teil von
dem großen Umfang der Selbstfinanzierung her. Die-
jenigen, die nicht auf diesem Wege sich das nötige Ka-
pital beschaffen können — das sind vor allem kleinere
und mittlere Unternehmungen —, können also nur den
verkleinerten offenen Kreditmarkt in Anspruch nehmen,
Und da gerade hier oft nicht sehr scharf gerechnet wird,
werden manche durch den hohen Zinsfuß erdrückt. Diese
Zusammenhänge gelten für die Beschaffung von stehen-
dem und umlaufendem Kapital in gleicher Weise,

Man muß sich aber auch hier vor angeblich exakten
Formulierungen hüten. Ebensowenig, wie wenn die
Löhne steigen, Zinsen und Renten fallen müssen, eben-
sowenig läßt das Verhältnis von Sachkapitalbildung und
Konsum einen allgemeinen Rückschluß auf die Preis-
bildung zu. Wenn wenig Sachkapital gebildet wird,
steigen viele Preise, zum Beispiel die Wohnungsmieten
und aller Güter, die knapp werden. Andere Preise aber
werden sinken, weil bei größerer Nachfrage die Pro-
duktionsmittel besser ausgenutzt werden können und
weil die geringere Beschäftigung der Arbeiter die Nach-
frage nach manchen Genußgüfern verringert. Wird viel
Sachkapital gebildet, so steigen viele Preise und Löhne
wegen verstärkter Nachfrage. Ändere fallen wegen ver-
stärkter Konkurrenz. E

Wir betonten aber schon (Kapitel III), daß, wenn
heute der Zinsfuß so außerordentflich hoch ist, dies kein
Beweis für die besonders große Rentabilität der Unter-
nehmungen ist, die ihn bezahlen. Er kann eben nur für
eine verhältnismäßig geringe Quote des Leihkapitals im

Vergleich mit dem eigenen Unternehmungskapital be-

zahlt werden. Wohl aber kann man sagen, daß der Ka-

pitalmangel und sein Sympfom, der hohe Zinsfuß,
        <pb n="56" />
        54 4. Kapitel. Die Kapitalbildung in der Unternehmung selbst.

wenigstens bei den privaten Unternehmungen die Wir-
kung hat, daß nur die Unternehmungen mit den günstig-
sten Ertragsaussichten sich an den offenen Geldkapital-
markt wenden. Dadurch wird zweifellos eine rationelle
Kapitalverteilung gefördert. Der Zusammenschluß zu
großen Fusionen und Konzernen hat aber, selbst wenn
sie nicht bis zur monopolistischen Fusion gehen, doch
die Wirkung, die Differentialgewinne zu vermindern.
Die wenigen großen übrisbleibenden Unternehmungen
und Konzerne werden gleichartiger in bezug auf Renta-
bilität. Auch die überall verfeinerte ‚Kostenkalkulation
frägt dazu bei, Differentialgewinne mehr als früher ein-
zuschränken. Damit, mit dem Bestreben, gleichmäßige
Dividenden zu verteilen sowie mit der größeren Öffent-
lichkeit in der Geschäftsführung und Bilanzaufstellung,
werden die Möglichkeiten, gewissermaßen im geheimen
sroße Kapitalien für die Selbstfinanzierung aufzu-
bringen, im ganzen geringer, Äus diesem Grunde wird
vielleicht in Zukunft die Bedeutung des Zinsfußes am
offenen Kapitalmarkt für die Regelung der Kapitalbil-
dung wieder wachsen.

II. Grenzen der Rationalisierung.

Abgesehen von der Ersetzung alten, unbrauchbar ge-
wordenen Sachkapitals ist eine gewisse Sachkapital-
bildung immer erforderlich wegen Zunahme der Bevöl-
kerung und darüber hinaus in einer aufsteigenden
Volkswirtschaft mit der Zunahme des Reichtums. In den
neu gebildeten Produktionsanlagen findet dann eine an-
gewachsene Bevölkerung Beschäftigung.

Ein großer Teil der heutigen Geldkapitalbildung, also
der Ersparnisse, dient aber gar nicht der Sachkapital-
ausdehnung, sondern er dient der Rationalisierung.
Rationalisierung ist, wirtschaftlich gesehen, die Verbilli-
gung. der Gestehungskosten durch fechnische Maß-
nahmen. Äber ist deren Anwendung heute wirklich in
allen Fällen wirtschaftlich rationell? Und wenn sie für
        <pb n="57" />
        I. Grenzen der Rationalisierung:

55

den einzelnen Betrieb rationell ist, ist sie es dann auch
immer ohne weiteres für die ganze Volkswirtschaft?!
Hier ist der einzelne Unternehmer und ebenso der
Staat als Organ der Wirtschaftspolitik vor sehr
schwierige Fragen gestellt, für die es eine exakte und
eindeutige Lösung wiederum nicht gibt.
Rationalisierungen, verbesserte Produktions- und Ar-
beitsmethoden sind heute häufiger entwickelt worden
und schneller aufeinandergefolgt als je vorher. ‚Der
Zwang für den einzelnen Unternehmer, jeweils das
neueste Verfahren anzuwenden, ist sehr groß. Trotz
aller Kartelle ist doch gerade in dieser Hinsicht der
Konkurrenzkampf immer noch heftiger geworden, und
namentlich auch in der für Deutschland so wichtigen Ex-
portindustrie muß jedes Unternehmen darauf sehen,
wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese Forderung ist so ge-
bieterisch, daß ein auf weite Sicht arbeitender Unterneh-
mungsleiter um ihretwillen auch die augenblickliche
Rentabilität zurücktreten lassen wird. Das wirkt aber
auf die ganze Volkswirtschaft ebenso wie ein Miß-
verhältnis von Kapitalbildung und Konsum und ent-
hält damit einen Anstoß zu Krisen. Ich habe das in dem
eingangs erwähnten Aufsatz in der „Sparkasse“ näher
angeführt. Rationalisierung bedeutet meist nur eine ein-
malige Nachfrage nach dauerbaren Kostengütern, nach
neuen Maschinen. Und gewöhnlich bedeutet sie heute
Ersparung von Arbeitskräften, Übergang zu kapital-
intensiverem Betriebe. Eine Ausdehnung des Konsums
:at damit nur insofern verbunden, als mif der Her-
Hier heißt rationell nichts anderes als zweckmäßig, und
von volkswirtschaftlicher Zweckmäßigkeit kann man, da die
Volkswirtschaft selbst keine Wirtschaft ist, und daher keinen
eigenen Zweck verfolgt, ohne Werturteile zu fällen, nur
sprechen im Hinblick auf die Organisation des Tausch-
verkehrs. Diejenige Organisation ist rationeller, die eine
bessere Versorgung aller ermöglicht. Vergleiche dazu meine
„Grundsätze der Volkswirtschaftslehre‘“, Bd, II, Teil X.

N na —
        <pb n="58" />
        56 4. Kapitel. Die Kapitalbildung in der Unternehmung selbst.
stellung dieser Maschinen mehr Arbeitskräfte beschäf-
tigt werden und die Verminderung der Kosten in den
sie verwendenden Betrieben wirklich zu erhöhten Er-
trägen führt. Was das erstere betrifft, so ist aber diese
vermehrte Beschäftigung immer nur vorübergehend, weil
die neuen Maschinen, einmal beschafft, für lange Zeit
ausreichen! In dieser stoßweisen Beschäftigung vieler
Produktionsmittelindustrien liegt bekanntlich ein Grund
für die Konjunkturschwankungen, Ob aber wirklich die
Rationalisierung in den einzelnen Unternehmungen
höhere Erträge liefert, ist noch sehr zweifelhaft. Sie
würde es tun, solange nur eine Unternehmung oder
einige wenige die billigeren Produktionsmethoden an-
wenden, weil dann doch die Preise zunächst gleich-
bleiben und jene erhöhte Differentialgewinne erzielen,
Sobald aber ein größerer Teil der Unternehmungen
dazu übergeht, wie es besonders in stark konzentrierten
Industrien schnell der Fall sein wird, tritt ein all-
gemeiner Preisdruck ein. Die Erträge steigen nicht, Ob
eine erhöhte Produktion, die meist mit der Rationali-
sierung Hand in Hand geht, Absatz finden wird, ist zwei-
felhaft. Die Tendenz zu Konjunkturenschwankungen ist
jedenfalls vergrößert.

Die einzelne wirtschaftliche Kalkulation über den
Nutzen der Rationalisierung wird aber nicht nur durch
die Konkurrenz, das heißt durch die Tatsache, daß sie
alsbald von anderen auch angewendet wird, über den
Haufen geworfen. Es wird dabei auch meist nicht be-
rücksichtigt, daß die durch Rationalisierung vergrößerte
Zahl der Arbeitslosen der Gesamtheit zur Last fällt.

Man kann wohl sagen, daß Rationalisierungen viel-
fach zu einseitig von technischen oder Ökonomisch-tech-
nischen und oft nicht genug von wirtschaftlichen Gesichts-
punkten aus beurteilt und eingeführt werden. Es ist
aber anzuerkennen, daß sich eine Unternehmung, dabei
oft in einer Art Zwangslage befindet, Vielfach wird wohl
Folgende Überlegung angestellt werden: Jene Unter-
        <pb n="59" />
        I. Grenzen der Rationalisierung. 57
nehmung hat ein neues Verfahren eingeführt, das die
Produkte um so und soviel billiger herstellt, und hat
tatsächlich erhöhten Reingewinn erzielt, Also müssen
wir es auch einführen, sonst bleiben wir nicht konkur-
renzfähig. Diese Überlegung mag ganz richtig sein. Es
ist möglich, daß die Unternehmung sonsf tatsächlich zu-
rückgedrängt und schließlich verdrängt worden wäre.
Aber volkswirtschaftflich wichtiger ist, daß auf diese
Weise zuviel Kapital für Rationalisierungen in Anspruch
genommen wird, daß der Zinsfuß immer höher steigt
und der Konsum nicht entsprechend sich ausdehnt, so
daß schließlich doch, volkswirtschafflich gesehen, die
Kapitalbildung im ganzen von einer gewissen Grenze ab
als unzweckmäßig erscheint.

Ob dem nicht durch Kartelle in größerem Umfange
als bisher abseholfen werden könne, diese Frage muß
den einzelnen Erwerbszweigen zur Erörterung über-
lassen werden. Solche, die hauptsächlich den inneren
Markt versorgen, werden dazu eher in der Lage sein als
Exportindustrien, weil dahingehende internationale
Vereinbarungen sehr viel schwieriger sind. ;

Bei der einzelnen Unternehmung geht oft der Mehr-
ertrag der Rationalisierung durch höhere Steuern und
soziale Lasten wieder verloren. Auch dadurch wird die
Kapitalbildung gehemmt oder in falsche Bahnen ge-
dränsf.

Jedenfalls ist heute für die ganze deutsche Volks-
wirtschaft der Nutzen der Rationalisierung in vielen
Fällen zweifelhaft. Man kann der Meinung sein, der
trotz aller Rationalisierungen und trotz ausländischer
Kapitalzufuhr so außerordentlich hohe Zinsfuß sei eine
Mahnung, die Rationalisierung, den Übergang zum
kapitalintensiveren Betriebe nicht zu übersteigern, Bei
über zwei Millionen Arbeitslosen sei der arbeitsinten-
sivere Betrieb angebrachter als Rationalisierung. Das
kommt auf das hinaus, was der Reparationsagent sagte:
Reparationsleistungen bedeuten, daß Deutschland
        <pb n="60" />
        38 5. Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation.

Qualitätsarbeit zu den Preisen von Massengütern liefern
muß. Das ist aber natürlich nur möglich, wenn die Ar-
beiter entsprechend weniger enflohnt werden oder bei
gleicher Entlohnung entsprechend mehr leisten, inten-
siver arbeiten, Das ist bisher vor allem durch die Ge-
werkvereine verhindert worden. Die Arbeiter waren
zwar immer schnell bereit, die Reparationspläne der
Alliierten anzunehmen, glaubten aber und glauben heute
großenteils noch, daß die Lasten von den Kapitalisten
allein getragen werden könnten. Der trotz aller Kapital-
zufuhr herrschende Kapitalmangel und hohe Zins-
fuß zeigt aber zur Genüge, daß das nicht der Fall ist,
Und weil vor allem auch die Lohnforderungen der Ar-
beiter die Rationalisierunsstendenzen so gesteigert
haben, sind sie auch direkt an dem dadurch be-
wirkten Kapitalmangel mitschuldis. Die Gesetze des
Wirtschaftslebens lassen sich eben nicht aus der Welt
schaffen. Sie zeigen, daß man die Kapitalerträge nicht
beliebig zugunsten der Ärbeitserfräge herabdrücken
kann. Durch Ausdehnung der öffentlichen Wirtschaften
werden diese Verhältnisse nur verschlimmert.

5. Kapitel.
Kapitalbildung und Börsenspekulation.
I. Braucht die Börse Kapital?

Auf eine Form der Kapitalverwendung haben wir hier
noch einzugehen, weil damit auch sehr wesentliche Irr-
tümer verknüpft sind. Es ist die Kapitalverwendung für
die Börsenspekulation. Zwar bin ich nicht der Mei-
nung, daß die Kapitalverwendung dafür wesentlich zu
dem heutigen Kapitalmangel und hohen Zinsfuß bei-
getragen haf. Äber so unschuldis, wie manche es dar-
stellen, war sie auch nicht, und es ist jedenfalls auch
sehr wichtig, die in dieser Hinsicht vorhandenen, weit
verbreiteten Irrtümer klarzustellen.
        <pb n="61" />
        L’Braucht die Börse Kapital? !

A
254
Die Meinung ist nämlich weit verbreitet, daß die Drn®
senspekulation kein Kapital in Anspruch ıt ;hme,
und sie ist in neuerer Zeit häufig und besonders scharf
ausgesprochen worden. Anläßlich der Kreditreste ijOnetG
politik des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht, die zu
dem sogenannten „schwarzen Freitag‘ im Mai 1927
führte, veranstaltete die Frankfurter Zeitung eine
Umfrage, bei der Professor Cassel, Professor Spiet-
hoff, A. Hahn, A, Lansburgh und die Redaktion
selbst mehr oder weniger ausgesprochen die These ver-
fraten, daß die Börsenspekulation kein Kapital bean-
spruche, weil doch „jedem Käufer ein Verkäufer gegen-
überstehe“. Auch Professor Adolf Weber hat sich ver-
schiedentlich zu dieser Anschauung bekannt und in der
Schrift „Hat Schacht recht?“, 2. Auflage unter dem
Titel „Die Abhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft
vom Ausland“, München und Leipzig 1928, die theoreti-
schen Grundlagen jener Maßnahme scharf angegriffen.
Auch sonst ist das von sehr vielen Seiten der Fall ge-
wesen.

.
KA

Im „Bankarchiv“, Nr. 9 und 10 vom 1. und 15. Februar
1929, vertraten zwar Professor Reisch-Wien und der
Bankier Leopold Merzbach auch andere Ansichten
über das Kapitalerfordernis der Börsenspekulation. Und
schon vorher hatte ich in einem Aufsatz „Konjunktur-
forschung und Konjunkturpolitik vom Stand-
punkt einer dynamisch-individualistischen
Wirtschaftstheorie‘“ (Schriften des Vereins für So-
zialpolitik, Bd. 173, S. 74) dieser merkwürdigen Auffas-
sung energisch widersprochen. Aber. das scheint man
übersehen zu haben, und so schreibt noch neuestens
Adolf Weber, dessen Abhängigkeit von der Lehre
Cassels ihn schon öfters zu falschen Ansichten geführt
hat („Ende des Kapitalismus?“, 2. Auflage, München
1929, Seite 93: Die These von der „kapitalverschlingen-
den“ Eigenschaft der Börse ist allgemein als irrig aner-
kannt: Die Börse ist für die Kapitalien nur Durchgangs-
        <pb n="62" />
        50 5. Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation.

stelle, ein „Sieb mit großen Löchern“). Ebenso hat die
Redaktion der Frankfurter Zeitung ihre Auffassung
beibehalten. In einem Artikel „Kapitalmarkt und
Börse“ vom 24. November 1929 heißt es: „Der Verlauf
(der amerikanischen Börsenhausse) ist eine vorzügliche
Bestätigung der von uns stets vertretenen Ansicht, daß
die Börse kein Kapital absorbiert, sondern alles,
was sie auf der einen Seite empfängt, auf der anderen
Seite an die Wirtschaft wieder abgibt (von dem Über-
konsum der Spekulanten abgesehen).“ Ich muß auch das
bestreiten, und es erscheint angebracht, die Frage noch
einmal zu erörtern.

Inzwischen ist auch eine eingehende Untersuchung des
Problems von Dr. Thomas Balogh in Schmollers
Jahrbuch, 1929, Heft 4, erschienen, und hat jene An-
sicht ebenfalls als falsch erwiesen. Der Verfasser er-
wähnt aber nicht, daß ich sie schon längst bekämpft
habe, sondern nennt nur die obengenannten Vertreter
der gegnerischen Anschauung.

Vom Standpunkt einer dynamischen Betrachtungs-
weise und meiner ihr entsprechenden abstrakten Wirt-
schafts- und Geldlehre ist eigentlich ohne weiteres klar,
daß jene Behauptung falsch sein muß. Freilich sind so
allgemeine Formulierungen, daß „die Börse“ kein
Kapital gebrauche, überhaupt unwissenschafflich und zu
beanstanden. Denn sie sind ein typisches Beispiel für
die Fehler und verkehrten Fragestellungen einer heute
beliebten „institutionellen“ Betfrachtungsweise, statt
von den Menschen und ihren wirtschaftlichen Erwä-
gungen auszugehen. Die Börse ist keine Wirtschaft und
braucht daher überhaupt kein Kapital, Sie ist in der Tat
nur eine Durchgangsstelle ebenso wie der auch viel miß-
brauchte Ausdruck Markt, den diese wissenschaftlichen
Richtungen übermäßig verallgemeinern (gerade auch
wieder Adolf Weber). Kapital brauchen nur erwerbs-
wirtschaftliche Wirtschaftssubjekte und somit auch die
Börsenspekulanten oder, wie man auch hier gern ver-
        <pb n="63" />
        L Braucht die Börse Kapital? a 61

absolutierend sagt: „die Börsenspekulation“. Wenn man
jene unpersönliche, naturwissenschaftliche Betrachtungs-
weise vermeiden und erkennen würde, daß hinter allen
wirtschaftlichen Vorgängen Menschen stehen, die sie
allein in Gang setzen, hätte man das längst eingesehen,
Daß jedem Käufer ein Verkäufer gegenübersteht, isf
natürlich nicht „im geringsten ein Argument für jene
These. Mit gleichem Recht könnte man behaupten, daß
der Handel kein Kapital in Anspruch nehme, sondern
daß er „das Geld nur weiterleite“. Die herrschende
„Güterlehre“ zieht diesen Schluß nur deshalb nicht, weil
der Kaufmann ja das Geld in Güter, Waren steckt, die
nach der herrschenden Auffassung sein Kapital sein
sollen. Aber ebenso: sind auch die Effekten als Güter zu
bezeichnen, und ein Unterschied liegt höchstens in dem
schnelleren Umsatz der Spekulation, was aber für die
Warenspekulation ebenso gilt wie für die Effekten-
spekulation. Es ist doch kein Zweifel: Zum Umsatz einer
gleichen Summe von Waren und Effekten wird die
gleiche Menge umlaufenden Kapitals gebunden, nur daß
die Effekten, efwa hundert Stück Aktien, in demselben
Zeitraum vielleicht durch zehnmal so viele Hände hin-
durchgehen.

Worauf es ankommt, daß wird nicht mit der üblichen
statischen Betrachtungsweise, die insbesondere auch
Cassel und Weber vertreten, sondern nur mit einer
dynamischen Betrachtungsweise erkannt. Entschei-
dend ist nämlich, daß durch die Preissteigerungen, die
die Spekulation herbeiführt, enfspr echend mehr
Kapitalien gebunden werden als vorher, Und das gilt,
einerlei, ob die Spekulation mit Kreditinanspruchnahme
erfolst oder ohne solche, Natürlich bindet aber ein gut
organisierter Terminhandel sehr viel weniger Kapital als
der in New-York allein übliche Kassahandel. Merz-
bach sagt daher mit Recht: „Nur ein Land mit so gewal-
tigem Kapitalüberfluß kann sich den Verzicht auf den
Betriebsmittel ersparenden Terminmarkt leisten.“ Die
        <pb n="64" />
        627 5, Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation.
Meinung, die Börse beanspruche nur Kredit und kein
Kapital, wie sie zum Beispiel W. Federn in einem be-
achtenswerten Aufsatz: „Börsenspekulation und Volks-
wirtschaft“ im Österreichischen Volkswirt, Nr. 23—25,
März 1929, vertritt, beruht auf der materialistischen
Wirtschafts- und Kapitalauffassung und ist nicht durch-
führbar, Nicht alle Börsenspekulation heruht auf Kredit
und erst recht nicht auf Kreditschöpfung. Sie beeinflußt
auch den Kapitalmarkt selbst dann, wenn man kurz-
fristige Kredite nicht Kapital nennen will (siehe
Kapitel 1).

Auch die mit Kredit (Reportgeld) arbeitende Bör-
senspekulation bindet Kapital und entzieht es der
übrigen Wirtschaft, Und zwar um so mehr, je höher die
Kurse durch die Spekulation getrieben werden. Dabei
geht die Bindung von Kapital nicht proportional mit den
Kurssteigerungen, sondern viel eher progressiv, weil bis
zu einer gewissen Höhe der Konjunktur auch das DPu-
blikum mit Kassageschäften. der Börsenspekulation
nachläuft und so den Markt verbreitert,

Die Bindung von Kaufkraft durch die Spekulation ist
nafürlich um so stärker, je mehr Preissteigerungen und
Umsatzsteigerungen sich kombinieren, je mehr sich die
Preissteigerungen auch gerade auf die am meisten ge-
handelten und.in größter Menge vorhandenen Effekten

beziehen, Auch ist bekannt, daß sich eine Hausse-
bewegung nicht nur personell, sondern auch sachlich
immer mehr ausbreitet, immer weitere Aktien ergreift
und damit immer mehr umlaufendes Kapital anderen
Verwendungsarfen entzieht. .

Ein weit verbreiteter Irrtum ist noch richtigzustellen.
Der Umstand, daß nach Eintritt der Depression „kein
Kapital frei wird“, kann nicht, wie die Frankfurter Zei-
tung meint, als Beweis dafür gelten, daß die Kurssteige-

rung kein Kapital absorbiert habe. Daß kein Kapital
frei wird, beruht darauf, daß die Hausse zum großen
Teil durch „Kreditschöpfung“ erfolgte, Hat ein Spe-
        <pb n="65" />
        I. Braucht die Börse Kapital? 63

kulant zum Beispiel 100000 Mark geliehen, so wird der
Verkäufer, der seinerseits Aktien oder irgendwelche
Güter kauft, und werden alle weiteren sie gewisser-
maßen mit dem kreditierten Bankguthaben bezahlen,
Wenn nun der Schuldner seinen Kredit zurückzahlt, er-
hält die Bank nur das zurück, was sie auf Grund jener
Kreditschöpfung ausgeliehen hatte (natürlich mit den
Zinsen). Es weiter auszuleihen, würde wiederum eine
Kreditschöpfung bedeuten, abgesehen von den
Zinsen, die die Bezahlung für eine tauschwirtschaftliche
Leistung sind,

War dieser Kredit aber nicht nur verrechnet, sondern
bar bezahlt, so fehlt die Summe nach der Rückzahlung
irgendwo anders im Tauschverkehr. Kapital wird also
dabei nicht frei, höchstens bleibt eine Geldvermehrung
erhalten, wenn die Bank bei ihrer Kreditschöpfung auf
die Notenbank zurückgegriffen und diese die Noten ver-
mehrt hätte. War das nicht der Fall, die Kreditgewäh-
rung an die Spekulation also nur rechnungsmäßig er-
folst, so bleibt eben nur eine Buchforderung, die irgend-
wie ausgeglichen wird, aber kein Kapital übrig. Die
gegenteilige, sehr verbreitete Meinung ist eine typische
Folge der „Güterlehre“, des Glaubens; daß eine Sache
oder auch eine Geldsumme schon an sich Kapital sei.
Das wird aber auch eine Geldsumme erst durch Wid-
mung für den Zweck der Geldertragserzielung,
also durch Ausleihen, Die Kreditschöpfung der Privat-
banken (anders bei der Banknotenausgabe) ist, wenn
auch „Geld“ im abstrakten Sinne, doch kein dauernd
zirkulierendes Geld, sondern verschwindet mif jeder
Rückzahlung des Kredits. Erst durch neue Einräumung
eines Guthabens wird sie wieder geschaffen,

Wird die Forderung der Bank im Abrechnungsver-
kehr ausgetilgt, so ist auch die Geldaufblähung zu Ende.
Man kann sich die rein rechnungsmäßige Kreditschöp-
fung vielleicht als eine stärkere Belastung des Eigen-
kapitals der Bank oder ihrer Depositen vorstellen, die
        <pb n="66" />
        64 5. Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation.

gt le
bei Rückzahlung des Kredits wieder zurückgeht. Ihre
Liquidität steigt dann. Ebenso vollzieht sich bei der
Notenbank, bei der solche Kreditschöpfung durch Bank-
notenausgabe erfolgt bzw. erfolgen kann, das Ein-
schrumpfen der Umsätze aufomatisch durch Rück-
strömen derselben. Eine Freisetzung von Kapital findet
nicht statt, Auch hier macht erst die neue Gewährung
von Kredit das Geld zu Kapital.

IL. Die Wirkungen des Spekulationskapitals auf die
Konjunkturen.
Besteht also über die Bindung von Kapital durch die
Effektenspekulation kein Zweifel, so erhebt sich die
weifere Frage: Wie wirkt das auf die sonstige Kapital-
bildung? Diese Frage ist ungefähr identisch mit der
weiteren: Wie wirkt die Beanspruchung von Kapital
durch die Börsenspekulation auf die Konjunkturschwan-
kungen? ,

Jeder Kauf von Effekten bedeutet eine Enfschei-
dung des Wirtschafters über das Problem: Kapitalbil-
dung oder Konsum, und kann zu kleinstem Teile zu
einem Mißverhältnis zwischen beiden in der ganzen
Volkswirtschaft beitragen, wie ich das lange vor
Cassel, den Balosh zitiert, und viel schärfer in meinem
Aufsatze „Theorie des Sparens und der Kapital-
bildung“ ausgeführt habe (Schmollers Jahrbuch 1912,
dann auch in den „Grundsätzen“ Band II). Die Spekula-
tion aber reizt ganz besonders zur Widmung von Ein-
kommensteilen dafür, weil da die in Aussicht stehenden
Gewinne unter Umständen viel höher sind als die durch
Kreditgewährung und Beteiligung zu erzielenden Er-
träge. Nun ist es allerdings möglich, daß durch die
Effektenspekulation nicht die Sachkapitalbildung zu
sehr ausgedehnt wird, sondern gerade umgekehrt der
Konsum, so daß von dieser Seite aus das richtige
Verhältnis beider erschüttert wird. Das ist deshalb mög-
lich, weil die durch Spekulation erzielten Gewinne, ob-
        <pb n="67" />
        Il. Die Wirkungen des Spekulationskapitals. 65

wohl sie eigentlich Vermögenssteigerungen sind, doch
vielfach von den berufsmäßisen Spekulanten als Er-
träge aufgefaßt und zum Konsum verwendet werden. So
werden sie auch: vielfach der Einkommensteuer unter-
worfen, ganz mit Recht, denn die: berufsmäßigen Spe-
kulanten leben ja davon. Es ist denkbar, daß so der
Konsum aufgebläht wird, während andererseits die
Eflektenumsätze immer mehr umlaufendes Kapital ab-
sorbieren, die Sachkapitalbildung aber nicht befruchtet
wird. Doch wird der Mehrkonsum der Spekulanten
praktisch selten eine nennenswerte Rolle spielen, jeden-
falls nicht in Deutschland, wo diese Bevölkerungsschicht
zu klein ist. Höchstens nach Eintritt des Umschlags
wird sich der Wegfall dieses zeitweise. aufgeblähten
Konsums verschärfend bemerkbar machen. Es ist also
denkbar, daß gerade dadurch, daß die Spekulations-
gewinne auch zum Konsum verwendet werden, das
richtige Verhältnis von Kapitalbildung und Konsum,
also zunächst die richtige Verteilung der Geldsummen
auf den einen oder anderen Zweck nicht gestört wird.
Dann liegt der Fall vor, daß eine Börsenhausse auf
dieses Gebiet lokalisiert bleibt, Aber bei einer stärkeren
Haussebewegung wird das selten zutreffen, und Stö-
rungsmöglichkeiten und größere Preisschwankungen
sind mit der Börsenspekulation immer verbunden.

Gerade wenn die Börse nur eine Durchgangsstelle für
die ihr zuströmenden Kapitalien ist, wenn diese also auf
dem Wege von Neuemissionen, die die Hausse anregt,
größtenteils der Industrie zufließen, ist eine übermäßige
Ausdehnung der Sachkapitalbildung und dadurch das
Eintreten eines Mißverhältnisses zwischen Kapitalbil-
dung und Konsum in kurzer Zeit wahrscheinlich, allein
schon deswegen, weil die größere Nachfrage nach Pro-
duktionsmitteln preissteigernd wirkt.

Durch den Terminhandel. und den Abrechnungsver-
kehr wird natürlich die Bindung umlaufenden Kapitals
in der Börsenhausse sehr vermindert, Aber die Kurs-
Schultze, Weltwirtschaftliche Vorträge. Heft 8, 5
        <pb n="68" />
        66 5. Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation.

steigerungen erhöhen dieses Kapitalerfordernis um so
mehr, als bei einer größeren Hausse auch das private
Publikum sich immer stärker an Börsengeschäften be-
teilig£t und auch die Spekulation immer mehr mit
Preissteigerungen über den Terminmarkt hinausgreift,

Wie wirkt nun die Inanspruchnahme von Kredit
durch die Spekulation? Hier sind zwei Fälle zu unter-
scheiden: Kreditgewährung aus Depositen oder Eigen-
kapital der Banken — denn es kommt nur Bankkredit
in Betracht — und Kreditschöpfung der Banken.
Was darunter zu verstehen ist, darf heute wohl als be-
kannt vorausgesetzt werden. Naturgemäß geht beides in-
einander über, und dem einzelnen Kredit kann man es
nicht ansehen, woher er stammt, die Bank kann eine
Kreditschöpfung nur allgemein aus der Anspannung
ihrer Liquidität feststellen. In beiden Fällen ist nun
wieder zu unterscheiden, ob die Kredite mehr auf dem
Effektenmarkte bleiben oder ob sie durch Neuemissio-
nen der Industrie zufließen. Wie weit das für die Kredit-
schöpfung gilt, ist natürlich nicht gesondert festzu-
stellen, und von der Frage der Verwendung der Spe-
kulafionsgewinne wollen wir hier ganz absehen, So-
weit die Kreditgewährung aus Depositen erfolst, wird sie
naturgemäß anderen Kreditsuchenden entzogen, An der
Börse wirkt die gesteigerte Nachfrage nach Effekten
preissteigernd, die Hausse wird beschleunigt und daher
meist verkürzt. Gehen die realisierten Gewinne an die
Industrie oder werden auf Grund der Hausse neue
Effekten emittiert, so bedeutet das verstärkte Nachfrage
nach Produktionsmitteln, wirkt, wie oben geschildert,
preissfeigernd und verstärkt zugleich die Gefahr der
Überkapitalisation.

Alles das ist eigentlich selbstverständlich und wird,
wie gesagt, nur durch eine mechanisch-materialistische
Betrachtungsweise verkannt, Höchstens könnte man ein-
wenden, daß eine ausgedehnte, mit Bankkredit arbeitende
Börsenspekulation als kurzfristig doch den langfri-
        <pb n="69" />
        IL. Die Wirkungen des Spekulationskapitals. 67
stigen Kredit nicht verteuere, daß zwar, wenn mit Re-
portgeld hohe Zinsen zu erzielen sind, vielleicht von den
Banken weniger Wechsel diskontiert werden, daß aber
langfristige Kredite nicht darunter leiden werden. Doch
sind die Beziehungen zwischen beiden sehr eng, und
allein schon die bei jeder längeren Börsenspekulation
steigende Beteiligung des Publikums wirkt auch auf den
langfristigen Kredit verteuernd ein.

Die bisherige Erörterung des Problems drehte sich,
wie Balogh bemerkt (S. 48), zu sehr um die Frage der
Schmälerung der „legalen Kreditbedürfnisse“ und der
Wirkungen der Hausse auf den Luxuskonsum (was
auch in dem Zitat aus der Frankfurter Zeitung zum
Ausdruck kommt). Er übersieht aber wieder, daß ich
schon 1927 in jenem Aufsatze geschrieben habe: „Es
kommt viel weniger darauf an, ob anderen Erwerbs-
zweigen durch Berücksichtigung der Spekulation Kre-
dite entzogen werden, als darauf, daß auf Grund der
Preissteigerungen überhaupt mehr Kredite gewährt wer-
den, künstliche Kaufkraft geschaffen und die Preis-
steigerungen dadurch verschärft werden. Da die Speku-
lation vor allem preissteigernd wirkt und die höchsten
Zinsen bezahlen kann, potenziert sie die Steigerungen
und erzeugt so die Gegenbewegung, die Baissespekula-
tion, die dann plötzlich die Oberhand bekommt.“

Die preissteigernde Wirkung der Kreditgewährung an
die Börsenspekulation wird sich um so weniger auf das
Börsengebie£ beschränken, als die Börse wirklich nur
eine „Durchgangsstelle“ für diese Kredite ist. Nur sind
Fehlleitungen des Kapitals auf diesem Umwege beson-
ders leicht möglich. Vor allem ist zu berücksichtigen,
daß die durch die Börse vermittelten Gelder nur an
die großen Aktiengesellschaften fließen, die Ka-
pitalbeschaffung für alle kleineren und mittleren Unter-
nehmungen aber dadurch geschmälert wird. ;

Erfolgt die Kreditgewährung an die Börsenspeku-
lation im Wege der Kreditschöpfung der Banken, so

5x
        <pb n="70" />
        58 5. Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation,

kumulieren sich die Gefahren, die mit beiden für das
Wirtschaftsleben und die Gleichmäßiskeit des Wirt-
schaftsablaufs verbunden sind. Die Kreditschöpfung
wirkt preissteigernd, und zwar je nachdem, wem er zu-
fließt, und wird danach den Konjunkturumschlag an der
Börse, und je mehr er durch die Börse der Industrie
zufließt, überhaupt im Wirtschaftsleben beschleunigen.
Bei der Börsenspekulation kommt auch in Betracht, daß
nur die Haussespekulation Kredit gebraucht, während
die Baissespekulanten höchstens nachträglich, um
sich einzudecken, Kredit in Anspruch nehmen müssen.
Aber auch die Kassaspekulation des Publikums trägt
zu den Preissteigerungen bei, die, wenn sie ein gewisses
Maß erreicht haben, die Baissepartei auf den Plan
rufen,
IN. Die Nachteile der Börsenspekulation.

Diese Wirkungen der Börsenspekulation und der Kre-
ditgewährung an sie werden heute noch vielfach ver-
kannt. Außerordentlich irreführend, ja gefährlich ist es,
wenn der erwähnte Artikel der Frankfurter Zeitung
schreibt: „Die Börsenhausse hat in der amerikanischen
Wirtschaft folgende Wirkungen ausgeübt: Die Kurs-
steigerung ermöglichte es der Industrie, sich mit billigen
Kapitalien zu versorgen, indem Neuemissionen erfolsten
oder alte Effektenbestände realisiert wurden... Von
dieser Seite gesehen zeigt sich also die Börsenhausse
als ein gewaltiger Apparat zur Verbilligung des
Kapitalangebots und als Motor einer indu-
striellen Hochkonjunktur.“

Ersteres halte ich schon für Amerika nicht für richtig.
Es wird dann aber verallgemeinert und im folgenden
allgemein davon gesprochen, daß „die Aktienkurssteige-
rung zwar das Börsengeld verteuerf, auf der andern
Seite aber eine Verbilligung des Kapitals für die
Emittenten neuer Effekten eintritt“. Solchen Änschau-
ungen kann micht scharf genug widersprochen werden.
Es ist nicht richtig, daß durch die Börsenhausse das Ka-
        <pb n="71" />
        Hl. Die Nachteile der Börsenspekulation.

69

pital verbilligt wird. Es strömf nur wegen größerer Ge-
winnaussichten in höherem Maße den Neuemissionen,
aber auch nur von Aktien zu. Aber die Gewinnaussichten
bestehen nicht in erhöhten Erträgen der Produktion
— die mögen in einzelnen Fällen auch erwartet werden,
aber das Publikum kann sie in der Regel gar nicht be-
urteilen —, sondern in der Aussicht auf Kursdiffe-
renzen, Spekulationsgewinne. Die größere Möglich-
keit, Aktien zu emiffieren und ein Agio zu realisieren,
bedeutet nicht im mindesten eine Verbilligung des
Kapitalangebots. Das wird besonders deuflich auch da-
durch, daß in der Hochkonjunktur der Zinsfuß der Ob-
ligationen zu steigen pflegt, man zum Beispiel Ende
der 90er Jahre wieder zum 4% %- und 50%-Typus über-
ging.

Gerade in kapitalreichen Ländern ist auch, privat-
wirtschaftlich gesehen, die Obligationenausgabe fast
immer die billigste Form der Kapitalbeschaffung.
Denn neue Aktien werden nur höchst selten mit so
hohem Asio ausgegeben werden können, daß der bis-
herige oder zu erwartende Ertrag im Verhältnis zum
Emissionskurs eine geringere Verzinsung ergibt, als sie
bei Obligationen gewährt werden muß. Daß die Speku-
lation und die Börsenhausse zu einer industriellen Kon-
junktur führen kann, ist gar kein Beweis gegen die in-
flationistische Wirkung von Börsenkrediten, wie noch
neuestens die Frankfurter Zeitung behauptet. Sie selbst
spricht dann auch davon, daß durch die Kreditschöpfung
der Banken zusätzliches Kapital geschaffen worden sei.
Zwar ist, wenn man den Indexzahlen glauben darf, eine
allgemeine Preissteigerung nicht eingetreten. Aber es
bleibt noch zu untersuchen, ob bei dieser Zusammen-
ziehung der verschiedensten Preise nicht etwa nur Preis-
steigerungen durch zufällige Preissenkung anderer Pro-
dukte kompensiert wurden, oder auf welche besondere
Verhältnisse das Nichteintreten einer Preissteigerung
durch Kreditschöpfung beruht.
        <pb n="72" />
        70 5. Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation.
Es ist zum Beispiel denkbar, ja wahrscheinlich, daß
die Börsenhausse mit ihrer Einwirkung auf die indu-
strielle Konjunktur zufällig mit einer starken Rationali-
sierungswelle zusammenfiel, so daß die inflationistische
Wirkung der zusätzlichen Kaufkraftschöpfung sich nur
in der Verhinderung sonst eingetretener Preissenkun-
gen auswirkte, Inzwischen ist übrigens auch in Amerika
der Konjunkfurrückgang, dessen Vorspiel die Börsen-
deroute war, in vielen Industrien in Erscheinung ge-
treten. Er wird sich um so stärker bemerkbar machen,
je mehr, was aber keineswegs feststeht, die industrielle
Hochkonjunktur erst durch die Börsenhausse künstlich
angeregt wurde.

Es liegt gerade eine große Gefahr einer Börsenhausse
darin, daß die Unternehmungen zu leicht sich Kapital
beschaffen können, sei es, daß sie selbst das Aktienagio
ausnutzen, sei es, daß sie es den Aktionären überlassen
und dadurch einen Änreiz zu weiteren Kapitalinvesti-
tionen geben. Das gilt aber ganz einseitig für börsen-
gängige Aktien, also für verhältnismäßis wenige große
Unternehmungen. Anderen Kapitalnachfragenden, ins-
besondere kleineren und mittleren Unternehmungen,
wird dadurch die Kapitalbeschaffung verteuert, Ganz
allgemein ist zu sagen: Es ist ein gewaltiger volkswirt-
schaftlicher Irrtum, der aber leider sehr bezeichnend
für die Einstellung eines großen Teiles unserer Finanz-

presse ist, daß durch die Börse das Geldkapital
an die Stellen geleitet werde, wo es volkswirt-
schafflich mit größtem Nutzen verwendet werden
kann. Gewiß ist die Spekulation auch sehr rührig und
geschickt in der Aufsuchung der rentabelsten Unterneh-
mungen und Erwerbszweige, Äber gerade sie denkt
immer nur an Gewinne innerhalb ganz kurzer Zeit. Sie
denkt nicht an Gewinne aus den Unternehmungen, son-
dern an Gewinne aus Preisdifferenzen,
Aber selbst das nicht spekulative, sondern anlage-
suchende Börsenpublikum hat als Objekt nur das rela-
        <pb n="73" />
        I Die Nachteile der Börsenspekulation, 71
tiv kleine Gebiet der großen Aktiengesellschaften, deren
Kapitalbedürfnis und Ertragsaussichten. Alle anderen
Erwerbszweige interessieren es nicht. Die Börse ist ein
ungeheuer wichtiger Markt, aber sie als Kapitalver-
teiler in der Volkswirtschaft empfehlen können nur
sehr einseitig eingestellte Interessengruppen. Die Bank-
leiter, die ihre Aufgabe vor allem darin sehen, die
Börsenspekulafion zu alimentieren, weil das relativ hohe
Gewinne brinst, erkennen schlecht ihre große
volkswirtschaftliche Aufgabe, die zusammen-
strömenden Kapitalien den auf die Dauer größte
Erträge bringenden Verwendungen zuzuführen.
Sie danken einfach dieser großen Aufgabe gegenüber
ab, wenn sie sie der Spekulation überlassen. Das muß
einmal gegenüber solchen immer wieder auftretenden
übertriebenen Verteidigungen der Effektenspekulation
offen ausgesprochen werden.
Mit der Börsenhausse als „gewaltigem Apparat zur
Verbilligung des Kapitalangebots“ ist es also nichts.
Richtig aber ist es, sie als „Motor einer industriellen
Hochkonjunktur“ zu bezeichnen, weil sie Neuemissionen
erleichtert. Aber es ist sehr fraglich, ob dieser Motor
volkswirtschaf$flich nützlich wirkt. Der Motor einer durch
Kreditschöpfung und Spekulation erzeugten Börsen-
hausse als „Anlasser“ oder zum „Ankurbeln“ einer in-
dustriellen Hochkonjunktur wirkt, mit einem anderen
Vergleich, wie ein sehr gefährliches Narkotikum, das nur
ein scheinbares ganz vorübergehendes Wohlbefinden,
eine Scheinblüte erzeugt, aber auf die Dauer dem Or-
ganismus sehr schädlich ist. Nachdem ich seit 27 Jahren
immer wieder darauf hingewiesen habe, daß die Hoch-
konjunktur ein Fieber und kein normaler Zustand ist
und der volkswirtschaftlich so wichtige Gedanke mög-
lichster Preisstabilität immer weiter durchdrinst,
wäre es an der Zeit, daß endlich auch die Finanzpresse,
die etwas mehr sein will als bloße „Börsenpresse“, end-
lich solche Anschauunsen über den Nutzen einer Börsen-
        <pb n="74" />
        72 5. Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation.
hausse aufgibt. Sehr viel Mißtrauen, das heute noch dem
mobilen Kapital, den Banken, der Börse entgegen-
gebracht wird, ja sich ausdehnt, sehr viel Verständnis-
losigkeit für die notwendige und nützliche Funktion
eines Effektenmarktes würde verschwinden, wenn nicht
solche falschen und übertriebenen Behauptungen, wie
wir sie mit wenisen Zitaten belegten, in der Finanz-
presse und leider auch bei manchen Wissenschaftlern
noch gang und gäbe wären.

Die künstliche Züchtung einer industriellen Hausse
durch Börsenspekulation und Kreditschöpfung ist volks-
wirtschaftlich ebenso verkehrt, wie die einer Börsen-
hausse überhaupt. Antriebe zu steigender Konjunktur
und zu Konjunkturschwankungen sind im Wirtschafts-
leben schon genügend vorhanden und geben der Spe-
kulation Anlaß zu ihrer, innerhalb gewisser Grenzen
heilsamen, preisausgleichenden Wirkung, Aber die
künstliche Schaffung und Förderung der Spekulation
führt nur dazu, daß sich ihre ungünstigen Wirkungen
bemerkbar machen. Ich habe in früheren Arbeiten ge-
zeigt, daß selbst die Anwendung technischer Fort-
schritte, die Hauptursache steigender Gewinne und
steigender Konjunkturen, schon den Keim des Um-
schlags in sich birgt, daß sie zu schnell erfolgen kann
und dann zu einem Mißverhältnis zwischen Sachkapital-
bildung und Ausdehnung des Konsums führt, Denn der
technische Fortschritt ist für die ersten Unternehmungen,
die ihn in einem Erwerbszweig anwenden, rentabel, weil
die Preise zunächst noch stabil bleiben. Sobald aber

mehrere ihn anwenden, entsteht ein Überangebot, weil
die älteren Unternehmungen noch weiter produzieren.
Diese werden erst allmählich ausgeschaltet, und wenn
dieser Ausschaltungsprozeß sich gleichzeitig in mehreren
wichtigen Erwerbszweigen vollzieht, so kann das zu
einer Erschütterung des ganzen Wirtschaftslebens
führen, Dies um so mehr, wenn gleichzeitig durch die
neuen Kapitalinvestitionen ein Mißverhältnis zwischen
        <pb n="75" />
        I. Die Besonderheiten des deutschen Kapitalbedarfs. 73

Kapitalbildung und Konsum sich anbahnt, der Konsum
relativ zurückgedränst wird, die Kapitalbeschaffung sich
aber immer mehr verteuerf.

Alle diese Tendenzen können durch die Börsenspeku-
Jation und ihre Förderung seitens der Banken ver-
stärkt werden, und man kann wohl sagen, daß der
Konjunkturumschlag um so plötzlicher zu erfolgen
pflegt und um so weitere Kreise zieht, je mehr die Hoch-
konjunktur durch die Börsenspekulation aufgetrieben
und übertrieben wurde.

Um die Kapitalbildung anzuregen ist also die Förde-
rung der Börsenspekulation kein geeignetes Mittell, Es
ist dringend zu wünschen, daß die verantwortlichen
Leiter des Geldkapitalverkehrs sich von der Vorstellung
freimachen, als ob eine Börsenhausse ein wünschens-
werter Zustand sei, und als ob man durch Änkurbelung
einer „Konjunktur“ über die schwierige Lage der deut-
schen Volkswirtschaft hinwegkomme. Gerade auf
diesem Gebiete ist möglichste Stabilität viel wich-
tiger als große Preissteigerungen und Preisschwankun-
gen. Je mehr sie vermieden werden, um so mehr können
auch die Kreditanstalten aller Art ihrer volkswirf-
schaftlichen Aufgabe der zweckmäßigsten Verteilung er-
sparter Kapitalien gerecht werden.

6. Kapitel.
Die Arten der Beschaffung und Verwendung
von Auslandskapital.
I. Die Besonderheiten des deutschen Kapitalbedarfs,

Der jahrelange starke Kapitalmangel und seine Folge-
erscheinung, der ungewöhnlich hohe Zinsfuß in Deutsch-
land. haben die Aufmerksamkeit vor allem auf die Ka-
1 Auf die Unterstützung der Börsenspekulation durch aus-
ländisches Kapital wird in Kapitel VII noch eingegangen
werden.
        <pb n="76" />
        74 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.
pitalbeschaffung aus dem Auslande gelenkt. Dies um
so mehr, als in der Tat die internationale Kapitalver-
flechtung seit dem Weltkriege sehr große Fortschritte
gemacht hat! und in den USA. sich ein so gewaltiger
Kapitalreichtum entwickelt hat, daß er geradezu zu An-
lagen im Auslande zwingt, So sind denn auch von 1924
bis 1928 zirka 7 Milliarden Mark langfristige und zirka
8 Milliarden Mark kurzfristige Auslandskredite von
Deutschland aufgenommen worden,
Deutsche Auslandsverschuldung in Millionen Mark
(nach „Wirtschaft und Statistik“ 1929, Heft 10).
Stand Ende

1924
1925
1926
1927
1928

langfristig

kurzfristig

Ban
i 1
ZU
TäNN

insgesamt

2500
5256
7452
8975
15314
1929 erhöhten sich beide Posten um zirka 1% Mil-
liarden Mark, so daß sich gegenwärtig eine Verschul-
dung von zirka 18 Milliarden Mark an das Ausland er-
sibt.
Über die Nützlichkeit oder Gefahren dieser Ver-
schuldung an das Ausland sind sehr verschiedene Mei-
nungen und große Irrtümer verbreitet. Meist begnügt
man sich mit der Behauptung, Zufuhr ausländischen Ka-
pifals sei nötig, weil im Inland selbst nicht genügend
Kapital gebildet werde. Man denkt dabei immer an die
Verhältnisse in wirtschaftlich noch unentwickelten Län-
dern, wo durch Kapitalzufuhr aus dem Auslande der
Volksreichtum in der Tat außerordentlich gesteigert
werden kann. Aber in Deutschland, einem industriell
hochentwickelten Lande, liegen die wirtschafflichen Be-
dingungen ganz anders, und der Versleich mit wirt-

1 Vergleiche dazu die neueste, 8, Auflage meines Buches:
„Kartelle, Konzerne und Trusts“, Stuttgart 1930.
        <pb n="77" />
        I. Die Besonderheiten des deutschen Kapitalbedarfs. 75

schaftlich zurückgebliebenen Ländern, Kolonialländern
und dergleichen, ist sehr irreführend. Das habe ich schon
1924 in meiner Schrift „Vom Reichtum der Nationen“
(S. 48) ausgeführt, und derselbe Gedanke ist drei Jahre
später auch vom Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht
in einer Broschüre „Eigene oder geborgte Wäh-
rung?“, Leipzig 1927 (S. 4) ausgesprochen worden. Daß
er von anderen bestritten wird, hängt damit zusammen,
daß die heutige materialistische Wirtschaftsauffassung
unter „Kapital im volkswirtschaftlichen Sinne“ nur
Sachkapital, Produktionsmittel sicht und in dem Be-
streben, die Gelderscheinungen auszuschalten und die
wirtschaftlichen Vorgänge als Produktion und „Vertei-
lung“ von Gütermengen aufzufassen, die Bedeutung des
Geldkapitals ignoriert.

Wirtschaftlich noch unentwickelte Länder brauchen
Sachkapital, Produktionsmittel, müssen sie aus dem
Auslande einführen und brauchen dazu ausländisches
Geldkapital. Da in solchen Ländern die Rentabilitäts-
aussichten groß zu sein pflegen, können sie auch rela-
tiv hohe Zinsen bezahlen. Eine Umwandlung in in-
ländische Währung findet dann unter Umständen gar
nicht oder nur teilweise statt, der größte Teil des Kre-
dits oder der Aktienbeteiligung geht für Maschinen oder
dergleichen alsbald wieder ins Ausland. Wenn aber auch
ein Teil des Kredits in inländische Währung umgewan-
delt wird und daher preissteigernd wirkt, sind doch in
solchen Ländern die meisten Preise und Löhne relativ
niedrig. Die Preissteigerung beeinträchtigt also nicht
wesentlich die hohe zu erwartende Rentabilität,

Ganz anders in einem industriell hochentwickelten
Lande unter den Verhältnissen Deutschlands. Hier ist
Sachkapital genügend vorhanden, der Produktions-
apparat vielfach sogar zu ausgedehnt und kann nicht
voll ausgenutzt werden. Hier braucht man ausländisches
Kapital_ allenfalls zur Beschaffung ausländischer-Roh-=-
stoffe, Das of “aber Kurzfristiger Kredit, was von
        <pb n="78" />
        76 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.
Weber immer mit der langfristigen Kapitalbeschaffung
vermischt‘ wird. Diesen Kredit wird man im wesent-
lichen mit der Ausfuhr bezahlen, und langfristigen
Kredit für Rohstoffimport aufzunehmen, dürfte ein sehr
unökonomisches Verfahren sein, weil der kurzfristige
Kredit im Exportlande — etwa USA. — sehr viel billiger
zu haben ist und man solche Kredite nur für kurze
Fristen gebraucht.

Nur zu geringerem Teile braucht man in Deutsch-
land langfristigen Kredit zur Beschaffung von Ma-
schinen und dergleichen aus dem Auslande. Und selbst
dann ist es noch sehr fraglich, ob das unter den Ver-
hältnissen Deutschlands volkswirtschaftlich von Vorteil
ist. Wir haben das schon oben angedeutet.

Langfristiger Kredit kommt in Deutschland haupt-
sächlich in ‚Betracht für die Beschaffung stehenden
Kapitals, für die Errichtung neuer oder die Erweiterung
schon vorhandener Unternehmungen, die in. der Regel
von inländischen Produktionsmittelindustrien besorgt
werden kann, ferner zur Ergänzung des Betriebskapi-
tals. Steht dafür im Inlande nicht genügend Geld-
kapital zur Verfügung und soll es aus dem Auslande
beschafft werden, so muß es in Mark umgewandelt
werden, und das wirkt unter allen Umständen preis-
steigernd. Diese Preissteigerung ist aber in einem indu-
striell hochentwickelten Lande wie Deutschland ganz
anders zu beurteilen als in Kolonialländern. Bei uns
ist das Preisniveau an sich schon relativ ‚hoch, und die
Arbeiter sind gewöhnt, jede Verschlechterung ihrer
Lebenshaltung durch erhöhte Lohnforderungen auszu-

gleichen. Hier sind daher und aus anderen Gründen die
Rentabilitätsaussichten viel geringer, und wir zeigten
schon, daß selbst, wenn sie vorhanden scheinen, doch
unter den deutschen Verhältnissen der volkswirtschaft-
liche Nutzen eines Übergangs zu kapitalintensiverem
Betriebe sehr zweifelhaft sein kann.
Dr. Schacht hat also durchaus recht, wenn er den
        <pb n="79" />
        I. Kurzfristige Auslandskredite.

77

Unterschied Deutschlands gegenüber Kolonialländern
bei der Kapitalbeschaffung betonte, Und ich kann meine
Ausführungen darüber in der erwähnten Schrift und
ebenso die hier nicht zur Erörterung stehenden über
die Wirkungen solchen Kapitalexports auf die Gläu-
bigerländer und die Probleme des internationalen
Reichtumsausgleichs, entsprechend der wirt-
schaftlichen Leistungsfähigkeit der Völker, nur drin-
gend der Beachtung empfehlen. Hätte man sie be-
achtet, so hätte man manche sehr gefährliche Illusionen
über den Nutzen der Reparationsleistungen für ‘die
Gläubigerländer auch bei diesen zerstreuen
können,

Damit soll nun natürlich nicht gesagt werden, daß
Deutschland gar kein ausländisches Kapital einführen
solle — das hieße Deutschland überhaupt aus der
Weltwirtschaft ausschalten. Aber die Wirkungen, die
die Kapitaleinfuhr hat, müssen sorgfältiger, als es bis-
her geschehen ist, untersucht werden, Dafür ist zunächst
nötig, die verschiedenen Formen der Kapitaleinfuhr zu
betrachten. Dann werden auch ihre Wirkungen klarer
hervortreten,

1. Kurzfristige Auslandskredite.
Von denen, die die Notwendigkeit betonen, die Kapi-
taleinfuhr nach Deutschland möglichst zu erleichtern,
wird gewöhnlich auf die hohe kurzfristige Verschuldung
Deutschlands und das dringende Bedürfnis hin-
gewiesen, sie durch langfristige Anleihen zu er-
setzen. Da’ diese aber im Inlande nicht zu erträglichen
Bedingungen zu erhalten seien, so sei die Beschaffung
von langfristigem Auslandskredit für die deutsche
Volkswirtschaft vorteilhaft, Nun ist es natürlich richtig
und im versangenen Jahre aufs deutlichsfe hervor-
Siehe dazu jetzt die sehr beachtenswerte, aber in man-
chen Schlußfolgerungen doch auch überfreibende Schrift von
W. Mahlberg: „Reparationssabotage durch die Welt-
rertschart" GG. A. Glöckner, Leipzig 1928. 0

{
        <pb n="80" />
        78 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.
gefreten, daß eine leichtsinnige kurzfristige Verschul-
dung, namentlich seitens der öffentlichen Körper-
schaften, bei der schwierigen Wirtschaftslage Deutsch-
lands nicht nur für die Beteilisten, sondern auch für
die ganze Volkswirtschaft sehr gefährlich werden kann!.
Mit welchem Leichtsinn von den öffentlichen Körper-
schaften, vom Reich angefangen bis zu zahlreichen Kom-
munen, vorgegangen wurde, ist bekannt, und es ist viel
zu spät dagegen eingeschritten worden. Die obigen
Zahlen zeigen, daß gerade in den beiden letzten Jahren,
als sich die Wirtschaftslage Deutschlands schon sehr ver-
schlechterte, bei den kurzfristigen Auslandsschulden
noch die größte Vermehrung vorgenommen wurde.

Aber die Gefahren langfristiger Auslandsverschul-
dung sind nicht geringer. Sie zeigen sich nur nicht so
bald und nicht so plötzlich, und da man heute bei den
öffentlichen Wirtschaften von der Hand in den Mund
zu leben und nur für den Augenblick zu sorgen pflegt,
hat man sie vernachlässigt.
Vor allem kann man bei der Frage, ob kurzfristige
oder langfristige Auslandsverschuldung vorzuziehen ist,
den jeweiligen Zweck nicht ausschalten. Eine kurz-
fristige Kreditaufnahme zur Bezahlung notwendiger
Rohstoffimporte ist bei der Ausdehnung des heutigen
Kreditwesens eine durchaus normale Erscheinung. Sie
bedeutet auch gar keinen Kapitalimport, ebensowenig
wie ein bloßer Stundungskredit schon eine Kapitalinan-
1 Vor den volkswirtschaftlich ungünstigen Wirkungen einer
sich auf große Summen belaufenden Kapitaleinfuhr unter den
besonderen Verhältnissen, die heute für die deutsche Volks-
wirtschaft obwalten, habe ich seit 1924 wiederholt gewarnf.
Welche ungünstigen Folgen sich aus der Hereinnahme
mehrerer Milliarden RM. Auslandskapital für Deutschland
in den letzten Jahren ergeben haben, hat auch Prof. Ernst
Schultze in verschiedenen Kapiteln seines Buches „Tribut-
zahlung und Ausfuhrkraft“ (Weltwirtschaftliche Vorträge und
Abhandlungen Heft 2, Leipzig 1929) dargetan.
        <pb n="81" />
        II. Kurzfristige Auslandskredite,

79

spruchnahme ist. Eine solche entsteht aber durch die
Form, in der die Überlassung des Auslandskapitals
zumeist erfolgt, durch den Wechsel, und der Handel
damit an den Börsen kann, so wichtige Funktionen er
auch hat, gewisse volkswirtschaftliche Gefahren mit sich
bringen, wenn die Börsenspekulation des In- oder Aus-
Jandes ‚sich der Devisen bemächtigt und die inlän-
dische Währung überhaupt auf schwankenden Füßen
steht. Denn die Devisen sind zugleich das Hauptmittel
zur „Deckung“ des inländischen Geldes und — was
viel wichtiger ist — das Hauptmittel des internationalen
Zahlungsausgleichs, Es ist ein Nachteil auch des
langfristigen Kapitalimports, daß dessen Überfragung
meist mit denselben Mitteln erfolgt wie kurzfristige
Kreditgewährung, durch Devisen. Es gibt aber auch
andere Formen der Geldüberfragung aus dem Auslande, |
die sogenannten Auszahlungen, ferner Schecks und der-
gleichen. In welchem Verhältnis diese zur Übertragung
durch Devisen stehen und ob alle diese Mittel in der
gleichen Weise wirken, kann hier nicht erörtert werden.
Es ist Sache der Banktechnik, zu untersuchen, ob die
anderen Formen der Übertragung unter Umständen
günstiger wirken, und insbesondere, in welcher Form
der Kapitalimport die günstigsten Wirkungen auf den
Zinsfuß hat. Nützlich kann kurzfristiger Kredit auch
sein, wenn er dem deutschen Exporteur ermöglicht,
seinen ausländischen Kunden länger Kredit zu ge-
währen, als er es infolge des deutschen Kapitalmangels
sonst imstande wäre. Bekanntlich kann die deutsche Ex-
portindustrie aus diesem Grunde oft mit derjenigen
reicherer Länder, die länger Kredit gewähren kann,
nicht konkurrieren. Aber auch eine derartige Heran-
ziehung ausländischen Kapitals ist nicht eigentlich als
Kapitalimport zu betrachten, weil eine Umwandlung
in Mark dabei unnötig ist.
So gibt es noch manche Formen und Zwecke der Ka-
pitalbeschaffung aus dem Auslande, über deren Wir-
        <pb n="82" />
        80 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.

kungen allgemein nichts zu sagen ist, Das Gegenstück
zu der eben erwähnten Kreditinanspruchnahme im Aus-
lande zwecks Kreditgewährung seitens der inländischen
Exportindustrie (oder des Exportharidels) ist die Über-
tragung schon vorhandener Markguthaben des Aus-
landes an neue inländische Schuldner. Auch sie bedeutet
keinen Kapitalimport.

Wir haben uns auch hier nicht mit der Tatsache zu
beschäftigen, daß kurzfristige Kredite mißbraucht
werden können, indem sie nicht zur Ergänzung umlau-
fenden Kapitals, sondern zur Beschaffung stehenden
Kapitals verwendet werden. Das ist keine Besonderheit
des Auslandskredits, sondern kann bei inländischem
Kredit ebenso vorkommen; es ist leider in der Praxis
der öffentlichen Körperschaften sehr häufig geworden,

Was Deutschland fehlt, ist nicht nur Geldkapital und
Kredit zur Beschaffung stehenden Kapitals, sondern ist
vor allem auch Betriebskapital, umlaufendes
Kapital, das durch die Inflation vernichtet wurde. In-
folge der Lohn- und Preissteigerungen ist dieses Kapi-
talerfordernis noch gewachsen und im ganzen sicherlich
erheblich größer als vor dem Kriege. Das nötige um.
laufende Kapital kann nun — das hat man bisher meist
"verkannt — durch Kreditaufnahme im Auslande so gut
wie gar nicht ergänzt werden. Es muß im Inlande selbst
gebildet werden. Nur indirekt und nur insoweit kann
es durch Auslandskredite ergänzt werden, als es zum
Import ausländischer Güter oder zur Kreditgewährung
auf Exporte dienen kann, also im Außenhandel die in-
ländische Währung ausschaltet. Sobald es aber inlän-
dische Umsätze vermitteln soll, muß es in inländische
Währung umgewandelt werden. Das vermehrt die Geld-
menge und wirkt so preissteigernd, fördert den Import,
erschwert den Export und hat so die ungünstigste Wir-
kung auf die Kapitalbildung, Die Beschaffung von Aus-
landskapital ist außerdem sowohl kurzfristig wie lang-
fristig nur in beschränktem Umfange möglich, und die
        <pb n="83" />
        I. Kurzfristige Auslandskredite.

una

etwaige Zinsdifferenz ist nicht so bedeutend, daß man
gerade beim kurzfristigen Kredit unter allen Umständen
sagen könnte, sie wiege die‘ Gefahren der kurzfristigen
Auslandsverschuldung, das heißt die Verknüpfung mit
der ausländischen Börsenspekulation, auf.

Es ist ganz klar, daß auf Grund ausländischer Gut-
haben die Banken nur begrenzt Betriebskredite geben
können, vielmehr immer auf die Notenbank zurück-
greifen müssen.

Das umlaufende Kapital eines Landes muß im
wesentlichen im Inlande selbst gebildet werden. Und
solange das, nach der Inflation, nicht in genügendem
Umfange geschehen ist, muß die Kapitalbildung geschont
und gepflegt werden. Die heutigen Verhältnisse und der
hohe Zinsfuß sind aber die natürliche und letzten Endes
heilsame Reaktion des Wirtschaftskörpers gegen die
Verluste, die die Inflation den Kapitalbesitzenden zu-
sefügt hat. Solange man das nicht beachtet und in der
Aufnahme von Auslandskrediten ein Allheilmittel gegen
unseren Kapitalmangel erblickt, wird man aus der Kapi-
talnot und dem hohen Zinsfuß nicht herauskommen.

Auf eine Erscheinungsform des kurzfristigen Kre-
dits sei hier noch eingegangen, die auch bei langfristig
sewährtem Auslandskapital eine Rolle spielen kann,
weil die Übertragung meist in der Form von Devisen
erfolst. L. Merzbach weist in dem oben (Kapitel 5)
erwähnten Aufsatz im „Bankarchiv“, wohl mit Recht,
darauf hin, daß für die Devisen, die auf Grund der so
heiß begehrten Auslandskredite hereinkommen, die An-
lage in Börsenkrediten am liquidesten ist. Gewiß hat
er auch darin recht, daß durch die Liquidafionskasse
die Gefahren solcher Reportgeschäfte nahezu aus-
geschaltet sind. Aber das gilt doch nur privatwirtschaft-
lich und banktechnisch für die Sicherheit der Aus-
leihungen. Über den volkswirtschaftlichen Nutzen einer
solchen Verwendung von Auslandskrediten ist damit gar
nichts gesagt. Und der muß durchaus bestritten werden,
Schultze, Weltwirtschaftliche Vorträge, Heft 8.

%
        <pb n="84" />
        32 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.
für Auslandskredite noch viel mehr als für inländische.
Es geht doch nicht an, die Alimentierung der Börsen-
spekulation durch den Hinweis auf die gute Anlagemög-
lichkeit für Auslandskredite rechtfertigen zu wollen.
Vor allem in der Lage Deutschlands ist durchaus zu be-
streiten, daß, wenn der Kapitalmangel und hohe Zins-
fuß Veranlassung gibt, ausländische kurzfristige Kre-
dite nach Deutschland zu legen, die Hinleitung an die
Börse dem Interesse der deutschen Volkswirtschaft ent-
spricht, Die Börsenspekulation täuscht dann einen Kapi-
talreichtum und eine Prosperität vor, die in Wahrheit
nicht vorhanden sind. —

Merzbach geht nicht soweit wie die Frankfurter Zei-
fung, von einer Verbilligung des Kapitalangebots
durch die Börsenspekulation und die Börsenkredite zu
sprechen. Er. meint aber: „Es war (1925) das Verdienst
der Bankwelt, daß sie in größerem Maßstabe Börsen-
kredite auf Grund der aus dem Auslande herein-
geholten Gelder gab. Dadurch allein konnten Aktien
und Obligationen placiert werden. Handel und In-
dustrie wurden durch deren Verkaufserlös mit den not-
wendigen Befriebsmitteln befruchtet.“

Darauf ist zu sagen: Wenn Aktien und Obligationen
erst im Wege einer entfachten Börsenhausse placiert
werden können, so ist es besser, daß sie nicht pla-
cierf werden! Denn die Spekulanten, die darauf sitzen-
bleiben, wenn der unvermeidliche Rückschlag eintfritt,
und erst recht das Publikum, das töricht genug war,
der Spekulation Gefolgschaft zu leisten, erleidet Ver-
luste, und diese Verluste schrecken von dem Effekten-
erwerb auch dann ab, wenn sie in günstigerer Zeit ohne
solche Stimulantien angeboten werden. Es ist sehr wahr-
scheinlich, daß die von Merzbach gepriesene, durch Aus-
Jandsgelder künstlich herbeigeführte Hausse nicht nur
kein „Verdienst der Bankwelt“ war, sondern im Gegen-
teil zu dem heutigen Darniederliegen des Wertpapier-
markts überhaupt, das sich auf Aktien und Obligationen
        <pb n="85" />
        HL. Langfristige Auslandskredite oder Beteiligungen ? 83

in gleicher Weise erstreckt, stark beigetragen hat. Man

hat mit künstlichen Methoden mehr Wertpapiere in die

deutsche Volkswirtschaft hineinpumpen wollen, als sie

ihrer Verfassung nach aufnehmen konnte, und das hat

sich gerächt. Wenn man die Lehren daraus wenigstens

für die Zukunft beachten und mit Emissionen und über-

haupt mit Kreditaufnahme, besonders seitens der öffent-
lichen Körperschaften, etwas zurückhaltender sein
wollte! Weitere Geldkapitalbildung darf durch solche
künstliche Mittel, wie Entfachung einer Börsenhausse,
nicht angeregt werden, und erst recht ist die Heran-
ziehung von Auslandskapital für diesen Zweck nicht ge-
rechtfertist. Wir wollen hier auf die verschiedenen
Formen, in denen kurzfristiger Kredit beschafft werden
kann, und auf die Frage, ob seine Funktionen überhaupt
durch Anleihen ersetzt werden können, nicht eingehen.
Ebensowenig auf die bedauerliche Tatsache, daß trotz
des deutschen Kapitalmangels in erheblichem Umfange
deutsches Kapital zu Spekulationszwecken an auslän-
dische Börsen geflossen ist. Es wäre Aufgabe der Bank-
technik, dies möglichst zu verhindern. Es herrscht Über-
einstimmung darüber, daß die bisherige Art der Aus-
gabebewilligung, ohne daß schon Einnahmequellen dafür
vorhanden sind, was zu kurzfristiger Kreditinanspruch-
nahme zwingt, bei den öffentlichen Körperschaften nicht
fortgesetzt werden darf, Man kann sich nur darüber
wundern, daß diese Erkenntnis nicht schon längst Platz
gegriffen hat und wird leicht geneigt sein, das parla-
mentarische System für solchen Leichtsinn verantwort-
lich zu machen.
INN. Langfristige Auslandskredite oder Beteiligungen?
Betrachten wir zunächst die Wirkungen lang-
fristiger Kapitalbeschaffung aus dem Auslande, Da
stehen zwei Formen ausländischer Kapitalzufuhr im
Vordergrund der Erörterung: Anleihen oder die Be-
a*
        <pb n="86" />
        84 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.
teiligung an deutschen Unternehmungen, Letztere wird
bekämpft mit dem Schlagwort Überfremdungs.

Aber auch diejenigen, die die Gefahren einer solchen
betonen, haben zugegeben, daß es Fälle gibt, in denen
die Beteiligung des Auslandes an deutschen Unterneh-
mungen unbedenklich ist. Mit Recht wurde, außer dem
gelegentlichen Erwerb von Aktien an deutschen Börsen
durch Ausländer, die Einführung deutscher Aktien an
ausländischen Börsen als ein solcher Fall genannt. Wenn
demgegenüber eingewendet wird, daß solche, meist spe-
kulativen Käufe deutscher Aktien durch Ausländer viel
nachteiliger sein können als die Übergabe einer Minori-
tätsbeteiligung in eine Hand zu dauernder Anlage, so
kann dem nicht unbedingt zugestimmt werden. Gewiß
kann vorübergehend ein Angebot deutscher Aktien
durch Ausländer auch an inländischen Börsen den Kurs
drücken. Aber die Börsenkreise und damit die Finanz-
presse überschätzen häufig die volkswirtschaftliche Be-
deutung eines hohen Kurses. Bei gleichbleibenden Er-
trägen ist es volkswirtschaftlich völlig gleichgültig, ob
die Spekulation eine Aktie mit 200 oder mit 300%
bewertet. Derjenige Kurs ist der normale, der mit
dem allgemeinen Kapitalzins des Landes, wie er sich am
deuflichsten im landesüblichen Zinsfuß ausspricht, in
Beziehung steht, Da dieser in Deutschland 9—10% be-
trägt, ist es unberechtigt, von Aktien, die nur mit 3—5 %
rentieren, einen höheren Kurs als 50% zu erwarten. Der
größte Teil der im letzten Jahre zu verzeichnenden
Kursrückgänge scheint mir nur eine endliche Änpas-
sung der Kurse an die tatsächlichen Ertragsaussichten
zu sein. Es ist eine wichtige volkswirtschaffliche Auf-
gabe, die Kurse möglichst gleichmäßig zu halten, auch
wenn dabei die Börsenspekulation wenig verdient. Und
je mehr das gelingt, um so weniger wird auch der aus-
ländische Besitz deutscher Effekten den Kurs vorüber-
gehend drücken können. Es ist auch darauf hinzuweisen,
daß weitaus größere Kursschwankungen, als sie nor-
        <pb n="87" />
        MN. Langfristige Auslandskredite oder Beteiligungen ? 85
malerweise bei Börsenpapieren, selbst in Spekulations-
zeiten, vorkommen, dann eintreten, wenn eine kapital-
kräftige Auslandsgruppe, wie bei Lindström und in
anderen Fällen, Einfluß bei einer Unternehmung ge-
winnen will.
Übrigens scheint mir, daß auch die Übergabe
deutscher Effekten an amerikanische Investmenf
Companies, die ja heute eine gewisse Rolle spielt,
keine dauernde Kapitalanlage gewährleistet. Denn ein
erheblicher Teil der neueren Gründungen dieser Art
dürften keine „Kapital-Anlagegesellschaften“,
sondern „Effekten-Handelsgesellschaften‘“ oder „Über-
nahmegesellschaften“ für die dahinterstehenden Bank-
häuser sein, wie das schon früher bei derartigen Ge-
sellschaften öfter der Fall warl. Wo das der Fall ist,
wo also mit plötzlicher Abstoßung der Effekten ge-
rechnet werden muß, kann das für die deutschen Gesell-
schaften und Schuldner sehr unangenehm sein. Es emp-
fiehlt sich also, auch bei den Investment Companies, die
in der Tat für den deutschen Effektenabsatz von großer
Bedeutung sein können, sehr genau auf die Qualität zu
achten.
Ebenso ist die Übertragung von Minoritätsanteilen
deutscher Unternehmungen an ausländische große Kon-
zerne nicht ganz abzulehnen. Sie kann dazu dienen, neue
Geschäfte heranzuziehen, fremde Erfindungen und Er-
fahrungen zu benutzen, den Export zu erleichtern und
dergleichen. Aber auch die Blöße Ergänzung mangeln-
den Kapitals ist privatwirtschaftlich off zu rechtfertigen,
wenn auch hier allgemein volkswirtschaftliche und pri-
vatwirtschaftliche Interessen stark auseinandergehen
können. Die Kapitalbeschaffung aus dem Auslande ist
1 Vergleiche dazu: R. Liefmann: „Beteiligungs- und Finan-
zierungsgesellschaften“, 4. Auflage, Jena 1924, und Dr. Egon
Kilgus: „Kapitalanlagegesellschaften (Investment Trusts)“,
Wilhelm Christians Verlag, 1929.
        <pb n="88" />
        86 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung,
jedenfalls in stark expansiven Erwerbszweigen, wie der
Elektrizitätsindustrie, ganz. anders zu beurteilen als in
stationären. Bei jenen wird sie um so weniger anfecht-
bar sein, wenn sie zur Einführung neuer Produktions-
zweige mit neuen Absatzgelegenheiten dient. Denn hier
steht der Geldvermehrung auch die Möglichkeit ver-
mehrter Bedarfsbefriedigung gegenüber. Wo aber
fremdes Kapital nur benutzt wird zur Rationalisie-
rung des Betriebes, also ohne eigentliche Ausdehnung
der Unternehmung, ist der volkswirtschaftliche Nutzen
der Heranziehung ausländischen Kapituls schon viel
fraglicher.

Es ist hier aber einer der Fälle, wo die rechnerische,
zahlenmäßige Betrachtungsweise, an die die heutige Na-
fionalökonomie immer denkt, unmöglich ist, weil man
auf Imponderabilien und schließlich psychische Mo-
mente kommt, die gegeneinander abzuwägen sind. Ich
habe schon oben betont, daß die Rationalisierung unter
den heufigen Verhältnissen in Deutschland vielfach zu
weit gegangen oder zu schnell erfolst ist, daß die be-
sonderen Verhältnisse Deutschlands mit seinen großen
Arbeitslosenmassen mehr auf arbeitsintensive Wirt-
schaff eingerichtet sind. Dieses Mißverhältnis ist neben
der Inflation offenbar eine Folge der Kriegstribute.
Daß es aber nicht durch Kapitalimport beseitigt werden
kann, soll. hier gezeigt werden.

Die Heranziehung von Auslandskapital ist also des-
wegen noch lange nicht gerechtfertigt, weil es billiger
zu haben ist, Der Umstand, daß es im Inland so knapp
isf, ist vielmehr ein Grund, neue Kapitalinvestierungen
sorgfältig zu überlegen, ihre Zwecke und Rentfabilitäts-
aussichten genau zu prüfen, Die Kapitaleinfuhr in einem
noch unentwickelten Lande, in dem man sie früher allein
beobachten konnte, ist eben ganz anders zu beurteilen
als heute in Deutschland. Dort kann sie den Unterneh-
mungsgeist anregen, die Wirtschaft „ankurbeln“. In
Deutschland ist aber gewissermaßen zuviel Unter-
        <pb n="89" />
        IM, Langfristige Auslandskredite oder Beteiligungen? 87
nehmungsgeist vorhanden, nämlich im Verhältnis zum
Kapital und zur kaufkräftigen Nachfrage. Das gilt für
Genußgüter — man denke zum Beispiel an die lite-
rarische Produktion — wie für Erfindungen, technische
Neuerungen und dergleichen. Letztere und die Kapital-
aufwendungen dafür werden begründet mit Rücksicht
auf die Konkurrenz dem Ausland gegenüber. Aber auch
dann bleiben die obenerwähnten Bedingungen einer
volkswirtschaftlich nützlichen Kapitalexpansion zu be-
obachten. Doch ist kein Zweifel, daß viele Kapital-
investitionen rentabler wären und auch eine Heran-
ziehung von Auslandskapital rechtfertigen würden, wenn
die Rentabilität nicht durch übermäßige Steuern und
Lohnforderungen immer wieder von neuem in Frage
gestellt würde. —

Über die Frage: Kreditinanspruchnahme im Aus-
land oder ausländische Beteiligung sei noch folgendes
gesagt. Es ist richtig, daß die Gefahr einer Überfrem-
dung im einzelnen Falle ganz verschieden zu beurteilen
ist: und daß sie zum großen Teil auch von der Führung
des Unternehmens abhängt. Wirkliche Führerpersön-
lichkeiten werden sich die Herrschaft nicht so leicht ent-
reißen lassen. Die Leitung einer Unternehmung ist aber
dem Wechsel unterworfen, und so besteht sehr wohl
die Möglichkeit — und es ist auch nicht selten vorge-
kommen —, daß auch eine Minderheit entscheidenden
Einfluß in einer Unternehmung gewinnen kann.

Allerdings muß selbst das, also die wirkliche Über-
fremdung in einer Unternehmung, auch nicht immer
zum Nachteil der deutschen Volkswirtschaft sein. Denn
der Staat hat doch erhebliche handelspolitische Mittel,
um einer etwaigen Stillegung deutscher Unternehmun-
gen im ausländischen Interesse entgegenwirken zu
können. Trotzdem herrscht aber wohl Übereinstim-
mung darüber, und €s entspricht auch den Anschauungen
in anderen Ländern, daß eine Überfremdung wichtiger
Großbetriebe und ganzer Konzerne nach Möglichkeit zu
        <pb n="90" />
        88 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.
vermeiden ist und daß sie jedenfalls keine ganz pri-
vate Angelegenheit der betreffenden Unternehmung ist,

Ebenso großen Bedenken aber unterliegt die weit-

gehende ausländische Kapitalverschuldung, wie sie
in den letzten fünf Jahren von deutschen Unterneh-
mungen und Öffentlichen Körperschaften eingegangen
wurde. Gegenüber dieser Verschuldung hat die Betei-
ligung des Auslandes einen großen volkswirtschaft-
lichen Vorteil, der merkwürdiserweise in den Erörte-
rungen darüber gar nicht zur Sprache kam. Ausländi-
sche Beteiligungen lauten auf deutsches Geld, sind
in solchem zu verzinsen, und sie sind nicht zurückzu-
zahlen, während die Schulden regelmäßig in
ausländischer Valuta zu verzinsen und in sol-
‚cher zurückzuzahlen sind. Dieser Unterschied hängt
natürlich damit zusammen, daß die Beteiligung an deut-
schen Aktiengesellschaften, nicht anders als der Erwerb
von Grundstücken durch Ausländer, ein Verkauf deut-
scher „Substanz“ ist, während Anleihen eine, freilich
off auch dinglich . gesicherte Schuld darstellen. Wir
kommen auf diese Tatsache der Verzinsung und Rück-
zahlung in fremder Währung in den beiden folgenden
Kapiteln noch zu sprechen.

Hier sei noch ein anderes Problem berührt, der
Gegensatz zwischen ausländischen Beteiligungen und
Neuanlagen. Auch da ergeben sich leicht volkswirt-
schaftliche Konflikte, zwar nicht mit privatwirtschaft-
lichen, aber mit den Interessen verschiedener Landes-
teile, Oft mag es volkswirtschaftlich viel vorteilhafter
sein, ein ausländischer Konzern, etwa General Motors,
erwirbt eine inländische Beteiligung und selbst die
Kontrolle auch einer ganzen Unternehmung, als daß
er, wie Ford, eine neue Fabrik errichtet und dadurch
die in den meisten deutschen Gewerben vorhandene
Überkapitalisation und Überkapazität noch verstärkt.
Hier kommt eben der Unterschied der Kapitaleinfuhr
bei wirtschaftlich zurückgebliebenen und wirtschaft-
        <pb n="91" />
        N. Langfristige Auslandskredite oder Beteiligungen? 89

lich zurückgeworfenen Ländern, wie Deutschland,
den ich in meiner Schrift „Vom Reichtum der Na-
tionen“ entwickelt habe, zum Ausdruck, In den Län-
dern der letzteren Art ist vielfach der Produktions-
apparat schon übermäßig ausgedehnt. Daß der Bau einer
neuen Fabrik vorübergehend die Bauindustrie und ihre
Arbeiter beschäftigt und ‚einem engeren Bezirke nützt,
beseitigt jenes Bedenken selbst dann nicht, wenn das
Kapital dafür aus dem Auslande kommt und nicht im
Inlande anderen Verwendungszweigen entzogen wird.
Denn wenn die neue Fabrik im entsprechenden Um-
fange andere zum Erliegen bringt, ist das mit volkswirt-
schafflich sehr nachteiligen Umwälzungen und Ver-
Iusten verbunden. Hier gilt alles, was ich in meiner
Produktivitäts- und Krisentheorie über den volks-
wirtschaftlich zweckmäßigsten Grad der Ersetzung alten
Kapitals durch neues, an sich produktiveres, gesagt
habel. Ich kann es hier nicht wiederholen, aber die dort
entwickelten Gesichtspunkte gehören zu den wichtigsten,
die bei der Frage der Kapitalbildung in der modernen
Volkswirtschaft zu berücksichtigen sind.

Ferner aber hat die Beteiligung an deutschen Unter-
nehmungen, selbst wenn sie eine Kontrolle bedeutet,
gegenüber ausländischen Anleihen den Vorteil, daß
ihr Wert von ihrem Ertrage abhängt. Und da es
mit den Ertragsaussichten der deutschen Industrien in-
folge übermäßiger Steuern, sozialer und Reparations-
Jasten im allgemeinen nicht günstig steht, ist die Be-
teiligung des Auslandes an dem Risiko, das unter diesen
Umständen — und zu einem großen Teil auch durch
seine Schuld — mit industriellen Unternehmungen in
Deufschland verbunden ist, oft erwünschter, als die
tisikofreie und doch sehr hoch zu verzinsende Kredit-
gewährung des Auslandes. Es kommt dabei noch in Be-
tracht, daß auch die Spanne zwischen der Verzinsung
1 Siehe meine „Grundsätze der Volkswirtschaftsiehre“,
Bd. I. Teil X.
        <pb n="92" />
        90 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.

der inländischen Anleihen (einschließlich der hohen Pro-
vision) relativ gering ist. und die Verzinsung im Ver-
hältnis zur Sicherheit und in dem Vergleich zu dem
Zinsfuß anderer Länder sehr hoch.

Unter diesen Verhältnissen erscheint tatsächlich heute
die Beteiligung des Auslandes an deutschen Unter-
nehmungen gegenüber der weiteren Kreditinanspruch-
nahme als das kleinere Übel. Das wird sich immer mehr
erweisen, je mehr die Rückzahlungen der schon ge-
liehenen Milliarden beginnen, und je mehr sich die Er-
fragsaussichten der deutschen Industrie noch weiter ver-
schlechtern, wenn nicht die äußeren und inneren Lasten
vermindert werden.

Praktisch aber wird die Beteiligung des Auslandes an
deutschen Unternehmungen in der nächsten Zeit wohl
um deswillen die Hauptform ausländischer Kapitalein-
fuhr sein, weil die ausländische Verschuldung in
Deutschland schon ein Maximum erreicht hat. Daß es
in dem bisherigen Tempo nicht weitergehen darf und
gar nicht weitergehen kann, ist schon öfter betont
worden. Wenn demgegenüber die Entkommunalisierung
öffentlicher Betriebe und die Beteiligung des Auslandes
an den dafür errichteten Unternehmungen empfohlen
wird, so kann man zugeben, daß diese Entwicklung, die
sich ja schon anbahnt, zwangsläufig kommen muß, und
daß sie jedenfalls nicht ungünstiger zu beurteilen ist als
die weitere Verschuldung. Die Beteiligung des Aus-
landes an der Gas-, Licht- und Kraftversorgung, etwa
im Wege gemischtwirtschaftlicher Unternehmungen, ist,
wenn sich die öffentliche Hand, was natürlich ist, die
Tarifgestaltung vorbehält, in der Tat kaum gefährlicher

als die weitere Kreditinanspruchnahme, Äber, wenn die
öffentlichen Körperschaften glauben, mit diesem
neuen Wege der Kapitalbeschaffung weiter so
wirtschaften zu können wie bisher, so muß dem
mit aller Entschiedenheit widersprochen wer-
den. Dieser Verkauf von Substanz darf nur für wirk-
        <pb n="93" />
        MN. Langfristige Auslandskredite oder Beteiligungen? 9]

lich rentable, sichere Erträge bringende Neuanlagen ver-
wendet werden, wozu der Bau von Wohnungen, Ver-
waltungsgebäuden und in der Regel auch der Ankauf
von Grundstücken nicht gehören. Erst recht natürlich
nicht die Ausgaben für sonstige Verwaltungs-, Wohl-
fahrts- und dergleichen Zwecke. Wenn das streng be-
rücksichtist wird — dafür hätten das Reich und die
Länder zu sorgen, für die natürlich das gleiche gilt —,
würde sich die ausländische Kapitalbeschaffung öffent-
licher Körperschaften in ziemlich engen Grenzen halten.
Man könnte sie etwa in der Weise beschränken, daß
man sie nur zuläßt für Betriebe, in denen das aus dem
Ausland fließende Kapital selbst verwendet werden
soll; oder für eine Erweiterung der öffentlichen Unter-
nehmungen, an denen man das Ausland beteiligt. Damit
wird vorgebeugt,‘ daß öffentliche Körperschaften den
Verkauf von Substanz ans Ausland für ihre sonstigen
nicht wirklich ertragbringenden Zwecke vornehmen oder
sar zur Weiterführung einer kostspieligen Verwaltung
benutzen. Der übermäßige Optimismus — auf deutsch
gesagt Leichtsinn —, dem viele öffentliche Verwaltungen
in Deutschland auf dem Rücken der Steuerzahler
fröhnen, muß aufhören. Wer gewohnt ist, überall im
Wirtschaftsleben auf die entscheidenden psychologi-
schen Momente zu achten, die die heutige „Güterlehre“
mit ihrer „funktionellen Betrachtungsweise‘“ ignoriert,
der erkennt leicht, daß jener Verwaltungsoptimismus
eine Folge des Beamtentums ist, der Tatsache, daß die
Beamten mit festem Gehalt und Pensionsberechtigung
sich in die Nöte und Schwierigkeiten der freien Wirt-
schaft gar nicht hineindenken können, die die Geld-
erträge zu erwerben hat, über die die öffentlichen Wirt-
schaften so leicht durch Steuern verfügen. Äber auch die
heutige Wirtschaftslehre mit ihrer Vernachlässigung der
Gelderträge als Agens und Richtschnur allen Tauschver-
kehrs ist dabei mitschuldig. Gegen diese Einstellung des
Beamtentums zum Wirtschaftsleben ist deshalb so
        <pb n="94" />
        92 6. Kapitel. Die Arten der Beschaffung und Verwendung.

schwer anzukämpfen, weil in den Kreisen der Arbeiter-
schaft als Festbesoldeten auch eine ähnliche Einstellung
herrscht und sogar der völlig falsche Glaube verbreitet
ist, als könne die selbständige Unternehmerstellung mit
ihrer Initiative und Risikoübernahme immer mehr aus-
geschaltet werden. Daß bei einer solchen Einstellung den
Problemen der Kapitalbildung kein richtiges Verständ-
nis entgegengebracht wird, ist klar.

Doch kehren wir zu den Fragen des Auslandskapitals
zurück. Der Verkauf von Beteiligungen an deutschen
Unternehmungen, seien es öffentliche oder private, bringt
das Ausland zwar nur in den Besitz von Markerträgen.
Aber wenn die Überfremdung großen Umfang angenom-
men hat, kann auch das Bestreben, diese Markguthaben in
Devisen umzuwandeln, die Währung schädigen. Und es ist
in Deutschland schwer dagegen anzukämpfen, wenn man
an der Freiheit des internationalen Geldverkehrs fest-
halten will. Ob aber, solange der Zufluß von Auslands-
kapital zwecks Beteiligung an deutschen Unternehmun-
gen noch andauert, dadurch eine wesentliche Entlastung
des deufschen Kapitalmarkts herbeiseführt werden
wird, erscheint fraglich. Denn in vielen Fällen wird er
nur die Ablösung schon eingegangener ausländischer
Kreditverpflichtungen, also eine Methode der Rückzah-
lung von Auslandskrediten bedeuten (siehe Kap. VIIM.
Er betrifft auch nur eine kleine Schar großer Unter-
nehmungen, Für die große Masse. mittlerer und klei-
nerer Unternehmungen kommt eine Auslandsbeteiligung
nicht in Betracht, Und ihnen wird durch eine solche bei
den ‚großen Unternehmungen die Kapitalbeschaffung
nicht erleichtert, die Konkurrenz aber erschwert werden.
Was ‚ich in der Schrift „Vom Reichtum der Nationen“
über die Notwendigkeit, insbesondere das erforderliche
umlaufende Kapital im Inlande selbst zu bilden, aus-
führte, ist durchaus aufrechtzuerhalten. Aber die ganze
bisherige Lohn-, Sozial-, Finanz- und Auslands- (Re-
parations-) Politik wirkt dem entsegen.
        <pb n="95" />
        L Die Verteidigung der Auslandskredite. 93

7. Kapitel.
Die Gefahren des Auslandskapitals.
L Die Verteidigung der Auslandskredite,

Aus dem Gesasten ergibt sich schon, daß die Wir-
kungen des Kapitalimports in Deutschland im all-
gemeinen viel ungünstiger zu beurteilen sind als in
zurücksebliebenen Ländern, in denen er bisher meist zu
beobachten war. Aber es müssen ganz allgemein die
Ansichten über die Möglichkeit, mangelndes inländisches
Kapital durch ausländisches zu ersetzen, einer Revision
unterzogen werden. Alle Erörterungen über die Vor-
und Nachteile dieser oder jener Form ausländischer
Kapitalbeschaffung treten zurück hinter den allgemeinen
Gefahren, die dieser Vorgang unter den heutigen Ver-
hältnissen für Deutschland hat und die man noch nicht
genügend erkennt, Sie hängen einmal damit zusammen,
daß die Kapitalbeschaffung aus dem Auslande in aus-
Jändischer Valuta erfolgt und diese zumeist in die in-
Jändische Währung umgewandelt werden muß — die
Gefahren dieser Umwandlung sollen in diesem Kapitel
besprochen werden —, ferner damit, daß bei Krediten
auch die Verzinsung und Rückzahlung regelmäßig in
ausländischer Währung zu erfolgen hat. Davon soll in
Kapitel 8 die Rede sein.

Die üblichen Verteidigungen des Kapitalimports
knüpfen an einen Vortrag des Reichsbankpräsidenten
Dr. Schacht von November 1927 an, der in einer Bro-
schüre „Eigene oder geborgte Währung“ (Quelle
&amp; Meyer, Leipzig 1927) wiedergegeben ist, und besonders
an die Kreditrestriktion, die die Reichsbank im Mai 1928
vornahm, Sie führte zu dem bekannten „schwarzen Frei-
tag“ an der Berliner Börse, für den Schachts Anschau-
ungen verantwortlich gemacht wurden. Seine Ausfüh-
rungen wurden namentlich in einer Broschüre von Pro-
fessor Adolf Weber, „Hat Schacht recht?“, in zwei-
ter Auflase unverändert unter dem Titel „Die Ab-
        <pb n="96" />
        94 7. Kapitel. Die Gefahren des Auslandskapitals.

hängigkeit der deutschen Volkswirtschaft vom
Ausland“ (München und Leipzig 1928), ferner von
Professor W. Eucken, „ÄAuslandsanleihen“ (Maga-
zin der Wirtschaft, Januar 1929), und manchen anderen
heftig bekämpft. Sie sind in der Tat keineswess‘ in
allen Punkten glücklich, denn Schachts theoretische
Grundlagen sind mangelhaft, hatte er doch noch drei
Jahre vorher die Dawes-Anleihe für notwendig erklärt,
was keineswegs der Fall war. Schon der Titel seiner
Schrift ist unmöglich. Denn eine geborste Währung gibt
es überhaupt nicht. Man kann nur ausländisches Geld
oder Kapital borgen, und wie das auf die inländische
Währung wirkt, das ist auch nur ein Problem. Ein
anderes ist die Frage; ob und mit welchen Wirkungen
ausländische Kapitaleinfuhr die inländische Kapitalbil-
dung ersetzen kann. Beides ist trofz mancher Beziehun-
gen durchaus auseinanderzuhalten. Schachts Ansichten
waren auch zu stark von einem praktischen, an sich ganz
berechtigten Zweck bestimmt, der Reichsbank die Herr-
schaft über den Geldmarkt zu erhalten, die durch un-
geregelt hereinströmende Auslandskredite beschränkt
werden mußte.

Äber auch Schachts Gegner machten sich die Sache
zu leicht, und ihre Argumente beruhen großenteils auf
falschen theoretischen Grundlagen, der üblichen mate-
rialistischen Wirtschaftsauffassung und, damit zu-
sammenhängend, dem Glauben an exakte zahlenmäßig
feststellbare Wirkungen. Auch bei ihnen werden dann
die Wirkungen auf die Währung und auf die inländische
Wirtschaft überhaupt, ferner auch die Wirkungen kurz-
und langfristiger Kredite nicht genügend unterschieden,

Weber wendet sich vor allem gegen Schachts An-
sichten über die Gefährdung der Währung und hat da-
bei in manchem gegen Schachts Formulierung recht, Ich
will darauf nicht näher eingehen. Äber er verschließt
sich durchaus den Gefahren des Auslandskapitals in der
heutigen wirtschaftlichen Lage Deutschlands, weil er, wie
auch in seinem Lehrbuch, wo immer vom „statischen
        <pb n="97" />
        I. Die Verteidigung der Auslandskredite.

95

Dauerpreis“ und ähnlichen Irrtümern der mathemati-
schen Richtung die Rede ist, eine statische Betrach-
tungsweise zugrunde legt und daher nur die augen-
blicklichen Wirkungen sieht. Daher auch der häufige,
weniger einem Wissenschaftler als einem Börsenmann
entsprechende Hinweis auf „die Konjunktur‘ (soll
heißen: steigende Konjunktur), als ob eine starke Hausse
für Deutschland vorteilhaft wäre, während es doch klar
ist, daß, je mehr eine Volkswirtschaft vom ausländi-
schen Kredit abhängig ist, sie um so mehr auf Preis-
stabilität bedacht sein muß.

Weber hat die Einwendungen, die ich schon 1924 bei
der Dawes-Anleihe gegen die starke Kreditinanspruch-
nahme im Ausland geltend machte, völlig ignoriert.
Selbst neuestens schreibt er noch (in der Schrift „Re-
parationen, Young-Plan, Volkswirtschaft‘, Berlin 1929,
S. 12): „Alle Sachverständigen waren sich darin einig,
daß ohne eine erhebliche Auslandsanleihe die dauernde
Stabilisierung nicht möglich sein würde.‘ Dabei haben
sich später selbst die eifrigsten Befürworter der Dawes-
Anleihe, wie die Frankfurter Zeitung, meiner Ansicht
angeschlossen, daß sie gar nicht notwendig warf

Auch sonst vertritt Weber unter Berufung auf eine an-
gebliche communis opinio Anschauungen, die bei näherer
Betrachtung nicht zu halten sind. In seiner Schrift
„Ende des Kapitalismus?“ (2. Auflage, München 1929)
sind zwar viele ausgezeichnete Bemerkungen enthalten,
aber an vielen Stellen treten doch die mangelhaften
theoretischen Grundlagen hervor, die auf der Güter-
lehre, der hergebrachten, technisch-materialistischen
Wirtschaftsauffassung und der damit verknüpften Ver-
kennung der Gelderscheinungen beruhen!. So definiert
ı Eine Folge der technisch-materialistischen Kapitalauffas-
sung Webers ist, daß er in derselben Schrift die Notwendig-
keiten geldlicher Umwandlung von Auslandskapital nicht
berücksichtigt (siehe unten) und ferner die Kapitalinanspruch-
nahme durch die Börsenspekulation leugnet (siehe oben
Kapitel 5).
        <pb n="98" />
        96 7. Kapitel. Die Gefahren des Auslandskapitals.
er (S. 86) typisch materialistisch „Kapital im volkswirt-
schaftlichen Sinne als die Gesamtheit der Güter, die aus
dem fortlaufenden Produktionsprozeß nicht für Kon-
sumzwecke herausgenommen werden, sondern im Inter-
esse der Reichtumsvermehrung in der Produktion
weiterarbeiten‘“. Auf das „Weiterarbeiten der Güter“
und die Vermehrung der Produkte aber kommt es bei
der . Kapitalerscheinung gar nicht an — diese knüpft
nicht an die technische „Produktivität“ der Produktions-
mittel an —, kein Produktionsmitftel, auch wenn es
produziert, ist an sich schon Kapital, sondern nur die
Geldertragserzielung damit macht es zu Kapital. Der
Grund, weshalb diese Geldertragserzielung nicht durch
die Betrachtung der Produktion an sich und des tech-
nischen Erfrags, der Produktivität, erfaßt und erklärt
werden kann, isteben der, daß der Kausalzusammenhang
der Erzielung der Gelderträge umgekehrt ist wie der der
Produkte. Erkennt man das nicht, so kommt man zu
einer Ertragszurechnung, die auch in Webers Lehr-
buch noch ihre unheilvolle Rolle spielt. Solange man
sich, wie heute üblich, um diese Probleme herumdrückt,
sind solche Irrtümer, wie sie die heutigen Theoretiker
auf Schritt und Tritt vorbringen, unvermeidlich. Es ist
sehr bedauerlich, daß ein so ausgezeichneter Autor wie
Adolf Weber, der selbst kein Theoretiker ist, noch so
veralteten, wenn auch verbreiteten Lehren huldigt und
die besseren ignoriert.

Ausländische Kapifalinanspruchnahme, einerlei in
welcher Form, ist nicht schon dadurch berechtigt, daß es
billiger zu erhalten ist als das inländische. Es ist
wiederum ein schwerwiegender Irrtum Webers, wenn er
Seite 98 meint: „Tatsächlich gibt es nur ein Internatio-
nales Kapital.“ Auch die „Solidarität des internationalen
Kapitalmarkts“ (Seite 99) ist nur eine sehr irrefüh-
rende Phrase und besonders merkwürdig bei einem
Autor, der sonst immer gern die Volkswirtschaftslehre
betont, Eine Solidarität des Kapitals und der Arbeit
        <pb n="99" />
        1’Die Verteidigung der Auslandskredite. 97
gibt es nur insofern, als alle nach Erzielung möglichst
hoher Gelderträge streben. Da sich das international
aber auf verschiedene Währungen bezieht, wirken
Forderungen und Schulden über die Landesgrenzen hin-
aus ganz anders auf das Geldwesen eines jeden Landes
als inländische. Nur die „Güterlehre“ und die mit ihr
verknüpfte materialistische Auffassung des Geldes kann
das verkennen. Auf Grund seiner falschen theoretischen
Ansichten übersieht Weber wieder, daß ausländisches
Kapital, um im Inlande nutzbar gemacht zu werden,
in Mark umgewandelt werden muß, und daß das preis-
steigernd wirkt. So meint er (Seite 97): „Die zeitweise
auch von sehr einflußreicher Seite verfochtene Ansicht,
Aufnahme langfristiger Auslandsanleihen werde durch
den dadurch bedinsten Zufluß von Devisen zu einer den
Bedarf übersteigenden Geldschöpfung, also zu einer in-
flationistischen Bewegung Anlaß geben, ist heute wohl
allgemein als unzufrefend anerkannt.“ —

So? Ich muß für mich in Anspruch nehmen, als einer
der ersten die Gefahren der Auslandskredite betont. zu
haben und halte es immer wieder für nötig, solche
ebenso falschen wie gefährlichen, leider in der Tat noch
sehr „allgemeinen“ Anschauungen zu bekämpfen!.

Wohin die Ansichten von Weber, Eucken und anderer
über den Nutzen der Auslandskredite führen, dafür
möchte ich, ebenfalls von wissenschaftlicher Seite, nur
ein Beispiel bringen. Der sozialistische Professor
Hermberg in Jena hat auf dem Verbandstage der
Bankangestellten im Frühjahr dieses Jahres erklärt, die
Forderung der Unternehmer nach erhöhter Kapital-
bilduns laufe auf nichfs anderes hinaus als auf eine

1 Neuerdings hat insbesondere auch Ernst Schultze,
Tributzahlung und Ausfuhrkraft, in dieser Sammlung, Heft 2,
Leipzig 1929, auf die ungünstigen Folgen hingewiesen, die sich
aus der Hereinnahme mehrerer Milliarden Mark Auslands-
kapital für Deutschland ergeben haben, .

Schultze, Weltwirtschaftliche Vorträge. Heft 8.
        <pb n="100" />
        98 7. Kapitel. Die Gefahren des Auslandskapitals.
Drosselung der Lebenshaltung der werktätigen Bevölke-
rung. Er meint, die Kapitalbildung habe heute, wo die
Bevölkerung stagniert, nicht mehr die Bedeutung wie
früher, und die Unternehmer könnten das nötige
Kapital ohne Schaden aus dem Auslande erhalten.
Warum auch nicht? Unsere Befürworter der Auslands-
kredite werden dem kein schlüssiges Argument ent-
gegensetzen können, trotzdem jeder empfindet, daß da
etwas nicht stimmen muß. Alle jene Theoretiker über-
sehen eben oder unterschätzen die Tatsache, daß Aus-
landskredite, die inländische Kapitalbildung ersetzen,
also im Inland nutzbar gemacht werden sollen, in Mark
umgewandelt werden müssen. Und dasselbe gilt für
die aus einer Beteiligung des Auslandes hereinfließen-
den Gelder. Damit wird aber zusätzliche Kaufkraft
geschaffen, das heißt, wie ich schon vor mehr als einem
Jahrzehnt in meinen Geldschriften und meinen „Grund-
sätzen‘“ ausführte: Kaufkraft, die nicht aus Lei-
stungen im Tauschverkehr und daraus fließenden
Gelderträgen entstanden ist. Das kann unmöglich be-
sfritten werden und ergibt sich aus meiner Ertrags-
theorie und der mit ihr im Zusammenhang stehenden
abstrakten Geldlehre von selbst. Wer das nicht erkennt
und berücksichtigt, hat den Mechanismus des heutigen
Tauschverkehrs nicht verstanden, und allerdings ist die
Verkennung der Bedeutung des Geldertrages als Rich-
tungsweiser für die Verteilung der Kosten in der
heutigen Wirtschaftstheorie noch sehr allgemein, die
sich mit einer sogenannten „funktionellen Betrachtungs-
weise“ begnüst, wo allein eine kausale, und zwar auf
die Erwägungen der Menschen zurückzuführende, also
zugleich finale allein die wirtschaftlichen Zusammen-
hänge erklären kannl, Die Folgen zeigen sich bei Adolf
Weber in allen theoretischen Erörterungen seines Lehr-
buches,
1 Siehe dazu meine Schrift: „Wirtschaftstheorie und
Wirtschaftsbeschreibung.“ Tübingen 1929.
        <pb n="101" />
        Il. Die Umwandlung von Auslandskapital in Mark. 99

I. Die Umwandlung von Auslandskapital in Mark.

Wie will nun Weber seine abweichende Ansicht be-
gründen? Er fährt fort: „Die durch Auslandskredite her-
einströmenden Devisen sind ja gewissermaßen nur
Quartierzettel für die nachfolgenden realen Hilfsmittel,
die man durch Auslandskredite heranzuziehen bemüht
ist, Daß durch Vermehrung des heimischen Gütervorrafs
aber eine Gefährdung unserer Währung nicht gegeben
sein kann, liegt auf der Hand!“

Nachdem diese Frage der Wirkungen des Auslands-
kapitals jetzt seit mehr als fünf Jahren erörtert wird,
hätte die deutsche Wissenschaft allen Anlaß gehabt, dies
für die deutsche Volkswirtschaft ‚außerordentlich
wichtige Problem zu klären. Aber es ist bezeichnend für
den wirklichkeitsfremden Charakter der heutigen
deutschen Theorie, die sich, namentlich in ihren
jüngeren Vertretern, lieber mit philosophischen und so-
ziolögischen Spekulationen abgibt, daß das nicht im!
mindesten-geschehen..ist. Webers Anschauungen sind’
völlig unklar, wir nehmen also langfristige Anleihen
auf, um durch diese „realen Hilfsmittel“ — man beachte
schon die absichtlich gewählte Unklarheit des Aus-
drucks, die, wie immer in der Wissenschaft, nur eine
Unklarheit der Gedanken verbirgt — aus dem Aus-
land „heranzuziehen“. Tatsächlich brauchen wir aus dem !
Auslande nur Rohstoffe, die wir uns aber nicht durch ı
Anleihen verschaffen. Und wenn Weber, wie wahr- $
scheinlich, nur meint, daß das Auslandskapital dazu
dienen soll, den inländischen Produktionsapparat zu
vermehren — warum braucht er aber dann wieder den
irreführenden Ausdruck „heranziehen“ —, so ist zu
sagen, daß das genau so inflationistisch wirkt,
Denn es steigert künstlich die Nachfrage nach Produk-
tionsmitteln, für deren Erzeugnisse nachher aber keine
Kaufkraft vorhanden ist. Es dehnt den so schon über-
mäßigen Produktionsmittelapparat Deutschlands, in dem

7x
        <pb n="102" />
        100 7. Kapitel. Die Gefahren des Auslandskapitals.
die. meisten Betriebe nicht voll beschäftigt werden
können, noch weiter aus, Und wenn es zur Errichtung
neuer Unternehmungen dient — man nehme etwa Ford
als Beispiel —, so werden heute in Deutschland, das fast
alle Industrien schon im genügenden Umfange besitzt,
andere Unternehmungen ausgeschaltet oder ihnen durch
Minderabsatz die Kosten verteuert. —

Die Argumente, mit denen der Kapitalimport gewöhn-
lich verteidigt und die preissteigernde Wirkung be-
stritten wird, sind etwa die folgenden!. Das Herein-
strömen von Auslandsgeldern steigert die „Produk-
tivität“, es werden mehr Produktionsmittel und Waren
hergestellt, dadurch entstehen vergrößerte Einkommen
und vermehrte Kaufkraft, Sofern nur genügend Arbeits-
kräfte für die vermehrte Produktion zur Verfügung
stehen, was ja in Deutschland durchaus der Fall ist,
wirkt der Zufluß von Auslandskapital nicht preis-
steigernd. Er kann allerdings die DPassivität der Han-
delsbilanz steigern, weil die in der Ausdehnung des
Produktionsapparats Tätigen ja in der Regel keine Ex-
portgüter herstellen. Aber diese passive Handelsbilanz
sei nicht das Entscheidende: „Die Frage, die jetzt so
sehr im Vordergrund des Interesses steht, wie machen
wir die Handelsbilanz aktiv?, ist durchaus nebensächlich
gegenüber der anderen, entscheidenden Frage: Was
können wir tun, um die Produktivität unserer Ärbeit
möglichst zu steigern“ (Adolf Weber).

Man erkennt, wie auch hier immer nur der sachliche
Kapitalbegriff zugrunde gelegt wird und die Vorstel-
lungen der Sachkapitalzufuhr in unentwickelte Länder,
zwecks Ausdehnung der Produktion, einfach auf
Deutschland übertragen werden. Man machf sich die
ganz anderen wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutfsch-
land nicht genügend klar. Hier dient ein großer Teil
der Kapitalzufuhr nicht der Schaffung von neuen Pro-
1 So K. Dalberg: „Auslandsanleihen und Reparationen.“
G. A, Glöckner, Leipzig 1928,
        <pb n="103" />
        IL Die Umwandlung von Auslandskapital in Mark. 101

duktionsanlagen, sondern er dient der Ersetzung schon
vorhandenen Sachkapitals durch neues, an sich ra-
tioneller arbeitendes. Er dient der Anwendung tech-
nischer Fortschritte, der Rationalisierung und damif zu
einem großen Teil der Ersparung von Arbeitskräften.
Daß das neugebildete Kapital hier nur ein Ersatz vom
alten ist, nicht, wie in Kolonialländern, der Erschließung
des Reichtums dient, gilt doch selbst für einen großen
Teil der Elektrizitätswerke, die Dalberg immer als Bei-
spiel nützlicher Verwendung von Auslandskapital an-
führt. Sie dienen zum Ersatz schon vorhandener Dampf-
maschinen, Lokomotiven, Kohlenbergwerke und der-
gleichen. Neue Produktionsanlagen, die für neue Waren
Absatz finden, werden damit nur in geringem Umfang
geschaffen. Es kommt also in Deutschland nicht so sehr
darauf an, daß die „Produktivität“ gesteigert wird —
dieses Schlagwort ist übrigens durchaus unklar, wenn
man darunter etwas anderes als die wirtschaftliche Ren-
tabilität versteht. Jedenfalls kommt es in Deutschland
nicht. auf gesteigerte Produktionsmöglichkeit an, son-
dern auf gesteigerte Absatzmöglichkeit. Wir sollten
mehr Absatz für unsere Waren finden, schon um mehr
Arbeitskräfte zu beschäftigen und unsere Produktions-
anlagen besser ausnutzen zu können. Dafür ist aber der
Kapitalimport, der im allgemeinen die Ausfuhr er-
schwert, den Warenimport erleichtert, in der Regel ganz
ungeeignet.

Ausländische Kapitaleinfuhr ist also nur in sehr be-‘
schränktem Umfang berechtigt. Im Grunde immer nur
da, wo neue Produktionszweige und neue Bedürfnisse
geschaffen werden. Äber sehr gefährlich ist es, auf diese
Weise die Wirtschaft „ankurbeln“, ihre „Produktivität“ |
steigern, vermehrte Kaufkraft schaffen zu wollen. Das
kann eine Zeitlang eine künstliche Blüte erzeugen, wie
es 1926—1927 der Fall war, aber dann muß mit Not-
wendigkeit ein Rückschlag eintreten. Es kommt in
Deutschland nicht so sehr darauf an, durch Aufwendung
        <pb n="104" />
        102 7. Kapitel. Die Gefahren des Auslandskapitals.

großer Kapitalien die Produktion zu verbilligen, son-
dern möglichst viele Arbeiter mit dem bisherigen Pro-
duktionsapparat in wirklich ertragbringenden Erwerbs-
zweigen zu beschäftigen. Dafür waren die fortgesetzten
Lohnerhöhungen der industriellen Arbeiter und auch die
Steigerung der Beamtengehälter 1927 natürlich nicht der
richtige Weg. Denn das hat nicht zu einer solchen Aus-
dehnung des Konsums geführt, daß mehr Arbeiter be-
schäftigt werden konnten bzw. mehr, als der Bevöl-
kerungszunahme und daher der der Konsumenten ent-
sprach. Infolgedessen hat sich die wirtschaftliche Lage
immer mehr verschlechtert,

Es ist also unter den Verhältnissen Deutschlands
nicht zutreffend, wenn W. Eucken (a. a. O.) meint,
daß große Auslandskredite die Produktion anregen und
die Einkommen steigern — hier gibt er also die in-
ANationistische Wirkung zu —, aber aus den gestiegenen
Erträgen könnten die Kredite dann zurückgezahlt
werden. Ganz abgesehen davon, daß hier wieder ver-
gessen wird, daß die Schulden in ausländischer Wäh-
rung zurückzuzahlen sind, die Erträge aber nur in den
seltensten Fällen, bei Exportindustrien, und auch dann
nur teilweise in solchen eingehen, ist auch noch sehr die
Frage, ob die Rückzahlung wirklich aus Erträgen ge-
schehen wird. Das wäre doch nur dann der Fall, wenn
die durch Geldvermehrung gesteigerten Erträge auch
wirklich in die Hände von Sparern kommen. Bei
den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen Deutsch-
lands ist aber die Wahrscheinlichkeit viel größer, daß
sie einerseits durch Lohnforderungen in die Hände der
Arbeiter, andererseits durch Steuern in die Hände der
großen öffentlichen Konsumwirtschaften gelangen, von
denen sie vor allem wieder in die Hände von Nicht-
sparern, Arbeitern, Beamten, Arbeitslosen fließen. Sie
wirken also weiter inflationistisch. Daher das hohe
Preisniveau in Deutschland, das seiner Verarmung und
seinen Auslandsverpflichtungen nicht entspricht.
        <pb n="105" />
        IL Die Umwandlung von Auslandskapital in Mark. 103
Die preissteigernden Tendenzen des Kapitalimports
sind dadurch wohl weniger in Erscheinung getreten, daß
ein erheblicher Teil davon zu Rationalisierungen ver-
wendet wurde und so zu Kostenverbilligungen führte.
Auch die Reparationsleistungen wirken wohl Preis-
steigerungen entgegen (siehe Kapitel VIIN. Ohne dies
hätten die Geldvermehrung, die Lohnsteigerungen und
der seit 1927 wieder gestiegene Zinsfuß noch mehr preis-
steigernd gewirkt. Jedenfalls wurden die Kostenverbilli-
gungen durch die Geldvermehrung wieder illusorisch ge-
macht und die in Deufschland erforderliche Preis-
senkung hintangehalten. Neben den Lohnforderungen
ist zu einem großen Teil auch dem ausländischen Kapi-
talzufluß der ganz unhaltbare, der wirtschaftlichen Lage
Deutschlands nicht entsprechende Zustand zuzu-
schreiben, daß Deutschland trotz seiner Verarmung
einen sehr viel höheren Preisindex hat als Frankreich,
Was wir gebrauchen, ist, wie gesagt, mehr umlaufen-
des Kapital, Kapital in der Geldform, das durch die
Inflation vernichtet wurde. An der so verkürzten Kapi-
taldecke zerren heute soviel Kapitalsuchende, weil die
fortgesetzten Lohnerhöhungen der Arbeiter zu kapital-
intensiverem Betriebe drängen und weil von jeher in
Deutschland das Wirtschaften mit sehr starker Kredit-
inanspruchnahme verbreitet war. Das treibt den Zins-
fuß in die Höhe, was aber doch nicht die Wirkung ge-
habt hat, die Kapitaldecke zu vergrößern. Durch aus-
ländisches Geldkapital kann dem unter den Verhält-
nissen Deutschlands, wie wir sehen, nicht abgeholfen
werden.
Ebenso ist es nicht möglich, durch eine Erweiterung
des Geldumlaufs die mangelnde Geldkapitalbildung
zu ersetzen. Eine solche wäre ein sehr gefährliches
Mittel, einerlei ob es auf Grund von Auslandskrediten
und dadurch „gedeckter‘“ Banknoten oder durch Geld-
schönfung geschieht.
        <pb n="106" />
        104 7. Kapitel. Die Gefahren des Auslandskapitals.
it
II. Warum hat der Kapitalimport den Zins nicht‘
gesenkt?
Es ist einer der folgenschwersten Irrtümer — und
Wirtschaftstheoretiker und Wirtschaftsführer, die ihn
vertreten, laden damit eine ungeheure Verantwortung
auf sich, an die man sie später einmal erinnern wird —,
daß mangelndes Inlandskapital einfach durch ausländi-
sches ersetzt werden könne. Die Folgen sieht man schon
in den Anschauungen von Prof. Hermberg. Selbst die
Behauptung, daß dadurch der Zinsfuß in Deutschland
gesenkt werde, ist unter den heutigen Verhältnissen
falsch, wie die Erfahrung zeigt. Wir haben in den letzten
fünf Jahren über acht Milliarden Mark langfristiges
Auslandskapital herangezogen, und der Zinsfuß ist
heute höher als jel, Es lohnt sich, in Kürze die Gründe
dafür zu erörtern. Dabei wirken natürlich die schon er-
wähnten inländischen Ursachen ebenfalls mit, also die
Lohnsteigerungen, die einen so großen Teil der Kapital-
erfräge absorbieren, die dadurch verstärkte Rationali-
sierungstendenz, die die Kapitalnachfrage übermäßig
steigert, die großen öffentlichen Aussaben und die Ab-
gaben dafür. Die speziellen Gründe, die erklären, daß
auch der Kapitalimport nicht im geringsten zinsverbilli-
gende Wirkung gehabt haf, hängen alle damit zusammen,
daß die Auslandskapitalien in Mark umgewandelt
werden müssen,

1. Auch wenn die hereinkommenden Devisen der
Reichsbank nicht für Import- oder Reparationszwecke
entzogen werden, wirken sie doch nicht zinsverbilligend,
weil die Umwandlung in Mark die Bank zu einer Hoch-
1 Die Ausführungen wurden, wie eingangs erwähnt, Ende
1929 geschrieben. Die jetzt, nach Annahme des Young-Plans,
erfolgte Diskontsenkung, die auf den langfristigen Kredit
übrigens noch kaum eingewirkt hat, dürfte auch nur vorüber-
gehend sein. Am wichtigsten ist aber, daß der langfristige,
landesübliche Zinsfuß gesenkt wird.
        <pb n="107" />
        IN, Warum hat der Kapitalimport den Zins nicht gesenkt? 105
haltung oder gar Erhöhung des Diskonts zwingt. Oder
umgekehrt ausgedrückt: würde der Diskont nicht hoch-
gehalten, so würden der Bank zu Import oder Re-
parationszwecken noch mehr Devisen entzogen werden.
Der hohe Zinsfuß sleicht also gerade nur den Devisen-
entzug für solche Zwecke aus. Solange die Reparafions-
lasten bleiben, wird daher wohl auch der hohe Zinsfuß
bleiben und jedenfalls durch ausländische Kapitalzu-
fuhr kaum herabgedrückt werden.

2, Wenn aber die Reichsbank diese hereinkommenden
Devisen nicht zu Import- oder Reparationszwecken ab-
geben muß, sondern behält, so hat das nur die Wirkung,
auf die schon Dr. Schacht aufmerksam machte (a, a. O.
S, 13), daß sie statt dessen weniger inländische Wechsel
diskontieren wird, also dem Inland den kurzfristigen
Kredit erschwert, und sich . durch Wechselkredit-
restriktion zur Aufnahme dieses Geldes Luft macht. Den
Widersinn einer solchen Operation wird selbst der Laie
verstehen, sagt Schacht mit Recht, und es ist unbegreif-
lich, daß die in mechanischen Vorstellungen befangenen
Theoretiker das nicht anerkennen wollen. Die hier auf-
gezeigten Beziehungen zwischen langfristigem Auslands-
und kurzfristigem Inlandskredit, die durch Benutzung
des Wechsels als Übertragungsmittel und die Not-
wendigkeit der Umwandlung in Mark sich ergeben, sind
für das Inland sehr ungünstig. Hier liegt einer der
Hauptgründe, die bewirken, daß für die große Masse
der kleineren und mittleren Industrie, die sich keine
Auslandskredite beschaffen kann, der Zinsfuß sowohl
für stehendes wie für umlaufendes Kapital so hoch ist.
Dieser allgemeine hohe Zinssatz wirkt aber dann wieder
auf die Zinsforderungen des Auslandes zurück. Von
diesem doch sehr naheliegenden Zusammenhang scheint
man bisher nichts gewußt zu haben. Es ergibt sich aber,
wie wichtig es ist, zu untersuchen, ob etwa andere
Formen der Kapitalübertragung, wie Auszahlungen,
Schecks und dersleichen, jene Mängel in geringerem Um-
        <pb n="108" />
        106 7. Kapitel. Die Gefahren des Auslandskapitals.
fange haben und dann eventuell von seiten der Reichs-
bankleitung auf die Benutzung der geeignetsten Über-
tragungsform hinzuwirken ist. Die allgemeinen Gefahren
des Kapitalimports unter den Verhältnissen Deutsch-
lands werden aber dadurch nicht berührt.

3. Der dritte Grund dafür, daß der Kapitalimport
nicht im mindesten zu einer Herabsetzung des Zinsfußes
geführt hat, ist der, daß ein großer Teil der Auslands-
anleihen überhaupt nicht zu den wirklich rentabelsten
Zwecken verwendet wird, sondern von den öffentlichen
Körperschaften für den Wohnungsbau und allerlei
sonstige Bedürfnisse, deren Notwendigkeit und Ren-
tabilität zweifelhaft ist. Dadurch wurde die Nachfrage
nach Auslandskapital übermäßig erhöht, und da es
natürlich auch begrenzt ist, der Preis für Deutschland
gesteigert (und es bleiben nur noch Kreditnachfragen
übrig, die auf Grund der in ihren Betrieben zu erwar-
tenden Erträge so hohe Zinsen bezahlen zu können
glauben).

Auf der inländischen Kapitalanlageseite kommen
natürlich auch alle die Gründe in Betracht, die die in-
ländische Kapitalbildung hemmen, als da sind: über-
mäßige Steuern, Zurückdrängung der Selbsthilfe und zu
weit gefriebene öffentliche Fürsorge, Auch die deutsche
Kapitalertragssteuer und auf der anderen Seite das oft
starke Disagio und die meist sehr hohen Spesen und
Provisionen sind in Betracht zu ziehen. Von der Dawes-
anleihe an, die mit Disagio und Provisionen zirka 8,5%
Zinsen kostet, bis heute ist man zumeist sehr generös
mit den Zinsversprechungen gewesen, zumal wenn man
berücksichtigt, daß bisher doch nur die größten und
sichersten Schuldner Auslandskredite ‚erhielten.
Schwächere Schuldner haben bei gleicher (dinglicher)
Sicherheit im Inland noch mehr zu bezahlen.

Kommen wir noch einmal auf den Umstand zurück,
daß ein großer Teil der Devisen, durch die die Kapital-
einfuhr meist erfolst, uns durch Reparationen wieder
        <pb n="109" />
        I. Warum hat der Kapitalimport den Zins nicht gesenkt? 107
entzogen wird. Man könnte meinen, daß damit auch die
preissteigernde Wirkung des Kapitalzuflusses wieder
aufgehoben werde. Das ist aber nicht durchaus der Fall.
Es wird nur die Deckungsquote der Mark verschlechtert.
Aber solange diese über der gesetzlichen Grenze bleibt,
kommt es für die Kaufkraft der Mark auf eine größere
oder geringere Quote nicht an — vom „Deckungswahn“,
einem zuerst von mir gebrauchten Ausdruck, sprechen
jetzt auch Leute, die früher von meiner Geldlehre nichts
wissen wollten. Die Umwandlung in Mark ist aber doch
erfolgt, wenn auch durch die Reparationsleistungen ihre
Grenzen enger sein werden, und der Devisenentzug für
Reparationszwecke hat nur die Wirkung, den Import
zu erschweren, die Notwendigkeit kurzfristiger Kre-
ditaufnahmen im Auslande zu steigern und im Zusam-
menhange damit den Diskont zu erhöhen. Das einzige,
was man einwenden kann, ist, daß große Reparations-
leistungen wie überhaupt große Forderungen des Aus-
landes an Deutschland. auch im Ausland zu einer
Geldvermehrung führen und daher auch dort preis-
steigernd wirken können. Aber bei dem Hauptgläubiger
Frankreich ist das bisher nicht eingetreten,

Allerdings haben die Reparationsleistungen wohl die
Wirkung, die inländischen Preise nicht so hoch zu stei-
gern wie es ohne sie durch den ausländischen Kapital-
zufluß geschehen wäre. Warum dieser trotzdem nicht im
geringsten zinsverbilligend gewirkt hat, haben wir ge-
sehen. Und erst recht ist es ein weiter Weg, bis die
Reparationsleistungen preissenkend wirken, wie zum
Teil dieselben Theoretiker behauptet haben. Und doch
werden wir zu einem Preisabbau kommen müssen, nicht
nur, wenn weiterhin Reparationen bezahlt werden, son-
dern auch wenn die aufgenommenen AÄuslandskredite
zurückbezahlt werden sollen. Darauf soll im folgenden
Abschnitt noch eingegangen werden,
        <pb n="110" />
        [08 8. Kapitel. Kriegstribute und Kapitalrücszahlungen.
8. Kapitel.
Kriegstribute und Kapitalrückzahlungen,
L Der Youngplan und die Mobilisierung.

Die Reparationsleistungen haben den Kapitalmangel
und hohen Zinsfuß in Deutschland verstärken helfen.
Man hat die bisherigen Leistungen Deutschlands auf
68 Milliarden Reichsmark geschätzt und die weiteren
Leistungen auf Grund des Youngplans mit 116 Mil-
liarden Reichsmark berechnet!. Wie dem auch sein mag,
sicher ist, daß die effektiven Zahlungen nach dem
Dawesplan von zirka 8 Milliarden Reichsmark (natür-
lich einschließlich der Sachlieferungen, die ja auch vom
Reich bezahlt wurden) die Kapitalbildung außerordent-
lich gehemmt haben. Es ist allerdings fraglich, ob unter
den heutigen Verhältnissen Deutschlands, angesichts der
Macht der Gewerkvereine und der Neigung der Schlich-
fungsorgane zu „politischen“ Löhnen, die Aufwendungen
für Reparationszwecke wirklich preissenkend wirken
werden, Bisher ist es nicht der Fall gewesen, weil die
Reparationszahlungen seit 1924 ja durch den Zustrom
ausländischen Kapitals übertroffen wurden. Aber man
kann behaupten, daß ein Preisdruck durch die Repara-
tionsverpflichtungen nur bei einer Verminderung der
Löhne eintreten wird, Die mechanische Auffassung der
klassischen Schule: es brauche durch die Kriegstribute
der deutschen Volkswirtschaft nur Kaufkraft entzogen zu
werden, so würden die Preise fallen und infolge da-
durch gesteigerten Exports würden die Devisen zu ihrer
Transferierung immer zur Verfügung stehen, habe ich,
wie die materialistisch-mechanische Wirtschaftsauf-
fassung, auf der sie beruht, immer bekämpft?, Die wirt-
schaftlichen Zusammenhänge sind nicht zu verstehen
1 Vergleiche J. W. Reichert: „Young-Plan, Finanzen und
Wirtschaft.“ Berlin 1930.
? Siehe Kastl u. Liefmann, „Das Transferproblem“.
        <pb n="111" />
        I Der Youngplan und die Mobilisierung. 109

durch exakte zahlenmäßige Erfassung von Geldsummen
und Gütermengen, sondern nur durch Zurückgehen auf
die Zwecke und Erwägungen der Menschen,

Wenn die Steigerung der Reparationslasten keinen
Rückgang der Löhne zur Folge hat, wirken sie in der
Hauptsache preissteigernd, sofern sie nämlich durch
abwälzbare Steuern aufgebracht werden (indirekte
Steuern, Ertragssteuern, Tarife). Sie werden dann als
Kosten der Produktion betrachtet!. Jedenfalls aber
hemmen sie die Kapitalbildung, Durch die Zufuhr von
Auslandskapital konnte dem, wie wir sahen, nicht ab-
geholfen werden, und das wird in Zukunft noch weniger
möglich. sein.
Die Unfähigkeit Deutschlands, größere Zahlungen an
die Alliierten zu leisten, wenn nicht ein Ausfuhrüber-
schuß erzielt wird, ist aber durch die Zufuhr von Aus-
landskapital verdeckt worden. Unter dem Dawesplan,
als die Transferierung Sache der Reparationskom-
mission war, hätte das besser demonstriert werden
können als jetzt, wo Deutschland selbst dafür zu sorgen
hat. Hätte man damals den Kapitalzufluß gehemmt, so
wäre es deuflich geworden, wie relativ bescheidene
Summen Deutschland wirklich seinen Gläubigern zu
übertragen in der Lage ist. So aber sucht man in Frank-
reich immer noch ganz übertriebene Vorstellungen über
die Leistungsfähigkeit Deutschlands zur Zahlung von
Kriegstributen aufrechtzuerhalten und hat sie von
deutscher Seite nicht zu entkräften vermocht, Dies viel-
leicht nicht so sehr, weil die wirkliche Leistungsfähigkeit
bzw. -unfähigkeit durch die Auslandskredite verdeckt
wurde, als weil man in Deutschland immer noch nicht
versteht, mit geistigen Waffen zu kämpfen, und nicht
weiß, daß, wenn man bei Verhandlungen etwas er-

LEBE RT,

ı Über die Frage, inwieweit Steuern einen Preisdruck
herbeizuführen vermögen, vergleiche ‚Das Transferproblem“,
S. 48.
        <pb n="112" />
        110 8. Kapitel, Kriegstribute und Kapitalrückzahlungen.
reichen will, schon lange vorher die öffentliche Mei-
nung entsprechend vorbereitet werden muß. —

Für die Zukunft haben die langfristigen ausländischen
Kapitalanlagen die Leistungsfähigkeit Deutschlands zu
Zahlungen an die Alliierten naturgemäß nicht erhöht.
Denn mindestens alle privaten Verpflichtungen gehen
nafürlich den Reparationsleistungen vor, das heißt
müssen ohne jede Rücksicht auf die deutsche Währung
erfüllt werden. Unter diesen Umständen ist es auch von
großem wissenschaftlichen Interesse, die Frage zu er-
örtern, in welchem Umfange wohl eine Mobilisierung
der deutschen Verpflichtungen aus dem Youngplan mögs-
lich ist, auf die Frankreich so großen Wert legt.

Die erheblichen Kreditaufnahmen Deutschlands in
den letzten Jahren haben auch die Aufnahmewilligkeit
des Auslands für weitere deutsche Anleihen ver-
mindert, und nach unwidersprochenen Zeitungsmel-
dungen scheint deshalb die Reichsregierung schon bei
den Pariser Verhandlungen von 1929 der französischen
geheime Versprechungen gegeben zu haben, bis zur Mo-
bilisierung der französischen Forderungen nach dem
Youngplan die weiteren Kreditaufnahmen im Ausland
einschränken zu wollen.

Ich glaube aber, man darf die Möglichkeit der Mo-
bilisierung oder Privatisierung von _Reparations-
leistungen nicht sehr hoch veranschlagen, Ich habe schon
früher die Meinung ausgesprochen, daß hier ein Maß-
stab für die wirkliche deutsche Leistungsfähigs-
keif zu solchen gegeben sei. Deutschland wird die Ver-
zinsung und hoffentlich auch die Rückzahlung — das ist
aber natürlich viel schwieriger vorauszusagen — der-
jenigen Summen leisten können, die mobilisiert,
das heißt in Form langfristiger Anleihen an das
Publikum gebracht werden können. Denn das
internationale Finanzkapital hat ein sehr viel feineres
Gefühl für die finanzielle Leistungsfähigkeit Deutsch-

lands als die Politiker und die politisch beeinflußten
        <pb n="113" />
        I. Der Youngplan und die Mobilisierung. 111

Sachverständigen, die aus politischen Gründen noch ver-
handeln, wo die wirtschaftliche Vernunft sagen müßte:
Die Übernahme solcher Leistungen ist ausgeschlossen,
Diesen Gedanken hätten die deutschen Sachversfän-
digen bei den Pariser Verhandlungen zugrunde legen
sollen, statt sich einfach wieder beliebige Zahlen dik-
tieren zu lassen. In dem Umfang solcher Mobili-
sierungen hätte Deufschland wohl auch die Kriegs-
schulden der Alliierten an Amerika übernehmen
können. Das aber ohne wirtschaftliche Gegenleistungen
zu tun, ist nur aus politischen Gründen verständlich.

Weshalb die Franzosen auf die Mobilisierung der Re-
parationsleistungen so großen Wert legen, ist übrigens
auch nur politisch verständlich. Sie fürchten wegen der
Unerfüllbarkeit der Leistungen doch schließlich
schlechter wegzukommen, wenn die Schuld eine politi-
sche bleibt. Aber ins Inland transferiert, müßten die
deutschen Zahlungen ebenso wirken wie die französische
Kriegsentschädigung von 1871 in Deutschland, Sie
würden eine künstliche Hochkonjunktur schaffen, die
wahrscheinlich noch mehr als seinerzeit in Deutsch-
land eine börsenmäßige Überspekulation ‚bedeuten
würde. Für den Abbau der großen französischen schwe-
benden Schulden kommt eine Mobilisierung der deut-
schen Zahlungen nur wenig in Betracht, und so bleibt
als Hauptzweck wohl die Ersetzung der französischen
Verpflichtungen an Amerika durch deutsche.

Es ist aber meines Erachtens ganz ausgeschlossen,
daß das internationale Kapitalistenpublikum auf einmal
einen größeren Betrag von Milliarden deutscher Re-
parationsfonds übernimmt, und erst recht, daß solche
Finanzoperation mehrfach wiederholt werden könnte.
Es wäre wohl zweckmäßig und vorsichtig gewesen, in
dem Haager Vertrag eine Bestimmung aufzunehmen,
daß jede weitere Mobilisierung von Annuitäten zu
unterbleiben hat, solange eine der früheren Emissionen
unter den Emissionskurs gesunken isf,
        <pb n="114" />
        112 8. Kapitel. Kriegstribute und Kapitalrückzahlungen.
Nach den neuesten Meldungen sollen die im Laufe
des Jahres 1930 zu mobilisierenden Zahlungen 300 Mil-
lionen Dollar = 1,200 Milliarden Mark von 1708 Mil-
lionen für das Etatjahr 1930—31 überhaupt betragen,
wovon aber 400 Millionen Mark an das Reich für
Zwecke der Reichsbahn und Reichspost fließen!. Es
würde also nicht ganz die Hälfte der Annuität des lau-
fenden Jahres für Reparationsleistungen mobilisiert
werden.
Ich kann mir nun nicht denken, daß jemand glauben
kann, es könnten in den folgenden Jahren größere
Summen mobilisiert werden. Über die Leistungsfähig-
keit Deutschlands Ende der 30er und in den 40er
Jahren, wenn die Reparationsverpflichtungen noch
steigen, ein Urteil abzugeben, ist unmöglich. Man über-
schätzt meines Erachtens die Bedeutung der Mobili-
sierungsfrage ganz ebenso, wie man seinerzeit beim
Dawesplan die Bedeutung des Wohlstandsindex über-
schätzte, an den sich unendlich viele Erörterungen
knüpften, trotzdem klar war, daß er niemals praktisch
werden würde, weil schon vorher der Dawesplan an dem
Übermaß der Forderungen scheitern mußte.

Ganz dasselbe wird aber auch mit dem Youngplan
der Fall sein. Unter den wirklich wirtschafflichen Sach-
verständigen, die nicht zugleich Politiker sind, sondern
nur die Sprache der wirtschaftlichen Vernunft sprechen
lassen, glaubt kein Mensch, daß diese Verpflichtungen
erfüllt werden können, Es braucht dazu gar keine tiefe
Einsicht in die wirtschaftlichen Zusammenhänge. Ein
Zinsfuß von 10% trotz des Zustroms von Milliarden
ausländischen Kapitals und ein Arbeitslosenheer von
mehr als 2 Millionen, für das ungeheure soziale Aufwen-

1 Daß die Reichspost trotz höherer Tarife als in den
meisten anderen Staaten Änleihebedarf hat, dürfte auch nur
ein Zeichen schlechter Verwaltung sein und sollte unter allen
Umständen vermieden werden,
        <pb n="115" />
        {i. Der Youngplan und die Mobilisierung.

113

dungen nötig sind, sprechen allein schon eine beredte
Sprache. Vergegenwärtigt man sich ferner den Einfluß
der Arbeiterschaft, die mindestens an ihren bisherigen
Löhnen festhalten will, und andererseits die Hinder-
nisse, die überall dem deutschen Export entgegen-
gesetzt werden, so ist klar, daß die deutsche Leistungs-
fähigkeit für Zahlung weiterer Kriegstribute auf lange
Zeit hinaus nur sehr beschränkt sein kann, und daß die
Verpflichtungen aus dem Youngplan nur die Folgen
eines politischen Kompromisses, wirtschaftlich aber
nicht durchführbar und daher keine Endlösung sind. Ob
unter diesen Verhältnissen die deutsche Währung auf-
rechterhalten werden kann, wird, abgesehen von der
vernünftigen Wirtschaft der öffentlichen Körperschaften,
die kurzfristige Schuldaufnahme nach Möglichkeit ver-
meiden müssen, stark von dem Verständnis der ver-
schiedenen Notenbankleiter und ihrem Zusammen-
arbeiten mit der neuen ‚Bank für internationale Zah-
lungen abhängen. Diese wird wohl kaum mit ihren Trans-
aktionen mehr Kriegstribute aus Deutschland heraus-
holen können, aber sie wird in der ganzen Welt das
Verständnis dafür fördern, daß diese Kriegstribute
keine bloße politische Angelegenheit zwischen Deutsch-
land und seinen ehemaligen Gegnern sind, sondern daß
sie die ganze Weltwirtschaft auf das engste berühren.

Wenn dann Deutschland nach Befreiung des Rhein-
lands und des Saargebiets es noch lernen wird, eine
geistige Offensive gegen das Diktat von Versailles und
die Grundlagen, auf denen es beruht, zu eröffnen — ich
bleibe freilich in dieser Hinsicht sehr skeptisch —, dann
könnte vielleicht in einigen Jahren an eine wirkliche
Liquidierung des Weltkrieges gedacht werden, die die
interalliierten Schulden ebenso beseitigt wie die
deutschen. Denn daß diese Schulden nur politisches
Druckmittel sind und den Gläubigern, insbesondere
dem Hauptgläubiger Amerika, nichts nützen, diese Er-
kenntnis wird der Allgemeinheit immer mehr durch die
Schultze, Welwirtschaftliche Vorträge. Heft 8, &gt;
        <pb n="116" />
        114 8. Kapitel. Kriegstribute und Kapitalrückzahlungen.

Tatsachen eingehämmert werden!l, Aber leider wird
schon, bevor das den Gläubigerländern klar wird, die
einseitige Belastung im Schuldnerlande Deutschland zu
höchst ungünstigen, ja gefährlichen wirtschaftlichen Zu-
ständen führen, und es ist sehr fraglich, ob das im
Youngplan und im Haager Vertrag vorgesehene Mora-
torium für Deutschland imstande sein wird, diese Ge-
fahren und Schädigungen zu verhindern. Diese Gefahren
werden dann eintreten, wenn zu den Reparationsver-
pflichtungen noch die Rückzahlungen der geliehenen
Kapitalien kommen und beide nicht mehr durch neuen
Kapitalimport gedeckt werden. Es leuchtet ein, daß
diese Gefahren um so größer werden, je weiter dieser
Zeitpunkt, der einmal eintreten muß, hinausgeschoben
wird, je höher man also die Verschuldung an das Aus-
land sich steigern läßt. Von diesem Problem der Rück-
zahlungen soll im folgenden noch die Rede sein.
IL. Die Rückzahlungen.

Die Verzinsung der deutschen Auslandsschuld von
zirka 18 Milliarden Mark Ende 1929, zu 8% ange-
nommen, was unter Berücksichtigung des Disagios und
der Provisionen nicht zu hoch ist, wird 1400 Millionen
Mark jährlich betragen. Das Tilgungserfordernis etwa
300 Millionen Mark. Nehmen wir an, daß letztere durch
die Zinsen deutschen Kapitals im Auslande (zirka
320 Millionen Mark nach „Wirtschaft und Statistik“
1928) etwa kompensiert werden. Dazu treten nun die
Verpflichtungen nach dem Youngplan mit 1708 Mil-
lionen Mark für 1930—1931, davon 750 Millionen Mark
für Sachleistungen, während der Rest, wie schon oben
erwähnt, mobilisiert werden soll. So bleiben noch zirka
1400 Millionen Mark jährlich zu bezahlen. In den fol-
„Die störende Wirkung der Reparationen für die Emp-
fangsländer“ wird auch eingehend geschildert von W. Mahl-
bers, a. a. O. S. 69.

1
        <pb n="117" />
        IL Die Rückzahlungen.

115

genden Jahren nehmen die Sachlieferungen bekanntflich
allmählich ab: von 1940—1941 ab sind nur Bar-
zahlungen von etwa über 2 Milliarden Mark in noch
langsam steigender Höhe vorgesehen!. Die Summen für
Verzinsung und Rückzahlung der . privaten Kredite
dürften in den nächsten Jahren kaum geringer sein als
die Verpflichtungen aus dem Youngplan. Dabei ist an-
genommen, daß die kurzfristigen Schulden immer er-
neuert oder durch langfristige ersetzt werden. Je mehr
nicht nur getilgt, sondern wirklich auf einmal oder in
Raten zurückgezahlt werden muß, um so mehr häufen
sich natürlich die Verpflichtungen.

Jedenfalls treten alle diese Summen zu den Tribut-
leistungen hinzu und bedeuten, daß Deutschland jähr-
lich allermindestens 3 Milliarden Mark an das Ausland
abzugeben hat. Der Hinweis, daß das nur etwa 50% des
deutschen Volkseinkommens sind, kann über die großen
Gefahren, die damit für die deutsche Volkswirtschaft,
die schon so große Leistungen hinter sich hat, und unter
Umständen für die Währung verbunden sind, nicht hin-
weshelfen.
Es wird von den Verteidigern langfristiger Auslands-
kredite (Weber, Eucken u. a.) gern eingewendet, daß
doch die Rückzahlungstermine lange vorher feststünden
und dafür Vorsorge getroffen werden könne. Gewiß, die
Schuldner kennen die Termine, aber nicht die Verhält-
nisse, wie sie dann am ausländischen Geldmarkt
herrschen werden. Der einzelne Schuldner kann, wenn
er nicht gerade stark exportiert, die Rückzahlungs-
summen selbstverständlich nur in Mark als Bankgut-
haben ansammeln. Die Umwandlung ist dann Sache der
Banken, und sie ist von den Verhältnissen des Geld-
markts innerhalb einer ganz kurzen Zeit abhängig, Das
gilt erst recht, wenn sich die Rückzahlungen häufen.
Dadurch wird die deutsche Volkswirtschaft völlig von
1 Dazu W. Reichert. a, a. 0.5. 35 &amp;
        <pb n="118" />
        116 8. Kapitel. Kriegstribute und Kapitalrückzahlungen.

der Wirtschaftslage des Auslandes, besonders von dem
Geldmarkt der USA., abhängig, was bei dem immer
noch so stark spekulativen Charakter dieses Marktes
für Deutschland sehr gefährlich werden kann.

Damit sind wir zu der Frage gelangt, wie sich die
schließliche Rückzahlung der Auslandskredite voll-
ziehen wird. Ich fürchte, daß hier der deutschen Volks-
wirtschaft sehr schwere Zeiten bevorstehen, auf die
nachdrücklich hinzuweisen heute schon sehr dringend
ist. Sie werden eintreten, sobald die Rückzahlungsver-
pflichtungen nicht mehr durch den Zufluß von Auslands-
kapital übertroffen werden. Daß dieser Zeitpunkt mit
mathematischer Notwendigkeit eintreten muß, ist klar,
daß er in nicht ‚sehr ferner Zeit eintreten wird, wahr-
scheinlich. Auch der Verkauf von deutscher Vermögens-
substanz wird nur vorübergehend helfen können. Daß
bisher eine große Auslandsverschuldung fast nie zurück-
gezahlt, sondern immer in der einen oder andern Weise
prolongiert wurde, ist in der Lage Deutschlands ein sehr
schwacher Trost,

Man muß immer berücksichtigen, daß in Deutschland
die Kapitalrückzahlungen mit den Reparationszahlungen
zusammentfreffen. Es ist bekannt, daß nur die Kapital-
einfuhr es ermöglichte, die Reparationen zu zahlen.
Würde jene unterbunden, würde es mit diesen bald
vorbei sein. Es ist kein Zweifel, daß es mit dem Dawes-
plan leichter möglich gewesen wäre als mit dem Youns-
plan, die Zahlungsunfähiskeit Deutschlands für Re-
parationen zu demonstrieren, was aber wohl noch nicht
genügt, die politischen Vorteile des letzteren außer
acht zu lassen. Ich will nun nicht untersuchen, ob es nicht
doch in absehbarer Zeit nützlich wäre, auch den Young-
plan durch eine Einschränkung des Kapitalimports zum
scheitern zu bringen. Nur das sei hier gesagt: Der Tag
kommt mit Sicherheit, wo die Quellen ausländischer
Kapitalzufuhr nicht mehr fließen oder so spärlich
fließen, daß sie durch die Zins- und Rückzahlungsen
        <pb n="119" />
        IL Die Rückzahlungen.

117

übertroffen werden und also das Inland nicht mehr be-
wässern. Dann müssen die allerschärfsten Maßregeln er-
griffen werden: stärkste Zurückschraubung der öffent-
lichen Ausgaben, möglichste Drosselung der Warenein-
fuhr, Einstellung der Reparationszahlungen. Ob der
nicht geschützte Teil derselben weiter bezahlt werden
kann, wird allein von dem Überschuß der Ausfuhr über
die Einfuhr abhängen. Das wiederum hängt im wesent-
lichen von der Preisgestaltung in Deutschland ab, einer
Preissenkung, die den Export ‚erzwingt. Daß es der
deutschen Regierung selbst bei allem „guten Willen“
gelingen werde, sie herbeizuführen, ist angesichts der
innerpolitischen Verhältnisse und der Ansprüche der
Arbeiterschaft, die an sich auch gewiß nicht unberechtigt
sind, ebenso zweifelhaft, wie es unwahrscheinlich ist,
daß der Preisdruck von selbst durch die Kaufkraft-
entziehung sich einstellen wird. Die Anschauungen der
Vertreter der mechanisch-naturwissenschaftlichen klas-
sischen Nationalökonomie werden sich auch hier als
falsch erweisen, weil die Wirtschaffslehre eben keine
„Güterlehre“ ist, vielmehr von den Menschen und ihren
Zwecken nicht abstrahieren kann. ;

Die deufsche Volkswirtschaft befindet sich heufe mit
ihren Tributverpflichtungen einerseits, ihrer Inanspruch-
nahme von Auslandskapital andererseits in ganz ähn-
licher Lage wie jene Schwindelbanken, deren Gläubiger
so lange hohe Zinsen bekommen, als immer neue Gläu-
biger ihnen weiteres Kapital zuführen. Oder, um ein
weniger krasses Beispiel zu gebrauchen, in der Lage der
heute so viel gepriesenen Bausparkasse der Gesellschaft
der Freunde zu Wüstenrot, die ihren Mitgliedern Bau-
darlehen bis zu 83% der Bausumme zu 4% Zins und
20% AÄmortisation gibt. Sie kann das auch nur so lange
durchführen, als ihr immer neue Teilnehmer mit Ein-
zahlungen zuströmen. Wenn aber einmal der Zustrom
plötzlich aufhören sollte, sind die letzten Gläubiger ge-
fährdet. Selbst wenn alle Schuldner pünktlich bezahlen
        <pb n="120" />
        118 8. Kapitel. Kriegstribute und Kapitalrückzahlungen:
sollten, ist es sehr fraglich, ob Geld da sein wird, die
letzten Beleihungen zu Ende zu führen.

Die deutsche Volkswirtschaft wird sich zwischen
diesen beiden Fällen etwa in der Mitte befinden. Ein-
mal wird auch für sie der Zeitpunkt kommen, wo die
Summe der Rückzahlungsverpflichtungen die des neu
hereinkommenden Kapitals übertrifft und auch eine Dis-
konterhöhung nicht mehr imstande sein wird, die Diffe-
renz auszugleichen. Was tritt dann ein? Im. günstigsten
Falle ist es möglich, daß für einige Zeit noch ein Aus-
gleich durch den Verkauf von Beteiligungen herbei-
geführt werden kann, die den Vorteil haben, eben nur
ein Änrecht auf Markerträge darzustellen. Äber es ist
klar, daß dieser Verkauf von Beteiligungen oder son-
stiger Substanz, zum Beispiel von Grundstücken nur zu
immer ungünstigeren Bedingungen erfolgen kann, und
daß er sich auch nicht zum Ausgleich von Auslands-
forderungen erzwingen läßt. Einmal muß auch diese
Ausgleichsmöglichkeit ihr Ende finden, und was dann?
Diese Frage sich nicht gestellt zu haben, ist der verhäns-
nisvolle Fehler aller derjenigen, die kurzsichtig die Ka-
pitalbeschaffung aus dem Auslande empfehlen, weil das
Inland für augenblickliche Bedürfnisse nicht genügend
Kapital bildet. Das Problem eines Endes des ausländi-
schen Kapitalimports darf heute nicht außer acht ge-
lassen werden, Die Möglichkeit schwerster Schädigungen
ist allein schon dann gegeben, wenn der Zeitpunkt, an
dem große Rückzahlungen fällig sind, unglücklicher-
weise mit einer amerikanischen Wirtschafts- oder Bör-
senkrisis zusammenfällt und dann die Kapitalzufuhr
stockt.
Es ist denkbar, daß es durch Diskonterhöhung und
Verkauf von Substanz trotzdem gelingt, den Zahlunsgs-
ausgleich herbeizuführen, ohne daß die Währung ge-
schädigt wird. Aber mit Sicherheit kann das niemand
behaupten. Wenn das nicht möglich ist, wird der Ex-
port durch Sinken der Währung erzwunsen werden und
        <pb n="121" />
        IL. Die Rücszahlungen.

119

so der Ausgleich sich durchsetzen. Äber mit welchen
Folgen würde das für die deutsche Wirtschaft ver-
bunden sein? Mit unendlich viel schwereren, als wenn
heute durch Beschränkung der Ausgaben der öffentlichen
Körperschaften und durch Verhinderung immer weiterer
Lohnsteigerungen die inländische Kapitalbildung geför-
dert und der Beschaffung von Auslandskapital eine
Schranke gesetzt wird.

Es ist entschieden zurückzuweisen, wenn von der So-
zialdemokratie und dem Allgemeinen Deutschen Gewerk-
schaftsbund der Rücktritt Dr. Schachts gefordert wurde,
weil er den öffentlichen Körperschaften die Beschaffung
von Auslandskrediten für den Wohnungsbau verhindert
habe. Wie wir oben zeigten, ist die Wohnungsbeschaf-
fung im wesenflichen heute Konsum, die Rentabilität
so gering, daß die Zinsen und Rückzahlungen ganz über-
wiegend durch Steuern aufgebracht werden müssen.
Die Kapitalbeschaffung dafür aus dem Auslande kann
wohl vorübergehend die Bautätigkeit und damit das
ganze Wirtschaftsleben anregen und hat es 1926 und
1927 bereits getan. Äber jetzt, wo die Zinsen und da-
mit die Steuern sich häufen, hat das zu dem unvermeid-
lichen Rückschlag geführt, und es ist töricht, ihn durch
immer fortgesetzte Kapitalinjektionen überwinden zu
wollen. Die spätere Krisis würde nur um so schärfer
sein. Es ist dringend erforderlich, daß alle verantwort-
lichen Instanzen sich der großen Gefahren einer weite-
ren Auslandsverschuldung, namentlich seitens der öffent-
lichen Körperschaften bewußt werden. Durch Auslands-
kapital können die inneren wirfschafflichen Schwierig-
keiten bestenfalls verschoben, aber nicht beseitigt, viel-
mehr schließlich nur verschärft werden.

Es muß rechtzeitig dafür Vorsorge getroffen und mit
allen Mitteln verhindert werden, daß durch die Aus-
landsverpflichtungen nicht auch noch unsere Währung
erschüttert wird. Je sorgloser aber man jezt darauflos
borst, um so schwieriger wird das sein, um so stärkere
        <pb n="122" />
        120 8. Kapitel. Kriegstribute und Kapitalrückzahlungen.
Anstrengungen werden nötig sein, die Währung einiger-
maßen aufrechtzuerhalten. Es wird das nur dadurch
möglich sein, daß durch rigorose Herabsetzung aller
Preise und Löhne der Export erzwungen wird, der zum
Zahlungsausgleich nötig ist. Dann wird das, was die Än-
hänger der mechanischen klassischen Wirtschaftstheorie
fälschlich von selbst von den Reparationen erwarteten,
der Preisdruck, unter dem Zwang der Verhältnisse
plötzlich mit allen Schädigungen einer plötzlichen De-
flation herbeigeführt werden müssen.

Aber es ist nicht im mindesten sicher, ob bei der
innen- und außenpolitischen Lage Deutschlands dann
die Währung aufrechterhalten werden kann. Jedenfalls:
wenn an diesem Zeitpunkte des Überwiegens der Rück-
zahlungen der Auslandskapitalien die Etats der öffent-
lichen Körperschaften nicht vollkommen sicher ausge-
glichen, sondern etwa solche finanziellen Mißstände zu
verzeichnen sind, wie im Sommer dieses Jahres im
Reichshaushalte, dann ist die Gefahr einer Schädigung
unserer Wirtschaft im höchsten Maße gegeben. Denn
solche Zustände sind regelmäßig der erste Anlaß zu
einer inflationistischen Geldvermehruns. Deshalb ist
eine absolut stabile Finanzverwaltung bei allen öffent-
lichen Körperschaften, sorgfältigste Aufstellung aller
Voranschläge, möglichste Einschränkung der Verwal-
fungsschulden und Vermeidung aller nicht absolut not-
wendigen Ausgaben nicht nur die Voraussetzung für die
erforderliche Steigerung der inländischen Kapitalbil-
dung, sondern auch die Voraussetzung dafür, daß «ie
heute schon so starke ausländische Verschuldung nicht
in kritischen Zeiten eine Gefahr für die deutsche Wäh-
tung wird.

Es ist denkbar, daß in einem solchen Falle eine Ein-
stellung der Reparationsleistungen bzw. ihres geschütz-
ten Teils, sofern sie überhaupt bis dahin bezahlt werden
konnten, eine Erleichterung gewähren und den Zah-
lungsbilanzausgleich ermöglichen wird, so daß diese Be-
        <pb n="123" />
        Zusammenfassung und Schlußfolgerungen, 121

Jastung unserer Wirtschaft schließlich dadurch noch ihr
Gutes hätte, daß sie als eine Ausgabe, mit der man ge-
rechnet hatte, im kritischen Augenblick aufgehoben und
so erspart werden könne. Äber sich darauf zu verlassen,
wäre sehr leichtsinnig, und alle solche Möglichkeiten
können nicht hindern, daß der weiteren Heranziehung
von Auslandskapital, namentlich seitens der öffentlichen
Körperschaften, die allerschwersten Bedenken entgegen-
stehen. Mit solcher Kurzsichtigkeit und so völligem
Mangel an Vorsorge für die Erfordernisse der Zukunft
wie bisher kann in der deutschen Volkswirtschaft in
allen ihren Teilen und Zweigen nicht mehr weiterge-
wirtschaftet werden. Vor allem muß das Schulden-
machen aufhören, wenn man einen Bankrott vermeiden
will. Mögen sich die verantwortlichen Personen und
insbesondere auch die Wissenschaftler, die bisher die
Kapitaleinfuhr leichtsinnig empfahlen, diese Ausfüh-
rungen reiflich überlesen.
Zusammenfassung und Schlußfolgerungen,

Die Gründe für den hohen Zinsfuß in Deutschland
lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Die Löhne sind zu sehr gestiegen. Eine Steigerung
der Löhne ist unter den heutigen Verhältnissen nur
möglich bei entsprechenden Mehrleistungen der Ar-
beiter und unter der weiteren Voraussetzung, daß die
vergrößerte Produktion ohne erhebliche Preisherab-
setzungen abgesetzt werden kann. Man hat gesagt:
Wenn der Europäer sieht, daß er mehr ausgibt als er
einnimmt, so sagt er sich, ich muß weniger ausgeben.
Der Amerikaner sagt sich in solchem Falle: „Ich muß
mehr verdienen.‘ Sehr schön, das heißt aber doch nichts
anderes als: ich muß mehr arbeiten, und das tut auch
der Amerikaner. Bei uns aber denken alle von den Ge-
werkschaften und von den sozialistischen Lehren 'ab-
hängigen Festbesoldeten nichts anderes als: „Wie kann
ich, ohne mehr zu arbeiten, den Kapitalisten einen
        <pb n="124" />
        122 Zusammenfassung und Schlußfolgerungen.
größeren Teil ihres Einkommens abnehmen?“ Sie
glauben, daß, wenn sie mehr arbeiten, dadurch nur
anderen Arbeitern Arbeitsgelegenheit genommen werde,
während in Wahrheit um so mehr Arbeiter beschäftigt
werden können, je mehr produziert wird. Nur ist dafür
eine genügende Geldkapitalbildung erforderlich.

2. Denn auch wenn die sichere Aussicht besteht, daß
Lohnerhöhungen zu entsprechenden Mehrleistungen
aller Arbeiter führen — das wird selten der Fall sein —,
sind Lohnerhöhungen immer dann volkswirfschafflich
schädlich, wenn durch sie die zur Erweiterung der Pro-
duktion und zum Umsatz der Waren erforderliche Geld-
kapitalbildung verhindert wird. Der hohe, bzw. stei-
gende Zinsfuß ist dann ein Zeichen, daß die Schichten,
die sparen, also Geldkapital bilden, mögen es sein,
welche es wollen, nicht genügende Einkommen erzielt
haben, oder, daß die Kapitaleinkommen zu hoch steuer-
lich belastet sind, kurz, daß der Volkswirtschaft nicht
genügend Kapital zur Verfügung gestellt wird.

3. Neben den Lohnsteigerungen. der nur auf Erhal-
haltung oder Ausdehnung ihres Konsums bedachten und
zum Teil antikapitalistisch eingestellten Bevölkerungs-
gruppen ist der Hauptgrund des hohen Zinsfußes die
große Aufgaben- und Ausgabensteigerung aller öffent-
lichen Körperschaften, die einerseits durch Steuern zu
viel Erträge dem Wirtschaftsleben entziehen und im
wesentflichen konsumtiv verwenden, andererseits durch
Kreditaufnahmen den Geld- und Kapitalmarkt zu stark
in Anspruch nehmen. Bei dem heutigen parlamentari-
schen System werden Ausgaben zu leicht bewilligt, kurz-
fristige Kredite dafür zu stark in Anspruch genommen,
und eine wirkliche Rentabilität, die die heute gefor-
derte hohe Verzinsung der Kredite rechtfertigt, ist da-
bei nur in den seltensten Fällen vorhanden. Ein großer
Teil des öffentlichen Kredits ist heute überwiegend
Konsumkredit, verengt und verteuert den Kapitalmarkt
und steigert damit den Zinsfuß.
        <pb n="125" />
        Zusammenfassung und Schlußfolgerungen. 123

4. Es ist allerdings zuzugeben, daß auch Fehlleitungen
des verfügbaren Geldkapitals bei den privaten Erwerbs-
wirtschaften vorkommen und dazu beitragen, die Ka-
pitalnachfrage und den Zinsfuß zu erhöhen. Man glaubt
oft durch Zuführung neuen Kapitals Unternehmungen
wieder rentabel machen zu können, die sich dann doch
als lebensunfähig erweisen.

5, Dasselbe ist auch möglich durch die Selbstfinanzie-
rung der Unternehmungen, weil diese bei der Verwen-
dung nicht verteilter Gewinne weniger auf Rentabilität
zu sehen brauchen. Die Selbständigkeit großer Unter-
nehmungen kann sie auch veranlassen, auf Kosten der
Aktionäre und daher der Einkommens- und Geldkapi-
talbildung zuviel für Rationalisierungszwecke aufzu-
wenden. Ebenso sind die Aufwendungen für Fusionen,
zur Ausschaltung der Konkurrenz, für Ankauf von
Kartellquoten und dergleichen häufig nicht wirklich ren-
tabel, belasten wenigstens die Gegenwart zu sehr zu-
gunsten einer immerhin unsicheren Zukunft.

6. Die Entfachung einer Börsenspekulation kann wohl
vorübergehend einigen großen Aktiengesellschaften
durch Ausnutzung des künstlich gesteigerten Aktfien-
agios verhältnismäßig billig Kapital beschaffen, aber
auf Kosten aller anderen Kapitalbedürfnisse. Der un-
vermeidliche Rückschlag bringt dann auch kein billigeres
Kapital, wenn die sonstigen Voraussetzungen genügen-
der Kapitalbildung nicht vorhanden sind, die starken
Preisschwankungen steigern vielmehr die von den Ka-
pitalbesitzern verlangte Risikoprämie.

7. Eine Risikoprämie liegt natürlich allen bedungenen
Kapitalerträgen im heutigen Deutschland zugrunde. Das
hängt zusammen mit der Schädigung aller Leihkapital-
besitzer durch die Inflation, mit der starken antikapi-
talistischen Einstellung weiter Bevölkerungskreise und
ihrem Einfluß auf die Regierung, mit der Zunahme der
noch weiter linksstehenden, dem Kommunismus er-
sebenen Elemente und sanz besonders mit der außen-
        <pb n="126" />
        124 a Zusammenfassung und Schlußfolgerungen.
politischen Bedrohung, der das entwaffnete Deutschland
in einem rings von Waffen starrenden Europa immer
noch ausgesetzt ist, und den übertriebenen wirtschaff-
lichen Anforderungen, die die Sieger des Weltkrieges
noch immer an Deutschland stellen zu können glauben.

8. Die mit dem deutschen Kredit verbundene Risiko-
prämie verteuert natürlich auch den Auslandskredit.
Auch sonst hat dieser kaum zur Verbilligung des Zins-
fußes beigetragen. Einmal weil die hereinkommenden
Devisen zum großen Teil wieder für Reparations- und
Importzwecke ins Ausland gelangten. Sofern sie aber
in Mark umgewandelt wurden, führten sie eher zu einem
Zwang für die Reichsbank, den Diskont zu erhöhen und
zu weiteren Preissteigerungen, die den Bedarf an um-
laufendem Kapital steigerten. Im übrigen gilt für Aus-
Jandskredite alles oben Gesaste, auch sie sind keines-
wegs immer den rentabelsten Zwecken zugeflossen.

9. Auch der Verkauf von deutscher Vermögenssub-
stanz, das heißt von Grundstücken und Beteiligung des
Auslandes an deutschen Unternehmungen, hat nicht zur
Verbilligung des Zinsfußes beigetragen, weil sie meist
schon mit ausländischen Guthaben erfolgten oder der
Abdeckung von Auslandskrediten dienten und weil Aus-
landskapital überhaupt nur für verhältnismäßig wenige
große Unternehmungen in Betracht kommt, die mangel-
hafte inländische Kapitalbildung aber nicht beseitigt.

10. Durch Kapitalimport die deutsche Wirtschaft „an-
kurbeln“ zu wollen, ist sehr gefährlich und wird auf die
Dauer nicht zu einer Herabsetzung des Zinsfußes führen,
vielmehr zu wachsenden Schwierigkeiten, wenn die Rück-
zahlungen mit den Reparationsleistungen zusammen-
fallen. In Amerika, bei der unter Punkt 1 erwähnten
anderen Einstellung der Arbeiter, könnte es vielleicht
möglich sein, durch Geldvermehrung die Wirtschaft an-
kurbeln zu wollen, weil deren Ausdehnung dann in das
erweiterte Kleid der Tauschmittel hineinwächst. Bei der
Einstellung der deutschen Arbeiter wäre das aber nufz-
        <pb n="127" />
        Zusammenfassung und Schlußfolgerungen.

125
Jos und gefährlich. Hier wird die Erweiterung des Geld-
umlaufs und damit auch der Ersparnisse und der Ka-
pitalbildung immer erst der gesteigerten Arbeitsinten-
sität nachfolgen können. Bei der ausschlaggebenden
Bedeutung, die psychologische Momente im Wirt-
schaftsleben haben, ist es kein Wunder, daß ein Volk,
das den Kapitalismus bejaht, wie das amerikanische,
auch darin ganz andere Erfolge erzielt als das deutsche,
in dem Millionen im Kapitalismus nur den Feind sehen,
gar nicht Kapital bilden und von Selbsthilfe nichts
wissen wollen, sondern, in einer staatlichen Verwaltungs-
wirtschaft das Ideal sehen. —

Es seien noch ein paar Worte zu der Frage gesagt, wie
dem heutigen Kapitalmangel in Deutschland abgeholfen
werden kann. Diese Frage muß zugleich mit der auch
damit verknüpften Aufgabe der Bekämpfung der Ar-
beitslosigkeit behandelt werden.

1. Langfristige Anlagen und Bauten, die vor allem
künftigen Bedürfnissen dienen, ein großes Kapital er-
fordern, aber, wenn überhaupt, erst auf lange Sicht ren-
tabel sind, sind möglichst einzuschränken. Wenn sie
aber vorgenommen werden, sind sie nicht voll als Ka-
pitalbildung zu werten. Namentlich bei den öffentlichen
Körperschaften ist zu beachten, daß solche Aufwen-
dungen den Kapitalmarkt und die Steuerkraft über-
mäßig in Anspruch nehmen.

2. Alle Öffentlichen Körperschaften müssen sich
größter Sparsamkeit befleißigen, sowohl bei ihrer wirt-
schaf$flichen Betätigung, die nur in ganz besonderen
Fällen heute noch weiter ausgedehnt werden darf, als
auch bei allen kostspieligen Verwaltungsaufgaben. Die
heute verbreitete Großzügigkeit muß ebenso bei den be-
willigenden Organen aufhören, die gegenüber politi-
schen Forderungen die wirtschaftliche Notwendigkeit
hintansetzen, wie bei den Verwaltungsbeamten, die
meist nicht wirtschaftlich zu denken gelernt haben. Es
ist ja eine bekannfe Gefahr des Parlamentarismus und
        <pb n="128" />
        der Demokratie, daß durch zu große Willfährigkeit
gegenüber den politischen Parteien eine vernünftige und
geordnete Finanzverwaltung sehr erschwert wird, was
dann dem Wirtschaftsleben und schließlich sogar der
Währung gefährlich werden kann. Die junge Republik
und Demokratie in Deutschland kann nichts Besseres
tun, um die so schon geringe Staatsgesinnung im deut-
schen Volke noch weiter zu schwächen und die ordnuns-
liebenden Schichten in die Opposition zu treiben, als
die Sorglosigkeit und Schlamperei weiterzuführen, die
heute bei den meisten öffentlichen Körperschaften ein-
gerissen ist.

3. Das heutige Berechtigungswesen, das eine über-
lange und oft unnötige Ausbildungszeit erfordert, ist
ein großes Hindernis der Kapitalbildung. Es muß von
Grund auf geändert werden. Der Zudrang zur Universi-
tät muß eingeschränkt werden. Manche Beamten- und
Angestelltengruppen sind zu hoch bezahlt, die selbstän-
digen Erwerbstätigen zu sehr steuerlich belastet. Der
große Vorteil der festen Anstellung und Pensionsberech-
tigung kommt bei der Gehaltsbemessung nicht genügend
zum Ausdruck.

4. Was Deutschland braucht, ist ein möglichst gleich-
mäßiger Ablauf des Wirtschaftslebens mit gleich-
mäßigen Preisen und Löhnen. Keine Aufpeitschung
einer Konjunktur durch Auslandskapital für große un-
nötige Bauten und Werke, mit denen nur vorüber-
gehend Arbeitskräfte beschäftigt werden können, die
aber nicht rentieren. Denn der Rückschlag und die De-
pression, die dann eintreten müssen, zwingen die
öffentlichen Körperschaften zu mancherlei Aufwendun-
gen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, erhöhen die
Steuerlast, veranlassen zur Inangriffnahme unrentabler
öffentlicher Unternehmungen, erschweren die Geld-
kapitalbildung und verstärken so den Kapitalmangel.
Manche Zweige der Sozialversicherung sind übermäßig
ausgedehnt, Die Selbsthilfe und die eigene Kapitalbil-

126 Zusammenfassung und Schlußfolgerungen.
        <pb n="129" />
        Zusammenfassung und Schlußfolgerungen. nn 127
dung muß dafür wieder an ihre Stelle treten. Die
meisten Zweige der Versicherung, auch der privaten,
arbeiten mit einem zu kostspieligen Verwaltungs-
apparat.

5. Der unter Punkt 1 empfohlene Verzicht auf lang-
fristige Kapitalaufwendungen für Zwecke ungewisser und
erst künftiger Rentabilität trifft vor allem das so wichtige
Baugewerbe. Um die auch aus anderen Gründen er-
wünschte Bautätigkeit möglichst wenig einschränken zu
müssen, ist gerade in diesem Gewerbe eine Herab-
setzung der Löhne dringend erforderlich. Hier sind die
Stundenlöhne gegenüber 19135 um nahezu 100% ge-
stiegen, während die Baustoffe nur eine Preissteigerung
von 62% aufweisen, die Lebenshaltungskosten nur eine
solche von 52,6%. Fest geschlossene Gewerkvereine
haben hier stärker monopolistisch gewirkt, als das von
den meisten Kartellen behauptet werden kann.

6. Auch in anderen Erwerbszweigen sind in den letz-
ten Jahren, selbst noch in dem Depressionsjahre 1929,
sehr erhebliche Lohnsteigerungen erfolgt. Diese sind un-
berechtigt und ohne Berücksichtigung der wirtschaff-
lichen Folgen nur aus politischen Gründen vorge-
nommen. Ändere AÄrbeitergruppen haben darunter zu
leiden.
Der heutige Umfang der Arbeitslosigkeit ist keine Er-
scheinung, die allgemein der kapitalistischen Weltord-
nung zuzuschreiben ist. An sich liegt kein Grund vor,
daß nicht auch jetzt, wie 100 Jahre lang bis zum Welt-
kriege, die durch technische Fortschritte verursachte
Freisetzung von Arbeitskräften durch eine Ausdehnung
des Bedarfs auf anderen Gebieten kompensiert werden
könnte. Daß die Arbeitslosigkeit in Deutschland und
einigen anderen Ländern einen so großen Umfang ange-
nommen hat und ein chronischer Zustand zu werden
droht, hängt, neben den Wirkungen der Friedensver-
träge, zu einem großen Teil damit zusammen, daß die
        <pb n="130" />
        128 I Zusammenfassung und Schlußfolgerungen.
Löhne in vielen Industriezweigen, besonders auch im
Baugewerbe, zu sehr erhöht wurden.

7. Die starken Lohnsteigerungen haben das Streben
nach Rationalisierung, das heißt in der Regel nach ka-
pitalintensiverem Betriebe verstärkt und damit den Ka-
pitalmangel sehr wesentlich mitverschuldet. In der Lage
Deutschlands mit zwei Millionen Arbeitslosen ist ein
zu rasches Vordringen kapitalintensiver Methoden un-
zweckmäßig. Um möglichst viel Arbeitskräfte zu be-
schäftigen, muß auf Lohnsteigerungen verzichtet, in
manchen Gewerben, in denen die Löhne zu sehr , ge-
stiegen sind, müssen sie herabgesetzt werden. Es ist un-
möglich, daß im Interesse hoher Löhne für eine immer
kleinere Arbeiterzahl eine immer größere Zahl von Ar-
beitslosen durch die Gesamtheit unterhalten wird. Ka-
pitalmangel und hoher Zinsfuß sind die natürliche Re-
aktion dagegen.

Um möglichst viel Arbeiter beschäftigen zu können,
ist nicht möglichste Rationalisierung der Produktion und
Uniformierung des Bedarfs erforderlich, sondern ein
individualisierter Bedarf, auch Luxuskonsum und der-
gleichen. Eine zu starke Nivellierung der Einkommens-
und Besitzverschiedenheiten, wie die Sozialisten sie for-
dern, wirkt dem entgegen und ist daher nicht im Inter-
esse der ÄArbeiterschaft.

8, Mit allen angeführten Mitteln, besonders auch mit
Überwachung der Preispolitik monopolistischer Vereini-
gungen der Unternehmer und Arbeiter, ferner mit Ver-
hinderung übermäßiger Zuschläge im Groß- und Einzel-
handel ist auf möglichstes Senken der Preise hinzu-
wirken, um so den Absatz anzuregen und möglichst
vielen Beschäftigung zu gewähren. Je weniger es:ge-
lingt, die sonstigen Kosten der Produktion, vor allem
auch den Zinsfuß, ferner die steuerlichen und sozialen
Lasten herabzudrücken, um so mehr wird auch eine
Herabsetzung der Löhne unvermeidlich sein. Die So-
zialisten, die die öffentlichen Aufsaben immer mehr
        <pb n="131" />
        Zusammenfassung und Schlußfolgerungen. 129
steigern und sogar für den unproduktiven Wohnungs-
bau der öffentlichen Körperschaften Auslandskapital in
Anspruch nehmen wollen, sind mit dieser kurzsichtigen
Politik die ärgsten Gegner der Arbeiterschaft, Denn je
mehr sich diese Körperschaften verschulden, um so
länger bleibt der hohe Zinsfuß und die Kapitalknapp-
heit bestehen. Nur die heute verbreiteten falschen
Theorien über Kapital, Zins und Arbeitslohn erklären
die Unklarheit, die weit über die Kreise des Sozialismus
hinaus über diese Zusammenhänge vorhanden ist.

9, Da eine allgemeine Senkung der Preise und Löhne
wohl nicht in erheblichem Umfange möglich sein wird,
ist jedenfalls der Arbeiterschaft klarzumachen, daß
eine weitere Steigerung der letzteren, solange wir
einen so hohen Zinsfuß haben, ausgeschlossen ist, und
daß es nicht angeht, daß die Arbeiter jede vorüber-
gehende Steigerung der Gewinne in einer Unternehmung
durch Lohnforderungen für sich in Anspruch nehmen.
Wir brauchen stabile Preisverhältnisse, möglichst lang-
fristige Festlegung der Preise und Löhne. Daher ist auch
eine künstliche Schaffung einer Börsenkonjunktur und
überhaupt die Aufblähung der Geldmenge durch Kre-
ditschöpfung unbedingt zu vermeiden.

10. Trotz des Erfordernisses der Preissenkung scheint
im Interesse der Landwirtschaft eine Erhöhung mancher
agrarischen Zölle angebracht; Zugleich aber sollte auf
die Erhaltung und Vermehrung der landwirtschaftlichen
Bevölkerung, auf Verminderung des Zustroms in die
Städte, womöglich auf Zurückführung städtischer Be-
völkerung auf das Land Bedacht genommen werden.

11. Einen besonderen Anreiz zum Sparen durch eine
eigene Verbrauchseinkommensteuer oder durch Herab-
setzung der Einkommensteuer bei nicht verbrauchten
Einkommen durchzuführen, empfiehlt sich nicht. Denn
einmal ist das sehr umständlich, der Nachweis nicht ver-
brauchten Einkommens schwer zu führen, eine Pro-
gression oder Depression kaum durchführbar, vor allem
Schultze, Weltwirtschaftliche Vorträge, Heft 8. "
        <pb n="132" />
        130 Zusammenfassung und Schlußfolgerungen.
aber: Wir wollen doch nicht den Glauben der alten klas-
sischen Schule erhalten, daß eine Ausdehnung des Kon-
sums unerwünscht, jeder Sparer aber ein Wohltäter der
Gesamtheit sei. Es ist nicht gleichgültig, von wem und
wie gespart wird. Es ist nicht erwünscht, wenn die
breiten Massen ihren , regelmäßigen Konsum ein-
schränken, außer etwa von überflüssigen Gütern. Denn
das führt zu Erschütterungen und Umschichtunsen im
Wirtschaftsleben. Wohl aber ist es erforderlich, daß der
zu ausgedehnte Kollektivkonsum der öffentlichen Kör-
perschaften, der unregelmäßig und stoßweise ist, ein-
geschränkt wird, vor allem aber die falsche, nicht wirk-
lich ertragbringende Kapitalbildung. Die zu starke Aus-
dehnung der Betätigung der Öffentlichen Körper-
schaften hat wohl am meisten zu den heutigen wirt-
schaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands beigetragen,

12. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage
Deutschlands ist zu einem sehr großen Teil eine Er-
ziehungsfrage. Zu fordern sind in dieser Richtung:
Hinführung zu den volkswirtschaftlich ‚zweckmäßigsten
Berufen, soziale Gleichstellung aller Berufe, Aufklärung
über falsche wirtschaftliche und soziale Theorien, För-
derung des Verständnisses für die Einheit und Schick-
salsverbundenheit des deutschen Volkes, die namentlich
auch dem Auslande gegenüber viel mehr als bisher in
den Vordergrund gestellt werden muß.
        <pb n="133" />
        Im gleichen Verlage: erschien:

Schriften des Weltwirtschafts-Instituts
der Handels-Hodischule Leipzig
Herausgegeben von. Professor Dr. Ernst Schultze
Band 5
Chinesische
Wirtschaftspsychologie
Von Dr. D. Richard Wilhelm +
0.56. Prof., Direktor d. Chinainstituts Frankfurt-M.

120 Seiten Text, eine Karte von China
Brosch. RM. 8.—, Ganzl. RM. 0.—

Inhaltsverzeichnis:
Vorwort/ Einleitung: Psychologie und Wirtschaft /
1. Abschnitt: Die Organisation der alten chine-
sischen Gesellschaft und ihre psychologischen und
wirtschaftlichen Wirkungen / 2. Abschnitt: Die
chinesische Landwirtschaft und ihre psycho-
logischen Wirkungen / z. Abschnitt: Das Hand-
werk und seine Psychologie / 4. Abschnitt: Handel
und Verkehr in ihren psychologischen Wirkungen,
a) Der Handel, b) Der Verkehr / 5. Abschnitt:
Das Problem der Übervölkerung und seine wirt-
schaftlichen und psychologischen Auswirkungen /
6. Abschnitt: Industrialismus und Nationalis-
mus / Literaturtafel
        <pb n="134" />
        Im gleichen Verlage erschien:

Schriften des Weltwirtschafts-Instituts
der Handels-Hodischule Leipzig
Herausgegeben von Professor Dr. Ernst Schultze
Band 6
Die Häfen Englands

Von Joachim Heinrich Schultze
Dr. rer. pol., Dr. phil. nat,,
Privatdozent der Geographie an der
Universität Jena

Mit 6 Karten und 18 Abbildungen
Brosch. RM. 14.—, Ganzl. RM, 15.—

Inhaltsverzeichnis:
Vorwort / A. Die Bedeutung der Häfen für Land-
schaft und Wirtschaft in Großbritannien / B. Die
Gruppierung der Häfen nach dem Landschafts-
charakter ihres Hinterlandes / C. Die wichtigsten
Häfen: I. Häfen der volkreichsten Landschaften,
II. Häfen der Industrielandschaften, II. Häfen
der Kohlenbergbaulandschaften, IV. Häfen der
Gesamtlandschaft / D. Der Anteil natürlicher
Voraussetzungen am Bestand der Häfen / E. Wirt-
schaftliche Stellung und Verkehrsziffern der
Häfen / F. Wettbewerb, Hinter- und Übersee-
land / G. Zusammenfassung / Literaturverzeich-
nis / Karten und Abbildungen
        <pb n="135" />
        <pb n="136" />
        Weltwirtschaftliche Vorträge und Abhandlungen
Herausgegeben von Prof. Dr. Erust Schultze

Es sind erschienen:
Hett 1: Weltprobleme der Bevölkerung
Von Prof. Dr. Franz Oppenheimer
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Heft 2: Tributzahlung und Ausfuhrkraft
Von Prof. Dr. Ernst Schultze
Kartoniert RM. 7.80 (Subskr.-Preis RM. 6.65)
Ganzleinen RM. 9.— (Subskr.-Preis RM. 7.05)
Heft 3: Die wirtschaftliche Bedeutung der An-
schlußfrage
Von Unterstaatssekretär a.D. Bruno v. Enderes
Kartoniert RM. 3.50 (Subskr.-Preis RM. 3.-)
Die weltwirtschaftliche Konkurrenz des
indischen Industriearbeiters
Von Gewerkschaftssekr. Franz Josef Furtwängler
Kartoniert RM. 3.— (Subskr.-Preis RM, 2.55)
Der Einfluß der faschistischen Arbeits-
verfassung auf die Weltwirtschaft
Von Prof. Dr. Robert Michels
Kartoniert RM. 1.75 (Subskr.-Preis RM. 1.50)
Heft 8: Inlandskapital - Auslandskapital - Kriegs-
tribute. Von Prof. Dr. Robert Liefmann
Kartoniert RM, 3.50 (Subskr.-Preis RM. 3.)
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In Kürze erscheint:
Heft 5: Die Wirtschaftspolitik des Völkerbundes
Von Prof. Dr. Karl Pribram
Heft 7: Die Handelsbeziehungen zwischen Nord-
und Südamerika en
Von Prof. Dr. Harry T. Collings :
Der Subskriptionspreis gilt nur bei Abnahme aller in einem
Jahr erscheinenden Hefte; vorgesehen sind mindestens sechs
Hefte jährlich. Umfang jedes Heftes etwa 3-6 Bogen

Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp; Co. in Altenburg (Thür.}
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L Die Verteidigung der Auslandskredite.

95

rpreis“ und ähnlichen Irrtümern der mathemati-
ı Richtung die Rede ist, eine statische Betrach-
sweise zugrunde legt und daher nur die augen-
klichen Wirkungen sieht. Daher auch der häufige,
ser einem Wissenschaftler als einem Börsenmann
&gt;rechende Hinweis auf „die Konjunktur‘ (soll
en: steigende Konjunktur), als ob eine starke Hausse
Deutschland vorteilhaft wäre, während es doch klar
daß, je mehr eine Volkswirtschaft vom ausländi-

4 n Kredit abhängig ist, sie um so mehr auf Preis-
»ilität bedacht sein muß.

7 ieber hat die Einwendungen, die ich schon 1924 bei
Dawes-Anleihe gegen die starke Kreditinanspruch-
ne im Ausland geltend machfe, völlig ignoriert.
ist neuestens schreibt er noch (in der Schrift „Re-
itionen, Young-Plan, Volkswirtschaft“, Berlin 1929,
2): „Alle Sachverständigen waren sich darin einig,
ohne eine erhebliche Auslandsanleihe die dauernde
ilisierung nicht möglich sein würde.‘ Dabei haben
‚später selbst die eifrigsten Befürworter der Dawes-
sihe, wie die Frankfurter Zeitung, meiner Ansicht
»schlossen, daß sie gar nicht notwendig war1
uch sonst vertritt Weber unter Berufung auf eine an-
‚iche communis opinio Anschauungen, die bei näherer
tachtung nicht zu halten sind. In seiner Schrift
de des Kapitalismus?“ (2. Auflage, München 1929)

zwar viele ausgezeichnete Bemerkungen enthalten,
an vielen Stellen treten doch die mangelhaften
;retischen Grundlagen hervor, die auf der Güter-
je, der hergebrachten, technisch-materialistischen
tschaftsauffassung und der damit verknüpften Ver-
nung der Gelderscheinungen beruhenl. So definiert
Eine Folge der technisch-materialistischen Kapitalauffas-
$ Webers ist, daß er in derselben Schrift die Notwendig-
en geldlicher Umwandlung von Auslandskapital ‚nicht
icksichtigt (siehe unten) und ferner die Kapitalinanspruch-
me durch die Börsenspekulation leugnet (siehe oben
jitel 5).
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
