(2) 1835 Aug. 10—16 Abiturientenarbeiten

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Jüngling, dessen Grundsätze noch nicht gediegen, dessen Überzeugung
noch nicht fest und unerschütterlich ist, obwohl sie zugleich als die er-
habensten erscheinen, wenn sie tief in der Brust Wurzeln geschlagen haben,
wenn wir für die Ideen, die in ihnen herrschen, das Leben und alle

5 Bestrebungen zu opfern vermögen.

"Sie können den beglücken, der für sie berufen ist, allein sie vernichten
den, der sie übereilt, unbesonnen, dem Augenblicke gehorechend, ergreift.

Die hohe Meinung hingegen, die wir von den Ideen haben, auf die
unser Stand gegründet ist, leiht uns einen höheren Standpunkt in der Ge-

0 sellschaft, vergrößert unsre eigne Würde, macht unsere Handlungen
unerschütterlich. i Sn

Wer einen Stand erwählt, den er hoch schätzt, der wird davor zurück-
beben, sich seiner unwürdig zu machen, der wird schon deswegen edel
handlen, weil seine Stellung in der Gesellschaft edel ist.

5 Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muß, ist
das Wohl der Menschheit, unsere eigne Vollendung. Man wähne nicht,
diese beiden Intressen könnten sich feindlich bekämpfen, das eine müsse
das andre vernichten, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet,
daß er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für die

» Vollendung, für das Wohl seiner Mitwelt wirkt.

Wenn er nur für sich schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter,
ein großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter,
wahrhaft großer Mensch sein. a

Die Geschichte nennt diejenigen als die größten Männer, die, indem sie

z5 für das Allgemeine wirkten, sich selbst veredelten; die Erfahrung preiszt
den als den Glücklichsten, der die meisten glücklich gemacht; die Religion
selber lehrt uns, daß das Ideal, dem alle nachstreben, sich für die Mensch-
heit geopfert habe, und wer wagte solche Aussprüche zu vernichten?

Wenn wir den Stand gewählt, in dem Wir am meisten für die Mensch-

zo heit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie
nur Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme, eingeschränkte,
egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten
leben still, aber ewig wirkend fort, und unsere Asche wird benezt von der

glühenden Thräne edler Menschen. M
arX.
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N

Ziemlich gut.
Die Arbeit empfiehlt sich durch Gedanken-Reichtum und gute, planmäßige
Anordnung. Sonst verfällt der Verfasser auch hier in den ihm gewöhnlichen
Fehler, in ein übertriebenes Suchen nach einem seltenen, bilderreichen Ausdrucke;
daher fehlt der Darstellung an den vielen angestrichenen Stellen die nötige Klar-
heit und Bestimmtheit, oft Richtigkeit. wie in den einzelnen Ausdrücken, so in
den Satzverbindungen.
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Wyttenbach.