(5) 1835 Nov. 18—29
guten Wege nicht abzukommen [ . ? . ] und was ich wünsche, weißt Du
recht gut. Ich will nun [ . ? . 7] einholst, was ich bei weniger günstigen
Umständen [. ? . ] nicht erreichen konnte. Ich wünsche in Dir das
zu sehn, was vielleicht aus mir geworden wäre, wenn ich unter ebenso
günstigen Auspizien die Welt erblickt hätte. Meine schönsten Hoffnungen
kannst Du erfüllen und zerstören. Es ist vielleicht unrecht und unklug
zugleich, auf einen Menschen seine schönsten Hoffnungen zu bauen und
so seine eigene Ruhe vielleicht zu untergraben. Doch wer anders als die
Natur kann dafür, daß die auch sonst nicht so schwachen Männer dennoch
schwache Väter sind?

Dir ist ein Glück beschieden, lieber Karl, wie es wenigen Jünglingen
Deines Alters zuteil. Du hast auf der ersten wichtigen Laufbahn des
Lebens einen Freund, und einen sehr würdigen Freund gefunden, älter
und erfahrner als Du. Dieses Glück wisse zu schätzen. Die Freundschaft
im wahren klassischen Sinne ist der schönste Edelstein im Leben, und z5
in diesem Alter für das Leben. Es wird der beste Probierstein Deines
Charakters, Deines Geistes und Herzens, ja Deiner Sittlichkeit sein, wenn
Du den Freund festhältst und seiner würdig bleibst.

Daß Du moralisch gut bleibst, daran zweifle ich wirklich nicht. Doch
ein großer Hebe] für die Moral ist der reine Glauben an Gott. Du weißt, 26
ich bin nichts weniger als Fanatiker. Aber dieser Glauben ist dem Men-
schen früh oder spät wahres [Bedürf]nis*), und es gibt Augenblicke im
Leben, wo auch der Gottesleugner [unwill]kürlich ?) zur Anbetung des
Höchsten hingezogen wird. Und gemein ist es [, ? , ] denn was
Newton, Locke und Leibnitz geglaubt, dem darf sich jeder [.?. ] unter. 25
werfen.

[Herr]*) Löhrs hat es sehr übel empfunden, daß Du ihm keinen Ab-
schieds [besuch ge]macht. Nur Du und Clemens waren die einzigen,
hat er Herrn Schlick [.?. gesag]t. Ich mußte mich zu einer unschul-
digen Lüge entschließen und ihm sagen, [daß] [.:? . ] wir während zo
seiner Abwesenheit dort gewesen. Die Gesellschaft [.?.] Zusammen-
stellung mit Clemens gefiel mir wenig.

Herr Löhrs ist zum zweiten Direktor ernannt worden, und war gestern
Herr [Brüggelmann als Commissarius hier zur Installation. Es war
große [. ?. ]*) [FeiJerlichkeit, da Herr B[rüggemann] und Herr Löhrs 35
gesprochen. Mittag hat Herr Löhrs [ein] großes Essen gegeben, wo
auch ich war. Hier sprach ich mehrere, die sich nach Dir erkundigten,
und von vielen Seiten wurde mir Glück gewünscht, daß Herr Wienen-
brügge?) Dein Freund sei. Ich bin wahrhaft begierig, ihn kennen zu
lernen, und es soll mich sehr freuen, wenn Ihr beide Ostern uns besucht 4
und, versteht sich, zusammen bei uns vorlieb nehmt. Es würde mir dies

ganz besonders ein Beweis seiner Freundschaft gegen Dich sein.

Und so, lieber guter Karl, lebe denn recht wohl, und wenn Du Deinem
Geiste recht kräftige und gesunde Nahrung gibst, vergesse nicht, daß der
Körper auf dieser erbärmlichen Erde dessen steter Begleiter ist und das 4
Wohlbehagen der ganzen Maschine bedingt. Ein siecher Gelehrter ist
das unglücklichste Wesen auf Erden. Studiere daher nicht mehr, als

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1) Ein Stück des Briefes abgerissen.
?) Im Original unrichtig Wienenbruck

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