222

(20) 1837 Nov. 17
20. Der Vater an Marx in Berlin mit Nachschrift
der Schwester Sophie; Trier 1837 November 17
Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei. Berlin

Lieber Karl!

Trier, den 17. Nov. 1837.

Ob Du wohl noch Dein Hauptquartier in Stralow hast? Bei dieser
Jahreszeit und in dem Lande, wo keine Zitronen blühen, mag dies kaum
denkbar sein? Aber wo denn? Das ist die F rage, und für einen prak-
tischen Menschen ist das erste Erfordernis zur Korrespondenz: daß man
eine Adresse kenne — ich muß die Güte anderer deshalb in Anspruch x
nehmen.

Doch Adresse ist Form, und das scheint grade Deine schwache Seite
zu sein. Anderst mag es sich wohl mit dem Materiellen verhalten? Das
sollte man wenigstens vermuten, wenn man bedenkt, 1) daß es Dir an
Stoff nicht fehlt, 2) daß Deine Lage ernsthaft genug ist, um hohes Interesse 1
zu erwecken, 3) daß Dein Vater vielleicht etwas partelisch Dir anhängt
etc. etc. ete., und noch nach einem Zeitraum von zwei Monat, wovon der
zweite mir unangenehme Stunden voller Besorgnis brachte, erhalte ich
ein Schreiben ohne Form und Inhalt, ein abgerissenes, nichtssagendes
Fragment, was mit dem Vorhergegangenen nicht in Berührung stand und 2
sich nicht an die Zukunft knüpfte!

Wenn Korrespondenz Interesse und Wert haben soll, so muß Konse-
quenz darin liegen, und der Schreibende muß notwendig sein letztes
Schreiben vor Augen haben, sowie die letzte Antwort. Dein vorletztes
Schreiben hatte so manches, was meine Erwartung spannte. Ich hatte 25
mehrere Briefe geschrieben, die manche Auskunft verlangten. Und statt
alles dessen gin fragmentarisch abgerissener, und was noch viel schlimmer
ist, ein zerrissener Brief, —

Öffenherzig gesprochen, mein lieber Karl, ich liebe dies moderne
Wort nicht, worin sich alle Schwächlinge hüllen, wenn sie mit der Welt z
hadern, daß sie nicht ohne alle Arbeit und Mühe wohl möblierte Palaste
mit Millionen und Equipagen besitzen. Diese Zerrissenheit ist mir ekel-
haft, und von Dir erwarte ich sie am allerwenigsten. Welchen Grund
kannst Du hierzu haben? Hat Dir nicht seit der Wiege an alles gelächelt?
Hat die Natur Dich nicht herrlich begabt? Haben Deine Eltern Dich nicht 35
mit verschwenderischer Liebe umfaßt? Hat es Dir bisher je daran gefehlt,
Deine vernünftigen Wünsche zu befriedigen? Und hast Du nicht auf die
unbegreiflichste Weise das Herz eines Mädchens davongetragen, das Dir
Tausende beneiden? Und die erste Widerwärtigkeit, der erste mißlungene
Wunsch bringt dennoch Zerrissenheit hervor! Ist das Stärke? Ist das 4

männlicher Charakter? —

Du selbst hattest Dich dahin ausgesprochen — mit dürren Worten —,
Du wolltest mit der Zusicherung für die Zukunft Dich begnügen und
mittelst derselben auf alle äußern Zeichen für die Gegenwart entsagen.
War das nicht buchstäblich auf Schreiben verzichtet? Und nur Kinder 45
beschweren sich über das gegebene Wort. wenn sie beginnen das
Drückende zu fühlen.