XIV rn

Einleitung
schaft des ethischen Idealisten, der hart an die gemeine Wirklichkeit des
Lebens anstößt. Daher die bittere Ironie mancher Gedichte.!)

Es ist das Philistertum, gegen welches der Idealist die ganze Bitter-
keit seiner Verachtung und die Schärfe des Spottes konzentriert. Aber
es handelt sich nicht um den herkömmlichen. Gegensatz zwischen dem
flotten Leben. des Studenten, der über die Stränge schlägt, und dem ge-
ordneten, wohlbehäbigen Alltagsleben des Bürgers, — diese Sturm-
und Drangzeit hatte Marx schon in Bonn durchlaufen; er erscheint hier
vielmehr als der von philosophischem und politischem Trachten erfüllte
Jüngling, der in Widerspruch tritt zu dem platten Realismus und der
Trägheit des „Publikums“. Höchst charakteristisch ist dafür eine kleine
Reihe von Epigrammen.*) Dieser Protest gegen die geistige Herrschaft
des Philisters ist aber nichts anderes als die keimhafte Form der Aufleh-
nung gegen die herrschenden gesellschaftlichen Zustände. An den höch-
sten Gestalten des menschlichen. Gedankens: an dem klassischen Idealis-
mus von Kant und Fichte, an dem Genie Goethes und Schillers, an dem
Imperativ, der das Menschengeschlecht zu veredeln gebietet, — mißt
Marx mit bitterem Hohn die erbärmliche Wirklichkeit des „behaglich
dummen deutschen Publikums“, die scheinheilige Orthodoxie, die jäm-
merlichen Figuren des Rührstück-Fabrikanten Raupach und des „pusten-
den Meisters“, des Pfarrers, der den Goethe parodiert,

Der „pustende Meister“ ist übrigens der längst vergessene J. F. W. Pust-
kuchen, der zwischen 1821 und 1828 in fünf Bänden eine in pietistisch-
moralisierendem Geiste gehaltene Nachahmung des Wilhelm Meister ver-
faßt und damit die in konservativ-pietistischen Kreisen festeingewurzelte
Antipathie gegen Goethe zum Ausdruck gebracht hatte, In.Berlin, wo die
Pustkuchenschen Anschauungen noch in den dreißiger Jahren im Schwange
waren3), ist Marx wohl zum erstenmal mit ihnen bekannt geworden. Die
Epigramme, die er auf den „pustenden Meister“ geprägt hat, sind nicht
nur ein Zeichen seiner Begeisterung für Goethe und Schiller, sondern auch
ein Protest gegen den Konservatismus,

Interessant sind auch 'die vier Epigramme auf Hegel, die zwischen die
Gefechte mit dem biederen deutschen Philister und die Spottgedichte auf
die „Quedlinburger Laus‘“ eingefügt sind. Nennt ihn Marx in seinem
„Roman“ dann gar den „Zwerg“ 9, so beschuldigt er ihn hier jener fal-
schen Tiefe, auf deren Grund nur Worte ruhen, — nicht Gedanken. Aus

1) 1/2, 8/9, „Wiener Affentheater in Berlin“, „Armida von Ritter Gluck“

%) 1/2, 41/45 ;

3) Siehe Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig 1888. Bd. XXVI, Artikel
‚Pustkuchen‘“; ferner Ludwig Geiger. Goethe und Pustkuchen. Berlin 1914

4) 1/2. 78