166 Abiturientenarbeiten (2) 1835 Aug. 10—16
Thaten emportauchen; sie ist der Boden, in dem allein gereifte Früchte
gedeihn.

Obgleich wir mit einer physischen Natur, die unserem Stande nicht
angemessen ist, nicht lange und selten freudig wirken können, so erhebt
doch stets der Gedanke, unser Wohl der Pflicht aufzuopfern, schwach
dennoch kräftig zu handlen; allein wenn wir einen Stand gewählt, zu dem
wir nicht die Talente besitzen, so vermögen wir ihn nie würdig aus-
zufüllen, so werden wir bald beschämt unsere eigene Unfähigkeit erkennen
und uns sagen, daß wir ein nutzloses Wesen in der Schöpfung, ein Glied
in der Gesellschaft sind, das seinen Beruf nicht erfüllen kann, Die natür- z
lichste Folge ist dann Selbstverachtung, und welches Gefühl ist schmerz-
licher, welches vermag weniger durch alles, was die Außenwelt bietet,
ersetzt zu werden? Selbstverachtung ist eine Schlange, die ewig wühlend
die Brust zernagt, das Lebensblut aus dem Herzen saugt und es mit dem
Gifte des Menschenhasses und der Verzweiflung vermischt. 1

Eine Täuschung über unsere Anlagen für einen Stand, den wir näher
betrachtet, ist ein Vergehn, das rächend auf uns selbst zurückfällt, das,
wenn es auch nicht von der Außenwelt getadelt wird, in unserer Brust
eine schrecklichere Pein erregt, als jene hervorzurufen vermag.

Haben wir dies alles erwägt und gestatten unsere Lebensverhältnisse, 20
einen beliebigen Stand zu wählen, so mögen wir den ergreifen, der uns
die größte Würde gewährt, der auf Ideen gegründet ist, von deren Wahr-
heit wir durchaus überzeugt sind, der das größte Feld darbietet, um für
die Menschheit zu wirken und uns selbst dem allgemeinen Ziele zu nähern,
für welche[s] jeder Stand nur ein Mittel ist, der Vollkommenheit. 25

Die Würde ist dasj enige, was den Mann am meisten erhebt, was seinem
Handlen, allen seinen Bestrebungen, einen höheren Adel leiht, was ihn
unangetastet, von der Menge bewundert und über sie erhaben dastehn läßt.

Würde kann aber nur der Stand gewähren, in welchem wir nicht als
knechtische Werkzeuge erscheinen, sondern wo wir in unserem Kreise 0
selbständig schaffen; kann nur der Stand gewähren, der keine verwerf-
liche, selbst dem Anscheine nach nicht verwerfliche Thaten erheischt, den
der Beste mit edlem Stolze ergreifen kann. Der Stand, der dieses am
meisten gewährt, ist nicht immer der höchste, aber stets der vorzüglichste.

Wie aber ein Stand ohne Würde uns erniedrigt, so erliegen wir sicher 235
unter der Last eines solchen, der auf Ideen gegründet ist, die wir später
als falsch erkennen, .

Da sehn wir keine Hülfe mehr als in der Selbsttäuschung, und welche
verzweifelte Rettung, die Selbstbetrug gewährt!

Jene Stände, die nicht sowohl in das Leben eingreifen, als mit ab- 40
strakten Wahrheiten sich beschäftigen, sind die gefährlichsten für den