(15) 1837 März 2

203

zuweilen unwillkürlich und gegen ihren eignen Willen eine Art von
Furcht, von ahnungsschwangerer Furcht, die mir nicht entgeht, und die
ich nicht zu erklären weiß, und wovon sie jede Spur in meinem Herzen
zu vertilgen suchte, sobald ich sie darauf aufmerksam machte. — Was
soll, was kann das sein? Ich kann mir es nicht erklären, aber unglück-
licherweise erlaubt meine Erfahrung nicht, daß ich mich leicht irreführen
lasse.
Dein hohes Emporkommen, die schmeichelnde Hoffnung, Deinen
Namen einst im hohen Rufe zu sehn, sowie Dein irdisches Wohl, liegen
io mir gar nicht allein am Herzen, es sind lang genährte Illusionen, die sich
tief eingenistet haben. Doch im Grunde gehören diese Gefühle größten-
teils dem schwachen Menschen und sind nicht rein von allen Schlacken,
als da sind: Stolz, Eitelkeit, Egoismus etc, etc. etc. Aber ich kann Dich ver-
sichern, daß die Verwirklichung dieser Illusionen mich nicht glücklich
ıs zu machen vermöchte. Nur wenn Dein Herz rein bleibt und rein mensch-
lich schlägt und kein dämonisches Genie imstande sein wird, Dein Herz
den besseren Gefühlen zu entfremden — nur alsdann würde ich das Glück
finden, das ich mir seit langen Jahren durch Dich träume; sonst würde
ich das schönste Ziel meines Lebens zertrümmert sehn. Doch warum
% mich zu sehr erweichen und Dich vielleicht betrüben? Im Grunde zweifle
ich ja nicht an Deiner kindlichen Liebe zu mir und Deiner guten, lieben
Mutter, und Du weißt es recht gut, wo wir am allerverwundbarsten sind. —
Ich gehe zum Positiven über. J[enn]y hat uns einige Tage, nachdem
sie Deinen Brief, welchen ihr Sophie brachte, erhalten hatte, besucht
a5 und über Deinen Vorsatz gesprochen. Sie scheint Deine Gründe zu
billigen, fürchtet aber den Schritt selbst, und das läßt sich sehr begreifen.
Ich meinerseits halte ihn gut und 1öblich. So wie sie andeutet, schreibt
sie Dir, daß Du den Brief nicht direkt schicken. sollst — der Meinung
kann ich nicht beipflichten. Das kannst Du zu ihrer Beruhigung tun, daß
wo Du uns acht Tage zuvor sagst, welchen Tag Du den Brief zur Post
beförderst. — Die Gute verdient jede Rücksicht, und ich wiederhole es,
ein ganzes Leben voll zarter Liebe vermag nur sie für das, was sie schon
gelitten, zu entschädigen, und selbst was sie noch leiden wird, denn sie
hat es mit wunderbaren Heiligen zu tun.
Rücksicht für sie ist es hauptsächlich, was mich so sehr wünschen
Jäßt, daß Du einen glücklichen Schritt in.die Welt sehr bald tretest, weil
sie dadurch Ruhe bekommen würde, wenigstens glaube ich das. Und ich
beteure Dir, lieber Karl, daß ohne diese Ursache ich Dich zur Zeit eher
von allem Auftreten zurückzuhalten mich bestreben würde, als Dich an-
to spornen. Aber Du siehst, die Zauberin hat auch meinen alten Kopf etwas
verrückt, und über alles wünschte ich sie ruhig und glücklich zu sehn.
Das kannst nur Du, und der Zweck ist Deiner ganzen Aufmerksamkeit
wert, und vielleicht ist es sehr gut und heilsam, daß Du gleich bei dem
Eintritte in die Welt zu menschlicher Rücksicht, ja zu Klugheit, Vorsicht
und reiflicher Überlegung, trotz aller Dämonen, gezwungen bist. Ich
danke dem Himmel dafür, denn ich will in Dir ewig den Menschen lieben,
und Du weißt, ich praktischer Mensch bin zwar nicht so abgeschliffen,
daß ich gegen das Hohe und Gute abgestumpft wäre, aber nichisdesto-
weniger mich nicht gerne von der Erde, wo ich Grund habe, ganz abziehen

25