165
haben; aber, wen die Furie der Ehrsucht lockt, den vermag die Vernunft
nicht mehr zu zügeln, und er stürzt dahin, wohin ihn der ungestüme Trieb
ruft: er wählt sich nicht mehr seinen Stand, sondern Zufall und Schein
bestimmen ihn.

Und nicht zu dem Stande sind wir berufen, in welchem wir am meisten
zu glänzen vermögen; er ist nicht derjenige, der in der langen Reihe von
Jahren, in welchen wir ihn vielleicht verwalten, uns nie ermatten, unseren
Eifer nie untersinken, unsere Begeisterung nie erkalten 1äßt, sondern bald
werden wir unsere Wünsche nicht gestillt, unsere Ideen nicht befriedigt

0 sehn, der Gottheit grollen, der Menschheit fluchen.

Aber nicht nur der Ehrgeitz kann eine plötzliche Begeisterung für
einen Stand erregen, sondern vielleicht haben wir denselben durch unsere
Phantasien ausgeschmückt, und die hat ihn zu dem Höchsten, was das
Leben zu bieten vermag, ausgeschmückt. Wir haben ihn nicht zergliedert,

ı5 nicht die ganze Last betrachtet, die große Verantwortlichkeit, die er auf
uns wälzt; wir haben ihn nur von der Ferne gesehn, und die Ferne täuscht.

Hierin kann unsre eigne Vernunft nicht die Rathgeberin sein; denn
weder Erfahrung noch tiefere Beobachtung unterstützen sie, während
sie von dem Gefühle getäuscht, von der Phantasie geblendet wird. Zu

» wem sollen wir aber die Blicke wenden, wer soll uns da unterstützen, wo
unsere Vernunft uns verläßt?

Die Eltern, die schon die Bahn des Lebens durchwandelt, die schon
die Strenge des Schicksals erprobt haben, ruft unser Herz.

Und wenn dann noch unsere Begeisterung fortwährt, wenn wir dann

»; noch den Stand lieben und für ihn berufen zu sein glauben, nachdem
wir ihn kalt geprüft, nachdem wir seine Lasten erblickt, seine Beschwerden
kennen gelernt haben, dann dürfen wir ihn ergreifen, dann täuscht uns
weder Begeisterung, noch reißt uns Übereilung dahin,

Aber wir können nicht immer den Stand ergreifen, zu dem wir uns be-
zo rufen glauben; unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einiger-
maßen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen im Stande sind.
Schon unsere physische Natur stellt sich oft drohend entgegen, und
ihre Rechte wage keiner zu verspotten.
Wir vermögen zwar, uns über dieselbe zu erheben; aber dann sinken

;; wir desto schneller unter, dann wagen wir, ein Gebäude auf morsche
Trümmer zu erbauen, dann ist unser ganzes Leben ein unglücklicher
Kampf zwischen dem geistigen und körperlichen Prinzip. Wer aber
nicht in sich selbst die kämpfenden Elemente zu stillen vermag, wie soll
sich der dem wilden. Drange des Lebens entgegenstellen können, wie

soll er ruhig handlen, und aus der Ruhe allein können große und schöne

(2) 1835 Aug. 10—16 Abiturientenarbeiten