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(13) 1836 Dez, 28
Es ist nun überall Zeit, daß Du die Spannung beseitigst, die Geist und
Körper zertrümmert, und ich darf mit Recht fordern, daß Du hierbei mein
und Deiner guten Mutter Wohl etwas berücksichtigst, die wir freilich
nicht in elyseische Felder schweben und etwas darauf halten, daß Du
gesund bleibst.

Aber ich wiederhole es, Du hast große Pflichten übernommen, und,
lieber Karl, mit der Gefahr, Deine Empfindlichkeit zu reizen, spreche ich
meine Meinung in meiner Weise etwas prosaisch aus, mit allen Exagera-
lionen und Exaltationen der Liebe in einem dichterischen Gemüte kannst
Du die Ruhe des Wesens, dem Du Dich ganz hingegeben, nicht herstellen,
im Gegenteil, Du läufst Gefahr, sie zu zerstören, und nur durch die exem-
plarischste Aufführung, durch männliches, festes und doch das Wohl-
wollen und die Gunst der Menschen erwerbendes Streben kannst Du
erwirken, daß die Verhältnisse sich ausgleichen und sie in ihren und in

der Welt Augen gehoben und beruhigt wird.

Ich habe mit J[enn]y gesprochen, und ich hätte gewünscht sie ganz
beruhigen zu können. Ich tat mein möglichstes, doch alles läßt sich nicht
wegräsonnieren. Noch weiß sie nicht, wie ihre Eltern das Verhältnis
aufnehmen würden. Das Urteil der Verwandten und der Welt ist auch
keine Kleinigkeit. Ich fürchte Deine nicht immer gerechte Empfindlich- 2
keit und überlasse Dir daher selbst, diese Lage zu würdigen. Wäre ich
mächtig genug, um dieses edle Wesen durch kräftiges Eingreifen in man-
cher Beziehung zu schützen und zu beruhigen, mir wäre kein Opfer zu
groß. — Aber ich bin leider in jeder Hinsicht schwach. —

Sie bringt Dir ein unschätzbares Opfer — sie beweist eine Selbst- 2:
verleugnung, die nur von der kalten Vernunft ganz gewürdigt werden
kann. Wehe Dir, wenn Du je in Deinem ganzen Leben dies vergessen
könntest! Doch jetzt kannst Du nur selbst wirkend eingreifen. Aus Dir
muß die Gewißheit hervorgehn, daß trotz Deiner Jugend Du ein Mann
seiest, der die Achtung der Welt verdient, sie im Sturmschritte erobert; 36
der Versicherung für seine Beständigkeit und für sein künftiges ernste
Streben gibt, und Stillschweigen für vergangene Fehler den bösen Zungen
auferlegt.

Wie Du das am besten anfängst, kannst Du nur ganz übersehn. —

Bei dieser Gelegenheit muß ich Dich fragen, ob Du weißt, wie alt man 35
zu einem akademischen Posten haben müsse? Das ist sehr wichtig zu
wissen — denn Dein Plan muß, glaub? ich, dahin gehn, diesen Stand
— wenn auch in den untern Graden — baldmöglichst zu erlangen, und
durch Schriftstellerei dem Rufe entgegensehn zu können und respektive
ihn herbeizuführen.

Die Poesie muß wohl der erste Hebel sein, es versteht sich, daß hier
der Poet kompetent ist. Allein die Art der Poesie, welche die Zauber-
wirkung hervorbringen soll, möchte eher Sache des Mannes von Klugheit
und Welt sein. — Im gewöhnlichen Leben möchte das wohl von einem
Mann-Jüngling zuviel gefordert sein; aber wer höhere Pflichten über- 4
nimmt, der muß folgerecht sein, und die Klugheit, die Politik wird
hier in den Augen des Poeten selbst durch die hohe und schöne Pflicht-
erfüllung geheiligt. —

Ich bitte und beschwöre Dich nunmehr, da Du im Grunde den Fonds