(19) 1837 Nov. 10

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sein, obgleich ich hoffe, daß es nicht stark ist, alles ließ mich

wünschen, ja macht es fast zur Notwendigkeit, zu Euch zu eilen.

Ich würde schon da sein, wenn ich nicht bestimmt Deine Erlaub-
5 nis, Zustimmung bezweifelt.

Glaube mir, mein teurer, lieber Vater, keine eigennützige Ab-
sicht drängt mich (obgleich ich selig sein würde, Jenny wieder-
zusehen), aber es ist ein Gedanke, der mich treibt, und den darf
ich nicht aussprechen. Es wäre mir sogar in mancher Hinsicht

vo ein harter Schritt, aber wie meine einzige, süße Jenny schreibt,
diese Rücksichten fallen alle zusammen vor der Erfüllung von
Pflichten, die heilig sind.

Ich bitte dich, teurer Vater, wie Du auch entscheiden magst,

diesen Brief, wenigstens dies Blatt der Engelsmutter nicht zu
ıs zeigen. Meine plötzliche Ankunft könnte vielleicht die große, herr-
liche Frau aufrichten.

Der Brief, den ich an Mütterchen geschrieben, ist lange vor
der Ankunft von Jennys liebem Schreiben abgefaßt, und so habe
ich unbewußt vielleicht zuviel von Sachen geschrieben, die nicht

2 ganz oder gar sehr wenig passend sind.

In der Hoffnung, daß nach und nach die Wolken sich verziehen,
die um unsere Familie sich lagern, daß es mir selbst vergönnt sei,
mit Euch zu leiden und zu weinen und vielleicht in Eurer Nähe
den tiefen, innigen Anteil, die unermeßliche Liebe zu beweisen,

z die ich oft so schlecht nur auszudrücken vermag, in der Hoffnung,
daß auch Du, teurer, ewig geliebter Vater, die vielfach hin und her
geworfene Gestaltung meines Gemüts erwägend, verzeihst, wo oft
das Herz geirrt zu haben scheint, während der kämpfende Geist
es übertäubte, daß Du bald wieder ganz völlig hergestellt werdest,

380 daß ich selbst Dich an mein Herz pressen und mich ganz aus-
sprechen kann
Dein Dich ewig liebender Sohn

Karl.

Verzeihe, teurer Vater, die unleserlichs Schrift und den
2 schlechten Stil; es ist beinahe vier Uhr, die Kerze ist gänzlich
abgebrannt und die Augen trüb; eine wahre Unruhe hat sich
meiner bemeistert, ich werde nicht eher die aufgeregten Ge-
spenster besänftigen können, bis ich in Eurer lieben Nähe bin.
Grüße gefällig meine süße, herrliche Jenny. Ihr Brief ist schon
« zwölfmal durchlesen von mir, und stets entdecke ich neue Reize.
Es ist in jeder, auch in stilistischer Hinsicht der schönste Brief,
den ich von Damen denken kann.