212

(18) 1837 Sept. 16
seitig und so unaufhörlich besprochen, daß man wohl tut, ihnen so wenig
Nahrung als möglich zu geben. Da Dein Studium dieses Jahr dasselbe
bleibt, so sehe ich nicht ein, warum ich ihnen Stoff zu neuen Phantasien
geben soll,

J[enn]y ist noch nicht hier, soll aber bald kommen; daß sie Dir nicht
schreibt, ist — ich kann es nicht anders nennen — kindisch, eigensinnig,
Denn daß sie Dich mit der auf opferndsten Liebe umfaßt, läßt sich gar nicht
bezweifeln, und sie war nicht weit davon, es mit ihrem Tode zu besiegeln.

Sie hat einmal die Idee, es sei unnötig zu schreiben, oder was sie sonst
für eine dunkle Idee darüber haben mag, sie hat auch etwas Genialisches; z
und was tut das auch zur Sache? Du kannst sicher sein, und ich bin es
(und Du weißt es, ich bin nicht leichtgläubig), daß ein Fürst nicht im-
stande, sie Dir abwendig zu machen. Sie hängt Dir mit Leib und Seele
an — und Du darfst es nie vergessen —, in ihrem Alter bringt sie Dir ein
Opfer, wie gewöhnliche Mädchen es gewiß nicht fähig wären. Hat sie 76
nun die Idee, nicht schreiben zu wollen oder zu können, so laß es in
Gottes Namen hingehen. Denn es ist doch im Grunde nur ein Zeichen,
und das kann man wenigstens entbehren, wenn man des Wesens sicher
ist. Ich [werde]?), wenn die Gelegenheit sich darbietet, mit ihr darüber
sprechen, so ungern ich es tue.

Ich hatte mich das ganze Jahr darauf gefreut, Dich zu sehn, und so
lebt man in ewiger Täuschung. Das einzige, was nicht täuscht, ist ein
gutes Herz, ist der Ausfluß des Herzens, die Liebe, und hierin kann ich
mich nur zu den Reichen zählen; denn ich besitze die Liebe einer unver.
gleichlichen Frau, die Liebe guter Kinder.

Lasse uns nicht mehr so lange auf Brief warten. Deine gute Mutter
bedarf der Aufmunterung, und Deine Briefe haben eine wundervolle
Wirkung auf ihr Gemüt. Sie hat diesen Sommer soviel gelitten, daß nur
ein Wesen, das sich so ganz vergißt, sich aufrecht halten konnte, und
noch ‚ist es immer dasselbe. Möge Gott uns bald aus diesem langen 36
Kampfe retten! Schreibe zuweilen einige Zeilen für Eduard. doch tue, als
ob er wieder ganz gesund sei. —

Wenn Du, ohne Dir zu nahe zu treten, mit Herrn J[aehnige]n näher
zusammen kommen kannst, so wirst Du mir einen Gefallen erzeigen, ich
wünsche es sehr. Für Dich vorzüglich wäre der Umgang mit Herrn Esser 35
sehr vorteilhaft, und wie ich höre, stehe er in F- reundschaft mit Meurin. —

Ferner bitte ich, zu Herrn Geh. Justizrat Reinhard zu gehn und ihn
in meinem Namen zu bitten, doch zu machen, daß meine eigene Sache
einmal von Stapel gehe. Gewonnen oder verloren, ich habe Sorgen genug
und möchte diese Sorge aus dem Kopfe haben.

Nun, mein guter lieber Karl, glaube ich genug geschrieben zu haben.
Ich teile weniges in Portionen, und denke, daß gewärmte Portionen nicht
den frischen gleichkommen. Lebe wohl, vergesse bei Deinem alten Vater

nicht, daß Du junges Blut hast; und wenn Du glücklich genug bist, das-
selbe vor stürmischen und verheerenden Leidenschaften zu bewahren, 4
dann erfrische es aber wenigstens durch jugendliche Heiterkeit und frohen
Mut und durch jugendliche Genüsse, die mit Herz und Vernunft [sich]1*)
paaren. Es umarmt Dich mit Herz und Seele Dein treuer Vater Marx

JM

1) Papier beschädigt.