(18) 1837 Sept. 16

211

Wie wird sie aufgenommen werden? Ich glaube mehr feindselig als
günstig, und der gute gelehrte Lessing wandelte wenig, soviel ich weiß,
auf Rosen, sondern lebte und starb als ein armer Bibliothekar.

Wird sie besondere finanzielle Vorteile abwerfen? Die Frage ver-

; schmilzt mit der vorigen, und ich bin nicht imstande, kategorisch zu ant-
worten. Ich glaube noch immer, daß einzelne ausgezeichnete Arbeiten, ein
tüchtiges Poem, eine gediegene Tragödie oder Komödie, seien zu Deinem
Zwecke weit mehr geeigneter. — Doch Du hast Dir Deinen eignen Weg
gebahnt, und Du magst es fortan tun. Ich kann nur einen Wunsch zum

‚o Himmel schicken, daß Du auf irgendeine Weise so schnell als möglich
zu Deinem eigentlichen Zwecke gelangen möchtest.

Nur das will ich Dir noch sagen. Wenn Du dadurch, daß Du nach
Verlauf der drei Studienjahre von Haus nichts mehr verlangst, Dich zu
sehr in die Notwendigkeit versetzest, tun zu müssen, was Dir schädlich

15 sein kann, so laß das Schicksal walten, und wenn es mich auch aller-
dings Aufopferung kostet, so werde ich doch viel lieber ein Opfer
bringen, als Dir in Deiner Laufbahn Schaden zufügen. Wenn Du es
vernünftigerweise und ohne Zurücksetzung Deiner Karriere fertig bringst,
so würdest Du mir allerdings große Erleichterung verschaffen, da in der

» Tat seit der Trennung des Gerichts und der Hausiererei der Jungen das Ein-
kommen in dem Grade sich schmälert, als die Ausgaben schwerer werden.
Doch, wie gesagt, es darf diese Rücksicht nicht störend eingreifen.

Indem Du indessen auf die praktische Bahn zurückkommst, warum
sprichst Du gar nicht von Kameralia? Ich weiß nicht, ob ich mich irre,

2 aber es scheint mir, die Dichtkunst und Literatur finde eher Gönner in
der Verwaltung als in der Justiz, und ein singender Regierungsrat scheint
mir natürlicher als ein singender Richter. Und was ist denn im Grunde

Kameralia mehr als Dir schon als wahrer Jurist nötig ist, außer Natur-
kunde? Diese darfst Du aber durchaus nicht vernachlässigen, das wäre
so unverantwortlich.

[Doc]h?) Du bist an der Quelle, wo Du Belehrung finden magst, und
grade die Seite des Gebildes, welche Du wahrscheinlich im normalen
Zustande noch lange nicht würdest gewürdigt haben, die Le bens-
fragein eigentlicher Bedeutung, sie ist Dir aufgedrungen,

ı und Du wirst daher wohl überlegen, prüfen und handeln. Die Sorge ficht
mich nicht an, daß diese, wenn auch gedrängte Rücksichten, Dich je zu
niedrigen, kriechenden Handlungen führen werden. Mit meinen ge-
bleichten Haaren, etwas gebeugtem Gemüte und der Sorgen voll würde
ich noch trotzen und das Niedrige verachten. Du mit Deiner ungelähmten

ı Kraft, von der Natur mit Segen überhäuft, Dir kann so was nicht möglich
dünken. Aber in der Fülle von Lebenskraft mag der stolzen Jugend wohl
manches Erniedrigung scheinen, was Klugheit und Pflicht gegen sich, und
vorzüglich gegen Personen, deren Wohl man sich zur Pflicht gemacht,
gebietend heischt. Es ist zwar viel gefordert, zu 19 Jahr weltklug zu sein.

1 doch, wer zu 19 Jahren ——-—-—— ?).

Deinen letzten Brief habe ich Westphalen nicht gezeigt. Diese sehr
guten Leute sind so eigenen Schlages; es wird bei denselben alles so viel-
1) Papier beschädigt und tintenfleckig.
2) Sehr langer Gedankenstrich.