(2) 1835 Aug. 10—16 Abiturientenarbeiten

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„Ich bin ein rechter Weinstock, mein Vater ist ein Weingärtner“
(Joh. 15, 1).
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh. 15, 5).
Wenn die Rebe empfinden könnte, wie würde sie freudig auf den

5 Gärtner blicken, der ihrer wartet, der sie ängstlich von Unkraut reinigt

und sie fest an den Weinstock knüpft, aus dem sie Nahrung und Säfte zu
schöneren Blüthen zieht.

In der Vereinigung mit Christo wenden wir also vor allem zu Gott
das liebende Auge, fühlen wir für ihn den glühendsten Dank, sinken wir

jo freudig vor ihm auf die Knie,

Dann, wenn uns eine schönere Sonne durch die Vereinigung mit
Christo aufgegangen ist, wenn wir unsere ganze Verwerflichkeit emp-
finden, zugleich aber über unsere Erlösung jauchzen, können wir erst den
Gott lieben, der uns früher als beleidigter Herrscher, jetzt als vergebender

ı Vater, als gütiger Erzieher erscheint.

Aber nicht nur zu dem Weingärtner würde die Rebe emporschauen,
wenn sie empfinden könnte, sie würde sich innig an den Stock an-
schmiegen, sie würde sich mit ihm und den Reben, die an ihm empor-
geschossen, aufs genaueste verbunden fühlen; sie würde schon die anderen

» Reben lieben, weil ein Gärtner sie besorgt, ein Stamm ihnen Kraft leiht.

So besteht die Vereinigung mit Christo aus der innigsten, lebendigsten
Gemeinschaft mit ihm, darin, daß wir ihn vor Augen und im Herzen
haben, und, indem wir so von der höchsten Liebe zu ihm durchdrungen
sind, wenden wir unser Herz zugleich den Brüdern zu, die er inniger mit

2 uns verbunden, für die er sich auch geopfert hat.

Aber diese Liebe zu Christus ist nicht fruchtlos, sie erfüllt uns nicht
nur mit der reinsten Verehrung und Hochachtung gegen ihn, sondern sie
bewirkt auch, daß wir seine Gebote halten, indem wir uns für einander
aufopfern, indem wir tugendhaft sind, aber nur tugendhaft aus Liebe zu

30 ihm (Joh. 15, v. 9, 10, 12, 13, 14).

Dieses ist die große Kluft, welche christliche Tugend von jeder
andern trennt und über jede andre erhebt, dieses ist eine der größten
Wirkungen, die die Vereinigung mit Christo im Menschen erzeugt.

Die Tugend ist kein finstres Zerrbild mehr, wie es die stoische Philo-

ss sophie aufstellt; sie ist nicht das Kind einer harten Pflichtenlehre, wie
wir sie bei allen heidnischen Völkern finden, sondern, was sie wirkt, wirkt
sie aus Liebe zu Christus, aus Liebe zu einem göttlichen Wesen und, wenn
sie aus dieser reinen Quelle entspringt, erscheint sie von allem Irdischen
befreit und wahrhaft göttlich. Jede abstoßende Seite taucht sich unter,

ıo alles Irdische sinkt, alles Rohe erlöscht, und die Tugend ist verklärter,
indem sie zugleich milder und menschlicher geworden ist,

Nie hätte die menschliche Vernunft sie so darzustellen vermocht; ihre

Tugend wäre immer eine beschränkte, eine irdische Tugend geblieben.
Sobald ein Mensch diese Tugend, diese Vereinigung mit Christo er-