(16) 1837 Aug. 12—14

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und besonders den Geist in ewige Ketten gelegt. Nur die heutigen
Zwitterliberalen können einen Napoleon vergöttern. Unter ihm hat wahr-
lich kein einziger das laut zu denken gewagt, was in ganz Deutschland
und in Preußen besonders täglich und ohne Störung geschrieben wird,
Und wer seine Geschichte studiert hat und was er unter dem tollen Aus-
druck von Ideologie verstanden, der darf mit gutem Gewissen seinen
Sturz und den Sieg Preußens hoch feiern.

Grüße mir Freund Meurin recht herzlich. Sage ihm, daß ich bis
heute den mir aufgetragenen Gang noch nicht tun konnte. Ich war acht
Tage begrippt, und später wage ich mich doch nicht weiter als in die
Sitzung.
Dein treuer Vater
Marx.

16. Der Vater an Marx in Berlin mit Nach-
schrift des Vaters an die Mutter; Bad Ems 1837
August 12—14

Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei, Berlin
Bad Ems, den 12. August 1837.
Lieber Karl!
» Mein Schreiben, in einer großen Aufregung entstanden, mag Dich
etwas hart getroffen haben, und ich bedaure es herzlich, wenn dies in der
Tat der Fall war. Nicht, als hätte ich dabei ein Unrecht begangen, ich
lasse Dir selbst die Beurteilung über die Frage, ob ich gegründete Ur-
sache hatte, aufbrausend zu sein. Du weißt es, Du mußt es wissen, mit

ı welcher Liebe ich Dich umfasse. Deine Briefe (insofern ich nur nicht
darin nicht Spuren jener kränkelnden Empfindlichkeit und phantastischer
schwarzer Gedanken Gnde) sind ein wahres Bedürfnis, sie wären es mir
und Deiner seelenvollen Mutter vorzüglich diesen Sommer gewesen.
Eduard kränkelt seit sechs Monaten und ist ganz abgemagert, sein Auf-

kommen sehr zweifelhaft, und was bei Kindern so selten und so höchst
angreifend ist, von der tiefsten Melancholie — eigentlich Furcht zu
sterben. — Du kennst nun die Mutter. Sie weicht nicht von seiner Seite,
ist Tag und Nacht geketzert, und ich in der ewigen Furcht, daß sie diesen
Anstrengungen unterliegen würde.

Ich selbst bin seit 7-—8 Monaten von einem empfindlichen Husten
heimgesucht, der durch das ewige Sprechen fortwährend gereizt wurde.
Auch Sophie ist nie ganz wohl, mediziniert immer ohne Erfolg; und in
dieser Lage, wo Dein Verhältnis, das lange Unwohlsein Jennys, ihr tiefer
Kummer, meine zweideutige Stellung W[estphale]ns gegenüber, der ich

w nur immer den gradesten Weg kannte, alles das hat tief auf mich gewirkt
und zuweilen meinen Charakter so verstimmt, daß ich mich selbst nicht
mehr kannte, und frage Dich nun, ob ich im Gefühle des tiefsten Unmuts
zu hart gewesen?

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