Gedichte

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Und es schleicht mit Dolch und Schneide
Durch die Reihn ein trüber Gast,
Seine Brust entbrennt von Neide,
Hohn sein armes Herz erfaßt:

Denn sie war ihm Lieb’ und Leben,
Die im Brautkranz heute prangt,
Hatte schon das Wort gegeben,
Und das Herz. das er verlangt.

Ruhig war er hingegangen,
Zu erkämpfen hohes Gut,
Götter krönten sein Verlangen,
Und es siegten Tat und Mut,
Und er kehret ruhmbekränzet
Zu der stillen Stadt zurück,

Wo sein schönstes Kleinod glänzet,
Wo ihn Sehnen ruft und Glück.

Schon erschauet er die Zinnen,
Seine Brust erträgt es kaum,
Alles darf er jetzt gewinnen,
Und zum Wesen wird der Traum.

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Eilend stürzt er zu der Schwelle,
Zu dem vielgeliebten Haus,

Es erglänzt in Lampenhelle,
Gäste wogen ein und aus;

Doch den Gast, den Ungestümen,
Hält ein Diener hemmend auf:
„Fremdling, willst das Dach erklimmen,
Wohin stürmt dein blinder Lauf?“

„Mensch! ich frage nach Lucinden!“
Und der Diener staunend schaut:
„Heute kann die jeder finden,
Denn Lucinde, sie ist Braut.“

Und der Fremde steht betroffen,
Der Athletenhohe wankt,

Stier reißt er das Auge offen,
Bis er zu der Pforte schwankt.

„Festlich mußt du hier erscheinen,
An dem frohgeschmückten Ort,
Willst du dich den Gästen einen!“
Schallt des Dieners rauhes Wort.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 2. Hbd,