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Abiturientenarbeiten (2) 1835 Aug. 10—16
EL 9 Ag, 10— 16
Wahrheit erlöscht durch die süßschmeichelnde Macht der Lüge, und so
steht der Mensch da, das einzige Wesen in der Natur, das seinen Zweck
nicht erfüllt, das einzige Glied in dem Alle der Schöpfung, das des Gottes
nicht werth ist, der es erschuf. Aber jener gütige Schöpfer vermochte sein
Werk nicht zu hassen; er wollte es zu sich erheben und sandte seinen Sohn :
und 1äßt uns durch diesen zurufen:
„Ihr seid jetzt rein, um des Wortes willen, das ich zu euch
„geredet habe (Joh. 15, 3).
„Bleibet in mir und ich in euch“ (Joh. 15, 4).

Nachdem wir so gesehn, wie die Geschichte der Völker und die Be- z0
irachtung der Einzelnen die Nothwendigkeit der Vereinigung mit Christo
erweist, wollen wir den lezten und schwersten Beweis, das Wort Christi
selbst betrachten,

Und wo drückt er deutlicher die Nothwendigkeit der Vereinigung mit
sich aus als in dem schönen Gleichnisse des Weinstocks und der Rebe, wo 15
er sich den Weinstock, uns die Reben nennt. Die Rebe vermag durch
eigne Kraft keine Früchte hervorzubringen, und so, sagt Christus, könnt ihr
ohne mich nichts thun. Noch stärker spricht er sich hierüber aus, wenn er
sagt: „Wer nicht in mir bleibet etc.“ (Joh. 15, 4, 5, 6).

Indessen darf man dieses blos von denjenigen verstehn, die das Wort zo
Christi kennen zu lernen vermochten; denn den Rathschluß Gottes über
solche Völker und Menschen können wir nicht beurtheilen, da wir ihn
nicht einmal zu erfassen im Stande sind.

Unser Herz, die Vernunft, die Geschichte, das Wort Christi rufen uns
also laut und überzeugend zu, daß die Vereinigung mit ihm unbedingt 25
nothwendig ist, daß wir ohne ihn unseren Zweck nicht erreichen können,
daß wir ohne ihn von Gott verworfen wären, daß nur er uns zu erlösen
vermochte.

So durchdrungen von der Überzeugung, daß diese Vereinigung un-
bedingt nothwendig ist, sind wir begierig zu erforschen, worinn denn dieses 30
hohe Geschenk besteht, dieser Lichtstrahl, der aus höheren Welten be-
seelend in unser Herz fällt und uns geläutert zum Himmel emporträgt,
welches das innere Wesen und der Grund derselben ist?

Sobald wir die Nothwendigkeit der Vereinigung erfaßt haben, steht
der Grund derselben, unsere Erlösungsbedürftigkeit, unsere zur Sünde z;
hingeneigte Natur, unsere schwankende Vernunft, unser verdorbenes Herz,
unsere‘ Verwerflichkeit vor Gott klar vor unseren Augen und, welcher er

sei, brauchen wir nicht mehr zu forschen.

Wer aber könnte schöner das Wesen der Vereinigung ausdrücken, als
Christus es in dem Gleichnisse des Weinstocks mit der Rebe gethan hat? 40
Wer könnte in großen Abhandlungen alle Theile, das Innerste, was diese
Vereinigung begründet, so umfassend vor das Auge legen, als Christus
mit den Worten: