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(18) 1837 Sept. 16
gerne hätte ich gewartet, bis ich das Ganze übersehn. Doch möchte es
Dir peinlich sein, noch zu lange warten zu müssen, um so mehr, als es
sich von einem Plane handelt, der vielleicht die nächsten Schritte bedingt.
Du kennst mich, lieber Karl, ich bin weder eigensinnig noch von
Vorurteilen befangen. Ob Du Deine Karriere für dies oder jenes Fach
gestaltest, [ist] mir im Grunde gleich. Nur daß Du das Deinen Geistes-
gaben am entsprechendsten wählest, liegt mir natürlich Deinetwegen am
Herzen. Von vornherein dachte man an das Gewöhnliche. Es schien Dir
indessen diese Laufbahn zuwider, und ich gestehe, von Deinen frühreifen
Ansichten bestochen, gab ich Dir Beifall, als Du das Lehrfach zum Ziele 10
nahmst, sei es Jurisprudenz, sei es Philosophie, und in letzier Analyse
glaubte ich die letzte noch eher. Die Schwierigkeiten dieser Laufbahn
kannte ich genug, habe sie besonders letzthin in Ems, wo ich Gelegenheit
hatte, einen Professor von Bonn viel zu sehn, kennen lernen. Dahingegen
ist eines nicht zu verkennen, nämlich [daß] jemand, der sich fühlt, als 16
Prof. jur. in Bonn eine große Rolle spielen könnte, und ist es leichter von
Berlin nach Bonn geschickt zu werden, freilich mit etwas Protektion. Die
Protektion müßte die Poesie Dir verschaffen. Aber es mag dabei noch
soviel Glück obwalten, mehrere Jahre gehn darauf, und Deine besondere
Lage drängt Dich — — .
Sehn wir die andere Seite (und wichtig ist es, daß bei guten
klassischen Studien die Professur immer ein Endziel verbleiben kann).
Befördert die praktische Laufbahn so schnell? In der Regel nicht, und
die Erfahrung beweist es nur zu sehr. Protektion tut auch hier sehr viel.
Ohne Protektion würdest Du Dich gar nicht beklagen können, wenn Du 2;
einige Jahre nach vollendetem Studium Assessor ohne Gehalt würdest,
und dann jahrelang Assessor [bliebest]. Doch mag es bei der strengsten
Moral und der zartesten Delikatesse erlaubt sein, sich durch seinen eige-
nen Wert Protektion zu verschaffen, die von der Tüchtigkeit des Schütz-
lings überzeugt, diesen gewissenhaft vorzieht und befördert. Die Natur %
hat Dich nun allerdings mit solchen Gaben ausgestattet, die hierzu sehr
geeignet sind, Die beste Anwendung hiervon zu machen, ist Deine Sache,
und von einem Dritten schwer zu erwägen, um so schwerer, als hierbei
die Individualität zu sehr in Betracht kommt. Und Du mußt notwendig,
was Du auch immer ergreifst, aus diesem Gesichtspunkte betrachten, den 35
Maßstab anlegen, denn Du hast Eile, das fühlst Du und das fühle ich.

In gewisser Beziehung ist das num freilich zu bedauern, doch das
schönste Gemälde hat seine Schattenseiten, und hier muß Resignation
eintreten. Diese Resignation basiert sich übrigens auf so glänzende Licht-
teile, hat ihren Ursprung so ganz im eignen Willen, von Herz und Ver- <
nunft geleiteten Willen, daß sie mehr als Genuß denn als Opfer zu
betrachten ist.

Ich komme aber darauf zurück: Was soll ich raten? Und zuvörderst,
was Deinen Plan der Theaterkritik betrifft, so muß ich vor allem be-
kennen, daß ich, was die Sache selbst betrifft, nicht besonders kompetent 45
bin. Eine dramaturgische Kritik erfordert viele Zeit und große Umsicht.
Mit Rücksicht auf die Kunst mag die Arbeit vielleicht in unserer Zeit
eine der verdienstvollsten sein. Mit Rücksicht auf den Ruhm mag sie zu
dem Gelehrtendiplom führen.

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