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[Nachschrift der Mutter]
Lieber theurer Carl
Das der liebe Himmel dir gesund erhält ist Wohl mein sehnlichster
Wunsch ausser das du in deine lebensweise mässig bist sey es auch so viel
möglich in deinen wünschen und hoffen da du doch das wesentlichste
ereicht hast, kan du schon mit mehr Ruhe und besonnenheit handeln. Die
Frau von W[estphalen] hat heute mit die Kinder geschprochen. [Jeny soll]
heute oder morgen kommen, sie schreibt, sie verlange so sehr nach Trier
zurück und sehnt sich was von dir zu hören, ich glaube das die Jeny

1 Ihr Stilschweigen gegen dir eine jungfrauliche scham zur grunde liegt
welche ich schon oft an Ihr bemerkt und welches Ihr gewis nicht zur
nachtheil dient und Ihre übrige Reitze und gute eigenschaften nur noch
mehr erhöht. — Der Edgar wird wahrscheinlich nach Heidelberg gehn
seine Studien fortsetzen aus Furcht [?] für die gefurchtete — das dein

# Wohl ergehen und dein Gedeyen was du auch unternimmst uns sehr am
Herzen liegt bist du überzeugt lasse der almächtige und algütige nur den
Rechten weg anzeigen was dir am erspriesslichen ist darum wollen wir
bitten Habbe nur festen Muth und über [winde] [Wer]*) ausharrt wird
gekrönt ich küsse dir Herzlich im gedanken. [Lasse]!) dir für den herbst

% wolle jaken machen die dir für verkaltung schitzen. schreibe recht bald
lieber Carl deine dich ewig liebende Mutter Henriette Marx.

schreibe auch einmahl den Herman eine paar Zeille schliesse sie bey
uns ein er macht sich sehr gut man ist sehr zufrieden mit Ihm. —
[Auf der Adreßseite]
25 Herrn Karl Marx, stud. iuris wohlgeboren in Stralow. N, 4 bei Berlin

19. Karl Marx an den Vater; Berlin [1837] No-
vember 10
Nach dem Abdruck in: Die Neue Zeit, Jg. 16, Ba. 1 (1897—98). Nr. 1 pn. 4-—12. Veröffent-
licht von Eleanor Marx-Aveling
Berlin. den 10. November,
A
Teurer Vater!
Es gibt Lebensmomente, die wie Grenzmarken vor eine ab-
gelaufene Zeit sich stellen, aber zugleich auf eine neue Richtung
mit Bestimmtheit hinweisen.

In solch einem Übergangspunkt fühlen wir uns gedrungen,
mit dem Adlerauge des Gedankens das Vergangene und Gegen-
wärtige zu betrachten, um so zum Bewußtsein unserer wirklichen
Stellung zu gelangen. Ja, die Weltgeschichte selbst liebt solches
Rückschauen und besieht sich, was ihr dann oft den Schein des
Rückgehens und Stillstandes aufdrückt, während sie doch nur in
den Lehnstuhl sich wirft, sich zu begreifen. ihre eigene. des Geistes
Tat geistig zu durchdringen.

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N

1) Papier beschädigt.