(2) 1835 Aug. 10—16 Abiturientenarbeiten

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[Religionsaufsatz]
Die Vereinigung der Gläubigen mit Christo nach

Joh. 15, 1—14, in ihrem Grund und Wesen, in ihrer

uanbedingten Nothwendigkeit und in ihren Wir-
kungen dargestellt
Ehe wir den Grund und das Wesen und die Wirkungen der Ver-
einigung Christi mit den Gläubigen betrachten, wollen wir sehen, ob
liese Vereinigung nothwendig, ob sie durch die Natur des Menschen be-
dingt ist, ob er nicht durch sich selbst den Zweck zu erreichen vermag,

o für welchen ihn Gott aus dem Nichts hervorgerufen,

Wenden wir unseren Blick der Geschichte, der großen Lehrerinn der
Menschheit zu, so werden wir in ihr mit eisernem Griffel eingegraben
finden, daß jedes Volk, wenn es selbst den höchsten Grad der Kultur er-
reicht hatte, wenn die größten Männer aus seinem Schoße entsprossen

5 waren, wenn die Künste in ihm ihre volle Sonne hatten aufgehen lassen,
wenn die Wissenschaften die schwierigsten. Fragen gelöst hatten, daß es
demungeachtet die Fesseln des Aberglaubens nicht abzustreifen ver-
mochte, daß es weder von sich noch von der Gottheit würdige und wahre
Begriffe gefaßt hatte, daß selbst die Sittlichkeit, die Moral nie rein von

» fremden Zusätzen, von unedlen Einschränkungen in demselben erscheint,
daß selbst seine Tugenden mehr von einer rohen Größe, von einem unge-
bändigten Egoismus, von einer Sucht nach Ruhm und kühnen Thaten er-
zeugt war[en] als durch das Streben nach wahrer Vollendung.

Und die alten Völker, die Wilden, denen noch nicht die Lehre Christi

% erschallt ist, sie zeigen eine innere Unruhe, eine Furcht vor dem Zorne
ihrer Götter, eine innere Überzeugung von ihrer Verwerflichkeit, indem
sie ihren Göttern Opfer darbringen, indem sie durch Opfer ihre Schuld
zu sühnen wähnen.

Ja, der größte Weise des Alterthums, der göttliche Plato, spricht in

z mehr als einer Stelle eine tiefe Sehnsucht nach einem höheren Wesen aus,
dessen Erscheinung das unbefriedigte Streben nach Wahrheit und Licht
erfüllte.

So lehrt uns die Geschichte der Völker die Nothwendigkeit der Ver-
einigung mit Christo.

Auch wenn wir die Geschichte der Einzelnen, wenn wir die Natur
des Menschen betrachten, sehen wir zwar stets einen Funken der Gottheit
in seiner Brust, eine Begeisterung für das Gute, ein Streben nach Erkennt-
nis, eine Sehnsucht nach Wahrheit, allein die Funken des Ewigen erstickt
die Flamme der Begier; die Begeisterung für die Tugend übertäubt die

(o lockende Stimme der Sünde, sie wird verhöhnt, sobald das Leben uns
seine ganze Macht fühlen gelassen; das Streben nach Erkenntnisz ver-
drängt ein niederes Streben nach irdischen Gütern, die Sehnsucht nach

Im