XVI

Einleitung
verhöhnt er noch einmal in Prosa», Biographisch ist der „Roman“ da-
durch am wertvollsten, daß sich in ihm viele Hinweise auf die literari-
schen und wissenschaftlichen Sympathien und Antipathien des jungen
Marx finden. Das 37. Kapitel ist in dieser Beziehung besonders ergiebig.
Vielleicht um Hegel zu persiflieren, den er schon vorher?) den „Zwerg“
genannt und in eine Linie mit Krug und Raupach gestellt hat, illustriert
er hier den Gedanken, daß alles Große seinen Gegensatz setze; jeder
Riese einen Zwerg, jedes Genie einen ledernen Philister, der Held Caesar
den Schauspieler Octavian, der Kaiser Napoleon den Bürgerkönig Lud-
wig Philipp, der Philosoph Kant den Ritter Krug, der Dichter Schiller
den Hofrat Raupäch, der „Himmel“ Leibniz die „Schulstube“ Wolff.3)

Alles in allem: enthüllen diese Dichtungen, wie dies anders nicht zu
erwarten war, auch keine Spur von dichterischer Begabung, so sind sie
für den Biographen doch wertvoll; — sie zeigen anschaulich und in ziem-
licher Mannigfaltigkeit die Geistes- und Bildungsrichtung des jungen
Karl Marx ganz unmittelbar vor dem großen Umschwung, der im Laufe
seines vierten Semesters im Sommer 1837 nach einer großen körperlichen
und geistigen Krise eintrat.

Volksliedersammlung

Die Volksliedersammlung, die Marx für sein „süßes Herzens-Jenny-
chen“ im Jahre 1839 in einem prächtigen Oktavbande zusammenstellte,
zeugt davon, daß seine Braut &ine große Liebhaberin von Volksliedern
war, aber auch davon, daß Marx jetzt seiner Liebe nicht mehr mit eige-
nen Gedichten Ausdruck zu geben versuchte. Er steckte jetzt schon tief
in seinen Studien über die Geschichte der griechischen Philosophie, und
es ist verzeihlich, wenn er die deutschen Volkslieder mit vier Aus-
nahmen sämtlich aus einer einzigen Quelle für die Braut abschrieb. Von
den 46 deutschen Volksliedern sind nicht weniger als 42 aus der fünf-
bändigen Sammlung von Erlach entnommen. Diese Sammlung ist, wie
schon die zeitgenössische Kritik feststellte, „eine mühe-, plan- und wert-
lose Kompilation‘“ 4). Marx aber war sie wegen ihrer Reichhaltigkeit sehr
willkommen. Wohl nachträglich nur fügte er in die Reihe dieser deut-
schen Lieder einige Stücke ein aus einer anderen, damals gerade in Liefe-
rungen erscheinenden größeren Liedersammlung®), ein einziges Stück
1) 7/2, 84

2) 2,78

3) 1/2, 86 (Marx schreibt Wolf)

*) Vgl. Repertorium der gesamten deutschen Literatur. Hg. v. E. G. Gerstorf,
Leipzig. Bd. IT (1834), S. 562-—8565; Bd. IV (1835), S. 298-—290, Vgl. auch Paul
Levy, Geschichte des Begriffes Volkslied. Berlin 1911. S. 95—97.

5) Kretzschmer-Zuccalmaglio