Scorpion und Felix

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Dieser Zweifel scheint durch folgendes Faktum gehoben zu werden.
Die ganze Mertensche Familie hatte die Eigenschaft mit dem Landpfarrer
von Wakefield gemein, daß sie sobald wie möglich geheiratet, also früh-
zeitig und Geschlecht von Geschlecht im Myrthenkranze prangte, woraus
auch allein, man müßte denn zu Wundern seine Zuflucht nehmen, zu er-
klären ist, daß Merten geboren wurde und in dieser Geschichte als Vater
Scorpions erscheint.

„Myrthen“ müßte das „h“ verlieren, da bei der Schließung von Hei-
raten das „Eh“ hervortritt, also das „he“ wegfällt, woher dann aus

oo „Myrihen“ „Myrten“ geworden,

„y“ ist ein griechisches „v“ und kein deutscher Buchstabe. Da nun,
wie dargetan, die Mertensche Familie eine echtdeutsche Kernsippe war,
und zugleich eine sehr christliche Schneiderfamilie, so mußte das aus-
ländische, heidnische „y“ in ein deutsches „iz“ sich verwandeln, und weil

iö die Ehe das vorherrschende Element in derselben Familie, „I“ aber ein

schrillender, auffahrender Vokal ist, obgleich die M ertenschen Ehen sehr
sanft und gelind waren, so wurde es in ein „eh“ und später, damit die
kühne Änderung nicht auffalle, in „e“ verwandelt, in dessen Kürze zu-
gleich die Entschlossenheit bei Schließung der Ehe angedeutet ist, so daß

2 „Myrthen“ in dem deutschen, vielsinnigen „Merten“ die höchste Form
der Vollendung erreicht.

Nach dieser Deduktion hätten wir den christlichen Schneider des
heiligen Martins, den gediegenen Mut des Martels, die rasche Entschlie-
Bung des Kriegsgottes Mars, mit dem Ehreichen verbunden, was aus den

2 beiden e’s in „Merten“ hervorklingt, so daß diese Hypothese alle bis-
herigen in sich vereinigt und zugleich umstößt.

Anderer Meinung ist der Scholiast, der Kommentare zu dem alten
Historiker, aus dem unsere Geschichte geschöpft, mit großem Fleiße und
anhaltender Anstrengung niedergeschrieben.

3 Obgleich wir seiner Meinung nicht beitreten können, so verdient sie
doch eine kritische Würdigung, da sie aus dem Geiste eines Mannes ent-
sprungen, der mit einer ungeheuren Gelehrsamkeit eine große Fertigkeit
im Rauchen verband, dessen Pergamente vom heiligen Tabaksdampfe um-
hüllt, also in einer pythischen Weihrauchsbegeisterung mit Orakeln ge-

35 füllt worden.

Er glaubt, daß „Merten“ von dem deutschen „Mehren“, das von „Meer“
herrühren müsse, weil die Mertenschen Ehen sich „gemehrt‘, wie Sand
am „Meere“, weil ferner in dem Begriffe eines Schneiders der Begriff eines
„Mehrers“ verborgen liege, indem’er aus Affen Menschen mache. Auf

zo diese gründlichen, tiefsinnigen Forschungen hat er seine Hypothese
ebaut.

° Als ich sie las, ergriff’s mich wie schwindelndes Staunen, das Tabaks-
orakel riß mich hin, aber bald erwachte die kalte, unterscheidende Ver-
nunft und warf folgende Gegengründe ein,

@ In dem Begriffe eines Mehrers, den ich besagtem Scholiasten in dem
Begriffe eines Schneiders allenfalls einräumen kann, soll keinenfalls der
Begriff eines Minderers eingeschlossen liegen, weil dieses ein contra-
dietio in terminis, für die Damen, den Herrgott im Teufel, den Witz in
einer Teegesellschaft, sie selbst aber als Philosophen setzte. Wenn aber