Gedichte

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Jeden faßt ein still Verlangen,
Faßt’s mit tiefer Allgewalt,
Alle Blicke sehnend hangen
An der schwebenden Gestalt.

Und das Aug”, voll Geistesregung,
Lacht in unbewölktem Glanz,
Und in Grazienbewegung,
Führt sie fort den bunten Tanz.

Schwebet leicht an ihm vorüber,
Der nicht von der Stelle weicht.

Und ihr Glutenblick wird trüber,
Und die Purpurwange bleicht.

Und der Schar will sie sich mischen.
Von dem Fremdling abgewandt,

Da erschallt ein höhnend Zischen,
Und ein Gott hält sie gebannt.

Und er mißt sie, groß und strenge,
Wagt es, finster ihr zu nahn,

Und versteinert steht die Menge,
Und sie blickt sich fragend an.

Doch Lucindens Hauch und Kehle
Scheint von Göttern zugepreßt,
Nach Erholung ringt die Seele,
An der Zofe hält sie fest.

„Ha! so muß ich treulos finden,
Dich die längst mir angetraut,

Dich meineidig, dich Lucinden,
Dich als eines andern Braut?“

Und die Menge will ihn fassen,
Schaut sein Tun am frohen Ort,

Doch er schleudert weg die Massen,
Und wie Donner tönt sein Wort.

„Keiner wage mich. zu stören!“

Und die finst’ren Augen grolln,
Und sie müssen auf ihn hören,

Und dem Schmerz ein Opfer zolln.

„Nimmer will ich sie verletzen,
Fürchtet nimmer für ihr Heil;

Schauspiel soll sie nur ergetzen,
Gastlich geb? ich ihr’s zu Teil!