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finden wie die körperliche, nicht mehr Fechterkünste zu üben,
sondern die reine Perle ans Sonnenlicht zu halten,

[ch schrieb einen Dialog von ungefähr vierundzwanzig Bogen:
„Kleanthes, oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang
der Philosophie.“ Hier vereinte sich einigermaßen Kunst und
Wissen, die ganz auseinandergegangen waren, und ein rüstiger
Wanderer schritt ich ans Werk selbst, an eine philosophisch-dialek-
tische Entwicklung der Gottheit, wie sie als Begriff an sich, als
Religion, als Natur, als Geschichte sich manifestiert. Mein letzter
Satz war der Anfang des Hegelschen Systems, und diese Arbeit,
wozu ich mit Naturwissenschaft, Schelling, Geschichte einiger-
maßen mich bekanntgemacht, die mir unendliches Kopfbrechen
verursacht und so [konfus] geschrieben ist (da sie ‚eigentlich eine
neue Logik sein sollte), daß ich jetzt selbst mich kaum wieder

ıs hineindenken kann, dies mein liebstes Kind, beim Mondschein
gehegt, trägt mich wie eine falsche Sirene dem Feind in den Arm.

Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nicht denken, lief wie
toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, „das Seelen
wäscht und Tee verdünnt“, umher, machte sogar eine Jagdpartie

z mit meinem Wirte mit, rannte nach Berlin und wollte jeden Ecken-
steher umarmen.

Kurz darauf trieb ich nur positive Studien, Studium des Be-
sitzes von Savigny, Feuerbachs und Grolmanns Kriminalrecht,
de verborum significatione von Cramer, Wenning-Ingenheims Pan-

25 dektensystem und Mühlenbruch: doctrina Pandectarum, woran ich
noch immer durcharbeite, endlich einzelne Titel nach Lauterbach,
Zivilprozeß und vor allem Kirchenrecht, wovon ich den ersten Teil,
die concordia discordantium canonum von Gratian fast ganz im
corpus durchgelesen und exzerpiert habe, wie auch den Anhang,

» des Lancelotti Institutiones. Dann übersetzte ich Aristoteles’ Rhe-
torik teilweise, las des berühmten Baco v. Verulam: de augmentis
seientiarum, beschäftigte mich sehr mit Reimarus, dessen Buch
„Von den Kunsttrieben der Tiere“ ich mit Wollust durchgedacht,
verfiel auch auf deutsches Recht, doch hauptsächlich nur, insofern

z ich die Kapitulare der fränkischen Könige und der Päpste Briefe
an sie durchnahm.

Aus Verdruß über Jennys Krankheit und meine vergeblichen,
untergegangenen Geistesarbeiten, aus zehrendem Ärger, eine mir
verhaßte Ansicht zu meinem Idol machen zu müssen, wurde ich

w krank, wie ich schon früher Dir, teurer Vater, geschrieben. Wieder-
hergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen
etc., in dem Wahne, ich könne ganz davon ablassen, wovon ich
bis jetzt allerdings noch keine Gegenbeweise geliefert.

Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis

vw Fnde. samt den meisten seiner Schüler. kennengelernt. Durch

in