Oulanem

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Die Götter aus sich strahlend, warmes Herz,
[hr ahnt’s nicht, daß es einen Menschen gebe,
Bis ihr ihn kennt.

Pertini. Es klingt recht zart und fein,
Wenn aus der Jugend üppig warmem Mund
Des Alters Lob ertönt, wie Flammenwehn,
Es klingt moralisch, wie ein Bibelspruch,
Wie die Geschichte von der Frau Susanne,
Und jene Mär’ von dem verlor’nen Sohn,
Doch darf ich’s wagen, kennt ihr jenen Herrn,
Dem ihr durch Herzensbund, wie’s scheint, verknüpft?

Lucindo. Wie’s scheint? und scheinen, nichts als Wahn und Schein,
Seid ihr ein Menschenhasser?

Pertini. Nun, zum wenigsten

5 Bin ich ein Mensch!

Luecindo. Verzeiht, wenn ich gekränkt!
Ihr seid dem Fremdling freundlich zugetan,
Und wer dem Wand’rer liebend näher tritt,
Dess’ weiter Geist ist nicht in sich gegrenzt! —
Doch Antwort wollt ihr, Antwort soll euch werden.
Uns beide knüpft ein seltener Verein,
Gewebt in unsrer Herzen tiefstem Grund,
Dem gleich, wie lichterlohe Fackelbäume,
Die Geister seiner Brust mit Glanz umweben,
Und als wenn liebgesinnte Lichtdämonen
Uns für einander sinnend zart erwählt,
30 kenn’ ich ihn seit langer, langer Zeit,
Ja kaum, daß noch Erinn’rung leise spricht,
Wie wir uns fanden, denn, beim großen Gott,

wo Ich weiß es nicht.
Pertini. Das klingt romantisch, klingt,
Doch lieber junger Herr, es ist nur Klang,
Um klingend eine Bitte abzuschlagen.

Lucindo. Ich schwör’s euch zu.

z Pertini. Was schwört ihr zu, mein Herr?

Lucindo. Ihn kenn’ ich nicht und dennoch kenn’ ich ihn.
Tief birgt er ein Geheimnis in der Brust,

Noch dürft’ ich es nicht wissen, jetzt noch nicht,
So tönt es jeden Tag und jede Stunde,
Denn seht, mich selber kenn’ ich nicht!

Pertini. Hm! Schlimm!

Lucindo. So abgeschlossen steh’ ich, so vereinzelt!
Was auch der Ärmste prangend von sich rühmt,
Wenn er mit Schmunzeln von dem Stamm erzählt,
Der ihn erzeugt, wenn er den kleinsten Vorfall,

In treuem Herzen sorgend aufbewahrt,
Ich kann es nicht, Lucindo nennt man mich,
Man könnt’ mich Galgen nennen oder Baum! ;