18 (86) 1843 Okt. 25 anderen Schein hatte, weil er statt des bestimmten Ich das unbestimmte Absolute setzte und dem Idealismus einen pantheistischen Anstrich gab. Was ist es nun aber, was Schelling noch heute eine scheinbare Be- deutung gibt? Ist es Er selbst? Ach! man öffne seine Vorlesungen, und man fällt in Ohnmacht vor dem Leichengeruch der Duns Scotischen Scho- lastik und Jakob Böhmeschen Theosophistik, dieser nicht Theosophie, sondern Theosophistik. Es ist der unlauterste und unsauberste Misch- masch von Scholastik, die nach dem Petrus Lombardus riecht, von Theo- sophismen. Darin liegt also die Kraft und Bedeutung Schellings. z0 Außer ihm liegt sie — in denen liegt sie, die, um ihre politischen und kirchlichen Interessen oder vielmehr Intrigen ins Werk zu setzen, irgend- sines Namens eines Philosophen bedurften. Außerdem würde Schel- ling noch ebenso — zu seinem Heil — im Dunkeln geblieben sein, wie er es in München war, höchstens in den untertänigen Köpfen einiger 15 Dozenten seinen verwirrenden Spuk fortgetrieben haben. Mit den Wölfen muß man heulen. Übrigens hat Schelling den Geistesverfall, der ihn jetzt emporhebt, selbst mit herbeigeführt. Was aber seine Philosophiasecunda betrifft, so ist sie lediglich schon dadurch widerlegt, daß sie an das Licht 20 der Öffentlichkeit gezogen wird; sie konnte nur so lange existieren, als sie nicht existierte. Diese Offenbarung widerlegt sich selbst; sie kann keine zwei Worte herausbringen, ohne daß das eine das andere aufhebt. Es wäre auch ganz töricht, dagegen etwas zu sagen; denn es wird hier von vornherein Verzicht geleistet auf alle Notwendigkeit und Gesetz- 25 mäßigkeit des Denkens, auf jedes Kriterium der Wahrheit, auf jeden Unterschied zwischen Vernunft und Absurdität. Das Prinzip, das oberste höchste Wesen, ist das vergegenständlichte Wesen der zügel- und boden- losesten menschlichen oder vielmehr unmenschlichen Abgeschmacktheit. Sagen Sie dem Herrn: Was Sie hier sagen, ist sinnlos, ist ungereimt — 30 30 erwidert er: Unsinn ist der höchste Sinn, Narrheit ist Weisheit, Un- vernunft ist der Superlativ der Vernunft, ist Übervernunft, Lüge ist Wahrheit ... Ihre Aufforderung, über Schelling zu schreiben, hat mich wirklich so aufgeregt, mir die Rücksicht auf die Verdorbenheit der Zeit und 35 Charaktere als eine solche Pflichinotwendigkeit vorgestellt, daß ich es über mich brachte, die Vorlesungen durchzulesen und die Eindrücke wiederzugeben, die ich dabei erfuhr. Aber das Resultat war das oben ausgesprochene. Autopsie ist hier unerläßlich. Überdem habe ich — freilich nur in meiner kurzen, sich überall nur auf die Grundzüge und 4 leren Konsequenzen beschränkenden Weise — das Wesen der Sog. „POSi- iven“ oder richtiger putativen Philosophie sattsam gezeichnet. Ich könnte nur breiter machen, nur ad captum vulgi ausführen, nur bestätigen, was ich in Kürze bereits gesagt. Wesentlich Neues könnte ich nicht geben. Aber wie sollte ich ein Interesse darin finden, etwas schon Gesagtes wiederzukauen? Zudem ist dieser stille Ort nur ernster Beschäftigung geweiht. Wenn ich aber, wie ich hoffe, in eine Stadt ziehe, wo mir die Eitelkeiten des Lebens wenigstens als sinnliche Realitäten vor die Augen treten, wird