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(19) 1837 Nov. 10
Der einzelne aber wird in solchen Augenblicken lyrisch, denn
jede Metamorphose ist teils Schwanensang, teils Ouverture eines
großen neuen Gedichts, das in noch verschwimmenden, glanz-
reichen Farben Haltung zu gewinnen strebt; und dennoch möchten
wir ein Denkmal setzen dem einmal Durchlebten, es soll in der :
Empfindung den Platz wiedergewinnen, den es für das Handeln
verloren, und wo fände es eine heiligere Stätte als an dem Herzen
von Eltern, dem mildesten Richter, dem innigsten Teilnehmer, der
Sonne der Liebe, deren Feuer das innerste Zentrum unserer Be-
strebungen erwärmt! Wie könnte besser manches Mißliebige, 10
Tadelnswerte seine Ausgleichung und Verzeihung erhalten, als
wenn es zur Erscheinung eines wesentlich notwendigen Zustandes
wird, wie könnte wenigstens das oft widrige Spiel der Zufällig-
keit, der Verirrung des Geistes dem Vorwurf mißgestalteten
Herzens entzogen werden?

Wenn ich also jetzt am Schlusse eines hier verlebten Jahres
einen Blick auf die Zustände desselben zurückwerfe und so, mein
teurer Vater, Deinen so lieben, lieben Brief von Ems beantworte,
so sei es mir erlaubt, meine Verhältnisse zu beschauen, wie ich
das Leben überhaupt betrachte, als den Ausdruck eines geistigen 2
Tuns, das nach allen Seiten hin, in Wissen, Kunst. Privatlagen
dann Gestalt ausschlägt.

Als ich Euch verließ, war eine neue Welt für mich erstanden,
die der Liebe, und zwar im Beginne sehnsuchtstrunkener, hoff-
nungsleerer Liebe. Selbst die Reise nach Berlin, die mich sonst 2
im höchsten Grade entzückt, zu Naturanschauung aufgeregt, zur
Lebenslust entflammt hätte, ließ mich kalt, ja sie verstimmte mich
auffallend, denn die Felsen, die ich sah, waren nicht schroffer,
nicht kecker als die Empfindungen meiner Seele, die breiten
Städte nicht lebendiger als mein Blut, die Wirtshaustafeln nicht %
überladener, unverdaulicher als die Phantasiepakete, die ich trug,
und endlich die Kunst nicht so schön als Jenny.

In Berlin angekommen, brach ich alle bis dahin bestandenen
Verbindungen ab, machte mit Unlust seltene Besuche und suchte
in Wissenschaft und Kunst zu versinken.

Nach der damaligen Geisteslage mußte notwendig lyrische
Poesie der erste Vorwurf, wenigstens der angenehmste, nächst-
liegende sein, aber, wie meine Stellung und ganze bisherige Ent-
wicklung es mit sich brachten, war sie rein idealistisch. Ein ebenso
fernliegendes Jenseits, wie meine Liebe, wurde mein Himmel, «
meine Kunst. Alles Wirkliche verschwimmt, und alles Verschwim-
mende findet keine Grenze, Angriffe auf die Gegenwart, breit und
formlos geschlagenes Gefühl, nichts Naturhaftes, alles aus dem

Mond konstruiert, der völlige Gegensatz von dem, was da ist, und
dem, was sein soll, rhetorische Reflexionen statt poetischer Ce- 4

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