(18) 1837 Sept. 16

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Er wird Dich, wie er mir gesagt, aufsuchen, und es soll mich [freuen, wenn]
er das von der väterlichen Eigenliebe entworfene Gemälde getreu findet.
Bei den herannahenden Ferien möchte es Dir vielleicht nicht unan-
genehm sein, manches Merkwürdige zu sehn, und Herr Heim kann wahr-
5 scheinlich vermöge seiner Stellung Dir leicht dazu verhelfen,

Wenn Du Muße hast und mir schreibst, wird es mir doch lieb sein,
wenn Du mir einen gedrängten Plan dessen entwirfst, was Du von posıi-
tiven juristischen Studien dieses Jahr durchgemacht. Es scheint mir nach
Deinem Entwurfe unnötig, Dich mit Kameralistik abzugeben. Nur Natur-

1 kunde vernachlässige nicht, denn man hat nicht die Gewißheit, dies
einst nachholen zu können, und die Reue kommt zu spät.

Vielleicht ist in wenigen Jahren ein günstiger Augenblick, im jus
einen [. ?.] Eingang zu finden, wenn Du Dir Bonn zum Ziele stellst,
da es dort durchaus fehlt — an einem Mann fehlt, der mehr als das

;z Gemeine leistet. Ich weiß, daß mit Rücksicht auf Wissenschaft Berlin
Vorzüge und großen Reiz hat. Aber außerdem, daß dort größere
Schwierigkeiten sich erheben, mußt Du auch wohl etwas Deine Eltern
berücksichtigen, deren sanguinische Hoffnungen durch einen so fernen
Aufenthalt sehr zerstört würden. Freilich darf das Deinen Lebensplan

zo nicht hemmen, die Liebe der Eltern ist unter allem wohl am wenigsten
selbstsüchtig. Doch wenn sich dieser Lebensplan mit jenen Hoffnungen
brüderlich vereinigen könnte, so würde ich hierin die höchste Lebens-
freude finden, deren Zahl mit den Jahren so bedeutend sich vermindert,

Mein hiesiger Aufenthalt hat bis jetzt sehr wenig Erfolg gezeigt,

2 und doch werde ich, trotz der peinlichsten Langweile, ihn verlängern
müssen, um dem Wunsch der guten Mutter zu entsprechen. die mich
inständigst darum ersucht. ,

Den so schönen, lange gehegten Wunsch, Dich diese Ferien zu sehn,
werde ich wohl aufgeben müssen. Es kostet mich große Überwindung,

z aber es wird doch wohl anders nicht zu machen sein. Der fatale Husten
quält mich in jeder Beziehung!

Nun Gott befohlen, lieber Karl, lebe glücklich und vernachlässige
nicht — ich kann es nicht zu oft wiederholen, indem Du Deinen Geist
bereicherst, Deine Gesundheit zu schonen.

Mit Herz und Seele Dein Vater

Marx.
LAuf der Adreßseite]

Herrn H. Karl Marx, stud. juris et camer [alium 1, alte Leipziger

Straße Ia Berlin

18. Der Vateran Marxin Berlinmit Nachschrift
der Mutter; Trier 183[7] September 16
Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei. Berlin
Trier, den 16. Sept. 183[7.]11
Lieber Karl!
#5 Dein letztes Schreiben, das wir vor ungefähr acht Tage erhalten,
läßt mich zwar einen größeren Nachtrag, und zwar bald, erwarten, und
1) Der Brief ist an einigen Stellen beschädigt, auch stark tintenfleckig.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt.. Bd. 1. 2. Hbd.