(9) 1836 Mai-Juni
Innig freuen würde es mich, wenn ich auf diese Art von Ihrem
Wohlergehen etwas höre, und daß ich allenfalls noch einen kleinen
Anklang in Ihrem Herzen finde.

Genehmigen Sie die Versicherung der innigsten Hochachtung, mit
welcher ich die Ehre habe zu zeichnen

Von Euer Hochwohlgeboren
Ganz ergebenster Diener
Marx.

9. Der Vater an Marx in Bonn; Trier [1836 ca.
Mai-Juni]
Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei, Berlin
Lieber Karl!
Dein Schreiben, das ich erst den 7. erhielt, hat mich in dem Glauben
an der Aufrichtigkeit, Offenheit und Biederkeit Deines Charakters be- ı:
stärkt, was mir mehr als das Geld am Herzen liegt, und deswegen wollen
wir auch weiter davon nicht sprechen. Du erhältst hier 100 Taler und
wirst, wenn Du es forderst, das Fernere erhalten. Du wirst übrigens wohl
etwas klüger werden und auch nach dem Niedern streben müssen, denn
dieses Niedere macht, weiß Gott, trotz aller Philosophie, vielen graue 20
Haare.

Und ist denn das Duellieren so sehr mit der Philosophie verwebt? Es
ist Achtung, ja Furcht vor der Meinung. Und welcher Meinung? Nicht
grade immer der Besseren, und doch!!! So wenig ist überall im Men-
schen Konsequenz, — Lasse diese Neigung und wenn auch nicht Neigung, 25
diese Sucht nicht Wurzel greifen, Du könntest am Ende Dir und Deinen
Eltern die schönsten Lebenshoffnungen rauben. Ich glaube, daß ein ver-
nünftiger Mann sich leicht und mit Anstand darüber hinwegsetzen kann,
tout en imposant. —

Lieber Karl, wenn Du kannst, lasse Dir von dortigen tüchtigen und z
bekannten Ärzten gute Zeugnisse geben, Du kannst es mit gutem Gewissen,
Deine Brust ist schwach, wenigstens zur Zeit. — Wenn Du willst, schicke
ich Dir eins von Herrn Berncastel, der Dich behandelt. Aber um kon-
sequent mit Deinem Gewissen zu sein, rauche nicht viel.

Du hast mir Dein Wort nicht gehalten — Du erinnerst Dich Deines #5
Versprechens, und ich tat mir doch etwas zugut auf das Anerkenntnis
meiner Kritik. Doch wie die politischen Optimisten nehme ich den fak-
tischen Zustand, wie er ist, doch wünschte ich etwas eigne Kenntnis der
Sache, d. h. der gepflogenen Verhandlungen, die ich zu prüfen vielleicht
besser verstanden hätte als Schäfer — und womöglich auch Kenntnis des 4
Gegenstands, doch wenn das letztere mit zu vieler Mühe verbunden ist,
warte ich bis zu Deiner Ankunft. Lebe wohl, lieber Karl, bleibe immer
so offen und treu, sehe immer in Deinem Vater Deinen ersten Freund und
in Deiner guten Mutter die erste. Freundin. Ich konnte ihr nichts ver-
schweigen, weil sie sonst über Dein langes Stillschweigen ängstlich 45