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(16) 1837 Aug. 12—14
So sehr ich Dich über alles — die Mutter ausgenommen — liebe, so
wenig bin ich blind, und noch weniger will ich es sein. Ich lasse Dir
viele Gerechtigkeit widerfahren, aber ich kann mich nicht ganz des Ge-
dankens entschlagen, daß Du nicht frei von Egoismus bist, etwas mehr,
als zur Selbsterhaltung nötig. Ich kann nicht immer den Gedanken ver-
scheuchen, daß ich in Deiner Lage mit größerer Schonung, mit auf-
opfernderer Liebe den Eltern entgegengekommen sein würde, Habe ich
außer dem Dasein nichts von den Meinigen erhalten — doch ohne un-
gerecht zu sein, von meiner Mutter Liebe — und wie habe ich gekämpft
und gelitten, nur solange als möglich sie nicht zu kränken.

Entschuldige Dich nicht mit Deinem Charakter. Klage die Natur nicht
an. Sie hat Dich gewiß mütterlich behandelt. Sie hat Dir Stärke genug
verliehen, das Wollen ist dem Menschen hingegeben. Aber bei dem
kleinsten Sturm sich dem Schmerz zu überlassen, bei jedem Leiden ein
zerrissenes Herz offen zu legen und das unserer Lieben mit zu zerreißen, 15
soll das Poesie heißen? Gott bewahre uns für die schönste aller Natur-
gaben, wenn das ihre nächste Wirkung ist. Nein, Schwachheit, Verzärt-

lung, Eigenliebe und Dünkel allein reduzieren so alles auf sich und
{assen auch die teuersten Gebilde in den Hintergrund treten!

Die erste aller menschlichen Tugenden ist die Kraft und der Wille, 26
sich zu opfern, sein Ich hintanzusetzen, wenn Pflicht, wenn Liebe es
gebeut, und zwar nicht jene glänzenden, romantischen oder heldenmütigen
Aufopferungen, das Werk eines schwärmerischen oder heroischen Augen-
blicks, Dazu ist selbst der größte Egoist fähig, denn grade das Ich

glänzt alsdann hoch. Nein, jene täglich und stündlich wiederkehrenden 25
Opfer sind es, die aus dem reinen Herzen des guten Menschen, des lie-
benden Vaters, der zärtlichen Mutter, der liebenden Gatten, des dank-
baren Kindes entspringen, welche dem Leben den einzigen Reiz verleihen
and es trotz aller Widerwärtigkeiten verschönern.

Du selbst hast so schön das Leben Deiner vortrefflichen Mutter ge- 39
schildert, so tief empfunden, wie ihr ganzes Leben ein fortgesetztes Opfer
der Liebe und der Treue ist, und Du hast wahrlich nicht übertrieben,
Aber wozu die schönen Vorbilder, wenn sie nicht zur Nachahmung be-
leben? Kannst Du aber — die Hand aufs Herz dies von Dir bis
heran rühmen? 35

Ich will Dir nicht zu nahe treten, ich will Dich gewiß nicht kränken,
denn ich bin eigentlich schwach genug, um zu bereuen, daß ich Dich
gekränkt. Aber nicht allein daß ich, daß Deine gute Mutter dadurch
leiden, vielleicht ließ? ich das hingehn. In dem Busen keines Menschen
liegt so wenig Selbstigkeit als in jenem guter Eltern. Aber zu Deinem 4
signen Wohl darf und werde ich diesen Text nie verlassen, bis ich über-
zeugt bin, daß dieser Flecken aus Deinem sonst so edeln Charakter ver-
schwunden, Du wirst und mußt nun früh F amilienvater werden. Aber
weder Ehre noch Reichtum noch Ruf werden die Frau und die Kinder
beglücken, Du allein kannst es, Dein besseres Ich, Deine Liebe, Dein 4

zartes Benehmen, das Hintansetzen stürmischer Eigenheiten, heftiger Auf-
brausungen, kränkelnder Empfindlichkeit etc, etc, etc. Ich spreche kaum
mehr für mich, ich rufe Deine Aufmerksamkeit auf das zu knüpfende Band.

Du sagst es selbst, das Glück hat Dich zu seinem Schoßkinde