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(15) 1837 März 2
und zu luftigen Sphären ausschließlich hinziehen lasse, wo ich keinen
festen Boden fühle. Dies alles veranlaßt mich natürlich mehr, als ich es
3onst getan haben würde, über die Mittel nachzudenken, welche Dir zu
Gebote stehn. Du hast das Drama ergriffen, und allerdings liegt darin
viel Wahres. Aber mit seiner Wichtigkeit, mit seiner großen Offenkundig-
keit verbindet sich auch ganz natürlich die Gefahr darin zu scheitern.
Und nicht immer — besonders in großen Städten, ist es notwendig der
innere Wert, der entscheidet. Intrige, Kabale, Eifersucht — vielleicht
unter denen, welche am mehrsten dazu geraten — überwiegen oft das
Gute, vorzüglich, wenn dasselbe noch nicht durch einen bekannten Namen x
gehoben und erhalten wird.

Was wäre also hiernach das Klügste? Zu trachten möglicherweise,
daß dieser großen Probe eine kleinere vorhergehe, die mit weniger Ge-
fahr verbunden, doch bedeutend genug wäre, um im Falle des Gelingens
einen nicht ganz unbedeutenden Namen davonzutragen. Wenn indessen &
ein kleiner Gegenstand dieses erzwecken soll, so muß wohl der Stoff, der
Gegenstand, die Umstände etwas Exzeptionelles haben. Ich grübelte lang
über einen solchen Gegenstand, und folgende Idee schien mir passend.

Der Gegenstand soll eine aus der preußischen Geschichte ausgerissene
Epoche sein — nicht eine so fortgesetzte, wie sie das Epopee fordert, 20
sondern ein gedrängter Augenblick, wo aber das Schicksal entscheidend
die Wage hält. —

Er muß für Preußen ehrenvoll sein und die Möglichkeit vorhanden,
dem Genius der Monarchie — allenfalls durch den Geist der sehr edeln
Königin Louise — eine Rolle zuzuteilen.

Ein solcher Augenblick ist die große Schlacht bei Belle Alliance-
Waterloo. Die Gefahr ungeheuer — nicht allein für Preußen, seinen
Monarchen, für ganz Deutschland ete. etc. etc. Preußen hat hier in der
Tat den großen Ausschlag gegeben — dies könnte also allenfalls eine
Ode im großen Genre oder sonst, was Du besser wie ich verstehst. 3

Die Schwierigkeit wäre an und für sich nicht zu groß. Die größte
allenfalls, ein großes Gemälde in einen kleinen Rahmen zu pressen —
und den großen Augenblick glücklich und geschickt zu erfassen, Aber
patriotisch, gefühlvoll und mit deutschem Sinn bearbeitet, würde eine
solche Ode allein hinreichen, einen Ruf zu begründen, einen Namen zu 3
konsolidieren.

Doch ich kann nur vorschlagen, raten, Du bist mir entwachsen, bist
überhaupt in diesem Punkte mir überlegen, und so muß ich Dir über-
lassen, was Du beschließen willst.

Der von mir besprochene Gegenstand hätte den großen Vorzug, daß «0
er sehr bald mit Apropos ausgeführt werden könnte, da nämlich das
Anniversarium den 18. Juni ist. Die Kosten sind nicht sehr bedeutend,
und wenn es muß sein, will ich sie tragen. — Ich möchte gar zu gerne die
gute J[enn]y ruhig sehen, und imstande stolz aufzublicken. Das gute Kind
darf sich nicht aufreiben. Und wenn Dir dies gelänge — und die Forde- 4:
rung ist nicht über Deine Kräfte — dann bist Du geborgen und kannst
ferner das Treibhausleben etwas aufgeben.

Es kann auch in der Tat nicht fehlen, für diesen Augenblick Be-
geisterung zu fassen, denn das Mißlingen desselben hätte die Menschheit